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Sämmtliche Märchen. Einzige vollständige vom Verfasser besorgte Ausgabe

Hans Christian Andersen: Sämmtliche Märchen. Einzige vollständige vom Verfasser besorgte Ausgabe - Kapitel 89
Quellenangabe
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authorHans Christian Andersen
titleSämmtliche Märchen. Einzige vollständige vom Verfasser besorgte Ausgabe
publisherVerlag von Johann Friedrich Hartknoch
printrunNeunzehnte vermehrte und verbesserte Auflage
illustratorL. Hutschenreuter und V. Petersen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Kinderschnack.

Drinnen bei dem reichen Kaufmanne war eine Kindergesellschaft, reicher und vornehmer Leute Kinder; der Kaufmann war ein gelehrter Mann, er hatte einst das Studentenexamen gemacht, dazu hielt ihn sein ehrlicher Vater an, der von Anfang an nur Viehhändler gewesen, aber ehrlich und betriebsam; der Handel hatte Geld gebracht, und die Gelder hatte der Kaufmann zu mehren gewußt. Klug war er und Herz hatte er auch, aber von seinem Herzen wurde weniger gesprochen, als von seinem vielen Gelde. Bei dem Kaufmanne gingen vornehme Leute ein und aus, sowohl Leute von Blut, wie es heißt, als von Geist, auch Leute von beiden Theilen und auch keines von beiden. Diesmal war eine Kindergesellschaft dort und Kinderschnack, und Kinder sprechen rein von der Leber weg. Unter andern war dort ein wunderschönes, kleines Mädchen, aber die Kleine war entsetzlich stolz, das hatten die Dienstleute in sie geküßt, nicht die Eltern, denn dazu waren die gar zu vernünftige Leute, ihr Vater war Kammerjunker, und das ist was Großes, das wußte sie.

»Ich bin ein Kammerkind!« sagte sie. Sie hätte nun ebenso gut ein Kellerkind sein können, selbst kann Jeder gleichviel dafür; dann erzählte sie den andern Kindern, daß sie »geboren« sei, und sagte, daß wenn man nicht geboren sei, könne man nichts werden; das helfe zu nichts, daß man lesen und fleißig sein wolle, sei man nicht geboren, könne man nichts werden.

»Und diejenigen, deren Namen mit »sen« endigen,« sagte sie, »aus denen kann nun ganz und gar nichts werden! Man muß die Arme in die Seite stemmen und sie weit von sich halten diese »sen! sen!« – und dabei stemmte sie ihre wunderschönen, kleinen Arme in die Seite und machte den Ellenbogen spitz, um zu zeigen, wie man es thun sollte; und die Aermchen waren gar niedlich. Es war ein recht süßes Mädchen.

Doch die kleine Tochter des Kaufmanns wurde bei dieser Rede gar zornig; ihr Vater hieß Petersen, und von dem Namen wußte sie, daß er auf »sen« endigte, und deshalb sagte sie so stolz wie sie es vermochte:

»Aber mein Vater kann für hundert Thaler Bonbons kaufen und sie unter die Kinder werfen! – kann Dein Vater das?«

»Ja, aber mein Vater,« fügte das Töchterlein eines Schriftstellers, »kann Deinen Vater, und Deinen Vater, und alle Väter in die Zeitung setzen! Alle Menschen fürchten ihn, sagt meine Mutter, denn mein Vater ist es, der in der Zeitung regiert!«

Und das Töchterlein sah stolz dabei aus, als wenn es eine wirkliche Prinzessin gewesen, die da stolz aussehen müsse.

Aber draußen vor der nur angelehnten Thüre stand ein armer Knabe und blickte durch die Thürspalte. Er war so gering, daß er nicht einmal mit in die Stube hinein durfte. Er hatte der Köchin den Bratspieß gedreht, und die hatte ihm nun erlaubt, hinter der Thür zu stehen und zu den geputzten Kindern, die sich einen vergnügten Tag machten, hinein zu blicken, und das war für ihn viel.

»Wer doch Einer von Jenen wäre!« dachte er, und dabei hörte er, was gesprochen wurde, und das war nun freilich um recht mißmuthig zu werden. Nicht einen Pfennig besaßen die Eltern zu Hause, den sie zurücklegen, um dafür eine Zeitung halten zu können, geschweige denn eine solche schreiben, mit nichten! – und nun noch das Allerschlimmste: seines Vaters Name und also auch der seinige, endigte auf »sen«, aus ihm könne somit auch ganz und gar nichts werden. Das war zu traurig! – Doch, geboren sei er, schien es ihm, so recht geboren, das könne doch unmöglich anders sein.

Das war nun an diesem Abende.

   

Seitdem verstrichen viele Jahre, und während dessen werden Kinder erwachsene Menschen.

In der Stadt stand ein prächtiges Haus, es war angefüllt mit lauter schönen Sachen und Schätzen, alle Leute wollten es sehen, selbst Leute, die außerhalb der Stadt wohnten, kamen zur Stadt, um es zu sehen. Wer von den Kindern, von denen wir erzählt haben, mochte wohl jetzt das Haus das seinige nennen? Ja, das zu wissen, ist natürlich sehr leicht! Nein, nein, es ist doch nicht so sehr leicht. Das Haus gehörte dem kleinen, armen Knaben, der an jenem Abend hinter der Thür gestanden hatte; aus ihm wurde doch Etwas, obgleich sein Name auf »sen« endigte, – – Thorwaldsen.

Und die drei andern Kinder? – die Kinder des Blutes, des Geldes und des Geisteshochmuths, – ja Eins hat dem Andern nichts vorzuwerfen, sie sind gleiche Kinder – aus ihnen wurde alles Gutes, die Natur hatte sie gut ausgestattet; was sie damals gedacht und gesprochen, war eben nur Kinderschnack.

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