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Sämmtliche Märchen. Einzige vollständige vom Verfasser besorgte Ausgabe

Hans Christian Andersen: Sämmtliche Märchen. Einzige vollständige vom Verfasser besorgte Ausgabe - Kapitel 90
Quellenangabe
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authorHans Christian Andersen
titleSämmtliche Märchen. Einzige vollständige vom Verfasser besorgte Ausgabe
publisherVerlag von Johann Friedrich Hartknoch
printrunNeunzehnte vermehrte und verbesserte Auflage
illustratorL. Hutschenreuter und V. Petersen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Hofhahn und Wetterhahn.

Zwei Hähne waren da, einer auf dem Düngerhaufen, einer auf dem Dache; hoffährtig waren sie Beide, wer von den Beiden richtete aber am meisten aus? Sage uns Deine Ansicht – wir behalten dessenungeachtet doch unsere Meinung bei.

Der Hühnerhof war durch eine Planke von einem andern Hofraume getrennt, in welchem ein Düngerhaufen lag, und auf dem Düngerhaufen lag und wuchs eine große Gurke, die das Bewußtsein hatte, ein Mistbeetgewächs zu sein.

»Dazu wird man geboren,« – sprach es im Innern der Gurke! »nicht alle können als Gurken geboren werden, es muß auch andere Arten geben! Die Hühner, die Enten und der ganze Viehstand des Nachbarhofes sind auch Geschöpfe. Zu dem Hofhahn auf der Planke sehe ich nun empor, er ist freilich von ganz anderer Bedeutung wie der Wetterhahn, der so hoch gestellt ist und nicht einmal knarren, geschweige krähen kann; er hat weder Hühner, noch Küchlein, er denkt nur an sich und schwitzt Grünspan! Nein, der Hofhahn ist ein Hahn! Sein Auftreten ist Tanz! Sein Krähen ist Musik, wohin er kommt, wird es Einem gleich klar, was ein Trompeter ist! Wenn er nur hier herein käme! – Und wenn er mich auch mit Stumpf und Stiel auffräße, ich auch in seinen Körper aufgehen müßte – es würde ein seliger Tod sein!« – sprach die Gurke.

Nachts wurde es ein entsetzliches Wetter; Hühner, Küchlein und selbst der Hahn suchten Schutz; die Planke zwischen den beiden Höfen riß der Wind nieder, daß es krachte; die Dachsteine fielen herunter, aber der Wetterhahn saß fest; er drehte sich nicht einmal, er konnte sich nicht drehen, und doch war er jung, frisch gegossen, aber besonnen und gesetzt; er war alt geboren, ähnelte durchaus nicht den fliegenden Vögeln in der Luft, den Sperlingen, den Schwalben, nein, die verachtete er, sie seien Pipvögel von geringer Größe, ordinäre Pipvögel! Die Tauben, meinte er, seien groß und blank, und schimmernd wie Perlmutter, sähen aus wie eine Art Wetterhähne, allein sie seien dick und dumm, ihr ganzes Sinnen und Trachten ginge darauf aus, den Freßwanst zu füllen, auch seien sie langweilige Dinger im Umgange.

Auch die Zugvögel hatten dem Wetterhahn ihre Visite gemacht, ihm von fremden Ländern, von Luftcaravanen und haarsträubenden Räubergeschichten mit den Raubvögeln erzählt, das war neu und interessant, das heißt das erste Mal, aber später, das wußte der Wetterhahn, wiederholten sie sich, erzählten stets dieselben Geschichten und das ist langweilig! Sie seien langweilig und Alles sei langweilig, mit Niemand könne man Umgang pflegen, Jeder und Alle seien fade und bornirt.

»Die Welt taugt nichts!« sprach er. »Das Ganze ist dummes Zeug!«

Der Wetterhahn war aufgeblasen, und die Eigenschaft hätte ihn gewiß bei der Gurke interessant gemacht, wenn sie es gewußt hätte, allein sie hatte nur Augen für den Hofhahn, und der war jetzt im Hofe bei ihr.

Die Planke hatte der Wind umgeblasen, aber das Ungewitter war vorüber.

»Was sagt ihr zu dem Hahnengeschrei?« sprach der Hofhahn zu den Hühnern und Küchlein. »Das war ein wenig roh, die Eleganz fehlte.«

Und Hühner und Küchlein traten auf den Düngerhaufen und der Hahn betrat ihn auch mit Reitertritten.

»Gartengewächs!« sprach er zu der Gurke, und in diesem einen Worte wurde ihr seine tiefe Bildung klar, und sie vergaß es, daß er in sie hackte und sie auffraß.

»Ein seliger Tod!«

Die Hühner und die Küchlein kamen, und wenn die eine läuft, so läuft die andere auch; sie glucksten und pipten und sie sahen den Hahn an und waren stolz darauf, daß er von ihrer Art war.

»Küchleküh,« krähte er, »die Küchlein werden sofort zu großen Hühnern, wenn ich es ausschreie in dem Hühnerhofe der Welt!«

Und Hühner und Küchlein glucksten und pipten und der Hahn verkündete eine große Neuigkeit.

»Ein Hahn kann ein Ei legen! Und wißt ihr, was in dem Ei liegt? – In dem Ei liegt ein Basilisk. Den Anblick eines solchen vermag Niemand auszuhalten; das wissen die Menschen, und jetzt wißt ihr es auch, wißt was in mir wohnt, was ich für ein Allerhühnerhofskerl bin!«

Darauf schlug der Hofhahn mit den Flügeln, machte sich den Hahnenkamm schwellen und krähte wieder; und es schauderte sie alle, die Hühner und die kleinen Küchlein, aber sie waren gar stolz, daß Einer von ihren Leuten so ein Allerhühnerhofskerl war; sie glucksten und pipten, daß der Wetterhahn es hören mußte; er hörte es, aber er rührte sich nicht dabei.

»Das Ganze ist dummes Zeug!« sprach es im Innern des Wetterhahns. Der Hofhahn legt keine Eier und ich bin zu faul dazu; wenn ich wollte, ich könnte schon ein Windei legen, aber die Welt ist keines Windeies werth. Das Ganze ist dummes Zeug! – Jetzt mag ich nicht einmal länger hier sitzen.«

Damit brach der Wetterhahn ab, aber er schlug den Hofhahn nicht todt, obgleich es darauf abgesehen war, wie die Hühner sagten, und was sagt die Moral: »Immerhin doch besser krähen als aufgeblasen zu sein und abzubrechen!«

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