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Sämmtliche Märchen. Einzige vollständige vom Verfasser besorgte Ausgabe

Hans Christian Andersen: Sämmtliche Märchen. Einzige vollständige vom Verfasser besorgte Ausgabe - Kapitel 108
Quellenangabe
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authorHans Christian Andersen
titleSämmtliche Märchen. Einzige vollständige vom Verfasser besorgte Ausgabe
publisherVerlag von Johann Friedrich Hartknoch
printrunNeunzehnte vermehrte und verbesserte Auflage
illustratorL. Hutschenreuter und V. Petersen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der Halskragen.

Es war einmal ein reicher Cavalier, dessen sämmtliche Effekten aus einem Stiefelknechte und einer Haarbürste bestanden; aber er hatte den schönsten Halskragen der Welt, und von diesem Halskragen werden wir eine Geschichte hören. – Der war nun so alt, daß er daran dachte, sich zu verheiraten; da traf es sich, daß er mit einem Strumpfbande zugleich in die Wäsche kam.

»Potztausend!« sagte der Halskragen, »habe ich doch niemals etwas so Schlankes und Feines, so Zartes und Niedliches gesehen! Darf ich nach Ihrem Namen fragen?«

»Den nenne ich Ihnen nicht!« sagte das Strumpfband.

»Wo gehören Sie denn zu Hause?« fragte der Halskragen.

Aber das Strumpfband war etwas schüchterner Natur, und es schien ihm ziemlich wunderbar, darauf zu antworten.

»Sie sind wohl ein Leibgürtel?« sagte der Halskragen, »so ein inwendiger Leibgürtel? Ich sehe, daß Sie sowohl zum Nutzen, wie zum Schmuck dienen, mein kleines Fräulein!«

»Sie sollen nicht mit mir sprechen!« sagte das Strumpfband; »ich meine, daß ich dazu durchaus keine Veranlassung gegeben habe!«

»Ei, wenn man so schön ist, wie Sie,« sagte der Halskragen, »ist das nicht Veranlassung genug?«

»Gehen Sie, kommen Sie mir nicht so nah!« sagte das Strumpfband. »Sie sehen mir ganz wie eine Mannsperson aus!«

»Ich bin auch ein seiner Cavalier,« sagte der Halskragen; »ich besitze einen Stiefelknecht und eine Haarbürste!« Das war gar nicht wahr: es war ja sein Herr, der diese Sachen besaß. Aber er prahlte.

»Kommen Sie mir nur nicht so nah!« sagte das Strumpfband. »Ich bin das nicht gewohnt!«

»Zieraffe!« sagte der Halskragen. Und dann wurden sie aus der Wäsche genommen, wurden gestärkt, über einen Stuhl im Sonnenscheine aufgehängt und dann auf's Plättbrett gelegt. Nun kam das glühende Eisen.

»Frau Witwe!« sagte der Halskragen, »kleine Frau Witwe. Mir wird ganz warm! Ich werde ein ganz Anderer; ich komme ganz aus den Falten; Sie brennen ein Loch in mich hinein! Uh! Ich halte um Sie an!«

»Sie Lump!« sagte das Plätteisen und fuhr stolz über den Halskragen hin; denn es bildete sich ein, daß es ein Dampfkessel sei, der auf die Eisenbahn hinaus und Wagen ziehen sollte.

»Lump!« sagte es.

Der Halskragen war an den Kanten ein wenig abgefasert, deshalb kam die Papierscheere und sollte die Fasern abschneiden.

»Oh!« sagte der Halskragen, »Sie sind wohl erste Tänzerin! Wie können Sie die Beine ausstrecken! Das ist das Reizendste, was ich jemals gesehen habe! Das kann Ihnen kein Mensch nachmachen!«

»Das weiß ich!« sagte die Scheere.

»Sie verdienten, Gräfin zu sein!« sagte der Halskragen. »Alles, was ich besitze, besteht aus einem seinen Cavalier, einem Stiefelknechte und einem Frisirkamme. Hätte ich doch nur eine Grafschaft!«

»Was? Er will freien?« sagte die Scheere, denn sie wurde ärgerlich und that einen so starken Schnitt, daß der Halskragen cassirt werden mußte.

»Ich werde wohl um die Haarbürste freien müssen!« dachte der Halskragen: »Es ist merkwürdig, welch' schönes Haar Sie haben, mein kleines Fräulein! Haben Sie nie daran gedacht, sich zu verloben?«

»Ja, das können Sie sich wohl denken!« antwortete die Haarbürste: »ich bin ja mit dem Stiefelknechte verlobt!«

»Verlobt?« rief der Halskragen. Nun war Niemand mehr da, um den er freien konnte, und darum verachtete er jetzt die Freierei.

Eine lange Zeit verging, da kam der Halskragen in den Sack des Papiermüllers. Dort war große Lumpengesellschaft: die feinen für sich, die groben für sich, wie sich das gehört. Sie hatten Alle viel zu erzählen, aber der Halskragen am Meisten, denn er war ein rechter Prahlhans.

»Ich habe ungeheuer viele Liebschaften gehabt!« sagte der Halskragen. »Man ließ mir keine Ruhe. Ich war aber auch ein feiner Cavalier, ein gesteifter! Ich hatte sowohl einen Stiefelknecht, als auch eine Haarbürste, die ich nie gebrauchte! – Sie hätten mich damals nur sehen sollen, mich sehen sollen, wenn ich auf der Seite lag! – Niemals vergesse ich meine erste Liebe! Es war ein Leibgürtel, und wie fein, wie weich, wie niedlich war der! Meine erste Liebe stürzte sich meinetwegen in einen Waschkübel! – Da war auch eine Witwe, die glühte für mich: aber ich ließ sie stehen, daß sie schwarz wurde. Dann war da die erste Tänzerin, die brachte mir die Wunde bei, mit der ich jetzt umhergehe: sie war sehr auffahrend! Meine eigene Haarbürste war in mich verliebt, und verlor alle Haare aus Liebesschmerz. Ja, ich habe in der Art viel erlebt; aber am meisten thut es mir leid um das Strumpfband – – – um den Leibgürtel, wollt' ich sagen, der sich in den Waschkübel stürzte. Ich habe viel auf meinem Gewissen; es wird Zeit, daß ich weißes Papier werde!«

Und dahin gelangte der Halskragen; alle die Lumpen wurden weißes Papier, das wir hier sehen, worauf diese Geschichte gedruckt worden ist. – Und das geschah deswegen, weil er hinterher so schrecklich mit Dingen prahlte, die gar nicht wahr gewesen. – Das wollen wir beherzigen, damit wir es ja nicht so machen; denn wir können es in der That nicht wissen, ob wir nicht auch einmal in den Lumpensack kommen und zu weißem Papier umgearbeitet werden, worauf man unsere ganze Geschichte, selbst die allergeheimste, abdruckt, sodaß wir ebenfalls umherlaufen, und sie, wie der Halskragen, erzählen müssen.

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