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Saly's Revolutionstage

Ulrich Hegner: Saly's Revolutionstage - Kapitel 58
Quellenangabe
typefiction
booktitleSaly's Revolutionstage
authorUlrich Hegner
year1828
firstpub1814
publisherG. Reimer
addressBerlin
titleSaly's Revolutionstage
pages260
created20130527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Klare schlief im Hause der jungen Frau, welche mit uns von Lenzburg gekommen war; diese wurde daher auch einige Mahl von dem Oheim zu Gaste geladen, und hielt das für eine große Ehre, obgleich ihr Mann Rathsglied des Ortes war; so sehr stand der Alte hier in Ansehen.

Sie war ein lustiges junges Blut, die zwar von wenig anderm zu sprechen wußte, als von Stadtgeschichten, aber diese auf die drolligste Art von der Welt erzählte, und die Gabe hatte, alle persönlichen Lächerlichkeiten aufzufassen, und sie, im Zimmer herumhüpfend, mit nachahmenden Geberden anschaulich zu machen. Wehe ihren Mitbürgerinnen, denen irgend eine Künsteley anklebte, wir wurden mit ihnen bekannt, ohne sie gesehen zu haben! Sie schonte selbst meines Oheims nicht, und stellte sich, als ob sie seine 231 blinde Katze scheute, bis er nach der Ursache fragte, wo sie ihm dann so viel Abentheuerliches aus dem Munde des Volkes von diesem schwarzen Thier erzählte, daß der ernsthafte Mann lachend Stillschweigen gebiethen mußte. Ja ihr eigner abwesender Gemahl war nicht sicher, wenn diese Lustigkeit sie begeisterte. Einmahl als der Oheim nicht da war, langte sie eine ganze Sammlung von Liedern hervor, die theils vor einigen Jahren für die Zuzüge nach Basel gemacht worden, theils in den jetzigen Zeiten wieder zu tönen anfingen. Ihr Mann sey ein großer Liebhaber davon, sagte sie, und sammle dieselben für eine militärische Gesellschaft, die alle Wochen zusammen komme und sich daran erbaue; dann las sie uns mehrere vor, bald wie der Mann mit der hinderlichen Tabakpfeife im Munde ihr solche vorzusprechen pflegt, bald, des Oheims Brille auf der Nase, im Tone der ganzen Magistratur, vom Vorsteher bis zum Stadtwaibel hinunter.

Wie weit sie sich an den Herren versündigte, weiß ich nicht, an den Liedern selbst aber hat sie keine große Verantwortung auf sich geladen, denn es war wenig heiliges daran, wohl aber viel geschmacklose Eitelkeit und an eignem Verdienst arme Großsprecherey auf die Thaten der Väter, und was mir am wenigsten gefiel, eine politische Absicht zum Begeistern, die von rathloser Schwachheit empfangen auch nur auf schlaffe Seelen wirken konnte. Darum aber bekümmerte sich der fröhliche Sinn der Frau Rathsherrin wenig; gut oder 232 schlecht, Lieder und Leute mußten herhalten, wenn es nur Spaß gab, jedoch ohne alle Bitterkeit und böse Meinung.

Der Oheim hatte ein dickes Buch, worin er schon seit Jahren die merkwürdigsten Vorhersagungen, die er las und hörte, aufzeichnete und nebenbey später den Erfolg bemerkte; er hatte ihm den Titel gegeben: Der Mensch denkt und Gott lenkt. Ein unterhaltendes Lesen, wo aber die menschliche Voraussicht meistens schwache Augen verräth. In diesem Buche standen auch schon die Brüderschaftstoasts, welche vor einigen Tagen in Basel bey Errichtung des Freyheitsbaums getrunken worden, gegenüber den wohlbedachten Gesundheiten der Gesandtschaften am Neujahrsfeste zu Arau. – Die junge Frau schlug uns vor, die Erfüllung dieser Wünsche in Büchern aufzuschlagen, auf die Weise, wie ihre alte Base über die Zeichen der Zeit und die Geheimnisse der Haushaltungen ihre Andachtsbücher berathe. Sie stellte mich unter allerhand Zeremonien in einen Kreis, und fragte, was ich zu wissen verlange? Die Art der Erfüllung der Gesundheiten in Basel und Arau, mußte ich sagen; dann band sie der Klare die Augen zu, ließ sie ein Buch, das zunächst war, aufschlagen und damit auf mich zugehen; und mich hieß sie lesen, was ich zuerst erblicken würde. Es waren Hallers Gedichte; ich las:

»Hier wird auf strenger Gluth geschiedner Zieger dicke,
und dort gerinnt die Milch, und wird ein stehend Oehl –«

233 Das, behauptete sie, müsse sich als Orakelspruch in kurzem bewähren.


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