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Sämtliche Schriften - Band IV: 1927-1928

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band IV: 1927-1928 - Kapitel 151
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band IV: 1927?1928
publisherRowohlt
seriesSämtliche Schriften
volumeBand IV
printrun1. Auflage
editorWerner Boldt, Renke Siems
year1994
isbn3498050192
firstpub1927-1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der deutsch-polnische Krieg

Der letzte Tag der öden und mißvergnügten Konferenz von Lugano endete doch mit einem harten und unerwarteten Zusammenprall, der geeignet war, den schon verzagenden Vertretern der Weltpresse dankbaren Telegrammstoff zu liefern. Übrigens hat das Duell Stresemann-Zaleski den in Watte und Geschenkkartons verpackten Sottisen, die sich die Ratsmitglieder sonst gegenseitig verabreichen, die Wahrheit des Zustandes voraus, den dieser erregte Wortwechsel reflektierte. Ein ehrlicher Zank im Völkerbund ist besser als das sonst beliebte Verschweigen oder Darüberweggleiten. Aber –

In der Auseinandersetzung zwischen dem deutschen und dem polnischen Außenminister bleckte der Haß die Zähne. Allein auf sich angewiesen, würden beide Mächte knurrend und fauchend nebeneinanderliegen, aber dabei doch ernste Angriffe meiden, weil sie viel zu verlieren haben. Das Unglück ist, daß sie sich nicht allein fühlen, sondern ganz deutlich um ihre Bestimmung als Repräsentanten von zwei feindlichen Lagern Europas wissen.

Der Ausbruch Stresemanns sowohl als auch der Zaleskis war von durchaus ungezügelter Echtheit. Der Plan dazu allerdings richtige Comédie. Man kann auch nicht sagen, daß Stresemann so völlig überrumpelt war, denn Zaleski hatte ihn vorher verständigen lassen. Aber beide brauchten ihr Gemetzel aus innenpolitischen Gründen, beide mußten, wenn sie schon nicht Erfolge mit nach Hause bringen konnten, wenigstens den Nachweis führen, daß sie dem Gegner eins ausgewischt hätten. Zaleski fühlte sich durch die Sonderverhandlungen der Big three etwas in die Ecke gedrängt und mußte zeigen, daß er auch noch da wäre. Unser Stresemann dagegen wollte von seinem patriotischen Parterrepublikum nicht wieder als Memme verschrien werden. Hatte nicht wiederholt selbst Westarp Hermann Müllers genfer Rede gelobt und dem Kanzler mehr nationale Energien zugesprochen als dem Außenminister? Das durfte nicht sein. Da Stresemann nicht wagte, sich an Briand oder Chamberlain zu rehabilitieren, so kam ihm Zaleskis Einladung zum Schaufechten sehr gelegen. Aber während Herr Zaleski sich im ganzen bemühte, eine formale Beschwerderede zu halten und nur in der Hitze des Handgemenges ein paar Mal mit ungesicherter Klinge zustieß, antwortete Stresemann grob und turbulent und dies Mal ganz zur Zufriedenheit der Hugenbergpresse.

Nicht nur zu Hugenbergs Zufriedenheit. Auch die Sozialdemokraten waren ganz einverstanden, und keines ihrer Blätter fühlt, daß der Außenminister in Lugano nicht in dieser seiner wichtigsten Eigenschaft gesprochen hat, sondern als Führer einer reaktionär-nationalistischen Mischmaschpartei, die nur mit umnebeltem Hirn in eine pazifistische Politik gegängelt werden kann. Daß Stresemann aber überhaupt keine Kritik in Deutschland fand und alle gleichermaßen über sein mannhaftes Auftreten entzückt waren, beweist nur, daß es in Deutschland eine Einheitsfront gegen Polen gibt, ein höchst bedenklicher Zustand, an dem auch ein endlich glücklich vollbrachter Handelsvertrag nicht viel ändert. Mindestens jene Parteien, die den Frieden im Programm führen, sollten sich nicht auf die gelegentlichen pariser Expeditionen ihrer Notablen beschränken, sondern mehr Gewicht auf eine Aussprache mit Warschau legen, um wenigstens die ärgsten Giftkeime zu töten.

In Deutschland wird die Grenzziehung im Osten allgemein als ungerecht empfunden. Das braucht durchaus nicht die bittersten Konsequenzen zu haben, denn im Grunde rechnet kein Vernünftiger mit einer Änderung in absehbarer Zeit. Aber auch die Parteien der Linken müssen ihren schwarzen Mann haben, an dem sie ihren Patriotismus billig erhärten können. Die Kommunisten wieder sind durch die russische Binde blind gemacht. Außerdem wissen sie aus ihrem falsch verstandenen Marx, daß große Kriege die Lokomotiven der Weltgeschichte sind. Sie vergessen dabei die Menschen im Zug, die wichtiger sind als die Geschwindigkeit. So ist die Deklamation gegen Polen allmählich in die liebe Gewohnheit eingegangen, wobei unglücklicherweise die [polnische] Politik immer genau diejenigen Schritte unternimmt, die notwendig sind, um die deutschen Unmutsgefühle zu stärken. Dabei ist Graf Zaleski alles andre als ein Provokateur, sondern ein verbindlicher Diplomat der mittlern Linie, der dem nationalen Appetit nach Sensationen nur dann Bissen zuschiebt, wenn er es für unvermeidlich hält. Es ist durch nichts gerechtfertigt, grade Zaleski zur Verkörperung des bösen, absolut deutschfeindlichen Geistes zu machen. Aber die Haltung Polens in ihrer Gesamtheit ist noch immer von einer Nervosität, die auch auf die westlichen Nachbarn ausstrahlt. Die Mehrzahl der Presse schreibt überreizt. Und oft genug reden die Politiker so, als stünde Hannibal morgen vor den Toren.

Die nervöse Lautheit der polnischen Politik täuscht über manche segensvollen Verbesserungen hinweg. Man sollte auch in Deutschland nicht übersehen, daß zum Beispiel der odiose Herr Korfanty heute abgetakelt und ein stiller Mann ist. Das ist das deutliche Zeichen einer Veränderung. Aber Polen hat noch immer eine unglückliche Hand in der Behandlung seiner Minoritäten. Die Deutschen in Oberschlesien sind es ja nicht allein, die klagen. Man könnte sogar sagen, daß sie etwa neben den Ukrainern noch recht glücklich dran sind, weil sie eine hochzivilisierte Schicht bilden und zum Teil über beträchtliche wirtschaftliche Abwehrmittel verfügen. Sie können sich wehren und tun es auch. Ost-Oberschlesien ist mit allen seinen administrativen Rauhheiten kein Südtirol, und Stresemann hätte mit mehr Berechtigung Herrn Grandi anschreien können als den polnischen Außenminister. Aber die polnischen Erregungszustände werden weniger durch die deutsche Nachbarschaft hervorgerufen als vielmehr durch die russische. Hier liegt der Cardinalfehler der polnischen Politik, daß sie sich von den antibolschewistischen Mächten Europas als Vorposten mißbrauchen läßt. Polen muß nicht nur mit Deutschland zu einem erträglichen Verhältnis gelangen, sondern ebenso mit Rußland. Ich weiß, daß das Zukunftsmusik ist, aber ein neugebildeter in sich noch nicht geschlossener Staat wird aus einer Angstneurose in die andre fallen, wenn er sich dauernd von beiden Seiten bedroht sieht. Mindestens mit einem der Nachbarn sollte Polen endlich ins Reine kommen. Was den warschauer Politikern auch von den Westmächten versprochen wird, über eines dürfen sie sich nicht täuschen: – in einem zweiten russisch-polnischen Krieg würde Deutschland bei der ersten polnischen Niederlage den Korridor besetzen, um – Europa vor der Überflutung durch den Bolschewismus zu schützen. Und die Ärgsten unter den Bolschewistenfeinden Europas würden applaudieren. Denn die Angst vor dem roten Moskau ist stärker als die Sympathien für Polen. Wie die Dinge auch kommen mögen, Polen hat nur zu verlieren.

Hinter dem Rededuell Stresemann-Zaleski steht die häßliche Wahrheit, daß zwei Staatsmänner, die hier nationaler Erbitterung Ausdruck verliehen haben, darin wirklich die Wortführer ihrer Nationen gewesen sind.

Das kommt sehr selten vor. Hier war es einmal Wirklichkeit. Sonst liegt das Ressort Nationalhaß in den Händen versierter Berufspatrioten. Im Falle Deutschlands und Polens sind zwei Völker in ihrer Gesamtheit hineingehetzt worden.

Wie weit mag der Weg bis zum Abgrund noch sein? Kluge Leute in England und anderswo erwarten im Frühjahr 1929 die russische Katastrophe, Stalins Sturz und die Möglichkeit, mit dem roten Zauber gründlich aufzuräumen. Wehe, wenn sie Recht behielten!

Es ist nicht mehr viel Zeit zu verlieren. Polen muß erkennen, daß die ihm zugedachte Rolle als Fußsoldat gegen Rußland ihm eine Zukunft eröffnet, in der alle Schrecken seiner Vergangenheit wiederkehren können.

Deutschland –? Es muß sich endlich bequemen, den Versailler Vertrag als Tatsache anzuerkennen. Er hat seine Härten und Schiefheiten, aber er hat neue Nationalstaaten ans Licht gebracht, die leben wollen und, wenn sie klug sind, auch leben werden. Das ist eine historische Tatsache, die keine Protestlerfaust zu zerschlagen vermag.

Die Weltbühne, 25. Dezember 1928

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