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Saly's Revolutionstage

Ulrich Hegner: Saly's Revolutionstage - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleSaly's Revolutionstage
authorUlrich Hegner
year1828
firstpub1814
publisherG. Reimer
addressBerlin
titleSaly's Revolutionstage
pages260
created20130527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Des Morgens frühe brachte mir der Wiedertäufer ein Licht, als ich lieber noch geschlafen hätte. Er setzte sich, indem ich mich anzog, in einen Lehnstuhl, und fing sogleich an, nicht von den Welthändeln, damit dürfe er sich nicht abgeben, sondern von dem Antheil zu sprechen, den ich, wie er von dem alten Oheim höre, daran nehme, welches ihm in Ansehung meiner einigen Kummer verursache. Gestern habe er in Gegenwart seiner Kinder nichts davon sagen mögen – das gehöre auch sonst vor die Weiber nicht, – aber ein Wort über die Folgen meiner Schritte auf meine innere und äußere Ruhe mit mir zu sprechen, halte er für Vater- und Freundespflicht.

Ich merkte, daß er mich für ein thätigeres Werkzeug ansah, als ich war, und erzählte ihm daher alles, was ich wußte. Er hörte mich zwar ohne richterliche Miene aber mit Kälte ganz aus, und schüttelte dann den Kopf ohne etwas zu sagen. Das verdroß mich ein wenig, indem ich mehr Theilnahme erwartet hatte; ich fragte ihn daher, ob dieß seine ganze Antwort sey?

Nein, antwortete er gelassen; die Euch anlocken, sprechen von gefangenen Brüdern und von sclavischen Ketten, wovon Ihr selbst gesteht noch nichts gefühlt 84 zu haben, mit deren Zerbrechung Ihr Euch also auch nicht abgeben solltet. Laßt jene machen; haben sie Recht, so wird es ihnen wohl gelingen, sind aber unter ihren schönen Worten noch andre Absichten verborgen, so hat der Teufel sein Spiel dabey; und wo du das merkst, mein Sohn, so fliehe!

Aber, lieber Mann, sagte ich, prüfet meine eignen und nicht fremde Absichten, so müßt Ihr gestehen, daß ich ehrlich handle. Was fragt der Bothe darnach, ob er dem Teufel oder den Heiligen Briefe trage?

Man trägt sie doch wohl lieber den Heiligen, erwiederte er. Ich will aber die Gründe andrer nicht richten, ich will gar nicht richten; nur wünschen möchte ich, daß Ihr nicht aus weltlicher Eitelkeit Euch aus Euerm beneidenswerthen häuslichen Glücke hinauswürfet!

Das Wort Eitelkeit traf mich, weil ich es nicht erwartete; es war mir beynahe als ob er Recht hätte. Ich antwortete daher bescheiden, mein ganzes Bestreben gehe dahin, so bald möglich wieder zu meinem armen Glücke zurückzukehren, aber erst müsse das Uebernommene ausgeführt und das Versprechen gehalten seyn. Ich sehe jedoch wohl ein, daß dieser Baum tiefere Wurzeln habe, als ich anfangs geglaubt, und vielleicht ein Sprosse jenes gewaltigen Baumes sey, durch den Adam klug geworden; ich wolle mich also nicht groß machen, daß mich seine Früchte nicht auch reizen könnten, unterdessen aber ruhig meiner 85 innern Stimme gehorchen, die mir deutlich sage, daß ich hierin noch nichts Unrechtes gethan, und die mich wills Gott auch bey meinen künftigen Schritten leiten werde. – Sollte es auch seyn, setzte ich hinzu, daß die dem eignen Bewußtseyn so unmerkliche Triebfeder der Eitelkeit einigen Antheil an meinem Vorsatze habe, so könne bey einer That, wo mehrere Bewegungsgründe sind, nicht mit Recht einer allein herausgehoben und zum Vorwurf gemacht werden.

Folge deiner innern Stimme, mein Sohn, sagte der Wiedertäufer, und suche sie rein zu bewahren, so ist es die Stimme Gottes! Es sey fern von mir, dir etwas vorzuhalten, worüber das Wort in deiner Brust dich rein spricht; liebte ich dich nicht, so hätte ich gar nichts gesagt.

Ich erkannte seine guten Gesinnungen, und mochte daher auch nicht weiter streiten.

Er führte mich in die Wohnstube, wo die Töchter schon zum Frühstücke versammelt waren. Mein erstes war hier, die Mädchen zu mustern, vorzüglich die Eine, ob ich nichts von dem nächtlichen Abenteuer in ihrem Benehmen entdecken könne; aber sie grüßte mich so unbefangen, daß ich nicht klug werden konnte. Wer will auch die Herzensangelegenheiten der Mädchen ergründen, wenn Geheimhalten ihre Sorge ist? – Ich war aber fest entschlossen, hinter das Geheimniß zu kommen, und wenn ich die ganze künftige Nacht in der Kälte wachen müßte; es war mir angelegentlicher, 86 als meine ganze politische Sendung, weil ich bey dieser schon ziemlich in die Karten sah, und sie mehr meinen Kopf als mein Herz beschäftigte; eine Liebesgeschichte aber in diesem Hause der Ehrbarkeit, sie mochte so schuldlos seyn, als sie wollte, war mir so unerwartet, daß ich schlechterdings Aufschluß darüber haben mußte.

Da der Vater heute auch Geschäfte in der Stadt, vorher aber noch etwas im Hause zu berichtigen hatte, so mußte ich unterdessen bey den Mädchen warten und ihnen von Haus und Weib erzählen; denn der Vater, sagten sie, habe seit einiger Zeit vieles von uns durch den alten Herrn von Bremgarten erfahren, der ihm vor kurzem unsern Aufenthalt bekannt gemacht; es sey ihnen daher gestern seltsam vorgekommen, daß ich nicht einmahl gewußt, daß dieser Mann, der mich so gut kenne, mein Oheim sey.

So hatte ich zärtliche Freunde, ohne es zu wissen! rief ich. – Wir sollten immer auf unsichtbare Freunde zählen, erwiederte Klare, das ist die Meinung des Oheims, sie gehören zur Freude der Einsamkeit, so wie die sichtbaren zum Trost in der Gesellschaft. Wenn wir alle unsre Freunde kennten, hörte ich ihn einmahl sagen, wir würden in jeder Trübsal frohlocken, und sähe der Gute seine dienstbaren Geister alle, so wäre er nie um Wirksamkeit verlegen.

Der Alte mag Recht haben, dachte ich, aber wie 87 kann das Mädchen so reden, wenn sie an den dienstbaren Geist von gestern Nacht denkt?

Auf die Beschreibung, die ich ihnen, vielleicht allzuvortheilhaft, von unserm kleinen fröhlichen Hauswesen machte, äußerte Klare wiederhohlt den Wunsch, uns einmahl besuchen zu können. Ich lud sie scherzend ein, gleich mit mir zu kommen, indem ich dieß nur für einen vorübergehenden Einfall hielt; sagte aber doch, als sie dazu freudig in die Hände klopfte, sie würde dort die Bequemlichkeit nicht finden, die sie hier in dem großen Hause habe; zudem würde sich wohl der Vater ein Bedenken machen, sie an einem Orte zu wissen, wo keine Glaubensverwandten von ihnen wären.

Sie lächelte nur; hingegen sagte die Jüngste ernsthaft: O! der Vater weiß schon wie Klare denkt, er redet ihr nicht mehr ein.

Ich wußte nicht wie das gemeint war, und suchte das Gespräch auf etwas anders zu lenken, als zum Glück der Vater wieder herein trat.


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