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Sämtliche Schriften 1929 - 1930

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften 1929 - 1930 - Kapitel 1
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften 1929 - 1930
publisherRowohlt Verlag
seriesSämtliche Schriften
volumeBand V
printrun1. Auflage
editorBärbel Boldt, Ute Maack, Gunther Nickel
year1994
isbn3498050192
firstpub1929 - 1930
correctorreuters@abc.de
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1929

830

Französische Revolution

Ah... ça ira, ça ira –
Celui qui s'élève, on l'abaissera...

Wie es kam

Im Frühjahr 1789 befand sich Frankreich in einem Zustand letzter Erschöpfung. Es litt unter der unbezahlten Schuldenlast eines Jahrhunderts. Ein reiches Land war durch schlechte Regierung so weit heruntergewirtschaftet worden, daß die Staatseinnahmen ein jährliches Defizit von 140 Millionen aufwiesen, während die Anleihen auf 1646 Millionen angewachsen waren. Ungeheure Zahlen in einer Zeit, die noch keine amerikanischen Riesenvermögen kannte. Die Hilfsmittel waren erschöpft, aus dem verelendeten Volke ließ sich nichts mehr herauspressen. Hungersnot brach alle paar Jahre ein. Was geschehen sollte, wußte niemand. Aber einig war man sich darin, daß man die Alleinherrschaft des Königtums brechen wollte. Man wollte es nicht stürzen, aber es nach englischem Muster durch eine Verfassung beschränken.

Das achtzehnte Jahrhundert hatte nur einen geringen Einblick in wirtschaftliche Zusammenhänge. Der Engländer Adam Smith war der Erste gewesen, der über Wohlstand und Armut der Nationen eine einleuchtende Theorie entwickelt hatte. Die französischen Machthaber behandelten die Finanzmisere stümperhaft. Mit irrsinnigen Steuern zerstörten sie, was der arbeitsame Teil der Nation geschaffen. Als man nicht mehr weiter wußte, verpachtete man die Staatseinnahmen an private Spekulanten, die sogenannten Finanzpächter, die verhaßtesten Blutegel des Landes. Über diesem allmählich verfaulenden und verhungernden Staat aber thronte das absolute Königtum, unberührt von der Wahrheit lebte es in Luxus dahin, umgeben von einer bevorrechteten Klasse von Adeligen, die, obgleich alleinige Landbesitzerin, doch lange überschuldet und ruiniert war. Der Adel lebte seit Jahrzehnten nur noch von königlichen Almosen, sogenannten Pensionen, die der König bewilligte, Gnadenerweise in Geld, für die kein Anlaß vorhanden war. Namen und Summen der vornehmen Empfänger wurden in das berüchtigte Rote Buch eingetragen. Man fand es später. Der Bürger, in dessen Hand die Gewerbetätigkeit und die junge Industrie lag, war rechtlos. Er durfte kein öffentliches Amt bekleiden, er durfte nur mit dem schwarzen Hut unterm Arm vor den Großen seine Bücklinge machen. Er durfte Hof, Aristokratie und Geistlichkeit ernähren und empfing als Gegenleistung eine unehrliche Verwaltung und eine bestechliche, parteiische Justiz.

Dabei hatte Frankreich ein Jahrhundert höchsten Glanzes hinter sich. Seine Wissenschaft, seine Kunst, sein Geschmack und seine Lebensformen hatten ganz Europa überwältigt. Die großen Schriftsteller wie Voltaire, Rousseau und Diderot hatten Europa erobert, aber sie hatten auch die Despotie erschüttert. Sie hatten das Recht des Menschen auf ein menschenwürdiges Dasein, auf geistige Freiheit, und Gerechtigkeit verkündet. Das junge Bürgertum nahm diese Gedanken feurig auf. Einmal mußte der Zusammenprall erfolgen zwischen der Lehre der Philosophen und dem alten Staat, der zwar verrottet war, aber noch über die Kasernen und Gefängnisse verfügte. Der Zustand Frankreichs war ganz mittelalterlich. Uralte Bestimmungen hemmten die Gewerbe. Auf dem Lande wurde der Bauer von seinem Grundbesitzer ausgepreßt und zu Tode geschunden. Seuchen und Hungersnöte wüteten in der Landbevölkerung, die schließlich müde war, einen Boden zu beackern, der nicht mehr nährte. Der Bauer verkam in schmutziger Trägheit oder verstärkte die nächtliche Heerschar der Straßenräuber. Weite Landstrecken blieben unbestellt, verkamen und trugen nicht mehr.

Das alles war offenkundig, doch gefährlich, darüber zu sprechen. Eine Anzeige genügte, damit Einer in den Gefängnissen von Bîcetre oder Vincennes verschwand. Doch der gehässigste aller Kerker blieb die pariser Bastille. Hier faulten die Opfer höfischer Ränke. Grauenhafte Gerüchte gingen um. Hier an diesem gräßlichen Gemäuer fand Madame Legros eines Tages einen schmutzigen Zettel, die Botschaft des Gefangenen Latude an die Außenwelt. Madame Legros war eine unbedeutende Krämersfrau. Sie war ärmlich und nicht schön. Aber sie hatte ein großes Herz. Das Schicksal des fremden Menschen in der Bastille erschütterte sie, und sie beschloß Alles zu tun, um ihn zu befreien. Sie drang in die Amtszimmer und Salons, sie klagte, bat und drohte. Jahrelang ging die kleine Frau in ihren armseligen Kleidern in die Paläste, ging um wie der Geist der namenlosen Gerechtigkeit, unscheinbar und armselig. Niemand wagte, ihr ein Haar zu krümmen. Es war verboten, über den Fall zu schreiben, aber man verhaftete sie nicht. Das schlechte Gewissen lähmte den Arm der Herren. So verlor der Staat sein letztes Ansehen. Man heulte Spottlieder auf die Königin, in den Theatern wurden die bissigsten Witze auf den Adel laut beklatscht. Eine Schrift des Klerikers Sieyès, was der Dritte Stand bedeutete und was er zu fordern habe, geht von Hand zu Hand und wird der Katechismus des Bürgertums. In den Vorstädten treibt, von der Polizei gehetzt, ein Schwärmer sein Wesen, der aufreizende Flugschriften verfaßt, die heimlich gedruckt werden. Heute haust er auf einem schmutzigen Dachboden, morgen in einem feuchten Keller. Und immer gehetzt. Kein Wunder, daß er seine Gesundheit darüber verliert, daß seine Augen rotumrändert und trübe werden, seine Brust einfällt und sein eingesunkenes Gesicht von Hunger und Verbitterung erzählt. Das ist ein früherer Mediziner, der Doktor Marat. Man wird ihn später wiederfinden.

Von Mirabeau bis Robespierre

Ludwig XVI. war ein besserer aber auch weniger bedeutender Mensch als seine Vorgänger. Das Volk mochte den korpulenten Herrn mit dem starken Doppelkinn gern. Er sagte, seiner unentschlossenen Natur entsprechend, weder Ja noch Nein, glaubte aber immer, sich schließlich doch noch durch ein Doppelspiel aus der Klemme ziehen zu können. Das wurde sein Verhängnis. Wirklich verhaßt dagegen war die Königin. Marie Antoinette, die österreichische Prinzessin, war hochfahrend, verschwenderisch, voll Verachtung gegen den Bürger, dazu umgeben von einem Kreis, in dem das Volk nur österreichische Spione sah. Ihr Ruf war durch Skandalgeschichten ruiniert. Dabei war ihr Charakter stark, und ihr späteres Unglück fand sie ungebeugt.

Im Frühjahr 1789 war die Weisheit der Regierenden zu Ende. Der Finanzminister Necker, ein bürgerlicher Bankier aus Genf, ein tüchtiger Fachmann, sollte die Rettung bringen. Er riet dem König, die Stände, die »états généraux« einzuberufen, das heißt: die Vertreter von Adel, Geistlichkeit und Bürgertum, eine Einrichtung, von der das Königtum seit dem Kardinal Richelieu keinen Gebrauch mehr gemacht hatte. Das Volk mußte darin das Zugeständnis sehen, daß die Regierung nicht weiter wußte, seine Führer erblickten darin den Beginn der friedlichen, gesetzmäßigen Umformung des Staates nach englischem Muster. Für den Hof hingegen bedeutete die Berufung der Stände nur einen Versuch, neue Einnahmequellen zu erschließen und die Verantwortung abzuwälzen. Vorangegangen war schon eine Notablenversammlung, die zu nichts geführt hatte. Am 5. Mai 1789 traten die Stände in Versailles zusammen. Der Adel hatte 270 Vertreter entsandt, die Geistlichkeit 290, der Dritte Stand 532, darunter 212 Advokaten, die damit ihren Einzug in die französische Politik halten. Übrigens haben sich zum Dritten Stand auch etliche Adelige und Priester geschlagen. Die Regierung hat moralisch abgewirtschaftet, und Verwirrung und Unentschiedenheit beherrschen Militär, Justiz, Polizei. Das Bürgertum hat zwar Ideen, aber es fühlt sich noch unsicher. In einzelnen Provinzen beginnen Bauernaufstände, in Paris brechen Hungerrevolten aus. Der Hof zieht Truppen zusammen, in Versailles spricht man offen davon, die Stände auseinanderzujagen, wenn sie zuviel fordern. Die Regierung vertritt die Meinung, daß die Versammlung nur über die Steuervorlagen zu beraten und dann zu verschwinden habe. Deshalb soll auch nicht nach Köpfen, sondern nach Ständen abgestimmt werden. Das heißt, die stärkste Gruppe, die Bürger, von vornherein in die Minderheit setzen. Der erste Konflikt ist da. Am 17. Juni versammeln sich die Vertreter des Dritten Standes, die »Gemeinen«, und auf Antrag von Sieyès erklären sie sich zur Nationalversammlung, zur alleinigen Vertretung also. Die Regierung läßt das Versammlungshaus militärisch besetzen und verweigert den Abgeordneten den Zutritt. Da ziehen sie geschlossen ins Ballhaus, einen kümmerlichen Saal ohne Tische und Stühle, und hier leisten sie in der Nacht den feierlichen Eid: nicht zu weichen, bis sie Frankreich eine Verfassung gegeben. Der König erklärt den Beschluß für ungültig und droht mit Auflösung. Die Versammlung gehorcht nicht. Des Königs Zeremonienmeister wiederholt den Befehl. Ein schwerer Augenblick für die Versammelten. Widersetzen sie sich, so stehen sie außerhalb des Gesetzes. Da erhebt sich Graf Mirabeau. Er sitzt beim Dritten Stand, weil ihn die Aristokraten nicht bei sich leiden. Seine Vergangenheit ist durch häßliche Geschichten bemakelt. Das Volk sieht in ihm seinen Helden. Er ist es nicht. Ehrgeiz und Berechnung haben ihn hierher geführt, aber seine abenteuerliche Natur kennt auch Ergriffenheit und aufrichtiges Verlieren an einen feierlichen Moment. Er ist groß und schwer von Gestalt, das Gesicht gedunsen und verfettet, sein Körper ist schon zerrüttet, und in zwei Jahren wird er der nagenden Krankheit erliegen. Aber er ist der mächtige Redner dieser Versammlung, seine Stimme hat Orgelgewalt, er kann in seinen Hörern abwechselnd Raserei entfachen und zarteste Stimmungen vibrieren lassen. Graf Mirabeau spricht zur Versammlung: »... die Freiheit Ihrer Beratungen ist gefesselt; eine bewaffnete Macht umringt die Versammlung! Wo sind die Feinde des Volkes? Ist Catilina vor unsern Toren? Ich fordere Sie auf, suchen Sie Schutz bei Ihrer Würde, bei Ihrer gesetzgebenden Gewalt und halten Sie sich treu an die Heiligkeit Ihres Eides; er erlaubt uns die Trennung nur, wenn wir die Verfassung festgestellt haben.« Der Zeremonienmeister fordert Gehorsam für den König. Da wendet sich Mirabeau an ihn: »Sagen Sie Ihrem Herrn, daß wir auf Befehl des Volkes hier sind und nur der Gewalt der Bajonette weichen.« Und der ernste, stille Sieyès spricht zur Versammlung: »Sie sind heute, was Sie gestern waren, lassen Sie uns beraten.« Ein paar Wochen später wird der König erstaunt ausrufen: »Aber das ist ja eine Meuterei!«, und der Zeremonienmeister wird antworten: »Nein, Sire, das ist die Revolution!«

Es ist die Revolution. Der König weiß es nicht. Der Hofkreis seiner Frau beherrscht ihn. Dort will man den Staatsstreich. Die Hauptstadt ist von Truppen umzingelt. Kuriere eilen nach Metz zum Oberkommandanten der Armee. Ganz Paris ist auf der Straße. Es ist eine belagerte Stadt, die den Sturm erwartet. Morgen können ein paar Regimenter einbrechen; es sind viele landfremde Soldaten dabei, Schweizer und Panduren. Schrecklich kann das Gemetzel werden. Am 11. Juli wird plötzlich bekannt, daß Necker, der beliebte Reformminister, verabschiedet sei. Drohend liegt am Eingang des Arbeiterviertels Saint-Antoine das verhaßte Staatsgefängnis, die Bastille. Wie viele Opfer wird sie wieder aufnehmen? Am 13. Juli steht Paris in Aufruhr. Am 14. Juli stürmt ein Volkshaufe die Bastille und demoliert sie. Der Kommandant wird niedergemacht, sein Kopf auf der Stange durch die Stadt getragen. Der Despotismus ist schon müde und krank. Ohne Widerstand ist die Bastille gefallen, nichts geschieht, um sie zu rächen. Das Volk von Paris hat gesiegt. Jetzt bewaffnet es sich. Unter dem Befehl Lafayettes, der vor zehn Jahren in Amerika als Freiwilliger gekämpft hat, wird eine Bürgerwehr geschaffen, die Nationalgarde. Sie trägt eine neue Kokarde: blau und rot, die Farben von Paris, weiß die alte Farbe Frankreichs. Blau-weiß-rot sind von jetzt an Frankreichs Farben, und der 14. Juli ist sein nationaler Feiertag.

Der Hof ist in höchster Bestürzung. Die Nationalversammlung setzt ihre Arbeiten fort. In der Nacht zum 4. August werden alle alten Vorrechte abgeschafft; die Aristokraten selber werfen fort, was sie nicht mehr verteidigen können. In der Proklamation der Menschen- und Bürgerrechte findet der neue gesellschaftliche Zustand seine förmliche Bestätigung. Gleichheit vor dem Gesetz, geistige Freiheit, Abschaffung von Vorrechten, die durch die Geburt bedingt sind. Das bedeutet eine neue Zeit, und das Signal wird bald durch alle Länder gehen. Was damals unter Wirren und Schmerzen entstand, ist später so selbstverständlich geworden, daß wir heute nicht atmen könnten, wenn man es uns bestreiten wollte. In der Nacht zum 4. August erst ging das Mittelalter zu Ende.

Indessen hat der Hof wieder frischen Mut gefaßt. Die Nationalversammlung verzettelt ihre Zeit. In Paris ist wieder der Hunger eingekehrt. Wie im Kriege hängt die Verpflegung der riesengroßen Stadt von der Pünktlichkeit einer Brotsendung ab. In die vor Erregung bebende, von Hunger geschüttelte Stadt kommt eine Nachricht: Die Königin hat für ihre Offiziere in Versailles ein großes Fest abgehalten; und dabei ist es zu bedrohlichen Szenen gekommen. Die Königin, eine schöne, elegante Frau, so wie wir sie von vielen Bildern kennen, in ihrer hohen, getürmten Lockenfrisur, mit weißem Puder überstäubt, in einer herrlichen Brokatrobe und dem mächtigen Reifrock, Symbol der königlichen Pracht, war durch die Reihen der berauschten Offiziere gegangen, hatte ihnen Schmeicheleien gesagt – die Offiziere hatten ihre Hände geküßt, hatten mit geschwungenen Degen ihr Treue geschworen und wilde Racheschwüre gegen Paris deklamiert. Ist das die Gegenrevolution? Panischer Schrecken in Paris. Und so beginnt eine der seltsamsten Episoden dieser Jahre. Am 5. Oktober ziehen Tausende pariser Frauen nach Versailles. Kleinbürgerinnen, Marktfrauen, Arbeiterinnen. Sie kommen nicht feindselig, sie wollen ihre Not klagen, wollen Brot. Eine Armee verhärmter Frauen belagert das prunkvolle Schloß. Bestürzung, Ratlosigkeit. Wird es zu Gewalttätigkeiten kommen? Es ist immer wieder der Verdacht ausgesprochen worden, in Wahrheit habe Lafayette, der wie Mirabeau eine Doppelrolle spielte, den Zug arrangiert. Wenigstens traf er erst spät in der Nacht ein und wurde von beiden Seiten stürmisch begrüßt, von dem Hof sowohl wie von den Frauen vor dem Schloß.

Aber es gab jetzt nur noch eins: Der König mußte nach Paris. Das Volk verlangte es. Am 6. Oktober bewegte sich eine seltsame Prozession von Versailles nach Paris: In einer Kutsche die königliche Familie, daneben zu Pferde Lafayette mit der blau-weiß-roten Kokarde, dann die mehr malerischen als adretten Gestalten der Nationalgarde, dann das Heer der Frauen. So zog Ludwig XVI. in seine Hauptstadt ein.

Man hatte gehofft, den Ränken des Hofes ein Ende zu machen, indem man den König nach Paris brachte. Es war ein Irrtum. Das Königtum suchte jetzt einzelne Führer der Bewegung zu gewinnen. Mirabeau zeigte sich einer Verständigung nicht abgeneigt. Der König schien sich in die neuen Verhältnisse geschickt zu fügen, und republikanisch dachte man damals noch nicht. Ein Jahr nach dem Bastillensturm fand auf dem Marsfelde das große Bundesfest statt, das zum letzten Mal die Parteien in voller Harmonie zeigte. Dann begann im Lager des Dritten Standes die Zerspaltung. Parteien in unserm Sinne gab es in der Nationalversammlung noch nicht. Die Abgeordneten trafen sich in Klubs, und hier entwickelten sich in stürmischen Debatten allmählich bestimmte Gruppen. Es entstanden viele dieser Klubs. Der berühmteste, von dem Parlamentsrat Duport in Versailles gegründet, tagte später in Paris im Jakobinerkloster und erhielt davon seinen Namen. Hier verkehren Mirabeau und Lafayette, hier schulten sich Männer, die erst später bekannt wurden, und hier vor allem war der Sammelplatz von Politikern, meistens aus dem Advokatenstande, die auf das Volk von Paris Einfluß hatten. Das Bundesfest hatte unter der Parole »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit« einen wahren Freiheitsrausch verbreitet. Nachher sahen die Dinge nüchterner aus. Die Beruhigung war nur scheinbar. Die Not hatte sich nicht geändert, in den Provinzen wechselten revolutionäre Bauernrevolten mit gegenrevolutionären. Auf den Verkauf der Kirchengüter gab man Papiergeld aus, die Assignaten; der Bankrott war nur verschleiert. Mitten in diesen Wirren, im Frühjahr 1791, starb Mirabeau. Der Hof verlor seine letzte Hoffnung und war bereit, Alles auf einen Gewaltstreich zu setzen. Der König machte den Versuch, nach Metz zu entfliehen, ins Hauptquartier der Armee. Er wurde in Varennes eingeholt und nach Paris zurückgebracht. Seine Doppelzüngigkeit weckte die tiefste Entrüstung, seine Beliebtheit war für immer dahin. Daß er sich nur mühsam an die neuen Verhältnisse gewöhnte, wurde mit Nachsicht beurteilt. Nicht verzieh man ihm aber, daß er sich heimlich mit dem Ausland gegen das eigene Land verschworen hatte. Denn inzwischen hatte sich in Frankreich eine bedrohliche Allianz gebildet. Die Mächte des alten Europa hatten mit Sorge die Bewegung verfolgt, sie fürchteten, daß sie über die Grenzen schlagen könnte und waren deshalb bereit, ihre Armeen marschieren zu lassen, um den König mit Gewalt nach Paris zu führen und die Revolution zu zertreten. Dies wußte Ludwig XVI., in diese Gesellschaft hatte er sich begeben, und deshalb mußte er schließlich Krone und Kopf verspielen.

Zum erstenmal wird die Absetzung des Königs, die Ausrufung der Republik gefordert. Die Radikalen sondern sich von den Gemäßigten, die für die konstitutionelle Monarchie sprechen. Im Jakobinerkloster treffen sich die republikanisch Gesinnten. Auch bei ihnen sind zwei Gruppen bemerkbar. Die einen nennt man die Girondisten, weil einige ihrer Wortführer aus der Gironde stammen. Es ist die Partei der reichen Kaufleute, die Partei der glänzenden Redner wie Brissot, Vergniaud, Pétion, Roland. Die andre Gruppe stützt sich auf das kleine Bürgertum, auf die große Masse der Arbeiter und Besitzlosen. Schon machen sich Kontraste zwischen beiden Gruppen bemerkbar. Bald wird man sie die Ebene und den Berg nennen nach ihren Sitzen in der Versammlung. In den Pariser Vorstädten herrschen volksbeliebte Agitatoren: der jetzt endlich ans Tageslicht gekommene Marat, der Brauer Santerre, der lustige Camille Desmoulins. Ein Redner von wilder Kraft ist der breitschultrige, pockennarbige Georges Danton. Sie alle haben Beziehungen zu einem Mitgliede des Jakobinerklubs, einem schmalen, zarten Herrn von kränklicher Gesichtsfarbe, der seinen Rock stets peinlich sauber trägt und stets eine frische weiße Halsbinde umhat. Das ist der Bürger Maximilian Robespierre, Advokat aus Arras. Noch lächelt man über seinen steifen Ernst, über sein bescheidenes, nüchternes Leben. Bald wird man vor ihm zittern, wenn er, auf der Rednertribüne stehend, seine kalten Augen auf der Versammlung ruhen läßt.

Allons enfants de la patrie...!

Die erste Nationalversammlung führte den Namen die Konstituante, weil es ihre Aufgabe war, dem Staat eine Verfassung (Konstitution) zu geben, die zweite, am 1. Oktober 1791 zusammengetreten, hieß die Legislative, weil ihr die Gesetzgebung oblag. Die zweite Nationalversammlung sah schon ganz anders aus. Die Gemäßigten waren in der Minderheit und sehr kleinlaut; republikanisch Gesinnte, Girondisten und Jakobiner, in der Mehrzahl. Außerhalb der Versammlung schrieb und dachte man noch radikaler. Der neue Klub der Cordeliers, in dem Danton, Desmoulins und Marat das Wort führten, betrieb offen die Absetzung des Königs und denunzierte die Girondisten als Schwächlinge, die kein offenes Vorgehen wagten.

1792 sind die europäischen Mächte klar zum Krieg gegen die Revolution. Am Rhein und in dem damals österreichischen Belgien finden Truppenkonzentrationen statt. In den Klubs von Paris wird laut der Krieg gefordert. Der König muß seine Minister entlassen, ein Kabinett aus Girondisten wird gebildet. Der führende Kopf ist Dumouriez, ein früherer königlicher Kammerherr, hochbegabt und energisch, aber auch leichtfertig und charakterlos. Das Königtum war verloren, man wußte es überall, nur im königlichen Palast nicht. Man erzählt, daß der Zeremonienmeister die neuen Minister nicht beim Könige vorlassen wollte, weil sie nicht, der Kleiderordnung des Hofes gemäß, Schnallen an den Schuhen trugen. »Nicht wahr, mein Herr«, sagte Dumouriez gelassen, »Alles ist verloren.« Die erste Tat des neuen Ministeriums war die Kriegserklärung an Österreich. Frankreich war wie eingekesselt, in Belgien, am Rhein und in Italien wimmelte es von ausgewanderten Aristokraten, den »Emigranten«, die offen zum Zug nach Paris hetzten und deren Rat die Kabinette der Mächte beherrschte. Der verblendete König begann neu zu hoffen. Er glaubte an die Überlegenheit der Mächte, sah sich in Gedanken wohl schon befreit und entließ die girondistischen Minister. Vielleicht war seine Hoffnung nicht unbegründet, denn inzwischen hatte sich Preußen Österreich angeschlossen. Die zwei alten Militärmächte standen in kolossaler Überlegenheit gegen das zerrissene, am Rande des Bürgerkriegs taumelnde Frankreich. Der Herzog von Braunschweig, der Generalissimus, glaubte überhaupt nicht an Widerstand, sondern eher an einen Parademarsch nach Paris. Von Koblenz aus erläßt er das berühmte Manifest an Frankreich. Er nennt darin die Ereignisse seit 1789 Rebellion, er fordert auf, dem Könige seine gesetzmäßige Gewalt zurückzugeben, also den verhaßten, alten Zustand wiederherzustellen. Er fordert bedingungslose Kapitulation des ganzen Landes. Jede Verteidigung würde mit dem Tode bestraft werden, Paris selbst der militärischen Exekution und der Zerstörung anheimfallen. Viel hatte in diesen schicksalsvollen Jahren menschliche Unzulänglichkeit verschuldet, aber eine solche an Wahnsinn grenzende Torheit war noch nicht dagewesen. Die Wirkung war schrecklich. Einschüchtern wollte der Braunschweiger, statt dessen erweckte er alle Elemente der Abwehr. Von diesem Augenblick an ist Frankreich eine gefüllte Ekrasitbombe, bereit, bei der ersten Berührung ganz Europa in die Luft zu sprengen. Der erste Erfolg des Manifestes ist der Sturz Ludwigs XVI. Danton und Marat haben das Volk der Vorstädte in der Hand; am 10. August werden die Tuilerien gestürmt, der König flüchtet in die Nationalversammlung und wird als Gefangener in den Temple gebracht. Jetzt ist er endgültig verloren. Man weiß, daß er Verbindung mit den Feinden gehalten hat und wohl noch hält, und daß die Königin niemals Hehl gemacht hat, die Anschauungen des Manifestes zu teilen. Frankreich kämpft um das nackte Leben, und der König fällt als Opfer dieses Kampfes. Bald wird er auf dem Revolutionsplatze als Hochverräter unterm Fallbeil sterben. Im Sturm gewinnen die Radikalen unter Danton und Robespierre die Überhand. Die Girondisten werden zurückgedrängt. Der Gemeinderat von Paris wird nun ganz jakobinisch und zum Hauptquartier der Revolution. Die Gemäßigten werden verjagt, ihre Klubs geschlossen. Frankreich ist eine belagerte, dem Hunger verfallene Festung. Verzweiflung und Fanatismus regieren; die Barmherzigkeit ist gestorben. Das Vaterland ist in Gefahr! Im September brechen wilde Horden in die überfüllten Gefängnisse ein und metzeln die Gefangenen nieder, der Ruf »An die Laterne mit den Aristokraten!« dringt durch die Straßen, pflanzt sich durchs ganze Land fort. Das sind die »Septembrisaden«. Tausende werden als Feinde des Vaterlandes abgeschlachtet. Dabei ist in vielen Provinzen die Revolution kaum durchgedrungen. Im Süden und Norden brechen Aufstände los, die Vendée verteidigt sich verzweifelt gegen die Truppen von Paris. Bürgerkrieg. Das sind die Folgen des Manifestes. Und als ob das Schicksal dem alliierten Europa noch eine eindringlichere Lektion vorbehalten hätte: Nicht einmal im Felde sind seine Armeen glücklich. Die französischen Heere sind schlecht ausgerüstet, man nennt die Soldaten spöttisch »Sansculotten«, Ohnehosen, weil sie statt Kniehosen lange, schlechtsitzende Beinkleider tragen, aber diese Soldaten, die oft nur Piken oder Sensen haben, kämpfen um Freiheit und Leben ihres Landes. Dumouriez führt jetzt mit dem General Kellermann die Armee in der Champagne. Bei Valmy stoßen die Preußen und Österreicher auf einen unerwarteten mehrtägigen Widerstand. Am 30. September, abends, gibt der Herzog den Befehl zum Rückzug. An diesem Tag siegt die junge Revolution über das alte morsche Europa. Berühmt genug ist der Ausspruch Goethes: »Von hier und heute beginnt eine neue Epoche der Weltgeschichte, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen!« Goethe befand sich mit seinem Herzog bei der Armee. Sein Wort wiegt schwer; er liebte die Revolution nicht. Nach der Kanonade von Valmy drangen die französischen Armeen selbst über die Grenzen, nach Belgien, an den Rhein. In den bedrückten deutschen Kleinstaaten begrüßte man sie als Befreier. In Mainz tanzte man um den Freiheitsbaum.

Mit seinen Schrecken und Wirrnissen ist 1793 eines der größten Jahre der Geschichte. Noch sieht es in Frankreich wild genug aus, und die Parteikämpfe nehmen an Leidenschaft zu. Führer der Republikaner sind jetzt Danton und Robespierre. Sie lieben sich nicht, der breite, temperamentvolle Danton, der nicht nur gewalttätig ist, sondern auch staatsklug, und der kleine, verkniffene Robespierre mit dem gutgebürsteten Rock – später werden sie sich zerreißen. Auf die gesetzgebende Versammlung ist der Nationalkonvent gefolgt. Die wichtigsten Vollmachten liegen bei einem kleinen Komitee: dem Wohlfahrtsausschuß. Die Republik ist proklamiert, Ludwig XVI. hingerichtet. Nach ihm die Königin und viele Andre. Jetzt rumpelt der Karren täglich durch die Straßen, Futter für die Guillotine: Aristokraten, Verdächtige, unehrliche Armeelieferanten, Brotwucherer. Robespierre stürzt die Girondisten. Sie werden im Konvent verhaftet. Es war immer ein Gegensatz zwischen ihnen und den pariser Radikalen. Sie sind zumeist reiche Seidenfabrikanten aus Lyon, Kaufherren aus Bordeaux; sie vertreten den neuen bürgerlichen Reichtum, Industrie und Finanz, ihre Lebensführung gleicht am ehesten der der gestürzten Schichten, während die Jakobiner den kleinen Mittelstand und die proletarischen Schichten verkörpern. Die Girondisten haben glänzende Redner, prachtvolle Charaktere, aber keine gebietenden Persönlichkeiten wie Danton. Sie werden zerrieben.

Jetzt ist Frankreich Republik. Eine neue Zeitrechnung beginnt, man bestimmt das Jahr 1792 als Jahr I der Republik und führt neue Monatsnamen ein. Die alte Einteilung in ziemlich selbständige Provinzen wird aufgehoben, die heute noch gültige Einteilung in Departements begründet die französische Einheit. Carnot, der militärische Organisator des Wohlfahrtsausschusses, schafft die »levée en masse«, die große Erhebung zur nationalen Verteidigung, und diese elend ausgestatteten Sansculottenheere, von blutjungen Generalen geführt, erschüttern Europa. Etwas ganz Neues ist in der Welt, was es vorher nicht gegeben hat und was heute nicht mehr fortzudenken ist: Vaterland und Freiheit gehören zusammen, wo die Freiheit nicht ist, ist auch kein Vaterland. Der moderne Patriotismus ist 1793 geboren. Der Begriff des Untertanen weicht der neuen Idee des Bürgers, der, sei er auch noch so gering, teil hat am Staat. Und wie immer in Epochen großer Umwandlungen ändern die Menschen auch ihr Äußeres. Wie in unsern Tagen die Männer ihre Kleidung leichter machen und dem gelenkigeren sportlichen Typ anpassen, die Frauen die Haare kurz schneiden und die Schleppröcke und Schnürleiber als Attribute alter Zeit betrachten, so warf man damals die mächtigen Reifröcke beiseite, die hohen, gepuderten Frisuren wurden nicht mehr getragen. Die Kleidung wurde einfacher und gefälliger – was ein paar Jahre vorher noch allgemein gültig war, wurde nun als zur »Zopfzeit« gehörig betrachtet, und man sprach vom »ancien régime«, als läge es hundert Jahre zurück. In der Tat ist in einem Jahre der Schutt eines Jahrhunderts aufgeräumt worden. Früher wurde der Staat durch sein Königtum verkörpert, jetzt redete man nur von der Nation; nicht mehr vom Willen des Herrschenden, sondern vom »Gesetz«. Alles was in dieser Zeit gefühlt wurde, hat ein junger Offizier der Rheinarmee, Rouget de Lisle, in ein von ihm gedichtetes und in Musik gesetztes Lied gelegt. Es wurde zuerst von Freiwilligen aus Marseille nach Paris gebracht und heißt danach die »Marseillaise«. In seinem mächtigen Schwunge atmet der ungebärdige, junge Geist des erwachten Volkes, gegen das die alten Mächte rücken, um ihm die Freiheit wieder zu entreißen:

Allons enfants de la patrie,
le jour de gloire est arrivé.
Contre nous de la tyrannie,
l'étendard sanglant est levé...
Aux armes, citoyens! Formez vos bataillons!
Marchez, marchez! qu'un sang impur
abreuve nos sillons...

(Auf, Ihr Kinder des Vaterlandes, der Tag des Ruhms ist da. Auf, gegen die Tyrannei! Die blutige Fahne weht! Zu den Waffen Bürger, bildet Sturmtrupps, marschiert, das Blut der Verräter soll unsern Acker tränken!)

Der 9. Thermidor

Der König ist dahin. Die Royalisten sind gestürzt und gerichtet. Die Gemäßigten sind nicht mehr. Die stolze Partei der Gironde ist nur noch ein Haufen armer Flüchtlinge. Gegen ein Übermaß von Feinden hat die Revolution den Schrecken aufgeboten, und jetzt wachsen die Stimmen gegen die Schreckensherrschaft. Ein junges Mädchen aus der Normandie, Charlotte Corday, eine Girondistin, hat Marat im Bade erdolcht. In der Galerie von Brüssel hängt des Malers David unvergeßliches Bild von dem sterbenden Marat. Er ist in der Badewanne zusammengesunken, einen blutigen Riß in der Brust, das Haupt fällt zur Seite, klagend ist der Mund geöffnet. So hat der Maler selbst den Sterbenden gesehen. Marat war ein Schwärmer, der viel Verfolgung erlitten hat, doch der überzeugteste Anwalt des Schreckens wird der junge Marquis Saint Just, ein schmächtiger blasser Mensch, als Redner von einer kalten, schneidenden Rücksichtslosigkeit, die auch seine Freunde schaudern macht. Soll der Mensch barmherziger sein als die Natur, die den Tod in die Welt schickt, die Erdbeben, Orkane, Gewitter über die Erde wirft? so philosophiert Saint Just. Jetzt werden die Gegensätze ganz scharf, auf der einen Seite die Lebensfrohen, die Spötter, die Voltaireschüler Danton und Camille Desmoulins, auf der andern Seite Robespierre und Saint Just, die Finstern und Lebensfeindlichen. Camille Desmoulins gibt ein Blatt heraus »Der alte Cordelier«, voll unbarmherzigsten Spottes über den mächtigen Robespierre. Im Kreise Dantons lacht man über den »Blutmessias«; Desmoulins macht sich über Saint Just lustig: dieser trage seinen Kopf so feierlich wie eine Monstranz. »Er wird den Seinen bald unterm Arm tragen wie der heilige Dionys«, antwortet Saint Just bissig. Danton hat eine Generalidee: die Amnestie. Erst Gnade, dann Neubeginn. Auch Robespierre trägt sich mit solchen Plänen, aber schweigt davon. Danton führt sich unvorsichtig. Sein privates Leben ist schwelgerisch, es sammelt sich um ihn eine bunte Gesellschaft von Unzufriedenen, politischen Geschäftemachern, Gesinnungslosen. Sein Verhalten wird rätselhaft. Er fordert die Gegner ständig heraus, aber er kämpft weder, noch denkt er an seine Sicherheit. Am 10. Germinal (30. März) 1794 verhandelt der Wohlfahrtsausschuß über seine Verhaftung. »Sie werden es nicht wagen!« meint er, und die Bitte, zu fliehen, lehnt er mit den Worten ab: »Kann ich das Vaterland an meinen Sohlen mitnehmen?« Noch in der selben Nacht wird er ins Gefängnis gebracht, mit ihm die Freunde. Die Dantonisten verteidigen sich vor dem Tribunal mit Tapferkeit und aufreizendem Spott. Bei der Verkündung des Todesurteils ruft Danton: »Robespierre wird folgen! Ich ziehe ihn nach!« Am 5. April enden Danton, Desmoulins und andre auf dem Schafott. Den letzten Kampf Dantons, seine Niederlage und sein Sterben hat der deutsche Dichter Georg Büchner in einem Drama behandelt, dem größten Revolutionsstück, das jemals geschrieben wurde. Es sagt mehr vom Geist der Revolution als alle Geschichtsbücher.

Nun wird es kalt und still. Die Revolution hat ihr Genie erschlagen. Vier Monate noch dauert die Diktatur Robespierre. Was will er? Er hat eine republikanische Gruppe nach der andern unters Fallbeil gebracht, nicht nur die Girondisten und Dantonisten, sondern auch eine Fraktion des Gemeinderats, die Hébertisten, die noch schroffer waren als er. Die Revolution hatte bisher eine ungeheure Fülle von Geist und Talent zuzusetzen gehabt. Bei den großen Volksaufständen vom Bastillensturm bis zum Tuileriensturm waren die Führer gleichsam aus dem Boden gewachsen. Jetzt ist diese heldenhafte Generation durch Blutverluste geschwächt. Die Großen sind dahin, und das Volk ist müde. Robespierre aber geht unbeirrt weiter. Er ist eitel, er hört sich gern den »Unbestechlichen«, den »Tugendhaften« nennen, aber er ist nicht blind. Es entgeht ihm nicht, daß es im engsten Freundeskreis an Tugend und Unbestechlichkeit fehlt; auch dort sitzen Zweideutige, Falschspieler, Heuchler und Käufliche. So bereitet er den Kampf gegen den Konvent vor. Es wird sein letzter Kampf.

Robespierre ist entschlossen, den Konvent, der sich gegen ihn kalt und mißtrauisch zeigt, entweder neu unter seinen Willen zu zwingen oder aufzulösen. Er hat den Gemeinderat auf seiner Seite, aber auch der Konvent ist vorbereitet. Viele erschütternde Szenen haben die Parlamente der Revolution gesehen, aber die Sitzung vom 9. Thermidor (27. Juli) ist der Schlußakt einer grausamen Tragödie. Denn die sich gegen Robespierre empören, das ist die alte Garde der Jakobiner selbst. Die sich gegen ihn erheben, sind nicht die Besten; es klebt mehr Blut an ihren Fingern als an den seinen, viele davon haben als Kommissäre des Konvents in der Provinz schreckliche Gemetzel veranstaltet, viele haben sich unrechtmäßig bereichert. Er aber ist auch in seiner Mittagshöhe arm und fleckenlos geblieben.

Zu Beginn der Sitzung spricht Billaud-Varennes. Er bezichtigt Robespierre, nach der Alleinherrschaft zu streben. Der will jetzt reden, aber der Ruf: »Nieder mit dem Tyrannen!« empfängt ihn. Der Diktator kann sich nicht mehr durchsetzen. Er ist in der Entscheidung zittrig und nervös. Die große Anklagerede hält Tallien, ein unbeträchtlicher Politiker, der weder vorher noch nachher etwas geleistet hat. Ein gewissenloser Lebemann, berühmt nur durch seine Frau, die dort, wo man sich nicht langweilt, eine Rolle spielt. Mit der Energie des Feigen, der das kalte Messer im Nacken fühlt, findet Tallien Worte, die alle Leidenschaften entfesseln. Robespierre will antworten. Er wird niedergeschrien. Immer wieder das Geheul: »Nieder mit dem Tyrannen!« Der Präsident Thuriot schwingt die Glocke. Da schreit Robespierre mit einer kaum mehr menschlichen Stimme: »Zum letzten Mal, Präsident einer Versammlung von Mördern, willst du mir das Wort geben!« Der Präsident beachtet ihn nicht, sondern läutet weiter. Da macht der wankende Diktator den letzten Versuch: er will zu den Zuhörern auf den Tribünen reden. Aber dort bleibt man stumm. Das Volk hat den Tribun des Volkes verlassen. Außer sich vor Erschöpfung bricht der zarte, brustschwache Mann auf einem Stuhl zusammen. »Das Blut Dantons erstickt dich«, ruft jemand aus der Versammlung. Als Gefangener des Konvents wird Robespierre mit Saint Just und andern abgeführt. Durch einen Putsch des Gemeinderats wird er am gleichen Tag noch für ein paar Stunden befreit. Dann fällt er abermals in die Hände des Konvents. Er will sich eine Kugel durch den Kopf jagen, aber der Schuß geht fehl und zerschmettert nur eine Kinnbacke. Am nächsten Tag wird er halbtot vor Schmerzen mit seiner schrecklichen ungepflegten Wunde zum Guillotinenplatz geschleppt. Verwünschungen und Gelächter begleiteten seine letzte Fahrt. Als sein Kopf fiel, applaudierte man wie im Theater. Maximilian Robespierre ist vierunddreißig Jahre alt geworden.

Der 9. Thermidor ist der rote Schlußstrich unter der Revolution. Jetzt ist ihre Kraft erschöpft. An die Stelle der alten Aristokratie tritt der reiche Bürgerstand. Die kleinen Leute in den Vorstädten, die ihre Schlachten geschlagen haben, sind vergessen, werden bald als Rebellen behandelt werden. Der Konvent versucht eine Politik der mittleren Linie, viele Verbannte kehren zurück. Die Schreckensherrschaft ist zu Ende, aber schnell setzt auch die Reaktion ein. Sogar die Anhänger der Monarchie wagen wieder zu hoffen. In den Vordergrund treten die Generale, die Siege errangen, während die Politiker sich zerfleischten. Am 13. Vendémiaire (5. Oktober) 1795 wird ein Aufstand der pariser Königstreuen in einem Straßenkampf an der Rue Saint-Honoré von den Truppen des Konvents niedergeschlagen. Ihr Befehlshaber ist einer jener blutjungen ehrgeizigen Offiziere, die fiebernd vor Ungeduld auf die Gelegenheit warten, sich auszuzeichnen. Am selben Abend ist sein Name in aller Munde, bald wird ihn ganz Europa kennen: Napoleon Bonaparte. Frankreich hatte einen König gestürzt, um einen Cäsar zu bekommen. Also war alles umsonst? wird man leicht fragen. Nein. Die Revolution hat trotz alledem den Sieg des Bürgertums vollendet. Zweimal kehren die Bourbonen noch zurück, zweimal werden sie, 1830 und 1848, gestürzt. Die Demokratie wird Frankreichs bleibende Form und erobert sich allmählich Europa. Mit der Herrschaft des Bürgertums kommen neue Mächte, Börse und Industrie, in die Welt. Nicht mehr dynastische Ansprüche, sondern kapitalistische Interessen treten jetzt in den Mittelpunkt. Langsam rückt der vierte Stand, die Arbeiterschaft, nach, dessen Leiden die Revolution nicht gemindert hatte. 1871 versucht die pariser Commune die erste sozialistische Regierung zu schaffen. Was in Frankreich nicht gelang, bricht viel später siegreich im Osten durch. Lenin gründet 1917 in Rußland den ersten sozialistischen Staat.

Jahrbuch Jugend und Welt, 1929

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