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Satanstoe, oder die Familie Littlepage

James Fenimore Cooper: Satanstoe, oder die Familie Littlepage - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleSatanstoe, oder die Familie Littlepage
publisherS. G. Liesching
seriesAmerikanische Romane
volumeVierundzwanzigster Band
year1846
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20060920
projectid48a5f5b7
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Elftes Kapitel.

Laßt Aerzte unser Blut zur Ruh besprechen,
Mit Gründen laßt sie stimmen unsern Puls:
Dann sucht mit Worten beizukommen der Liebe!
Young.

Da die Straße von der Fähre nach der Stadt am Ufer des Flusses hinlief, erreichten wir den Punkt, wo der Hochwürdige Mr. Worden gelandet, gerade in demselben Augenblick mit seinen Verfolgern, welche genöthigt gewesen waren, einen kleinen Umweg zu machen, um vom Eise wegzukommen. Ich weiß nicht, Wer von beiden Theilen den anderen mit größerem Erstaunen ansah – der Gejagte oder die Jagenden. Der Schlitten enthielt zwei gut aussehende junge Männer, welche das Englische mit einem leisen holländischen Accent sprachen, und drei junge Frauenzimmer, deren glänzende, kohlschwarze Augen Erstaunen verriethen, etwas gemäßigt durch den Drang zu lachen. Sehend, vermuthlich, daß wir Alle Fremde seyen, und daß wir den Flüchtigen als zu unserer Gesellschaft gehörend, in Anspruch nahmen, lüftete Einer der jungen Männer sehr achtungsvoll seine Mütze und eröffnete das Gespräch damit, daß er in sehr höflichem Tone fragte:

»Was fehlt denn dem Hochwürdigen Gentleman, daß er so schnell gelaufen ist?«

»Gelaufen?« rief Mr. Worden, dessen Lungen wie Blasebälge eines Grobschmids gearbeitet hatten, »gelaufen! und Wer wäre nicht gelaufen, um sich vor dem Ertrinken zu retten!«

»Ertrinken!« wiederholte der junge Holländer, rings auf dem Fluß sich umsehend, als wollte er sich überzeugen, ob das Eis wirklich in Bewegung gerathe – »warum glaubt denn der Dominie, es drohe irgend eine solche Gefahr?«

Da Mr. Worden's Lungenblasebälge noch immer heftig arbeiteten, erläuterte ich den jungen Albaniern, wir seyen Fremde, eben erst aus der Nachbarschaft von New-York angekommen; wir seyen der überfrorenen Flüsse nicht gewohnt, und hätten nie früher einen solchen auf dem Eise passirt; unser hochwürdiger Begleiter habe vorgezogen in einiger Entfernung von der Bahn zu Fuß hinüberzugehen, um weniger in Gefahr zu seyn, falls ein Gespann einbräche, und so sey er auch natürlich davon gerannt, um ihrem Schlitten auszuweichen, als er ihn sich nahekommen gesehen. Die Albanier hörten diese Erklärung mit achtungsvollem Schweigen an, obwohl ich bemerken konnte, daß die beiden jungen Männer einander schlaue Blicke zuwarfen, und daß selbst die Ladies einige Mühe hatten, ihr Lächeln ganz zu unterdrücken. Als ich fertig war, bat der ältere Holländer, – ein hübscher, verwegen und renommistisch aussehender Bursch von vier oder fünfundzwanzig Jahren, dessen Anzug und Haltung jedoch einen Angehörigen der höhern Klassen verrieth, tausendmal um Verzeihung wegen seines Mißgriffs, stieg von seinem Schlitten, und bestand darauf, die Ehre zu haben mit uns Allen die Hände zu schütteln. Sein Name sey Ten Eyck, sagte er, ›Guert Ten Eyck‹, und er erbot sich, da wir Fremde seyen, uns die Honneurs von Albany zu machen. Jedermann in der Stadt kenne ihn, versicherte er, was auch, wie wir nachher fanden, ganz der Wahrheit gemäß war, denn er stand wegen seiner Possen und lustigen Streiche in einem solchen Rufe, wie es sich gerade noch zur Noth mit der Respektabilität vertrug; er stand, gleichsam, auf der äußersten Grenzlinie der anständigen Leute, ohne doch völlig dieselbe überschritten zu haben. Die jungen Damen bei ihm standen um eine Nuance unter ihm in ihrer gesellschaftlichen Stellung und ertrugen und duldeten seine ausgelassenen Possen in Betracht dieses Umstands, zumal da ihm auch ein ganz ausnehmend männliches Gesicht, und eine ebensolche Persönlichkeit, ein herzliches, offenes Lachen, eine volle Börse und vielleicht auch die geheime Hoffnung zu Statten kam, das glückliche Wesen zu seyn, welches von der Vorsehung dazu erkoren sey, einen gebesserten Taugenichts zum besten Gatten umzuwandeln. Mit Einem Wort, er war jederzeit willkommen bei ihnen, wenn die ein wenig über ihnen Stehenden sich vielleicht versucht fühlten, ihm ein finsteres Gesicht zu machen.

Natürlich war dieß Alles uns damals unbekannt, und wir nahmen Guert Ten Eyck's höfliche Anerbietungen in dem Geiste an, in welchem sie uns gemacht wurden. Er erkundigte sich, in welchem Gasthause wir einzukehren beabsichtigten und versprach, uns bald zu besuchen. Dann schüttelte er uns Allen wieder mit großer Herzlichkeit in der Runde die Hand und nahm Abschied. Sein Begleiter zog eine sehr flotte, hohe Mütze von Wolfspelz vor uns ab, und das schwarzäugige Trio auf dem hintern Sitze lächelte huldvoll, und davon fuhren sie in rasendem Jagen, alle Echo's von Albany mit ihrem Schellengeklingel wachrufend. Mittlerweile hatte Mr. Worden seinen Sitz wieder eingenommen, und wir folgten ihnen in gemäßigterem Schritte, da unser Gespann Nichts von dem holländischen Feuer der zwei Pferde hatte, welche frisch aus dem Stalle kamen. Das waren die Umstände, unter welchen wir unsern Einzug hielten in der alten Stadt Albany. Wir hofften Alle, die kleine Geschichte mit der Jagd werde bald vergessen seyn; denn Niemand sieht sich gern in irgend eine Verbindung gesetzt mit einem lächerlichen Vorfall; aber wir machten die Rechnung ohne den Wirth, Guert Ten Eyck war nicht von solcher Gemüthsart, daß er einen solchen Vorfall hätte schlafen lassen, sondern, wie ich nachher erfuhr, er erzählte ihn mit den lustigen Ausschmückungen, wie sie seinem ausgelassenen Charakter gemäß waren, so emsig, bis zuletzt der hochwürdige Mr. Worden in dieser ganzen Gegend unter dem Spitznamen des »springenden Dominie« bekannt wurde.

Der Leser darf versichert seyn, daß wir unsre Augen aufthaten, als wir durch die Straßen der zweiten Stadt in der Colonie fuhren. Wir waren schon an Häuser, in holländischem Styl gebaut, in New-York gewöhnt worden, obwohl daselbst seit einem halben Jahrhundert die englische Bauart am beliebtesten geworden war. Nicht so verhielt es sich in Albany, das im Jahr 1758 im Wesentlichen noch ganz eine holländische Stadt war. Wir hörten im Durchfahren wenig außer Holländisch. Die Weiber schalten ihre Kinder auf niederländisch, beiläufig bemerkt ein Gebrauch, für welchen sich die Sprache ganz besonders gut zu eignen scheint; die Neger sangen holländische Lieder. Die Männer riefen einander auf Holländisch zu, und überall klang uns Hollandisch in die Ohren, wie wir unsre Pferde im Schritt durch die Straßen nach dem Gasthaus gehen ließen. Es waren viele Soldaten um den Weg, und es fehlte nicht an sonstigen Anzeichen von der Anwesenheit einer bedeutenden Militärmacht; dennoch fiel mir die Stadt, nach New-York, als sehr provinzmäßig und eigenthümlich auf. Beinahe alle Häuser hatten die Giebel gegen die Straße zu gebaut und jedes hatte schwerfällige, hölzerne holländische Treppen, mit Sitzen an der Thüre. Nur wenige hatten vorn kleine Hofräume, und da und dort fand sich ein Gebäude, welches etwas mehr vorstellte als die übrigen. Ich glaube jedoch nicht, daß sich fünfzig Häuser in der Stadt fanden, deren Giebel in gleicher Linie mit den Straßen gebaut waren.

Sobald wir nur ein Unterkommen gefunden, machten Dirck und ich uns auf den Weg, um uns die Stadt zu betrachten. Da waren wir jetzt in einer der ältesten Städte Amerikas, in einem Ort, der sich eines mehr als hundertjährigen Daseyns rühmen konnte, und es war natürlich, daß wir uns neugierig umschauten. Unsre Herberge war in der Hauptstraße, in derjenigen, welche den Berg hinauf zum Fort führte. Diese Straße war eine weite Allee, welche Broadway ganz verdunkelte, sofern es sich nur um die Breite handelte. Die Straßen jedoch, welche davon ausliefen, waren meist wenig besser als Gäßchen, wie wenn der Raum, welcher zwei oder drei Hauptstraßen eingeräumt worden war, den übrigen abgezogen worden wäre. Die »hohe Straße«, wie sie nach englischem Sprachgebrauch heißen würde, war angefüllt mit Schlitten mit Holz zum Verkauf, Schlitten beladen mit Gänsen, zahmen und wilden Putern und Geflügel aller Art; Schlitten mit Wildpret noch in der Haut, in Haufen aufgethürmt u. s. w., und alle diese Nahrungsmittel waren, wie man uns sagte, in ungewöhnlicher Menge zusammengebracht, um die außerordentliche Nachfrage zu befriedigen, die durch die Bedürfnisse der verschiednen Militärtische entstanden war. Hirsche waren uns nichts Fremdes, denn Long-Island war voll von allen Arten Wildpret, so wie auch die obern Gegenden von New-Jersey. Selbst West-Chester, obgleich es jetzt so lange Zeit schon so stark von Ansiedlungen besetzt war, entbehrte doch des Wildes nicht ganz, und nichts war leichter, als in den Hochlanden einen Rehbock zu schießen; doch hatte ich noch nie Wildpret, wilde Puter und Störe in solcher Masse gesehen, als sie an jenem Tage in den Hauptstraßen von Albany zu schauen waren. Die in der Straße versammelte Menschenmenge, die vorbei sausenden Schlitten mit jungen Männern und Mädchen angefüllt, das unaufhörliche Geklingel der Schlittengeläute, das Schnarren und Geifern auf Niederländisch, die herzhaften englischen Flüche von Sergeanten und Marketendern und Offiziersköchen, das laute Gelächter der Schwarzen und die Schönheit des kalten, hellen Tages – das Alles zusammen machte einen ähnlichen Eindruck auf mich, wie ich empfunden, als ich ins Theater ging. Das nicht am wenigsten auffallende Bild dieser Scene war Jason, mitten in der Straße nach allen Seiten hin gaffend, in dem aufgekrämpten Hut, dem erbsengrünen Rock und den gestreiften wollenen Strümpfen.

Dirck und ich besichtigten natürlich die Kirchen. Es waren ihrer zwei, wie schon oben erwähnt wurde, eine für die Holländer, die andere für die Engländer. Jene war die ältere. Sie stand auf dem Punkte, wo die zwei Hauptstraßen einander kreuzten, in der Mitte der Straße, so jedoch, daß rings um sie herum die Gänge hinlänglich breit waren. Das Gebäude war ein Quadrat, mit einem hohen spitzen Dache, und hatte oben einen Glockenthurm und einen Wetterhahn, Fenster mit Spiegelscheiben und gemaltem Glas, und ein Portal, wie es für das Klima und für den Styl des Ganzen paßte.

Wir besichtigten eben dieß Gebäude, als Guert Ten Eyck uns in seiner freimüthigen kecken Art anredete:

»Euer Diener, Mr. Littlepage; Euer Diener, Mr. Follock!« rief er, wieder Jedem herzhaft die Hand schüttelnd. »Ich war auf dem Wege nach dem Gasthaus, um nach Euch zu sehen, als ich Euch zufällig hier erblickte. Einige wenige Gentlemen von meiner Bekanntschaft, welche des Winters mit einander zu Nacht zu essen pflegen, kommen heute zusammen, um sich für heuer zum letzten Male einen vergnügten Abend zu machen, und sie haben Alle den Wunsch ausgesprochen, das Vergnügen Eurer Gesellschaft zu haben. Ich hoffe, Ihr erlaubt mir, ihnen zu sagen, daß Ihr kommen werdet? Wir kommen zusammen um neun, essen zu Nacht um zehn und brechen auf um zwölf Uhr, ganz regelmäßig, Alles in der gesetztesten und vernünftigsten Weise.« Es lag etwas so Offenes und Herzliches, so Einfaches und Zutrauliches in dieser Einladung, daß wir nicht wußten, wie sie ablehnen. Wir wußten Beide, daß der Name Ten Eyck in der Colonie geachtet war; unser neuer Bekannter war gut gekleidet, er schien in guter Gesellschaft, als wir ihn zuerst sahen, sein Schlitten und seine Pferde waren in der That flotter gewesen, als man sie gewöhnlich sah, und sein eigner Aufzug hatte all die Eigenthümlichkeiten, welche den Gentleman bezeichnen, neben einem entschiedeneren und feineren Geschmack als bei den Meisten sich fand. Es ist wahr, der Styl dieser Eigenthümlichkeiten war nicht gerade derjenige, welchen ich in dem Benehmen, Wesen und Anzug von Billings und Harris beobachtet hatte; aber deßhalb waren sie nicht minder augenfällig und nicht minder anziehend; denn die beiden Engländer waren Makaroni's Stutzer.« von London, und Ten Eyck ein Bock Wildfang.« von Albany.

»Ich danke Euch recht herzlich, Mr. Ten Eyck,« antwortete ich, »für mich sowohl als für meinen Freund –«

»Und ich darf also um halb neun Uhr kommen, Euch abzuholen und den Weg zu zeigen?«

»Nun ja, Sir, das wollte ich ungefähr sagen, wenn es Euch nicht zu viel Mühe macht.«.

»Sprecht nicht von Mühe,« versetzte er, »und sagt nicht mein Freund, sondern meine Freunde.«

»Was die Zwei betrifft, welche nicht zugegen sind, so kann ich für sie keine bestimmte Zusage geben; dort jedoch steht der Eine, welcher für sich selbst sprechen mag.«

»Ich sehe ihn, Mr. Littlepage, und ich selbst will, auf meine Verantwortung, für ihn gut sprechen. Verlaßt Euch darauf, der wird kommen. Aber der Dominie – er hat ein herzhaftes Aussehen und kann wohl einen Puter essen und ein Glas guten Madeira ausschlürfen helfen – ich glaube, auf den kann man sich auch verlassen. Ein Mensch kann sich doch nicht solche gewaltige Bewegung machen ohne Nahrung.«

»Mr. Worden ist ein sehr umgänglicher Mann und ein trefflicher Gesellschafter bei einem Nachtessen. Ich will ihm Eure Einladung mittheilen, und hoffe ihn vermögen zu können, von der Gesellschaft zu seyn.«

»Das ist genug, Sir,« versetzte Ten Eyck, oder Guert, wie ich ihn hinfort gewöhnlich nennen werde, »wo der Wille da ist, da läßt sich auch Alles machen. So segne Euch denn Gott, mein lieber Mr. Littlepage und mache uns zu bleibenden Freunden. Euer Gesicht gefällt mir und mein Auge täuscht mich in solchen Dingen nie.« (Guert sagte dieß in einem stark holländisch gefärbten, fast gebrochnen Englisch, wie er nicht selten sprach, während er sonst wieder es fast so gut sprach wie Einer von uns.)

Noch einmal schüttelte uns jetzt Guert sehr herzlich die Hand und verließ uns dann. Dirck und ich schlenderten nun den Berg hinauf bis zur englischen Kirche, welche auch mitten in der Hauptstraße stand, ein achtunggebietendes, massives Gebäude von Stein. Mit Ausnahme der Trinity-Church in New-York war dieß das größte und unbedingt das stattlichste Gebäude, das ich je gesehen, unter den dem Cultus meiner Kirche gewidmeten. In West-Chester waren einige Kirchen aus den Zeiten der Königin Anna, aber keine in einem Maßstab gebaut, daß sie sich mit dieser hätten vergleichen lassen. Unsre kleinen Gebäude waren gewöhnlich ohne Gallerien, ohne hohe Spitzen, Thürme und Glocken; während die St. Peterskirche in Albany, zwar nicht mit der St. Peterskirche in Rom vergleichbar, aber doch ein Gebäude war, auf das Einer stolz seyn dürfte. Einigermaßen zu unsrem Erstaunen fanden wir, daß der Hochwürdige Mr. Worden und Mr. Jason Newcome unter der Thüre dieses Tempels sich getroffen und einen Knaben an den Küster geschickt hatten, um den Schlüssel zu holen. Nach ein paar Minuten kam der Bube wieder und brachte nicht nur den Schlüssel zur Kirche, sondern auch die Entschuldigungen des Küsters, daß er nicht selbst komme. Die Thüre wurde geöffnet und wir traten ein.

Ich habe immer die anständige und geistliche Art bewundert, wie der hochwürdige Mr. Worden in ein Gebäude trat, welches der Anbetung und Verehrung der Gottheit geweiht war. Ich weiß nicht, wie ich sie beschreiben soll; aber man sah daraus, wie vollkommen er in den Gesetzen des Anstands, wie sie sein Beruf vorschrieb, eingeschult und eingeübt war. Natürlich nahm er den Hut ab; und sein Wesen, wie lustig und scherzhaft es den Augenblick zuvor gewesen seyn mochte, wurde in einem Nu ganz Ernst und Anstand. Anders war es bei Jason. Er trat in die St. Peterskirche zu Albany ganz mit demselben gleichgültigen und cynischen Wesen, mit welchem er, seitdem er die Colonie York betreten, Alles außer dem Geld zu betrachten schien. Gewöhnlich trug er seinen aufgekrämpten Hut auf dem Hinterkopf, wodurch er sich ein nachlässigbequemes und zugleich doch herausforderndes Ansehen gab; aber ich bemerkte, daß, während wir Alle unbedeckt waren, er sich seinen Biberhut bis über die Augbrauen ins Gesicht drückte, mit einer Art von militärischem, herausforderndem Trotze. Den Hut in einer Kirche abnehmen, war, nach seiner Art die Sache anzusehen, eine Art Abgötterei; es konnten Bilder um den Weg seyn, wenigstens war er vom Gegentheil nicht überzeugt; »und es konnte Einer nie genug auf der Hut seyn, um nicht von solchen bösen Täuschungen fortgerissen zu werden,« wie er mir früher einmal geantwortet hatte auf meine Vorstellungen, als er in unserer eigenen Kirche den Hut auf dem Kopfe behielt.

Ich fand das Innere der St. Peterskirche ebenso imposant wie das Aeußere. Drei Kirchenstühle hatten Baldachine, auf welchen sich Wappen befanden. Diese gehörten, wie uns der Knabe sagte, den Familien Van Rensselaer und Schuyler. Alle waren mit schwarzem Tuch bedeckt, in Folge der Trauer um einen Todesfall in diesen alten Familien, welche eng unter sich verschwägert waren. Ich war sehr betroffen von dem würdigen Aussehen, welches diese patricischen Sitze dem Hause Gottes verliehen. Auch waren einige Wappen von Verstorbenen an den Wänden aufgehangen, die einen zum Andenken an Offiziere von Rang aus dem Heimathlande, welche im Dienste des Königs in der Colonie gefallen waren, andere um den Tod von ausgezeichneten Personen unseres Volkes anzuzeigen.

Mr. Worden sprach seine Zufriedenheit aus über den Eindruck, welchen das Gebäude von außen und von innen machte; Jason aber betrachtete Alles mit wenig verhehlter Abneigung.

»Was bedeuten denn die Kirchstühle mit den Dächern daran, Corny?« flüsterte mir der Pädagog zu, fürchtend durch seine Kritik die Bemerkungen des Geistlichen herauszufordern.

»Es sind die Kirchstühle von vornehmen Familien in dieser Stadt, Mr. Newcome; und die Baldachine, oder Dächer, wie Ihr sie nennt, sind ehrende Zeichen vom Stande ihrer Inhaber.«

»Meint Ihr, die Inhaber derselben werden im Paradiese unter solchen Decken sitzen, Corny?« fuhr Jason fort mit höhnischem Lächeln.

»Das kann ich Euch unmöglich sagen, Sir; es ist jedoch wahrscheinlich, daß die Gerechten keiner solcher Zeichen bedürfen werden, sie von den Ungerechten zu unterscheiden.«

»Laßt mich sehen,« sagte Jason sich umschauend und sich anstellend als zähle er sie; »es sind gerade drei – Bischof, Priester und Diakon, vermuthe ich. Nun, da kommt ein Sitz auf jeden, und sie haben es dann hier ganz behaglich, was auch drüben kommen mag.«

Ich wandte mich weg, nicht geneigt, über diesen Gegenstand zu disputiren, denn ich wußte wohl, daß sich ebenso wenig erwarten ließ, ein Mann von Danbury werde je über einen solchen Gegenstand denken und fühlen, wie ein New-Yorker, als umgekehrt, ein New-Yorker werde sich je zu der Gesinnung und Denkweise eines Danburyers bekehren lassen. Was jedoch die Argumentation betrifft, so habe ich oft Gründe ungefähr von demselben Kaliber gegen die drei Stufen des geistlichen Standes geltend machen gehört.

Als wir die Kirche St. Peters verließen, theilte ich die Einladung Guert Ten Eyck's dem Mr. Worden mit, und redete ihm zu, sich der Gesellschaft anzuschließen. Ich bemerkte wohl, daß die Vorstellung eines guten Nachtessens dem Missionär nichts weniger als zuwider war. Doch hatte er seine Bedenklichkeiten, sofern er seinen hochwürdigen Amtsbruder, den Geistlichen von St. Peter noch nicht gesehen hatte, seine Gemüthsart und Denkweise nicht genau kannte, und ein besonderes Verlangen trug, am nächstbevorstehenden Sonntag in Gegenwart der angesehensten Personen der Stadt für ihn zu funktioniren. Er hatte ein Billet an den Kaplan geschrieben, denn der Geistliche, welcher die Seelsorge für die Genossen der Episkopalkirche hatte, besaß diesen Rang in der Armee, und St. Peter war ebenso eine der Regierung gehörende Kapelle wie eine Gemeindekirche; und er mußte sich erst mit diesem Manne besprechen; ehe er sich entscheiden konnte. Zum Glück begegneten wir, als wir die Straße hinab nach unserer Herberge gingen, gerade dem in Rede stehenden Manne. Die Abzeichen des gemeinsamen Berufes, welche diese beiden Geistlichen in ihrer Kleidung an sich trugen, waren hinreichend, sie einander auf den ersten Blick erkennen zu machen. In fünf Minuten hatten sie sich die Hände geschüttelt, hatte Jeder des Andern Angaben über seine persönlichen Verhältnisse gehört, hatten sie die Einladung zum Predigen ergehen lassen und angenommen und standen überhaupt schon auf einem ganz ungezwungenen bequemen Fuße. Mr. Worden sollte im Fort mit dem Kaplan zu Mittag speisen. Dann schritten wir weiter, der Herberge zu.

»Beiläufig bemerkt, Mr. – –,« sagte Mr. Worden in einer Parenthese des Gesprächs, »die Familie Ten Eyck ist vollkommen respektabel hier in Albany?« »Ganz gewiß, Sir, – eine Familie, die in hoher Achtung steht. Ich zähle darauf, daß Ihr mir Morgens und Abends Beistand leistet, mein lieber Mr. Worden.«

Es ist erstaunlich wie die Geistlichkeit auf gegenseitigen »Beistand« sich verläßt!

»Trefft Eure Einrichtungen ganz dieser Voraussetzung gemäß, mein lieber Collega – ich bin ganz frisch und habe einen guten Vorrath Predigten mitgebracht, da ich nicht wußte, wie Viel es sonst bei der Armee zu thun geben könnte. Corny,« fuhr er in halb flüsterndem Tone fort, »Ihr könnt unsern neuen Bekannten zu wissen thun, daß ich mit ihnen zu Nacht essen will; und merkt es wohl! – laßt auch einen Wink gegen sie fallen, daß ich ganz und gar keiner von den Puritanern sey.«

So fanden wir denn Alles auf dem besten Wege, gleich in den ersten zwei Stunden nach unserer Ankunft, ganz in die Gesellschaft in Albany eingeführt zu werden. Mr. Worden war eingeladen am übernächsten Tage zu predigen, und war gleich für diesen Tag zum Nachtessen gebeten. Alles sah glückversprechend aus, und ich eilte voraus, um nachzusehen, ob Guert Ten Eyck seinen verheißenen Besuch abgestattet habe. Wie zuvor begegnete ich ihm auch jetzt wieder auf der Straße, und setzte ihn gebührend in Kenntniß, daß der Dominie die Aufforderung angenommen. Guert schien über diesen Erfolg sehr erfreut, und er verließ mich mit dem Versprechen, pünktlich zu der genannten Stunde sich einzufinden. Mittlerweile lag uns ob, zu Mittag zu essen.

Das Mittagessen war gut; und, wie Mr. Worden bemerkte, es war ein rechtes Glück, daß das Hauptgericht Wildpret war, eine so leicht zu verdauende Speise, daß sie dem vollen Genuß des Nachtessens sehr wenig Eintrag zu thun drohte. Er wolle sich deßwegen für das Mittagessen an das Wildpret halten, erklärte er, und rieth uns allen Dreien, seinem Beispiel zu folgen. Aber gewisse holländische Gerichte zogen das Auge und den Gaumen Dirck's an, während Jason sich an eine Schüssel gehacktes Fleisch von dieser oder jener Gattung machte, von welcher er nicht abließ, bis er sie so ziemlich versorgt hatte. Was mich betrifft, ich gestehe, das Wildpret war so nach meinem Geschmack, daß ich mich ganz zu dem Pfarrer hielt. Wir tranken auch unsern Wein, und verließen den Tisch zu guter Zeit, um nicht mit der Aufgabe des Abends in Collision zu kommen.

Nach dem Mittagessen wurde der Vorschlag gemacht, mit einander einen Gang zu machen, um die Stadt weiter in Augenschein zu nehmen und zu sehen, ob wir nicht vielleicht einem Armeelieferanten begegneten, welcher Lust hätte, Dirck und mir einen Theil unserer Güter abzunehmen. Das Glück führte uns wieder Guert Ten Eyck in den Weg, welcher auf der öffentlichen Straße zu wohnen schien. Im Verlauf einer kurzen Unterredung, welche sich entspann, um nicht ohne einen Gruß und ein Wort an einander vorbeizugehen, sprach ich zufällig den Wunsch aus zu erfahren, wo man wohl einige Pferde und zwei bis drei Schlittenlasten Mehl, Schweinefleisch u. s. w. absetzen könnte.

»Mein lieber Mr. Littlepage,« sagte Guert mit offenem Lächeln und freundschaftlichem Händeschütteln, »ich bin hoch erfreut, daß Ihr dieser Dinge gegen mich Erwähnung gethan habt; ich kann Euch gerade zu dem Mann führen, den Ihr zu sprechen wünscht; zu einem gewichtigen Armeelieferanten, der Alles der Art aufkauft, wozu er nur gelangen kann.«

Natürlich war ich so sehr erfreut als Guert es nur immer seyn konnte, und verließ meine Gesellschaft mit der größten Eilfertigkeit, um mich sogleich nach dem Bureau des Lieferanten zu begeben und Dirck begleitete mich. Unterwegs rieth uns unser neuer Freund, nicht rückhaltig zu seyn in der Forderung des Preises, da ihn ja doch am Ende der König bezahle.

»Reiche Käufer müssen gut bezahlen,« fügte er hinzu; »und ich kann Euch sagen, was Euch vielleicht nützlich seyn dürfte zu wissen, daß erst gestern Befehle angekommen sind, Alles der Art, was angeboten wird, zu kaufen. Bietet Schlitten und Geschirr und Alles in Einem Haufen den Dienern des Königs an!«

Die Idee schien mir nicht übel und ich versprach, sie mir zu Nutze zu machen. Guert hielt vollkommen, was er versprochen, und ich wurde bei dem Lieferanten in bester Form eingeführt. Sobald ich meines Anliegens Erwähnung gethan, wurde ich aufgefordert, einen Boten in die Ställe zu schicken, damit mein Fuhrwerk, Gespann und Alles sofort sich zeigten. Was die Artikel betraf, die noch unterwegs waren, so machten mir diese sehr wenig Sorge. Der Lieferant kannte meinen Vater, und sobald er hörte, daß Mr. Littlepage von Satanstoe der Eigenthümer der Mundvorräthe sey, so kaufte er das Ganze auf die Garantie seines Namens hin. Für das Schweinefleisch sollte ich zwei halbe Josephsstücke für das Fäßchen bekommen und für das Mehl einen. Das war ein guter Handel. Die Pferde sollten auch genommen werden, wenn sie diensttüchtig seyen, woran der Lieferant nicht zweifelte, so wie auch die Rumpelschlitten, obwohl die Preise nicht eher bestimmt werden konnten, als bis man alle die Thiere und sonstigen Gegenstände gesehen und geprüft hatte.

Es ist zum Erstaunen, wie der Krieg den Handel begünstigt, so wie er andererseits ihm nachtheilig ist! Die Nachfrage nach Allem, was die Einsicht meines Vaters als verkäuflich vorausgesehen hatte, war so groß, daß der Lieferant mir ganz offenherzig erklärte, die Schlitten würden in Albany gar nicht abgeladen, sondern weiter nördlich geschickt werden auf der Linie, wo man erwartete, daß die Armee vorrücken würde, um dem Verschwinden des Schnee's und dem Aufgehen der Straße zuvorzukommen.

»Ihr sollt reichlich für Eure Gespanne, Geschirre und Schlitten bezahlt werden,« fuhr er fort, »obgleich, ehe ich sie gesehen, sich keine Summe nennen läßt. Es sind dieß keine Zeiten, wo die Operationen wegen einiger Thaler mehr oder weniger verzögert werden dürfen, denn der Dienst des Königs muß seinen Fortgang haben. Ich weiß recht gut, daß Major Littlepage und Oberst Follock Beide verstehen, was sie vorhaben, und daß sie uns die rechte Art Sachen geschickt haben. Die Pferde sind höchst wahrscheinlich etwas alt, aber schon gut für Einen Feldzug; besser vielleicht als wenn sie jünger wären; und wären es die muntersten Hengstfüllen, wir können doch weiter nichts mit ihnen anfangen. Diese Züge in den Wäldern ruiniren Menschen und Thiere und kosten ganze Schätze von Geld. Ha! da kommt Euer Gespann!«

Wirklich kam auch der Schlitten vom Gasthaus herum gefahren und wir gingen Alle hinaus, um die Pferde u. s. w. zu besehen. Jetzt wurde Guert eine wichtige Person. Im Kapitel der Pferde galt er als ein Orakel, und er schwatzte, bewegte sich und geberdete sich in jeder Hinsicht wie ein solches. Das Erste, was er that, war, daß er vorn zu den Thieren hin trat und beiden nach einander ins Maul sah. Die sachverständige Art, wie er dieß that, die Kaltblütigkeit womit er sich der Sache annahm, und die stattliche, männliche Person und Gestalt des auf eigene Faust bei dem Handel Mitsprechenden würden ihm sofort eine gewisse Wichtigkeit und Einfluß auf das was hier vorging gegeben haben, wenn auch nicht sein Ruf als Pferdekenner in dieser Gegend des Landes weit und breit fest gegründet gewesen wäre.

»Auf mein Wort, zum Verwundern gute Mäuler!« rief Guert, als er fertig war. »Ihr müßt Euer Korn schroten lassen, Mr. Littlepage, sonst hätten ihre Zähne dabei nicht so gut bleiben können!«

»Welches Alter gebt Ihr den Thieren, Guert?« fragte der Lieferant.

»Das läßt sich nicht so leicht sagen, Sir. Ich gebe zu, daß es alte Pferde sind: aber sie mögen acht, oder neun, oder auch zehn Jahre alt seyn, nach dem was sich aus den Zähnen abnehmen läßt. Nach dem Aussehen der Glieder sollte ich denken, sie möchten nächstes Frühjahr neun Jahre alt seyn.«

»Das Sattelpferd ist elf Jahre alt,« sagte ich, »und das Handpferd, glaubt man, ist –«

»Pah, pah! Littlepage,« unterbrach mich Guert, indem er mir zuwinkte, still zu seyn, »Ihr mögt glauben, das Handpferd sey zehn Jahre alt, aber ich würde es zu neun taxiren. – Seine Zähne sind vortrefflich und es hat nicht einmal Windgallen an den Füßen. Dieß Thier hat flämisches Blut in den Adern.«

»Nun, und was sagt Ihr, daß das Thier werth sey, Master Guert?« fragte der Lieferant, welcher ein gewisses Vertrauen zu seines Bekannten Urtheil zu haben schien, trotz seines freien und rücksichtslosen Wesens. »Zwölf halbe Josephsstücke für Beide?«

»Das reicht nicht, Mr. Contraktor,« versetzte Guert den Kopf schüttelnd. »In Zeiten wie diese müssen solche starke Thiere, die noch dazu in so gesundem, stattlichem Zustand sind, fünfzehn gelten.«

»Seyen es denn fünfzehn, wenn Mr. Littlepage einwilligt. Jetzt zu den Schlitten, Geschirr und Häuten. Ich denke, Mr. Littlepage wird auch die Häute ablassen, da sie ihm ohne den Schlitten doch nichts nützen können?«

»Aber Euch etwa, Mr. Contraktor?« fragte Guert etwas rasch. »Diese Bärenhaut sticht mir gewaltig ins Auge, und wenn Mr. Littlepage eine Guinee dafür nehmen will, so ist hier das Geld.«

Da dieß ein annehmlicher Preis war, so wurde er angenommen, obwohl ich Guert die Bärenhaut als Geschenk aufdrängen wollte, zum Andenken an unsere so zufällige Bekanntschaft. Diesem Anerbieten jedoch widerstand er mit Achtung, aber mit Festigkeit. Und hier will ich die Gelegenheit ergreifen, damit nicht der Leser irre geführt werde durch das, was man in fingirten, romanhaften Geschichten und andern leichten und müßigen Produktionen findet, zu erklären, daß bei all meinem Verkehr und meinen spätern Verbindungen mit Guert ich ihn in Geldsachen streng ehrenhaft gefunden habe. Es ist wahr, ich würde kein Pferd auf seine Empfehlung hin gekauft haben, wenn er der Eigenthümer des Thieres gewesen wäre; aber wir wissen ja Alle, die besten Männer wanken in ihrer Moral, wenn sie sich auf den Pferdehandel einlassen. Ich hätte kaum von Mr. Worden erwartet, daß er bei solchen Käufen orthodox geblieben wäre. Aber in allen sonstigen Geldangelegenheiten war Guert Ten Eyck einer der ehrlichsten Kameraden, mit welchen ich je zu thun gehabt habe.

Der Lieferant nahm den Schlitten, Geschirr und Häute um weitere sieben halbe Josephsstücke, so daß der ganze Betrag dreiundzwanzig ausmachte. So hatte ich in der That zwei halbe Josephsstücke mehr erlöst, als mein Vater erwartet hatte; und ich verdankte den Gewinn von sechszehn Dollars Guert's freundschaftlicher und kecker Einmischung. Sobald die Preise bestimmt waren, wurde mir das Geld in gutem spanischem Golde bezahlt; und ich händigte Dirck den Antheil ein, welcher seinen Vater traf. Da ausgemacht war, daß die übrigen Pferde, Schlitten, Geschirr, Lebensmittel u. s. w. im Augenblick wo sie ankämen, nach einer billigen Schätzung gekauft werden sollten, enthob das Geschäft dieser Einen Stunde meinen Freund und mich jeder weitern Mühe und Sorge, die uns anvertrauten Güter und Vorräthe betreffend. Und ein Trost war es, so leichten Kaufs einer Verantwortlichkeit entledigt zu werden, welche uns Beiden eben so neu war, als sie schwer auf uns lastete.

Der Leser wird sich einen Begriff machen von dem Drang der Umstände, und davon, wie sehr man die Nothwendigkeit fühlte rasch zu Werke zu gehen im Monat März – einer Jahrszeit, wo vierundzwanzig Stunden eine Veränderung der Jahrszeit herbeiführen konnten – aus dem Umstande, daß der Lieferant sein neu angekauftes Fuhrwerk von der Thüre seines Bureau's weg fortschickte, um es beladen zu lassen, mit dem Befehl sich nach Norden zu begeben mit Vorräthen für ein Depot, welches er so nahe dem See George anlegte, als die Vorsicht dieß zu gestatten schien, da die Franzosen mit bedeutender Macht bei Ticonderoga und Crown-Point standen; zwei Posten oben am Champlain, in einer Entfernung von weit nicht hundert Meilen von Albany. Was, so lange der Schnee liegen blieb, bis an den See George gebracht wurde, konnte dann mit der Armee weiter gebracht werden bei den zu erwartenden Operationen des bevorstehenden Sommers, mittelst der zwei Seen und ihrer nördlichen Oeffnungen.

»Nun Mr. Littlepage,« rief Guert herzhaft, » diese Angelegenheit ist gut ins Reine gebracht. Ihr habt gute Preise bekommen, und der König, hoffe ich, gute Pferde. Sie sind vielleicht ein wenig ehrwürdig; aber was thut das? Die Armee würde das beste und jüngste Thier in der Colonie auf Einem Feldzug in den Wäldern aufreiben; und Schlimmeres kann dem ältesten und schlechtesten auch nicht widerfahren. Wollen wir auf die Hauptstraße hinaus spazieren, Gentlemen? Dieß ist ungefähr die Stunde, wo die jungen Damen ihre Nachmittagsschlittenfahrt zu machen pflegen.«

»Ich vermuthe, die Ladies von Albany sind ausgezeichnet durch ihre Schönheit, Mr. Ten Eyck,« versetzte ich, da ich einem Mann etwas Angenehmes zu sagen wünschte, der so beflissen schien mir zu dienen. »Die Muster die ich diesen Morgen sah, als ich den Fluß passirte, müssen einen Fremden auf diesen Glauben bringen.«

»Sir,« versetzte Guert, auf die große Allee der Stadt zu schreitend, »wir sind mit unsern Ladies zufrieden, – im Allgemeinen, denn sie sind reizend, von warmem Gefühl und liebenswürdig; aber es sind diesen Winter von Eurer Gegend her Gäste bei uns angekommen, welche beinahe das Eis auf dem Hudson schmelzen gemacht haben.«

Mein Herz pochte schneller, denn ich konnte mir nur Ein Wesen des schönen Geschlechts denken, welches möglicherweise einen solchen Eindruck hervorbringen konnte. Dennoch konnte ich mich nicht enthalten, geradezu eine weitere Frage deßhalb an ihn zu richten.

»Aus unserem Theile der Colonie, Mr. Ten Eyck! – Ihr meint vermuthlich aus New-York?«

»Ja, Sir, natürlich. Es sind mehrere schöne englische Frauen mit der Armee hieher gekommen; aber kein Oberst, Major oder Kapitän hat solche Wunder von Schönheit mit sich gebracht, als Herman Mordaunt, ein Gentleman, der Euch vielleicht dem Namen nach bekannt ist?«

»Auch persönlich, Sir. Herman Mordaunt ist sogar ein Verwandter von Dirck Follock, meinem Freunde hier.«

»Dann ist Mr. Follock zu beneiden, daß er mit einer so reizenden jungen Lady, wie Anneke Mordaunt auf dem Fuß von Cousin und Cousine verkehren kann.«

»Wahr, Sir, sehr wahr!« unterbrach ich ihn lebhaft; »Anneke Mordaunt gilt für das reizendste Mädchen in York!«

»Ich weiß nicht, ob ich ganz so weit gehen würde, Mr. Littlepage,« versetzte Guert, seine Wärme in einer Weise mäßigend, die mich ein wenig überraschte, obgleich sein schönes Gesicht noch glühte von aufrichtiger, natürlicher Bewunderung, »denn es ist eine Miß Mary Wallace in ihrer Gesellschaft, von welcher man hier in Albany ebenso große Stücke hält, als von ihrer Freundin Miß Mordaunt!«

Mary Wallace! der Gedanke, die schweigsame, nachdenkliche, obwohl vortreffliche Mary Wallace mit Anneke zu vergleichen, wäre mir nie in den Sinn gekommen! Und doch war Mary Wallace gewiß ein sehr reizendes Mädchen. Sie war sogar schön; sie hatte einen friedlichen, heiligenartigen Gesichtsausdruck, der mir oft aufgefallen war, eine eigentümliche schön entwickelte Gestalt, und hätte wohl in jeder andern Gesellschaft als in der Anneke'ns die ernsteste Aufmerksamkeit selbst des wähligsten Beschauers auf sich ziehen müssen. Und Guert Ten Eyck bewunderte – liebte vielleicht – Mary Wallace! Das war also ein neuer Beweis, wie geneigt wir Alle sind, die uns gerade Entgegengesetzten zu lieben; enge Freundschaften zu schließen mit Solchen die uns am wenigsten ähnlich sind, ausgenommen die Grundsätze, denn die Tugend kann sich nie an das Laster anschließen, und wie viel mehr Interesse die Neuheit in der menschlichen Brust erregt, als die Wiederholung dessen, woran man gewohnt ist. Nie konnten zwei Wesen einander weniger ähnlich seyn als Mary Wallace und Guert Ten Eyck; und doch bewunderte der Letztere die Erstgenannte!

»Miß Wallace ist eine sehr reizende junge Lady, Mr. Ten Eyck,« antwortete ich, sobald mein Erstaunen mich zum Worte kommen ließ, »und es überrascht mich nicht, Euch von ihr in Ausdrücken so großer Bewunderung reden zu hören.«

Guert blieb mitten in der Straße plötzlich stehen, schaute mir voll in's Gesicht mit einem Ausdruck von Wahrheit, der unmöglich erheuchelt seyn konnte, preßte mir mit Heftigkeit und Wärme die Hand, und versetzte mit einer wunderbaren Offenherzigkeit, die ich nicht hätte nachzuahmen vermocht, wenn man mir die ganze Welt geboten hätte: »Bewunderung, Mr. Littlepage, ist kein hinlänglich starkes Wort zur Bezeichnung dessen, was ich für Mary fühle! Ich würde sie in der nächsten Stunde heirathen, und sie mein ganzes übriges Leben hindurch lieben und hegen. Ich bete sie an und möchte die Erde küssen, die sie betreten.«

»Und Ihr habt ihr dieß gesagt, Mr. Ten Eyck?«

»Wohl fünfzig Mal, Sir. Sie ist jetzt seit zwei Monaten in Albany und meine Liebe stand binnen der ersten Woche unerschütterlich fest. Ich fürchte nur, ich legte mich ihr zu bald zu Füßen; denn Mary ist ein vorsichtiges, verständiges junges Frauenzimmer, und Mädchen von diesem Charakter mißtrauen gern dem jungen Manne, welcher ihnen zu rasch entgegen kommt. Sie haben es gerne, Sir, wenn man ihnen sieben Jahre dient, und wieder sieben Jahre, wie Joseph diente um Potiphar.«

»Ihr meint wahrscheinlich, Mr. Ten Eyck, wie Jakob um Rahel diente.«

»Wohl, Sir, es mag so seyn wie Ihr sagt, obgleich ich glaube, in unsern holländischen Bibeln stehe, daß Joseph so um Potiphar gedient habe, – aber Ihr wißt schon was ich meine, Mr. Littlepage. Wenn Ihr die Ladies zu sehen wünscht und mit mir kommen wollt, so will ich Euch an einen Ort führen, wo Herman Mordaunt's Schlitten unfehlbar um diese Stunde vorbei kommt, denn die Ladies leben beinahe ganz in der freien Luft. Ich versäume nie die Gelegenheit, sie zu sehen.«

Jetzt hatte ich den Schlüssel zur Erklärung des Umstandes, daß Guert sich so viel auf der Straße umtrieb. Er hielt jedoch Wort, denn er stellte sich mit mir in der Nähe der holländischen Kirche auf, wo ich bald das Glück hatte, Anneke und ihre Freundin auf ihrer Abendschlittenfahrt vorbeikommen zu sehen. Wie blühend und lieblich sah die Erstere aus! Der Mary Wallace Auge wandte sich, und zwar mit Bewußtseyn und Absicht, wie mich bedünken wollte, nach dem Punkte, wo Guert sich aufgestellt hatte, und sie erröthete als sie seine Verbeugung erwiederte. Aber das überraschte Auffahren, das Lächeln und das aufleuchtende Auge Anneke'ns, wie sie mich so unerwarteter Weise sah, füllte meine Seele mit einer Wonne, fast zu mächtig um sie zu ertragen.

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