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Saly's Revolutionstage

Ulrich Hegner: Saly's Revolutionstage - Kapitel 54
Quellenangabe
typefiction
booktitleSaly's Revolutionstage
authorUlrich Hegner
year1828
firstpub1814
publisherG. Reimer
addressBerlin
titleSaly's Revolutionstage
pages260
created20130527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Loth selbst mag sich kaum mit mehr Bereitwilligkeit aus der Stadt, in der er ein Fremdling war, 207 gerettet haben, als wir unter den Thoren von Arau wegeilten, um in die kleine Zoar zu unserm alten Herrn zu kommen. Schwerlich hätte Klare hinter sich gesehen, wenn es auch verbothen gewesen wäre, denn die Ehrerbiethung der Husaren stand ihr so wenig an, als mir die Schutz- und Trutzfreundschaft ihres Herrn, und alles, was ich sonst gesehen und gehört hatte.

Unterweges wurde das natürliche Du, welches wir uns in Arau hatten angewöhnen müssen, beybehalten, und für immer durch einen Handschlag und freundlichen Blick bestätigt. Wir fanden übrigens wenig Zeit zu mündlicher Unterhaltung, indem wir immer durch Landleute, wovon auch viele aus meiner Gegend waren, aufgehalten wurden, die auf das Bundesfest reisten. Nach der Landestracht der Klare uns für Flüchtlinge aus dem Basler Gebieth haltend, wollten sie sogleich Nachrichten von den dortigen Auftritten haben; viele meinten sogar, ich sollte ihnen von der französischen Schweiz und von andern Orten, wo ich nie gewesen war, erzählen können. So eine gespannte Neugier habe ich in meinem Leben nicht angetroffen! Die Straße wimmelte von solchen Reisenden; wo zwey beysammen standen, hingen sich bald alle Vorübergehenden an, und ich bemerkte, daß die meisten nicht sowohl das, was ich wußte, hören, als mir ihre eignen seltsamen Vermuthungen, Besorgnisse und Hoffnungen in den Mund legen wollten, damit ich 208 dieselben ausspräche, und sie dann mit vermeinter mehrerer Gewißheit sich selbst täuschen könnten.

Wenn das allenthalben so ist, und diese vorwitzige Unruhe unter dem ganzen Schweizervolke herrscht, sagte Klare, was hat sie wohl zu bedeuten? – Nicht viel löbliches, meinte ich, die Neugierigkeit ist nicht tapfer und die Tapferkeit nicht neugierig; unsre Väter wären zu Hause geblieben, hätten ihre Harnische geputzt und die langen Schwerter gewetzt, und dann erst gefragt: wo gibts Krieg?

Wir trafen auch eine Kutsche voll hübscher dicker Herren aus der Nähe meiner Heimath an, die mich erkannten und freundlich anriefen, wo ich herkomme, und dann von der gleichen Wißbegierde beseelt, halten ließen, damit ich ihnen erzähle. Als sie aber auch wissen wollten, wo ich das artige Markgräflermädchen aufgelesen, und darüber in einem Tone, der zuviel auf Freyheit und zu wenig auf Gleichheit gegründet war, zu lachen und zu scherzen anhoben, gefiel das der Klare, deren Wangen ohnehin die Kälte schon mehr als gewöhnlich geröthet hatte, nicht mehr, und wir begaben uns weiter. Es sind sonst gute Herren, sagte ich.

Solcher Säumnisse wegen konnten wir nicht weiter als bis Lenzburg kommen, wo das Wirthshaus mit Fremden angefüllt war, welche geglaubt hatten, die Bundesbeschwörung werde morgen schon vor sich gehen. Hier fand ich unvermuthet den leutseligen Mann von Zürich wieder, der in dem Hause meines 209 Zinsherrn wohnt; er kannte mich auch noch, und in der Meinung, daß ich ebenfalls auf das Fest gehe, lobte er meinen Vorsatz. Da noch mehrere seiner Reisegefährten herumstanden, wagte ich es nicht, ihm seine Meinung zu benehmen. Er schien jetzt eine beßre Erwartung von dieser neuen Beschwörung der alten Freundschaft zu haben, insofern sie, sagte er, das lange getheilte Interesse für das Ganze wieder zu vereinigen, und den Gemeingeist einer wahren Eidgenossenschaft wieder zu wecken vermag.

Das wird geschehen, sagte ein fremder Herr, der nicht zu ihnen gehörte, wenn die ganze Schweiz schwört und nicht nur die Gesandten.

Daran aber zweifelten jetzt die Begleiter des leutseligen Mannes nicht, denn sie beriefen sich mit großem Wohlgefallen auf eine Deputation unsrer Regierung, die das Land bereise, und die Leute zur Eintracht auffordere; sie wiesen dem Fremden ein gedrucktes Papier, wodurch die Angehörigen eingeladen werden, freymüthig alle Beschwerden gegen die Stadt bey einem ausdrücklich zu dieser Absicht niedergesetzten Untersuchungsausschuß einzugeben.

Ich wußte nicht, was ich hievon denken sollte; welche schnelle Veränderungen, welche ungewohnte Nachsicht! Ueber wie manches werden sich die Landleute beschweren, wenn sie einmahl sehen, daß sie es ungeahndet thun können!

Man sollte die Bauern nicht zum Begehren 210 auffordern, wagte ich zu sagen, das macht sie nur übermüthig; sondern ihnen entweder freudig schenken, was die Großmuth gestattet, oder kalt abschlagen, was die Gerechtigkeit verbiethet.

Die Herren zuckten mit halbem Beyfall die Achseln, und sahen mich etwas befremdet an, daß ich mich auch in ihr Gespräch mischen wollte; ob sie gleich über die Freyheit sprachen.

Im Weggehen hörte ich noch von dem Fremden eine Bemerkung, die mir auffiel: Es ist die Frage, sagte er, ob eine gänzliche freywillige Staatsveränderung auf ein Mahl die liebe Schweiz nicht noch leichter ankäme, als diese nothgedrungene immer weiter greifende Abschaffung der Mißbräuche? Alles neu oder Nichts an dem Hause, das einstürzen will; kärgliches Flickwerk hält es doch nicht mehr!

Nicht doch! entgegnete ein andrer; Niemand kennet die Schweiz mit allen ihren innern Verbindungen, als wer in ihr geboren und erzogen worden. Mir scheint es der gefährlichste Antrag, den man uralten Republiken machen kann, und fast einer prämeditirten Unterdrückung gleich, wenn man verlangt, daß sie in einer bestimmten Zeit und nach eigner Willkühr ihre Verfassungen umschaffen sollen; Verfassungen, worin tausende mit Behaglichkeit sich bewegten, wo hunderte, die Einfluß haben, ihre Vorrechte nicht wollen schmälern lassen, wo alle ein Recht zu sprechen haben, wo schlummernder Ehrgeiz auf die Stunde des Erwachens 211 wartet. Glauben Sie mir, da ist jede von Außen angeregte Veränderung ein Keim der Zerstörung, und mit jedem aufgelösten alten Bande entwickelt sich neue Zwietracht! Wie kann ein Gebäude zu Stande kommen, wo jedermann Baumeister seyn will?

Wovon diese Herren sprachen, davon tönte es in allen Ecken. Alles erzählte sich von dem bevorstehenden Schwörtage; ich glaubte aber bey der Mehrzahl zu bemerken, daß sie eher aus Neugier oder zur Ergetzlichkeit als aus warmem Antheil dahin gingen. Zwar wird sie die Wärme wohl ergreifen, wenn sie den Donner der Kanonen und das Geläut der Glocken hören, und den Glanz der Feyerlichkeit mit vielen tausend Zuschauern vor sich haben; allein das bewirkt noch keine bleibende Rührung, der alte Ernst muß dabey seyn, sonst vergißt man über dem Reize für die Sinnlichkeit gewöhnlich den Zweck der Feyer.


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