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Sämmtliche Märchen. Einzige vollständige vom Verfasser besorgte Ausgabe

Hans Christian Andersen: Sämmtliche Märchen. Einzige vollständige vom Verfasser besorgte Ausgabe - Kapitel 62
Quellenangabe
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authorHans Christian Andersen
titleSämmtliche Märchen. Einzige vollständige vom Verfasser besorgte Ausgabe
publisherVerlag von Johann Friedrich Hartknoch
printrunNeunzehnte vermehrte und verbesserte Auflage
illustratorL. Hutschenreuter und V. Petersen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Tölpel-Hans.

(Eine alte Geschichte aufs Neue erzählt,).

Tief im Innern des Landes lag ein alter Herrenhof; dort war ein alter Gutsherr, welcher zwei Söhne hatte, die sich so witzig und gewitzigt dünkten, daß die Hälfte genügt hätte; diese wollten sich nun um die Königstochter bewerben, denn dieselbe hatte öffentlich anzeigen lassen, sie wolle Denjenigen zum Ehegemahl wählen, der seine Worte am besten zu stellen wisse.

Die Beiden bereiteten sich nun volle acht Tage auf die Bewerbung vor, die längste, aber allerdings auch genügendste Zeit, die ihnen vergönnt war; denn sie hatten Vorkenntnisse, und wie nützlich die sind, weiß Jedermann. Der Eine wußte das ganze lateinische Wörterbuch und nebenbei auch drei Jahrgänge vom Tageblatte des Städtchens auswendig, und zwar so, daß er Alles von vorne und hinten, je nach Belieben, hersagen konnte. Der Andere hatte sich in die Innungsgesetze hineingearbeitet und wußte auswendig, was jeder Innungsvorstand wissen muß, weshalb er auch meinte, er könne von Staatsaffairen mitreden und seinen Senf dazu geben; ferner verstand er noch Eins: Er konnte Hosenträger mit Rosen und anderen Blümchen und Schnörkeleien bestechen, denn er war auch sein und fingerfertig.

»Ich bekomme die Königstochter!« riefen sie alle Beide, und so schenkte der alte Papa einem Jeden von ihnen ein prächtiges Pferd. Derjenige, welcher das Wörterbuch und das Tageblatt auswendig wußte, bekam einen Rappen, der Innungskluge erhielt ein milchweißes Pferd und dann schmierten sie sich die Mundwinkel mit Fischthran ein, damit sie recht geschmeidig würden. – Das ganze Gesinde stand unten im Hofraume und war Zeuge, wie sie die Pferde bestiegen, und wie von ungefähr kam auch der dritte Bruder hinzu, denn der alte Gutsherr hatte drei Söhne, aber Niemand zählte diesen dritten mit zu den anderen Brüdern, weil er nicht so gelehrt wie diese war, und man nannte ihn auch gemeinhin Tölpel-Hans.

»Ei!« – sagte Tölpel-Hans – »wo wollt Ihr hin? Ihr habt Euch ja in den Sonntagsstaat geworfen!«

»Zum Hofe des Königs, uns die Königstochter zu erschwatzen! Weißt Du denn nicht, was dem ganzen Lande bekannt gemacht ist?« und nun erzählten sie ihm den Zusammenhang.

»Ei der Tausend! da bin ich auch dabei!« rief Tölpel-Hans; und die Brüder lachten ihn aus und ritten davon.

»Väterchen!« – schrie Tölpel-Hans – »ich muß auch ein Pferd haben. Was ich für eine Lust zum Heirathen kriege! Nimmt sie mich, so nimmt sie mich, und nimmt sie mich nicht, so nehm ich sie – kriegen thu' ich sie!«

»Laß das Gewäsch!« sagte der Alte, »Dir gebe ich kein Pferd. Du kannst ja nicht reden, Du weißt ja Deine Worte nicht zu stellen; nein, Deine Brüder, ah, das sind ganz andere Kerle.«

»Nun,« sagte Tölpel-Hans, »wenn ich kein Pferd haben kann, so nehme ich den Ziegenbock, der gehört mir so wie so, und tragen kann er mich auch!« – und gesagt, gethan. Er setzte sich rittlings auf den Ziegenbock, preßte die Hacken in dessen Weichen ein, und sprengte davon, die große Hauptstraße wie ein Sturmwind dahin. Hei, Hop! das war eine Fahrt! »Hier komm' ich!« schrie Tölpel-Hans, und sang, daß es weit und breit wiederhallte.

Aber die Brüder ritten langsam ihm voraus; sie sprachen kein Wort, sie mußten sich alle die guten Einfälle überlegen, die sie an den Tag bringen wollten, denn das sollte alles recht sein ausspeculirt sein!

»Hei!« schrie Tölpel-Hans: »hier bin ich! Seht mal, was ich auf der Landstraße gefunden!« – und er zeigte ihnen eine todte Krähe, die er gefunden hatte.

»Tölpel!« sprachen die Brüder, »was willst Du mit der machen?«

»Mit der Krähe! – die will ich der Königstochter schenken!«

»Ja, das thu' nur!« sagten sie, lachten und ritten weiter.

»Hei – Hop! hier bin ich! Seht, was ich jetzt gefunden habe, das findet man nicht alle Tage auf der Landstraße!«

Und die Brüder kehrten um, damit sie sähen, was er wohl noch gefunden haben könnte, »Tölpel!« sagten sie, »das ist ja ein alter Holzschuh, dem noch dazu das Obertheil fehlt; wirst Du auch den der Königstochter schenken?«

»Wohl werde ich das!« erwiderte Tölpel-Hans; und die Brüder lachten und ritten davon; sie gewannen einen großen Vorsprung.

Illustration: Hutschenreuter/Petersen

»Hei hopsasa! hier bin ich!« rief Tölpel-Hans; »nein, es wird immer besser! heisa! Nein! es ist ganz famos!«

»Was hast Du denn jetzt gefunden?« fragten die Brüder.

»Oh,« – sagte Tölpel-Hans, »das ist gar nicht zu sagen! Wie wird sie erfreut sein, die Königstochter.«

»Pfui!« sagten die Brüder, »das ist ja reiner Schlamm, unmittelbar aus dem Graben.«

»Ja freilich ist es das!« sprach Tölpel-Hans, »und zwar von der feinsten Sorte, seht, er läuft Einem gar durch die Finger durch!« und dabei füllte er seine Tasche mit dem Schlamme.

Allein die Brüder sprengten dahin, daß Kies und Funken stoben, deshalb gelangten sie auch eine ganze Stunde früher als Tölpel-Hans an das Stadtthor; an diesem bekamen alle Freier Nummern, sofort nach ihrer Ankunft und wurden in Reih' und Glied geordnet, sechs in jede Reihe, und so eng zusammengedrängt, daß sie die Arme nicht bewegen konnten; das war sehr weise so eingerichtet, denn sie hatten einander wohl sonst das Fell über die Ohren gezogen, blos weil der Eine vor dem Andern stand.

Die ganze Volksmenge des Landes stand rings um das königliche Schloß in dichten Massen zusammengedrängt, bis an die Fenster hinauf, um die Königstochter die Freier empfangen zu sehen; je nachdem Einer von diesen in den Saal trat, ging ihm die Rede aus wie ein Licht.

»Das taugt nichts!« sprach die Königstochter. »Fort, hinaus mit ihm!«

Endlich kam die Reihe an denjenigen der Brüder, welcher das Wörterbuch auswendig wußte, aber er wußte es nicht mehr, er hatte es ganz vergessen in Reih' und Glied; und die Fußdielen knarrten und die Zimmerdecke war von lauter Spiegelglas, daß er sich selber auf dem Kopfe stehen sah, und an jedem Fenster standen drei Schreiber und ein Oberschreiber, und Jeder von diesen schrieb Alles nieder, was gesprochen wurde, damit es sofort in die Zeitung käme und für »Einen Silbergroschen« an der Straßenecke verkauft werde. Es war entsetzlich, und dabei hatten sie dermaßen in dem Ofen eingeheizt, daß er glühend war.

»Hier ist eine entsetzliche Hitze, hier!« – sprach der Freier.

»Ja wohl! mein Vater bratet aber auch heute junge Hähne!« sagte die Königstochter.

»Mäh!« da stand er wie ein Mähäh; auf solche Rede war er nicht gefaßt gewesen; kein Wort wußte er zu sagen, obgleich er etwas Witziges hatte sagen wollen. »Mäh!«

»Taugt nichts!« sprach die Königstochter. »Fort, hinaus mit ihm!« und hinaus mußte er.

Nun trat der andere Bruder ein.

»Hier ist eine entsetzliche Hitze!« – sagte er.

»Ja wohl, wir braten heute junge Hähne!« bemerkte die Königstochter.

»Wie be – wie?« sagte er, und die Schreiber schrieben: wie be – wie!

»Taugt nichts!« sagte die Königstochter. »Fort, hinaus mit ihm!«

Nun kam Tölpel-Hans dran; er ritt auf dem Ziegenbocke direct in den Saal hinein. »Na, das ist doch eine Mordhitze hier!« sagte er.

»Ja wohl, ich brate aber auch junge Hähne!« sagte die Königstochter.

»Ei, das ist schön!« erwiderte Tölpel-Hans, »dann kann ich wohl eine Krähe mit braten?«

»Mit dem größten Vergnügen!« sprach die Königstochter; »aber haben Sie Etwas, worin Sie braten können? denn ich habe weder Topf noch Tiegel.«

»Oh, das hab' ich!« sagte Tölpel-Hans. »Hier ist Kochgeschirr mit zinnernem Bügel,« und so zog er den alten Holzschuh hervor, und legte die Krähe hinein.

»Da ist ja eine ganze Mahlzeit,« sagte die Königstochter, »aber wo nehmen wir die Brühe her?«

»Die habe ich in der Tasche!« sprach Tölpel-Hans. »Ich habe so viel, daß ich sogar etwas davon wegwerfen kann!« – und nun goß er etwas Schlamm aus der Tasche heraus.

»Das gefällt mir!« sagte die Königstochter, »Du kannst doch antworten, und Du kannst reden, und Dich will ich zum Manne haben! –aber weißt Du auch, daß jedes Wort, welches wir sprechen und gesprochen haben, niedergeschrieben wird und morgen in die Zeitung kommt? An jedem Fenster, siehst Du, stehen drei Schreiber und ein alter Oberschreiber, und dieser alte Oberschreiber ist noch der schlimmste, denn er kann nichts begreifen!« und das sagte sie nur, um Tölpel-Hans zu ängstigen. Und die Schreiber wieherten und spritzten dabei Jeder einen Tintenklecks auf den Fußboden.

»Ah, das ist also die Herrschaft!« sagte Tölpel-Hans; »nun so werde ich dem Oberschreiber das Beste geben!« und damit kehrte er seine Taschen um und warf ihm den Schlamm gerade ins Gesicht.

»Das war fein gemacht!« sagte die Königstochter, »das hätte ich nicht thun können! aber ich werde es schon lernen!« –

Tölpel-Hans wurde König, bekam eine Frau und eine Krone und saß auf einem Throne, und das haben wir ganz naß aus der Zeitung des Oberschreibers und Schreiberinnungsmeisters – und auf die ist nicht zu bauen!

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