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Saly's Revolutionstage

Ulrich Hegner: Saly's Revolutionstage - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleSaly's Revolutionstage
authorUlrich Hegner
year1828
firstpub1814
publisherG. Reimer
addressBerlin
titleSaly's Revolutionstage
pages260
created20130527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Wir kamen Abends spät in Bremgarten an, weil wir einen Umweg hatten nehmen müssen. Mein Reisegefährte verlangte sogleich zu Bette; mir wurde ein Platz an einem Tische angewiesen, wo einige rechtliche Bürger beym sonntäglichen Abendtrunke saßen. Wie es an solchen kleinen Orten üblich ist, suchten sie zuerst mein Thun und Lassen zu erforschen, und fielen dann wieder in ihr voriges Gespräch ein, das die bevorstehende Bundeserneuerung betraf.

Einer war unter ihnen, der sich sehr vor den Andern ausnahm; ein schöner alter Mann mit rothen Wangen und silbernem Haare; es war etwas Edles in seiner langen Gestalt, und seine Kleidung, obgleich ein wenig abgetragen, verrieth mehr Geschmack als bey der übrigen Gesellschaft, so daß ich mich wunderte, wie in 44 diesem engen Aufenthalte eine solche Figur sich finden könne. Er sprach wenig, und hielt sich meistens an ein kleines Männchen, um dessen willen er hier zu seyn schien; zuweilen nur berichtigte er mit kurzen Worten, was die andern sagten.

Als aber einer den Aufruf eines benachbarten Gebiethes zu diesem neuen Bundesschwur hervorzog, der sich mit einem kurzen Schlußgebeth endigte, sagte er mit ernstem Unwillen: Mit dieser kanzleyischen Andacht beschließt man freylich immer unsre Landesverordnungen von einiger Bedeutung, aber ich fürchte sehr, dieß Mahl sage Gott Nein dazu. Diese gepriesene »Uebereinstimmung der Standesgesinnungen« was ist sie anders, als Uebereinstimmung einer allgemeinen Furcht? Man hört die Drohungen von außen, und sieht den Aufstand von innen, und will diesem allem geschwind mit einer feyerlichen Scene helfen, die ehedem möchte gewirkt haben, aber heut zu Tage kaum was anderes mehr seyn wird, als ein Schauspiel, wovon die Zuschauer einen Tag lang sich erzählen, oder eine Arzney, die für den Augenblick den Schmerz stillt, aber die Wurzel des Uebels unberührt läßt.

Scharf gesprochen! sagte das kleine Männchen.

Wenn man nicht wüßte, was in einigen Landesgegenden bereits getrieben wird, sprach jener weiter, wovon uns vielleicht dieser gute Freund (indem er durch eine Kopfbewegung auf mich wies) auch was sagen könnte – es sahen mich alle an – so würde 45 man sich vielleicht eine kurze Zeit bereden, diese schönen langen Worte von bundesbrüderlicher Schutzvereinigung, echthelvetischer Eintracht, gemeineidsgenössischer Sicherheitsmaßnahme, und dergleichen, werden neues Heil über unser Vaterland verbreiten; aber, du armes Vaterland! ein neues Kleid wird für dich bereitet, worauf diese alten Lappen nicht mehr passen! Neue Zeiten regiert man nicht durch alte Formeln.

Ein strenges Urtheil! sagte das kleine Männchen.

Vierhundert neunzig Jahre, fuhr jener mit verstärkter Stimme fort – und alles war stille – vierhundert neunzig Jahre hat nun der Schweizerbund gedauert, welches für politische Verbündung wohl eine Ewigkeit heißen mag; aber so eine alte klappernde Maschine, die schon seit der Glaubensänderung nicht mehr recht zusammenhing, nun gerade in dem kritischen Augenblicke, da sie auseinander gehen will, da verderbliche Winde auf sie einstürmen, durch das Festwerk eines Tages beysammen halten wollen, das – gebe Gott, daß es gelinge, mir will es nicht einleuchten! Der große Haufe der getreuen lieben Angehörigen weiß jetzt nur zu wohl, und wer es nicht weiß, wird noch täglich davon belehrt (er sah mich wieder an), daß einzig von seinem guten Willen die fernere Dauer dieser Maschine abhängt; und da man sich von einer andern Seite her angelegen seyn läßt, diese Erneuerung ungenannter Verträge, diese »Gewährleistung der Verfassungen« unter dem gehässigen Lichte wechselseitiger 46 Gewährleistung der ausschließenden Herrschaftsrechte vorzustellen, so wird die Ausführung des feyerlich angekündigten Vorhabens wahrscheinlich eine der Erwartung ganz entgegengesetzte Wirkung hervorbringen, und anstatt diese Ewigkeit der Bünde auch nur für einige Jahre zu verlängern, vielmehr zu ihrer schnelleren Auflösung beytragen.

Das ist eine harte Rede! sagte das Männchen, und stand auf. Der Sprechende nahm ebenfalls seinen Hut und Stock, und stehend sagte er noch: Wir sind lange glückliche Schweizer gewesen, und haben uns auf den Nahmen in behaglicher Ruhe vieles zu gut gethan; aus diesem Schlummer müssen und werden wir erwachen, möge es nur Gott gefallen, daß es nicht durch einen plötzlichen Sturm geschehe, sondern nach und nach und mit vernünftiger Vorbereitung! Wer hiezu etwas beytragen kann, der thue es, und wer nichts vermag, halte sich still und ruhig!

Er empfahl sich der Gesellschaft; jeder grüßte ihn ehrerbietig. Auf mich kam er zu, maß mich mit freundlichem Blicke; Adieu Herr N.! – sagte er, und nannte meinen Nahmen. – Das kleine Männchen begleitete ihn.


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