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Sämmtliche Märchen. Einzige vollständige vom Verfasser besorgte Ausgabe

Hans Christian Andersen: Sämmtliche Märchen. Einzige vollständige vom Verfasser besorgte Ausgabe - Kapitel 104
Quellenangabe
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authorHans Christian Andersen
titleSämmtliche Märchen. Einzige vollständige vom Verfasser besorgte Ausgabe
publisherVerlag von Johann Friedrich Hartknoch
printrunNeunzehnte vermehrte und verbesserte Auflage
illustratorL. Hutschenreuter und V. Petersen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Stopfnadel.

Es war einmal eine Stopfnadel, die dünkte sich so fein, daß sie sich einbildete, sie sei eine Nähnadel.

»Paßt nur hübsch auf, daß Ihr mich festhaltet!« sagte die Stopfnadel zu den Fingern, die sie hervornahmen. »Laßt mich nicht fallen! Falle ich auf die Erde, dann findet man mich bestimmt nimmermehr wieder, so fein bin ich.«

»Das geht noch an,« sagten die Finger und faßten sie um den Leib.

»Seht, ich komme mit Gefolge!« sagte die Stopfnadel und zog einen langen Faden nach sich; aber es war kein Knoten an diesem Faden.

Die Finger richteten die Nadel gerade gegen den Pantoffel der Köchin. An dem war das Oberleder entzwei, das sollte zusammengenäht werden.

»Das ist gemeine Arbeit!« sagte die Stopfnadel. »Ich komme nimmermehr hindurch; ich breche, ich breche!« Und wirklich, sie brach. »Sagt' ich's nicht?« sagte die Stopfnadel. »Ich bin zu fein!«

»Nun taugt sie gar nichts!« sagten die Finger; aber sie mußten sie doch festhalten; die Köchin tröpfelte Siegellack auf die Nadel und steckte vorn ihr Tuch damit zusammen.

»So, nun bin ich eine Busennadel!« sagte die Stopfnadel. »Ich wußte wohl, daß ich zu Ehren käme; ist man was, so wird man was!« Und dabei lachte sie in sich hinein; man kann es niemals einer Stopfnadel ansehen, wenn sie lacht. Da saß sie nun so stolz wie in einer Staatskutsche, und sah nach allen Seiten!

»Mit Erlaubniß zu fragen, sind Sie von Gold?« fragte sie die Stecknadel, die ihre Nachbarin war. »Sie haben ein herrliches Aeußere und einen eigenen Kopf; aber er ist nur klein! Sie müssen sich Mühe geben zu wachsen, denn nicht eine Jede wird mit Siegellack betröpfelt!« Und damit richtete sich die Stopfnadel so stolz in die Höhe, daß sie aus dem Tuche fiel; und gerade in den Gußstein, den die Köchin ausspülte.

»Nun gehen wir auf Reisen!« sagte die Stopfnadel. »Wenn ich nur nicht verloren gehe!« Aber sie ging wirklich verloren.

»Ich bin zu sein für diese Welt!« sagte sie, als sie im Rinnsteine lag. »Aber ich weiß, wer ich bin, und das ist immer ein kleines Vergnügen!« Und die Stopfnadel behielt ihre stolze Haltung und verlor ihre gute Laune nicht.

Und es schwamm Mancherlei über sie hin: Späne, Strohhalme und Stücke von alten Zeitungen. »Seht nur, wie sie segeln!« sagte die Stopfnadel. »Die wissen nicht, was unter ihnen steckt! Ich stecke, ich sitze hier fest! Sieh, da geht nun ein Span, der denkt an nichts in der Welt, als an sich selbst, an einen »»Span!«« Da treibt ein Strohhalm, nein, wie der sich dreht, wie der sich wendet! Denk doch nicht blos an Dich selbst, Du könntest leicht an einen Stein stoßen. Da schwimmt ein Stück Zeitung! Was darin steht, ist längst vergessen, und doch spreizt sie sich! Ich sitze geduldig und still. Ich weiß, wer ich bin, und der bleibe ich auch!«

Eines Tages lag etwas dicht neben ihr, das glitzerte so prächtig, da glaubte die Stopfnadel, daß es ein Diamant sei; aber es war ein Flaschenscherben, und weil es glänzte, so redete die Stopfnadel es an und stellte sich als Busennadel vor.

»Sie sind wohl ein Diamant?«

»Ja, so etwas der Art!« Und da glaubte eins vom Andern, es wäre etwas recht Kostbares; und sie sprachen davon, wie sehr doch die Welt hochmüthig sei.

»Ich bin bei einer Mamsell in der Schachtel gewesen,« sagte die Stopfnadel: »und diese Mamsell war Köchin; an jeder Hand hat sie fünf Finger; etwas so Eingebildetes, wie diese Finger, habe ich nie gesehen! Und sie waren doch nur da, um mich aus der Schachtel zu nehmen und wieder in die Schachtel zu legen!«

»Waren sie denn vornehm?« fragte der Flaschenscherben.

»Vornehm?« sagte die Stopfnadel; »nein, aber hochmüthig! Es waren fünf Brüder, alles geborene »»Finger««. Sie hielten sich stolz neben einander, obgleich sie verschiedener Lange waren, der äußerste, der Däumling war kurz und dick, der ging außen vor dem Gliede, hatte nur Ein Gelenk im Rücken und konnte nur Eine Verbeugung machen: aber er sagte, wenn er vom Menschen abgehackt würde, so tauge dieser nicht mehr zum Kriegsdienst. Leckermaul, der zweite Finger, kam sowohl in Süßes, wie in Saures, zeigte auf Sonne und auf Mond und gab den Druck, wenn sie schrieben. Langmann, der dritte, sah die andern alle über die Achsel an. Goldrand, der vierte, ging mit einem goldenen Gürtel um den Leib, und der kleine Spielmann that gar nichts, und darauf war er stolz. Prahlerei war's und Prahlerei blieb's, und darum ging ich fort!«

»Und nun sitzen wir hier und glitzern!« sagte der Flaschenscherben.

In demselben Augenblicke kam mehr Wasser in den Gußstein; es strömte über seine Grenzen und riß den Flaschenscherben mit sich fort.

»So, nun wurde er befördert!« sagte die Stopfnadel. »Ich bleibe sitzen, ich bin zu fein; aber das ist mein Stolz und der ist achtbar!« Und stolz saß sie da und hatte viele große Gedanken.

»Ich möchte fast glauben, ich sei von einem Sonnenstrahle geboren, so sein bin ich! Kommt es mir doch auch vor, als ob die Sonnenstrahlen mich immer unter dem Wasser suchten. Ach! ich bin so sein, daß meine Mutter mich nicht finden kann. Hätte ich mein altes Auge, welches abbrach, ich glaube, ich könnte weinen; aber ich tha't's nicht; – weinen ist nicht sein!«

Eines Tages lagen ein paar Straßenjungen da und wühlten im Rinnstein, wo sie alte Nägel, Pfennige und ähnliche Sachen fanden. Es war schmutzige Arbeit, aber es war nun einmal ihr Vergnügen.

»Au!« schrie der Eine, der sich an der Stopfnadel stach, »das ist aber ein Kerl!«

»Ich bin kein Kerl, ich bin ein Fräulein!« sagte die Stopfnadel; aber darauf hörte Niemand. Das Siegellack war abgegangen und schwarz war sie auch geworden; aber schwarz macht schlanker, und da glaubte sie, sie sei noch seiner als früher.

»Da kommt eine Eierschale gesegelt!« sagten die Jungen, und dann steckten sie die Stopfnadel fest in die Eierschale.

»Weiße Wände und selbst schwarz,« sagte die Stopfnadel, »das kleide? gut; nun kann man mich doch sehen! Wenn ich nur nicht seekrank werde, denn dann muß ich mich übergeben!«

Aber sie wurde nicht seekrank und übergab sich auch nicht.

»Es ist gut gegen die Seekrankheit, wenn man einen Stahlmagen hat und dann auch nicht vergißt, daß man etwas mehr ist, als ein Mensch! Nun ist meine Seekrankheit vorüber! Je seiner man ist, desto mehr kann man vertragen.«

»Krach!« sagte die Eierschale: es ging ein Rollwagen über sie.

»Himmel, wie drückt das!« sagte die Stopfnadel; »nun werde ich doch seekrank! Ich breche mich!« Aber sie brach sich nicht, obgleich ein Rollwagen über sie ging; sie lag der Länge lang und so mag sie liegen bleiben.

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