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Sämtliche Schriften - Band IV: 1927-1928

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band IV: 1927-1928 - Kapitel 117
Quellenangabe
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typemisc
authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band IV: 1927?1928
publisherRowohlt
seriesSämtliche Schriften
volumeBand IV
printrun1. Auflage
editorWerner Boldt, Renke Siems
year1994
isbn3498050192
firstpub1927-1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090811
projectid35a5c5a1
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[Antworten] Sänger

Es gibt kein Plaisir, das man in Deutschland nicht mit sehr gewichtiger Politik belastete. Vierzigtausend Sänger fahren nach Wien und flugs wird daraus eine machtvolle Anschlußkundgebung. Man mag zur Anschlußfrage pro oder contra stehen – auf einer Vergnügungsreise wird sie nicht entschieden werden. Und was ist diese Sängerfahrt mehr? Würde dies frohe Fest irgendwo in Deutschland stattfinden, bliebe es eine Angelegenheit der Lokalanzeiger, und die Linksblätter würden über die geschwollenen Männerbrüste und über den Massentransport von blonden Vollbärten ihre Scherze machen, die Musikreferenten es empört ablehnen, sich mit dieser Liedertafelei näher zu befassen und der Rest gehörte den Witzblättern. Und mit Recht. Denn diese Sängerbündelei gilt sonst als Gipfelung des Philistertums, ist gleichsam die Wirtschaftspartei in Musik gesetzt. Dennoch wäre es unsinnig, den guten Leuten ihre Ideale rauben zu wollen; sie mögen die alten Eichen so oft rauschen lassen, wie es ihnen Spaß macht. Aber warum macht man daraus eine hochpolitische Sache, die Alldeutschland in Wallung bringt? Warum müssen die sozialistischen Herren Severing und Loebe sich grade hier als Protektoren gerieren und sich recht überflüssig vor aller Welt exponieren? Das erste Echo des vereinten Männersangs ist sehr mißtönend gewesen. Pariser Chauvinisten ist wieder das bequeme Stichwort von der deutschen Expansionslust hingeworfen worden. Grade in diesen Tagen, wo die Frage der Rheinlandräumung wieder in den Vordergrund tritt, wäre es ein Unfug, durch ein neues Moment die Debatte zu verschärfen. Die sozialdemokratischen Exzellenzherren, deren innere Bilanz einstweilen so kläglich ausgefallen ist, täten gut, wenigstens nach außen hin die kraftstrotzenden Gesten zu vermeiden. Europäische Dinge werden nicht auf einem Sommerfest für altgewordene Kinder entschieden. Was die ästhetische Seite der Sache betrifft, so gibt es einen Leidtragenden, dessen hier mit schwachem Seufzer Erwähnung getan werden soll: – Franz Schubert, in dessen freundlichem Namen diese pompöse Tonfülle in die Ohren der erstaunten Welt braust. Er kann sich nicht wehren, der Arme.

Die Weltbühne, 24. Juli 1928

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