Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > James Fenimore Cooper >

Satanstoe, oder die Familie Littlepage

James Fenimore Cooper: Satanstoe, oder die Familie Littlepage - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleSatanstoe, oder die Familie Littlepage
publisherS. G. Liesching
seriesAmerikanische Romane
volumeVierundzwanzigster Band
year1846
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20060920
projectid48a5f5b7
Schließen

Navigation:

Zehntes Kapitel.

Mein Hasty-Pudding, so ganz ohn' Verhoffen
Hab' ich, welch Glück! dich in Savoien getroffen!
Verurtheilt, unstet durch die Welt zu wandern,
Von einem Haus und Klima fort zum andern,
Fühl' ich getrost jetzt alle Sorgen schwinden,
Weil ich den langverlornen Freund durft' finden.
Barlow.

Der Winter neigte sich bald zum Ende und mein einundzwanzigster Geburtstag war vorüber. Mein Vater und Oberst Follock, der in diesem Winter häufiger als gewöhnlich herüber kam, um mit meinem Vater eine Pfeife zu schmauchen, begannen von der Reise zu sprechen, welche Dirck und ich unternehmen sollten, um das patentirte Land zu suchen. Karten wurden angeschafft, Berechnungen angestellt, und von den Familiengliedern verschiedene Arten des Verfahrens beantragt. Ich will gestehen, daß der Anblick der großen groben Pergamentkarte von Mooseridge-Patent, wie die neue Erwerbung genannt wurde, weil die Vermesser ein Elendthier auf einem Hügelrücken inmitten desselben geschossen hatten, in meiner Seele gewisse habgierige Gefühle rege machte. Da waren Flüßchen, die sich zwischen Bergen und Thälern hinschlängelten, kleine Seen oder Teiche zeigten sich auf der Ebene; und es fehlten nicht all die künstlichen Anzeichen und Beweise eines werthvollen Besitzthums, die nur ein guter Landkartenzeichner ersinnen konnte, um dem Ganzen einen gefälligen und vielversprechenden Anstrich zu geben. Vor vierzig Jahren kaufte ein Gentleman in New-York eine ansehnliche Masse unkultivirten Landes auf das Zeugniß der Landkarte hin. Als er sein neues Besitzthum besah, fand sich, daß es demselben sehr an fließendem Wasser fehlte. Der Vermesser ward aufgesucht und es wurden ihm Vorwürfe gemacht, daß ja die Karte zahlreiche Bäche u. s. w. enthalte. »Warum habt Ihr denn all diese Wasser hingezeichnet, da sich doch keine finden?« fragte der erzürnte Käufer, auf die Karte deutend. »Warum? – Ei, wo Teufels habt Ihr denn je eine Landkarte ohne Flüsse gesehen?« war die Antwort. Der Herausgeber.

Wenn es nicht übel war, der Erbe von Satanstoe zu seyn, so war es noch viel besser, mit meinem Freund Dirck gemeinschaftlicher Besitzer all dieser weiten Ebenen, lachenden Gründe, der lustigen Flüßchen, der malerischen See'n zu werden. Mit einem Wort, zum erstenmal in der Geschichte der Colonien waren die Littlepages Besitzer eines Landgutes geworden, was man mit Recht so nennen konnte. Nach unserm New-Yorker Sprachgebrauch sind sechs oder achthundert Acres noch kein Gut ( estate); auch zwei oder dreitausend kaum; aber zehn oder zwanzigtausend, und wie viel mehr gar vierzigtausend konnten wohl den Ehrennamen eines Gutes ansprechen!

Der erste häklige Punkt, welcher erörtert wurde, war: die Art und Weise zu bestimmen, wie Dirck und ich nach Mooseridge kommen sollten. Bis Albany boten sich zwei Arten zu reisen dar, und uns für die eine oder die andere zu entscheiden, war die erste Sorge. Wir konnten warten, bis der Fluß aufging und bis Albany in einer Schaluppe reisen, dergleichen jede Woche ein paar von der Stadt abgingen, wenn die Geschäfte lebhaft in Gang waren, wie dieß für das Frühjahr mit Sicherheit zu erwarten stand. Man glaubte jedoch, die Armee werde die meisten Transportmittel dieser Art, welche sich darbieten würden, in Anspruch nehmen, und wir würden uns manchen Unbequemlichkeiten und Verzögerungen aussetzen, wenn wir die langsamen Bewegungen und Verhandlungen von Quartiermeistern und Vermiethern abwarten sollten. Mein Großvater schüttelte den Kopf, als man der Sache erwähnte, und rieth uns, uns so unabhängig als möglich zu erhalten.

»Habt so wenig als möglich mit solchen Leuten zu schaffen, Corny,« sagte mein Großvater, jetzt ein grauer, ehrwürdig aussehender alter Gentleman, der nicht die halbe Zeit seine Perrücke trug, sondern sich begnügte, zu jeder Stunde in einer spitzigen Nachthaube und im Schlafrock zu erscheinen, bis unmittelbar ehe das Essen angekündigt wurde, wo er jedesmal ohne Ausnahme als Gentleman gekleidet erschien, »habt so wenig als möglich mit diesen Leuten zu thun, Corny. Geld und nicht Ehre ist ihr Augenmerk; und Ihr werdet wie ein Faß Rindfleisch oder wie ein Kartoffelnsack behandelt werden, wenn Ihr in ihre Hände fallt. Wenn ihr überhaupt mit der Armee reist, so haltet Euch zu den wirklichen Soldaten, mein Junge; und vor Allem geht den Lieferanten und Akkordanten aus dem Wege!«

Demgemäß entschied man sich dahin, daß es zu unsicher und zeitraubend sey, abzuwarten, bis sich eine Gelegenheit zur Reise nach Albany zu Wasser zeige; denn man wußte, daß die Reise selbst oft zehn bis vierzehn Tage währte, und es konnte so spät werden, bis wir absegelten, daß diese Verzögerung sehr unbequem werden mußte. Die andere Art zu reisen, war, uns auf den Weg zu machen, ehe der Schnee auf den Straßen geschmolzen war, mittelst dessen es möglich war, die Strecke zwischen Satanstoe und Albany in drei Tagen zurückzulegen.

Gewisse ökonomische Rücksichten kamen auch in Betracht, und wir entschieden uns für folgenden Plan, der, wie mich däucht, selbst jetzt noch verdient erwähnt zu werden wegen seiner Klugheit und Umsicht. Es war bekannt, daß große Nachfrage nach Pferden für die Armee stattfinden würde, sowie auch nach Vorräthen, Lebensmitteln verschiedener Art. Nun hatten wir auf dem Landhals mehrere starke Pferde, welche nachgerade alt wurden, jedoch noch diensttüchtig und gut zu einem Feldzug. Oberst Follock hatte eben solche Pferde, und als man die Kavallerie der beiden Höfe sämmtlich zu Satanstoe versammelte, fand es sich, daß es nicht weniger als vierzehn dieser achtbaren Thiere waren. Diese machten gerade drei vierspännige Züge, und es blieb noch ein Paar für eine leichtere Last übrig. Alte, schwere Rumpelschlitten wurden gekauft, oder hervorgesucht und ausgebessert, und Yaap nebst zwei andern Schwarzen wurden an der Spitze der Brigade von Rumpelschlitten, wie mein Vater sie nannte, abgeschickt und die Schlitten waren sämmtlich mit dem entbehrlichen Schweinefleisch und dem Mehl der beiden Familien beladen. Der Krieg hatte diese Artikel sehr im Preise steigen gemacht; aber die um Weihnachten geschlachteten Schweine waren noch nicht verkauft; und es wurde entschieden, daß Dirck und ich, als Leute, welche auf den betreffenden Höfen und Gütern zu kaufen und zu verkaufen hätten, unsere Laufbahn auf keine für uns und unsere Eltern muthmaßlich nützlichere Weise beginnen könnten. Da Yaap's Bewegungen nicht anders als langsam seyn konnten, wurde ihm gestattet, zwei ganze Tage früher als Dirck und ich abzureisen, und so hatte er Zeit, aus den Hochlanden wegzukommen, ehe wir Satanstoe verließen. Die Neger schleppten das Futter für ihre Pferde, einen großen Theil ihrer eigenen Nahrungsmittel, und sämmtlichen Cider, dessen sie auf der Reise bedurften. Niemand schämte sich, in solcher Weise seine Sklaven nutzbar zu machen, denn das gesetzlich erlaubte Institut der Sklaverei selbst existirte hauptsächlich als ein Mittel zum Gelderwerb. Ich erwähne dieser geringfügigen Dinge, damit die Nachwelt die in der Colonie gang und gäbe gewordene Denkweise über solche Punkte begreifen lerne.

Als Alles bereit war, hatten wir eine Menge guter Räthe von unsern Verwandten anzuhören, ehe sie uns in die Welt hinausziehen ließen. Was Oberst Follock zu Dirck sagte, hat mir der Letztere nie erzählt; aber Nachfolgendes war nach Form und Inhalt das Wesentliche dessen, was mir mein Vater von guten Räthen mit auf den Weg gab – und das Gespräch fand statt in einem kleinen Gemach, welches er sein Geschäftszimmer, Jason aber sein Studierzimmer nannte.

»Hier Corny, sind all die Rechnungen oder Fakturen, gehörig ausgefertigt,« begann mein Vater, indem er mir ein kleines Bündel Papiere einhändigte, »und Du wirst gut thun, sie zu Rathe zu ziehen, ehe Du irgend einen Verkauf abschließst. Hier sind Empfehlungsbriefe an einige Gentlemen im Heere, deren Bekanntschaft du nach meinem Wunsche kultiviren solltest. Dieser insbesondere ist an meinen alten Kapitän, Charles Merrewerther, der jetzt Oberstlieutenant ist und ein Bataillon von den Königlichen Amerikanern kommandirt. Du wirst, wie ich nicht zweifle, finden, daß er Dir große Dienste leisten kann, so lange Du beim Heere bleibst. Schweinefleisch, so sagt man mir, von der Qualität wie Du es bringst, soll drei halbe Josephsstücke das Fäßchen gelten – und so viel darfst Du wohl fordern. Sollte Dir der Zufall eine Einladung an den Tisch des Oberbefehlshabers verschaffen, wie das wohl möglich ist mittelst der Freundschaft Oberst Merrewerther's, so hoffe ich, Du werdest der Loyalität der Littlepage's Ehre machen. Ha, und dann ist auch das Mehl; es sollte in Zeiten wie die jetzigen auch zwei halbe Josephsstücke werth seyn. Ich habe ein paar Briefe an einige von den Schuyler's beigelegt, mit welchen ich, als ich in Deinem Alter stand, diente. Es sind Leute von der ersten Sorte, merke Dir das, und zählen zu den höchsten Familien in den Colonien; voll von gutem altem Van Cortlandt-Blut, und trefflich gekreuzt mit den Rensselaer's. Sollte Dich Einer von ihnen fragen wegen des Fäßchens mit Zungen, welches Du mit einem Z. bezeichnet finden wirst –«

»Einer von welchen, Sir? von den Schuyler's, den Cortland's, oder den Rensselaer's?«

»Pah, Einer von den Marketendern oder Lieferanten, meine ich natürlich – so kannst Du ihnen sagen, daß sie zu Hause besorgt worden, und daß Du sie Wohl empfehlen dürfest als passend für die Tafel des Oberbefehlshabers selbst.«

So lauteten die Weisungen und Ermahnungen meines Vaters beim Abschied. Meine Mutter führte eine andere Sprache. »Corny, mein liebes Kind,« sagte sie, »das wird eine Reise von entscheidender Wichtigkeit für Dich werden. Nicht nur gehst Du weit weg von der Heimath, sondern auch in eine Gegend des Landes, wo es gar Viel zu sehen gibt. Ich hoffe, Du wirst Dich erinnern, was Deine Pathen für Dich bei der Taufe versprochen haben, und auch was Du Deinem eigenen guten Namen und dem Deiner Familie schuldig bist. Die Briefe, die Du mitnimmst, werden Dich vermuthlich in gute Gesellschaft einführen, und das ist ein wichtiger Anfang für einen jungen Mann. Ich wünsche, daß Du die Gesellschaft achtbarer Frauen fleißig aufsuchst, Corny. Mein Geschlecht übt einen großen Einfluß auf das Benehmen und die Aufführung des Deinigen in Deinem Lebensalter, und sowohl Dein äußeres Benehmen als Deine Grundsätze werden gewinnen, wenn Du so viel als möglich mit Frauen von erprobtem Ruf umgehst.«

»Aber, Mutter, wenn wir eine ziemliche Strecke weit mit der Armee ziehen, wie mein Vater und Oberst Follock wünschen, wird es auch in unsrer Macht stehen, häufig in Gesellschaft von Damen zu seyn?«

»Ich spreche von der Zeit, die Ihr in Albany und in der Nähe zubringen werdet. Ich erwarte nicht, daß Ihr gebildete Frauen in Mooseridge finden werdet, und auch wenn Ihr eine Strecke weit mit den Truppen reist, obwohl ich keine Veranlassung sehe, daß Ihr auch nur einen Schritt weit mit ihnen ziehen solltet, vermuthe ich nicht, daß Ihr viele respektable Frauen im Lager treffen werdet; aber benutze jede günstige Gelegenheit in gute Gesellschaft zu gehen. Ich habe Dir einen Brief verschafft von einer Lady aus einer der großen Familien dieser Grafschaft, an Madame Schuyler, welche, wie man mir sagt, über allen Frauen steht, in und um Albany. Sie mußt Du sehen, und ich empfehle Dir bei Deiner Pflicht, diesen Brief abzugeben. Es ist auch möglich, daß Herman Mordaunt –«

»Was ist es mit Herman Mordaunt und Anneke, Mutter?«

»Ich habe nur von Herman Mordaunt selbst gesprochen, und Anneke'ns gar nicht erwähnt, mein Sohn,« versetzte meine Mutter lächelnd, »obwohl ich nicht zweifle, daß die Tochter bei dem Vater ist. Sie haben die Stadt vor zwei Monaten verlassen, um nach Albany zu reisen, schreibt mir meine Schwester Legge, und beabsichtigen, den Sommer im Norden zuzubringen. Ich will Dich nicht täuschen, Corny, und so sollst Du Alles hören, was Deine Tante über diesen Gegenstand geschrieben hat. Erstlich schreibt sie, Herman Mordaunt sey dahin gereist im Dienste der Regierung und habe einen wichtigen, geheimen Auftrag auszuführen, der ihn, wie man wisse, in der Nähe von Albany und der nördlichen Posten bis zum Schlusse der guten Jahreszeit zurückhalten wird, obgleich er vor der Welt vorgibt, er mache die Reise wegen Ländereien, die er in der Grafschaft Albany besitzt. Seine Tochter und Mary Wallace begleiten ihn, nebst einigen Dienern, und sie haben eine Schlittenlast von Sachen, die sie bedürfen, mitgenommen; das deutet auf einen längern Aufenthalt. Nun sollst Du auch das Uebrige hören, mein Kind, obwohl ich durchaus keine Besorgniß hege, wenn ein solcher Jüngling wie Du mit irgend einem andern Mann in der Colonie in die Schranken tritt. Ja, obgleich ich Deine Mutter bin, glaube ich doch das sagen zu dürfen!«

»Was ist es, Mutter? – Seyd meinetwegen unbesorgt; es wird mir schon gut gehen, verlaßt Euch darauf – das heißt – aber was ist es, liebe Mutter?«

»Nun, Deine Tante schreibt, man flüstere in einem kleinen, einem sehr kleinen Kreise, in der Stadt, aber man flüstere doch, Herman Mordaunt habe den erwähnten Auftrag nur darum übernommen, um einen Vorwand zu haben, Anneke in die Nähe des –ten Regiments zu bringen, in welchem, wie es scheint, der Sohn eines Baronets stehe, eine Art Verwandter von ihm, mit welchem er Anneke zu vermählen wünsche.«

»Dann thut es mir leid, daß meine Tante Legge nur auf solch elendes Geklatsche hört!« rief ich entrüstet. »Ich will mein Leben zum Pfande setzen, daß Anneke Mordaunt nie an etwas so Unzartes dachte!«

»Niemand glaubt, daß Anneke daran gedacht habe oder denke. Aber die Väter sind nicht die Töchter, Corny; ja, und auch die Mütter nicht, das darf ich frei heraussagen, sintemal Du mein einziges Kind bist. Herman Mordaunt kann das Alles in seinem Herzen beabsichtigen, und Anneke doch so unschuldig und feinfühlend als möglich seyn.«

»Und, wie können die Zuträger meiner Tante Legge wissen, was in Herman Mordaunt's Herzen vorgeht?« »Wie? – Ich vermuthe, sie schließen aus dem, was sie in ihrem Herzen finden, mein Sohn; ein gewöhnliches Mittel, die Fehler des Nächsten zu errathen, obwohl, glaube ich, die Tugenden selten auf diesem Wege entdeckt werden.«

»Ja, und sie beurtheilen Andere nach sich selbst. Das Mittel mag sehr gewöhnlich seyn, Mutter, aber es ist nicht unfehlbar.«

»Gewiß nicht, Corny; und Das ist ein Grund zur Hoffnung für Dich. Merke dieß, mein Kind, Du kannst mir keine Tochter bringen, die ich halb so lieb haben könnte, als ich, das fühle ich, Anneke Mordaunt lieb haben kann. Wir sind auch verwandt; ihres Vaters Ururgroßmutter –«

»Laßt die Ururgroßmutter beruhen, meine liebe, gute, treffliche Mutter. Von nun an will ich nicht mehr versuchen ein Geheimniß vor Euch zu haben. Wenn nicht Anneke Mordaunt einwilligt, Eure Tochter zu werden, so werdet ihr nie eine bekommen.« »Sage das nicht, Corny, ich bitte Dich!« rief meine Mutter, nicht wenig erschrocken. »Bedenke, man kann den Geschmack nicht erklären und nicht dafür stehen; die Armee ist eine furchtbare Nebenbuhlerin, und am Ende kann dieser Mr. Bulstrode – so hast Du ihn, glaube ich, genannt, – Anneke'n eben so annehmlich erscheinen als ihrem Vater. Sage nichts so Grausames, ich bitte Dich, liebster, bester Corny!«

»Es ist noch nicht eine Minute, Mutter, daß Ihr gesagt habt, wie wenig Ihr wegen meiner besorgt seyet, wenn man mich irgend einem andern Manne in der Provinz gegenüber stelle.«

»Ja, mein Kind, aber Das ist etwas ganz Anderes, als Dich Dein ganzes Leben als herzloser, unbehaglicher alter Junggesell hinbringen sehen. Es sind wohl fünfzig junge Frauenzimmer in dieser Grafschaft, mit welchen ich Dich lieber vermählt sehen möchte, als daß ich ein solches Unglück erleben sollte!«

»Nun, Mutter, wir wollen nicht weiter davon sprechen. Aber ist es wahr, daß Mr. Worden wirklich beabsichtigt, sich unsrer Gesellschaft anzuschließen?«

»Mr. Worden und auch Mr. Newcome, glaube ich. Wir werden uns kaum darein finden können, den Erstern zu entbehren, aber er meint, es sey sein Beruf, die Armee zu begleiten, bei welcher so wenige Feldprediger sind; und im Krieg werden die Seelen so plötzlich zu ihrer letzten, furchtbaren Rechenschaft abgerufen, daß man ihm nicht verweigern kann, ihn ziehen zu lassen.«

Meine arme, vertrauensvolle Mutter! Wenn ich auf die Vergangenheit zurückblicke, und mich erinnere, in welcher Art und Weise Mr. Worden sich der Pflichten seines heiligen Amtes entledigte während des folgenden Feldzuges, so kann ich nicht umhin zu lächeln über die Art, wie das Vertrauen sich beim Weibe kund gibt. Dieß Geschlecht hat eine natürliche Geneigtheit, sein Vertrauen Priestern zu schenken, in Folge eines sehr einfachen Prozesses, daß sie nämlich ihre eignen Gefühle und Gesinnungen in die Herzen derjenigen übertragen, von welchen sie glauben, daß sie sich ausschließlich heiligen Dingen gewidmet haben. Nun, wir leben und lernen. Ich glaube gerne, daß Viele sind, was sie zu seyn behaupten, aber ich habe jetzt lange genug gelebt, um zu wissen, daß nicht Alle das sind. Was den Mr. Worden betrifft, so hatte er jeden Falls Eine gute Eigenschaft. Seine Freunde und seine Feinde sahen das Schlimmste an ihm. Er war kein Heuchler, sondern seine Umgebungen und Bekannten sahen den Mann ziemlich so wie er war. Dennoch bin ich weit entfernt davon, diesen aus England herübergekommenen Geistlichen als ein Muster christlicher Gesinnung und Art der Bewunderung meiner Nachkommen darstellen zu wollen. Niemand kann fester überzeugt seyn als ich, daß sehr oft Sektirer geneigt sind, ihre eigenen eingeschränkten Begriffe von Recht und Unrecht an die Stelle des göttlichen Gesetzes zu setzen und an sich völlig unschuldige Handlungen für Sünde zu erklären; aber zugleich weiß ich auch recht gut, daß man in Sachen der Moral immer auf den äußern Schein achten und wachen muß, und daß in Sachen des äußern Benehmens anständig zu seyn, eine untergeordnetere Tugend ist. Der Hochwürdige Mr. Worden trieb allerdings, was auch seine Gesinnung und Handlungsweise ihrem innern Wesen nach seyn mochte, die Ungezwungenheit und Freiheit des äußern Benehmens bis an die Grenze der Unvorsichtigkeit.

Ein paar Tage nach der erzählten Unterredung verließ die Gesellschaft Satanstoe mit einigem éclat. Das Gespann gehörte gleichmäßig der Familie Follock und der Familie Littlepage, denn das eine Pferd war das Eigenthum meines Vaters, das andere des Obersts Follock. Der Schlitten, alt, aber für diese Gelegenheit neu angestrichen, war ausschließliches Eigenthum des letztern Gentleman, und war Dirck überantwortet, um ihn zu verkaufen, sobald wir das Ziel unserer Reise erreicht hätten. Außen war er hell himmelblau angestrichen, innen aber karmoisinroth, eine Farbe, welche für diese Art von Fuhrwerk sehr beliebt war und noch ist, weil sie sich mit der Vorstellung von Wärme verbindet; so sagen wenigstens die alten Leute, obwohl ich gestehen muß, daß es mich nie weniger in meine Zehen fror in einem solchen, als in einem blau angestrichenen Schlitten, welche letztere Farbe man gewöhnlich als besonders erkältend für die Füße ansieht.

Wir hatten drei Büffelhäute, oder vielmehr zwei Büffel- (Bison-) Häute und eine Bärenhaut. Die letztere mit scharlachrothem Tuch besetzt, hatte ein ganz besonders warmes und behagliches Aussehen. Die größte Haut ward auf den hintern Sitz gebreitet, und über die Rückwand des Schlittens geschlagen, wie sich von selbst versteht; und obgleich diese Rückwand hoch genug war, um den Wind von Kopf und Hals abzuhalten, bedeckte nicht nur die Haut dieselbe, sondern hing auch noch zwei oder drei Fuß hinten hinab, wie es sich beim Schlitten eines Gentleman gebührt; die andere Büffelhaut war auf dem Boden des Schlittens ausgebreitet, als Fußteppich für alle Vier, wobei noch ein Stück übrig blieb als Schürze, womit Dirck und ich unsern Schooß bedeckten, um uns gegen die Kälte zu schützen. Die Bärenhaut diente uns beiden vorn Sitzenden als Polster, und Mr. Worden und Jason, welche hinten saßen, als Schürze. Unsere Koffer waren auf dem Rumpelschlitten abgegangen, das heißt, der meinige und Dirck's Koffer waren so vorausgeschickt worden, während unsere beiden Begleiter für die ihrigen Raum fanden in dem Fuhrwerk, in welchem wir selbst reisten.

Der Morgen, an welchem wir Satanstoe verließen, diese denkwürdige Reise anzutreten, war der erste März 1758. Der Winter war so, wie er in unserer Breite gewöhnlich zu seyn pflegt, obgleich an der Küste ungewöhnlich viel Schnee gefallen war. Salzwasser und Schnee vertragen sich nicht gut mit einander; aber ich war den größten Theil des Monats Februar hindurch in meinem Schlitten auf dem Landhals herumgefahren, obgleich am Tage, ehe wir abreisten, Symptome von Thauwetter und von Südwind sich einstellen. Mein Vater bemerkte dieß, und er rieth mir die Straße mitten durch die Grafschaft einzuschlagen und sobald als möglich mich nach den Bergen zu wenden. Nicht nur war in jener Gegend immer mehr Schnee, sondern er widerstand auch dem Einfluß des Thauwetters viel länger, als derjenige, welcher mehr in der Nähe des Meeres oder der Meerenge gefallen war. Ich empfing meiner Mutter letzten Kuß, meines Vaters letzten Händedruck, meines Großvaters Segen, stieg in den Schlitten, nahm die Zügel aus Dirck's Händen und fuhr ab.

Eine Gesellschaft in einem Schlitten muß aus sehr trübsinnigen Leuten bestehen, wenn sie nicht lustig wird. Bei uns waren Alle zur Heiterkeit aufgelegt; obgleich Jason in der Colonie New-York nicht auf der Straße reisen konnte, ohne seiner provinzialen konnektikutischen Hyperkritik Luft zu machen. Alles war holländisch, nach seiner Art die Dinge anzusehen! und wenn es nun doch nicht holländisch war, nun so hatte es das Gepräge der Colonie New-York. Die Thüren waren nicht am rechten Orte, die Fenster waren zu groß, wenn sie nicht zu klein waren; die Dinge sahen aus wie Kohlköpfe; die Menschen rochen nach Taback, und das Hasty-Pudding hieß ihm eine Suppe. Aber das waren Kleinigkeiten; und da wir daran gewohnt waren, so achtete Niemand sonderlich auf das, was unser puritanischer Reisegefährte in der Demuth und Bescheidenheit seiner Seele auszukramen beliebte. Mr. Worden lachte in sich hinein, und trieb Jason immer weiter, in der Hoffnung, Dirck zu reizen; aber Dirck rauchte zu Allem fort, mit einer Gleichgültigkeit, welche bewies, wie sehr er in der That den Kritiker verachtete. Ich war der Einzige, der diese übermüthige Unwissenheit übel empfand, aber auch ich fühlte mich oft mehr versucht zu lachen, als zornig zu seyn.

Die Symptome von Thauwetter nahmen zu, als wir einige Meilen von Hause entfernt waren, und bis wir die Weißen Ebnen erreichten, wehte der Südwind nicht mehr gelind, sondern stark, und der Schnee auf den Straßen wurde schmutzig, und man sah Wasserbäche an den Bergen herunterströmen, in einer Art, welche der Schlittenbahn Verderben drohte. Wir fuhren jedoch weiter, und tiefer und tiefer kamen wir in die Berge hinein, bis wir nicht nur mehr Schnee antrafen, sondern auch weniger Symptome, ihn zu verlieren. Unsre erste Tagfahrt brachte uns wohlbehalten nach dem Sitze der Van Cortlandt's, wo wir die Nacht zubrachten. Am nächsten Morgen wehte noch immer der Südwind, und brauste über die Schneefelder hin, geschwängert von der Salzluft des Meeres; und entblößte Stellen begannen sich zu zeigen an allen Abhängen und Höhen – eine Mahnung für uns zur Eile. Wir frühstückten in den Hochlanden und zwar in einer wilden, abgelegenen Gegend, wo sich jedoch noch Schnee und fahrbare Bahnen fanden. Wir waren dem Thauwetter entkommen und hegten jetzt keine Besorgniß mehr, ob wir auch das Ziel unsrer Reise im Schlitten erreichen könnten.

Am zweiten Tage kamen wir ganz aus den Bergen hinaus zu den Ebenen von Dutcheß, so daß wir zu Fishkill zu Mittag essen konnten. Dieß war eine sehr gedeihliche Ansiedlung, und die Leute schienen mir im Ueberfluß zu leben, wenigstens lebten sie gewiß in Frieden und Ruhe. Sie machten wenig aus dem Kriege und richteten viele Fragen an uns, das Heer, seine Befehlshaber, seine Stärke und seine Absichten betreffend. Es waren einfache, und dem Anschein nach zu urtheilen, ehrliche Leute, welche sich das, was in der Welt vorging, sehr wenig kümmern ließen.

Nachdem wir Fishkill verlassen hatten, fiel uns eine große Veränderung auf, nicht nur in der Gegend, sondern auch im Wetter. Erstere war im Ganzen eben, und weit mehr mit Ansiedlungen bedeckt, als ich so weit im Innern des Landes für möglich gehalten hätte. Was das Wetter betrifft, so kamen wir in ein ganz anderes Klima, als dasjenige war, welches wir jenseits der Hochlande verlassen hatten. Nicht nur war der Morgen kalt, so kalt als es einen Monat früher bei uns gewesen war, sondern der Schnee lag auch zwei oder drei Fuß tief in gleicher Höhe, und die Schlittenbahn war so gut, als man sich nur wünschen mochte.

Diesen Nachmittag holten wir Yaap und die Brigade der Rumpelschlitten ein. Alles war gut gegangen, und nachdem ich dem Burschen einige neue Weisungen ertheilt hatte, fuhr ich an ihm vorbei und wir setzten unsre Fahrt fort. Ehe wir uns jedoch wieder trennten, wurden folgende Worte zwischen uns gewechselt:

»Nun, Yaap,« erkundigte ich mich, um so das vorangegangene Gespräch abzuschließen, »wie gefallen Euch die obern Grafschaften?«

Ein lautes Negergelächter folgte, und eine Wiederholung der Frage war nöthig, um eine Antwort von ihm herauszubekommen.

»Ach Gott, Masser Corny, wie glaubt Ihr denn, ich wisse das, wenn man doch nichts als Schnee sieht?«

»Es lag auch Schnee genug in West-Chester; und doch glaube ich gewiß, würdet Ihr über Eure Heimath wohl eine Meinung aussprechen können.«

»Weil ich sie kenne, Herr, von innen und außen und von allen Seiten, Masser Corny.«

»Wohl; aber Ihr seht doch die Häuser und die Obstgärten und Scheunen und Zäune und andere Dinge der Art.«

»Die sind alle so ziemlich wie die unsrigen, Masser Corny; warum setzt Ihr Nigger mit solchen Fragen zu?«

Hier folgte wieder ein Ausbruch von lautem, herzlichem »yah – yah – yah!« und Yaap ließ seinem Gelächter den Lauf, ehe ein weiteres Wort aus ihm herauszubringen war, worauf ich ihm die Frage zum dritten Mal vorlegte.

»Nun denn, Masser Corny, weil Ihr es durchaus wissen wollt, dieß ist meine Meinung. Diese Gegend ist gar nicht zu vergleichen mit unserem ganzen Lande, Sah. Die Häuser scheinen armselig, die Scheunen sehen leer aus, die Gehege und Zäune sind niedrig, und die Nigger, Einer wie der Andere, sehen kalt aus, Sah! – ja, Sah! – sie sehen sehr kalt und erfroren aus!« Da ein »kalter Neger« etwas höchst Jammervolles und Klägliches war in den Augen eines Negers, sah ich aus diesem summarischen Urtheil, daß Yaap seine Reisen so ziemlich mit derselben hochmüthigen Gesinnung begonnen hatte, wie Jason Newcome. Es fiel mir damals als seltsam auf; aber seit jener Zeit habe ich mich überzeugt, daß diese Gesinnung ziemlich allgemein die Leute begleitet, welche ihre erste Reise antreten.

Unsere dritte Nacht brachten wir in einem kleinen Weiler zu, Rhinebeck genannt, auf einer Ansiedlung, wo sich mehrere deutsche Namen fanden. Hier reisten wir durch die gewaltigen Güter der Livingston's, – ein in unsrer Colonialgeschichte wohlbekannter Name. Wir frühstückten in Claverack, und kamen durch einen Ort Kinderhook genannt, – ein Dorf von niederdeutschem Ursprung und ziemlich alt. An diesem Abend gelang es uns, in die Nähe von Albany zu kommen, indem wir eine sehr starke Fahrt machten. Da wo wir übernachteten, war kein Dorf; aber es war ein behagliches Haus und ein ausnehmend sauberer holländischer Gasthof. Seitdem wir Fishkill verlassen, hatten wir bald mehr, bald weniger vom Fluß gesehen, bis wir durch Claverack kamen, wo wir von ihm Abschied nahmen. Er war mit Eis bedeckt und Schlitten bewegten sich, anscheinend mit großer Sicherheit, auf ihm; aber wir mochten es nicht versuchen. Unsere ganze Gesellschaft zog eine solide Landstraße vor, wo keine Gefahr war, daß der Boden unter uns brechen konnte.

Da wir jetzt im Begriff standen, in Albany einzuziehen, der zweitgrößten Stadt in der Colonie, und einer der größten Binnenlandstädte des ganzen Landes, wenn dieser Name mit Recht einer Stadt gegeben werden kann, welche an einem schiffbaren Strom liegt, hielten wir für nöthig, einige Vorkehrungen zu treffen, um es auf eine anständige Weise zu thun. Statt daher das Gasthaus mit Tagesanbruch zu verlassen, wie wir früher zu thun gewohnt gewesen, blieben wir daselbst bis nach dem Frühstück und zogen inzwischen unsre Koffer zu Rathe. Duck, Jason und ich hatten uns für die Reise mit Pelzmützen, mit Ohr-Lappen und andern dergleichen Hülfsmitteln, um sich warm zu halten, versehen. Dirck's Kappe und die meinige waren von sehr feinem Marderpelz, und da sie rund und hoch waren, und beide oben einen schönen Schweif hatten, welcher hinten herabfiel, nahmen sie sich ganz flott und militärisch aus. Ich meinte, ich hätte Dirck nie so stattlich und gut aussehend gefunden, wie in dieser Kappe, und ich nahm auch einige Complimente ein wegen meines Aussehens in der meinigen, obwohl nur von meiner Mutter, die, glaube ich, geneigt war, mich zu rühmen und zu preisen, wenn ich auch erbärmlich aussah. Die Mütze Jason's stand mehr im Verhältnis zu seinem Beutel; sie war niederer und von Fuchspelz, obgleich sie auch einen Schweif hatte. Mr. Worden hatte es abgelehnt, in einer Kappe zu reisen, als nicht passend zu seinem heiligen Amt. Daher trug er seinen geistlichen Biberhut, der ein wenig abwich von den gewöhnlichen aufgekrämpten Hüten, welche wir Alle trugen, als etwas, das sich von selbst verstand, doch nicht so sehr, daß es besonders auffiel. Wir Alle hatten Oberröcke, wohl mit Pelz besetzt, und der meinige und Dirck's seiner waren wirklich schön, mit Marderpelz verbrämt, während die unsrer Begleiter weniger glänzend und kostbar waren. Nach einiger Berathung entschieden Dirck und ich uns dahin, daß es dem guten Geschmack mehr entspreche, in Reisekleidern als in andern in der Stadt einzuziehen, und wir putzten und stutzten uns nur ein wenig auf, um als Gentlemen zu erscheinen. Bei Jason war es ein ganz anderer Fall. Nach seinen Ideen mußte Einer auf Reisen seine besten Kleider tragen, und ich war überrascht, ihn beim Frühstück erscheinen zu sehen in schwarzen Beinkleidern, gestreiften wollenen Strümpfen, große versilberte Schnallen an den Schuhen, und in einem Rock, den er, wie ich wohl wußte, gewissenhaft nur für hohe Fest- und Feiertage aufsparte. Dieser Rock war von heller erbsengrüner Farbe und für die Jahreszeit wenig passend; aber Jason wußte überhaupt in Geschmackssachen sehr wenig, was passend und schicklich war; Dirck und ich trugen unsre gewöhnlichen schnupftabacksfarbenen Röcke unter unsern Pelzen; Jason aber zog alle Ueberkleider aus, als wir uns Albany näherten, um in seinem besten Staat seinen Einzug zu halten. Zum Glück für ihn war der Tag mild und eine glänzende Sonne sandte ihre warmen Strahlen auf das erbsengrüne Gewand, so daß sein Blut doch nicht ganz erstarrte. Mr. Worden trug einen Mantel von schwarzem Tuch und legte alles Pelzwerk bei Seite, bis auf einen Pelzkragen und Muff, welche er bei kaltem Wetter gewöhnlich zu tragen pflegte.

In diesem Aufzug also verließen wir das Gasthaus etwa um neun Uhr Morgens und gedachten gegen zehn Uhr die Ufer des Flusses zu erreichen. Auch ward unsre Erwartung nicht getäuscht, denn die Straßen waren vortrefflich und ein leichter Schneefall während der Nacht hatte die Bahn wieder in besten Stand gesetzt. Es war für uns Alle ein interessanter Augenblick, als die Spitzen und Dächer dieser alten Stadt, Albany, zuerst sichtbar wurden! Wir waren von beinahe der südlichen Grenze der Colonie bis zu einem Punkt gereist, welcher nicht sehr entfernt war von den nördlichen Grenzniederlassungen. Die Stadt selbst nahm sich hübsch aus, wie wir uns ihr von der entgegengesetzten Seite des Hudson näherten. Da lag sie, die Niederung am Rande des Flusses entlang aus dem westlichen Ufer hin sich dehnend, geschützt von hohen Bergen, an deren Seite die Hauptstraße eine volle Viertelmeile lang sich hinzog. In der Nähe des obern Endes dieser Straße stand das Fort, und wir sahen auf dem freien Platz in der Nähe davon eine Brigade paradiren, sich schwenken und marschiren. Die Thurmspitzen von zwei Kirchen waren sichtbar; eine, die ältere, stand auf der Niederung, mitten in der Stadt, die andere auf der Höhe, nicht sehr weit entfernt vom Fort, oder etwa halbwegs die Anhöhe hinauf, welche auf dieser Seite des Flusses die Grenze gegen das innere Land hin bildet. Diese beiden Gebäude waren natürlich von Stein, denn hölzerne Gebäude traf man sehr selten in der Colonie New-York, obwohl sie weiter westlich etwas sehr Gewöhnliches waren.

Ich will gestehen, daß Keinem von unserer Gesellschaft der Gedanke sonderlich behagte, mit einem beladenen Schlitten, auf dem Eise und dazu im Monat März den Hudson zu passiren. Wir hatten in unserer Nähe keine Flüsse, die man in solcher Weise passirte, auch war die Kälte eigentlich nicht groß genug, um einen solchen Uebergang ganz sicher zu machen, und es war uns zu Muthe wie es eben unerfahrenen Menschen unter solchen Umständen zu Muthe seyn kann. Ich muß Jason die Gerechtigkeit widerfahren lassen und zugeben, daß er mehr einfachen, praktischen, gesunden Menschenverstand an den Tag legte, als wir Alle, und am Ende durch seine Ansicht von der Sache unser Verfahren bestimmte. Den Mr. Worden jedoch konnte Nichts bewegen, sich auf das Eis zu wagen in einem Schlitten oder in der Nähe eines Schlittens, obgleich Jason ihm Vorstellungen machte in folgenden Ausdrücken:

»Nun, so schaut doch einmal her, Hochwürdiger Mr. Worden« – Jason vergaß selten Jemanden seinen Titel zu geben, – »Ihr dürft ja nur einen Blick auf den Fluß werfen, um zu sehen, daß er weit und breit mit Schlitten übersät ist. Es sind da Landstraßen nach Norden und Süden, und wenn das die Stelle ist, wo die Ueberfahrt nach der Stadt zu geschehen pflegt, so ist es eher eine Art Straße als ein gefährlicher Platz. Nach meiner Ansicht müssen die Leute, die hier herum wohnen, wissen, ob es gefährlich ist oder nicht.«

So einleuchtend diese Wahrheit war, ließ uns doch der »Hochwürdige Mr. Worden« auf festem Lande halten, und verließ den Schlitten, um zu Fuß den Strom zu passiren. Jason erlaubte sich ein paar Anspielungen auf den Glauben und seine Tugenden, während er sich bis auf sein erbsengrünes Gewand entpuppte, um in anständigem Aufzug in der Stadt einzuziehen, und Alles bei Seite warf, was seinen Staat verhüllte. Dirck und ich, wir behaupteten mannhaft unsere Sitze und trabten über den Fluß hinüber auf dem Punkte, wo wir Fußgänger und Schlitten ziemlich zahlreich hin und her sich bewegen sahen. Der Hochwürdige Mr. Worden jedoch begnügte sich nicht damit, den betretenen Pfad einzuschlagen, denn er wußte, daß es so wenig sicher sey, auf dem Eise neben einem Schlitten her zu gehen, als in einem zu sitzen, und daher bog er von der Bahn ab, welche in der Richtung der Fähre und in einer Diagonale flußabwärts nach den Werften der Stadt hin lief.

Es schien mir eine Art, Feiertag für die jungen und müssigen Leute zu seyn, da ein Schlitten um den andern an uns vorbei kam, gefüllt mit jungen Männern und Frauenzimmern, Alle strahlend von der Aufregung des Augenblicks und voll jugendlicher Munterkeit und Laune. Wir kamen an nicht weniger als vier solchen Schlitten auf dem Fluß vorbei, und das Geläute der Glocken, die rasche Bewegung, das Gelächter und die Fröhlichkeit und das Belebte der ganzen Scene übertraf weit Alles der Art, was ich früher gesehen hatte. Wir hatten beinahe den Fluß passirt, als ein Schlitten schöner equipirt als irgend einer, den wir bisher gesehen, vom Ufer herab flog und wie ein Komet an uns vorbei brauste. Er war mit Ladies angefüllt, mit Ausnahme eines Gentleman, welcher kutschirend vorn aufgerichtet stand. Ich erkannte Bulstrode, in Pelzwerk wie wir Alle gehüllt, mit einer Kappe und Schweif, wo nicht mit Federn, während ich unter dem Halbdutzen Paaren glänzender Augen, welche sich mit den lächelnden Gesichtern ihrer Inhaberinnen gegen uns wandten, eines erkannte, welches ich nicht vergessen konnte, und welches Anneke Mordaunt gehörte. Ich zweifle, ob wir erkannt wurden, denn der Vorüberflug war wie der eines Meteors; aber ich konnte mich nicht enthalten mich umzuwenden und der muntern Gesellschaft nachzuschauen. Diese meine veränderte Stellung setzte mich in Stand, Zeuge zu seyn von einer sehr belustigenden Folge von Mr. Worden's Versuch. Ein Schlitten kam in derselben Richtung wie der unsrige, und als die Gesellschaft darin einen Mann, der als Geistlicher leicht erkennbar war, auf dem Eise zu Fuß gehen sah, bog sie auf die Seite und näherte sich ihm im Galopp, um einem Manne von seinem heiligen Beruf höflicherweise einen Sitz anzubieten. Unser Geistlicher hörte das Glockengeläute und voll Angst einen Schlitten so ganz in seiner Nähe zu haben, begann er stracks zu fliehen; von den Leuten im Schlitten verfolgt, so schnell nur ihre Pferde laufen konnten. Jedermann auf dem Eise machte Halt, um verwundert diesem seltsamen Schauspiel zuzusehen, bis die ganze Gesellschaft das Ufer erreichte, der Hochwürdige Mr. Worden nicht wenig erhitzt und außer Athem, wie sich der Leser leicht vorstellen kann.

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.