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Sämmtliche Märchen. Einzige vollständige vom Verfasser besorgte Ausgabe

Hans Christian Andersen: Sämmtliche Märchen. Einzige vollständige vom Verfasser besorgte Ausgabe - Kapitel 8
Quellenangabe
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authorHans Christian Andersen
titleSämmtliche Märchen. Einzige vollständige vom Verfasser besorgte Ausgabe
publisherVerlag von Johann Friedrich Hartknoch
printrunNeunzehnte vermehrte und verbesserte Auflage
illustratorL. Hutschenreuter und V. Petersen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Geschichte des Jahres.

Es war tief im Januar, ein furchtbares Schneegestöber tobte; der Schnee wirbelte durch Straßen und Gassen; die Fensterscheiben waren draußen wie mit Schnee überklebt, von den Dächern stürzte er in Massen, und in die Leute war Eile gekommen; sie liefen, flogen und fuhren einander in die Arme, sie hielten sich einen Augenblick fest, und standen wenigstens so lange sicher. Kutschen und Pferde waren gleichsam überzuckert; die Bedienten standen mit dem Rücken gegen den Kutschenrand und fuhren rücklings gegen den Wind; der Fußgänger hielt sich beständig im Schutze der Wagen, die sich nur langsam in dem tiefen Schnee vorwärts bewegten, und als sich endlich der Sturm legte, und längs der Häuser ein schmaler Steg geschaufelt wurde, blieben die Leute doch auf diesem stehen, wenn sie sich begegneten; Keiner von ihnen mochte den ersten Schritt thun und ausweichend in den tiefen Schnee treten, damit der Andere vorbeischlüpfen könne. Still und stumm standen sie da, bis endlich wie nach schweigender Uebereinkunft Jeder ein Bein preisgab, und es in dem Schneehaufen begrub.

Gegen Abend war es windstill, der Himmel sah aus als ob er gefegt wäre, und höher und durchsichtiger gemacht sei, die Sterne schienen nagelneu zu sein, und einige waren zur Verwunderung hell und klar, – es fror, daß es knisterte, – da konnte wohl die oberste Schneelage so stark werden, daß sie in der Morgenstunde die Sperlinge trug; diese hüpften bald auf, bald nieder, wo geschaufelt war, aber viel Futter war nicht zu finden, und es fror sie nicht wenig.

»Piep!« sagte der eine zum andern, »das heißt ein neues Jahr! – es ist ja schlimmer als das alte! da hätten wir das letztere ebenso gut behalten können. Ich bin unzufrieden und habe ein Recht dazu!«

»Ja, die Menschen liefen nun umher und begrüßten durch Schießen das neue Jahr,« sagte ein kleiner durchfrorner Sperling, »sie warfen Töpfe gegen die Thüren und waren vor Freude außer sich, weil nun das alte Jahr verschwunden! Ich war auch froh darüber, denn ich hoffte, wir würden warme Tage bekommen, aber daraus ist nichts geworden; es friert weit strenger als vorher; die Menschen haben sich in der Zeitrechnung geirrt!«

»Das haben sie!« sagte ein dritter, der alt und weiß am Schopfe war; »sie haben da Etwas, das sie den Kalender nennen, der ist nun so ihre eigene Erfindung, und Alles soll sich deshalb nach ihm richten; aber das geht nicht so! Wenn der Frühling kommt, beginnt das Jahr, das ist der Lauf der Natur, und darnach rechne ich!«

»Aber, wann kommt der Frühling?« fragten die Andern.

»Der kommt, wenn der Storch wiederkehrt, aber mit dem ist es sehr unbestimmt, und hier in der Stadt weiß Niemand was Bestimmtes davon, auf dem Lande wissen sie es besser, wollen wir dort hinausfliegen und es abwarten? Dort ist man jedenfalls dem Frühlinge näher.«

Illustration: Hutschenreuter/Petersen

»Ja, das mag Alles ganz gut sein!« sagte einer von den Sperlingen, der lange umher gehüpft war und gepiept hatte, ohne eigentlich etwas gesagt zu haben. »Ich habe hier in der Stadt einige Bequemlichkeiten gefunden, welche ich draußen zu vermissen befürchte. Hier in der Nähe, auf einem Hofe wohnt eine Menschenfamilie, welche den sehr vernünftigen Einfall bekommen hat, drei bis vier Blumentöpfe an der Wand zu befestigen, sodaß die großen Oeffnungen gegen dieselbe, die Boden der Töpfe aber nach außen gewendet sind, in einen jeden von diesen ist ein Loch geschnitten, so groß, daß ich ein- und ausfliegen kann; dort habe ich und mein Mann das Nest, und alle unsere Jungen sind von dort ausgeflogen. Die Menschenfamilie hat natürlich das Ganze eingerichtet, um das Vergnügen zu haben, uns zu sehen, sonst würden sie es gewiß nicht gethan haben. Ihres Vergnügens wegen streuen sie auch Brotkrümchen aus, und so haben wir das Futter, es ist gleichsam für uns gesorgt; – deshalb glaube ich, daß ich und mein Mann bleiben; obgleich wir sehr unzufrieden sind, – aber wir bleiben!«

»Und wir fliegen auf's Land, um zu sehen, ob nicht der Frühling kommt!« und fort flogen sie.

Draußen auf dem Lande war strenger Winter, es fror einige Grade stärker als in der Stadt. Der scharfe Wind strich über die schneebedeckten Felder. Der Bauer saß mit großen Fausthandschuhen in seinem Schlitten, schlug kreuzend seine Arme, um die Kälte auszutreiben; die Peitsche lag auf seinen Knieen; die mageren Pferde liefen, daß sie dampften; der Schnee knisterte und die Sperlinge hüpften in den Räderspuren und froren. »Piep! wann kommt der Frühling? Es dauert sehr lange!«

»Sehr lange!« scholl es von dem nächsten, schneebedeckten Hügel weit übers Feld hin; es konnte das Echo sein, welches man hörte, aber auch die Rede des wunderbaren alten Mannes, der in Wind und Wetter hoch oben auf dem Schneehaufen saß, er war ganz weiß, wie ein Bauer im weißen, groben Friesrock, mit langem, weißem Haar, ganz bleich, und mit großen, klaren Augen.

»Wer ist der Alte dort?« fragten die Sperlinge.

»Das weiß ich!« sagte ein alter Rabe, der auf dem Zaunpfahl saß, und herablassend genug war, um anzuerkennen, daß wir Alle vor dem Angesichte des Herrn kleine Vögel sind, und sich deshalb auch mit den Sperlingen einließ und Aufklärung gab. »Ich weiß, wer der Alte ist. Es ist der Winter, der alte Mann vom vorigen Jahre, er ist nicht todt, wie der Kalender sagt, sondern Vormund für den kleinen Prinzen Frühling, welcher kommt. Ja, der Winter führt das Regiment. Hu! die Kälte schüttelt Euch wohl, Ihr Kleinen?«

»Ja, ist's nicht so, wie ich sage?« äußerte der Kleinste. »Der Kalender ist nur Menschenerfindung, er ist nicht nach der Natur eingerichtet! Das sollten sie uns überlassen, die wir seiner geschaffen sind!«

Und eine Woche verging, es vergingen zwei; der gefrorne Landsee lag starr und sah wie geronnenes Blei aus, es waren feuchte, eiskalte Nebel, die über dem Lande hingen; die großen, schwarzen Krähen flogen in Strichen dahin, ohne Geschrei, es war, als ob Alles schliefe. – Da glitt ein Sonnenstrahl über den See hin, und dieser glänzte wie geschmolzenes Zinn. Die Schneedecke auf dem Felde und auf dem Hügel schimmerte nicht wie früher, aber die weiße Gestalt, der Winter selbst, saß noch dort, den Blick unverwandt nach Süden gerichtet; er bemerkte nicht, daß der Schneeteppich gleichsam in die Erde sank, daß hier und dort ein kleiner, grüner Fleck hervorkam; da wimmelte es dann von Sperlingen.

»Quivit! Quivit! kommt der Frühling nun?«

»Der Frühling!« klang es über Feld und Flur und durch die schwarzbraunen Wälder, wo das Moos frischgrün an den Baumstämmen glänzte; und aus dem Süden kamen die beiden ersten Störche durch die Luft geflogen; auf dem Rücken eines jeden saß ein kleines, liebliches Kind, ein Knabe und ein Mädchen; sie küßten die Erde zum Gruße, und wohin sie ihre Füße setzten, wuchsen weiße Blumen unter dem Schnee hervor; Hand in Hand gingen sie zu dem alten Eismanne, dem Winter, legten sich zu neuer Begrüßung an seine Brust, und in demselben Nu waren sie alle Drei und die ganze Landschaft verhüllt; ein dicker, feuchter Nebel, schwer und dicht, verschleierte Alles. – Allmälig erhob sich der Wind, – brausend fuhr er nun dahin, und mit heftigen Stößen verjagte er den Nebel, warm glänzte die Sonne; – der Winter selbst war verschwunden, des Frühlings liebliche Kinder saßen auf dem Throne des Jahres.

»Das nenne ich Neujahr!« sagten die Sperlinge. »Nun bekommen wir wohl unsere Gerechtsame und Vergütung für den strengen Winter wieder!«

Illustration: Hutschenreuter/Petersen

Wohin die beiden Kinder sich wandten, brachen grüne Knospen an Büschen und Bäumen hervor, das Gras schoß in die Höhe, das Saatfeld ergrünte immer mehr und immer lieblicher. Ringsumher streute das kleine Mädchen Blumen aus, über und über ruhten sie in ihrem aufgeschürzten Kleide, sie schienen dort hervor zu wimmeln, das Kleid war immer voll, wie eifrig sie die Blumen auch ausstreute, – in ihrem Eifer schüttete sie einen reichen Blüthenschnee über Apfel- und Pfirsichbäume, daß diese in voller Pracht standen, ehe noch ihre grünen Blätter recht hervorgesprossen waren. Und sie klatschte in die Hände und der Knabe klatschte; alsdann kamen Schaaren von Vögeln geflogen, man wußte nicht woher, und alle zwitscherten und sangen: »Der Frühling ist gekommen!«

Das war wunderschön zu sehen. Manches alte Mütterchen trat aus der Thür in den Sonnenschein hinaus, rüttelte und schüttelte sich behaglich, warf einen Blick auf die gelben Blumen, die überall auf dem Felde prangten, war es doch ganz wie in seinen eigenen jungen Tagen; die Welt wurde ihm wieder jung, »heute ist ein gesegneter Tag, hier draußen!« sagte es.

Der Wald trug noch sein braungrünes Gewand, Knospe an Knospe; aber der Waldmeister war schon da, frisch und duftend, Veilchen gab es in Fülle, Anemonen und Primeln keimten, in jedem Grashalme war Saft und Kraft: das war freilich ein Prachtteppich, auf dem man sich niederlassen mußte. Dort saß auch das junge Paar des Frühlings Hand in Hand, sang, lächelte und wuchs immer und immer.

Ein milder Regen fiel vom Himmel auf sie herab, sie merkten es nicht, Regentropfen und Freudenthränen verschmolzen in einen Tropfen. Braut und Bräutigam küßten sich, und in demselben Nu entfaltete sich des Waldes Grün. – Als die Sonne aufging, waren alle Wälder grün!

Und Hand in Hand schritt das Brautpaar unter frischem, hängendem Laubdache einher, wo nur die Strahlen des Sonnenlichts und die Schlagschatten den Farbenwechsel im Grünen hervorbrachten. Welche jungfräuliche Reinheit, welcher erfrischende Duft in den feinen Blättern! Klar und lebendig rieselte Aue und Bach zwischen dem sammetgrünen Schilfe und über die bunten Steine dahin. »Vollauf ewig und immer ist es und bleibt es!« sprach die ganze Natur. Der Kuckuk rief und die Lerche schwirrte, es war ein herrlicher Frühling; aber die Weidenbäume trugen wollene Fausthandschuhe um ihre Blüthen; sie waren sehr vorsichtig, und das ist langweilig!

Es vergingen Tage, und es vergingen Wochen, die Wärme wälzte sich gleichsam herab; heiße Luftwellen zogen durch das Korn, das immer gelber und gelber wurde. Des Nordens weißer Lotus breitete seine großen, grünen Blätter auf dem Wasserspiegel der Waldseen aus, und die Fische suchten den Schatten unter denselben; an der Schutzseite des Waldes, wo die Sonne auf die Wand des Bauernhauses niederstrahlte, und die entfalteten Rosen und die Kirschbäume, welche voll saftiger, schwarzer, beinahe sonnenheißer Beeren hingen, durchwärmte, – dort saß des Sommers liebliches Weib, dasselbe, welches wir als Kind und als Braut gesehen haben; sein Blick hing an den steigenden, dunklen Wolken, welche in Wellenformen, wie Berge, schwarzblau und schwer, sich höher und höher hoben. Sie kamen von drei Seiten; immer wachsend, wie ein versteintes, umgekehrtes Meer senkten sie sich gegen den Wald, wo Alles wie durch einen Zauber verstummt war. Jeder Luftzug hatte sich gelegt, jeder Vogel schwieg, es war ein Ernst, eine Erwartung in der ganzen Natur; aber auf Wegen und Stegen eilten Fahrende, Reitende und Gehende dahin, um unter Dach zu kommen. – Da leuchtete es plötzlich als ob die Sonne hervorbräche: flammend, blendend, Alles verzehrend! und die Finsterniß brach wieder ein bei rollendem Gekrach! Das Wasser stürzte in Strömen hernieder; es wurde dunkel und wieder hell, es trat Stille ein und wieder lautes Getöse. Das junge, braungefiederte Röhricht im Moore bewegte sich in langen Wogen, des Waldes Zweige verbargen sich im Wassernebel, die Finsterniß kam, das Licht brach ein, die Stille und das Getöse wechselten. – Gras und Korn lagen wie niedergeschlagen, wie hingeschwemmt, als sollten sie sich nie wieder heben. – Plötzlich zog der Regen sich in einzelne Tropfen zusammen, die Sonne strahlte, und an Halm und Blatt glänzten die Wassertropfen wie Perlen, die Vögel sangen, die Fische schnellten sich über den Wasserspiegel in der Aue empor, die Mücken tanzten, und draußen auf dem Steine im salzigen, gepeitschten Meerwasser saß der Sommer selbst, der kräftige Mann, mit den festen Gliedern, mit nassem, triefendem Haar, – erjüngt von dem frischen Bade saß er im warmen Sonnenscheine. Die ganze Natur rings umher war verjüngt, Alles stand üppig, kräftig und schön; es war Sommer, warmer, lieblicher Sommer!

Angenehm und süß war der Duft, der aus dem üppigen Kleefelde emporströmte, die Bienen summten dort um die alte Thingstätte; die Brombeerranke schlängelte sich um den Altarstein, der vom Regen gewaschen, im Sonnenlichte glänzte, dorthin flog die Bienenkönigin mit ihrem Schwärme und bereitete Wachs und Honig. Nur der Sommer sah es und sein kräftiges Weib; für sie stand der Altartisch mit den Opfergaben der Natur gedeckt.

Der Abendhimmel leuchtete wie Gold, keine Kirchenkuppel glänzt so reich, und der Mond schien zwischen Abendröthe und Morgenröthe: es war Sommer!

Und es vergingen Tage und es vergingen Wochen. – Die blanken Sensen der Schnitter blinkten in den Kornfeldern, die Zweige des Apfelbaumes bogen sich schwer von rothen und gelben Früchten; der Hopfen duftete lieblich und hing in großen Büscheln, und unter den Haselstauden, wo die Nüsse in schweren Dolden saßen, ruhten Mann und Weib, der Sommer mit seinem ernsten Weibe.

»Welch ein Reichthum!« sagte es, »ringsumher ist Segen verbreitet, überall ist's heimisch und gut, und doch, ich weiß es selbst nicht, ich sehne mich nach – Stille, – Ruhe, – ich weiß nicht das Wort dafür! – Nun pflügen sie schon wieder auf dem Felde! Mehr und immer mehr wollen die Menschen gewinnen! Sieh, die Störche kommen in Schaaren, und gehen in einiger Entfernung hinter dem Pfluge her; der Vogel Aegyptens, welcher uns durch die Luft trug! Erinnerst Du Dich dessen noch, wie wir Beide als Kinder hierher nach dem Lande des Nordens kamen? – Blumen brachten wir, lieblichen Sonnenschein und grüne Wälder; der Wind verfuhr hart mit ihnen, sie bräunen und dunkeln, wie die Bäume des Südens, aber goldene Früchte tragen sie nicht, wie diese!«

»Die goldenen Früchte willst Du sehen?« fragte der Sommer, »so freue Dich denn!« Er erhob seinen Arm, und des Waldes Blätter färbten sich roth und golden, Farbenpracht kam über alle Wälder; die Rosenhecke glänzte mit feuerrothen Hanebutten, die Fliederzweige hingen voll schwerer, großer, schwarzbrauner Beeren, die wilden Kastanien fielen reif aus den schwarzgrünen Schalen, und im Waldesgrunde blühten die Veilchen zum zweiten Male.

Aber die Königin des Jahres wurde stiller und immer bleicher. »Es weht kalt!« sagte sie, »die Nacht bringt feuchte Nebel! – ich sehne mich nach dem – Lande der Kindheit!«

Und sie sah die Störche fortfliegen, alle und jeden, und sie streckte die Hände nach ihnen aus. – Sie blickte nach den Nestern hinauf, welche leer standen, in dem einen wuchs die langstielige Kornblume, in einem andern der gelbe Rübsamen, als ob das Nest nur zu deren Schutze und zu deren Umzäunung da sei, und die Sperlinge flogen in die Nester der Störche hinauf.

»Piep! Wo ist die Herrschaft geblieben! Sie kann es wohl nicht vertragen, wenn es weht, und deshalb hat sie das Land verlassen! Ich wünsche glückliche Reise!«

Des Waldes Blätter wurden immer gelber, und Laub fiel auf Laub, die Stürme des Herbstes brausten; das Spätjahr war weit vorgerückt, und auf dem gelben Laubfalle ruhte die Königin des Jahres und schaute mit milden Augen nach dem schimmernden Sterne, und der Gatte stand bei ihr. Ein Windstoß wirbelte im Laube – es fiel wieder in Menge, da war sie verschwunden, aber ein Schmetterling, der letzte des Jahres, flog durch die kalte Luft.

Die feuchten Nebel kamen, eisiger Wind blies, und die finstern, längsten Nächte schritten einher. Der Herrscher des Jahres stand da mit schneeweißen Locken; aber er selbst wußte es nicht, er glaubte, es seien Schneeflocken, die aus den Wolken fielen; eine dünne Schneedecke breitete sich über das grüne Feld.

Und die Kirchenglocken läuteten die Weihnachtszeit ein.

»Die Glocken der Geburt läuten!« sagte der Herrscher des Jahres, »bald wird das neue Herrscherpaar geboren; und ich gehe zur Ruhe, wie mein Weib! Zur Ruhe im leuchtenden Sterne!«

Und im frischen grünen Tannenwalde, wo der Schnee lag, stand der Weihnachtsengel und weihte die jungen Bäume ein, die sein Fest verherrlichen sollten.

»Freude im Zimmer und unter den grünen Zweigen!« sagte der alte Herrscher des Jahres, in Wochen war er zu einem schneeweißen Greise gealtert. »Meine Ruhezeit naht, das junge Paar des Jahres erhält nun Krone und Scepter!«

»Die Macht ist doch Dein!« sagte der Weihnachtsengel, »die Macht und nicht die Ruhe! Laß den Schnee wärmend auf der jungen Saat liegen! Lerne es ertragen, daß einem Andern gehuldigt wird, und daß Du doch Herrscher bist! Lerne es, vergessen zu sein und doch zu leben! Die Stunde Deiner Freiheit kommt, wenn der Frühling erscheint!«

»Wann kommt der Frühling?« fragte der Winter.

»Der kommt, wenn der Storch einkehrt!«

Und mit weißen Locken und schneeweißem Barte saß der Winter eiskalt, gebeugt und betagt, aber stark wie der Wintersturm und des Eises Macht, hoch auf der Schneewehe des Hügels und schaute gen Süden, wo er vorher gesessen und hinausgeblickt hatte. – Das Eis krachte, der Schnee knisterte, die Schlittschuhläufer kreisten auf den blanken Seen, und Raben und Krähen nahmen sich auf dem weißen Grunde gut aus, kein Wind rührte sich. In der stillen Luft ballte der Winter die Fäuste und das Eis war klafterdick zwischen Land und Land.

Da kamen die Sperlinge wieder aus der Stadt und fragten: »Wer ist der alte Mann dort?« Und der Rabe saß wieder da, oder ein Sohn von ihm, was ja ganz dasselbe ist, der antwortete ihnen und sagte: »Der Winter ist's! Der alte Mann vom vorigen Jahre. Er ist nicht todt, wie der Kalender sagt, sondern Vormund des Frühlings, welcher kommt!«

»Wann kommt der Frühling?« fragten die Sperlinge; »dann bekommen wir gute Zeit und besseres Regiment! Das alte taugte nicht.«

Und in stillen Gedanken nickte der Winter dem blattlosen schwarzen Walde zu, wo jeder Baum die liebliche Form und Biegung der Zweige zeigte; und während des Winterschlafes senkten sich die eiskalten Nebel der Wolken, – dem Herrscher träumte von seiner Jugendzeit und von seinem Mannesalter, und gegen Tagesanbruch prangte der ganze Wald in blitzendem Reife, das war der Sommertraum des Winters: der Sonnenschein streute Reif von den Zweigen.

»Wann kommt der Frühling?« fragten die Sperlinge.

»Der Frühling!« klang es wie ein Echo von den Hügeln, auf welchen der Schnee lag. Die Sonne schien warmer, der Schnee schmolz, die Vögel zwitscherten: »Der Frühling kommt!«

Und hoch durch die Luft kam der erste Storch, der zweite folgte; ein liebliches Kind saß auf dem Rücken eines jeden, und sie senkten sich nieder auf das offene Feld, küßten die Erde, und küßten den alten, stillen Mann, und wie Moses auf dem Berge verschwand er, vom Wolkennebel getragen.

Die Geschichte des Jahres war zu Ende.

»Das ist sehr richtig!« sagten die Sperlinge, »es ist auch sehr schön, aber es ist nicht nach dem Kalender, und darum ist es verkehrt!«

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