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George Gordon Noël Byron: Sardanapal - Kapitel 6
Quellenangabe
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typedrama
authorGeorge Byron
titleSardanapal
publisherVerlag von Phillip Reclam jun.
seriesLord Byrons sämtliche Werke
volumeDritter Band
translatorAdolf Seubert
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Dritter Act

Erster Auftritt.

Beleuchteter Saal im Palast.

Sardanapal und seine Gäste bei Tische. – Draußen Gewitter. Hie und da hört man während des Banketts donnern.

Sardanapal. Die Becher füllt! Heut' ist es, wie ich's liebe.
Hier ist mein wahres Reich: bei hellen Augen
Und bei Gesichtern, die so froh wie schön!
Bis hierher reicht kein Gram.

Zamis. Noch irgendhin,
Wo unser König ist – da ist auch Lust.

Sardanapal. Ist es nicht besser so als Nimrods Jagden?
Als meiner wilden Ahne Jagd nach Reichen,
Die sie erobern, doch nicht halten konnte?

Altada. So mächtig immer sie regiert, wie ja
Dein ganzes göttliches Geschlecht, so hat
Doch Keiner, der voran dir ging, die Höh'
Sardanapals erreicht, der seine Lust
Im Frieden fand, dem einzig wahren Ruhm.

Sardanapal. Und im Vergnügen, mein Altada, zu
Dem Ruhm der Weg nur ist. – Was suchen wir?
Ergötzlichkeit! Und auf dem nächsten Weg
Gehn wir dahin, statt über Menschenleichen,
Wo wir ein Grab bei jedem Tritte öffnen.

Zamis. Nein! alle Herzen sind beglückt und preisen
Des Friedens König laut, der eine Welt
In Lust erhält.

Sardanapal. Seid dessen ihr gewiß?
Ich hab' schon etwas Anderes gehört.
Man sagt, daß es Verräther gibt.

Zamis. Der ist
Verräther, der dies wagt zu sagen. Nein!
Unmöglich ist's! Wo wäre denn ein Grund?

Sardanapal. Ein Grund? 'S ist wahr! Füllt eure Becher nur!
Wir denken nicht mehr dran; 's gibt keine – oder
Wenn es auch gab, so sind sie fort.

Altada. Ihr Gäste,
Thut mir Bescheid, doch dies Mal auf den Knieen!
Trinkt auf das Wohl des Königs, unsers Herrn.
Was sag' ich? Nein! des Gotts Sardanapal.

(Zamis und die Gäste knien und rufen.)

Der Gott Sardanapal, der mächt'ger als
Sein Vater Baal!

(Es donnert, während sie knieen; Einige fahren erschrocken in die Höhe.)

Zamis. Was steht ihr, Freunde, auf?
Der mächt'ge Donner zeugt, daß seine Ahnen,
Die Götter, mit uns einverstanden sind.

Myrrha. Daß sie uns droh'n vielmehr! Mein König, du
Erträgst dies gottlos tolle Thun?

Sardanapal. Gottlos?
Nein! wenn die Könige, die vor mir waren,
Jetzt Götter sind, will ihrer Rasse Glanz
Ich nicht entweihn. – Doch, Freunde, steht nur auf!
Spart eure Ehrfurcht für den Donn'rer dort.
Ich will geliebt, nicht angebetet sein.

Altada. Ein jeder treue Unterthan soll Beides,
Ja Beides immer thun.

Sardanapal. Der Donner wächst,
'S ist eine Schreckensnacht.

Myrrha. Für Jeden ja,
Dem kein Palast sich hebt, wo die Verehrer
Er bergen kann.

Sardanapal. Sehr wahr, geliebte Myrrha!
Könnt' ich mein Reich verwandeln in ein groß
Gebäu, wo jedes Elend fände Schutz,
Ich thät's.

Myrrha. Du bist also kein Gott, da du
So gute Absicht nicht ins Werk kannst setzen,
Trotzdem du möcht'st?

Sardanapal. Und deine Götter also,
Sie könnten's wol, thun's aber nicht?

Myrrha. Sprich nicht
Davon, du forderst sie heraus.

Sardanapal. Ja, ja!
Sie sind, wenn man sie tadelt, wie die Menschen! –
Hört, Freunde, da kommt ein Gedanke mir!
Wenn's keine Tempel gäb', glaubt ihr, es gäb'
Anbeter in der freien Luft? Das heißt,
Wenn's grollt und donnert, wie es heute thut?

Myrrha. Der Perser betet auf den Bergen an.

Sardanapal. Ja, wenn die Sonne scheint.

Myrrha. Ich frage dich:
Wenn dachlos dein Palast und öde wär',
Wie viele Schmeichler leckten wol den Staub,
In dem der König läg'?

Altada. Zu spöttisch spricht
Die schöne Ionierin von einem Volk,
Das sie nicht kennt. Nein, die Assyrer kennen
Nur ihres Königs Glück: ihm dienen ist
Ihr größter Stolz.

Sardanapal. Verzeiht, ihr Gäste, doch
Der schönen Griechin Redefertigkeit.

Altada. Verzeihen, Herr? Wir ehren sie nächst dir
Am höchsten ja. – Horch! – Was war das?

Zamis. Ei nur
Der Schall von Thüren, die der Wind geworfen.

Altada. Es that wie das Geklirr von – Horch! – schon wieder!

Zamis. Der Regen ist's, der auf die Dächer fällt.

Sardanapal. Genug davon! – Myrrha! Mein Lieb'! Hast du
Dein Lautenspiel bereit? Sing' uns ein Lied,
Von Sappho ein's, weißt du, die sich ins Meer –

Pania tritt mit blutigem Schwert und Gewand, in höchster Aufregung herein. Die Gäste fahren erschrocken empor.

Pania (zu den Wachen). Besetzt die Thore! Rasch! eilt was ihr könnt
Zum äußern Wall! – Auf! zu den Waffen, auf!
Der König ist bedroht! – Mein Fürst! verzeih'
Die Hast! Die Treue trieb mich nur –

Sardanapal. Fahr fort!

Pania. Es ist, wie Salimenes fürchtete:
Verrath von den Satrapen!

Sardanapal. Halt! du bist
Verwundet. Gebt ihm Wein! – Komm erst zu Athem,
Mein guter Pania!

Pania. 'S ist nichts! Die Wunde
Ist nur im Fleisch. Ich bin mehr abgehetzt
Weil meinen Herrn zu warnen, ich so sehr
Geeilt, – als durch den Kampf verletzt.

Myrrha. Nun? – und?
Wie ist's mit den Rebellen? Sprich!

Pania. Kaum hatt'
Arbaces und Belesis ihr Quartier
Erreicht, so weigerten sie jeden Marsch.
Als ich versuchte, die Gewalt zu brauchen,
Die mir verliehen war, da wandten sie
An ihre Truppen sich, die nun in Trotz
Sich gegen mich erhoben.

Myrrha. Alle?

Pania. Nur
Zuviel!

Sardanapal. Halt' nichts zurück, um meinem Ohr
Die Wahrheit zu ersparen.

Pania. Meine Wache,
Zwar klein, blieb doch getreu, und was davon
Noch übrig blieb, ist's noch.

Myrrha. Und sind dies alle
Getreuen Kräfte, die uns bleiben?

Pania. Nein!
Die Baktrier, die Salimenes führt,
Der eben auf dem Wege zu mir war,
Weil ihn Verdacht auf jene Meder trieb,
Sind stark an Zahl und machen kräftig gegen
Die Aufgestand'nen Front, vertheid'gen Zoll
Um Zoll, und haben einen Kreis um den
Palast formirt, wo alle ihre Kraft
Sie concentriren, und dich retten wollen.
(Er zögert). – Ich bin beauftragt, dich –

Myrrha. Es ist jetzt nicht
Die Zeit zur Zögerung.

Pania. Prinz Salimenes
Ersucht den König dringend, sich zu waffnen,
Sei's einen Augenblick auch nur, und bei
Den Truppen sich zu zeigen. Dein Erscheinen
In dieser Stunde müßte mächt'ger wirken,
Als Heere für dich könnten thun.

Sardanapal. Heda!
Mein Rüstzeug her!

Myrrha. Du willst –?

Sardanapal. Warum denn nicht?
Macht fort! Doch sucht nicht nach dem Schild, der ist
Zu schwer! Ein leichter Panzer und mein Schwert!
Wo stehn die Schufte?

Pania. Einen Bogenschuß
Kaum von dem äußern Wall ras't jetzt der Kampf
Am heftigsten.

Sardanapal. So kann zu Pferd ich fechten.
He Sfero! Hol' mein Roß! Wir haben Platz
In unsern Höfen und am Außenthor,
Um halb Arabiens Reiter drauf zu tummeln. (Sfero ab.)

Myrrha. Wie lieb' ich dich!

Sardanapal. Nie zweifelt' ich daran.

Myrrha. Doch jetzt erst kenn' ich dich.

Sardanapal (zu seinem Diener). Bring' auch den Speer!
Wo ist denn Salimenes nur?

Pania. Wo ein
Soldat sein muß: im dicksten Kampf.

Sardanapal. Dann eil'
Zu ihm. – Ist noch die Straße frei? Besteht
Verbindung zwischen Phalanx und Palast?

Pania. Sie war noch, als ich ihn verließ. Auch fürcht'
Ich nichts, denn unsre Leute stehen fest;
Die Phalanx ist formirt.

Sardanapal. Sag' ihm, er soll
Noch schonen seine eigene Person.
Ich werde meine jetzt nicht schonen. Sag',
Ich komme gleich.

Pania. In diesen Worten schon
Liegt Sieg. (Pania ab.)

Sardanapal. Altada! Zamis! waffnet euch!
Im Waffensaal trefft alles Nöth'ge ihr.
Seid auch besorgt, daß man die Frau'n in den
Entfernteren Gemächern unterbringt
Und eine Wache stellt bei ihnen auf,
Mit dem Befehl, daß ihren Posten sie
Nur mit dem Leben lassen solle. Zamis!
Befehl'ge sie! – Altada, waffne dich
Und komm dann wieder her; dein Posten ist
Bei mir. (Alle außer Myrrha ab.)

Sfero und andere mit des Königs Waffen.

Sfero. Dein Rüstzeug, König!

Sardanapal. Gib! – Den Harnisch!
– So! – Meinen Schild! – Und jetzt mein Schwert! Ich hab'
Den Helm vergessen. Nun, wo ist er? – Gut!
Doch nein! der ist zu schwer. Ihr irrtet Euch.
Den meinte ich auch nicht. Ich will den andern,
Den mit dem Diadem.

Sfero. Zu sichtbar schien
Der mir, o Herr, der reichen Steine halb,
Um Eure heil'ge Stirn' damit zu schützen;
Und glaubt mir, der ist besser im Metall,
Wenn auch nicht ganz so reich.

Sardanapal. Das schien dir so?
Bist zum Rebellen du geworden? Mensch!
Nur zu gehorchen hast du! Geh' zurück!
Doch nein! es ist zu spät, und ohne Helm
Will ich jetzt gehn.

Sfero. Nehmt den hier wenigstens.

Sardanapal. Den Kaukasus? Nein, nein! Wie ein Gebirg'
Säß der mir auf dem Kopf.

Sfero. Mein König! so
Geht der gemeinste Krieger nicht in das
Gefecht. Es wird Euch Jedermann erkennen;
Denn das Gewitter ist vorbei, der Mond
Scheint hell.

Sardanapal. Ich gehe, daß man mich erkennt,
So wird man's um so eher thun. Nun, noch
Den Speer! – Ich bin bewehrt.

(Beim Gehen hält er schnell und wendet sich gegen Sfero.)

He Sfero! ich
Vergaß! Bring' doch den Spiegel!

Sfero. Herr, den Spiegel?

Sardanapal. Den von polirtem Kupfer, ja! der aus
Der ind'schen Beute stammt. – Doch spute dich! (Sfero ab.)
Myrrha, zieh' dich nach einem sichern Ort
Zurück. Was gingst du mit den andern nicht?

Myrrha. Weil hier mein Platz.

Sardanapal. Doch wenn ich geh'?

Myrrha. Ich folge!

Sardanapal. Auch in die Schlacht?

Myrrha. Und wär' es so, wär' ich
Die erste Griechin nicht, die diesen Pfad
Betrat. – Ich will hier warten, bis zurück
Du kehrst.

Sardanapal. Die Halle hier ist kein Versteck.
Hier wird zuerst man suchen, wenn's der Feind
Gewinnt. Und wenn ich dann nicht wiederkehr' –

Myrrha. So treffen wir uns doch.

Sardanapal. Wo das?

Myrrha. Dort, wo
Wir Alle einst uns treffen, tief im Hades,
Wenn, wie ich glaube, über'n Styx hinaus
Ein Land noch liegt. Und so das nicht, im Staub!

Sardanapal. Das willst du wagen?

Myrrha. Alles wage ich,
Nur überleben nicht, was ich geliebt,
Nur Beute der Empörer werden nicht!
Zieh' hin und kämpf', so brav du immer kannst.

Sfero kommt mit dem Spiegel zurück.

Sardanapal (betrachtet sich). Der Panzer steht mir gut, noch mehr die Kuppel,
Doch gar nicht dieser Helm.

(Wirft den Helm weg, nachdem er ihn noch einmal probirt hat.)

Mir scheint, ich seh'
Vortrefflich aus in diesem Putz. Nun will
Ich prüfen all das Zeug. – Altada! he!
Wo ist Altada?

Sfero. Draußen wartet er,
Er hält Euch Euern Schild bereit, mein König.

Sardanapal. Ah ich vergaß! er ist mein Schildknapp' ja
Kraft eines Rechts, das sich auf ihn vererbt. –
Umarme, Myrrha, mich! noch einmal! – noch
Einmal und lieb' mich, was auch kommen mag.
Mein höchster Ruhm soll sein, mich deiner Lieb'
Stets würdiger zu machen.

Myrrha. Geh' und sieg'! (Sardanapal mit Sfero ab.)
Ich bin allein, sie Alle sind hinaus;
Wie Wen'ge kehren von den Allen wol
Zurück! Wenn er nur siegt, mag ich zu Grund'
Auch gehn! Wenn er nicht siegt, dann jedenfalls
Geh' ich zu Grund. Ich überleb' ihn nicht.
Er hat sich um mein Herz gerankt, ich weiß
Nicht wie? warum? Nicht weil er König ist,
Denn jetzt schwankt unter seinem Thron sein Reich,
Die Erde gähnt, um ihm nicht mehr zu lassen
Als Grabesraum, doch lieb' ich ihn nur mehr.
Vergib die ungeheuerliche Lieb',
O mächt'ger Zeus! die ein Barbar mir ein-
Geflößt, der vom Olymp nichts weiß. Ich lieb'
Ihn doch! Jetzt noch weit mehr als – horch! das Kriegs-
Geschrei! Mich dünkt, es nähert sich. Wenn das
Sollt' sein – (zieht ein Fläschchen hervor) so mög' dies feine Colch'sche Gift,
Das zu bereiten einst mein Vater am
Euxin gelernt, und das er mich zu braun
Gelehrt, mich rasch befrein. Es hätte mich
Schon längst befreit, wenn ich geliebt nicht hätte
Und drob vergessen, daß ich Sklavin bin.
Wo Alle Sklaven sind, nur Einer nicht,
Und Alle stolz auf ihre Sklaverei,
– Sind sie von Einem nur bedient, der noch
Auf tiefrer Stufe steht der Dienstbarkeit –
Vergißt man leicht, daß Schellen, die als Schmuck
Wir angelegt, nicht wen'ger Fesseln sind. –
Schon wieder das Geschrei und das Geklirr
Von Waffen – jetzt – und jetzt –

Altada tritt auf.

Altada. He Sfero! he!

Myrrha. Er ist nicht hier. Was wolltest du von ihm?
Wie geht der Kampf?

Altada. Sehr heftig, zweifelhaft.

Myrrha. Was macht der König?

Altada. Er kämpft königlich.
Ich muß zu Sfero, um 'nen neuen Speer
Und einen Helm zu holen. Bisher focht'
Mit bloßem Haupt er und zu ausgesetzt.
Die Leute sehen sein Gesicht, doch auch
Der Feind; und in des Mondes klarem Licht
Macht ihn das seidne Band, sein Lockenhaar
Zu allzu königlichem Ziel. Und nach
Dem schönen Kopf und Haar, und nach dem Band,
Das beide krönt, zielt jeder Feindespfeil.

Myrrha. Ihr Götter! die ob meinem Vaterland
Ihr blitzt und donnert, schützet ihn! – Hat Euch
Der König selbst gesandt?

Altada. Nein, Salimenes.
Er schickte insgeheim und ohne daß
Der sorglose Monarch was weiß, mich mit
Dem Auftrag her. Der König kämpft so, wie
Er zecht! – He Sfero! he! – Im Rüstsaal such'
Ich ihn, dort muß er sein. (Altada ab.)

Myrrha. 'S ist keine Schande!
'S ist keine Schande mehr, daß ich den Mann
Geliebt. Ich wünsche jetzt beinah', was nie
Ich noch gewünscht: daß er ein Grieche wäre.
Wenn der Alcid sich dadurch schändete,
Daß er das Kleid zog an der Omphale
Und ihren Rocken trieb; verdient gewiß,
Wer plötzlich so zum Herkules sich wandelt,
Wenn er von Jugend auf in Weiberkunst
Genährt, vom Gastmahl weg tief in die Schlacht
Sich stürzt, daß ihn ein griechisch Mädchen liebt,
Daß einst ein griech'scher Sänger ihn besingt,
Ein griechisch Denkmal seinem Grabe wird.
– Wie steht der Kampf, mein Freund?

Ein Officier tritt ein.

Officier. Verzweifelt steht's,
Fast hoffnungslos verloren! – Zamis! Zamis!
Wo ist er denn?

Myrrha. Er commandirt die Wache,
Die vor dem Frau'ngemache schützend steht. (Officier ab.)
Er sagt mir nichts, als Alles sei verloren,
Und eilt hinweg. Was brauch' ich mehr zu wissen?
In diesen Worten, diesen wenig Worten
Vergeht ein König und ein Königreich,
Ein Haus, das dreizehnhundert Jahre blühte,
Von Tausenden das Leben, und das Glück
Von Allen, die der Tod verschont. Auch ich
Werd' dann mit Ihm – der leichten Blase gleich,
Die mit der Welle, die sie trug, verrinnt –
Zu nichts! Zum wenigsten ist mein Geschick
In meiner Hand. Kein stolzer Sieger soll
Bei seinem Beutetheil mich schaun.

Pania tritt auf.

Pania. Komm mit.
Und zög're nicht! Ein Augenblick nur bleibt,
Verlieren wir ihn nicht.

Myrrha. Der König ist –?

Pania. Er schickte mich hierher, dich fortzubringen
Durch den geheimen Gang ans andre Ufer.

Myrrha. So lebt er denn?

Pania. Und trug mir auf dein Leben
Zu sichern ihm. Er bittet, daß du lebst,
Lebst seinethalb, bis dir er sich vereint.

Myrrha. So will er fliehn?

Pania. Noch lange nicht! Er thut,
Was nur Verzweiflung kann, und Schritt vor Schritt
Vertheidigt jetzt er den Palast.

Myrrha. So sind
Sie hier? – Ja, ja, ihr Kriegsgeschrei durchtobt
Die alten Hallen, die Rebellenruf
Noch nie bis diese Schreckensnacht entweiht.
Leb' wohl, Assyriens Geschlecht! Lebt wohl,
Ihr Nimrodssöhne all! Der Name selbst
Ist schon nicht mehr!

Pania. Komm mit mir fort! komm fort!

Myrrha. Nein! sterben will ich hier! Geh' hin und sag'
Sardanapal, daß bis zum Tod ich ihn
Geliebt.

Sardanapal und Salimenes mit Soldaten treten auf. Pania verläßt Myrrha und gesellt sich zu jenen.

Sardanapal. Da's so weit ist, so wollen wir
Da, wo wir einst geboren, nun auch sterben,
Im eig'nen Haus! Schließt eure Reihn! steht fest!
Ich habe einen zuverläss'gen Hauptmann
Zu Zamis' Schaar geschickt, die frisch noch ist
Und treu. Gleich werden hier sie sein. Noch ist
Nicht Alles aus. Sorg', Pania, nur für Myrrha.

(Pania tritt wieder zu Myrrha.)

Salimenes. Wir können hier noch Athem schöpfen, Freunde!
Dann noch einmal, drauf für Assyrien!

Sardanapal. Nein! sag' für Baktrien! Ich will hinfort
Euch König sein, ihr treuen Baktrier.
Zusammen halten wollen wir dies Reich,
Und wär's nur noch Provinz.

Salimenes. Sie kommen, horch!
Sie rücken an!

Belesis und Arbaces mit Rebellen treten auf.

Arbaces. Greift an! Wir haben sie
Im Garn. Greift an!

Belesis. Drauf! Drauf! Der Himmel ficht
Für uns und mit uns, drauf!

(Sie greifen den König und Salimenes an, die sich abwehrend verhalten, bis Zamis mit der oben erwähnten Schaar anlangt. Die Rebellen werden hierauf zurückgeworfen und von Salimenes verfolgt. Wie auch der König sie verfolgen will, tritt ihm Belesis entgegen.)

Belesis. Hollah, Tyrann!
Ich ende jetzt den Krieg.

Sardanapal. So thu' auch ich,
Mein kriegerischer Pfaff und Erzprophet,
Mein dankbarer und treuer Unterthan!
Ergib dich mir, ich bitt' Ich möchte dich
Für ein geeigneter Gericht bewahren
Und meine Hand in heilig Blut nicht tauchen.

Belesis. Ha! deine Stunde ist gekommen!

Sardanapal. Nein!
Die deine ist's. Ich las noch jüngst, obschon
Erst junger Astrologe, in den Sternen,
Und als ich an den Thierkreis kam, fand ich
Dein Schicksal im Scorpion, und das bedeutet,
Daß du zertreten wirst.

Belesis. Doch nicht durch dich!

(Sie fechten. Belesis wird verwundet und entwaffnet.)

Sardanapal (erhebt das Schwert, um ihn nieder zu stoßen).
Ruf deine Sterne an, herabzuschießen,
Um ihren Seher, ihren Ruf zu retten!

(Eine Abtheilung Rebellen stürmt herein und befreit Belesis. Sie greift den König an, der seinerseits durch eine Abtheilung Soldaten gerettet wird, welche die Rebellen vertreiben.)

Der Schuft war also doch wol ein Prophet.
Auf sie, ihr Leute! unser ist der Sieg! (Sie verfolgen jene.)

Myrrha (zu Pania). Verfolge sie! Was stehst du hier und läßt
Der Kameraden Reihen ohne dich
Zum Siege gehn?

Pania. Der König gab mir den
Befehl, dich nicht mehr zu verlassen.

Myrrha. Mich?
Denk' nicht an mich, mein Freund! Jetzt darf der Arm
Von keinem einz'gen Streiter fehlen. Geh'!
Ich will, ich brauche keine Wache. – Wie?
Wo eine Welt steht auf dem Spiel, läßt man
Ein Weib bewachen? Fort, sag' ich! wenn du
Noch Ehre hast im Leib; – Du weigerst dich?
Nun so geh' ich, ein schwaches Weib, und stürz'
Mich mitten in den wilden Kampf, und heiß'
Dich mich bewachen dort, wo deinen Herrn
Du schützen solltst. (Myrrha ab.)

Pania. Bleibt, Jungfrau!– Sie ist fort.
Wenn Etwas ihr passiren sollt', möcht' lieber
Mein eigen Leben ich verlieren, denn
Sardanapal hält sie weit höher als
Sein Reich; doch ficht er jetzt für dieses auch.
Und kann ich wen'ger thun als er, der nie
Bis jetzt ein Schwert noch schwang? – O Myrrha! kehr'
Zurück und ich gehorche dir, muß auch
Dem König so ich ungehorsam sein. (Pania ab.)

Altada und Sfero treten durch die entgegengesetzte Thüre ein.

Altada. He, Myrrha! – Nicht mehr da? – Doch war sie hier,
Als hoch die Schlacht noch ging; auch Pania.
Sollt' ihnen was begegnet sein?

Sfero. Ich sah
Sie beide ganz, als die Rebellen flohn.
Sie haben sich nun wol zurückgezogen
Und sind dem Harem zu.

Altada. Wenn der Monarch
Heut' Sieger bleibt, wie es den Anschein hat,
Und seine Ionierin vermißt, so geht's
Uns schlimmer als gefangenen Rebellen.

Sfero. So suchen wir sie auf; sie können weit
Nicht sein. Wenn wir sie finden, bildet sie
'Nen reichern Preis für unsern süßen Herrn
Als sein zurückerobert Königreich.

Altada. Baal selbst focht wilder nie, um sich ein Reich
Zu gründen, als sein zarter Enkel es
Zu retten that. Zu Schanden macht' er so
Die Prophezeiungen von Freund und Feind;
Und wie ein dumpfer, schwüler Sommertag
Ein abendlich Gewitter bringt, so bricht
Er jetzt mit einem Donner drein, der scharf
Die Luft durchfegt, die Erde überschwemmt.
Der Mann ist unberechenbar.

Sfero. Nicht mehr
Als Andre sind, denn der Verhältnisse
Geschöpf sind Alle doch. – Komm fort! laß uns
Die Sklavin suchen, oder uns gefaßt
Drauf machen, daß für seine Narrheit man
Uns foltert, und ob schuldlos auch, verdammt. (Beide ab.)

Salimenes und Soldaten treten auf.

Salimenes. Der Sieg schwankt hin und her. Von dem Palast
Ist abgewehrt der Feind; und mit den Truppen,
Die auf des Euphrats andrem Ufer stehn,
Verbindung hergestellt. Und hoffentlich
Sind Die noch treu. Sie müssen es wol sein,
Wenn sie vernehmen, daß wir hier gesiegt. –
Wo aber bleibt denn unser Siegesheld?
Wo ist der König?

Sardanapal mit seinen Leuten und Myrrha treten auf.

Sardanapal. Hier, mein Bruder!

Salimenes. Ah!
Und unverwundet doch?

Sardanapal. Nicht ganz. Doch laß
Das sein. Wir haben den Palast gesäubert.

Salimenes. Ich hoffe, auch die Stadt. Es wächst das Heer.
Ich hab' 'ne Schaar von Parthern vorgeschickt,
Die bisher klug zurückbehalten, jetzt
Noch frisch und feurig sind. Sie sollen auf,
Die Weichenden sich stürzen und in Flucht
Den Rückzug wandeln.

Sardanapal. Das ist schon geschehn.
Sie liefen schneller wenigstens, als ich
Mit meinen Baktriern nur folgen konnt',
Trotzdem wir keine Müh' gespart. – Ich bin
Erschöpft. Gebt mir 'nen Stuhl!

Salimenes. Hier steht der Thron.

Sardanapal. Das ist kein Platz zum Ruhn, nicht für den Leib,
Nicht für den Geist! Gebt mir mein Ruhebett,
Nen Bauernstuhl, gleichviel was es auch ist!

(Sie stellen ihm einen Sitz hin.)

So! freier athm' ich jetzt.

Salimenes. Der heut'ge Tag
Ist deines, Lebens hellster, rühmlichster.

Sardanapal. Und auch der lästigste. – Wo ist mein Mundschenk?
Bringt etwas Wasser mir.

Salimenes (lächelnd). Das erste Mal,
Daß solche Weisung er erhielt. Selbst ich,
Der strengste Eurer Räthe, spräche heut'
Für rötheres Getränk.

Sardanapal. Für Blut – nicht wahr?
Doch davon haben wir genug vergossen.
Und was den Wein betrifft, so habe ich
Den Werth des reinen Elements heut' Nacht
Erkannt: Drei Mal trank ich davon, und drei
Mal gab es größre Stärke mir, als je
Die Traube that, zum Angriff auf den Feind. –
Wo ist der Mann, der Wasser mir im Helm
Gebracht?

Ein Soldat. Er fiel, mein König. Als er grad'
Die letzten Tropfen aus dem Helm geschüttelt
Und auf das Haupt ihn wieder setzen wollt',
Fuhr durch die Stirne ihm ein Pfeil.

Sardanapal. So fiel
Er unbelohnt! fiel, weil er meinem Durst
Gedient, der arme Sklave! das ist hart!
Blieb er am Leben, hätt' mit Gold ich ihn
Gestopft. Doch alles Gold der Welt hätt' doch
Die Wonne dieses Trunks ihm nicht bezahlt,
Denn ich war ausgedörrt wie jetzt. (Man bringt Wasser; er trinkt.)
Jetzt leb'
Ich wieder! Künftig will den Wein ich für
Der Liebe Stunden vorbehalten, doch
Mit Wasser führen meinen Krieg.

Salimenes. Und was,
Mein König, soll die Binde hier am Arm?

Sardanapal. Ein Ritz vom tapferen Belesis.

Myrrha. Ach!
Verwundet ist mein Fürst?

Sardanapal. Nicht eben sehr,
Doch fühlt es steifer sich und schmerzlicher,
Seitdem ich kühler bin.

Myrrha. Ihr bandet's mit –?

Sardanapal. Der Binde meines Diadems. Es ist
Das erste Mal, daß dieser Schmuck mir mehr
Als eine Last nur war.

Myrrha (zu den Dienern). Holt eilends den
Geschicktsten Arzt! – Ich bitt', zieht Euch zurück,
Ich will Euch neu verbinden, Eurer pflegen.

Sardanapal. Thu das! schon hämmert es gehörig hier.
Verstehst du denn von Wunden was? Jedoch
Was frage ich! Weißt du, mein Bruder, wo
Ich dieses Liebchen traf?

Salimenes. Bei andern Mädchen wol,
Die wie Gazellen ängstlich sich geflüchtet.

Sardanapal. Nein, wie die Mutter eines jungen Löwen
Im Grimm des Weibs – und Grimm des Weibs heißt Wuth,
Denn aller Leidenschaften Uebermaß
Ist weiblich ja – mit ihrem Jungen auf
Den Jäger stürmt, trieb mit Geberd' und Wort,
Mit Flammenblick und aufgelöstem Haar,
Sie die Soldaten' zur Verfolgung an.

Salimenes. Ist's wahr?

Sardanapal. Ja, diese Nacht hat nicht nur mich
Zum Mann der Schlacht gemacht. Ich mußte stehn,
Sie anzuschaun: Und die erhitzten Wangen;
Das schwarze Aug', das durch ihr langes Haar,
Das drüber floß, geblitzt; die blauen Adern,
Die sichtbar schwollen auf der feinen Schläfe;
Die Nase, die aus ihrem Ebenmaß
Sich hob; die offnen Lippen und die Stimme,
Die all, den Lärm durchdrang – wie eine Laute
Den Schall der Cymbeln scharf und schrill durchdringt,
Von dem Gerassel zwar umwogt, doch nicht
Erstickt; die Arme fliegend, blendender
In ihrer angebornen Weiße als
Der Stahl, den in der Hand sie trug und den
Sie einem Todten nahm – dies Alles machte,
Daß sie den Truppen als des Siegs Prophetin,
Als die Victoria selbst erschien, die zu
Uns kam, uns als die Ihrigen zu grüßen.

Salimenes (bei Seite). Das ist zu viel! Sein Liebesanfall kehrt
Zurück und Alles geht zu. Grund, wenn wir
Nicht die Gedanken ihm nach Andrem lenken. –
(Laut.) Ich bitte, Herr, gedenket Eurer Wunde.
Ihr sagtet eben erst, sie schmerze Euch.

Sardanapal. So ist es auch, doch darf ich nicht dran denken.

Salimenes. Ich habe alles Nöth'ge vorgekehrt
Und will zunächst die Meldungen jetzt hören.
Ob die Befehle, die ich gab, befolgt;
Dann kehre ich zurück, um zu vernehmen,
Was Ihr beschließt.

Sardanapal. So sei's!

Salimenes (im Gehen). Hört, Myrrha!

Myrrha. Prinz?

Salimenes. Ihr zeigtet eine Seele heute Nacht,
Die, wäre er nicht? meiner Schwester Mann –
Doch hab' ich keine Zeit. Du liebst den König?

Myrrha. Ich lieb' Sardanapal.

Salimenes. Doch möchtest du,
Daß er noch König blieb'?

Myrrha. Ich möchte ihn
Als wen'ger nicht, denn was er sollte sein.

Salimenes. Nun gut! Damit er König bleib' und dein
Und Alles was er sollte oder nicht,
Damit er lebe – laß in Ueppigkeit
Nicht wieder sinken ihn. Du hast mehr Macht
Auf seinen Geist als all die Weisheit hier
In dem Palast, und als die Rebellion,
Die draußen tobt. Sieh' zu, daß er zurück
Nicht sink'.

Myrrha. Es brauchte Salimenes nicht,
Hiezu mich anzutreiben. Glaubt, an mir
Fehlt's sicher nicht. Was Weibes schwache Kraft
Vermag –

Salimenes. Ist Allmacht über solch ein Herz.
Gebrauch' sie weise. (Salimenes ab.)

Sardanapal. Myrrha! – Wie? Was flüsterst
Mit meinem ernsten Bruder du? Ich werd'
Bald eifersüchtig werden.

Myrrha (lächelt). Ihr habt Grund,
Denn keinen Mann gibt's auf der Welt, der mehr
Der Liebe eines Weibes würdig wäre,
Des Heers Vertrauen und der Huldigung
Des Unterthans, des Königs Achtung, der
Bewund'rung aller Welt.

Sardanapal. Berühm' ihn nur,
Doch nicht so warm. Ich will nicht hören, wie
Die süßen Lippen eifrig Einen preisen,
Der mich in Schatten stellt. Doch sprichst du wahr.

Myrrha. Laß uns nun gehn, daß nach der Wund' ich sehe,
Stützt Euch auf mich.

Sardanapal. Ja, Lieb', doch nicht aus Schmerz. ( Alle ab.)

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