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Sämmtliche Märchen. Einzige vollständige vom Verfasser besorgte Ausgabe

Hans Christian Andersen: Sämmtliche Märchen. Einzige vollständige vom Verfasser besorgte Ausgabe - Kapitel 88
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authorHans Christian Andersen
titleSämmtliche Märchen. Einzige vollständige vom Verfasser besorgte Ausgabe
publisherVerlag von Johann Friedrich Hartknoch
printrunNeunzehnte vermehrte und verbesserte Auflage
illustratorL. Hutschenreuter und V. Petersen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der Flaschenhals.

In der engen, winkeligen Gasse zwischen andern Häusern der Armuth stand ein besonders schmales und hohes Haus von Fachwerk, welchem die Zeit dermaßen mitgespielt hatte, daß es fast nach allen Seiten hin aus den Fugen gegangen war. Das Haus wurde von armen Leuten bewohnt, und am ärmlichsten sah es in der Dachkammerwohnung im Giebel aus, wo vor dem einzigen kleinen Fenster ein altes verbogenes Vogelbauer im Sonnenscheine hing, welches nicht einmal ein Wassernäpfchen, sondern nur einen umgekehrten mit Wasser gefüllten Flaschenhals mit einem Pfropfen unten hatte. Eine alte Jungfer stand am Fenster; hatte das Bauer mit grünem Vogelkraut behängen; und ein kleiner Hänfling hüpfte von einer Sprosse zur andern hin und her und sang und zwitscherte, daß es eine Lust war.

»Ja, Du hast gut singen!« – sagte der Flaschenhals, – das heißt, er sprach es freilich nicht in der Weise aus wie wir es thun können; denn sprechen kann ein Flaschenhals nicht, sondern er dachte es so bei sich, in seinem stillen Sinne, wie wenn wir Menschen in uns selbst hinein reden. »Ja, Du hast gut singen, Du, der Du Deine Glieder alle unversehrt hast. Du solltest mal versuchen, was das heißt, sein Untertheil verloren, nur Hals und Mund und obendrein einen Pfropfen drin zu haben, wie ich es habe, und Du würdest gewiß nicht singen. Aber es ist immerhin gut, daß doch Jemand da ist, der vergnügt ist! Ich habe keinen Grund zu singen und ich kann auch nicht singen! ja, als ich eine ganze Flasche war, that ich es wohl, wenn man mich mit dem Pfropfen rieb; man nannte mich damals die rechte Lerche, die große Lerche! – als ich mit der Kürschnerfamilie auf einer Waldpartie war, und die Tochter verlobt wurde – ja, das weiß ich noch als wär's erst gestern gewesen! Ich habe Vieles erlebt, wenn ich mich recht darauf besinne! Ich bin im Feuer und im Wasser, bin tief in der schwarzen Erde und höher hinauf gewesen als die meisten Andern gekommen, und jetzt schwebe ich hier an der äußersten Seite des Vogelbauers in Luft und Sonnenschein! Oh, es dürfte wohl der Mühe werth sein, meine Geschichte zu hören, aber ich rede nicht laut davon, weil ich es nicht kann!«

Nun erzählte der Flaschenhals seine Geschichte, die merkwürdig genug war; erzählte sie in sich hinein oder dachte sie so in seinem stillen Sinn; und der kleine Vogel sang vergnügt sein Lied, und unten auf der Straße war ein Gefahre und Gelaufe, Jedermann dachte an das Seine, oder dachte gar nichts – nur der Flaschenhals dachte. Er gedachte des flammenden Schmelzofens in der Fabrik, in welcher er ins Leben geblasen worden; erinnerte sich noch, daß er warm gewesen sei, daß er in den zischenden Ofen, die Heimath seines Ursprungs, hineingeschaut und gar große Lust empfunden habe, direct wieder in dieselbe hinein zu springen; daß er aber allmälig, indem er immer kühler wurde, sich dort recht wohl befunden, wohin er gekommen sei. Er habe in Reih und Glied gestanden mit einem ganzen Regimente Brüder und Schwestern alle aus demselben Ofen, von welchen allerdings einige als Champagnerflaschen, andere als Bierflaschen geblasen waren, und das macht einen Unterschied! Später, draußen in der Welt kann es wohl kommen, daß eine Bierflasche die köstlichsten Lacrymae Christi enthält und eine Champagnerflasche mit Schuhwichse gefüllt wird, aber an der Schablone ist es doch immerhin zu sehen, wozu man geboren ist, – Adel bleibt Adel, selbst mit Wichse im Leibe.

Sämmtliche Flaschen wurden verpackt und unsere Flasche auch. Damals dachte sie nicht daran als Flaschenhals ihre Laufbahn zu enden, sich zum Vogelnapf empor zu arbeiten, was doch immerhin ein ehrenwerthes Dasein ist, – weil man alsdann doch Etwas ist! Die Flasche erblickte erst das Tageslicht wieder, als sie mit den übrigen Kameraden im Keller des Weinhändlers ausgepackt und zum ersten Male ausgespült wurde, – das war ein curioses Gefühl. Da lag sie nun leer und ohne Pfropfen, ihr war sonderbar zu Muthe, es fehlte ihr Etwas, allein sie wußte selbst nicht, was. – Endlich wurde sie mit einem guten, herrlichen Weine angefüllt, bekam auch einen Pfropfen und wurde zugelackt; »Prima Sorte« wurde ihr angeklebt, es war ihr, als habe sie die erste Censur beim Examen davon getragen, aber der Wein war dafür auch gut, und die Flasche war gut. Wenn man jung ist, ist man Lyriker! es sang und klang in ihr von Dingen, die sie gar nicht kannte: von den grünen sonnigen Bergen, wo der Wein wächst, wo fröhliche Winzer und Winzerinnen singen und kosen und sich küssen; – wohl ist das Leben schön! Von alledem sang und klang es in der Flasche wie in den jungen Poeten, die auch gar oft Das nicht begreifen, wovon es in ihnen klingt.

Eines Morgens wurde sie angekauft; – der Kürschnerlehrling sollte eine Flasche Wein »vom besten« bringen. Und nun wurde sie in den Eßkorb nebst Schinken, Käse und Wurst gesteckt; die feinste Butter, das feinste Brot wurde mit hineingelegt; die Kürschnertochter packte selbst den Korb; sie war jung und schön; um die braunen Augen und um ihre Lippen spielte ein Lächeln. Sie hatte seine, weiche Hände, die schön weiß waren, und doch waren Hals und Busen noch viel weißer, man sah es ihr sogleich an, daß sie eines der schönsten Mädchen der Stadt war – und doch noch nicht verlobt!

Der Vorrathskorb stand auf dem Schooße des jungen Mädchens als die Familie in den Wald hinausfuhr; der Flaschenhals blickte hervor zwischen den Zipfeln der weißen Serviette; an dem Pfropfen war rother Lack; die Flasche blickte dem Mädchen gerade ins Gesicht; sie blickte auch den jungen Seemann an, der neben dem Mädchen saß; derselbe war ein Jugendfreund, der Sohn des Portraitmalers. Vor kurzem hatte er das Examen als Steuermann mit Ehren bestanden und morgen sollte er mit einem Schiffe abgehen, weithin nach fernen Küsten, Hiervon war während des Packens viel gesprochen, und wahrend dessen sprach freilich nicht gerade der Frohsinn aus den Augen und dem Munde der schönen Kürschnerstochter.

Die jungen Leute lustwandelten im grünen Walde, sie sprachen mit einander – was sprachen sie? Ja, das vernahm die Flasche nicht, stand sie doch im Vorrathskorbe. Es währte gar lange, bis sie hervorgezogen wurde, als das aber endlich geschah, waren auch fröhliche Dinge passirt; Alle lachten, auch die Tochter des Kürschners lachte, aber sie sprach weniger als vorher, ihre Wangen glühten wie zwei rothe Rosen.

Väterchen nahm die volle Flasche und den Korkzieher zur Hand. – Ja es ist sonderbar so zum ersten Male aufgezogen zu werden! Der Flaschenhals hatte später diesen feierlichen Augenblick nie vergessen können, hatte es doch Schwapp in seinem Innern gesagt als der Pfropfen herausfuhr, und wie gluckte es erst als der Wein in die Glaser hineinfloß.

»Die Verlobten sollen leben!« sprach der alte Papa, und jedes Glas wurde bis auf die Neige geleert, und der junge Steuermann küßte seine schöne Braut.

»Glück und Segen!« sagten die beiden Alten, Vater und Mutter und der junge Mann füllte noch einmal die Gläser: »Rückkehr und Hochzeit heute über's Jahr!« – rief er, und als die Gläser geleert waren, nahm er die Flasche, hob sie empor und sprach: »Du bist dabei gewesen an dem schönsten Tage meines Lebens, Du sollst nimmermehr einem Andern dienen!«

Und er schlenderte sie hoch in die Luft. Die Kürschnerstochter dachte damals nicht daran, daß sie die Flasche öfter sollte fliegen sehen, und doch sollte es so der Fall sein. – Sie fiel damals in das dichte Röhricht am Ufer eines kleinen Waldsees nieder, – der Flaschenhals entsann sich noch lebhaft wie er dort eine Zeit lang gelegen. »Ich gab ihnen Wein und sie gaben mir Sumpfwasser, – allein so ist es auch gut gemeint!« Er sah nicht länger die Verlobten und die vergnügten Alten, aber er vernahm noch lange wie sie jubilirten und sangen. Dann kamen endlich zwei Bauernknaben, guckten in das Röhricht hinein, erblickten die Flasche und hoben sie auf; nun war sie versorgt.

Daheim, im Waldhause, war gestern der älteste Bruder dieser Knaben, ein Seemann, der eine längere Fahrt antreten sollte, gewesen, um Abschied zu nehmen; die Mutter war eben damit beschäftigt noch Dieses und Jenes einzupacken, das er mit auf die Reise bekommen sollte und der Vater Abends in die Stadt tragen wollte, um noch einmal den Sohn zu sehen und ihm seinen und der Mutter Gruß zu bringen. Eine kleine Flasche mit Kräuterbranntwein war schon eingewickelt und ein Packet beigelegt, da traten die Knaben mit einer größern, stärkeren Flasche, die sie gefunden hatten, zur Thür herein. In diese ginge mehr als in das kleine Fläschchen, und »der Schnaps sei gar zu gut für einen schlechten Magen, sei mit Kräutern versetzt«. Es war nicht wie früher der rothe Wein, den man jetzt in die Flasche einschenkte, es waren bittere Tropfen, aber auch die sind gut – für den Magen. Die neue große und nicht die kleine Flasche sollte mit; – und so ging die Flasche wieder auf die Wanderung. Sie kam an Bord bei Peter Jensen, und zwar an Bord desselben Schiffes, mit welchem der junge Steuermann fuhr. Doch er sah die Flasche nicht und er hatte sie auch nicht wieder erkannt oder gar gedacht: das ist dieselbe, bei der wir die Verlobung gefeiert und schon ein Hoch auf die Rückkehr ausgebracht haben.

Freilich, Wein spendete sie nicht mehr, aber sie beherbergte doch etwas in ihrem Innern, was eben so gut war; sie wurde auch stets, wenn Peter Jensen sie hervorholte, von den Kameraden »der Apotheker« geheißen; sie schenkte die beste Medicin, die, welche den Magen kurirte, und sie spendete treu ihre Hilfe so lange sie einen Tropfen hatte. Das war eine vergnügte Zeit, und die Flasche sang, wenn man sie mit dem Pfropfen streichelte, sie hieß die große Lerche, »Peter Jensens Lerche«.

Lange Tage und Monate verstrichen, sie stand bereits geleert in einem Winkel; da geschah es – ja ob auf der Ausfahrt oder Rückfahrt, das wußte die Flasche nicht genau anzugeben, war sie doch gar nicht ans Land gekommen – daß ein Sturm sich erhob; große Wogen wälzten sich finster und schwer einher, und hoben und warfen das Fahrzeug. Der Hauptmast zersplitterte, eine Woge schlug eine der Schiffsplanken ein, die Pumpen brachten keine Hilfe mehr; es war stockfinstere Nacht; das Schiff sank, – aber in der letzten Minute schrieb der junge Steuermann auf ein Blatt Papier: » In Christi Namen! wir gehen unter!« Er schrieb den Namen seiner Braut, schrieb seinen und des Schiffes Namen, steckte das Blatt in eine leere Flasche, die ihm in die Hand fiel, preßte den Pfropfen fest ein und warf die Flasche in die tobende See hinaus. Er wußte es nicht, daß es dieselbe war, aus welcher ihm und ihr der Becher der Freude und der Hoffnung einst gefüllt worden; – sie wiegt sich nun auf der Woge mit Gruß und Todesbotschaft.

Das Schiff sank, die Mannschaft sank; die Flasche flog dahin gleich einem Vogel, – trug sie doch ein Herz, einen Liebesbrief in sich! Und die Sonne ging auf und sie ging unter, – der Flasche war es wie zur Zeit ihrer Entstehung in dem rothen glühenden Ofen, sie empfand eine Sehnsucht, wieder hinein zu fliegen. –

Sie durchlebte die Meeresstille und auch neue Stürme; – sie stieß aber gegen keine Klippe, wurde von keinem Hai verschlungen, und trieb sich über Jahr und Tag umher, bald gen Norden, bald gen Süden, wie die Strömungen sie eben führten. Sie war im Uebrigen ihr eigener Herr, aber dessen kann man denn auch überdrüssig werden.

Das beschriebene Blatt, das letzte Lebewohl von dem Bräutigam an die Braut würde nur Trauer bringen, wenn es einmal in die rechten Hände käme; allein, wo waren die Hände so weiß und weich, die damals das Tischtuch auf dem frischen Rasen, in dem grünen Walde am Tage der Verlobung ausbreiteten? – Wo war die Tochter des Kürschners? Ja, wo war das Land, und welches Land läge ihr wohl am nächsten? Die Flasche wußte es nicht; sie trieb und trieb und wurde endlich auch des Herumtreibens überdrüssig, weil das jedenfalls nicht ihre Aufgabe war; allein sie trieb sich doch umher bis sie endlich Land, fremdes Land erreichte. Sie verstand kein Wort von dem, was hier gesprochen wurde, es war nicht die Sprache, die sie früher hatte reden hören, und es geht Einem viel verloren, wenn man die Sprache nicht versteht.

Die Flasche wurde herausgefischt und von allen Seiten betrachtet; der Zettel, der in ihr steckte, wurde gesehen, herausgenommen, gedreht und gewendet, aber die Leute verstanden nicht Das, was dort geschrieben stand. Zwar begriffen sie, daß die Flasche über Bord geworfen sein müsse, und daß hiervon auf dem Papiere stehe, allein was stand geschrieben? das war das Wunderbare, – und der Zettel wurde wieder in die Flasche gesteckt und diese in einen großen Schrank, in einer großen Stube, in einem großen Hause aufgestellt.

Jedesmal, wenn Fremde kamen, wurde der Zettel hervorgenommen, gewendet und gedreht, so daß die Schrift, die nur mit Bleistift geschrieben war, allmälig immer unleserlicher wurde, zuletzt sah Niemand mehr, daß es Buchstaben waren. – Und noch ein ganzes Jahr blieb die Flasche im Schranke stehen, dann stellte man sie auf den Boden und Staub und Spinnengewebe lagerten sich auf ihr. Wie dachte sie nun zurück an bessere Tage, an die Zeiten, wo sie in dem frischen grünen Walde den rothen Wein gespendet, wo sie auf den Meereswellen schaukelte, ein Geheimniß, einen Brief, einen Abschiedsseufzer in sich getragen hatte.

Volle zwanzig Jahre stand sie auf dem Boden; sie hätte noch länger dort stehen können, hätte das Haus nicht umgebaut werden sollen. Das Dach wurde aber abgetragen, man bemerkte die Flasche und sprach von ihr, allein sie verstand die Sprache nicht; die lernt man nicht dadurch daß man auf dem Boden steht, selbst in zwanzig Jahren nicht. »Wäre ich unten in der Stube geblieben,« meinte sie zwar, »hätte ich sie doch wohl gelernt!«

Sie wurde nun gewaschen und ausgespült, es that ihr Noth; sie fühlte sich klar und durchsichtig, sie war wieder verjüngt auf ihre alten Tage, aber der Zettel den sie treu getragen, – der war in der Wäsche daraufgegangen.

Man füllte die Flasche mit Sämereien, sie wußte viel, was das eigentlich war; man pfropfte sie zu und wickelte sie gut ein; sie bekam weder Licht noch Laterne, geschweige denn Sonne und Mond zu sehen, und Etwas muß man doch sehen, wenn man auf Reisen geht, meinte sie; aber sie sah Nichts, doch das Wichtigste that sie, – sie reiste und gelangte an den Ort ihrer Bestimmung und wurde dort ausgepackt.

»Was sie sich dort im Auslande mit der Flasche für Mühe gegeben haben!« – hörte sie sagen – »und sie wird doch wohl zerbrochen sein!« – aber sie war nicht zerbrochen. Die Flasche verstand jedes Wort, welches gesprochen wurde, es war die Sprache, die sie am Schmelzofen und beim Weinhändler und im Walde und auf dem Schiffe vernommen, die einzige gute, alte Sprache, die man verstehen könne; sie war zurückgekommen in ihre Heimath, und die Sprache war ihr ein Gruß des Willkommens. Vor Freude wäre sie beinahe den Leuten aus den Händen gesprungen; sie bemerkte es kaum, daß ihr der Pfropfen ausgezogen, daß sie selbst ausgeschüttet und in den Keller getragen wurde, um dort aufgehoben und vergessen zu werden. Die Heimath ist doch der beste Ort, selbst im Keller! Es fiel ihr nie ein, darüber nachzudenken, wie lange sie wohl dort liege; sie lag gut und lag Jahre lang; endlich kamen Leute herab, die alle Flaschen aus dem Keller und auch die unsere holten.

Draußen im Garten war ein großes Fest; flammende Lampen hingen dort als Guirlanden, papierne Laternen strahlten wie große Tultpanen in Transparenten. Es war ein herrlicher Abend, das Wetter still und klar; die Sterne flimmerten, und es war Neumond, eigentlich erblickte man den ganzen runden Mond als eine blaugraue Kugel mit goldenem Halbrand, was schön zu sehen war – mit guten Augen.

Auch bis in die entlegenen Gartengänge erstreckte sich die Illumination, wenigstens so viel, daß man bei ihrem Scheine sich dort zurechtfinden konnte. In dem Gezweige der Hecken standen Flaschen, in jeder ein brennendes Licht, hier befand sich auch die Flasche, die wir kennen, die, welche einst als Flaschenhals, als Vogelnapf endigen sollte; ihr kam Alles hier wunderschön vor, war sie doch wieder im Grünen, wieder inmitten der Freude und beim Feste, vernahm Gesang und Musik und das Toben und Gemurmel der vielen Menschen, namentlich aus dem Theile des Gartens, wo die Lampen flammten und die papiernen Laternen ihre Farbenpracht zur Schau trugen. So stand sie zwar in einem entlegenen Gange, allein gerade das hatte etwas Beschauliches, sie trug ihr Licht, stand hier zum Nutzen und Vergnügen, und so ist es recht; in einer solchen Stunde vergißt man zwanzig Jahre auf dem Boden – und gut ist es zu vergessen.

Dicht an ihr vorüber schritt ein einzelnes Paar, wie das Brautpaar damals im Walde, wie der Steuermann und die Kürschnerstochter; es war der Flasche, als erlebe sie das Alles wieder auf's neue! Im Garten gingen nicht allein die Gäste, sondern auch Leute, die sich diese und das festliche Gepränge ansehen durften, und unter den letzteren schritt ein altes Mädchen einher, das allein ohne alle Verwandtschaft in der Welt stand. Es dachte wie die Flasche, dachte an den grünen Wald und an ein junges Brautpaar, welches ihm sehr nahe lag, an dem es Theil hatte, ja dessen einer Theil es war, – damals in der glücklichsten Stunde seines Lebens, und die Stunde vergißt man nie und nimmer, und würde man eine noch so alte Jungfer. – Allein sie kannte die Flasche nicht, und diese bemerkte auch die alte Jungfer nicht; so geht man an einander vorüber in dieser Welt – bis man sich wieder begegnet, und das thaten die Beiden, waren sie doch jetzt Beide wieder in derselben Stadt.

Die Flasche kam vom Garten noch einmal wieder zum Weinhändler, wurde wieder mit Wein gefüllt und an den Luftschiffer verkauft, der am folgenden Sonntage mit dem Ballon aufsteigen wollte. – Eine große Menschenmenge hatte sich zusammengefunden um sich »Das anzusehen,« es war Militairmusik engagirt und viele andere Vorbereitungen waren getroffen. Die Flasche sah Alles von einem Korbe aus, in welchem sie neben einem lebenden Kaninchen lag, das ganz verblüfft war, weil es wohl wußte, daß es mit hinauf solle, um mittelst Fallschirm wieder hinab zu gehen; die Flasche aber wußte Nichts weder vom »hinauf« noch »hinab,« sie sah nur, daß der Ballon sich groß aufblies, immer größer, und sich, als er nicht größer werden konnte, zu heben, immer unruhiger zu werden begann; die Taue, die ihn festhielten, wurden durchschnitten und er schwebte mit dem Luftschiffer, dem Korbe, der Flasche und dem Kaninchen hinauf, die Musik erklang und alle Menschen schrieen Hurrah!

Illustration: Hutschenreuter/Petersen

»Das ist eine wunderliche Fahrt, so in die Luft hinauf!« dachte die Flasche, »das ist eine neue Segelfahrt; hier oben wird man aber ebenfalls an Nichts anrennen können!«

Tausende von Menschen schauten dem Ballon nach und die alte Jungfer blickte auch nach ihm aus; sie stand in ihrem offenen Dachkammerfenster, unter welchem der Käfig mit dem kleinen Hänfling hing, der damals noch kein Wassernäpfchen hatte, sondern sich mit einer Obertasse begnügen mußte. Im Fenster selbst stand eine Myrte im Topfe und dieser war ein wenig bei Seite geschoben, damit er nicht hinausfalle, denn die alte Jungfer bog sich aus dem Fenster, um es auch zu sehen; sie sah auch deutlich den Luftschiffer im Ballon, und daß er das Kaninchen mit Fallschirm herabließ, dann auf das Wohl aller Menschen trank und endlich die Flasche hoch in die Luft empor schleuderte; – nicht dachte sie daran, daß sie eben dieselbe Flasche, ihr und ihrem Freunde zu Ehren am Tage der Freude im grünen Walde, in ihrer Jugend hatte hoch emporfliegen sehen.

Der Flasche blieb keine Zeit übrig, um nachzudenken, kam es ihr doch gar zu unerwartet und plötzlich so auf dem Höhepunkte ihres Lebens zu sein. Thürme und Dächer lagen weit, weit unten, die Menschen nahmen sich vollends recht klein aus.

Nun sank sie aber und das mit einer ganz andern Fahrt als das Kaninchen; die Flasche machte Purzelbäume in der Luft, sie fühlte sich so jung, außer Rand und Band, sie war noch halbvoll von Wein, aber das blieb sie nicht lange. Welche Reise! Die Sonne beschien die Flasche, alle Menschen sahen ihr nach, der Ballon war schon weit weg, und bald war auch die Flasche weg, sie fiel auf eines der Dächer herab und damit war sie entzwei, aber die Stücke hatten noch einen solchen Flug, daß sie nicht liegen bleiben konnten, sie sprangen und rollten weiter, bis sie in den Hofraum hinab gelangten und dort in noch kleineren Stücken liegen blieben, nur der Flaschenhals erhielt sich und der war wie mit einem Diamant abgeschnitten.

»Der wäre prächtig als Vogelnapf!« sagten die Kellerleute, allein sie hatten weder einen Vogel noch einen Käfig, und sich solche anzuschaffen, weil sie jetzt den Flaschenhals hatten, der als Napf zu gebrauchen wäre, sei doch zu viel verlangt, – aber die alte Jungfer auf dem Dache, ja, sie hatte vielleicht Gebrauch dafür, – und nun gelangte der Flaschenhals zu ihr hinauf, bekam einen Pfropfen eingesetzt, und was früher oben war, wurde jetzt nach unten gekehrt, wie es gar oft bei Veränderungen geschieht, frisches Wasser wurde ihm eingegossen, man hing ihn an den Käfig des kleinen Vogels, welcher sang und zwitscherte, daß es eine Lust war.

»Ja, Du hast gut singen!« sagte der Flaschenhals, und der war ja merkwürdig genug, der war ja im Ballon gewesen, – mehr wußte man von seiner Geschichte nicht. Jetzt hing er da als Vogelnapf, hörte die Leute unten auf der Straße murmeln und wirthschaften, hörte die Rede der alten Jungfer drinnen in der Kammer; sie hatte Besuch von einer alten Freundin, sie sprachen – nicht aber von dem Flaschenhalse, sondern von der Myrte im Fenster.

»Nein, Du darfst wahrlich keinen Thaler ausgeben für einen Brautkranz für Deine Tochter!« – sagte die alte Jungfer, – »Du sollst von mir ein allerliebstes Sträuschen voller Blüthen haben! Siehst Du wie prächtig der Baum steht. Ja, der stammt auch von einem Senker der Myrte ab, die Du mir am Tage nach meiner Verlobung schenktest, von der ich mir selbst, wenn das Jahr um wäre, meinen Brautkranz hatte nehmen sollen, – allein der Tag kam nie! die Augen schlossen sich, die mir in diesem Leben zur Freude und zum Segen hätten leuchten sollen. Auf dem Meeresgrunde schlummert er süß, der treue Freund! – Die Myrte wurde ein alter Baum, allein ich wurde noch älter, und als der Baum endlich einging, nahm ich den letzten grünen Zweig, steckte ihn in die Erde, und aus dem ist ein großer Baum geworden und die Myrte kommt nun endlich doch noch zum Hochzeitsfeste, – als Brautkranz für Deine Tochter.

Und Thränen perlten in den Augen der alten Jungfer; sie sprach von dem Freunde ihrer Jugend, von der Verlobung im Walde; gar viele Gedanken kamen ihr, aber daran dachte sie doch nicht, daß sich ganz in ihre Nähe, vor dem Fenster noch eine Erinnerung an jene Zeit befand; der Hals der Flasche, welche laut aufjauchzte als der Pfropfen mit einem Knall bei der Verlobung aufsprang. Doch der Flaschenhals erkannte auch sie nicht wieder, denn er hörte nicht auf das, was sie sprach und erzählte, – weil er nur an sie dachte.

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