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Sämtliche Schriften - Band II: 1922-1924

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band II: 1922-1924 - Kapitel 1
Quellenangabe
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band II: 1922?1924
publisherRowohlt
seriesSämtliche Schriften
volumeBand II
printrun1. Auflage
editorBärbel Boldt, Dirk Grathoff, Michael Sartorius
year1994
isbn3498050192
firstpub1922-1924
correctorreuters@abc.de
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1922

297.

Falstaffs Logik

Sir John steht auf blutgetränktem Schlachtfelde neben dem Leichnam eines tapferen Ritters, entkorkt gemächlich eine Flasche Sekt und monologisiert dazu: »Gut, wenn Percy noch nicht erstochen ist, so will ich diese anstechen ... Ich liebe solche grinsende Ehre nicht, wie sie Sir Walter hat. Ich lobe mir das Leben! Kann ich's davonbringen, gut; wo nicht, so kommt die Ehre ungebeten, und damit aus.«

Mir rumoren diese Shakespeare-Worte im Kopfe, seit ich jüngst in der »Täglichen Rundschau« eine kleine Apologie des Duells las. Ein bekannter Schauspieler hatte auf einem Vortragsabend Schopenhauer's bissige Philippika gegen den Zweikampf gesprochen. Dazu schrieb der Kritikus: »Rauschender Beifall weniger für die künstlerische Leistung als für Schopenhauer's Polemik gegen das Duell. Nicht eine Würdigung des scharfen Gedankenganges des großen Philosophen, nur lüsterne Freude am Kampfe gegen ein Stück altpreußischer Tradition (worüber sich fein säuberlich streiten ließe!) und im Untergrunde vielleicht ein sattes Behagen, für das gelockerte Ehrgefühl der Zeit diesen so vortrefflichen Deckmantel zu finden.«

Ich möchte den Herrn von der »T.;R.« nicht eitel machen, weil ich mir just sein Elaborat vorknöpfe, denn es geschehen wohl tagtäglich gröbere Attentate wider die Vernunft. Es erscheint mir aber symptomatisch für die Unverfrorenheit, mit der man, einer schlechten Mode huldigend, heute vor dem ärgsten Mottenfraß aus vornovemberlichen Zeiten schweifwedelt. So viel Worte, so viel Unrichtigkeiten. Das Duell ist nicht ein Stück ausgesprochen altpreußischer Art, sondern, um die Terminologie des Täglichen Rundschauers anzuwenden, welsch bis auf die Knochen. Zwar wurde auch im alten Deutschland gehauen und gestochen, bis die Schwarte knackte, aber diese ganze Rauferei hatte einen sympathischen Beigeschmack von Bierehrlichkeit. Der point d'honneur mit seiner sakralen Unverletzlichkeit und seinen perfiden Raffinessen ist eine besondere Erfindung spanisch-französischen Kavaliertums, einer ewig genußgierigen und ewig gelangweilten Kaste, der es vorbehalten blieb, auch aus dem traurigen Sterben ein Fünkchen Sensation zu schlagen. Das alte preußische Offizierkorps hatte, wie so manches aus der Zopfzeit, auch diesen Unfug sorgfältig konserviert. Wir wissen, daß die Duelliererei in der Wirklichkeit durchaus nicht, wie etwa in schlechten Romanen, von einer gut männlichen Romantik umwoben war, sondern durchweg nur für allerhand katilinarische Existenzen ein letztes Mittel bedeutete, die verspielte Reputation zurückzugewinnen.

Damit ist heute aufgeräumt. Jeder Mensch von gesunden Sinnen befördert einen Kartellträger im Gleitflug vor die Haustür. Das »Ehrgefühl« hat sich gelockert. D'Artagnan), mit der Hand am Degenknopf, auf einen herausfordernden Blick lauernd, ist zur komischen Figur geworden. Man geht mit seinem Blute ökonomischer um; man hat schließlich doch erkannt, daß der Amtsrichter zuverlässiger ist als der Vorsitzende eines obskuren Ehrengerichtes. Wo immer die sogenannte Standesehre aus der Welt geschafft ist, wächst das natürliche, unverbogene Ehrgefühl des Individuums; allzugroß ist die Versuchung, eigene Schäbigkeit und Unzulänglichkeit mit irgend einer kollektiven Ehre aufzuputzen. Nur die Studenten können noch nicht lassen, sich die Bestätigung ihrer blamablen Rückständigkeit gegenseitig in die Gesichter zu kritzeln; aber schließlich hat jeder die Visage, die er verdient.

Die Brust zu dehnen, die Weite des Blicks abzumessen, es ist die größte Lust auf Erden. Wer Todesnot entronnen, weiß was es heißt: Atem zu holen, den warmen Körper zu betasten, – sein Leben zu fühlen! Narr und Feigling, wer es aufs Spiel setzt eines Phantoms wegen. Es ist heldenhafter und letzten Endes auch gefährlicher, mit der Kraft des mutigen Herzens allein den Kampf aufzunehmen gegen eine gleißende Phantasmagorie, Menschenhirn entsprungen und durch alte Satzung geheiligt, als mit einem Schießeisen im Kasten, zwei Sekundanten und einem Wundarzt frühmorgens vor die Stadt zu fahren. Wir würden in einem blühenden Garten leben, wenn die Menschheit öfter mit Falstaff's praller Logik der »grinsenden Ehre« den Abschied erteilt hätte. Immer hat der Mensch am Leben gehangen, aber selten hatte er die Courage, das auszusprechen. Es galt nicht als ritterlich. Zum Teufel endlich mit den heuchlerischen Bravaden. Es steht jedem frei, Harakiri zu begehen. Aber es sei verboten, sich dazu Gesellschaft zu suchen. Oder gar in vornehmer Zurückgezogenheit, die Kampflust – der Andern aufzustacheln. Denn schließlich kommt doch einmal die Ehre ungebeten, und damit aus.

Monistische Monatshefte, 1. Januar 1922

298.

Lustspielhaus »Der Werwolf«

Der »Werwolf« des Herrn Angelo Cana aus Valparaiso beißt nicht, sondern macht sich um nur schöne Frauen zu schaffen. Das Stückchen zeigt hin und wieder, wenn es sich um Verulkung des modernen Salonspiritismus handelt, Ansätze zu einer frechkomischen Farce. Aber die erhobene Narrenpritsche fällt nicht klatschend nieder, und an Stelle des breiten Gelächters gibt es endlose Tiraden. Es ist schade, daß der sonst sehr tüchtige Regisseur Robert Wiene nicht kräftiger gestrichen hat; schließlich ist Angelo Cana kein Klassiker, dessen unbedeutendster Beitrag sich als philologisches Mumifizierungsobjekt empfiehlt. Zwischen Cesar Kleins farbensatten Kulissen wurde ganz vorzüglich gespielt. Lili Marberg, Grete Diercks, Ciaire Rommer, Alfred Haase, Curt Vespermann und Herm. Vallentin führten den Abend zu einem vollen Erfolg.

Berliner Volks-Zeitung, 2. Januar 1922

299.

Komödienhaus »Karussell«

Nach einem geschlagenen Vierteljahr – seit der »Fahrt ins Blaue« – nun endlich wieder ein Pariser Autor, der nicht in die Flucht jagt. Herr Louis Verneuil ist wirklich ein agiler Theatertechniker und zugleich ein amüsanter Kopf, in dem sich die französische Welt, wie der Theaterbesucher sie sich so gern vorstellt, in tausend funkelnden Nuancen spiegelt. Was soll man den Inhalt ausplaudern? Die alte, niemals veraltende Geschichte des Liebestrios. Er, Sie und Er, die auf einem gemeinsamen Karussell sich das Leben nicht schwer werden lassen. Wenn einer abspringen will, dann beschwichtigt Sie. Und Sie hält auch fest, wenn einer herunterzugleiten droht. – Die Aufführung im Komödienhaus gehört zu den erfreulichen Ereignissen der Saison. Die Sache hatte Stil und Schliff, war übermütig, ohne jemals den guten Geschmack zu ramponieren. Die Orska konnte ihre besten Gaben entfalten; sie küßte, liebte, tollte und log; sie zeigte sich in fabelhaften Toiletten und alles mit Kultur und Grazie und, nicht zu vergessen, mit guter Schauspielkunst. Ihre beiden Partner, Riemann und Alexander, stellten ein paar ergötzliche Typen auf sichere und gelenkige Beine. Der Beifall war groß. Vor Mitte nächster Saison wird dieses glückliche Theater keine neuen Spielplansorgen haben.

Berliner Volks-Zeitung, 5. Januar 1922

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