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Saly's Revolutionstage

Ulrich Hegner: Saly's Revolutionstage - Kapitel 62
Quellenangabe
typefiction
booktitleSaly's Revolutionstage
authorUlrich Hegner
year1828
firstpub1814
publisherG. Reimer
addressBerlin
titleSaly's Revolutionstage
pages260
created20130527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Geschwind genug brachte uns der Schlitten an den Berg, aber wir waren halb erfroren von der ungewohnten Fahrt. Mehrmahls bereute ich unterwegs, das Geschenk, welches mir die Frau Rathsherrin mit ihres Mannes Sonntagshandschuhen machen wollen, nicht angenommen zu haben; mehrmahls hätte ich wünschen mögen, daß unter dem engen Pelzmieder der Klare sich noch Raum für meine kalten Hände finden ließe. Wir erhohlten uns aber bald wieder, als wir zu Fuß die Höhe hinangingen. Es war ein prächtiger Wintermorgen; aus dem Schnee blitzten tausend Sonnen, und die Bäume waren mit Reif wie mit 247 Blüthen bedeckt; von fern tönte das sonntägliche Geläut der Dörfer im Thale, und um uns regte sich nichts, als hier und da ein einsamer Wintervogel, der in dem Gebüsche aufflog.

Oben mußten wir noch lange auf des Berges Rücken fortwandeln, bevor wir zu dem Wirthshause kamen, das man uns genannt hatte, wo die Straße auf die andere Seite hinunterführt. Ein unvergeßlicher Weg. Jetzt umschloß uns dicker Wald, durch den die Sonne mannigfaltige Streiflichter warf, dann öffnete sich auf Einmahl eine ausgedehnte Aussicht über den heimathlichen See, auf welchem graue Nebel des Winters neben Feuerströmen der Sonne lagen; bald sahen wir über heraufsteigende Wolken hinaus ferne Dörfer, Hügel und Berge, wie Erscheinungen aus dem Reich der Träume.

Wessen Seele erhebt sich nicht auf den Bergen, und wer hat je mit einer jugendlichen Freundin eine feyerliche Einsamkeit durchwandelt, daß nicht die Herzen sich öffneten, und das verschlossene Wohlgefallen laut wurde! Wir freuten uns unsrer Bekanntschaft und unsrer Reise auf's neue; wir priesen die Natur, den Oheim und den Bettler. Bald sangen wir, bald jagten wir uns wie die Kinder, indem sie an die Baumzweige schlug, daß der Schnee auf mich herabfiel, und ich drohte dann den weißen Hut auf sie abzuschütteln; bald waren wir ernsthafter, gingen Hand in Hand, und besprachen uns über ihren hülfreichen 248 Eintritt in unsre Haushaltung, wovon das Resultat, wie leicht zu erachten, ein Leben aus der goldenen Zeit war. Ich fand immer mehr Edles in ihren Gesinnungen, sie Uebereinstimmendes in unsern Gefühlen. An einer schönen Stätte, auf einem hervorspringenden Felsen, wo man den ganzen See übersahe, von der sonnebestrahlten Stadt bis wo er sich in weiter Ferne in die Winterdüfte verlor, erneuerten und heiligten wir unsern Bund mit dem zarten Kusse der Freundschaft.

Ich möchte wohl jemand fragen, der es wissen kann und die Wahrheit sagt, ob es eine innige Freundschaft zwischen beyden Geschlechtern geben könne ohne einiges Gefühl der Liebe? – Da ich mich nicht besser beschreiben will, als ich war, so gestehe ich, daß ich nicht nur von dem gebildeten Geiste der Klare eingenommen war, und an ihrer schönen Seele Vergnügen fand, sondern daß auch das leibliche Thun und Lassen des Mädchens mir gefiel. Der rasche Gang bei der weichen Anmuth ihrer Glieder, das frische Gesicht, das anschmiegende Pelzmieder, der runde Nacken unter dem aufgeflochtenen braunen Haare hatten Reiz für mich; und wenn sie lachte, und die auch vor dem Schnee noch weißen Zähne unter den rothen Lippen sich zeigten, hätte ich ihr den angebothenen Kuß nicht verweigern können, wäre er auch mehr als brüderlich gewesen.


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