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Sämmtliche Märchen. Einzige vollständige vom Verfasser besorgte Ausgabe

Hans Christian Andersen: Sämmtliche Märchen. Einzige vollständige vom Verfasser besorgte Ausgabe - Kapitel 105
Quellenangabe
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authorHans Christian Andersen
titleSämmtliche Märchen. Einzige vollständige vom Verfasser besorgte Ausgabe
publisherVerlag von Johann Friedrich Hartknoch
printrunNeunzehnte vermehrte und verbesserte Auflage
illustratorL. Hutschenreuter und V. Petersen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Glocke.

Abends in den schmalen Straßen der großen Stadt, wenn die Sonne unterging und die Sonne oben mit Gold zwischen den Schornsteinen glänzte, hörte häufig bald der Eine, bald der Andere einen sonderbaren Laut, ähnlich dem Klange einer Kirchenglocke: aber man hörte ihn nur einen Augenblick, denn es herrschte in der Stadt ein immerwährendes Rasseln von Wagen und Rufen. Das stört! »Nun läutet die Abendglocke,« sagte man, »nun geht die Sonne unter!«

Die, welche außerhalb der Stadt wandelten, wo die Häuser weiter von einander entfernt lagen, mit Gärten und kleinen Feldern dazwischen, sahen den Abendhimmel noch prächtiger und horten den Klang der Glocke weit stärker. Es war, als käme der Ton von einer Kirche, tief aus dem stillen, duftenden Walde; und die Leute blickten dorthin und wurden ganz andächtig.

Nun verstrich längere Zeit, der Eine sagte zum Andern: »Ob wohl eine Kirche da draußen im Walde ist? Die Glocke hat doch einen eigenthümlich herrlichen Klang! Wollen wir nicht hinaus und sie näher betrachten?« Die reichen Leute fuhren, und die Armen gingen; aber der Weg wurde ihnen erstaunlich lang, und als sie zu einer Menge Weidenbäume kamen, die am Rande des Waldes wuchsen, lagerten sie sich und blickten zu den langen Zweigen hinauf und glaubten, daß sie nun recht im Grünen seien. Der Conditor aus der Stadt kam auch und schlug draußen sein Zelt auf; dann kam noch ein Conditor, der hing eine Glocke gerade über seinem Zelte auf, und zwar eine Glocke, die getheert war, um den Regen aushalten zu können, der Glocke fehlte aber der Klöppel. Wenn dann die Leute wieder nach Hause gingen, sagten sie, daß es höchst romantisch gewesen sei, und das bedeutet etwas Anderes, als einen Thee, Drei Personen versicherten, daß sie in den Wald eingedrungen seien, bis dahin, wo er ende; und sie hätten immer den sonderbaren Glockenklang gehört, aber es sei ihnen dort gerade gewesen, als wenn er aus der Stadt käme. Der Eine schrieb ein ganzes Lied darüber und sagte, daß die Glocke wie die Stimme einer Mutter zu einem lieben, klugen Kinde klänge; keine Melodie sei herrlicher, als der Klang der Glocke.

Der Kaiser des Landes wurde auch aufmerksam darauf und versprach, daß Der, welcher wirklich ausfindig machen könne, woher der Schall komme, den Titel eines »Weltglöckners« haben solle, und das sogar, wenn es auch keine Glocke sei.

Nun gingen Viele der guten Versorgung halber nach dem Walde; aber es war nur Einer, der mit einer Art Erklärung zurückkam. Keiner war tief genug eingedrungen, und er auch nicht; aber er sagte doch, daß der Glockenton von einer sehr großen Eule in einem hohlen Baume herkomme; es sei eine Weisheitseule, die ihren Kopf fortwährend gegen den Baum stoße; aber ob der Ton von ihrem Kopfe oder von dem hohlen Stamme kam, das konnte er noch nicht mit Bestimmtheit sagen. Er wurde als Weltglöckner angestellt und schrieb jedes Jahr eine kleine Abhandlung über die Eule; man ward dadurch ebenso klug, wie man vorher gewesen.

Es war gerade Einsegnungstag. Der Prediger hatte schön und innig gesprochen; die Confirmanden waren davon tief bewegt; es war ein wichtiger Tag für sie: sie wurden aus Kindern mit einem Male zu erwachsenen Menschen; die Kinderseele sollte nun gleichsam in eine verständigere Person hinüberfliegen. Es war der herrlichste Sonnenschein; die Confirmanden gingen zur Stadt hinaus, und vom Walde klang die große, unbekannte Glocke besonders stark. Sie bekamen sogleich Lust, dahin zu gehen, und zwar Alle, bis auf Drei. Eine von diesen wollte nach Hause und ihr Ballkleid anprobiren, denn es war gerade das Kleid und der Ball Schuld daran, daß sie dieses Mal eingesegnet war, sonst wäre sie nicht zugelassen worden; der Zweite war ein armer Knabe, welcher seinen Confirmationsfrack und die Stiefeln vom Sohne des Hauswirthes geliehen hatte, und die mußte er zur bestimmten Stunde wieder abliefern; der Dritte sagte, daß er nie an fremde Orte ginge, wenn seine Eltern nicht dabei wären, und daß er immer ein artiges Kind gewesen und es auch bleiben wolle, selbst als Confirmand, und darüber solle man sich nicht lustig machen! – Aber das thaten sie doch.

Diese Drei gingen also nicht mit, die Andern trabten vorwärts. Die Sonne schien, und die Vögel sangen, und die Confirmanden sangen mit und hielten einander bei den Händen, denn sie hatten ja noch keine Aemter erhalten und waren alle Confirmanden vor dem lieben Gott.

Aber bald ermüdeten zwei der Kleinsten und kehrten um und gingen wieder zur Stadt; zwei kleine Mädchen setzten sich und banden Kränze: die kamen auch nicht mit. Und als die Andern die Weidenbäume erreichten, wo der Conditor wohnte, sagten sie: »Nun sind wir hier draußen; die Glocke existirt ja doch eigentlich nicht; sie ist nur Etwas, was man sich einbildet!«

Da ertönte plötzlich tief im Walde die Glocke so schön und feierlich, daß Vier oder Fünf sich entschlossen, doch noch weiter in den Wald hinein zu gehen. Der war sehr dicht belaubt! Es war beschwerlich, vorzudringen; Waldlilien und Anemonen wuchsen fast zu hoch, blühende Winden und Brombeerranken hingen in langen Guirlanden von Baum zu Baum, wo die Nachtigallen sangen und die Sonnenstrahlen spielten. Das war gar herrlich: Aber für Mädchen war es kein gangbarer Weg; sie würden sich die Kleider zerrissen haben. Da lagen große Felsstücke, mit Moos von allen Farben bewachsen; das frische Quellwasser sprudelte hervor, und wunderbar tönte es, fast wie »Gluck, Gluck!«

»Das ist doch wohl nicht die Glocke!« sagte einer der Confirmanden, und legte sich nieder und horchte. »Das muß man studiren!« Da blieb er und ließ die Andern gehen.

Sie kamen zu einem Hause aus Baumrinde und Zweigen; ein großer Baum mit wilden Aepfeln streckte seine Aeste darüber hin, als wollte er seinen ganzen Segen über das Dach ausschütten, welches blühende Rosen trug; die langen Zweige lagen um den Giebel herum, und an diesem hing eine kleine Glocke. Sollte es die sein, die man gehört hatte? Ja, darin stimmten Alle überein, bis auf Einen; dieser sagte, daß die Glocke zu klein und zu sein sei, als daß sie in solcher Entfernung gehört werden könne, in welcher sie sie gehört hätten, und daß es ganz andre Töne wären, die ein Menschenherz so rührten. Der, welcher sprach, war ein Königssohn, und da sagten die Andern, so Einer wolle immer klüger sein.

Deshalb ließen sie ihn allein gehen; und wie er ging, wurde seine Brust mehr und mehr von der Einsamkeit des Waldes erfüllt; aber noch hörte er die kleine Glocke, über die sich die Andern freuten, und mitunter, wenn der Wind die Töne vom Conditor herübertrug, konnte er auch hören, wie da zum Thee gesungen wurde. Aber die tiefen Glockenschläge tönten doch stärker; bald war es, als spielte eine Orgel dazu; der Schall kam von der Linken, von der Seite, auf der das Herz sitzt.

Nun raschelte es im Busche, und da stand ein kleiner Knabe vor dem Königssohn, ein Knabe in Holzschuhen und mit einer so kurzen Jacke, daß man recht sehen konnte, wie lange Handgelenke er habe. Sie kannten einander; der Knabe war derjenige von den Confirmanden, der nicht hatte mitkommen können, weil er nach Hause mußte, um Frack und Stiefel an des Hauswirths Sohn abzuliefern. Das hatte er gethan und war dann in Holzschuhen und mit den ärmlichen Kleidern allein fortgegangen; denn die Glocke klang gar zu verlockend: er mußte hinaus.

»Wir können ja zusammen gehen!« sagte der Königssohn, Aber der arme Konfirmand mit den Holzschuhen war verschämt. Er zupfte an den kurzen Aermeln der Jacke und sagte: er fürchte, er könne nicht so rasch mitkommen; überdies meinte er, daß die Glocke zur Rechten gesucht werden müsse, denn der Platz habe ja alles Große und Herrliche.

»Ja, dann begegnen wir uns nicht!« sagte der Königssohn und nickte dem armen Knaben zu, der in den tiefsten, tiefsten Theil des Waldes ging, wo die Dornen seine ärmlichen Kleider entzwei und Gesicht, Hände und Füße blutig rissen. Der Königssohn erhielt auch einige tüchtige Risse, aber die Sonne beschien doch seinen Weg, und er ist es, dem wir nun folgen. Er war ein flinker Bursche.

»Die Glocke will und muß ich finden!« sagte er, »und wenn ich auch bis ans Ende der Welt gehen muß.«

Häßliche Affen saßen oben in den Bäumen und fletschten mit ihren Zähnen. »Wollen wir ihn prügeln?« sagten sie. »Wollen wir ihn dreschen? Er ist ein Königssohn!«

Aber er ging unverdrossen tiefer und tiefer in den Wald, wo die wunderbarsten Blumen wuchsen; da standen weiße Sternlilien mit blutrothen Staubfäden, himmelblaue Tulpen, die im Winde funkelten, und Apfelbaume, deren Aepfel wie große, glänzende Seifenblasen aussahen; denkt nur, wie die Bäume im Sonnenscheine strahlen mußten! Ringsum die schönsten grünen Wiesen, wo Hirsch und Hindin im Grase spielten, wuchsen prächtige Eichen und Buchen, und war die Rinde von einem der Bäume gesprungen, so wuchs Gras und lange Ranken in den Spalten; da waren auch große Waldstrecken mit stillen Landseen, in denen weiße Schwäne schwammen und mit den Flügeln schlugen. Der Königssohn stand oft still und horchte; oft glaubte er, daß von einem dieser tiefen Seen die Glocke zu ihm herauf töne; aber dann merkte er wohl, daß es nicht daher käme, sondern daß die Glocke noch tiefer im Walde läute.

Nun ging die Sonne unter; die Luft erglänzte roth wie Feuer; es wurde still im Walde, und er sank auf seine Kniee, sang sein Abendlied und sagte: »Nie finde ich, was ich suche! Nun geht die Sonne unter, nun kommt die Nacht, die finstere Nacht. Doch einmal kann ich die runde Sonne vielleicht noch sehen, ehe sie an dem Horizonte verschwindet; ich will doch auf die Felsen hinaufsteigen; ihre Höhe erreicht die der höchsten Bäume!«

Und er ergriff nun Ranken und Wurzeln und kletterte an den nassen Steinen empor, wo die Wasserschlangen sich wanden, wo die Kröten ihn gleichsam anbellten; – aber hinauf kam er, bevor die Sonne, von dieser Höhe gesehen, ganz untergegangen war. O, welche Pracht! Das Meer, das große, herrliche Meer, welches seine langen Wogen gegen die Küste wälzte, streckte sich vor ihm aus, und die Sonne stand wie ein großer, glänzender Altar da draußen, wo Meer und Himmel sich begegneten; Alles schmolz in glühenden Farben zusammen; der Wald sang und sein Herz mit. Die ganze Natur war eine große, heilige Kirche, worin Bäume und schwebende Wolken die Pfeiler, Blumen und Gras die gewebte Sammetdecke und der Himmel selbst die große Kuppel bildeten; dort oben erloschen die rothen Farben, indem die Sonne verschwand; aber Millionen Sterne wurden angezündet; es glänzten Diamantlampen, und der Königssohn breitete seine Arme aus gegen den Himmel, gegen das Meer und gegen den Wald. Da kam plötzlich, von dem rechten Seitenwege der arme Confirmand mit der kurzärmeligen Jacke und den Holzschuhen; er war hier ebenso zeitig angelangt; er war auf seinem Wege dahin gekommen. Und sie liefen einander entgegen und faßten einander an der Hand in der großen Kirche der Natur und der Poesie. Und über ihnen ertönte die unsichtbare, heilige Glocke: Selige Geister umschwebten sie im Tanze zu einem jubelnden Hallelujah!

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