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Saly's Revolutionstage

Ulrich Hegner: Saly's Revolutionstage - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleSaly's Revolutionstage
authorUlrich Hegner
year1828
firstpub1814
publisherG. Reimer
addressBerlin
titleSaly's Revolutionstage
pages260
created20130527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Schon längst hatte ich an einem Jahrmarkte von einem fremden Krämer gehört, daß ich in der Nähe von Basel noch Verwandte unter den Wiedertäufern habe. Ich fragte aber damahls wenig darnach, weil ich wußte, daß mein Vater sich von ihnen getrennt, und man mir gesagt hatte, er sey nachher durch sie in seinem Erbgut benachtheilt worden. Nun aber wünschte ich doch, daß der Mann, zu dem ich hinging, dieser Verwandten einer seyn möchte, um so den Anlaß zu haben, diese Sektenleute, aus deren Schooß auch ich herstammte, näher kennen zu lernen.

Es war schon dunkel, als wir zu seiner Wohnung kamen. Der Junge, der mich begleitete, wußte weiter nichts von ihm zu sagen, als daß er ein reicher Mann aber kein Christenmensch sey, und dieses Haus nebst vielen Grundstücken von einem abwesenden Herrn in 74 Pacht genommen habe. Der Junge eilte in die Stadt zurück, ehe man die Thore schloß, und wies mir in der Nähe eine Schenke, falls ich bey dem Wiedertäufer nicht unterkäme.

Eine Weibsperson von etwa fünf und zwanzig Jahren machte mir auf, und führte mich in die Wohnstube, wo noch zwei jüngere Mädchen an einem Tische beym Ofen saßen, von denen die eine las, die andre nähte. In dem Zimmer war alles bis zur Zierlichkeit reinlich, und so waren auch die Jungfern gekleidet; nur war hier und da der Sektenschnitt sichtbar, den, ich, sey es nun, weil ich in der Kindheit schon der Sache überdrüßig wurde, oder mit Recht, als die Uniform der Beschränktheit ansahe.

Da der Vater nicht zu Hause war, aber jeden Augenblick aus der Stadt zurück erwartet wurde, so mußte ich unterdessen bey den Kindern verweilen, die mich gar freundlich aufnahmen, so bald sie hörten, daß ich einen Brief von dem alten Herrn in Bremgarten hätte, und versicherten, der Vater werde mich heute gewiß nicht mehr weglassen.

Die Aelteste setzte sich nun auch wieder zum Spinnrade, und aus dem kleinen Gespräche, das wir führten, erfuhr ich, daß ihre Mutter noch nicht lange gestorben, und daß sie auch noch einen abwesenden Bruder haben, von dem sie aber nicht gern sprechen wollten. Das Wort führte meistens die, welche das Buch vor sich hatte – die Schwestern nannten sie 75 Klare – sie that es aber mehr aus gastfreundlicher Höflichkeit als aus Geschwätzigkeit. Doch schien sie am meisten Weltgeist in diesem Hause der Eingezogenheit zu besitzen. Ihr schlanker Wuchs, ihr bräunliches Gesicht, welches große weichgeformte Augen und milchweiße Zähne auszeichneten, ihr seidenes Haar, das sich an der heitern Stirn und dem vollen Nacken kräuste, und ihre in derber runder Gesundheit leichte Beweglichkeit gaben ihrer Person etwas Auffallendes und Anziehendes. Die Jüngere, beynahe noch ein Kind, war blonder Natur, von zarter Langsamkeit, aber überaus schön.

Wir haben auch noch einen Vetter im Zürcher Gebieth, sagte Klare. – Und ich einen bey Basel, war meine Antwort.

Der unsrige heißt N. (sie nannte meinen Nahmen) wir sprachen erst heute von ihm. – So werde ich hier den Nahmen des meinigen am beßten erfahren können, sagte ich; ich heiße auch N.

Die Erklärung war nun bald gemacht; ich befand mich wirklich in dem Hause jenes Verwandten von meinem Vater, von dem mir der Krämer gesagt hatte. Die Freude der Mädchen war groß, und die Aelteste, welche das Hauswesen zu besorgen schien, eilte sogleich, Anstalten zu meinem Hierbleiben zu machen.

Jetzo trat der Vater in die Stube, ein schöner dicker Mann, dem der Friede seines Glaubens auf 76 dem Gesichte zu lesen war; er schien etwas verwundert, so spät noch einen Fremdling unter seinem Dache zu finden, und fragte, ob ich allein mit ihm reden wollte?

Die beyden Mädchen sahen schalkhaft vor sich hin, und sagten kein Wort.

Ich gab ihm das Schreiben von dem alten Herrn, und fügte hinzu, mein Auftrag bestehe einzig darin, ihm diesen Brief zu überreichen.

Er las ihn langsam durch, umarmte mich und sagte: Gott sey Dank, daß ich Euch so unvermuthet gefunden habe; und indem er mich mit ruhiger Freude ansah: Seyd mir herzlich willkommen, mein Sohn! Ich hätte Euch kennen sollen, ehe ich den Brief las, so ähnlich seht Ihr Eurer Mutter. – Gebt diesem Freunde unsern Gruß, Kinder, sagte er zu seinen Töchtern; es ist der Verwandte aus dem Kanton Zürich, von dem wir erst heute noch sprachen, und den wir nicht so nahe glaubten. – Wir wissen es schon, antworteten sie lachend; standen aber auf und küßten mich. – Ich fand, daß die Sekte doch auch ihr Gutes habe.

Die Einladung da zu bleiben, und meine freudige Annahme derselben versteht sich von selbst.

Er fuhr nun in seinem gleichmüthigen Tone fort, mich über meine Jugendgeschichte und meine Heimath zu befragen, und mir seine Bekanntschaft mit meinen Aeltern, die aber nicht so wohl in naher 77 Verwandtschaft als in jugendlicher freundschaftlicher Verbindung bestand, zu eröffnen. Ueber die Ursache meiner Reise sagte er kein Wort, ob ich gleich mehrmahls darauf anspielte. Ich vermuthete, der alte Herr müsse ihm etwas davon geschrieben haben, und er die Sache nicht billigen.

Der Mann gewann in kurzer Zeit meine Achtung durch seine verständigen Fragen, und mein Zutrauen durch seine stille Fröhlichkeit; die Verlegenheit, worin ich anfänglich als der Sohn eines Abtrünnigen von seiner Lehre war, hob sich, sobald ich merkte, daß er seinen Glauben nicht für ausschließend halte. Es fiel mir auch nichts von besondern Religionsgebräuchen auf; man setzte sich sogar ohne weitere Andacht zu Tische, als daß er und die älteste Tochter die Hände einen Augenblick vor das Gesicht hielten; und kaum hatten wir die Suppe gegessen, so sagte er, vermuthlich um mir allen Zweifel zu nehmen, vor einigen Jahren hätte er noch geglaubt eine Sünde zu begehen, wenn er mit mir essen würde, seitdem aber sey er, Gottlob! christlicher gesinnt worden. Er sah mich an, als ob er eine Antwort hierauf erwartete, und als ich schwieg, fuhr er fort: Oder glaubt Ihr nicht auch, mein Freund, das Gottgefälligste, was der Mensch thun könne, sey, im Frieden mit sich selbst und in der Liebe mit seinem Nächsten zu leben?

Hierin haben wir Einen Glauben, antwortete ich freudig, und stieß mein Glas an das seinige, wer mit 78 mir in diesem Punkte gleich denkt, dem mache ich die übrigen nicht streitig. – Ich auch nicht, erwiederte er lächelnd, allein unter meinem Nächsten verstand ich ehmahls irriger Weise nur meine Glaubensbrüder, jetzt aber nicht mehr; nunmehr ist mein Nächster jedesmahl der, den ich sehe und höre. Sind wir hierin einig, so habt Ihr nicht zu besorgen, daß ich Euch wegen meiner eignen Meinung etwas in den Weg legen werde. Ich weiß, Gott hat Euch in früher Jugend aus unsrer Mitte entfernt, und scheint nicht gewollt zu haben, daß Ihr einer von den Unsrigen werdet.

Wenn der liebe Gott seine Bekehrung wollte, fiel die jüngste schöne Tochter ein, so wäre es Ihm wohl ein Leichtes, sie zu bewirken.

Bekehren, sagte die Mittlere, wovon? Der Mensch soll sich nur von Sünden bekehren, nicht vom Glauben; jeder Glaube ist gut, der nicht zur Sünde führt.

Der Vater sahe sie ernsthaft, doch nicht unwillig an. Lassen wir das nun gut seyn, Kinder, sagte er, und annehmen wir seyen Einer Meinung, damit wir nicht durch zuviel gegenseitige Erklärungen unsrer Einigkeit wieder uneinig werden! – Um ein anderes Gespräch anzufangen, fragte er mich, ob ich meinen Oheim in Bremgarten schon öfters gesehen?

Meinen Oheim? rief ich erstaunt.

Klare lachte; ob ich denn nicht wisse, daß der alte Herr meiner Mutter Bruder sey?

79 Nun fiel es mir wie ein Nebel von den Augen; nun begriff ich des Alten seltsame Theilnahme an mir; erkannte nun auch meines Vaters Bildniß, das in seinem Nebenzimmer hing, vollkommen; und meine Neugier erwachte zu tausend Fragen.


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