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Sämmtliche Märchen. Einzige vollständige vom Verfasser besorgte Ausgabe

Hans Christian Andersen: Sämmtliche Märchen. Einzige vollständige vom Verfasser besorgte Ausgabe - Kapitel 16
Quellenangabe
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authorHans Christian Andersen
titleSämmtliche Märchen. Einzige vollständige vom Verfasser besorgte Ausgabe
publisherVerlag von Johann Friedrich Hartknoch
printrunNeunzehnte vermehrte und verbesserte Auflage
illustratorL. Hutschenreuter und V. Petersen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der unartige Knabe.

Es war einmal ein alter Dichter, so ein recht guter, alter Dichter.

Eines Abends, als er zu Hause saß, gab es draußen ein schrecklich böses Wetter; der Regen strömte hernieder, aber der alte Dichter saß gemächlich hinter seinem Ofen, wo das Feuer brannte und die Aepfel zischten.

»Es bleibt kein Faden trocken an den Armen, die in diesem Wetter draußen sind!« sagte er.

»O, öffne mir! Mich friert und ich bin durchnäßt!« rief draußen ein kleines Kind. Es weinte und klopfte an die Thüre, während der Regen herabströmte und der Wind mit allen Fenstern klirrte.

»Du armes Wesen!« sagte der Dichter und ging hin, die Thüre zu öffnen. Da stand ein kleiner Knabe; er war nackt, und das Wasser floß aus seinen langen, blonden Locken. Er zitterte vor Kälte; wäre er nicht hereingelassen, so wäre er in dem bösen Wetter sicher umgekommen.

»Du kleines Wesen!« sagte der Dichter und nahm ihn bei der Hand. »Komm zu mir, ich werde Dich schon erwärmen! Wein und einen Apfel sollst Du haben, denn Du bist ein prächtiger Knabe!«

Das war er auch. Seine Augen leuchteten wie zwei helle Sterne, und obgleich das Wasser aus seinen blonden Locken herabfloß, ringelten sie sich doch gar schön. Er sah aus, wie ein kleiner Engel, war aber bleich vor Kälte und zitterte am ganzen Körper. In der Hand trug er einen herrlichen Bogen, aber der war vom Regen völlig verdorben; alle Farben auf den schönen Pfeilen liefen vor Nässe ineinander.

Der Alte setzte sich an den Ofen, nahm den kleinen Knaben auf seinen Schoos, drückte das Wasser aus seinen Locken, wärmte dessen Hände in den seinigen und machte ihm süßen Glühwein: da erholte er sich, bekam rothe Wangen, sprang auf den Fußboden und tanzte um den Alten herum.

»Du bist ein lustiger Knabe!« sagte der Alte. »Wie heißt Du?«

»Ich heiße Amor!« erwiderte er. »Kennst Du mich nicht? Dort liegt mein Bogen! Glaube mir, damit schieße ich! Sieh, nun wird das Wetter draußen wieder gut, der Mond scheint.«

»Aber Dein Bogen ist verdorben!« sagte der alte Dichter.

»Das wäre schlimm!« sagte der kleine Knabe, nahm ihn auf und besah ihn. »O, der ist völlig trocken und hat keinen Schaden gelitten; die Sehne sitzt straff; ich werde ihn probiren!« Dann spannte er ihn, legte einen Pfeil darauf, zielte und schoß den guten, alten Dichter mitten in das Herz. »Siehst Du wohl, daß mein Bogen nicht verdorben war?« sagte er, lachte laut auf und lief davon. Der unartige Knabe, so den alten Dichter zu schießen, der ihn in die warme Stube hereingenommen hatte, so gut gegen ihn gewesen war und ihm den schönsten Wein und den besten Apfel gegeben hatte!

Der gute Alte lag auf dem Fußboden und weinte; er war wirklich in das Herz geschossen. »Pfui!« rief er, »was für ein unartiger Knabe ist dieser Amor! Das werde ich allen guten Kindern erzählen, damit sie sich in Acht nehmen können und nie mit ihm spielen, denn er thut ihnen was zu Leide!«

Alle guten Kinder, Mädchen und Knaben, denen er dieses erzählte, nahmen sich auch vor dem bösen Amor in Acht; aber der führte sie doch an, denn er ist sehr durchtrieben! Wenn die Studenten aus den Vorlesungen kommen, so läuft er ihnen mit einem Buche unter dem Arme zur Seite und hat einen schwarzen Rock an. Sie können ihn nicht erkennen. Und dann fassen sie ihn unter den Arm und glauben, daß er auch ein Student sei; aber da sticht er ihnen den Pfeil in die Brust. Wenn die Mädchen vom Prediger kommen und eingesegnet werden, so ist er auch unter ihnen. Ja, er ist immer hinter den Leuten her! Er sitzt im großen Kronleuchter im Theater und brennt lichterloh, so daß die Leute glauben, es sei eine Lampe; aber später sehen sie den Irrthum ein. Er läuft im Schloßgarten und auf den Promenaden umher! Ja, er hat auch einmal Deinen Vater und Deine Mutter in das Herz geschossen! Frage sie nur darnach, so wirst Du hören, was sie sagen. Ach, es ist ein böser Knabe, dieser Amor; mit ihm mußt Du nie etwas zu schaffen haben! Er ist hinter Jedermann her. Denk' einmal, er schoß sogar einen Pfeil auf die alte Großmutter ab; aber das ist lange her. Die Wunde ist zwar lange geheilt, doch vergißt sich dies nie. Pfui, der böse Amor! Aber nun kennst Du ihn und weißt, was für ein unartiger Knabe er ist.

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