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Saly's Revolutionstage

Ulrich Hegner: Saly's Revolutionstage - Kapitel 56
Quellenangabe
typefiction
booktitleSaly's Revolutionstage
authorUlrich Hegner
year1828
firstpub1814
publisherG. Reimer
addressBerlin
titleSaly's Revolutionstage
pages260
created20130527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neben Klare hatte eine junge Frau aus Bremgarten geschlafen, die in Begleitung ihres Mannes schon bis Arau gekommen war, um die Bundesbeschwörung zu sehen, aber keine Herberge mehr fand, und aus Lenzburg zurückkehren mußte; und nun, da sie erfuhr, daß sie noch zwey Tage warten sollte, durch das harte Lager und die Auftritte dieser Nacht abgeschreckt, den Mann allein gehen ließ, und sich zur Rückkehr an uns anschloß.

Als wir zu verstehen gaben, daß wir bey dem alten Herrn in Bremgarten einsprechen würden, 217 vernahmen wir von diesem gesprächigen Weibchen manches, das diesen meinen alten Oheim anging; alles aber war löblich, was wir hörten, unbeschadet des Bedauerns, welches die gute Frau nicht bergen konnte, daß so ein Mann nicht ihres Glaubens wäre. So soll er einmahl, seiner Jahre ungeachtet, schwimmend ein Kind aus dem Fluße gerettet haben, gerade als er einem kirchlichem Umgange begegnete, und bethender Pöbel im Schimpfworte nachrief. Seitdem ist er aber bey den Müttern besonders wohl angeschrieben, und hat vor ihrem strengen Glauben Ruhe. Ueberhaupt mögen ihn die Weiber, so viel ich von der jungen Frau merken konnte, wegen seiner ernsten Freundlichkeit und seines schönen Anstands gerne sehen, und so lange das währt, hat er von der Verfolgung der Männer wohl nichts zu befürchten. Auch vernahm ich nichts von ihm, wie ich sonst beynahe besorgt hatte, das einen Sonderling, das ist, ein Original nicht von Natur, sondern aus kranker Phantasie, verrathen hätte, welches mir vorzüglich lieb war, denn das ist eine widrige Art von Menschen, mit denen nichts anzufangen ist, weil sie sich Eigenheit zur Regel machen und nur nach Grillen lieben.

Es war Mittag als wir, weiß von Schnee, bey ihm anlangten. Aber wie erstaunte ich, da ich in das Zimmer trat, und den Gesandten von Bern, bey dem ich gestern das Verhör ausgestanden, mit ihm zu Tische sitzen sah! Auch dieser Herr sahe mich befremdet 218 an, als er mich erkannte; noch mehr als er meinen Oheim uns entgegen gehen und umarmen sah. Wie dieser nun gar Stühle für uns an den Tisch stellte, wollte der Herr aufstehen, allein mein Oheim hielt ihn auf eine vertrauliche Weise zurück, und sagte auf französisch, wie mir nachher Klare zu verstehen gab: wenn du ehrliche Landleute nicht mehr leiden magst, so bist du sehr verändert!

Der Gesandte hieß uns mit dem Ausdrucke des Wohlwollens nun selbst Platz nehmen. Komm Sie, sagte er, und nahm Klare bey der Hand, ich habe hübsche Kinder noch immer gerne neben mir! Und der junge Mann da, fuhr er fort, wird sich nicht wundern, wenn ich ihn nicht hier gesucht hätte. – Ich war noch zu sehr überrascht, um antworten zu können; der Oheim aber sagte lächelnd: meinen Neffen wird man doch wohl bey mir suchen dürfen? – Nun wenn das ist, erwiederte der Andre, und reichte der Klare zugleich einen Teller mit Suppe hin, so soll es uns nicht an Unterhaltung über Tische mangeln; und das ist Recht, ich will bei meinem alten Freunde frey und fröhlich seyn, wie wir es in der Jugend waren! So erzählt einmahl, wandte er sich an mich, Euerm Oheim, woher wir uns kennen.

Von Arau her, antwortete ich, und setzte mich, durch diesen Empfang ermannt, auch zu Tische; von Arau her, wo mir gestern die Herren von Bern aus der Stadt biethen ließen.

219 Und ein Verhör mit dem armen Sünder aufnahmen, fügte Klare hinzu.

Nun soll ich's wohl noch gar mit der Frau zu thun bekommen! versetzte er, und rückte seinen Stuhl, wie wenn er sich fürchtete, von Klare weg; brave Weiber wehren sich immer für ihre Männer, sollten es diese auch nicht alle Mahl verdienen.

Er ist nicht mein Mann, sagte sie.

Wie? rief er und rückte mit dem Stuhle wieder näher; und Sie zieht mit dem Krauskopf im Lande herum!

Wenn es auch so wäre, mein Freund, sagte der Oheim, wir sollten nicht den ersten Stein auf sie werfen.

Die Leutseligkeit des Herrn Ehrengesandten, fing ich nun an, und der Ort, wo ich bin, machen mir jetzt meine Rechtfertigung eben so leicht, als mir gestern die Manier des Verhörs die Zunge band.

Das mag oft der Fall seyn, unterbrach mich der Oheim; da wo die Zeit der Ueberlegung zu kurz ist, wirkt die Manier gewöhnlich mehr als die Kunst; sie kömmt und geht unmittelbarer zu dem äußern Sinne.

Ich verstand ihn nicht recht, und eilte nun der Länge nach meine ganze Geschichte zu erzählen; von den geheimen Bewegungen zu einer Revoluzion im Zürcher Gebiethe bis zu dem Ausbruche derselben in Basel, und den Anerbiethungen Mengauds in Arau. – Der Herr hörte mir mit Theilnahme stillschweigend 220 zu; nur seufzte er einige Mahl: ach Gott, die Verblendeten! und den Geschäftsträger nannte er einen Wolf, der die Schafe gegen den Hirten empört.

Als ich fertig war, sagte mein Oheim zu ihm: Und gleichwohl soll noch der Bund beschworen werden? – Ja, mein Freund, war seine Antwort, indem er hastig sein Glas Wein austrank, die Beine übereinander schlug und seinen Arm über den Stuhl der Klare legte; ich sehe, daß ich vor diesen jungen Leuten sprechen kann, wie wenn wir noch allein wären; höre meine Gründe:

Was du mir vorhin sagtest, und was der Landsmann hier erzählt, ist uns meist alles bekannt, ja noch mehr; wir wissen, daß und warum die Zerstörung des eidgenossischen Bundes und besonders der Untergang unsers Gebiethes beschlossen ist; wir wissen, daß die andern Stände entweder in pfäffischem Glauben schlummern, oder schon so bearbeitet sind, daß auf ihre bündische Hülfe wenig mehr zu zählen ist. Aber wir fragten uns: was wollen die Franzosen? – Eine Freyheit uns geben, die der ihrigen gleiche, die sie schon neun Jahre lang elend gemacht und alles häuslichen Glückes beraubt hat, da die unsrige uns Jahrhunderte hindurch Wohlstand und Frieden gab! Aber das wollen sie nicht einmahl zuerst, sondern auf unser Geld und Land ist es vor allen Dingen und schon seit Jahren abgesehen; und dann erst jene traurige Gabe! – Wir fragten uns ferner: Was will unser 221 Volk, oder die Menge von Schurken und Thoren, die es heimlich irre leiten? Sich losmachen von Zehnten und Abgaben wollen sie, und herrschen, um sich zu bereichern, denn das wird ihnen versprochen. Die wahre Freyheit kennt dieser große Haufe nie; auch wenn er sie schon genießt, weiß er sie nicht zu würdigen, der Pöbel bleibt immer kindisch. – Und was sollen und wollen wir, die Obrigkeiten? fragten wir endlich uns selbst feyerlich vor Gott und in schamvoller Erinnerung der heiligen Kraft unsrer Väter: Das Land Preis geben und uns wegwerfen lassen wie die todten Hunde, oder das Recht behaupten, das uns Geburt und Verfassung gibt? Haben wir denn so großen Mißbrauch davon gemacht?

Das ist die Sprache tapferer Männer, sagte mein Oheim, aber sie befriediget meine Frage nicht, was Euch die Beschwörung der Bünde helfen soll, die schon seit Jahrhunderten kein Stand mehr recht gehalten hat, und auch neubeschworen kaum mehr halten wird; denn was man jetzt zu halten gedenkt, ist erneuerte Eintracht und wechselseitige Vertheidigung, aber nicht der Inhalt der alten Verkommnisse. Glaubt ihr aber durch dieses Gepränge euch wieder zur bleibenden Eintracht zu entflammen, oder den alten kühnen Sinn zu wecken, so erwartet ihr dauernde Hitze vom Strohfeuer.

Das Strohfeuer, antwortete der Gesandte, gibt doch eine starke Flamme; wer weiß, ob wir in ihrer kurzen Dauer nicht noch Zeit zur Rettung finden. 222 Wenn die kleinen Orte, auf welche es hierbey hauptsächlich abgesehen ist, und auf welche der Geist der Neuerung noch nicht so stark gewirkt hat, durch diese allgemeine vaterländische Feyerlichkeit, verbunden mit unsern weckenden Warnungen, aus ihrer stolzen Unthätigkeit wieder zu hülfreichem Eifer und zum Vertrauen zu den reformirten Ständen auch nur für eine kurze Zeit aufgemuntert werden können, so wird dadurch den Empörungen in den angrenzenden Landen und Herrschaften, wo man die Kraft dieser Bergleute und ihre Abneigung vor einem solchen Spaße kennt und fürchtet, am sichersten Einhalt gethan, und es zieht ihr Beytritt zum erneuerten Bunde die andern nach sich; auf diese Weise bekömmt der Widerstand gegen unsre Unterdrücker, wenn auch kein furchtbares, doch ein ehrenvolles Ansehen, und wenn wir untergehen müssen, so geschieht es wenigstens nicht mit Schande. –

Hier hielt er inne, wie einer der das Herz voll hat und nicht alles sagen will. Wenn wir nur Zeit gewinnen, fügte er dann, wie im Nachklange seiner Gedanken mit einem bedeutenden Tone hinzu, wer weiß, was noch geschehen kann!

Der Oheim sah ihn verwundert an.

Dann fing er an französisch zu sprechen, indem er doch zu finden schien, ich brauche nicht alles zu wissen; und gab dem Oheim zu verstehen, daß man vielleicht bald auf eine Regierungsveränderung in 223 Frankreich, die mehr Achtung für das Völkerrecht zur Folge hätte, oder im Fall der Noth auf fremden Beystand zählen dürfte. Ich sah, daß der Oheim darüber ungläubig den Kopf schüttelte und dagegen sprach. Er mag auch wohl Recht gehabt haben, denn wenn es im Großen ist, wie im allgemeinen Leben, so gehen die Versprechungen fremden Beystandes für den, der sich nicht selbst zu helfen weiß, gewöhnlich zu spät in Erfüllung.

So ist es auch, fuhr dieser deutsch fort, mit der Achtung für das Völkerrecht. Daß ihr solches ehret, ist in der Ordnung; der Schwache muß immer die Gerechtigkeit, die er selbst nicht verletzen kann, zu seinem Schilde machen, aber wenn er für diese Gesinnungen Respekt von dem Starken erwartet, so kennt er sich selbst und den Lauf der Welt nicht. Die Staatsklugheit kannte von jeher nur zwey Gesetze, das Recht des Stärkern und den Vortheil, und wenn ihre Zöglinge das Gegentheil behaupten, so ist es, wie ein Franzose sagt: Sie spucken in die Schüssel, um allein daraus essen zu können. Weißt du noch, wie wir uns ehemahls über den Römischen Konsul aufhielten, der in seinem Buche keinen Nutzen ohne Gerechtigkeit anerkennen wollte, aber einer Regierung vorstand, deren immerwährendes Geschäft es war, beyde zu trennen! Eben deßwegen sind die Schweizer heut zu Tage schlechte Staatskünstler, weil sie es nur halb sind, weil sie diese Kunst nur freundbrüderlich 224 unter sich selbst als ein erlaubtes Geheimniß treiben, und dann von fremder Uebermacht, sich fromm stellend, strenge Ehrlichkeit erwarten zu dürfen glauben. – Doch, unterbrach er sich selbst, es ist leicht, die Verlegenen zu plagen, das will ich nicht; nur ist es einem alten Zuschauer nicht zu verargen, wenn er über das Theater der Welt und seine Schauspieler sich zuweilen eine zweifelnde Bemerkung erlaubt.

Sage was du willst, lieber Alter, versetzte der wackere Mann, und legte die Hand auf seine Schulter, ich werde deinen edeln Sinn nicht verkennen, und möchte wünschen, du wärest noch mehr als bloßer Zuschauer, um uns auch Rettungsmittel an die Hand zu geben, wenn du noch andre weißt, als die wir ergriffen haben. Mir sind sonst keine bekannt; Geld thut es nicht mehr, und Nachgiebigkeit macht die Sache nur immer ärger; im Widerstande allein liegt noch, wo nicht Rettung doch Ehre. Das ist der heilige Entschluß der Bessern, sagte er mit begeisterter Wärme; und wären unser auch noch so wenig, wir wollen den blutigen Kampf für's Vaterland wagen, und das Recht unsrer Verfassung soll uns niemand rauben, als mit unserm Leben! Und wenn auch alle Stände von uns abfielen, wollen wir das alte Bern, den Ruhm der Schweiz, nicht in der räuberischen Gewalt des Feindes sehen, noch den milden Zepter in den Händen unwissender Bauern. Feyerlich ist es unter uns beschworen die Mißbräuche abzuschaffen, aber freywillig muß es 225 dann geschehen, wenn wir den Kampf bestanden haben, nicht durch einen schändlichen Zwang, der die Abschaffung der Mißbräuche nur zum Vorwande macht. Zu diesem Zwecke – bald werden wir ihn laut aussprechen – möchten wir jeden edeln Schweizer begeistern, der noch Gefühl für sein Vaterland hat; darum lassen wir die alten Bünde noch einmahl beschwören, und kein erlaubtes Mittel unversucht, wieder zum bleibenden Heil, oder wenn es denn seyn muß, zum ruhmvollen Untergange zu gelangen. – Und Gott wird uns nicht verlassen, that er hinzu und hob die Hände feyerlich empor, der der kleinen Zahl der Väter so oft aus der Noth half!

Dem feurigen Greise war es Ernst; er sah aus als wenn er ein Bündniß mit dem Tode geschlossen hätte. Wir schwiegen alle; wer wollte so einer Entschlossenheit widerreden.

Nun genug hievon, sagte er, nachdem er einige Mahl das Zimmer auf- und niedergegangen. Er setzte sich zu Klare: Glücklich sind die jungen Mädchen, die keine Sorgen haben! und nahm sie lächelnd bey der Hand. Sie küßte mit Ehrfurcht die Seinige. Ihn schien das unerwartet zu rühren, er sah sie aufmerksam an, und es glänzte wie eine Thräne in seinem Auge; er sprach etwas zum Oheim, der antwortete: Es war ihre Mutter.

Mein Gott! rief er, wie von einer Erscheinung betroffen; und stand bald hernach auf um 226 wegzugehen, ohne von uns anders als durch eine freundliche Verbeugung Abschied zu nehmen. Der Oheim begleitete ihn.


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