Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
George Gordon Noël Byron: Sardanapal - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/byron/sardanap/sardanap.xml
typedrama
authorGeorge Byron
titleSardanapal
publisherVerlag von Phillip Reclam jun.
seriesLord Byrons sämtliche Werke
volumeDritter Band
translatorAdolf Seubert
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120731
projectida106605c
Schließen

Navigation:

Zweiter Act.

Erster Auftritt.

Das Portal der gleichen Palasthalle.

Belesis (allein). Die Sonne geht hinab – mich dünkt, sie geht
Heut' langsamer, da einen letzten Blick
Sie auf das Reich Assyrien wirft. Wie roth
Schaut sie aus dieser Wolken Nacht, grad' wie
Das Blut, das sie voraus zu deuten scheint.
Wenn ich umsonst nicht, Sonne, dich, die sinkt,
Und euch, ihr Sterne, die herauf ihr steigt,
Geschaut und eurer Bahnen Regeln, Strahl
Um Strahl, gelesen hab', die selbst die Zeit
Erzittern machen über das, was sie
Den Völkern bringt – so schlägt die letzte Stunde
Der Jahre Assur's heut'. – Und doch wie still!
Ein Erderbeben sollt' so mächt'gen Fall
Verkündigen, und eines Sommers Sonne
Beleuchtet ihn. Die Scheibe dort trägt für
Des sternbelesenen Chaldäers Aug'
Auf ihrem ew'gen Blatt das Ende Deß,
Was ewig schien. Doch du, wahrhafte Sonne,
Du feuriges Orakel alles Seins,
Du Quell des Lebens und du Sinnbild Dessen,
Der Leben schafft, warum dein Prophezeihn
Auf Unglück nur beschränken und das Kommen
Von Tagen nicht enthüllen, würd'ger deines
Hochherrlichen Entstehens aus dem Meer?
Warum wirfst durch der Zukunft Jahre du
Nicht einen Hoffnungsstrahl, wie diesen Blitz
Des Zorns auf ihre jetz'gen Tage? – Hör',
O hör' mich an, ich bin dein Jünger ja,
Dein Priester und dein Knecht; ich sah nach dir
Bei deinem Aufgang, deinem Niedergang.
Ich bog mein Haupt vor deines Mittags Strahlen,
Wo meine Augen dich zu schaun nicht wagten.
Ich hab' auf dich geharrt und ausgeharrt,
Zu dir gebetet, Opfer dir gebracht,
In dir gelesen und vor dir gebangt,
Hab' dich gefragt und du gabst Antwort mir.
Jedoch bis hierher nur! – Indeß ich spreche,
Sinkt sie und geht, und läßt ihr schönes Bild
– Doch nicht ihr Wissen – dem entzückten Westen,
Der in den Farben schwelgt der Glorie,
Die stirbt. Doch was ist Tod, wenn glorienvoll
Er nur? Es ist ein Sonnenuntergang!
Ein Sterblicher darf sich ja glücklich preisen,
Sieht er den Göttern selbst im Sinken gleich.

Arbaces kommt von Innen.

Arbaces. Warum in deine Andacht so vertieft?
Schaust deinem Gotte du, der scheidet, nach
Bis in ein Reich noch unentdeckten Tags?
Der Nacht harrt unser Werk – sie ist jetzt da –

Belesis. Doch noch nicht fort.

Arbaces. Sie mache fort, wir sind
Bereit.

Belesis. Jawol! Ich wollt', es wär' vorüber.

Arbaces. Hegt Zweifel der Prophet, dem selbst die Sterne
Den Sieg gestrahlt?

Belesis. Ich zweifle nicht am Sieg,
Am Sieger nur.

Arbaces. Das ordne deine Kunst!
Indessen hab' ich selbst so viele Speere,
Hellschimmernde, gesammelt, daß sie leicht
Verdunkeln könnten unsre Bund'sgenossen,
Dort die Planeten! Nichts kreuzt unsern Plan:
Das König-Weib, das weniger als Weib,
Ist auf dem Strom mit seinen Freundinnen;
Im Pavillon befohlen ist das Mahl;
Der erste Becher, den er trinkt, wird auch
Der letzte sein, den Nimrods Rasse leert.

Belesis. Es war ein tapfres Haus.

Arbaces. Und ist ein schwaches,
Ein abgenütztes, wir verbessern es.

Belesis. Weißt du's gewiß?

Arbaces. Sein Gründer war ein Jäger.
Ich bin Soldat. Was ist dabei zu fürchten?

Belesis. Nur der Soldat.

Arbaces. Vielleicht der Priester auch.
Doch wenn du so gedacht und denkst, warum
Behältst du deinen Dirnenkönig nicht?
Warum hast mich du aufgewühlt? Warum
Zu diesem Plan mich angespornt, der ja
Der deine ebenso wie meiner ist?

Belesis. Schau nach dem Himmel auf!

Arbaces. Ich thu's.

Belesis. Was siehst
Du dort?

Arbaces. Des Sommers holdes Dämmerlicht,
Der Sterne wachsend Heer.

Belesis. Und unter diesen
Bemerke dort den frühesten, den hellsten,
Der zittert, als ob seinen Platz im Aether
Er ändern wollt'.

Arbaces. Nun, und –?

Belesis. Dein Lebensstern
Ist er.

Arbaces. (legt die Hand an sein Schwert).
Mein Stern steckt in der Scheide hier
Wenn Der erblinkt, erbleichen selbst Kometen!
Laß überlegen uns, was nun zu thun,
Daß deiner Sterne Wunder Recht behalten.
Wenn wir's gewinnen, sollen Tempel sie
Und Priester haben, und du selbst sollst dann
Der Oberpriester sein von so viel Göttern,
Als du nur willst; denn ich bemerke, daß
Sie stets gerecht sind und den tapfersten
Auch als den frömmsten anerkennen.

Belesis. Ja,
Doch auch den frömmsten als den tapfersten.
Du hast wol nicht gesehn, daß ich dem Kampf
Den Rücken je gekehrt?

Arbaces. Das nicht; ich weiß,
Daß im Gefecht, als Babyloniens Feldherr
Du stets so wacker warst, wie viel gewandt
In der Chaldäer Gottesdienst. Will's jetzt
Gefallen dir, den Priester zu vergessen
Und nur Soldat zu sein?

Belesis. Warum nicht Beides?

Arbaces. Dann um so besser nur! Doch schäm' ich mich
Beinah, daß hier so wenig ist zu thun.
Der Weiberkrieg erniedrigt selbst den Sieger.
Vom Throne stoßen einen trotzigen
Und blutigen Tyrannen, mit ihm kämpfen,
Schwert gegen Schwert, das wäre heldenhaft,
Ob man nun siegt, ob fällt; jedoch ein Schwert
Erheben gegen diesen Seidenwurm,
Ihn winseln hören gar –

Belesis. Das glaube nicht.
Es ist Etwas in ihm, das dir zu thun
Noch geben kann; und wär' er, wie du meinst,
So sind doch seine Garden fest und ihr
Gen'ral, der kalte, ernste Salimenes.

Arbaces. Sie leisten sicher keinen Widerstand.

Belesis. Warum denn nicht? Soldaten sind's.

Arbaces. Wol wahr!
Doch eben deshalb wollen sie zum Führer
Auch ein Soldatenherz.

Belesis. Salimenes
Hat das gewiß.

Arbaces. Doch ist er nicht ihr König.
Und überdies: er haßt das weibische
Geschöpf, das uns regiert, der Königin,
Der Schwester halb. Hast du denn nicht bemerkt,
wie er sich fern von allen Schmäusen hält?

Belesis. Doch nicht vom Rath, dort ist er stets zu finden.

Arbaces. Und stets wird seine Ansicht dort verworfen.
Was willst du mehr, um dort ihn zu verfeinden:
Ein thöricht Regiment, sein Blut entehrt,
Er selbst mißachtet? Nun, da schaffen wir
Für seine Rache ja!

Belesis. Wenn man ihn nur
Dazu könnt' bringen, ebenso zu denken.
Doch zweifle ich.

Arbaces. Wie wär' es, fühlten wir
Ihm auf den Zahn?

Belesis. Ja, wenn es Zeit noch ist.

Balea tritt auf.

Balea. Satrapen! eure Gegenwart befiehlt
Der König bei dem heut'gen Fest.

Belesis. Sein Wort
Ist uns Befehl. – Im Pavillon?

Balea. Nein, hier
In dem Palast.

Arbaces. Wie? im Palast? So war
Es nicht bestimmt.

Balea. Doch jetzt ist's so bestimmt.

Arbaces. Warum?

Balea. Das weiß ich nicht. – Kann ich nun gehn?

Arbaces. Bleib' noch!

Belesis (bei Seite zu Arbaces). Still! laß ihn gehn! (Laut zu Balea).
Ja, Balea!
Dank' dem Monarchen! küsse ihm den Saum
Des Königs-Rocks, und sag' ihm, seine Sklaven
Freu'n sich, die Krumen aufzulesen, die
Vom Königstisch er gnädig werfen werd'. –
Nicht wahr, die Stund' ist Mitternacht?

Balea. So ist's!
Der Ort: die Halle Nimrods. – Edle Herr'n,
Ich beuge mich vor euch, und kehr' zurück. (Balea ab.)

Arbaces. Die plötzliche Veränderung des Orts
Gefällt mir nicht. Da steckt Etwas dahinter.
Weshalb die Aenderung?

Belesis. Verändert er
Nicht tausend Mal im Tag? Der Müßiggang
Ist stets ein grillenhafter Herr und legt
Der Meilen mehr in seinen Phantasie'n
Als ein Gen'ral auf einem Marsch zurück,
Wenn er den Feind zum Besten haben will.
Was brütest du?

Arbaces. Er liebt den Pavillon,
Den heitern, so! 'S war stets sein Lieblingsort.

Belesis. Er liebte einst auch seine Königin
Und dreimal tausend Dirnen nebenbei.
Ja Alles hat er nach und nach geliebt,
Nur Weisheit nicht, noch Ruhm.

Arbaces. Und doch gefällt
Mir's nicht. – Wenn er geändert hat, nun gut!
So müssen's wir auch thun. Nicht schwierig wär'
Ein Ueberfall an jenem Ort gewesen,
Der von verschlaf'nen Wachen, trunk'nen Schranzen
Besetzt nur ist. Jedoch in Nimrods Hall' –

Belesis. Ah ist es das? Ich hörte eben doch,
Wie allzuleicht zum Thron emporzusteigen
Der übermüth'ge Krieger fürchtete.
Bist du enttäuscht, jetzt eine oder zwei
Der Stufen schlüpfriger zu finden, als
Du ausgerechnet hast?

Arbaces. Wenn sie erst da
Die Stunde, wirst du schaun, ob bang ich bin,
Ob nicht. Du hast gesehn, wie auf dem Spiel
Mein Leben stand und heiter ich drum spielte.
Mehr steht hier auf dem Spiel – ein Königreich!

Belesis. Ich habe dir's vorausgesagt, du wirst's
Gewinnen. Also drauf! und mach' dein Glück.

Arbaces. Wär' ich Prophet, ich hätte mir dasselbe
Vorausgesagt. – Doch folgen wir den Sternen,
Ich kann mich mit den hohen nicht verstreiten
Noch ihrem Deuter. – Wer kommt da?

Salimenes tritt auf.

Salimenes. Satrapen!

Belesis. Mein Prinz!

Salimenes. Ein glücklich Treffen! Eben sucht'
Ich euch, doch anderswo als im Palast.

Arbaces. Weshalb?

Salimenes. 'S ist ja die Stund' noch nicht.

Arbaces. Die Stunde?
Und welche Stunde?

Salimenes. Nun, die Mitternacht.

Belesis. Die Mitternacht?

Salimenes. Wie? seid ihr nicht geladen?

Belesis. Jawol! vergessen hatt' ich's fast.

Salimenes. Vergeßt
Gewöhnlich ihr die Ladung des Monarchen?

Arbaces. Sie kam uns eben erst.

Salimenes. Weshalb' denn seid
Ihr hier?

Arbaces. Im Dienst.

Salimenes. In welchem Dienst?

Belesis. Des Staats!
Das Vorrecht haben wir, dem Thron zu nahn.
Doch fanden wir den König nicht zu Haus.

Salimenes. Auch ich bin dienstlich hier.

Arbaces. Und darf man fragen:
Warum?

Salimenes. In Haft zu nehmen zwei Verräther.
He, Wachen! vor! (Wachen treten ein.)
Satrapen! eure Schwerter!

Belesis (gibt ihm sein Schwert). Hier ist mein Schwert.

Arbaces (zieht das seinige). Hier nimm das meinige!

Salimenes (tritt vor). Das will ich auch.

Arbaces. Doch in dein Herz die Klinge!
Der Griff verläßt nicht meine Hand.

Salimenes (zieht). Du willst
Mir trotzen? – Gut! – So wird nur das Verhör
Erspart und falscher Gnadenact. – Soldaten!
Haut den Rebellen nieder!

Arbaces. Wie? Soldaten?
Allein wagst du es nicht?

Salimenes. Allein? Du Thor
Und Sklav'! Was ist an dir denn, daß ein Prinz
Sich fürchten sollt' vor offener Gewalt?
Uns schreckt nur dein Verrath, nicht deine Macht.
Dein Zahn ist stumpf, wenn ihm das Gift gebricht,
Der Schlange Gift, das nicht von Löwen kommt.
Haut nieder ihn!

Belesis (tritt dazwischen). Arbaces! bist du toll?
Gab ich mein Schwert nicht ab? Vertraue doch
Auf unsres Oberherrn Gerechtigkeit
Wie ich.

Arbaces. Nein! lieber trau' den Sternen ich,
Von denen du geschwatzt und diesem Arm,
Und sterbe als ein König wenigstens
Des eignen Leibs und Hauchs, die Niemand sonst
Mir fesseln soll.

Salimenes (zu den Wachen). Ihr höret ihn und mich.
Nehmt nicht gefangen ihn, nein! tödtet ihn.

(Die Wachen greifen Arbaces an, der sich tapfer und geschickt vertheidigt, so daß sie weichen.)

Sieht so es aus! Muß Henkersdienst ich thun?
Feiglinge seht, wie man Verräther fällt! (Salimenes greift Arbaces an.)

Sardanapal tritt auf mit Gefolge.

Sardanapal. Halt ein! Bei eurem Leben sag' ich! Wie?
Seid taub, seid trunken ihr? – Mein Schwert! Wie dumm!
Ich trag' kein Schwert! – He, Bursche, gib mir deins!

(Zu einem Soldaten. Er entreißt ihm sein Schwert und stürzt sich damit zwischen die Kämpfenden. Sie trennen sich.)

In meinem eigenen Palast sogar!
Was hindert mich, in Stücke euch zu haun,
Ihr frechen Raufer, ihr?

Belesis. Dein Rechtsgefühl,
Mein König.

Salimenes. Oder deine Schwäche!

Sardanapal (erhebt das Schwert). Was?

Salimenes. Schlag zu, wenn du den Schlag nur wiederholst
Auf den Verräther dort, – den du verschonst,
Um ihn zu foltern, hoff' ich. Dann bin ich
Zufrieden, Herr!

Sardanapal. Wie? ihn? Wer wagt es, dem
Arbaces an den Hals zu gehen?

Salimenes. Ich!

Sardanapal. Prinz, Ihr vergeßt Euch! Wer gab Euch das Recht?

Salimenes (zeigt das Siegel). Du selbst!

Arbaces. Des Königs Siegel!

Salimenes. Ja, und mög'
Der König es bestätigen!

Sardanapal. Ich gab's
Zu solchem Zweck nicht aus der Hand.

Salimenes. Du gabst's
Für deine Sicherheit; ich hab's gebraucht
Zum Besten nur. Sprich dich nun selber aus.
Jetzt bin ich nur dein Sklav', doch eben noch
Vertrat ich dich.

Sardanapal. Steckt eure Schwerter ein!

(Arbaces und Salimenes stecken ein.)

Salimenes. Das meine steckt; doch bitt' ich dringend dich:
Steck' deins nicht ein! Das einz'ge Scepter ist's,
Das noch für deine Sicherheit dir bürgt.

Sardanapal. Es ist so schwer! Auch schmerzt die Hand mir, von
Dem Griff. (Zu dem Soldaten.) Da, Bursche, nimm dein Schwert zurück! –
Ihr Ruhestörer, sagt, was soll dies heißen?

Belesis. Der Prinz allein kann Antwort darauf geben.

Salimenes. Daß ich dir treu, und dies Verräther sind.

Sardanapal. Verräther dies? Arbaces und Belesis?
'S wär ein Complott, das ich nicht glauben könnt'!

Belesis. Womit beweist Ihr es?

Salimenes. Das will ich sagen,
Sobald das Schwert von Eurem Spießgesellen
Der König heischt.

Arbaces ( zu Salimenes). Ein Schwert, das ich so oft
Wie du gezogen gegen seine Feinde!

Salimenes. Und gegen seinen Bruder jetzt, ja mehr!
In einer Stunde sicher auf ihn selbst.

Sardanapal. Das ist nicht möglich! Nein! er wagt' es nicht!
Nein! nichts will ich von solchen Dingen hören.
So eitle Zänkerein entstehn an Höfen
Durch schlechte Ränke, schlecht're Miethlinge,
Die nur vom Lügen über Bess're leben.
Du bist gewiß betrogen worden, Bruder.

Salimenes. Befiehl ihm erst, daß er sein Schwert dir geb'
Und dadurch zeig', daß er dein Unterthan.
Ich steh' für Alles ein.

Sardanapal. Wenn ich es dächt' –
Doch nein! es kann nicht sein! Arbaces sollt',
Der treue, derbe, zuverlässige
Soldat, der beste Feldhauptmann, der mir
In Zucht die Völker hält – Nein! nicht so tief
Möcht' ich ihn kränken, daß ich ihm beföhl',
Das Schwert an mich zu geben, das er nie
Dem Feinde gab. – Behalt' dein Schwert, Gen'ral!

Salimenes ( gibt das Siegel zurück).
So nimm dein Siegel hier zurück, mein König!

Sardanapal. Nein, nein! behalt' es noch. Doch brauche es
Mit größ'rer Mäßigung fortan.

Salimenes. Mein König!
Ich brauchte es zu deiner Ehre nur
Und geb's zurück, weil ich's mit meiner Ehre
Nicht mehr behalten kann. – Verleih's Arbaces!

Sardanapal. Ich sollt' es thun: er hat es nie verlangt.

Salimenes. Sei überzeugt, er wird es doch sich holen,
Und ohne diesen leeren Schein von Achtung.

Belesis. Ich weiß nicht, was ein solches Vorurtheil
Dem Prinzen gegen zwei Satrapen gab,
Die nie an Eifer für Assyriens Wohl
Von irgend Einem übertroffen wurden.

Salimenes. Still, falscher Priester, ungetreuer Krieger!
Du hegst in dir die Laster der zwei Klassen,
Die stets am schädlichsten der Menschheit waren.
Dein glattes Wort, dein heuchlerisches Spiel
Behalte sie für die, die dich nicht kennen.
Die Sünde deines Freundes ist doch kühn
Und durch die Ränke gleißend nicht gemacht,
Die in Chaldäa du gelernt.

Belesis. Hör' an
O Belus' Sohn! mein Fürst! er lästert gar
Den Gottesdienst des Lands, das schon sein Knie
Vor deinen Vätern hat gebeugt.

Sardanapal. O bitte,
Dafür entledigt ihn! Erlassen will
Ich die Verehrung ihm der Todten, denn
Ich fühle, daß ich sterblich bin, und glaube,
Daß das Geschlecht, dem ich entsprang, das ist,
Was ich von ihm erblicke – Asche!

Belesis. König!
O glaub' es nicht, es ist dort bei den Sternen.

Sardanapal. Ich schicke dich dahin, eh' jene auf
Noch gehn, fährst du zu pred'gen fort. Ja, das
Ist Hochverrath!

Salimenes. O Herr!

Sardanapal. Schulmeistern mich
Im stumpfen Dienst assyr'scher Götzenbilder!
Macht ihm die Seele frei, gebt ihm sein Schwert.

Salimenes. Mein Herr und König! Haltet ein, ich bitte!

Sardanapal. Mir Reden halten und fast taub mich machen
Mit Baal und todtem Volk, und der Chaldäer
Gestirnten Heimlichkeiten all!

Belesis. Monarch,
Verehre sie!

Sardanapal. O was das anbelangt,
Ich liebe sie; ich schau' sie gerne dort
Am blauen Himmel, und vergleiche, sie
Mit meiner Myrrha Augenstern. Gern seh'
Ich ihren silberhellen Strahl, wie er
Sich in des Euphrat sanften Wellen bricht,
Wenn mitternächt'ger Wind das breite Wasser.
Das leise durch des Ufers Schilfrohr seufzt,
In Krausen regt. – Doch ob es Götter sind,
Wie Ein'ge sagen, oder Göttertempel,
Wie Andre meinen, oder Lampen nur
Der Nacht, ob Welten oder Schein von Welten,
Das weiß ich nicht, das kümmert mich auch nicht.
Es liegt in dieser Ungewißheit mir
Ein Zauber, der so süß ist, daß ich ihn
Nicht gab' für der Chaldäer Lehren all.
Zudem ich weiß von ihnen Alles, was
Der Staub von dem, was über ihm sich hebt,
Was unter ihm sich regt, kann wissen – Nichts!
Ich schaue ihren Glanz, fühl' ihren Reiz;
Wenn auf mein Grab sie scheinen, werd' ich keins
Von beiden schaun.

Belesis. Sagt: besser schaun, mein Fürst.

Sardanapal. Erwarten will ich's, Oberpriester, wenn's
Beliebt! Einstweilen nimm dein Schwert zurück,
Und wisse, daß ich deinen Dienst als Krieger
Vorziehe deinem Gottesdienst. Doch lieb'
Ich keins von beiden sehr.

Salimenes ( bei Seite). Die Wollust hat
Ihn toll gemacht. Ich muß ihn retten drum,
Auch wenn er selbst nicht will.

Sardanapal. Hört mich, Satrapen!
Und du besonders, Priester! denn ich trau'
Dir weniger als dem Soldaten da,
Und würde ganz mißtrauen dir, wärst du
Nicht halb Soldat. – Laßt uns in Frieden scheiden.
Ich will nicht sagen, daß ich euch begnad'ge,
Das könnt' ich einem Schuldigen nur sagen,
Und ich erkläre euch als solche nicht,
Obschon an meinem Athem eurer hängt
Und schlimmer noch als das, an meiner Furcht.
Doch fürchtet nichts! Mild bin ich, ängstlich nicht
Und drum lebt fort. Wär' ich der Mann, für den
Mich Mancher hält, so schwitzten eure Köpfe
Die letzten Tropfen eures schuld'gen Bluts
Schon von den hohen Gittern des Palasts
Hinunter in den Staub, ihr einzig Theil
Von dem ersehnten Reich, deß Krone sie
So gern getragen. – Doch genug! Wie ich
Gesagt, ich will euch nicht für schuldig halten,
Noch schuldlos euch verdammen, ob auch bess're
Als ihr und ich, euch anzuklagen brennen.
Wenn euer Schicksal strengen Richtern ich
Nebst mancherlei Beweisen übergäb',
So könnt' ich leicht zwei Männer opfern, die,
Was sie auch jetzt sind, ehrlich einst gewesen.
Drum seid ihr frei, Satrapen!

Arbaces. Herr! die Gnade –!

Belesis ( unterbricht ihn). – Ist eurer würdig, und ob schuldlos gleich,
So danken doch wir –

Sardanapal. Priester! Deinen Dank
Spar' Belus auf, sein Sprosse braucht ihn nicht.

Belesis. Doch da ich schuldlos –

Sardanapal. Still! Die Schuld ist laut.
Wenn ihr getreu, so seid ihr schwer gekränkt
Und solltet' traurig sein, nicht Dankes voll.

Belesis. Das wären wir, wenn ird'sche Allmacht stets
Gerechtigkeit auch übt'; doch Unschuld muß
Ihr Recht gar oft als blose Gunst empfangen.

Sardanapal. Ein guter Stoff für eine Predigt wol,
Doch hierher paßt er nicht. Benütze ihn,
Wenn deines Königs Sach' vor seinem Volk
Du führst.

Belesis. Die Ursach' hiezu, denk' ich, fehlt.

Sardanapal. Die Ursach' wol, doch die Ursächer nicht.
Wenn Solche ihr bei eurem Erdenamt
Als Inquisitor trefft, wenn ihr davon
In irgend einem Sternenwinkel lest,
Die euch ja Chronik sind, so merket euch,
Daß schlimm're Dinge zwischen Erd' und Himmel
Es gibt als Den, der über Viele herrscht,
Doch Keinen schlägt; der zwar sich selbst nicht haßt,
Jedoch genug auch seine Nächsten liebt,
Um die zu schonen, die sein nimmer schonten,
Wenn sie einst würden Herr. Doch das ist noch
Nicht so gewiß! – Satrapen! eure Schwerter
Und auch Personen sind nun völlig frei,
Gebraucht sie, wie ihr wollt; doch kein Geschäft
Hab' von der Stunde an ich für euch Zwei –
Folg', Salimenes, mir!

(Sardanapal, Salimenes und Gefolge ab.)

Arbaces. Belesis!

Belesis. Nun?
Was meinet Ihr?

Arbaces. Daß wir verloren sind!

Belesis. Nein! daß dies Reich wir eben grad' gewannen.

Arbaces. Wo denkst du hin, da ja an einem Haar
Das Schwert hing über uns und stets noch hängt,
Und jeden Augenblick auf uns herab
Geschleudert werden kann, durch seinen Hauch,
Der uns verschont – warum? das weiß ich nicht.

Belesis. Frag' nicht warum, laß uns die Frist benützen!
Noch ist die Stunde unser, unsre Macht
Die gleiche noch; die Nacht dieselbe auch,
Die wir bestimmt. Und nichts ist anders als
Daß wir gewiß nun wissen, uns bedroh'
Verdacht und jeder Aufschub wäre drum
Verrückt.

Arbaces. Und doch –

Belesis. Du zauderst noch?

Arbaces. Er schenkte
Das Leben uns; noch mehr, er rettete
Vor Salimenes uns.

Belesis. Wie lang' wird er
Uns schonen? bis er wieder mal berauscht
Sein wird.

Arbaces. Sag' eher, bis er nüchtern wird.
Doch that er es auf edelmüth'ge Art
Und schenkte königlich, was wir so schlecht
Verwirkt.

Belesis. Nenn' es beherzt.

Arbaces. Von Beidem was
Vielleicht. Doch hat es mich gerührt und was
Geschehn auch mag, ich mach' nicht weiter mit.

Belesis. Und so verlieren wir die Welt.

Arbaces. Wenn ich
Nur meine eig'ne Achtung nicht verlier'.

Belesis. Ich schäme mich, daß unser Leben wir
Solch einem Kunkelkönig danken sollen.

Arbaces. Und gleichwol danken wir es ihm. Ich schämte
Mich noch weit mehr, des Schenkers jetzt zu nehmen.

Belesis. Laß dir gefallen, was du immer willst,
Die Sterne haben's anders doch beschlossen.

Arbaces. Und, kämen sie herab und zeigten mir
In allem ihrem Glanze meinen Weg,
Ich folgte nicht.

Belesis. Das heiß' ich Schwäche – schlimmer
Als wenn ein ängstlich altes Weib von Todten
Geträumt hat und wacht dann im Finstern auf.
Geh mir hinweg!

Arbaces. Es dünkte mir, er sah
Wie Nimrod aus, als er so sprach, ja wie
Das stolze, königliche Standbild, das
Im Tempel steht und gleichsam wie der König
Der Kön'ge um ihn her, das Haus beherrscht,
Das jene schmücken nur.

Belesis. Ich sagte dir
Vorher, du achtest ihn für zu gering
Und etwas Königliches sei in ihm.
Was thut's? Nur um so würd'ger ist der Feind.

Arbaces. Und wir um so viel niedriger. Ich wollt',
Er hätt' uns nicht verschont!

Belesis. Und hättest du
So schnell geopfert werden mögen?

Arbaces. Nein!
Doch besser wär's gewesen, wenn ich starb,
Als lebte undankbar.

Belesis. Was gibt es doch
Für Menschenvolk! Du sannst, was Einige
Verrath, Untreue andre Narren nennen;
Und sieh! auf einmal, weil, um Etwas oder
Um Nichts, der tolle unbedachte Schwärmer
Mit stolzer Prahlerei sich zwischen dich
Und Salimenes stellt, wirst du zu einem
– Wie nenn', ich's nur? – Sardanapal! Ich kenn'
Ja keinen Namen schmählicher als den.

Arbaces. Wer so mich noch vor einer Stunde nannte,
Dem war an seinem Leben nichts gelegen,
Nun aber muß ich dir verzeihen, wie
Er uns verzieh – selbst die Semiramis
Hätt' Solches nicht gethan.

Belesis. O nein! die liebt'
Es nicht, ihr Reich mit irgend Wem zu theilen,
Selbst mit dem Gatten nicht.

Arbaces. Ich muß ihm treu
Nun dienen.

Belesis. Demuthsvoll?

Arbaces. Nein, stolz, weil ehrlich!
Ich werde Thronen näher sein, als du
Dem Himmel bist; und wenn nicht ganz so hoch,
Erhabner doch. Du magst so handeln, wie
Dir gut erscheint; du hast Gesetzesbücher,
Mysterien und andre Sammlungen
Von Gut und Bös, der' ich für meinen Gang
Entbehr'. Drum folg' ich nur dem Rath, den mir
Ein redlich Herz ertheilt. Nun kennst du mich.

Belesis. Bist du zu Ende?

Arbaces. Ja – mit dir!

Belesis. Und willst
Vielleicht mich nun verrathen auch, wie du
Mich stecken läßt?

Arbaces. So denkt ein Pfaffe, kein
Soldat.

Belesis. Gleichviel! Fort mit dem Wortgezänk
Und hör' mich an!

Arbaces. Nein! denn dein feiner Geist
Birgt mehr Gefahr als eine Phalanx mir.

Belesis. Wenn es denn sein muß, thu ich's auch allein.

Arbaces. Allein?

Belesis. Auf einem Thron sitzt Einer nur.

Arbaces. Doch dieser ist besetzt.

Belesis. Mit Schlechterem
Als Nichts, 'nem König, der mißachtet ist. –
Bedenk, Arbaces! immer hab' ich dich
Geliebt, gefördert, angeregt; war selbst
Zu dienen dir gewillt, nur weil ich hoffte,
Assyrien so zu dienen, es zu retten.
Der Himmel selbst schien jetzt uns zuzustimmen
Und freundlich wirkte jeder Umstand mit
Bis diesen Tag, und nun schlägt mir dein Geist
In leere Milde um. Doch eher als
Mein Land ich länger leiden seh'. will ich
Sein Retter oder Opfer sein des Herrschers,
Ein's oder beid's, denn oft sind Beide ein's;
Doch sieg' ich, ist Arbaces auch mein Knecht.

Arbaces. Dein Knecht?

Belesis. Warum nicht? besser doch als Sklave,
Der Gnaden-Sklav' des Weibs Sardanapal.

Pania tritt auf.

Pania. Ich bringe eine Botschaft euch vom König.

Arbaces. Sie ist befolgt, eh' sie gesprochen ist.

Belesis. Gleichwol verkünde sie.

Pania. Sofort habt ihr,
Noch diese Nacht, nach euern Satrapien
In Babylon und Medien zu gehn.

Belesis. Mit unsern Truppen?

Pania. Mein Befehl betrifft
Nur die Satrapen und ihr enger Haus.

Arbaces. Jedoch –

Belesis. Wir müssen folgen; sagt: wir gehn.

Pania. Ich habe den Befehl, zu sorgen, daß
Ihr geht, nicht Antwort hinzubringen.

Belesis. (bei Seite). (Ah!)
Nun, Herr, wir werden mit Euch gehn von hier.

Pania. Ich will die Ehrenwache herbefehlen,
Die eurem Rang gebührt, und warten bis
Ihr Muße habt, damit es länger nicht
Als eine Stunde währt. (Pania ab.)

Belesis. Nun, jetzt gehorch'!

Arbaces. Gewiß!

Belesis. Ja, bis zum Güterthor, das den
Palast verschließt, der unser Kerker jetzt;
Doch weiter draußen nicht.

Arbaces. Du hast's getroffen!
In diesem ganzen großen Reiche gähnen
Auf jedem Schritt jetzt Kerker dir und mir.

Belesis. Sag': Gräber!

Arbaces. Dacht' ich dies, so sollte wol
Mein gutes Schwert ein's mehr als meines graben.

Belesis. Es wird genug zu thun bekommen. Laß
Mich Bess'res hoffen, als du prophezeist.
Jetzt laß uns fort von hier, so gut es geht.
Du stimmst darin mit mir wol überein,
Daß der Befehl ein Todesurtheil ist?

Arbaces. Welch andre Deutung wäre ihm zu geben?
Stets war's die Politik der Könige des
Orients: Begnadigung und Gift, Gunst und
Ein Schwert, ein fernes Reiseziel, dazu
Der ew'ge Schlaf! Wie viel Satrapen, noch
Zu seines Vaters Zeit – denn er, ich geb'
Es zu, ist oder war blutdürstig nicht –

Belesis. Doch wird er's sein, und muß es jetzt.

Arbaces. Ich glaub's.
Wie viel Satrapen zu des Vaters Zeit
Sah ich nach mächt'gen Satrapien ziehn
Und auf dem Weg erblickt man ihre Gräber!
Ich weiß nicht, wie es kam, sie wurden krank;
Die Reise war auch gar so lang und schwer.

Belesis. Gewinnen wir nur erst die freie Luft
Der Stadt, so wollen wir die Reise kürzen.

Arbaces. Sie wird vielleicht am Thore uns gekürzt.

Belesis. Das nicht! Das wagen sie doch kaum. Sie wollen
Uns sterben lassen insgeheim, doch nicht
In dem Palast, im Umkreis nicht der Stadt,
Wo wir bekannt sind, wo wir Freunde haben.
Wenn sie uns hätten hier erschlagen wollen,
So wären wir nicht mehr am Leben. Laß
Uns fort von hier.

Arbaces. Wenn ich nur wüßte, ob
Er mir ans Leben will!

Belesis. Du Thor, was soll
Denn Despotismus anders wollen, der
In Angst? Laß uns zu unsern Truppen gehn,
Dann aber fort.

Arbaces. Nach unsern Satrapien?

Belesis. Nein! Deinem Königreiche zu! Jetzt ist
Es Zeit! und Herz und Hoffnung, Macht und Mittel
Sind gleichfalls da, und freien Spielraum läßt
Uns ihre Halbheit. Komm!

Arbaces. So soll denn ich,
Der eben noch bereut, von Neuem fehlen?

Belesis. Die Selbstvertheidigung ist eine Tugend,
Das einz'ge Bollwerk alles Rechts. Fort! sag'
Ich dir! Verlassen wir den Ort! Die Luft
Wird dick, erstickend, und die Mauern riechen
Nach gift'gem Kraut – hinweg! Wir dürfen ihnen
Nicht Zeit zu weit'rem Ueberlegen gönnen.
Der schnelle Abzug zeugt von unsrem Eifer,
Der schnelle Abzug hindert den Begleiter,
Den würd'gen Pania, der Weisung, die
In unserem Betreff ertheilt ihm ward,
Um ein'ge Meilen noch zuvorzukommen.
Nein! da ist keine Wahl, sag' ich, als fort!,

(Ab mit Arbaces, der widerstrebend folgt.)

Sardanapal und Salimenes treten auf.

Sardanapal. Nun, jetzt ist Alles ja zurecht gelegt
Und ohne Blut, dem schlimmsten Scheinheilmittel;
Und sicher sind wir, da wir sie verbannt.

Salimenes. Wie's wer auf Blumen geht, vor Schlangen ist
Die unter ihren Blättern kriechen.

Sardanapal. Nun,
Was willst du denn, was ich hätt' sollen thun?

Salimenes. Vernichten wieder, was du übereilt.

Sardanapal. Die Gnade widerrufen, die ich gab?

Salimenes. Die Krone fest aufs Haupt dir setzen, die
Noch wankt.

Sardanapal. Das wäre Tyrannei gewesen!

Salimenes. Doch sicher.

Sardanapal. Sind wir's jetzt nicht auch? Was können
Jenseits der Grenze sie uns Schaden bringen?

Salimenes. Sie sind noch nicht so weit, und kämen nie
Dahin, hätt'st du auf mich gehört.

Sardanapal. Ich hab'
Dich unpartheiisch angehört; warum
Denn nicht auch sie?

Salimenes. Das wirst du noch erfahren.
Wie jetzt die Sachen stehn, bitt' ich um Urlaub,
Die Wachen aufzustellen.

Sardanapal. Wirst zum Bankett
Du nicht erscheinen?

Salimenes. Herr! erlaßt es mir.
Ich bin kein Zecher, gebt mir jeden Dienst,
Nur des Bacchanten nicht.

Sardanapal. Nun gut, doch ist
Zu zechen manchmal auch am Platz.

Salimenes. Noch mehr
Am Platz dünkt mir, daß Einer wacht für die,
Die zechen gar zu oft. – Kann ich jetzt gehn?

Sardanapal. Du kannst. Doch warte noch, mein Salimenes!
Mein Bruderherz, mein bester Unterthan
Und bess'rer Prinz als ich ein König bin.
Du hättest Herrscher sollen sein und ich –
Ich weiß nicht was – bekümm're mich nicht drum.
Doch halte nicht für unempfindlich mich
Für deine Weisheit, deine Rechtlichkeit,
Dein rauhes und doch freundliches, wenn auch
Oft tadelndes Ertragen meiner Launen.
Wenn ich die Männer gegen deinen Rath
Verschont, das heißt ihr Leben, that ich's nicht
Weil ich bezweifle, daß dein Rath verständig;
Doch laß sie leben nur! Wir wollen nicht
Um ihres Lebens Werth uns streiten. Mögen
Sie bessern sich! Ihr Gehn in die Verbannung
Wird meinen ruh'gen Schlaf mir lassen, den
Ihr Tod mir sicher nähm'.

Salimenes. Doch so läufst du
Gefahr, Verräther halb zu schlafen bald
Den ew'gen Schlaf. Ein peinlicher Moment
Wird so gekehrt in Jahre des Verbrechens.
Noch ist es Zeit, sie stumm und still zu machen.

Sardanapal. Versuch' mich nicht, ich gab mein Wort.

Salimenes. Du kannst
Es widerrufen.

Sardanapal. Nein! 's ist Königs-Wort.

Salimenes. Drum sollte es entschieden sein. Jedoch
Die halbe Gnade der Verbannung dient
Zu reizen nur; voll muß die Gnade sein,
Sonst ist sie nichts.

Sardanapal. Und wer hat mich beredet,
Als ich sie abgesetzt, sie wenigstens
Aus unsrer Gegenwart verbannt, wer hat
In mich gedrängt, sie nach den Satrapien
Zu schicken?

Salimenes. Das ist wahr! Ich hatt's vergessen.
Indeß wenn ihre Satrapien sie
Erreichen je – dann tadle meinen Rath.

Sardanapal. Und wenn sie jene nicht erreichen – merk's!
In Sicherheit, mit heiler Haut erreichen,
So nimm die deinige in Acht.

Salimenes. Erlaub',
Daß ich jetzt geh', ich will besorgt nur sein
Für ihre »Sicherheit«.

Sardanapal. So geh' und, bitte,
Denk' künftig würdiger von deinem Bruder.

Salimenes. Ich werde treu stets dienen meinem König.

(Salimenes ab.)

Sardanapal. (allein). Der Mann ist von zu strenger Denkungsart.
Hart, doch erhaben wie der Fels, und frei
Von jedem Flecken des gemeinen Staubs.
Ich bin von weich'rem Thon, mit Blumen ganz
Durchwebt. Wie aber unser Stoff, muß auch
Das sein, was aus ihm kommt. Wenn dies Mal ich
Geirrt, kam's aus dem Grund, wo Irrthum
Am leichtesten sich zeugt, aus dem Gefühl,
Das ich zu nennen nicht vermag: es kommt
Mir oft wie Schmerz, manchmal wie Luft auch vor.
Es ist als ob ein Geist hier innen säß',
Und zählt' des Herzens Schläge, doch beschleunigt
Sie nicht, und stellte Fragen mir, wie sie
Mich Sterbliche zu fragen nie gewagt,
Selbst Baal nicht, der orakelhafte Gott,
Obschon sein Marmorantlitz majestätisch
Und zornig schaut, wenn in des Abends Schatten
Die Stirne dunkelt und ihr Ausdruck wächst;
So daß mir manchmal ist, als wolle mir
Das Standbild Etwas sagen – doch hinweg
Mit diesen närrischen Gedanken – weg!
Ich will jetzt fröhlich sein. Und da kommt auch
Der Freude ächter Herold schon!

Myrrha tritt auf.

Myrrha. Mein König!
Der Himmel ist bewölkt, es donnert fern
Aus Wolken, die uns eilig nahn, und Blitze
Verkünden zuckend uns ein schwer Gewitter.
Willst dennoch du aus dem Palaste gehn?

Sardanapal. Gewitter sagst du?

Myrrha. Ja, mein lieber Herr!

Sardanapal. Ich meines Theils wär' es nicht schlecht zufrieden,
Die holde Sonne einmal schwarz zu schaun
Und schwer im Kampf die starken Elemente;
Doch paßte schlecht dies zu den seidnen Röcken
Und glatten Wangen unsrer Festesgäste.
Sprich, Myrrha, fürchtest du der Wolken Donner?

Myrrha. In meinem Vaterland wird ihre Stimme
Als Mahnung Jupiters verehrt.

Sardanapal. Aha!
Das ist wie unser Baal! Auch er besitzt
Des Donners Macht und immer zeugt ein Blitz,
Der niederzuckt, von seiner Göttlichkeit.
Er trifft manchmal die eigenen Altäre.

Myrrha. Das wär' ein schrecklich Omen.

Sardanapal. Ja für Priester!
Gut denn! wir bleiben im Palast heut' Nacht
Und feiern unser Freudenfest im Innern.

Myrrha. Zeus sei gelobt, daß er die Bitte hörte.
Die du nicht hören wollt'st. Die Götter sind
Dir wohlgesinnter, als du selbst es bist,
Und schleudern dies Gewitter zwischen dich
Und deine Feind', um dich davor zu schützen.

Sardanapal. Kind! wäre hier Gefahr, so dünkt mich, wär'
Die gleiche doch hier innerhalb der Mauern
Wie an des Flusses Rand.

Myrrha. Das nicht, die Mauern
Sind hoch und stark und wohl bewacht. Verrath
Müßt' manchen Schlangenweg, manch schweres Thor
Durchdringen erst; doch jener Pavillon
Ist kein Castell.

Sardanapal. Nein! doch auch der Palast,
Die Burg selbst nicht, noch auch die Spitze dort
Des Kaukasus in seinem Wolkenschloß,
Wo unzugänglich auf der Felsenzinne
Der Adler sitzt – sobald Verrath im Spiel.
So wie der Pfeil der Lüfte König trifft,
So findet auch der Stahl den Herrn der Erde.
Doch sei beruhigt! Jene Männer sind
Ob schuldig oder nicht, nunmehr verbannt
Und fern schon unterwegs.

Myrrha. Sie leben noch?

Sardanapal. So bist auch du von Blutdurst denn besessen?

Myrrha. Mich schreckte die gerechte Strafe nicht,
Die solche träfe, die bedroht dein Leben.
Wär' es nicht so, ich selbst verdiente nicht,
Daß ich noch leb'. Doch hast du ja hierüber
Des Prinzen Salimenes Rath gehört.

Sardanapal. Es ist doch wunderbar! Die Sanfte ist,
Der Strenge gegen mich, und Beide drängen
Zur Rache mich.

Myrrha. In Hellas ist dies Tugend.

Sardanapal. Doch unter Kön'gen nicht – ich möchte nichts
Davon! Wenn ich ihr jemals fröhnen könnte,
Wär's gegen Kön'ge, meines Gleichen, nur.

Myrrha. Doch Jene wollten dies ja sein.

Sardanapal. Ei Myrrha!
Dies klingt zu weibisch mir und kommt aus Furcht.

Myrrha. Um dich!

Sardanapal. Gleichviel! 's ist dennoch Furcht. Ich hab'
Bemerkt, daß dein Geschlecht einmal in Zorn
Versetzt, in einem solchen Grade feig
Rachsüchtig war, daß ich nicht folgen möcht'.
Ich glaubte dich auch hiervon frei, wie von
Der kind'schen Schwäche asiat'scher Frau'n.

Myrrha. Mein Fürst! nicht meiner Liebe rühmt' ich mich
Noch meiner andern Eigenschaften je.
Ich habe deine Herrlichkeit getheilt
Und will auch theilen dein Geschick. Du wirst
Vielleicht die Sklavin treuer finden als
Millionen Unterthanen, doch verhüten
Die Götter das! Ich bin zufried'ner, wenn
Geliebt ich bin als Lohn für was ich fühle,
Als wenn im Unglück ich's beweisen müßt',
Das leicht nicht wich trotz allen meinen Müh'n.

Sardanapal. Unglück ist nicht, wo wahre Liebe lebt,
Nur noch erhöhen müßt' es sie und fliehn,
Weil es sie doch hinweg nicht scheuchen könnt'.
Laß uns hinein, die Stunde naht! Wir müssen
Noch Anstalt treffen, die gelad'nen Gäste,
Die unser Fest beehren, zu empfangen. (Beide ab.)

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.