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Sämmtliche Märchen. Einzige vollständige vom Verfasser besorgte Ausgabe

Hans Christian Andersen: Sämmtliche Märchen. Einzige vollständige vom Verfasser besorgte Ausgabe - Kapitel 35
Quellenangabe
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typefairy
authorHans Christian Andersen
titleSämmtliche Märchen. Einzige vollständige vom Verfasser besorgte Ausgabe
publisherVerlag von Johann Friedrich Hartknoch
printrunNeunzehnte vermehrte und verbesserte Auflage
illustratorL. Hutschenreuter und V. Petersen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120202
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Däumelinchen.

Illustration: Hutschenreuter/Petersen

Es war einmal eine Frau, die sich ein ganz kleines Kind sehr wünschte; aber sie wußte nicht, woher sie es nehmen sollte. Da ging sie zu einer alten Hexe und sagte zu ihr: »Ich möchte so herzlich gern ein kleines Kind haben, kannst Du mir nicht sagen, wo ich das bekommen kann?«

»O, damit wollen wir schon fertig werden!« sagte die Hexe. »Da hast Du ein Gerstenkorn; das ist nicht von der Art, wie die, welche auf des Landmanns Felde wachsen, oder welche die Hühner zu fressen erhalten lege es in einen Blumentopf, so wirst Du was zu sehen bekommen!«

»Ich danke Dir!« sagte die Frau und gab der Hexe zwölf Schillinge; denn so viel kostete es. Dann ging sie nach Hause und pflanzte das Gerstenkorn; sogleich wuchs da eine herrliche, große Blume, die aussah, wie eine Tulpe, aber die Blätter schlossen sich fest zusammen, als ob sie noch Knospe wäre.

»Das ist eine schöne Blume!« sagte die Frau und küßte sie auf die rothen und gelben Blätter; aber indem sie darauf küßte, öffnete sich die Blume mit einem Knalle. Es war eine wirkliche Tulpe, wie man nun sehen konnte; aber mitten in der Blume saß auf dem grünen Sammetgriffel ein kleines Mädchen, gar fein und niedlich! Es war kaum einen halben Daumen hoch, und deshalb wurde es Däumelinchen genannt.

Eine niedliche, lackirte Wallnußschale bekam Däumelinchen zur Wiege, blaue Veilchenblätter waren ihre Matratzen und ein Rosenblatt ihre Decke, Da schlief sie des Nachts, aber am Tage spielte sie auf dem Tische, wo die Frau einen Teller hingestellt und ringsum mit einem Kranze von Blumen belegt hatte, deren Stengel im Wasser standen; darin schwamm ein großes Tulpenblatt, und auf diesem konnte sie sitzen und von der einen Seite des Tellers nach der andern fahren, zum Rudern hatte sie zwei weiße Pferdehaare. Das sah wunderhübsch aus! Sie konnte auch singen, und zwar so zart und fein, wie man es noch nie gehört hatte. –

Einst als sie Nachts in ihrem schönen Bette lag, kam eine alte Kröte durch das Fenster, in dem eine Scheibe entzwei war, hereingekrochen. Die Kröte war sehr häßlich, groß und naß; sie hüpfte auf den Tisch hinab, wo Däumelinchen lag und unter dem rothen Rosenblatte schlief.

»Das wäre eine schöne Frau für meinen Sohn!« sagte die Kröte und nahm die Wallnußschale, worin Däumelinchen schlief und hüpfte mit ihr durch's Fenster, in den Garten hinunter.

Dort floß ein großer, breiter Bach; aber das Ufer war sumpfig und morastig; hier wohnte die Kröte mit ihrem Sohne, Hu! der war häßlich und garstig und glich ganz seiner Mutter. »Koax, loa;, brekkekekex!« Das war Alles, was er sagen konnte, als er die niedliche Kleine in der Wallnußschale erblickte.

»Sprich nicht so laut, denn sonst erwacht sie!« sagte die alte Kröte. »Sie könnte uns noch entlaufen, denn sie ist so leicht, wie ein Schwanenflaum! wir wollen sie auf eins der breiten Nixenblumenblatter in den Bach setzen; das ist für sie, die so leicht und klein ist, eine Insel! Da kann sie nicht davon laufen, wahrend wir die Staatsstube unter dem Moraste, wo Ihr wohnen und Hausen sollt, in Stand setzen.«

Draußen in dem Bache wuchsen viele Nixenblumen mit breiten grünen Blättern, welche aussahen, als schwämmen sie oben auf dem Wasser; das Blatt, welches am weitesten lag, war auch das größte; da schwamm die alte Kröte hinaus und setzte die Wallnußschale mit Däumelinchen darauf.

Das kleine, kleine Däumelinchen erwachte früh Morgens, und als sie sah, wo sie war, fing sie recht bitterlich an zu weinen; denn es war an allen Seiten des großen, grünen Blattes Wasser, und sie konnte nicht an das Land kommen.

Die alte Kröte saß unten im Moraste und putzte ihre Stube mit Schilf und gelben Fischblattblumen aus; es sollte da recht hübsch für die neue Schwiegertochter werden; dann schwamm sie mit dem häßlichen Sohne zum Blatte hinaus, wo Däumelinchen war. Sie wollten ihr hübsches Bett holen, das sollte in das Brautgemach gestellt werden, bevor sie es selbst betrat. Die alte Kröte verneigte sich tief im Wasser vor ihr und sagte: »Hier siehst Du meinen Sohn; er wird Dein Mann sein, und Ihr werdet recht prächtig unten im Moraste wohnen!«

»Koax, koax, brekkekekex!« war Alles, was der Sohn sagen konnte.

Dann nahmen sie das niedliche, kleine Bett und schwammen damit fort; aber Däumelinchen saß allein auf dem grünen Blatte und weinte, denn sie mochte nicht bei der garstigen Kröte wohnen oder ihren häßlichen Sohn zum Manne haben. Die kleinen Fische, welche unten im Wasser schwammen, hatten die Kröte wohl gesehen und auch gehört, was sie gesagt hatte; deshalb streckten sie die Köpfe hervor: sie wollten auch das kleine Mädchen sehen. Sobald sie es erblickten, fanden sie dasselbe so niedlich, daß es ihnen recht leid that, daß es zur häßlichen Kröte hinunter sollte. Nein, das durfte nie geschehen! Sie versammelten sich unten im Wasser rings um den grünen Stengel, welcher das Blatt hielt, auf dem es stand und nagten mit den Zähnen den Stiel ab; da schwamm das Blatt den Bach hinab und Däumelinchen davon, weit weg, wo die Kröte sie nicht erreichen konnte.

Däumelinchen segelte an vielen Städten vorbei, und die kleinen Vögel saßen in den Büschen, sahen sie und sangen: »Welch' liebliches, kleines Mädchen!« Das Blatt schwamm mit ihm immer weiter und weiter fort; so reiste Däumelinchen außer Landes.

Ein niedlicher, kleiner, weißer Schmetterling umflatterte sie stets und ließ sich zuletzt auf das Blatt nieder; Däumelinchen gefiel ihm, und sie war sehr erfreut darüber; denn nun konnte die Kröte sie nicht erreichen, und es war so schön, wo sie fuhr; die Sonne schien auf das Wasser und dieses glänzte, wie das herrlichste Silber. Sie nahm ihren Gürtel und band das eine Ende um den Schmetterling; das andere Ende des Bandes befestigte sie am Blatte; das glitt nun schneller davon und sie mit, denn sie stand ja auf demselben.

Da kam ein großer Maikäfer angeflogen, der erblickte sie und, schlang augenblicklich seine Klauen nm ihren schlanken Leib und flog mit ihr auf den Baum. Das grüne Blatt schwamm den Bach hinab, und der Schmetterling mit, denn er war an dem Blatte festgebunden und konnte nicht von ihm loskommen.

Gott, wie war das arme Däumelinchen erschrocken, als der Maikäfer mit ihr auf den Baum flog. Aber hauptsächlich war sie wegen des schönen, weißen Schmetterlings betrübt, den sie festgebunden hatte; im Fall er sich nun nicht befreien könnte, müßte er ja verhungern. Allein darum kümmerte sich der Maikäfer nicht. Er setzte sich mit ihr auf das größte grüne Blatt des Baumes, gab ihr das Süße der Blumen zu essen und sagte, daß sie sehr niedlich sei, obgleich sie einem Maikäfer durchaus nicht gliche. Später kamen alle andern Maikäfer, die auf dem Baume wohnten, und machten Visite; sie betrachteten Däumelinchen und sagten: »Sie hat nicht einmal mehr als zwei Beine, das sieht erbärmlich aus!« »Sie hat keine Fühlhörner!« sagte ein Anderer. »Sie ist so schlank in der Taille; pfui! sie sieht wie ein Mensch aus! Wie sie häßlich ist!« sagten alle Maikäferinnen, und doch war Däumelinchen gar niedlich. Das erkannte auch der Maikäfer, der sie geraubt hatte. Aber als alle Andern sagten, sie sei häßlich, glaubte er es zuletzt auch und wollte sie nicht haben; sie könne gehen, wohin sie wolle. Nun flogen sie mit ihr den Baum hinab und setzten sie auf ein Gänseblümchen; da weinte sie, weil sie so häßlich sei, daß die Maikäfer sie nicht haben wollten, und doch war sie das Lieblichste, was man sich denken konnte, so fein und zart, wie das schönste Rosenblatt.

Den ganzen Sommer über lebte das arme Däumelinchen allein in dem großen Walde. Sie flocht sich ein Bett aus Grashalmen und hing es unter einem Kleeblatte auf, so war sie vor dem Regen geschützt; sie pflückte das Süße der Blumen zur Speise und trank vom Thau, der jeden Morgen auf den Blättern stand. So vergingen Sommer und Herbst, aber nun kam der Winter, der kalte, lange Winter. Alle Vögel die so schön von ihr gesungen hatten, flogen davon; Bäume und Blumen entblätterten sich; das große Kleeblatt, unter dem sie gewohnt hatte, rollte zusammen, und es blieb nichts, als ein verwelkter Stengel zurück; sie fror schrecklich, denn ihre Kleider waren entzwei, und sie war selbst so fein und klein, das arme Däumelinchen: sie mußte erfrieren. Es fing an zu schneien, und jede Schneeflocke, die auf sie fiel, war, als wenn man auf uns eine ganze Schaufel voll wirft; denn wir sind so groß und sie war nur einen Zoll lang. Da hüllte sie sich in ein dürres Blatt ein; aber das riß in der Mitte entzwei und wollte nicht wärmen; sie zitterte vor Kälte.

Dicht vor dem Walde, wohin sie nun gekommen war, lag ein großes Kornfeld; aber das Korn war seit langer Zeit fort, nur die nackten, trockenen Stoppeln standen aus der gefrorenen Erde hervor. Die waren ein Wald für sie zu durchwandern, o, wie zitterte sie vor Kälte! Da gelangte sie vor die Thüre einer Feldmaus. Die hatte ein kleines Loch unter den Kornstoppeln. Da wohnte die Maus warm und gemüthlich, hatte die ganze Stube voll Korn, eine herrliche Küche und Speisekammer. Das arme Däumelinchen stellte sich in die Thüre, wie ein armes Bettelmädchen, und bat um ein kleines Stück von einem Gersterkorn, denn sie hatte seit zwei Tagen nicht das Mindeste zu essen gehabt.

»Du armes Thierchen!« sagte die Feldmaus, denn im Grunde war sie eine gute Alte; »komm herein in meine warme Stube und speise mit mir!«

Da ihr nun Däumelinchen gefiel, sagte sie: »Du kannst meinetwegen den Winter über bei mir bleiben, aber Du mußt meine Stube sauber und rein halten und mir Geschichten erzählen, denn die liebe ich sehr.« Und Däumelinchen that, was die gute, alte Feldmaus verlangte, und hatte es dafür außerordentlich gut.

»Nun werden wir bald Besuch erhalten!« sagte die Feldmaus; »mein Nachbar pflegt mich jede Woche einmal zu besuchen. Er steht sich noch besser, als ich, hat große Säle und trägt einen schönen, schwarzen Sammetpelz! Wenn Du den nur zum Manne bekommen könntest, so wärest Du gut versorgt. Aber er kann nicht sehen. Du mußt ihm die niedlichsten Geschichten erzählen, die Du weißt!«

Aber darum kümmerte sich Däumelinchen nicht; ihr lag nichts an dem Nachbar, denn er war ja ein Maulwurf.

Dieser kam und stattete in seinem schwarzen Sammetpelz Besuch ab. Er sei so reich und so gelehrt, sagte die Feldmaus, seine Wohnung sei auch mehr als zwanzig Mal größer, als die der Feldmaus; Gelehrsamkeit besaß er, aber die Sonne und die schönen Blumen mochte er nicht leiden; von diesen sprach er schlecht, denn er hatte sie nie gesehen.

Däumelinchen mußte singen, und sie sang: »Maikäfer fliege!« und »Geht der Pfaffe auf das Feld«. Da verliebte sich der Maulwurf in sie, der schönen Stimme halber; aber er sagte nichts: er war ein besonnener Mann. –

Er hatte sich vor Kurzem einen langen Gang durch die Erde von seinem bis zu ihrem Hause gegraben; in diesem erhielten die Feldmaus und Däumelinchen Erlaubniß zu spazieren, so viel sie wollten. Aber er bat sie, sich nicht vor dem todten Vogel zu fürchten, der in dem Gange läge. Es war ein ganzer Vogel mit Federn und Schnabel, der sicher erst kürzlich gestorben war und nun da begraben lag, wo Jener seinen Gang gemacht hatte.

Der Maulwurf nahm ein Stück faules Holz in's Maul, denn das schimmert wie Feuer im Dunkeln, und ging dann voran und leuchtete ihnen in dem langen, finstern Gange. Als sie dahin kamen, wo der todte Vogel lag, stemmte der Maulwurf seine breite Nase gegen die Decke und stieß die Erde auf, sodaß ein großes Loch entstand, durch welches das Licht hinunter scheinen konnte. Mitten auf dem Fußboden lag eine todte Schwalbe, die schönen Flügel fest an die Seiten gedrückt, die Füße und den Kopf unter die Federn gezogen; der arme Vogel war sicher vor Kälte gestorben. Das that Däumelinchen recht leid; sie hielt sehr viel von allen kleinen Vögeln, die hatten ja den ganzen Sommer so schon vor ihr gesungen und gezwitschert; aber der Maulwurf stieß ihn mit seinen krummen Beinen und sagte: »Nun pfeift er nicht mehr! Es muß doch erbärmlich sein, als kleiner Vogel geboren zu werden! Gott sei Dank, daß keins von meinen Kindern das wird; ein solcher Vogel hat ja nichts außer seinem Quivit und muß im Winter verhungern!«

»Ja, das mögt Ihr als vernünftiger Mann wohl sagen,« sprach die Feldmaus. »Was hat der Vogel für all' seinen Quivit, wenn der Winter kommt? Er muß hungern und frieren. Doch das soll wohl gar vornehm sein!«

Däumelinchen sagte nichts; als aber die beiden Andern dem Vogel den Rücken wendeten, neigte sie sich herab, schob die Federn zur Seite, welche den Kopf bedeckten, und küßte ihn auf die geschlossenen Augen.

»Vielleicht war er es, der so hübsch vor mir im Sommer gesungen,« dachte sie. »Wie viel Freude hat er mir nicht gemacht, der liebe, schöne Vogel!«

Der Maulwurf stopfte nun das Loch zu, durch welches der Tag herein schien, und begleitete dann die Damen nach Hause. Aber des Nachts konnte Däumelinchen gar nicht schlafen; da stand sie aus ihrem Bette auf und flocht von Heu einen großen, schönen Teppich, den trug sie hin, breitete ihn über den todten Vogel aus und legte die feinen Staubfäden von Blumen, die weich wie Baumwolle waren, und die sie in der Stube der Feldmaus gefunden hatte, an die Seiten des Vogels, damit er in der Erde warm läge.

»Lebe wohl, Du schöner, kleiner Vogel!« sagte sie. »Lebe wohl und habe Dank für Deinen herrlichen Gesang im Sommer, als alle Bäume grün waren und die Sonne warm auf uns herabschien!« Dann legte sie ihr Haupt an des Vogels Herz. Der Vogel aber war nicht todt: er lag nur erstarrt da, war nun erwärmt und bekam wieder Leben.

Im Herbste stiegen alle Schwalben nach den heißen Ländern fort; aber ist eine da, die sich verspätet, dann friert sie so, daß sie wie todt niederstürzt und liegen bleibt, wo sie hinfällt; der kalte Schnee bedeckt sie dann.

Däumelinchen zitterte, so war sie erschrocken; denn der Vogel war ja groß, sehr groß gegen sie, die nur einen Zoll lang war. Aber sie faßte doch Muth, legte die Baumwolle dichter um die arme Schwalbe, holte ein Krausemünzblatt, welches sie selbst zum Deckblatt gehabt hatte, und legte es über den Kopf des Vogels.

In der nächsten Nacht schlich sie sich wieder zu ihm; da war er lebendig, aber sehr matt; er konnte nur einen kurzen Augenblick seine Augen öffnen und Däumelinchen ansehen, die mit einem Stück faulen Holzes in der Hand – denn eine andere Laterne hatte sie nicht – vor ihm stand. –

»Ich danke Dir, Du niedliches kleines Kind!« sagte die kranke Schwalbe zu ihr. »Ich bin so herrlich erwärmt! Bald erlange ich meine Kräfte wieder und kann dann draußen in dem warmen Sonnenscheine umherfliegen!«

»O!« sagte sie, »es ist kalt draußen; es schneit und friert! Bleib' in Deinem warmen Bette; ich werde Dich schon pflegen!«

Dann brachte sie der Schwalbe Wasser in einem Blumenblatte; diese trank und erzählte ihr, wie sie sich den einen Flügel an einem Dornbusche wund gerissen und deshalb nicht so schnell habe fliegen können, wie die andern Schwalben, welche fortgeflogen seien, weit fort, nach den warmen Ländern. So sei sie zuletzt auf die Erde gefallen, aber mehr konnte sie sich nicht entsinnen, und wußte gar nicht, wie sie hierher gekommen war.

Den ganzen Winter blieb sie nun da unten, und Däumelinchen hegte und pflegte sie so recht von Herzen; weder der Maulwurf noch die Feldmaus erfuhren etwas davon, denn die mochten ja die arme Schwalbe nicht leiden.

Sobald das Frühjahr kam und die Sonne die Erde erwärmte, sagte die Schwalbe dem Däumelinchen Lebewohl, die das Loch öffnete, welches der Maulwurf oben gemacht hatte. Die Sonne schien so herrlich zu ihnen herein, und die Schwalbe fragte, ob sie mitkommen wolle; sie könne auf ihrem Rücken sitzen: sie wollten weit in den grünen Wald hinein fliegen. Aber Däumelinchen wußte, daß es die alte Feldmaus betrüben würde, wenn sie die so verließe.

»Nein, ich kann nicht!« sagte Däumelinchen.

»Lebe wohl, lebe wohl! Du gutes, niedliches Mädchen!« sagte die Schwalbe und flog hinaus in den Sonnenschein. Däumelinchen sah ihr nach, und die Thränen traten ihr in die Augen, denn sie war der armen Schwalbe herzlich gut.

»Quivit, quivit!« sang der Vogel und flog in den grünen Wald. – Däumelinchen war sehr betrübt. Sie erhielt keine Erlaubniß, in den warmen Sonnenschein hinauszugehen. Das Korn, welches auf dem Felde, über dem Hause der Feldmaus, gesäet war, wuchs auch hoch in die Luft empor; das war ein dichter Wald für das arme, kleine Mädchen, das ja nur einen Zoll lang war. »Nun bist Du Braut, Däumelinchen!« sagte die Feldmaus. »Der Nachbar hat um Dich angehalten. Welch' großes Glück für ein armes Kind! Nun mußt Du Deine Aussteuer nähen, sowohl Wollen- wie Leinenzeug; denn es darf an Nichts fehlen, wenn Du des Maulwurfs Frau wirst!«

Däumelinchen mußte die Spindel drehen, und die Feldmaus miethete vier Spinnen, um Tag und Nacht für sie zu weben. Jeden Abend besuchte sie der Maulwurf und sprach dann immer davon, daß, wenn der Sommer zu Ende gehe, die Sonne lange nicht so warm scheinen werde; sie brenne ja jetzt die Erde so fest wie einen Stein. Ja, wenn der Sommer vorbei sei, dann wolle er mit Däumelinchen Hochzeit halten. Aber die war gar nicht froh; denn sie mochte den langweiligen Maulwurf nicht leiden. Jeden Morgen, wenn die Sonne aufging, und jeden Abend, wenn sie unterging, stahl sie sich zur Thüre hinaus, und wenn dann der Wind die Kornähren trennte, so daß sie den blauen Himmel erblicken konnte, dachte sie daran, wie hell und schön es hier draußen sei, und wünschte sehnlichst, die liebe Schwalbe wiederzusehen. Aber die kam nie wieder; die war gewiß weit weg in den schonen, grünen Wald geflogen.

Als es nun Herbst wurde, hatte Däumelinchen die ganze Aussteuer fertig.

»In vier Wochen sollst Du Hochzeit halten!« sagte die Feldmaus zu ihr. Aber Däumelinchen weinte und sagte, sie wolle den langweiligen Maulwurf nicht haben.

»Schnickschnack!« sagte die Feldmaus; »sei nicht widerspenstig, denn sonst werde ich Dich mit meinen weißen Zähnen beißen! Es ist ja ein schöner Mann, den Du bekommst! Die Königin selbst hat nicht solch' einen schwarzen Sammetpelz! Er hat Küche und Keller voll. Danke Gott dafür!«

Nun sollte die Hochzeit sein. Der Maulwurf war schon gekommen, Däumelinchen zu holen; sie sollte bei ihm wohnen, tief unter der Erde, und nie an die warme Sonne hinauskommen, denn die mochte er nicht leiden. Die arme Kleine war sehr betrübt; sie sollte nun der schönen Sonne Lebewohl sagen, die sie doch bei der Feldmaus Erlaubniß gehabt hatte von der Thüre aus zu sehen.

»Lebe wohl, du helle Sonne!« sagte sie, streckte die Arme hoch empor und ging auch eine kleine Strecke vor dem Hause der Feldmaus weiter; denn nun war das Korn geerntet, und hier standen nur die trockenen Stoppeln. »Lebe wohl, lebe wohl!« sagte sie und schlang ihre Arme um eine kleine, rothe Blume, die da noch blühte. »Grüße die kleine Schwalbe von mir, wenn Du sie zu sehen bekommst!«

»Quivit, quivit!« ertönte es plötzlich über ihrem Kopfe; sie sah empor; es war die kleine Schwalbe, die gerade vorbeikam. Sobald sie Däumelinchen erblickte, wurde sie sehr froh; diese erzählte ihr, wie ungern sie den häßlichen Maulwurf zum Manne nehme, und daß sie dann tief unter der Erde wohnen solle, wohin nie die Sonne scheine. Sie konnte sich nicht enthalten, dabei zu weinen.

»Nun kommt der kalte Winter,« sagte die kleine Schwalbe; »ich fliege weit fort nach den warmen Ländern; willst Du mit mir kommen? Du kannst auf meinem Rücken sitzen; dann fliegen wir von dem häßlichen Maulwurf und seiner dunklen Stube fort, weit weg, über die Berge, nach den warmen Ländern, wo die Sonne schöner scheint wie hier, wo immer Sommer ist und es herrliche Blumen giebt. Fliege nur mit mir, Du liebes, kleines Däumelinchen, die mein Leben gerettet hat, als ich erfroren in dem dunklen Erdkeller lag!«

»Ja, ich werde mit Dir ziehen,« sagte Däumelinchen, setzte sich auf des Vogels Rücken, mit den Füßen auf seine entfaltete Schwinge, und band ihren Gürtel an einer der stärksten Federn fest; da flog die Schwalbe hoch in die Luft, über Wald und See, hoch hinauf über die großen Berge, wo immer Schnee liegt. Und Däumelinchen fror in der kalten Luft, aber dann verkroch sie sich unter des Vogels warme Federn und steckte nur den kleinen Kopf hervor, um alle die Schönheiten unter sich zu bewundern.

Endlich kamen sie nach den warmen Ländern. Dort schien die Sonne weit heller als hier; der Himmel war zweimal so hoch, und in Gräben und auf Hecken wuchsen die schönsten grünen und blauen Weintrauben; in den Wäldern hingen Citronen und Apfelsinen; es duftete von Myrten und Krausemünze, und auf den Landstraßen liefen die niedlichsten Kinder und spielten mit großen bunten Schmetterlingen. Aber die Schwalbe flog noch weiter fort, und es wurde schöner und schöner. Unter den herrlichsten grünen Bäumen an dem blauen See stand ein blendend weißes Marmorschloß, noch aus alten Zeiten! Weinreben rankten sich um die hohen Säulen empor; oben waren viele Schwalbennester, und in einem derselben wohnte die Schwalbe, welche Däumelinchen trug.

»Hier ist mein Haus!« sagte die Schwalbe. »Aber es schickt sich nicht, daß Du mit darin wohnst; ich bin nicht so eingerichtet, daß Du damit zufrieden sein kannst; suche Dir nun selbst eine der prächtigsten Blumen, die da unten wachsen; dann will ich Dich hineinsetzen, und Du sollst es gut haben, wie Du es nur wünschest!«

»Das ist herrlich!« sagte sie und klatschte in die kleinen Hände.

Da lag eine große, weiße Marmorsäule, welche zu Boden gefallen und in drei Stücke zersprungen war: aber zwischen diesen wuchsen die schönsten großen, weißen Blumen. Die Schwalbe flog mit Däumelinchen herunter und setzte sie auf eine der breiten Blätter. Aber wie erstaunte diese! Da saß ein kleiner Mann mitten in der Blume, so weiß und durchsichtig, als wäre er von Glas; die niedlichste Goldkrone trug er auf dem Kopfe und die herrlichsten Flügel an den Schultern; er war selbst nicht größer als Däumelinchen. Es war der Blume Engel. In jeder Blume wohnte so ein kleiner Mann oder eine Frau; aber dieser war der König über alle.

»Gott, wie ist er schön!« flüsterte Däumelinchen der Schwalbe zu. Der kleine Prinz erschrak sehr über die Schwalbe, denn sie war ja gegen ihn, der so klein und fein war, ein Riesenvogel. Aber als er Däumelinchen erblickte, wurde er hoch erfreut; sie war das schönste Mädchen, das er je gesehen hatte. Deshalb nahm er seine Goldkrone vom Haupte und setzte sie ihr auf, fragte, wie sie heiße und ob sie seine Frau werden wolle; dann solle sie Königin über alle Blumen sein! Ja, das war freilich ein anderer Mann, als der Sohn der Kröte und der Maulwurf mit dem schwarzen Sammetpelze. Sie sagte deshalb »ja« zu dem herrlichen Prinzen, Und aus jeder Blume kam eine Dame und ein Herr, so niedlich, daß es eine Lust war; jeder brachte Däumelinchen ein Geschenk, aber das Beste von allen waren ein paar schone Flügel von einer großen, weißen Fliege, die wurden Däumelinchen am Rücken befestigt, und nun konnte sie auch von Blume zu Blume fliegen. Da gab es viele Freude, und die kleine Schwalbe saß oben in ihrem Neste und sollte das Hochzeitslied singen; das that sie denn auch, so gut sie konnte; im Herzen war sie doch betrübt, denn sie war Däumelinchen so gut, und hätte sich nie von ihr trennen mögen.

»Du sollst nicht Däumelinchen heißen!« sagte der Blumenengel zu ihr. »Das ist ein häßlicher Name und Du bist zu schön dazu. Wir wollen Dich Maja nennen.« »Lebe wohl, lebe wohl!« sagte die kleine Schwalbe mit schwerem Herzen und flog wieder fort von den warmen Ländern, weit weg nach Dänemark zurück. Dort hatte sie ein kleines Nest über dem Fenster, wo der Mann wohnt, der Märchen erzählen kann. Vor ihm sang sie »Quivit, quivit!« Daher wissen wir die ganze Geschichte.

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