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Satanstoe, oder die Familie Littlepage

James Fenimore Cooper: Satanstoe, oder die Familie Littlepage - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleSatanstoe, oder die Familie Littlepage
publisherS. G. Liesching
seriesAmerikanische Romane
volumeVierundzwanzigster Band
year1846
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20060920
projectid48a5f5b7
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Neuntes Kapitel.

Der Lieb' mißtraut' ich, deren Strahl
    Aus Himmelsglorien bricht;
Die Liebe schien zu sagen d'rauf:
    Es dämpften Thränen ihr Licht.
Heber.

Es war nicht lange, nachdem die Erklärung in Betreff Jason's stattgefunden hatte, und die Einladung erfolgt war, welche ihn auch in unsre Gesellschaft einschloß, als Herman Mordaunt ein Thor öffnete und uns auf die Felder führte. Eine ganz ordentliche Straße führte uns durch einige Wälder nach den Höhen, und wir befanden uns bald auf einem erhöhten Terrain, welches die Aussicht auf eine weite Strecke des Hudson hatte, von Haverstraw nördlich bis Staten-Island südlich, – eine Strecke von beinahe vierzig Meilen. Auf dem andern Ufer erhob sich die mauerähnliche Schranke und Scheidewand der Palisaden, das Tafelland auf ihren Spitzen einige hundert Fuß sich emporhebend. Der stattliche Fluß selbst, volle dreiviertel Meilen breit, war von keinem Lufthauch gekräuselt und lag wie eine weitgedehnte friedliche Spiegelfläche da, unter den Strahlen der glänzenden Sonne, geschmolzenem Silber ähnlich. Ich erinnere mich kaum eines lieblicheren Morgens; Alles schien im Einklang mit der herrlichen aber ruhigen Großartigkeit der Aussicht und mit den reichen Verheißungen einer verschwenderischen Natur. Die Bäume waren meist mit dem schönen Gewande des jungen grünen Laubes bedeckt; die Vögel hatten sich gepaart und bauten ihre Nester beinahe auf jedem Baum; die wilden Blumen schoßen unter den Hufen unsrer Pferde empor; und jeder Gegenstand in der Nähe und in der Ferne schien meinem jungen Auge im Bunde mit Liebe und Harmonie.

»Das ist ein Lieblingsweg von mir zum Reiten, wobei mir Anneke oft Gesellschaft leistet,« sagte Herman Mordaunt, als wir auf der Höhe mit der weiten Aussicht anlangten, von welcher ich oben gesprochen habe. »Meine Tochter ist eine muthige Reiterin, und begleitet mich oft auf meinen Morgenritten. Sie und Mary Wallace sollten in diesem Augenblick irgendwo auf den Bergen hier herum seyn, denn sie versprachen mir zu folgen, sobald sie mit dem Reitanzug fertig geworden wären.«

Ein Schrei, der ein Ausbruch des wilden Entzückens zu seyn schien, entfuhr Dirck's Munde, und im nächsten Augenblick galoppirte er fort nach einem nahen Bergrücken, auf dessen Scheitel die schönen Gestalten der zwei Mädchen eben jetzt sichtbar wurden, gehoben noch durch knappanschließende Gewänder und Hüte mit schwankenden Federn. Ich deutete Herman Mordaunt auf diese reizenden Gegenstände hin und folgte meinem Freunde in etwas mäßigerem Schritte meines Pferdes. Nach ein paar Minuten war die ganze Gesellschaft beisammen.

Nie hatte ich Anneke Mordaunt so vollendet liebenswürdig gesehen, wie sie an diesem Morgen mir erschien. Die Bewegung und die frische Luft hatten ihre Farbe noch erhöht, welche immer schön und blühend war; und ihre Augen bekamen einen neuen Glanz durch die Glut ihrer Wangen. Obgleich wir erwartet wurden, wollte mich doch bedünken, sie empfange uns als ganz besonders willkommne Gäste; während Mary Wallace in ihrer Begrüßung eine ungewohnte Lebhaftigkeit zeigte. Jason war nicht vergessen, sondern als alter Bekannter anerkannt und gebührend der Freundin vorgestellt. »Ihr macht häufig solche Ritte, erzählt mir Mr. Mordaunt,« sagte ich, mein Pferd neben das von Anneke drängend, als die ganze Gesellschaft sich in Bewegung setzte; »und ich bedaure, daß Satanstoe so entfernt ist, daß wir uns nicht öfters an einem schönen Morgen treffen können. Wir haben manche ausgezeichnete Reiterin in West-Chester, welche stolz seyn würde auf eine solche Bekanntschaft.«

»Ich kenne verschiedene Ladies auf Eurer Seite des Harlem-Flusses,« antwortete Anneke, »und reite häufig in ihrer Gesellschaft; aber keine, die so weit entfernt wohnte, wie Euer Wohnsitz und seine nächsten Umgebungen. Mein Vater sagt mir, er habe als Jüngling oft auf den Feldern von Satanstoe geschossen; und er spricht noch immer mit großen Lobeserhebungen von Euern Vögeln.«

»Ich glaube, unsere Väter waren früher Jagd- und Waidgenossen. Mr. Bulstrode hat versprochen zu kommen, und ihr gutes Beispiel nachzuahmen. Jetzt, nachdem Ihr Zeit gehabt, über die Schauspiele, die Ihr gesehen, Euch zu bedenken, empfindet Ihr noch das gleiche Interesse an dergleichen Darstellungen wie Anfangs?«

»Ich wünschte nur, daß ich nicht so Viel daran zu tadeln und zu verdammen hätte. Ich glaube, Mr. Bulstrode hätte es zu etwas Ausgezeichnetem bringen können als Schauspieler, hätte nicht das Schicksal es ihm in gewissem Sinne unmöglich gemacht, als einem ältesten Sohne und einem Mann von Familie.«

»Mr. Bulstrode, so sagt man mir, ist nicht nur der Erbe einer alten Baronetschaft, sondern auch eines großen Vermögens?«

»So ist es wirklich, glaube ich. Findet Ihr es nicht löblich, Mr. Littlepage, daß ein Mann in einer solchen Lage wie er, sich entschloß, seinem König und seinem Vaterlande in einem so beschwerlichen Kriege, wie der in unsern Colonien, zu dienen?«

Ich konnte nicht umhin, beizustimmen, obwohl ich herzlich gewünscht hätte, daß Anneke'ns Sprache weniger lebhaft und aufrichtig theilnehmend gewesen wäre, als sie diese Frage an mich richtete. Dennoch wußte ich noch immer nicht recht, was ich von ihren Gesinnungen gegen diesen Gentleman denken sollte; denn sonst hörte sie immer seinen Namen nennen mit einer Ruhe und Unbefangenheit, die, wie ich beobachtet hatte, nicht allen ihren jungen Freundinnen eignete, wenn sich eine Gelegenheit ergab, von dem lustigen und einschmeichelnden Soldaten zu sprechen. Ich brauche kaum zu sagen, daß es für Mr. Bulstrode in einer englischen Colonie keine üble Empfehlung war, daß er der Erbe einer Baronetschaft war. In der Entfernung vom Mutterlande sind wir, wie dieß nun kommen mag, ein wenig zu sehr geneigt, solche zufällige Vorzüge zu überschätzen: und ich habe Engländer selbst anerkennen hören, daß ein Baronet in New-York ein angesehenerer Mann sey, als ein Herzog in London. Diese Dinge gingen mir durch den Kopf, wie ich an Anneke'ns Seite hin ritt; obwohl ich so klug und vorsichtig war, meine Gedanken nicht laut werden zu lassen.

Herman Mordaunt ritt mit Jason voraus; und er führte die Gesellschaft auf reizenden Reitpfaden beinahe zwei Meilen weit auf den Höhen hin, gelegentlich ein Thor öffnend, ohne abzusteigen, bis er einen Punkt erreichte, welcher Lilaksbush überschaute, welches wir kaum eine halbe Meile von uns entfernt sahen.

»Da sind wir jetzt auf meinem Grund und Boden,« sagte er, indem er den Zügel anzog, um uns zu erwarten; »dieß letzte Thor scheidet mein Besitzthum von dem meines nächsten Nachbars gegen Süden. Diese Berge nützen nicht viel, außer als frühe Waiden, aber sie bieten manche schöne Aussicht dar.«

»Ich habe eine Weissagung gehört,« bemerkte ich, »es werde einmal eine Zeit kommen, wo die Ufer des Hudson viele solche Landsitze, enthalten würden, wie der der Familie Philips, zu Yonker's, und ein paar andere ähnliche, die, wie man mir sagt, jetzt auf den Hochlanden stehen.«

»Ganz wohl möglich; es ist nicht leicht vorherzusagen, was in einem solchen Lande geschehen mag. Ich glaube fast, daß man mit der Zeit Städte und Landsitze an den Ufern des Hudson sehen, und daß ein mächtiger und zahlreicher Adel die letztern inne haben wird. Beiläufig bemerkt, Mr. Littlepage, Euer Vater und mein Freund Oberst Follock haben eine werthvolle Erwerbung von Ländereien gemacht, indem sie ein Patent ausgewirkt für eine ausgedehnte Strecke Landes in der Gegend von Albany.«

»Es ist nicht so sehr ausgedehnt, Sir, denn das Ganze beträgt nur etwa vierzig tausend Acres; auch ist es nicht so in der Nähe von Albany, nach dem was ich höre, denn es muß etwa vierzig Meilen oder mehr von dieser Stadt entfernt seyn. Nächsten Winter jedoch sollen wir, Dirck und ich, das Land aufsuchen, wo wir dann alle nähern Umstände erfahren werden.«

»Dann treffen wir uns vielleicht in jener Gegend. Ich habe wichtige Angelegenheiten in Albany zu besorgen, welche allzulang vernachlässigt worden sind; und es war meine Absicht, einige Monate in der nächsten guten Jahreszeit und zwar recht früh, im Norden zuzubringen. Vielleicht treffen wir uns in den Wäldern.«

»Ihr seyd schon in Albany gewesen, vermuthe ich, Mr. Mordaunt.«

»Schon oft, Sir; die Entfernung jedoch ist so groß, daß die Versuchung nicht so stark ist, dahin zu reisen, wenn man nicht durch Geschäfte dahin gerufen wird, wie dieß bei mir der Fall war. Ich war in Albany vor meiner Verheirathung, und habe seither verschiedne Male Veranlassung gehabt, es zu besuchen.«

»Mein Vater war als Soldat dort; und er sagt mir, es sey ein Theil der Provinz, welchen es sich wohl verlohne, zu sehen. Jeden Falls werde ich im nächsten Jahre die Anstrengung und Gefahr daran wagen; denn es ist für junge Leute nützlich, die Welt zu sehen. Dirck und ich können auch den Feldzug mitmachen, sollte einer in dieser Richtung statthaben.«

Mir schien, Anneke lege einiges Interesse an diesem Gespräch an den Tag; aber wir ritten weiter, und stiegen bald vor der Thüre von Lilaksbush ab. Bulstrode war nicht um den Weg, und so hatte ich die ausnehmende Freude, der Miß Mordaunt beim Absteigen behülflich zu seyn, als wir einen Augenblick, ehe wir das Haus erreichten, Halt machten, um die Aussicht recht zu genießen. Ich habe dem Leser schon im Allgemeinen eine Vorstellung vom Aussehen des Hauses gegeben; aber man mußte ihm näher kommen, um sich einen rechten Begriff von seinen Schönheiten zu machen. Wie schon der Name andeutete, waren der Rasenplatz, das Haus und die Nebengebäude ganz umkränzt von oder begraben in Lilaks, welche sämmtlich jetzt in voller Blüthe standen. Die Blumen erfüllten die Luft mit einer Art von Purpurlicht, welches einen warmen, milden Schimmer selbst auf das rosige Antlitz Anneke'ns warf, als sie mir diesen zauberischen Lichteffekt zeigte. Ich kenne keine Blume, welche in so hohem Grade eine Landschaft verschönerte, wie der Lilak in großen Massen, so gewöhnlich er auch ist, und so alltäglich uns seine Farben und sein Duft geworden sind.

»Wir lieben den Monat, wo unsere Lilaks blühen, mehr als jeden andern Monat im Jahr,« sagte Anneke, lächelnd über meine Ueberraschung und mein Entzücken, »und wir halten darauf, den größten Theil desselben hier zuzubringen. Ihr werdet wenigstens gestehen, Mr. Littlepage, daß Lilaksbush seinen Namen mit Recht führt.«

»Der Eindruck ist ganz und gar wie eine Bezauberung!« rief ich: »Ich wußte nicht, daß der einfache, bescheidene Lilak Etwas so schön machen könne!«

»Einfachheit und Bescheidenheit sind an und für sich solche Reize, Sir, daß sie mächtige Verbündete sind,« bemerkte die tieffühlende aber schweigsame Mary Wallace.

Dem stimmte ich natürlich bei, und wir Alle folgten Mr. Mordaunt in das Haus. Ich war ebenso entzückt von dem Innern von Lilaksbush, wie es sich mir darstellte, als ich es vom Aeußern gewesen war. Ueberall, so schien es mir, sah ich die Spuren von Anneke'ns Geschmack und Einsicht. Ich wünsche nicht den Leser auf den Glauben zu bringen, daß das Haus selbst eines vom höchsten Rang in seiner Art war, denn darauf konnte es keinen Anspruch machen. Aber es war ein festes, einundeinhalbstockiges Gebäude, in dergleichen die meisten unsrer ersten Familien auf dem Lande zu wohnen sich gerne begnügten und noch begnügen; und es glich in diesen Punkten gar sehr dem guten alten Hause in Satanstoe. Die Einrichtung und Meublirung war in größerem, städtisch-zierlicherem Style, als wir bei uns für nöthig erachteten; und das kleine Zimmer, in welchem wir frühstückten, war das Muster eines Speisezimmers. Die Tische in den Ecken waren so glänzend polirt, daß man sich darin spiegeln konnte; die kleinen Schränke waren mit versilberten Bändern und Schlössern geziert, und die Tafel selbst glänzte wie ein Spiegel. Ich weiß nicht wie es kam, aber das Porzellan schien mir sauberer und kostbarer als gewöhnlich, unter Anneke'ns zierlicher kleiner Hand; während das massive und zierlich gearbeitete Silbergeschirr zum Frühstück von der Art war, daß es nur in England verfertigt seyn konnte. Mit Einem Wort, während Alles solid und reich erschien, hatte das Ganze einen gewissen unbeschreiblichen Anstrich von Behagen, Sauberkeit und Anspruchlosigkeit, was einen ganz ungewohnten Eindruck auf mich machte.

»Mr. Littlepage sagt mir,« bemerkte Herman Mordaunt, während wir beim Frühstück saßen, »er beabsichtige im nächsten Winter eine Reise in den Norden zu machen, und vielleicht fügt es unser gutes Glück so, daß wir ihn dort treffen. Das ––ste Regiment erwartet diesen Sommer auch bis nach Albany beordert zu werden; und vielleicht können wir unter den Holländern alle unsere Gesänge und Scherze mit Bulstrode und seinen Genossen erneuern.«

Ich war entzückt über diese Aussicht, Anneke Mordaunt im Norden wieder zu sehen, und verfehlte nicht, dieß auch auszusprechen, obwohl vielleicht, fürchte ich, in einer etwas linkischen Art und mit einiger Verlegenheit.

»Ich habe es gehört, Sir, während des Rittes,« antwortete die Tochter. »Ich hoffe, Cousin Dirck wird auch von der Gesellschaft seyn?«

Cousin Dirck versicherte sie dessen, und wir besprachen im Voraus das Vergnügen, welches alte Bekannte fühlen müßten, so fern von der Heimath sich wieder zu sehen. Keiner von uns, Herman Mordaunt ausgenommen, war je hundert Meilen weit von seinem Geburtsort weggekommen, wie sich ergab, als man die Angaben verglich. Ich war der am weitesten Gereiste; denn Princeton ist der Straße nach gerechnet, achtzig bis neunzig Meilen von Satanstoe entfernt.

»Vielleicht bin ich noch der Allernächste daran,« sagte Jason, »denn meine jüngste Reise nach der Insel muß, von Danbury aus gerechnet, beinahe diese Entfernung betragen. Aber Ladies, ich kann Euch versichern, ein Reisender hat viele Gelegenheit, nützliche Dinge zu lernen, wie ich weiß aus dem Unterschied, welcher zwischen York und Connektikut besteht.«

»Und welchem von beiden gebt Ihr den Vorzug, Mr. Newcome,« fragte Anneke, mit einem etwas komischen Ausdruck um ihre lächelnden Augen.

»Das ist eigentlich kaum eine erlaubte Frage, Miß«; (keine Zurechtweisung konnte Jason seiner gemeinen Ausdrucksweise entwöhnen;) »denn es kann Einem Feinde machen, wenn man in solchen Dingen ausspricht, wie es Einem ums Herz ist. Es gibt Vergleichungen, die man nie anstellen sollte, in Betracht von Umständen, welche mächtiger sind als alle Regeln der Höflichkeit. New-York ist eine große Colonie – eine sehr große Colonie, Miß; aber es war einmal holländisch, wie Jedermann weiß – ich bitte Mr. Follock um Verzeihung! – und man muß gestehen, Connektikut hat von Anfang an beinahe unerhörter Vortheile und Vorzüge sich zu erfreuen gehabt in dem moralischen und religiösen Charakter seiner Bewohner, in der Trefflichkeit seines Landes, und in der Reinheit seines Volkes und seiner Kirche.«

Herman Mordaunt schaute voll Ueberraschung und Erstaunen auf bei dieser Rede; Dirck aber und ich hatten schon so viele ähnliche gehört, daß uns diese als nichts Ungewöhnliches auffiel. Was die Ladies betrifft, so hatten sie zu viel gute Lebensart, um Blicke zu tauschen, wie Mädchen manchmal thun; aber ich sah wohl, daß Beide den, der so gesprochen, für einen sehr sonderbaren Menschen hielten.

»Ihr findet also einen Unterschied zwischen den Sitten und Gebräuchen der beiden Colonien, Sir?« fragte Herman Mordaunt.

»Wahrlich, einen ungeheuren Unterschied, Sir. Es fiel da eine Kleinigkeit vor mit Eurer Tochter, 'Squire Mordaunt, gleich das erste Mal, da ich sie sah,« – er sah sie jetzt zum zweiten Mal,– »Etwas was so wenig in Connektikut hätte vorfallen können, als man die ganze Provinz in diese Theetasse schieben kann.«

»Mit meiner Tochter, Mr. Newcome!«

»Ja, Sir, mit Eurer Tochter, mit der Miß, die hier dasitzt und so unschuldig aussieht, als wäre nie Etwas dergleichen geschehen.«

»Das ist so außerordentlich, Sir, daß ich Euch um eine Erklärung bitten muß.«

»Ihr dürft es wohl außerordentlich nennen, denn außerordentlich würde man es in ganz Connektikut finden; und ich wenigstens werde nie zugeben, daß, wenn dieß wirklich Yorker Sitte ist, York Recht hat oder haben kann.«

»Ich bitte dringend, Euch deutlicher zu erklären, Mr. Newcome.«

»Nun, Sir, Ihr müßt wissen, Corny hier, und ich und Dirck dort gingen hinein um den Löwen zu sehen, von welchem Ihr ohne Zweifel so Viel gehört haben müßt, und Corny bezahlte das Billet der Miß. Nun, das war Alles ganz recht, aber –«

»Hoffentlich, Anneke, hast Du doch nicht vergessen, Mr. Littlepage das Geld zu ersetzen?«

»Hört nur geduldig zu, mein lieber Sir, so werdet Ihr die ganze Geschichte erfahren, meine Sünden und Schuld mit eingeschlossen, wenn mir solche zur Last fallen.«

»Das gerade hat sie gethan, 'Squire Mordaunt, und ich behaupte, es ist kein Mann in ganz Connektikut, der es angenommen hätte. Wenn nicht Ladies sollen freigehalten werden können bei Schauspielen und andern Ergötzlichkeiten, so möchte ich doch wissen, wer denn sonst es soll?«

Herman Mordaunt sah zuerst den Redenden ernst an, aber nachdem er den Ausdruck unsrer Augen bemerkt hatte, antwortete er mit dem Takt eines Mannes von der besten Lebensart, wie er sich auch gewiß bei jeder Gelegenheit zeigte, wo er in den Fall kam:

»Ihr müßt es der Miß Mordaunt nachsehen, daß sie an ihren eigenen Gewohnheiten und Bräuchen festhält, Mr. Newcome, in Betracht ihrer Jugend und ihrer geringen Bekanntschaft mit der Welt, sofern diese über ihren nächsten kleinen Kreis hinaus geht. Wenn sie einmal Gelegenheit gehabt hat, Danbury zu besuchen, so wird sie ohne Zweifel diese Gelegenheit sich zu Nutze machen.«

»Aber Corny, Sir – bedenkt nur, daß Corny einen solchen Mißgriff begehen konnte!«

»Was Mr. Littlepage betrifft, so muß ich vermuthen, er leidet unter derselben Ungunst der Verhältnisse. Wir sind hier weniger galant, als Ihr in Connektikut wohl seyd; daher Eure Ueberlegenheit. In künftigen Tagen vielleicht, wenn die gesellschaftliche Bildung größere Fortschritte unter uns gemacht haben wird, werden unsere jungen Männer auch die Unschicklichkeit einsehen, das schöne Geschlecht für sich selbst bezahlen zu lassen für irgend Etwas, wären es auch ihre Bänder. Ich weiß schon lange, Sir, daß Ihr in Neu-England darauf Anspruch macht, Eure Frauen besser zu behandeln, als sie in irgend einem Theile der bewohnten Welt behandelt werden, und diesem Umstand ist es wohl zuzuschreiben, daß sie sich des Vortheils erfreuen, freigehalten zu werden.«

Mit diesem Zugeständniß war Jason dem Anschein nach zufrieden. Wie oft und viel habe ich seit der Zeit die Kundgebungen dieser provinzialen Gesinnungen, entsprungen aus provinzialer Unwissenheit, beobachtet! Es ist gewiß, daß unsere Mitunterthanen von den östlichen Provinzen es nicht lieben, ihr Licht unter den Scheffel zu stellen, sondern alle ihre Vorzüge und Vortheile bestens benützen. Daß sie uns in New-York in einigen Hinsichten überlegen sind, will ich ganz gerne zugeben; aber gewiß gibt es auch Punkte, in welchen diese Überlegenheit weit weniger augenfällig ist. Was Jason betrifft, so war er gänzlich befriedigt von Herman Mordaunt's Antwort, und erinnerte später wieder oftmals daran, zu meiner Beschämung, wie er glaubte, und mit nicht geringer Selbstgefälligkeit. Gewiß ist es eine schwere Aufgabe, einem selbstgefälligen, eigenliebigen Colonisten es in den Kopf zu bringen, daß sein kleiner Winkel der Erde nicht der Inbegriff alles dessen seyn soll, was billig, gerecht, gut und geschmackvoll heißt!

Ich verließ an jenem Tage Lilakbush mit gewaltiger Liebe im Herzen. Ich würde es für unmännlich halten, wenn ich dieß zu verhehlen suchen wollte. Anneke hatte von Anfang an einen lebhaften Eindruck auf mich gemacht, aber dieser Eindruck war jetzt tiefer eingedrungen als nur in die Phantasie und hatte das Herz fühlbar ergriffen. Vielleicht mußte man sie in der Zurückgezogenheit des rein häuslichen Kreises sehen, um alle ihre Reize in ihrem ganzen Zauber zu würdigen und zu empfinden. In der Stadt hatte ich sie gewöhnlich unter vielen Menschen gesehen, umgeben von Bewunderern oder von andern jungen Leuten ihres Geschlechts, und da war weniger Gelegenheit, den Einfluß zu beobachten, welchen die Natur oder die Gefühle des Herzens auf ihr Wesen und Benehmen übten. Aber hier, wo sie Mary Wallace an ihrer Seite hatte, fehlte ihr nie die Genossin, gegen welche sie diese Gefühle hinlänglich äußern konnte, so daß die ganze Liebenswürdigkeit ihres Wesens, ohne Anstrengung und ohne Ziererei sich offenbarte. Anne Mordaunt sprach nie zu ihrer Freundin, ohne daß in ihrem Wesen eine Veränderung sichtbar wurde. Innige Liebe tönte in ihrer süßen Stimme, Vertrauen strahlte in ihrem Auge, und Achtung und Hochschätzung malten sich in der erwartungsvollen Hingebung ihres Antlitzes. Mary Wallace war zwei Jahre älter als sie, und diese zwei Jahre, in Verbindung mit ihrem Charakter, berechtigten sie, diesen Tribut von ihrer vertrautesten Freundin zu empfangen; aber alle diese Gefühle stoßen ganz freiwillig und ungesucht aus dem Herzen, denn nie war der Umgang von zwei Angehörigen des schönen Geschlechts freier von allem Gemachten.

Ein Beweis davon, daß die Leidenschaft mich überwältigte, war, daß ich jetzt Dirck, seine offenbare Neigung, seine älteren Ansprüche, die Möglichkeit seines Erfolges ganz vergaß. Ich weiß nicht woher oder warum, aber gewiß war es, daß Herman Mordaunt große Freundschaft und Achtung für Dirck Van Valkenburgh zeigte. Die Verwandtschaft mochte dieß theilweise erklären, und es war möglich, daß der Vater schon die Vortheile erwog, die aus einer solchen Verbindung erwachsen würden. Oberst Follock galt für einen reichen Mann, nach unserem damaligen Maßstabe für Reichthum; und der junge Mensch selbst besaß neben einer schönen männlichen Gestalt, welche sich rasch zu der eines jugendlichen Herkules entwickelte, eine vortreffliche Gemüthsart und einen guten Ruf. Dennoch beunruhigte mich dieser Gedanke nie. Von Dirck befürchtete ich Nichts, während Bulstrode mir von Anfang an sehr bange machte. Ich sah alle seine Vorzüge und Vortheile, und mag sie sogar vergrößert haben, während die meines nächsten und vertrautesten Freundes mir gar keine Besorgniß machten. Es ist möglich, wenn Dirck sich öfter oder deutlicher meinem Geiste dargestellt hätte, daß ein Gefühl der Großmuth mich hätte veranlassen können, mich bei Zeiten zurückzuziehen, und ihm ein Feld einzuräumen, auf welches er die früheren Ansprüche hatte. Aber nach dem Morgen in Lilaksbush war es zu spät zu einem solchen Opfer von meiner Seite, und ich ritt an der Seite meines Freundes von dem Hause weg, so wenig an seine Neigung zu Anneke denkend, als wenn er nie eine solche empfunden hätte. Was meine Hoffnungen und Ansprüche in Bezug auf Anneke Mordaunt betraf, so hatte hier von jetzt an die Großmuth keine Stimme mehr.

»Nun,« begann Jason, sobald wir nur erst recht im Sattel saßen, »diese Mordaunt's stehen doch eine Sprosse selbst über Euren Leuten, Corny! Es war mehr Silbergeschirr in dem Zimmer, worin wir aßen, als sich in diesem Augenblick in ganz Danbury findet! Der Aufwand geht bis zur Verschwendung. Der alte Gentleman muß verzweifelt reich seyn, Dirck?«

»Herman Mordaunt hat ein schönes Besitzthum, und sehr wenig davon ist für Silbergeschirr hinausgegangen, Jason; was Ihr gesehen habt, ist alt und entweder von Holland oder von England, dem einen oder dem andern Mutterland gekommen.«

»Oh! Holland ist für mich kein Mutterland, mein Junge. Verlaßt Euch darauf, all dieß Silber ist da nicht umsonst aufgestellt. Wenn man der Wahrheit auf den Grund kommen könnte, so führt dieser Herman Mordaunt, wie Ihr ihn nennt, obgleich ich nicht einsehe, warum Ihr ihn nicht Squire Mordaunt nennen könntet, wie andere Leute, nun dieser Mr. Mordaunt führt, vermuthe ich, die Absicht im Schilde, seine Tochter an einen dieser englischen Offiziere los zu werden, deren gerade jetzt so viele in der Provinz sind. Ich habe zwar den Gentleman nicht selbst gesehen, aber es wurde gar oft ein gewisser Bulstrode genannt diesen Vormittag« – Jason's Morgen ging immer mit seiner gewöhnlichen Frühstückstunde zu Ende,– »und ich vermuthe fast, er wird bei dem Rennen den Preis davon tragen, das ist meine Berechnung, und meine Berechnungen sind selten falsch.«

»Habt Ihr einen besondern Grund, Mr. Newcome, daß Ihr eine solche Meinung auszusprechen Euch erlaubt?« fragte ich etwas finster.

»Ei, fangen wir doch nicht hier, auf der Landstraße, an ›Mister‹ zu einander zu sagen. Ihr seyd Corny, Dirck ist Dirck, und ich bin Jason. Der kürzeste Weg ist gewöhnlich der beste, und ich liebe es, wenn Freunde einander mit ihrem Namen kurzweg nennen. Ob ich einen besondern Grund habe? – Ja, Gründe genug, und zwar sehr gute. Erstlich hat kein Mann eine Tochter, der nicht nachgerade darauf dächte, nach seinen Kräften und Vermögen sie in der Welt anzubringen; sodann, wie ich schon gesagt habe, diese Leute vom Mutterlande sind entsetzlich reich, und reiche Männer sind immer den Eltern angenehm, wie sie auch den Kindern selbst gefallen mögen. Ueberdieß werden auch einige dieser Offiziere Erbe von Titeln werden, und das ist eine verzweifelte Versuchung für ein Weib in der ganzen Welt. Ich glaube, es ist kein junges Frauenzimmer in Danbury, das einem wirklichen, ächten Titel widerstehen könnte.«

Es ist mir immer als etwas Besonderes aufgefallen, daß die Leute aus der Gegend der Provinzen, wo Jason herstammte, einen so gewaltigen Respekt vor Titeln hatten. In keinem Theile der Welt herrschen einfachere Sitten und Gewohnheiten, und nicht leicht ist es, ein civilisirtes Volk zu finden, unter welchem größere Gleichheit der wirklichen Lebensverhältnisse herrschte, die, so sollte man glauben, nothwendig auch Gleichheit in der Gesinnung erzeugen müßte, als in Connektikut noch in diesem Augenblick. Ungeachtet dieser Umstände ist die Titelsucht so groß, daß sogar der Titel Sergeant oft dem Namen eines Mannes auf seinem Grabstein, oder bei Heiraths- oder Todes-Anzeigen vorgesetzt wird; und der Lieutenants und Fähnriche von der Miliz ist kein Ende. Diacon ist ein wichtiger Titel, der selten weggelassen wird; und Wehe demjenigen, der vergäße, einen Magistrat ›Esquire‹ anzureden. Bei uns herrschten diese Gebräuche nicht; oder wenn auch, doch nur unter dem Theile der Bevölkerung unserer Colonie, welcher aus Neu-England stammt und noch einen Theil der dortigen Bräuche und Sitten beibehalten hat. Sodann wird in keinem Theil der Colonie englischem Range größere Ehrfurcht gezollt, als in Neu-England durchgängig, obgleich die meisten dieser Provinzen das Recht haben, beinahe alle ihre Beamten selbst zu wählen. Ich gebe zu, daß auch wir in New-York Männern von Rang und Geburt aus dem Mutterlande viele Ehre bezeigen, und daran thun wir wohl recht; aber ich glaube nicht, daß unsere Huldigung und Ehrerbietung so groß oder irgend so allgemein ist, wie in Neu-England. Es ist möglich, daß der Einfluß der Holländer seine Wirkungen auf den geselligen Zustand noch fortwährend äußert, obwohl man mir gesagt hat, daß die Colonien weiter südlich in diesem Punkte so ziemlich denselben Charakter bethätigen, wie wir.

Wir erreichten Satanstoe etwas spät, in Folge des Aufenthalts zu Lilaksbush, und wurden mit Wärme und Zärtlichkeit bewillkommnet. Meine treffliche Mutter war hoch erfreut, mich wieder nach Hause zurückgekehrt zu sehen nach einer so langen Abwesenheit, und zwar einer Abwesenheit, die ihr nicht ganz gefahrlos erschien, in Betracht, daß ich ganze vierzehn Tage unter den Versuchungen und Vezauberungen der Hauptstadt verlebt hatte. Ich sah ihr Thränen in den Augen stehen, als sie mich zu wiederholten Malen küßte, und fühlte ihre sanfte, warme Umarmung, als sie mich voll mütterlichen Dankes gegen Gott an ihre Brust drückte.

Natürlich hatte ich nun Bericht zu erstatten von Allem, was ich gesehen und gethan hatte, Pinkster, das Theater und den Löwen mit eingeschlossen. Ich sagte jedoch Nichts von den Mordaunt's, bis ich von meiner Mutter über sie gefragt wurde, volle vierzehn Tage, nachdem Dirck nach Rockland hinüber gegangen war. Eines Morgens, als ich in meinem Zimmer dasaß, bemüht ein Sonett zu dichten, trat diese treffliche Mutter herein und setzte sich an meinen Tisch mit der Vertraulichkeit, welche bei dem Verhältniß der Mutter zum Sohn so natürlich und gerecht ist. Sie strickte zugleich, denn nie war sie müßig als im Schlafe. Ich sah aus dem freundlichen Lächeln ihres Gesichts, das, der Himmel segne sie! noch ganz glatt und schön war, daß sie Etwas auf dem Herzen hatte, was ihr durchaus nicht unangenehm war; und ich erwartete mit einiger Neugier, was sie mir eröffnen würde. Diese treffliche Mutter! Wie ganz handelte sie nach ihren eigensten Antrieben in Allem, was den entferntesten Bezug auf meine Hoffnungen und auf mein Glück hatte!

»Beendige deine Schreiberei, mein Sohn,« begann meine Mutter, denn ich hatte instinktmäßig das Sonett zu verbergen gesucht: »beendige deine Schreiberei; bis du fertig bist, will ich ganz still seyn.«

»Ich bin jetzt fertig, Mutter, es war nur eine Copie von Versen, welche ich vollends ins Reine schreiben wollte – wißt Ihr, – das heißt – ins Reine schreiben, wißt Ihr.«

»Ich wußte nicht, daß Du ein Dichter seyest, Corny,« versetzte meine Mutter, noch vergnügter lächelnd, denn es will Etwas heißen, die Mutter eines Dichters zu seyn.

»Ich! – Ich ein Dichter, Mutter? – Eher wollte ich Schulmeister werden als Dichter. Ja, lieber wollte ich Jason Newcome selbst seyn, als es auch nur für möglich halten, daß ich ein Poet seyn könnte.«

»Nun, laß es gut seyn; die Leute werden, glaube ich, nie Poeten mit offenen, sehenden Augen. Aber was ist denn das, was ich höre, daß Du eine schöne junge Lady aus dem Rachen eines Löwen gerettet habest, während Deines Aufenthalts in der Stadt? und warum mußte ich alle diese Nachrichten erst von Mr. Newcome erfahren?« Ich glaube mein Gesicht wurde scharlachroth, aber mein Gefühl war, wie wenn es in Feuer stände, und meine Mutter lächelte noch entschiedener als je zuvor. Sprechen! ich hätte nicht sprechen können, und wenn mich Anneke so angelächelt hätte.

»Es ist gar nichts daran, dessen Du dich zu schämen hättest, Corny, wenn Du eine junge Lady aus dem Rachen eines Löwen rettetest, oder in das Haus ihres Vaters gingst, um den Dank der Familie zu empfangen. Die Mordaunt's sind eine Familie, welche Jedermann mit Vergnügen besuchen kann. War die Schlacht zwischen dir und dem Thier ein sehr verzweifelter Kampf, mein Kind?«

»Pah, Mutter! – Jason ist ein Neuigkeits- und Wunder-Krämer und macht Berge aus Maulwurfshäufen. Erstlich statt Rachen müßt Ihr sagen Tatzen, und statt eine junge Lady ihren Shawl

»Ja, ich hörte, es sey der Shawl gewesen; aber sie hatte ihn um die Schultern, und sie hätte nicht rechtzeitig sich desselben entledigen können, um sich zu retten, hättest Du nicht so viel Geistesgegenwart und Muth bewiesen. Was den Rachen betrifft, so war das, glaube ich, mein Mißverständnis, denn Mr. Newcome hat allerdings von Tatzen gesprochen.«

»Nun, Mutter, es soll seyn, wie Ihr wollt. Ich leistete einen kleinen Dienst einer sehr reizenden jungen Dame und sie und ihr Vater waren artig gegen mich, wie es ganz natürlich war. Herman Mordaunt ist ein uns Allen bekannter Name, und wie Ihr sagt, es ist eine Familie, welche besuchen zu dürfen Jedermann stolz und gewiß auch erfreut seyn mag!«

»Wie sonderbar das ist, Corny!« sagte meine Mutter, halb nachdenklich und mit sich selbst sprechend – »Du bist ein einziges Kind, und Anneke Mordaunt ist auch ein einziges Kind, wie mir Dirck Follock oft gesagt hat.«

»Also hat Dirck früher schon öfters von Anneke mit Euch gesprochen, Mutter?« »Oft und viel; sie sind verwandt, wie Du gehört haben mußt; und das bist Du eigentlich auch, wenn Du es nur gewußt hättest.«

»Ich? – verwandt mit Anneke Mordaunt? – aber doch nicht zu nahe?«

Meine gute Mutter lächelte wieder, während ich mich im nächsten Augenblick arg schämte wegen meiner Frage. Ich glaube, daß von diesem Augenblick an die Ahnung der Wahrheit, in Betreff meiner jugendlichen Leidenschaft, in der Seele dieser zärtlichen Mutter auflebte.

»Allerdings verwandt, Corny, und ich will Dir sagen, wie? Meine Ururgroßmutter, Alida van der Heyden, war eine Base im ersten Glied von Herman Mordaunt's Ururgroßmutter von mütterlicher Seite, welche eine Van Kleeck war. So, siehst Du, bist Du mit Anneke wirklich verwandt.«

»Gerade nahe genug, Mutter, um sich in ihrem Hause heimisch zu fühlen, und nicht so nahe, daß die Verwandtschaft lästig würde.«

»Man sagt mir, mein Kind, Anneke sey ein holdseliges Geschöpf!«

»Wenn Schönheit, Sittsamkeit, Anmuth, Sanftmuth, Geist, Verstand, Zartgefühl, Tugend und Frömmigkeit eine Jungfrau von siebzehn Jahren zu einem holdseligen Geschöpf machen können, Mutter, so verdient Anneke diesen Namen.«

Meine gute Mutter schien überrascht über die Wärme, womit ich sprach, aber sie lächelte noch zufriedener und freundlicher als vorher. Statt jedoch den Gegenstand weiter zu verfolgen, erachtete sie für passend, ihn mit einem andern zu vertauschen und sie begann von den Aussichten des Jahres zu sprechen, und von den vielen Gründen, die wir zur Dankbarkeit gegen Gott hätten. Ich vermuthe, sie hatte mit dem Instinkt des Weibes für den Augenblick genug erfahren, um damit zufrieden zu sehn.

Bald folgte der Sommer auf den Mai, welcher für mich so wichtig geworden war, und ich suchte Beschäftigung auf dem Felde. Aber es wollte mit der Beschäftigung nicht recht gehen. Anneke stand vor meiner Seele, wohin ich gehen mochte; und froh war ich, als Dirck, gegen Mitte des Sommers, bei einem seiner periodischen Besuche in Satanstoe den Vorschlag machte, wir wollten wieder nach Lilaksbush reiten und dort einen Besuch machen. Er hatte ein Billet geschrieben, des Inhalts, daß wir uns gerne für einen der nächsten Tage ein Diner und Betten erbäten, falls es nicht unbequem wäre; und er wartete die Antwort auf dem Landhals ab; diese Antwort kam zur gehörigen Zeit mit der Post, und sie lautete, wie wir es nur wünschen konnten. Herman Mordaunt hieß uns herzlich willkommen, und gab uns die erfreuliche Nachricht, seine Tochter und Mary Wallace würden Beide anwesend seyn, uns zu empfangen. Ich beneidete Dirck um die mannhafte Gesinnung, welche ihn diesen einfachen und ehrenhaften Weg zu seinem Zweck hatte einschlagen machen.

Wir ritten also demgemäß über Feld und kamen einige Stunden vor dem Mittagessen in Lilaksbush an. Anneke empfing uns mit glänzender Röthe im Antlitz und freundlichem Lächeln, doch konnte ich nicht den leisesten Unterschied in ihrem Benehmen gegen den Einen oder den Andern entdecken. Gegen Beide war sie anmuthig, verbindlich, wie es einem Mädchen von Bildung ziemt. Keine Erwähnung früherer Vorfälle fand statt, ausgenommen einige Bemerkungen, welche über das Theater gemacht wurden. Die Offiziere hatten fortgefahren, Vorstellungen zu geben, bis das –te Regiment den Strom hinauf beordert wurde, worauf sich denn Bulstrode, Billings, Harris, die tugendhafte Marcia; und Alle mit einander nach Albany begaben. Anneke war der Meinung, es sey an diesen Vorstellungen ungefähr ebenso Viel zu tadeln, als zu loben, eben so viel Mißfälliges als Erfreuliches, obgleich ihr Aufbruch aufs Land sie verhindert hatte, überhaupt mehr als drei zu sehen. Allgemein jedoch wurde zugestanden, daß Bulstrode bewunderswürdig spiele; und es wurde sogar von gewissen Personen bedauert, daß er sich nicht ganz dem Theater gewidmet habe. Wir blieben über Nacht in Lilaksbush und verweilten am nächsten Morgen noch ein paar Stunden nach dem Frühstück daselbst. Ich hatte eine herzliche Einladung von meinen beiden Eltern an Herman Mordaunt mitgebracht, mit den jungen Ladies hinüberzureiten und die Fische des Sound zu kosten; und wirklich wurde unser Besuch im Laufe des Monats September erwiedert. Meine Mutter empfing Anneke wie eine Verwandte; obwohl, glaube ich, Herman Mordaunt und seine Tochter überrascht waren, als sie erfuhren, daß sie in den Kreis der doch so weit ausgedehnten, holländischen Verwandtschaft fielen. Es schien ihnen jedoch gar nicht zu mißfallen, denn der Familienname meiner Mutter war gut, und mit ihr selbst persönlich verwandt zu seyn, dessen hätte sich kein Mensch schämen dürfen. Unsere Gäste blieben nicht über Nacht, sondern verließen uns etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang in einer Art Chaise, welche Herman Mordaunt zum Behuf von Reisen über Land hielt. Ich bestieg mein Pferd, begleitete die Gesellschaft etwa fünf Meilen weit auf dem Rückweg, und verabschiedete mich dann von Anneke, – und zwar, so wie es sich fügte, für viele, viele traurige Monate.

Das Jahr 1757 war denkwürdig für die Colonien wegen der Fortschritte, welche der Krieg machte, und zwar in New-York nicht weniger als in andern Provinzen. Montcalm war bis an den Lake George vorgerückt, hatte das Fort William Henry genommen, und ein fürchterliches Blutbad unter der Besatzung hatte stattgefunden. Diese kühne Operation sicherte dem Feind den Besitz von Champlain; und der starke Posten Tikonderoga ward angemessen besetzt von einer furchtbaren Macht. Die politischen Angelegenheiten der Colonie bekamen durchaus ein trübes Ansehen; und es war allgemeine Meinung, daß im nächsten Feldzug eine gewaltige Anstrengung gemacht werden müsse, um den Verlust wieder gut zu machen. Das Gerücht sprach von großen Verstärkungen aus dem Mutterlande und von noch stärkern Aushebungen und Aufgeboten in den Colonien selbst, als man bisher versucht hatte. Lord London sollte zurückgerufen werden, und ein Veteran mit Namen Abercrombie ihm im Commando sämmtlicher Streitkräfte des Königs folgen. Regimenter langten nach und nach von Westindien an, und im Verlauf des Winters von 1757 auf 58 hörten wir in Satanstoe von den Lustbarkeiten, welche diese neuen Streitkräfte in der Stadt veranlaßt hatten. Unter andern war eine regelmäßige Schauspielertruppe aus Westindien angekommen.

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