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Sämmtliche Märchen. Einzige vollständige vom Verfasser besorgte Ausgabe

Hans Christian Andersen: Sämmtliche Märchen. Einzige vollständige vom Verfasser besorgte Ausgabe - Kapitel 107
Quellenangabe
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authorHans Christian Andersen
titleSämmtliche Märchen. Einzige vollständige vom Verfasser besorgte Ausgabe
publisherVerlag von Johann Friedrich Hartknoch
printrunNeunzehnte vermehrte und verbesserte Auflage
illustratorL. Hutschenreuter und V. Petersen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Suppe auf einem Wurstspeiler.

 

I.

»Das war gestern ein ausgezeichneter Mittag!« sagte eine alte Maus weiblichen Geschlechts zu Einer, die nicht bei der Festmahlzeit gewesen war. »Ich saß Nummer Einundzwanzig von dem alten Mausekönig abwärts; das war eben nicht schlecht placirt! – Wollen Sie jetzt die Anrichtung hören, die Gänge waren sehr gut geordnet: schimmeliges Brot, Speckschwarte, Talglicht und Wurst, – und dann wiederum dasselbe von vorn an; es war so gut als hätten wir zwei Festmahlzeiten gehabt. Angenehme Stimmung und gemüthlicher Unsinn wie in einem Familienkreise; nicht das Allergeringste außer den Wurstspeilern blieb übrig; aus diese kam dann das Gespräch, und es wurde schließlich auch der Redensart: »Suppe auf Wurstschalen«, oder wie es im Nachbarlande sprichwörtlich heißt: »Suppe auf einem Wurstspeiler« erwähnt; gehört hiervon hatte nun Jedermann, aber Niemand hatte die Suppe gekostet, geschweige sie jemals zubereitet. Es wurde ein allerliebster Toast dem Erfinder dafür ausgebracht. Derselbe verdiene Armendirector zu sein! Nicht wahr, das war witzig? – Und der alte Mausekönig erhob sich und versprach derjenigen der jungen Mäuse, welche die mehrerwähnte Suppe am wohlschmeckendsten zubereiten könne, sie solle seine Königin sein; Jahr und Tag gäbe er ihr Frist dazu.«

»Das war nicht übel!« sagte die andere Maus; »aber wie bereitet man denn die Suppe zu?«

»Ja, wie bereitet man sie zu!« – das fragen auch die andern weiblichen jungen und alten Mäuse. Alle möchten sie gar gern Königin sein, aber ungern wollen sie die Mühe haben, sich in die weite Welt hinauszubegeben, um die Suppe zubereiten zu lernen, und das würde denn doch nothwendig geschehen müssen! Aber es ist auch nicht Jedem gegeben, die Familie und die alten Winkel zu verlassen; draußen geht es nicht alle Tage an Käserinde und nicht alle Tage riecht man Speckschwarte; nein, Hunger muß man leiden, ja vielleicht wird man gar von einer Katze lebendig aufgefressen!

Solche Gedanken waren es wohl auch, durch welche die Mehrzahl sich abschrecken ließ, nicht in die weite Welt zu gehen und Kenntnisse zu sammeln. Es stellten sich nur vier Mäuse ein, die zur Abreise bereit waren; sie waren jung und flink, aber arm; jede von ihnen wollte sich nach einer der vier Weltgegenden begeben, es würde sich dann herausstellen, welcher von ihnen das Glück günstig sei. Jede von ihnen nahm einen Wurstspeiler mit, damit sie eingedenk sei, weshalb sie reise; der Wurstspeiler sei ihr Wanderstab.

Anfangs Mai zogen sie aus, und erst im Mai des folgenden Jahres kamen sie zurück, jedoch nur Drei, die Vierte meldete sich nicht, ließ gar nichts von sich hören, trotzdem daß der Tag der Entscheidung da war.

»Ja, dem besten Vergnügen hängt sich stets irgend ein Kummer an,« sagte der Mausekönig; allein er gab Befehl, sämmtliche Mäuse im Umkreise vieler Meilen einzuladen; sie sollten sich in der Küche versammeln; die drei Reisemäuse standen in einer Reihe für sich; für die Vierte, die fehlte, war ein Wurstspeiler, mit schwarzein Trauerflor behangen, aufgerichtet. Niemand durfte seine Ansicht äußern, bevor nicht der Mausekönig gesagt hatte, was weiter gesagt werden solle.

Wir werden hören!

 

II.

Was die eiste kleine Maus auf Reisen gesehen und gelernt hatte.

»Als ich in die weite Welt hinauszog,« – sagte die kleine Maus – »wähnte ich, wie es in meinem Alter gar Viele thun, ich hätte schon alles Wissen verschlungen; allein das hat man nicht, es vergeht Jahr und Tag, bis man so weit gelangt. – Ich ging sogleich zur See; ich ging mit einem Schiffe welches gen Norden steuerte, ich hatte mir sagen lassen, daß der Schiffskoch sich auf dem Meere zu helfen wissen müsse, allein es ist ein Leichtes sich zu helfen wissen, wenn man vollauf hat von Speckseiten von großen Tonnen mit Pökelfleisch, und milbigem Mehl; man lebt delicat aber man lernt nicht, wie man eine Suppe auf einem Wurstspeiler kochen kann. – Wir segelten viele Nächte und Tage hindurch, das Schiff schaukelte entsetzlich, und ohne Nässe lief es auch nicht ab. Als wir endlich dorthin gelangten, wohin wir sollten, verließ ich das Fahrzeug, es war oben im hohen Norden.

Es ist gar wunderlich, aus seinem eigenen Winkel zu Hause herauszukommen, mit einem Schiffe gehen, das gewissermaßen auch so eine Art Winkel ist, und dann plötzlich über hundert Meilen weit sein und in einem fremden Lande stehen. Ich sah große unwegsame Wälder mit Tannen und Birken, sie dufteten gar stark, ich nießte, ich dachte an Wurst. Es waren auch große Seen dort; die Gewässer waren in der Nähe gesehen, ganz klar, aber von der Ferne sahen sie wie schwarze Tinte aus; weiße Schwäne lagen da, ich glaubte es sei Schaum, so still lagen sie, aber ich sah sie fliegen, sah sie gehen und nun erkannte ich sie; sie gehören dem Geschlechte der Gänse an, das sieht man wohl am Gange. Niemand vermag seine Abstammung abzuleugnen! – Ich hielt mich an meine Art, ich schloß mich den Wald- und Feldmäusen an, die übrigens sehr wenig wissen, besonders was Tractament anbetrifft, und das war es ja gerade, weshalb ich in's Ausland reiste. Der Gedanke, daß eine Suppe auf einem Wurstspeiler gekocht werden könne, war ihnen ein so außerordentlicher Gedanke, daß er sofort durch den ganzen Wald von Munde zu Munde ging; daß die Aufgabe gelöst werden könne, sei ein Ding der Unmöglichkeit, und am wenigsten dachte ich, daß ich dort, und zwar in der ersten Nacht, in die Zubereitung eingeweiht werden sollte. Es war im Hochsommer, und deshalb sagten die Mäuse, dufte auch der Wald so stark, seien die Kräuter so würzig die Seen so klar und doch so dunkel mit ihren weißen schwimmenden Schwänen.

Am Saume des Waldes, zwischen drei oder vier Häusern war eine Stange, so hoch wie der Großmast eines Schiffes errichtet, und an der obersten Spitze derselben hingen Kränze und flatternde Bänder, es war der Maibaum. Knechte und Mägde tanzten um den Baum herum und sangen dazu um die Wette nach der Violine des Spielmannes. Es ging lustig her bei Sonnenuntergang und im Mondenscheine, aber ich nahm keinen Antheil, – was soll eine kleine Maus beim Maitanze! Ich saß in dem weichen Moose und hielt meinen Wurstspeiler fest. Der Mond warf seine Strahlen namentlich auf einen Fleck, wo ein Baum mit einem so außerordentlich seinen Moose stand, ja, ich darf fast sagen, so sein und weich, wie das Fell des Mausekönigs, aber es war von grüner Farbe, und die ist eine Wohlthat für die Augen.

Auf einmal marschirten nun die wunderlieblichsten kleinen Leute auf, nicht größer als daß sie mir bis an's Kniee reichten; sie sahen aus wie die Menschen, aber sie waren besser proportionirt, sie nannten sich Elfen und hatten seine Kleider an von Blumenblättern mit Fliegen- und Mücken-Flügeln-Besatz; was nicht übel aussah. Es war gleich bei ihrem Erscheinen, als wenn sie etwas suchten, ich wußte nicht was, aber endlich kamen einige auf mich zu, der Vornehmste deutete auf meinen Wurstspeiler und sagte: »So einer ist es gerade, wie wir ihn gebrauchen! der ist zugespitzt, der ist ausgezeichnet!« und je länger er meinen Wanderstab betrachtete, desto entzückter ward er.

»Leihen, ja, aber nicht behalten!« sagte ich.

»Nicht behalten!« riefen sie Alle, erfaßten nun den Wurstspeiler, den ich fahren ließ, und tanzten mit ihm nach dem Flecke mit dem seinen Moose, wo sie den Wurstspeiler inmitten des Grünen aufrichteten. Sie wollten auch einen Maibaum haben, und der, welchen sie nun hatten, war denn auch als sei er für sie zugeschnitten. Nun wurde er ausgeschmückt; ja, das war erst ein Anblick!

Kleine Spinnen bespannen ihn mit Golddrath, behingen ihn mit flatternden Schleiern und Fahnen, so sein gewebt, so schneeweiß im Mondenscheine gebleicht, daß es mir die Augen blendete; sie nahmen Farben von den Flügeln des Schmetterlings und streuten diese über das weiße Linnen, und Blumen und Diamanten flimmerten darauf, ich kannte meinen Wurstspeiler nicht wieder; einen solchen Maibaum, wie der geworden, gab es gewiß in der ganzen Welt nicht mehr. Und jetzt erst kam die richtige große Elfengesellschaft, die war ohne alle Bekleidung, seiner konnte es nicht sein; und mich lud man ein, das Fest mit anzusehen, doch nur von einer gewissen Entfernung, denn ich war ihnen zu groß.

Nun begann aber eine Musik! Es war als klängen tausende von Glasglocken, so voll, so stark, daß ich glaubte, es seien die Schwäne, die da sängen, ja, es schien mir, als vernähme ich auch die Stimme des Kukuks und der Amsel, es war zuletzt, als klinge der ganze Wald mit; da waren Kinderstimmen, Glockenklang und Vogelsang; die wunderherrlichsten Melodien, und all' die Herrlichkeit klang aus dem Maibaume der Elfen, der war ein ganzes Glockenspiel und war mein Wurstspeiler. Daß so viel aus ihm hätte herauskommen können, hatte ich nie geglaubt, aber das hängt denn wohl davon ab, in welche Hände er kommt. Ich war gerührt; ich weinte wie eine kleine Maus weinen kann, vor lauter Vergnügen.

Die Nacht war gar zu kurz, allein sie ist nun einmal um die Zeit nicht länger dort oben. In der Morgendämmerung kamen die wehenden Lüfte, der Wasserspiegel des Waldsees kräuselte sich, alle die seinen schwebenden Schleier und Fahnen flatterten dahin in der Lust; die schaukelnden Guirlanden von Spinnengeweben, die hängenden Brücken und Balustraden, wie sie nun alle heißen, flatterten davon, als seien sie Nichts; sechs Elfen trugen mir wieder meinen Wurstspeiler zu, indem sie mich zugleich fragten, ob ich irgend einen Wunsch hege, den sie zu erfüllen vermöchten; da bat ich sie, mir sagen zu wollen, wie man Suppe auf einem Wurstspeiler koche.

»Wie wir es thun?« sagte der Vornehmste unter den Elfen und lächelte, »das hast Du ja doch so eben gesehen! Du kanntest ja kaum Deinen Wurstspeiler wieder!«

»Sie meinen es nun so in der Weise!« dachte ich, und erzählte ihnen einfach, weshalb ich mich auf der Reise befände und was man sich in der Heimath von dieser Küche verspräche. »Welcher Nutzen,« fragte ich, »erwächst dem Mausekönig und unserem ganzen mächtigen Reiche dadurch, daß ich diese Herrlichkeit mit angesehen habe? ich vermag es doch nicht, sie aus dem Wurstspeiler zu schütteln und zu sagen: Seht, hier ist der Wurstspeiler, jetzt kommt die Suppe! das wäre höchstens eine Art Hinrichtung – wenn man satt wäre!«

Da senkte der Elf seinen kleinen Finger in den Kelch eines blauen Veilchens und sprach zu mir: »Gieb Acht! Hier bestreiche ich Deinen Wanderstab, und wenn Du in Deiner Heimath in das Schloß des Mausekönigs trittst, dann berühre mit dem Stäbchen die warme Brust Deines Königs, und es werden Veilchen sprießen, die den ganzen Stab bedecken, selbst zur kältesten Winterzeit. Und damit habe ich Dir denn doch wohl etwas mit nach Hause gegeben und noch ein wenig mehr!« – Allein bevor die kleine Maus sagte, was dieses »ein wenig mehr« sei, richtete sie ihren Stab auf die Brust des Königs, und in der That, das schönste Veilchensträußchen sproß hervor, und duftete so stark, daß der Mausekönig den Mäusen, welche dem Schornsteine am nächsten standen, befahl, ihre Schwänze sofort ins Feuer zu stecken, damit man einen brandigen Geruch verspüre, denn der Veilchenduft sei nicht auszuhalten, der sei nicht die Sorte, die man liebe.

»Aber was war das »Mehr«, von dem Du sprachst?« fragte der Mausekönig.

»Ja,« sagte die kleine Maus, »das ist, glaube ich, Das, was man den Effekt nennt!« Und darauf kehrte sie den Wurstspeiler um, und siehe, keine einzige Blume war mehr an demselben zu erblicken, sie hielt nur den nackten Speiler, und diesen hob sie, wie man den Taktstock hebt.

»Veilchen,« – sagte mir der Elf, »sind für den Anblick, für den Geruch und das Gefühl, es bleibt demnach noch übrig, auch auf das Gehör und den Geschmack Bedacht zu nehmen!« – Nun schlug das Mäuschen den Takt; das war eine Musik, nicht wie sie im Walde beim Feste der Elfen erklang, nein, wie sie in der Küche zu vernehmen ist. Das war ein Gekoche und Gebrate! Es kam plötzlich, als wenn der Wind durch alle Essen brause, als wenn Kessel und Töpfe überkochten. Die Feuerschaufel hämmerte auf den messingenen Kessel, und dann, – plötzlich wurde es wieder still: man vernahm das leise, gedämpfte Gesinge des Theekessels, und wunderlich war das anzuhören, man konnte nicht recht unterscheiden, ob der Kessel zu kochen beginne, oder aufhöre; der kleine Topf brodelte und der große Topf brodelte, einer kümmerte sich nicht um den andern, es war, als sei keine Vernunft im Topfe. Und die kleine Maus schwang ihren Taktstock immer wilder, – die Töpfe schäumten, warfen große Blasen, kochten über, der Wind brauste und pfiff durch den Schornstein – huha! es ward dermaßen entsetzlich, daß die kleine Maus selbst den Stock verlor.

»Das war eine schwere Suppe!« sagte der Mausekönig; »kommt nun nicht bald die Anrichtung?«

»Das war das Ganze!« erwiderte die kleine Maus und verneigte sich.

»Das Ganze! – Nun dann möchten Wir vernehmen, was die Nächste zu berichten hat!« sprach der König.

 

III.

Was die zweite kleine Maus zu erzählen wußte.

»Ich bin in der Schloßbibliothek geboren,« sagte die andere Maus; »ich und mehrere unserer Familienglieder haben nie das Glück gekannt, in den Speisesaal, geschweige in die Speisekammer zu gelangen; erst auf meiner Reise und heut hier erblickte ich eine Küche. Wir mußten in der That oft Hunger leiden in der Bibliothek, aber wir bekamen viele Kenntnisse. Zu uns hinauf gelangte das Gerücht von dem königlichen Preise, ausgesetzt für Denjenigen, der Suppe auf einem Wurstspeiler zu kochen verstehe, und da war es denn meine alte Großmutter, die ein Manuscript hervorsuchte, das sie zwar nicht lesen konnte, das sie jedoch hatte vorlesen hören, und in welchem geschrieben stand: »»ist man ein Dichter, so kann man Suppe auf einem Wurstspeiler kochen.«« Sie fragte mich, ob ich Dichter sei. Ich fühlte mich in der Beziehung unschuldig, und sie sagte, alsdann müsse ich hinaus und machen, daß ich es werde; ich fragte wiederum, was wohl dazu erforderlich sei, denn es hatte für mich gerade so viel Schwierigkeit das herauszufinden, als die Suppe zuzubereiten; doch die Großmutter hatte Vieles vorlesen hören, sie sagte, es seien drei Haupttheile erforderlich; »»Verstand, Phantasie, Gefühl, – kannst Du machen, daß Du diese drei für Dich kriegst, so bist Du Dichter, und dann wird es Dir schon ein Leichtes mit dem Wurstspeiler sein.««

Ich ging ab und schritt gegen Westen in die weite Welt hinaus, damit ich ein Dichter werde.

Verstand ist in jedem Dinge das Wichtigste, das wußte ich, die beiden anderen Theile genießen lange nicht die Achtung! und ich ging demnach zuerst nach dem Verstande aus. Ja, wo wohnt der wohl? Geh' zur Ameise und lerne Weisheit! hat ein großer König der Juden gesagt, das wußte ich von der Bibliothek her, und ich hielt nicht an bis ich an den ersten großen Ameisenhaufen gelangte, dort legte ich mich auf die Lauer, um weise zu werden.

Die Ameisen sind ein sehr respectables Völkchen, sie sind lauter Verstand. Alles bei ihnen ist wie ein richtiges Rechenexempel, welches aufgeht. Arbeiten und Eier legen, sagen sie, heißt in der Zeit leben und für die Nachwelt sorgen, und das thun sie denn auch. Sie theilten sich in die reinen Ameisen und die schmutzigen; der Rang wird durch eine Nummer bezeichnet; die Ameisenkönigin ist Nummer Eins und ihre Ansicht die allein richtige, sie hat aller Welt Weisheit inne, und das war für mich zu wissen von Wichtigkeit! Sie sprach so Vieles und es war so klug, daß es mir wie dumm vorkam. Sie sagte, ihr Ameisenhaufen sei das Höchste in der Welt, aber dicht neben dem Haufen stand nichtsdestoweniger ein Baum, welcher höher, viel höher war, das konnte nicht abgeleugnet werden, – und so sprach man nicht davon. Eines Abends hatte sich eine Ameise auf den Baum verirrt, war den Stamm hinangekrochen, nicht einmal bis zur Krone, aber doch höher, als irgend eine Ameise bis dahin gelangt war, und als sie umkehrte und wieder nach Hause kam, erzählte sie nun von etwas weit Höherem, welches sie draußen gefunden habe, aber das fanden alle Ameisen beleidigend gegen die Gesellschaft, und die Ameise wurde deshalb zum Maulkorbe und zu immerwährender Einsamkeit verurtheilt. Allein kurze Zeit darauf gelangte eine andere Ameise an den Baum und machte dieselbe Reise und dieselbe Entdeckung; sie sprach davon mit Bedacht und Undeutlichkeit, wie es hieß, und da sie außerdem eine geachtete Ameise und eine der reinen war, so glaubte man ihr, und als sie starb, errichtete man ihr eine Eierschale als Denkmal, denn man hegte große Achtung vor den Wissenschaften. »Ich sah,« sagte die kleine Maus, »daß die Ameisen immer mit ihren Eiern auf dem Rücken umherliefen; eine verlor einmal ihr Ei, sie gab sich viele Mühe es wieder aufzuheben, allein es wollte ihr nicht gelingen, da kamen zwei andere hinzu, die halfen ihr aus Leibeskräften, so daß sie beinahe ihre eigenen Eier dabei verloren hätten, alsdann ließen sie aber auch augenblicklich in ihrer Hilfe nach, denn man ist sich selbst am nächsten, und die Ameisenkönigin sagte hiervon, es sei so Herz und Verstand an den Tag gelegt worden. »Diese Beiden stellen uns Ameisen auf die höchste Stufe unter allen Vernunftwesen; der Verstand muß durchaus in hervorragender Weise in uns zugegen sein, und ich habe den größten Verstand!« und dabei richtete sie sich auf den Hinterbeinen empor, sie war nicht zu verkennen, – ich konnte mich nicht irren: ich verschlang sie. Geht zu den Ameisen, um Weisheit zu lernen: – ich hatte jetzt die Königin!«

Ich begab mich nun näher an den schon mehrerwähnten großen Baum heran; derselbe war eine Eiche, hatte einen hohen Stamm, eine volle, weit ausgebreitete Krone und war sehr alt; ich wußte, daß hier ein lebendes Geschöpf wohne, ein Weib, Dryade wird es genannt, wird mit dem Baume geboren und stirbt auch mit demselben; ich hatte davon auf der Bibliothek gehört; nun sah ich einen solchen Baum, ein solches Eichenmädchen. Es stieß einen entsetzlichen Schrei aus, als es mich so in der Nähe erblickte; es fürchtete sich wie alle Frauen sehr vor Mäusen; und es hatte denn auch mehr Grund dazu als alle andern, denn ich hätte den Baum durchnagen können, an welchem ja sein Leben hing. Ich sprach dem Mädchen freundlich und innig zu, flößte ihm Muth ein, und es nahm mich in seine zarte Hand, und als ich ihm erzählt, weshalb ich in die weite Welt gegangen sei, versprach es mir, ich sollte vielleicht noch an demselben Abende einen der zwei Schätze haben, die ich noch suchte. Es erzählte mir, daß Phantasus sein sehr guter Freund, daß er so schon wie der Liebesgott sei, und daß er manche Stunde unter den belaubten Zweigen des Baumes ruhe, die dann noch kräftiger über die Beiden rauschten. Er nenne es seine Dryade, sagte es, den Baum seinen Baum, die knorrige schöne Eiche sei gerade nach seinem Sinne, die Wurzel breite sich tief und fest in der Erde aus, der Stamm und die Krone heben sich hoch empor in die frische Luft und kennten den stöbernden Schnee, die scharfen Winde und den warmen Sonnenschein, wie diese gekannt sein müssen. »Ja,« fuhr die Dryade fort und sagte, »die Vögel singen dort oben in der Krone und erzählen von fremden Gefilden, die sie besuchten, und auf dem einzigen dürren Zweige hat der Storch sein Nest gebaut, das putzt schön aus und man bekommt auch ein wenig aus dem Lande der Pyramiden zu hören. Das Alles gefällt dem Phantasus, es genügt ihm aber doch nicht, ich selbst muß ihm erzählen von dem Leben im Walde, und muß zurückgreifen in meine Kindheit, als ich klein und der Baum zart war, so zart, daß eine Brennnessel ihn überschattete, und Alles erzählen bis jetzt, wo der Baum nun groß und stark geworden ist. Setze Du Dich nun dort unter den grünen Waldmeister und gieb wohl Acht, ich werde, wenn Phantasus kommt, schon Gelegenheit finden, ihn in den Flügel zu kneifen und eine kleine Feder auszurupfen; nimm die Feder – eine bessere wird keinem Dichter gegeben – dann hast Du genug!«

Und Phantasus kam, die Feder wurde ausgerupft und »ich begriff sie«, sagte die kleine Maus, »ich steckte sie in Wasser und hielt sie darin, bis sie erweichte, – sie war noch sehr schwer verdaulich, aber ich habe sie doch endlich aufgenagt! Es ist sehr leicht, sich zum Dichter heranzunagen, es giebt gar Vieles, das man inne haben muß. Nun hatte ich denn die zwei, den Verstand und die Phantasie, und durch diese wußte ich nun, daß das Dritte in der Bibliothek zu finden sei, denn ein großer Mann hat gesagt und geschrieben, daß es Romane giebt, die einzig und allein dazu da sind, um die Menschen von ihrem Ueberflusse an Thränen zu befreien, demnach eine Art Schwämme sind, um die Gefühle aufzusaugen. Ich erinnerte mich an einige dieser Bücher, die immer besonders appetitlich ausgesehen hatten, recht abgelesen und fettig waren; sie müssen einen unendlichen Schwall in sich aufgenommen haben.

Ich begab mich zurück in die Bibliothek, fraß gleichsam einen ganzen Roman, d. h. das Weiche, das Eigentliche; die Kruste dagegen, den Einband, ließ ich liegen. Als ich ihn verdaut hatte, und noch einen dazu, vernahm ich schon, wie es sich in meinem Innern regte, ich fraß noch ein Stückchen von einem dritten Roman, und alsdann war ich Dichter, das sagte ich mir selbst und sagte es auch den Andern! Ich hatte Kopfschmerzen und Leibschmerzen und – ich weiß nicht, was ich alles für Schmerzen hatte; ich dachte nun darüber nach, welche Geschichten wohl in Beziehung zu einem Wurstspeiler gebracht werden könnten, und gar viele Speiler und Stecken und Stäbe und Hölzchen kamen mir in den Gedanken, die Ameisenkönigin hatte einen außergewöhnlichen Verstand gehabt; ich erinnerte mich des Mannes, der einen weißen Stecken in den Mund nahm, wodurch er sowohl sich wie den Stecken unsichtbar machen konnte; ich dachte an Steckenpferde, an Stabreime, an »den Stab über Einen brechen« und Gott weiß, wie viele Redensarten der Art von Stäben, Stecken und Speilern. Alle meine Gedanken gingen in Speilern, Hölzchen und Stäben auf! und von diesen müsse, wenn man ein Dichter ist, und der bin ich, ich habe mich abgeäschert, daß ich es endlich geworden bin, auch gedichtet werden können. Ich werde somit an jedem Tage der Woche Ihnen mit einem Speiler, einer Historie aufwarten können, – ja, das ist meine Suppe!«

»Hören wir, was die Dritte zu sagen hat!« befahl der Mausekönig.

»Pi, pi!« sagte es in der Küchenthüre, und eine kleine Maus, – es war die vierte von den Mäusen, die sich um den Preis bewarben, die, welche die andern schon todt wähnten, schoß herein wie ein Pfeil. Sie rannte den Wurstpfeiler mit dem Trauerflor um und um, sie war Tag und Nacht gelaufen, war auf der Eisenbahn mit dem Güterzuge gefahren, wozu sie die Gelegenheit erspäht hatte, und doch war sie fast zu spät gekommen; sie drängte sich hervor, sah gar zerzaust aus, hatte ihren Wurstspeiler verloren, aber nicht die Sprache, sie nahm sofort das Wort, als wenn man nur ihrer harre, nur sie anhören wolle, als wenn alles Andere in der Welt die Welt nichts anginge; sie sprach sofort, sprach sich aus; sie trat so unerwartet auf, daß Niemand Zeit gewann, sich über sie und über ihre Rede aufzuhalten, während sie redete. Hören wir zu, was sie sprach:

 

IV.

Was die vierte Maus, bevor die dritte gesprochen hatte, zu erzählen wußte.

»Ich begab mich sogleich nach der größten Stadt,« sagte sie, »der Name ist mir entfallen, ich habe ein schlechtes Gedächtniß für Namen. Von der Eisenbahn kam ich mit confiscirten Gütern aufs Rathhaus und dort angekommen, lief ich in die Wohnung des Schließers. Der Schließer sprach von seinen Gefangenen, namentlich von einem derselben, der unüberlegte Worte gesprochen hatte; von diesen Worten waren wieder und wieder Worte gesprochen, und diese wieder niedergeschrieben und einregistrirt worden; »das Ganze sei Suppe auf einem Wurstspeiler!« sagte der Schließer, »allein die Suppe kann ihm seinen Hals kosten!« Das flößte mir nun Interesse für den Gefangenen ein,« sagte die kleine Maus, »ich benutzte die Gelegenheit und huschte zu ihm hinein; ein Mauseloch findet sich hinter jeder verschlossenen Thür! Der Gefangene sah blaß aus, hatte einen großen Bart und große, funkelnde Augen. Die Lampe flackerte und dampfte, und die Wände waren das so gewohnt, sie wurden deshalb nicht schwärzer. Der Gefangene ritzte Bilder und Verse mit Weiß auf Schwarz, ich las sie nicht. Ich glaube, er hatte Langeweile; ich war ein willkommener Gast. Er lockte mich mit Brotkrümelchen, mit Pfeifen und mit milden Worten, er freute sich meiner sehr, ich faßte allmälig Vertrauen zu ihm, und wir wurden Freunde. Er theilte Brot und Wasser mit mir, gab mir Käse und Wurst, ich lebte flott; allein es war doch, das muß ich sagen, namentlich der gute Umgang, der mich hielt. Er ließ mich auf seiner Hand, auf seinem Arm, ganz in den Aermel hinauf laufen; er ließ mich in seinem Barte umherkriechen, nannte mich seinen kleinen Freund; ich gewann ihn in der That lieb; so etwas ist wohl gegenseitig! Ich vergaß, was ich in der weiten Welt wollte, vergaß meinen Wurstspeiler in einer Ritze im Fußboden; dort liegt er noch. Ich wollte bleiben, wo ich war, ginge ich erst fort, dann hätte ja der arme Gefangene gar Niemand, und das ist zu wenig in dieser Welt! – Ich blieb, er blieb nicht! Er redete recht traurig zu mir das letzte Mal, gab mir doppelt so viel Brot und Käse wie sonst, und warf mir darauf Kußhände zu; er ging und kehrte nicht wieder. Ich kenne seine Geschichte nicht. »Suppe auf einem Wurstspeiler!« sagte der Schließer, und zu diesem ging ich nun hinein; doch ihm hätte ich nicht trauen sollen; er nahm mich zwar auf seine Hand, aber er steckte mich in einen Käfig ein, in eine Tretmühle; das ist entsetzlich! man läuft und läuft und kommt doch nicht weiter, und ist nur zum Gelächter!

Die Enkelin des Schließers war eine allerliebste Kleine, ein Lockenkopf, wie das schönste Gold, Augen, wie freudig! und einen Mund, wie lächelnd! »Du arme kleine Maus!« sagte sie, guckte in meinen häßlichen Käfig hinein, zog den eisernen Stecken herab – und ich sprang aufs Fensterbrett herab, von dort hinaus auf die Dachrinne. Frei! Frei! nur das allein dachte ich, nicht an das Ziel der Reise!

Es war finster, die Nacht zog herauf; ich logirte mich in einem alten Thurme ein, dort wohnte ein Wächter und eine Eule; ich traute Keinem von Beiden, am wenigsten der Eule; sie gleicht einer Katze und hat den großen Fehler, daß sie Mäuse frißt; allein man kann sich irren und das that ich; sie war eine respektable, außerordentlich gebildete, alte Eule; sie wußte mehr als der Wächter und eben soviel wie ich; die Eulenkinder machten Aufhebens von allen Dingen; »kocht nur keine Suppe auf einem Wurstspeiler!« sagte die Alte; das waren die härtesten Worte, die sie übers Herz bringen konnte, sie hegte eine zu innige Liebe zu ihrer eigenen Familie. Mir flößte ihr Betragen ein solches Vertrauen ein, daß ich aus der Ritze, wo ich saß, ihr ein »Pi« zurief; dieses Vertrauen gefiel ihr sehr, und sie versicherte mich, daß ich unter ihrem Schutze stehen solle, keinem Thiere sollte es erlaubt sein, mir Böses anzuthun, das wolle sie selbst zum Winter thun, wenn es schmale Bissen setze.

Sie war in Allem eine kluge Frau; sie bewies mir, daß der Wächter nur mit dem Horn, welches lose an seiner Seite hing, heulen könne; »er bildet sich entsetzlich viel darauf ein, glaubt, er sei eine Eule im Thurme. Groß hinaus will es, aber gar winzig ist es! Suppe auf einem Wurstspeiler!« – Ich bat die Eule, mir das Recept zu der Suppe zu geben, und nun erklärte sie es mir: »Suppe auf einem Wurstspeiler« – sagte sie, »»sei nur eine menschliche Redensart, und sei in verschiedener Weise zu verstehen, ein Jeder glaube, seine Weise sei die richtigste; allein das Ganze sei eigentlich Nichts!««

»Nichts!« rief ich aus. Das schlug mich. Die Wahrheit ist nicht immer angenehm, aber die Wahrheit geht über Alles! und das sagte auch die alte Eule. Ich dachte nun darüber nach, und sah wohl ein, daß ich, wenn ich das brächte, was über Alles geht, so brächte ich weit mehr als Suppe auf einem Wurstspeiler. Und darauf beeilte ich mich, weiter zu kommen, damit ich noch zu rechter Zeit nach Hause käme und das Höchste und Beste, das, was über Alles geht, – die Wahrheit bringen könnte. Die Mäuse sind ein aufgeklärtes Völkchen und der Mausekönig ist über sie Alle insgesammt. Er ist capable, mich zur Königin zu machen – um der Wahrheit willen!«

»Deine Wahrheit ist eine Lüge!« sagte die Maus, der das Wort noch nicht gegeben war; »ich kann die Suppe zubereiten, und ich werde sie auch zubereiten.«

 

V.

Wie sie zubereitet wurde.

»Ich bin nicht gereist,« sagte die dritte Maus, »ich blieb im Lande, das ist das Richtige! Man braucht nicht zu reisen, man kann hier Alles ebenso gut bekommen. Ich blieb; ich habe meins nicht von übernatürlichen Wesen gelernt, habe es mir nicht erfressen oder gar mit Eulen erredet. Ich habe das meinige durch selbsteigenes Denken. Wollt Ihr nun machen, daß Ihr den Kessel über das Feuer setzt! – So! – nun Wasser hineingegossen! – ganz voll – bis an den Rand herauf, so! – jetzt mehr gefeuert! – immer brennen lassen, damit das Wasser kocht, – es muß über und über kochen! – So! – jetzt werft den Speiler hinein! – Wolle nun der König geruhen, seinen Schwanz in das sprudelnd Kochende hinein zu tauchen und mit diesem Schwanz umrühren; je länger der König umrührt, um so kräftiger wird die Suppe werden; es kostet nichts! Zuthaten sind nicht erforderlich, – nur umrühren!«

»Kann das ein andrer nicht thun?« fragte der König.

»Nein,« sagte die Maus, »nur in des Königs Schwanz ist die Kraft enthalten!«

Und das Wasser kochte und sprudelte, und der Mäusekönig stellte sich dicht neben den Kessel, – es war fast mit Gefahr verknüpft, – er steckte den Schwanz aus, so wie es die Mäuse in der Milchkammer thun, wenn sie einen Napf Milch abrahmen, und sich den rahmigen Schwanz hinterher ablecken, aber er kam mit seinem Schwanz nur bis in die heißen Wasserdämpfe hinein, dann sprang er sofort vom Herde herunter.

»Das versteht sich, natürlicherweise, Du bist meine Königin!« rief er; »mit der Suppe wollen wir es bewenden lassen, bis zu unserer goldenen Hochzeit, denn so haben die Armen meines Reiches, die da gespeist werden sollen, Etwas, worauf sie sich freuen können, und haben eine lange Freude!«

Darauf machten sie Hochzeit; aber mehrere der Mäuse sagten, als sie nach Hause zurückkamen: »Suppe auf einem Wurstspeiler sei das eigentlich doch nicht zu nennen, es sei eher Suppe auf einem Mauseschwanze!« – Dieses und Jenes von Dem, was erzählt war, fanden sie gut gegeben; das Ganze aber hätte anders sein können! »ich würde es nun so erzählt haben, und so – – und so – –!«

Das war die Kritik, und die ist immer so klug – hinterdrein.

   

Diese Geschichte ging in die weite Welt überall hinaus, die Meinungen von ihr waren getheilt, allein die Historie selbst blieb wie sie war; das ist das Richtigste, im Großen wie im Kleinen, so auch in Betreff der Suppe auf einem Wurstspeiler, man erwarte nur keinen Dank dafür.

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