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Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921 - Kapitel 84
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band 1: 1911 - 1921
publisherRowohlt
seriesCarl von Ossietzky - ämtliche Schriften
volumeBand 1: 1911 - 1921
isbn3498050192
editorMathias Bertram, Ute Maack, Christoph Schottes
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firstpub1911 - 1921
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84

Gegen die Balkanisierung Deutschlands!

Kaum ist der große Brand in Oberschlesien mühsam gelöscht, und schon flackern rings um die mit Zündstoff reichlich versehenen Städte kleine Feuer, und ein tückischer Windstoß wird genügen, um von neuem helle Flammen zu entfachen.

Welch ein Bild, dies Deutschland nach dem Kriege!

Wenn vor sechs, sieben Jahren der gute Bürger in der Zeitung las, wie dem »Mbret« von Albanien seine von dieser etwas plötzlichen Dynastie wenig entzückten Untertanen Flintenkugeln durchs Fenster sandten und der neugebackene Monarch nebst durchlauchtigster Gemahlin im Keller des Konaks von Valona verschwinden mußte, ja, wer hätte damals gedacht, daß wenige Jahre später bei uns im Lande in noch ganz anderem Format ein solches Komitatschitum Gestalt gewinnen würde?

Deutschland hat einen unglaublichen Barbarisierungsprozeß hinter sich. In rapidem Tempo wächst die Balkanisierung, die Albanisierung Mitteleuropas. Im Osten läßt über Herrn Korfantys hochgesträubter Tolle Polens weißer Adler drohend die Schwingen rauschen, raub- und freßgierig, wie alle heraldischen Bestien. Rund um Berlin formiert sich, wie im vergangenen Winter, von neuem die Vendée. Und im Kanton Kahr (Volksstaat Bayern) nimmt Landeshauptmann Orgescherich lächelnd Paraden ab an der Seite des Ministerpräsidenten. Nicht genug von den Straßenkämpfen des vergangenen Jahres, nach Geiselmord, nach Lichtenberg und Ruhrkämpfen rüstet die Reaktion von neuem und denkt nicht im Traume daran, das Entwaffnungsgesetz zu befolgen. So hart ist das deutsche Gewissen geworden, daß nicht einmal das furchtbare Wort Mechterstädt sich einbrennen kann.

Gilt uns ein Leben so wenig, nachdem uns vier Jahre Krieg Tag für Tag die Heiligkeit und Unverletzlichkeit des Menschenlebens gepredigt haben? Ist es wirklich gang und gäbe geworden, den Gegner, den man nicht überzeugen kann, mit der Argumentation der Nahkampfmittel klein zu machen?

Geben wir uns nicht zufrieden mit der bequemen Ausrede, daß der Krieg viele unserer Volksgenossen habe verrohen lassen und unzugänglich gemacht feineren Empfindungen! Nein, das Übel sitzt tiefer.

Die militaristische Aufzucht des alten Staates war es, die dieser Generation ihren Stempel aufgedrückt hat, der sichtbar sein wird, solange noch ein einziger davon auf Erden wandelt. Schreckliche seelische Verwüstungen mag ein Sturmangriff, mag eine Stunde Trommelfeuer hinterlassen haben. Schlimmer noch sind die moralischen Verwüstungen, die die nationalistische Presse mit ihrem Kriegsgeschrei und ihren Blutphantasien angerichtet hat. Das haben Millionen täglich gelesen, morgens und abends, und wenn auch der Wortlaut schnell vergessen wurde, von dem Wortsinn blieb genügend haften, um das Gefühl zu pervertieren und das Denken zu verbiegen. Der widerliche Ausspruch des letzten Kaisers, daß der junge Rekrut bereit sein müsse, auf allerhöchsten Befehl selbst auf Vater und Mutter zu schießen, ist der Schlüssel zur Psyche der Marburger Studenten. Und von dem » Sandhaufen«, den die » Deutsche Tageszeitung« für jeden schaufelte, der nicht gewillt war, die Annexionsprogramme ihres geschätzten Redaktionsmitgliedes E.R. widerspruchslos hinzunehmen, führt eine gerade Linie zur Mordstätte in der Französischen Straße. Die Marloh, Kessel und wie diese kleinen Camelots du roi sonst heißen mögen, sie sind nur die Praxis jahrzehntelang gesponnener, oft zu unrecht belächelter Theorien.

In der » Post« vom 21. April 1913 war zu lesen: »Mit vollem Recht hat neulich ein deutsches Blatt die Franzosen als die unanständigste Nation Europas bezeichnet, und es gibt in der Tat in ganz Europa kein halbwegs zivilisiertes Volk, das eine so niedrige, heimtückische, minderwertige und feige Gesinnung besitzt wie das französische in seiner Gesamtheit ... Gewiß: Frankreich hat zweifellos Zeiten politischer Größe gehabt; aber es hat sie gehabt und ist inzwischen zu einem solchen Tiefstand aller der Tugenden herabgesunken, die ein starkes und stolzes Volk auszeichnen, daß es heute vom kriegerischen Standpunkt aus nur noch als ein höchst zweifelhaftes Vergnügen gelten kann, sich mit einem solchen Volke einmal schlagen zu müssen.«

Das ist gewiß längst Vergangenes. Aber, die »Post« lebt immer noch, und sie und ihre Gesinnungsschwestern arbeiten noch immer nach gleichem Schema, und wie sie damals das Schwert schliffen zum Angriffs- und Eroberungskriege, so geben sie heute die Signale aus zum Vergeltungskriege.

Das Traurigste aber ist, daß diesem Treiben so wenig Positives gegenübersteht. Die Regierung in ihrer Uneinheitlichkeit potenzierte Ohnmacht. Das Bürgertum, allzulange durch nationalliberale Schulung gegangen, lethargisch, zum Teil verbissen reaktionär aus Hilflosigkeit und Mangel an Selbstvertrauen; tapfere demokratische Minoritäten nur wagen es, Oase zu sein in der reaktionär-militärischen Wüste. Die Arbeiterschaft brudermörderisch gespalten, und gerade die Energischsten davon geneigt, Methoden, die sie bei ihren Gegnern mit Recht als solche der Gewalt und Unterdrückung verdammten, blindlings zu übernehmen, das Heil erwartend vom Moskauer Schwert.

Und deshalb ist dieser Kampf in der Unabhängigen Sozialdemokratie mehr als der übliche Parteizwist mit allen dazugehörigen Geräuschen und Gerüchen. Da wird sich in den nächsten Monaten ein Stück deutscher Zukunft entscheiden. Das ist die Frage: Werden sich wesentliche Teile der Arbeiterschaft einem finsteren, fanatischen und durch und durch uneuropäischen Glaubenssatz verschreiben und damit eine erneute Ära von Bürgerkriegen einleiten, die die Barbarisierung Deutschlands vollenden und den letzten Rest von Kultur fortfegen wird, oder wird durch eine Absage an die Doktrin Lenins unserer Demokratie wieder eine stattliche Kämpferschar zugeführt, die sie gerade im letzten Jahre oft bitter entbehren mußte? Es ist natürlich klar, daß das allein noch keine Harmonie bedeutet zwischen den Vertretern sozialistischer und bürgerlicher Demokratie, aber zurückgedämmt wäre zunächst einmal die Welle des Rechtsradikalismus und zugleich ein gemeinsamer Boden geschaffen für künftige Auseinandersetzungen zwischen den beiden großen Flügeln des modernen Demokratismus. Ein gemeinsamer Boden und eine entgiftete Atmosphäre – die Vorbedingungen also für sauberen und prinzipiellen Kampf.

Wenn etwas uns Deutschen nottut, so ist es solche prinzipielle Auseinandersetzung, in der der Geist selbst die Klinge führt und nicht Spekulation auf die niedersten Instinkte ganze Breitseiten von Phrasen abgibt. Denn Phrase bedeutet Verwirrung, und Verwirrung bedeutet heute, wo die Kugel locker im Laufe sitzt – muß das immer wiederholt werden – Blut, Blut, Blut!

Von der Phrase zum Prinzip! Das ist der Weg zur inneren Gesundung, zur Überwindung der destruktiven Kräfte in unserem Volksorganismus. Ohne innere Sammlung kein Vertrauen in der Welt. Ohne das Vertrauen der Welt keine Revision des Friedens!

Berliner Volks-Zeitung, 14. September 1920

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