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Sämmtliche Märchen. Einzige vollständige vom Verfasser besorgte Ausgabe

Hans Christian Andersen: Sämmtliche Märchen. Einzige vollständige vom Verfasser besorgte Ausgabe - Kapitel 112
Quellenangabe
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authorHans Christian Andersen
titleSämmtliche Märchen. Einzige vollständige vom Verfasser besorgte Ausgabe
publisherVerlag von Johann Friedrich Hartknoch
printrunNeunzehnte vermehrte und verbesserte Auflage
illustratorL. Hutschenreuter und V. Petersen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der Sturm bewegt das Schild.

In alten Tagen, als Großvater ein ganz kleiner Knabe war und mit rothen Höschen umherlief, auch mit einem rothen Rocke, mit einem Gurt um den Leib und einer Feder auf dem Casquet, – denn so gingen die kleinen Knaben in seiner Kindheit gekleidet, wenn sie recht geputzt waren; – da war so Vieles ganz anders wie jetzt; da war gar oft viel Staat auf der Straße, Staat, den wir nicht mehr sehen weil er abgeschafft ist, – er war zu altväterisch; aber unterhaltend ist es doch, Großvater davon erzählen zu hören.

Es muß damals wirklich ein Staat gewesen sein, als der Schuhmacher beim Wechsel des Gerichtshauses das Schild hinüberbrachte. Die seidene Fahne wehte; aus das Schild selbst war ein großer Stiefel und ein Adler mit zwei Köpfen gemalt; die jüngsten Burschen trugen das »Willkommen« und die Lade der Handwerker-Innung, und hatten rothe und weiße Bänder an ihren Hemdärmeln herabflattern; die älteren trugen gezogene Degen mit einer Citrone auf der Spitze. Da war volle Musik und das prächtigste von allen Instrumenten war » der Vogel«, wie Großvater die große Stange nannte mit dem Halbmonde daran und allem möglichen Dingeldangel; eine richtig türkische Musik. Die Stange wurde hoch in die Luft gehoben und geschwungen, daß es klingelte und klang und es einem die Augen blendete, wenn die Sonne auf das Gold, Silber und Messing schien.

Vor dem Zuge her lief der Harlekin in Kleidern von allen möglichen bunten Lappen zusammengenäht, mit schwarzem Gesichte und Glöckchen um den Kopf, wie ein Schlittenpferd; der schlug mit seiner Pritsche auf die Leute ein, daß es klatschte, ohne ihnen Schaden zu thun, und die Leute drückten sich zusammen um zurückzuweichen und gleich wieder hervorzukommen; kleine Knaben und Mädchen sielen über ihre eigenen Füße in den Rinnstein; alte Frauen pufften mit den Ellenbogen, machten eine saure Miene und schnupften. Der Eine lachte, ein Anderer schwatzte; das Voll war auf den Treppen und in den Fenstern, ja auf allen Dächern. Die Sonne schien; ein wenig Regen bekamen sie auch, aber das war gut für den Landmann, und wenn sie so recht patschnaß wurden, so war das ein wahrer Segen für das Land.

Wie Großvater erzählen konnte! Er hatte als kleiner Knabe den Staat in der größten Pracht gesehen. Der älteste Gerichtsdiener hielt tue Rede vom Gerüste, wo das Schild aufgehängt wurde; die Rede war in Versen, als ob sie gedichtet wäre, und das war sie auch; es waren ihrer Drei dazu gewesen; sie hatten erst eine tüchtige Bowle Punsch getrunken, um es recht gut zu machen.

Und das Volk brachte für die Rede ein Hurrah, aber rief noch viel öfter: Hurrah für den Harlekin, als er auf dem Gerüste zum Vorscheine kam und den Leuten einen schiefen Mund zog.

Der Narr machte einen ausgezeichneten Narren und trank Meth aus Schnapsgläsern, die er dann unter das Volk schleuderte, wo sie von den Leuten aufgefangen wurden. Großvater war im Besitze eines solchen, das ihm ein Maurergeselle, der es erwischt, verehrt hatte. Das war wirklich belustigend. Das Schild an dem neuen Gerichtshause war mit Blumen und mit Grün behangen.

»Solch' einen Staat vergißt man niemals, wie alt man auch werden mag,« sagte Großvater, und er vergaß es auch nicht, obgleich er noch viel andere Pracht und Herrlichkeit gesehen hatte und auch davon erzählte; das Ergötzlichste blieb aber doch immer, ihn von dem Schild erzählen zu hören, das in der großen Stadt von dem alten zu dem neuen Gerichtshause gebracht wurde.

Der Großvater reiste als kleiner Knabe mit seinen Eltern zu der Feierlichkeit; er hatte die größte Stadt des Landes vorher nie gesehen. Da waren so viele Menschen auf der Straße, daß er glaubte, man trüge schon das Schild fort; es gab da viele Schilder; man hätte hundert Stuben mit Bildern anfüllen können, hätte man sie inwendig und auswendig aufgehängt. Da waren bei dem Schneider alle Arten von Menschenkleidern abgemalt, und er konnte die Leute vom Groben bis zum Feinen benähen; da waren die Schilder von den Tabaksspinnern, mit den anmuthigsten, kleinen Knaben, welche Cigarren rauchten, eben so wie in der Wirklichkeit; da waren Schilder mit Butter und Häringen, Priesterkragen und Särgen, und außerdem Inschriften und Anschlagzettel; man konnte recht gut einen ganzen Tag in den Straßen auf und niedergehen und sich an den Bildern müde sehen; dann wußte man aber auch das Ganze, und welche Menschen in den Häusern wohnten, denn: sie hatten ja ihr Schild selbst herausgehängt, und das ist so gut, sagte Großvater, und auch so lehrreich, gleich in einer großen Stadt zu wissen, wer darinnen wohnt.

So trug sich das mit dem Schilde zu, als der Großvater in die Stadt kam; er hat es selbst erzählt und er hatte keinen Schelm im Nacken, wie die Mutter glaubte und es mir gesagt, wenn er mir Etwas weiß machen wollte; er sah ganz zuverlässig aus.

Die erste Nacht, als er zur Stadt gekommen, war hier das fürchterlichste Wetter gewesen, wovon man noch jemals in der Zeitung gelesen: ein Wetter, wie sich niemals ein Mensch erinnerte erlebt zu haben. Die ganze Luft war mit Ziegelsteinen angefüllt; altes Holzwerk stürzte zusammen; ja ein Schubkarren lief ganz von selbst die Straße hinauf, nur, um sich zu retten. Es tutete in der Luft, es heulte und kreischte, es war ein entsetzlicher Sturm. Das Wasser im Kanale lief über das Bollwerk hinaus, denn es wußte nicht wo es bleiben sollte. Der Sturm fuhr über die Stadt hin und nahm die Schornsteine mit; mehr als eine alte, stolze Kirchthurmspitze mußte sich beugen und hat das seitdem nie überwunden.

Da stand ein Schilderhaus draußen, wo der alte, anständige Brand-Major wohnte, der immer mit der letzten Spritze kam; der Sturm konnte ihm das kleine Schilderhaus nicht gönnen, es wurde aus den Fugen gerissen und rollte die Straße hinab; und wunderbar genug erhob es sich wieder und blieb vor dem Hause des schmutzigen Zimmergesellen stehen, der bei dem letzten Brande drei Menschenleben gerettet hatte; aber das Schilderhaus dachte sich Nichts dabei.

Das Schild vom Barbier, der große Messingteller, wurde heruntergerissen und gerade in die Fenstervertiefung des Justizrathes geschleudert, und das sah fast wie Bosheit aus, so sagte die ganze Nachbarschaft, weil diese und die allerintimsten Freundinnen der Frau Justizräthin sie Rasirmesser nannten. Sie war so klug, daß sie von den Menschen mehr, als die Menschen über sich selber wußten.

Da flog ein Schild mit einem abgerissenen, trocknen Klippfische grade über die Thür eines Hauses, wo ein Mann wohnte, der eine Zeitung schrieb. Das war ein sehr flauer Scherz von dem Sturmwinde, der nicht daran dachte, daß ein Zeitungsschreiber gar nicht geschaffen ist, um mit sich scherzen zu lassen, denn er ist ein König in seiner eigenen Zeitung und auch in seiner eigenen Meinung. Der Wetterhahn flog auf das gegenüberliegende Dach und stand da wie die schwärzeste Bosheit, – sagten die Nachbarn.

Die Tonne des Faßbinders wurde unter »Damenputz« aufgehängt.

Des Gastwirth Speisezettel in einem schweren Rahmen, der an der Thüre hing, wurde von dem Sturme über den Eingang des Theaters gestellt, wo die Leute niemals hin kommen; es war ein lächerliches Plakat: »Meerrettig, Suppe und gefüllter Kohlkopf«; aber jetzt kamen die Leute.

Des Kürschners Fuchspelz, der sein ehrbares Schild ist, wurde an die Klingelschnur des jungen Mannes geschleudert, der immer in die Frühpredigt ging, wie ein heruntergeschlagener Regenschirm aussah, nach Wahrheit strebte und wie seine Tante sagte: ein »Exempel« war.

Die Inschrift: »höhere Bildungs-Anstalt« wurde über den Billardklub hingeschleudert und die Anstalt selbst bekam das Schild: »Hier zieht man Kinder mit der Flasche auf«; das war gar nicht witzig, nur unartig, aber das hatte der Sturm gethan, und den kann man nicht regieren.

Es war eine fürchterliche Nacht, und am Morgen, – denkt nur, – waren fast alle Schilder der Stadt verwechselt; an einigen Orten war es mit so großer Malice geschehen, daß Großvater gar nicht davon reden wollte, aber doch, wie ich ganz gut gesehen, inwendig lachte, und da ist es doch wohl möglich, daß er Etwas hinter den Ohren hatte.

Die armen Leute in der Stadt und ganz besonders die Fremden, irrten sich immer in den Menschen und es konnte auch nicht gut anders sein, wenn sie sich nach dem Schilde richteten. So wollten Einige zu einer sehr ernsten Versammlung älterer Männer, wo die wichtigsten Dinge verhandelt werden sollten, und kamen nun in eine kreischende Knabenschule, wo Alle über Tische und Bänke sprangen.

Es waren auch Leute da, die sich mit der Kirche und dem Theater irrten, und das ist doch entsetzlich!

Einen solchen Sturm haben wir nun in unsern Tagen nie erlebt, das ist nur zu des Großvaters Zeiten geschehen, als er ein kleiner Knabe war; wir erleben vielleicht einen solchen Sturm nicht mehr, aber unsere Enkelkinder; da müssen wir gewiß hoffen und darum bitten, daß sich Alle, während der Sturm die Schilder wechselt, hübsch zu Hause halten.

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