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Sagen und Märchen Altindiens. 2. Band

Alois Essigmann: Sagen und Märchen Altindiens. 2. Band - Kapitel 13
Quellenangabe
typefairy
authorAlois Essigmann
titleSagen und Märchen Altindiens. 2. Band
publisherAxel Juncker Verlag
year1920
senderwww.gaga.net
created20050429
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Das Buch der Jugend

Das Opfer zu Ajodhia

So reich als König Dascharatha an Tugenden war, so reich waren auch seine Untertanen an Gütern der Erde.

Ajodhia, die Hauptstadt des weiten Kosalerreiches, war die schönste Stadt des alten Indiens. Prunkvolle Bauwerke standen in den breiten, sauberen Straßen: des Königs Palast, das Stadthaus, viele Tempel und Tempelchen, und prächtige Wohnhäuser des Adels und der reichen Kaufmannschaft.

Ein tiefer Graben, ein breiler Wall, mit Schuß- und Wurfzeug reich versehen, und schwere, erzbeschlagene Tore schützten die Stadt gegen jeglichen Angriff. Brunnen und Bäume zierten die großen Plätze.

Die Bürger waren heiter beim Spiel, ernst bei der Arbeit und beugten sich willig dem herrschenden Kriegeradel, der seine Macht auf Ehrfurcht vor der Priesterkaste aufbaute. Knechte und Sklaven trugen zufrieden ein sanftes Joch, denn der Fröhliche ist ein guter Herr und läßt als Reicher den Armen nicht darben.

Recht und Gesetz und der Väter Sitte standen im ganzen Lande in hohem Ansehen; Behagen und Behäbigkeit breiteten sich immer mehr aus.

Nur König Dascharatha, dessen weiser Regierung das Reich seinen Wohlstand verdankte, war traurig und verdüsterten Sinnes, denn die Götter hatten ihm bisher den Sohn, den Entsühncr und künftigen Träger seines Geschlechtes, den Erben seiner Macht und seines Werkes versagt.

Unzählige Gebete und viele glänzende Opfer waren von den Himmlischen zu gering erachtet worden: die glühende Sehnsucht des Herrschers, der aufrichtige Wunsch seines ganzen Volkes, blieben unerfüllt.

Sumantra, des Königs Wagenlenker, sein getreuer Gefährte im Kampf und auf der Jagd und der oberste seiner weltlichen Räte, kam einst zu seinem Herrn und Freund und erzählte, daß im Volk die Legende umliefe, ein Roßopfer unter der Leitung des Heiligen Rischjaschringa, des Oberpriesters der Angern, würde dem Reich der Kosaler und seinem Herrscher den sehnlichsten Wunsch erfüllen.

Der König ließ alle seine Räte in den Palast rufen, und die erlauchte Versammlung, unter der Leitung Wasischtas, des greisen Hauspriesters, beschloß, den Glauben des Volkes als Wink des Schicksals zu nehmen.

Ehrwürdige Boten wurden zu den Angern gesandt, um ihren Heiligen Rischjaschringa als Hotar zu dem Opfer zu laden. Wasischta, der königliche Hauspriester, und Wamadewa, der Opferpriester des Reiches, ließen alle in den heiligen Büchern vorgeschriebenen Zurüstungen treffen, auf daß das Opfer den Göttern genehm und vor den Störungen der Dämonen gesichert sei.

Da ward zunächst ein fleckenloser junger Hengst ausgesucht und den besten und schnellsten Kriegern des Landes anvertraut. Denn ein Jahr lang durfte keinerlei Fessel das Opfertier berühren, und die weite Erde mußte seine Weide sein. Die Wächter hatten oft Mühe, das feurige Roß im Auge zu behalten, doch es galt Wohl und Wehe des Herrschers, des Volkes und des ganzen Reiches. Ein kleiner Verstoß gegen das strenge Rituale hätte unabsehbares Elend über alle bringen können.

Indessen gingen Tausende von Werkleuten an die Arbeit, um unter der kundigen Leitung von Priestern die Opferstätte zu rüsten. Da ward ein weiter Platz vor der Stadt geebnet und eingeschränkt, Altäre wurden errichtet. Thronsessel, Sitze und Bänke aufgeschlagen, Sonnendächer gespannt und viele kleine Paläste und Häuser erbaut, denn der königliche Hof und seine fürstlichen Gäste verließen die Opferstätte oft monatelang nicht. Auch waren Hunderte und Tausende von Brahmanen eingeladen: ehrwürdige Fromme, die an benachbarten Höfen den Opferdienst zu verrichten pflegten, oder Einsiedler und Büßergemeinden aus den reichen Wäldern des Landes. Da galt es vieles vorzubereiten, um die Bedürfnisse dieser Unzahl von Gästen aufs beste zu befriedigen.

Auch die Straßen der Stadt wurden mit Blumen, Gewinden, Bändern und Teppichcn geschmückt, und es herrschte dort ein Leben, als sollte ganz Kosala vom Grund auf neu erbaut werden. Lange Karawanen von Elefanten, Rinder- und Pferdewagen durchzogen die Stadt, um Baumaterial, Nahrungsmittel, Gerät und Schmuck nach der Opferstätte zu schaffen. Brahmanen durcheilten das weite Reich, um keinen der versteckten Klausner bei der wichtigen Zeremonie der Opferladung zu übersehen.

Pauker und Trommler, Flöten- und Lautenspieler, Tänzer, Sänger, Gaukler und Schauspieler eilten in Scharen nach Ajodhia und übten aller Orten ihre Weisen, Tänze und Spiele, um sich beim Feste zu zeigen und ihm würdigen Glanz zu verleihen. Als ein Jahr vergangen war, traf Rischjaschringa, der erwählte Hotar, in Ajodhia ein und sah, nachdem er feierlichst begrüßt worden war, daß für das große Opfer alles aufs beste gerüstet war.

Auch die vornehmsten Gäste waren schon eingetroffen: Dschanaka, König von Mithila. der König von Kaschi, Lomapada, König der Angern, und der hochbetagte Herr der Kekayer, dessen Tochter eine der Gattinnen Dascharathas war. Auch die Fürsten der Sindhu und Sauwira und viele Herrscher des fernen Ostens waren gekommen. Sie alle waren feierlichst empfangen und durch reiche Gastgeschenke geehrt worden.

Als die Brahmanen dem König die günstige Stunde zum Beginne des Opfers anzeigten, begab er sich in sein Frauenhaus und lud seine Gattinnen ein, ihn zur Opferstätte zu begleiten, denn es gelte, dort vom Himmel Nachkommenschaft zu erflehen.

In reichem Schmuck bestiegen die Königinnen die goldenen Tragsessel, und der lange Zug, an seiner Spitze der strenge Hotar, begann sich nach dem Festplatz zu bewegen.

Auf der Opferstätte begann die Zeremonie:

Milch war die erste Gabe an die Götter. Und während der König aus seinem Schatze Schmuck, Kleidung und Nahrung an das Volk verteilen ließ, brauten die Brahmanen nach strengreligiösen Satzungen Soma, den berauschenden Opfertrank.

Tage- und wochenlang währte die Einleitungszeremonie der Milch- und Somaspenden. Die Pausen der heiligen Handlung wurden mit religiösen Gesprächen und Disputen ausgefüllt.

Sodann begann die Errichtung der Opfersäulen und die Aushebung der Feuergruben.

Einundzwanzig köstlich verzierte Säulen aus edelstem Holze stützten ein weites Dach.

Es sah aus, als beschatte Garuda, der Vogel Wischnus, mit seinen Riesenfittichen die heilige Stätte.

Achtzehn Opfergruben waren ausgehoben und mit Goldplatten ausgelegt worden.

Der todgeweihte Renner stand inmitten von dreihundert Opfertieren aller Art. Tiere des Waldes und des Hauses, Wasser- und Luftgetier, Schlangen und Würmer: sie alle waren zum Opfer ausersehen.

Hymnen und Liturgien, Lieder und Gebete stiegen zum Himmel, und feierlich umwandelte Kauschalja, des Königs erste Gemahlin, rechtshin die Opferstätte.

Sodann fiel unter drei geweihten Messern der Hengst, der an Schönheit den Flügelrossen der Morgenrotreiter glich.

Kauschalja setzte sich neben das gefällte Opfer. Sumitra, die zweite, und Kaikeyi, die dritte Gattin Dascharalhas, lagerten sich an ihren Seiten. Sechzehn Priester zerlegten das Roß, und die anderen töteten die übrigen Opfertiere.

Nun fielen die Spenden in die heiligen Feuer, und der König sog den Duft des brennenden Fettes ein. Gebete zum Licht- und Lebensgott, zum Siegesgott, stiegen empor. Hell klangen die Gesänge der Brahmanen, rein strahlten die Feuer, von würdigen Priestern eifrig geschürt.

Da stand auf einmal Wischnu unter den Opfernden. Wischnu, im roten Gewände, mit dem Löwenfell über der Schulter. Der strahlende Gott reichte dem König eine goldene Schale, voll des lebenspendenden Göttertrankes.

»Edler Fürst!« sprach er milde, »dein Flehen soll erhört werden. Gib deinen Gattinnen aus dieser Schale zu trinken, und dein Sehnen wird gestillt sein!«

In ehrfürchtigem Gruße faltete Dascharatha die Hände vor der Stirn, ergriff dann die goldene Schale und wandelte rechtshin um den Gott, bis dieser vor den Augen der Sterblichen verschwand.

Sodann ließ der König Kauschalja die Hälfte der Himmelsspende trinken und teilte den Rest zwischen Sumitra und Kaikeyi.

Lob- und Danklieder schallten zum Himmel. Reiche, ja überreiche Gaben wurden den Priestern, und besonders dem Opferleiter Rischjasehringa, gespendet, und Musik, Tanz und festliche Spiele in langer Reihe beschlossen die glänzende Feier.

Im folgenden Jahr aber gebar Kauschalja dem König den ersten Sohn, Rama. Kaikeyi brachte den Bharata zur Welt, und Sumitra die Zwillinge Lakschmana und Schatrugna.

Wischwamitra wappnet Rama

Dascharatha freute sich über den Segen der Götter.

Die vier Knaben wurden bei einem glänzenden Feste dem Volke gezeigt, und im Jubel der reich Beschenkten, unter Musik und Tanz und festlichen Spielen, gab Wasischta den Prinzen feierlich ihre Namen.

Sorgfältig an Leib und Geist gepflegt, wuchsen die Knaben zu Jünglingen heran. Sie wurden schon frühzeitig mit der Führung der Waffen vertraut gemacht und zeigten viel Gewandtheit, Mut und Besonnenheit. Oft trat Dascharatha voll Stolz mit seinen Söhnen vor das Volk und erschien diesem wie Brahma von den vier Welthütern umgeben.

Keiner der Waffengefährten erreichte die Prinzen an Geschick zur Lenkung des Streitelefanten oder an Kraft und Mut im Kampfe zu Wagen, zu Roß und zu Fuß.

Auch an Tugend und Wissen waren sie über ihr Alter gereift, denn die besten Brahmanen des Hofes pflegten ihren Geist, wie die tüchtigsten Waffenmeister ihren Leib.

Einst kam Wischwamitra, der ehrwürdige Klausner und Wasischtas getreuer Freund, an den Hof nach Ajodhia.

Voll demütiger Freude empfing der König den Heiligen, führte ihn an den Ehrensitz in der Halle und erbot sich, dem hohen Gaste jeglichen Dienst zu erweisen.

Da bat der greise Klausner, der König möge ihm seinen tapferen Sohn Rama mit in den Wald geben, denn zwei Ungeheuer aus Ravanas Gefolge, die Riesen Subahu und Maritza, störten fortwährend seine Opfer.

Entsetzt rief Dascharatha: »Oh, ehrwürdiger Muni, mein Sohn, mein ältester Sohn, der Schatz meines Herzens, zählt erst sechzehn Jahre. Die Unholde würden mir den Trost meines Alters rauben! – Ich will mit einer Schar meiner erlesensten Recken ausziehen und die beiden Rackschasas, die furchtbaren Dämonen, bekämpfen!«

»Gib mir den Prinzen Rama mit!« sprach Wischwamitra kopfschüttelnd. »Er ist tapfer und sündenrein! Ich will ihn wappnen mit dem stärksten Rüstzeug wider alles Böse. Edler und stärker kehrt er dir wieder!«

»O mein Rama!« jammerte der Greis. »Er wird fern von mir sterben, und mein Tod wird einsam sein!«

»Mut, o Herr!« sprach nun Wasischta. »Wischwamitra besitzt die Waffen des Sieges. Wenn er deinen Sohn zum Kampfe rüstet, so wird der als Held bestehen und als Sieger im Munde der Sänger bis ans Ende aller Zeiten fortleben!«

Halb überzeugt, halb in Sorge, seinen edlen Gast, den mächtigen Heiligen, durch längeres Weigern zu erzürnen, gab Dascharatha endlich seine Einwilligung, und am Nachmittage begleitete Rama samt seinem Bruder Lakschmana – der von ihm so wenig zu trennen war wie Schatrugna von Bharata – den Heiligen auf seiner Heimreise.

Sie übernachteten in einer Siedelei, die dem Liebesgott geweiht war, und Wischwamitra erzählte seinen aufhorchenden Schülern, wie Kama hier einst in tollem Übermut seine Blütenwaffe auf den büßenden Schiwa gerichtet habe. Ein Zornblick des strengen Gottes hatte damals den Körper des Leichtsinnigen verbrannt, und als Ananga, der Körperlose, wandelt der Liebesgott 147 seither unter den Himmlischen und wird so von den Irdischen aufs frömmste verehrt.

Als sie am nächsten Morgen, nach dankbarem Abschied von den gastfreundlichen Priestern Schiwas, die stille Siedlerstätte verlassen hatten, wanderten sie unter frommen Gesprächen durch den Wald.

Mittags nahm Wischwamitra zwei starke Zauberbogen samt Köchern aus einem hohlen Baum und gab sie den beiden Prinzen, denn sie waren an den Wald der Hexe Tataka gekommen. Der fromme Lehrer erzählte den kriegerischen Prinzen von diesem Schrecken der Wälder:

Tataka war als Mädchen die Schönste im Lande gewesen und hatte in wilder Laune den Unhold Sunda zum Gatten erwählt. Nachdem sie ihm den Riesen Maritza als Sohn geschenkt hatte, fand sie so viel Gefallen an dem Vernichtungswerk ihres Gatten und ihres Sohnes – der Neugeborene war in wenigen Stunden zum Riesen erwachsen –, daß sie es weit ärger trieb als die beiden Dämonen.

Da sie einst die Andacht des Heiligen Agastya störte, verfluchte sie dieser als scheußliche Hexe im Walde zu hausen, bis ein Reiner sie töte.

Als Wischwamitra seine Erzählung beendet hatte, forderte er Rama auf, das dämonische Weib zu vernichten, denn es habe sich durch seine Schandtaten außer alle Gesetze der Menschen und der Menschlichkeit gestellt.

Rama, den Worten seines Lehrers gehorsam, ließ die Bogensehne schwirren, daß es laut durch den öden Wald tönte. Auf diesen herausfordernden Klang hin kam Tataka zwischen den Bäumen angestürmt.

Sie überschüttete die drei Eindringlinge mit einem Hagel von Steinen, mit Unflat und den häßlichsten Schimpfreden.

Da hoben die Prinzen ihre Bogen, wehrten mit schnellen Schüssen den Steinregen von ihrem Lehrer und drohten der Hexe, sie zu töten, wenn sie nicht von ihrem Angriffe lasse.

Die Greuliche höhnte die Prinzen als Menschenknirpse, wuchs sodann ins Riesengroße, und warf mit entwurzelten Bäumen und Felsentrümmern.

In arger Bedrängnis schoß Rama, der sich nicht entschließen konnte, ein Weib zu töten, der Hexe beide Hände von den Armen. Ein Schuß Lakschmanas verstümmelte das scheußliche Angesicht des Ungeheuers. Mit furchtbarem Gebrüll hob nun die Verwundete sich in die Lüfte und entschwand den Blicken der beiden Helden. Aber was den Zauberkünsten der Unsichtbaren erreichbar war, warf sie auf die Tapferen herab.

Da hob Rama entschlossen den Bogen, zielte dorthin, woher das Gebrüll der Hexe erscholl, und schoß.

Von dem schweren Eisen mitten durch die Brust getroffen, fiel die Hexe herab und verschied unter wilden Verwünschungen.

Indras Stimme aber erklang vom Himmel und pries die kühne Waffentat Ramas.

Am nächsten Tag erreichten die Wanderer Wischwamitras Klause, und der Heilige begann, der Stimme der Götter gehorchend, den tapferen Rama mit göttlichen Waffen – Sprossen der Siegesgöttin Dschaya – zu wappnen.

Er reichte ihm die Speere ›Treffer‹ und ›Sieger‹ und die unfehlbare Lanze Schiwas, ferner Indras und Wischnus Wurfscheiben und drei Blitze des Götterherrn. Ein Schwert, die Fackel Agnis und des Sturmgottes Wirbel, auch viele nie fehlende Pfeile, wie ›Schlafbringer‹, ›Geschweiger‹, ›Verzehrer‹ und andere, folgten. Dann gab er ihm den ›Verblender‹ der himmlischen Spielleute, den ›Berauscher‹ und den ›Wahnwitz‹ des Liebesgottes, den ›Überwinder‹ des Schatzgottes Kubera, die Pfeile der Wissenschaft, die Schilde der Zucht und der Gerechtigkeit und die Schlinge des Zufalls. Die Dolche ›Wahr‹ und ›Falsch‹, das blendende Schildkleinod ›Hoheit‹, der Treibstachel der frohen Rede und ihr Pfeil ›Verletzende Schärfe‹, endlich des Urvaters Waffe, der steinerne Hammer, waren die letzten Gaben.

So gerüstet stand der Held vor dem Heiligen, hörte voll Ehrfurcht seine weise Rede über den Gebrauch der einzelnen Waffen und merkte voll Eifer die Sprüche, die diesem oder jenem Geschoß besondere Zauberkraft verleihen konnten.

Als Ramas Wappnung und Belehrung vollendet war, beschloß der Heilige ein Opfer zu rüsten, und die Prinzen bewachten durch sechs Nächte die geheiligte Stätte.

Als die Opferfeuer am siebenten Tage gegen Himmel loderten, verfinsterte sich die Sonne, und heulend, brüllend, tosend und zischend, stürzten sich die beiden Unholde Subahu und Maritza vom Himmel herab, um das heilige Feuer zu verlöschen.

Doch Rama stand Wache in göttlichen Waffen.

Als er die Dämonen hörte und sah, hob er des Urvaters Waffe und schleuderte sie dem gewaltigen Maritza an die Brust. Hundert Meilen weit riß es dem Unhold durch die Lüfte und warf ihn ins schäumende Meer. Nur mit Mühe rettete er sich vom Tode des Ertrinkens und schwamm nach Lanka, um Ravanna, seinem Herrn, von dem furchtbaren Verteidiger der Einsiedelei zu erzählen.

Subahu aber starb, von der Agniwaffe zu Asche verbrannt.

Wischwamitra dankte dem Trefflichen für seine kühne Tat, doch Rama neigte sich ehrerbietig vor dem Heiligen und fragte, womit er ihm ferner dienen könnte.

Da lächelte Wischwamitra schalkhaft und sprach:

»Ich muß zu einem feierlichen Opfer an König Dschanakas Hof reisen. Willst du und dein edler Bruder mir sicheres Geleite geben?«

»Wie du es für gut hältst!« sprachen die Prinzen voll Ehrfurcht und begannen alles zur Reise nach Mithila zu rüsten.

Sita

Am nächsten Morgen begann die Fahrt.

Friedlich zog der Heilige mit seinen Begleitern durch die Wälder und ward von allen Klausnern, den freundlichen Wirten dieser weiten Gottesherbergen, voll Ehrfurcht und Gastfreundschaft empfangen.

Und an jedem durch fromme Erinnerung geweihten Orte erzählte er seinen aufmerksamen Schülern, was da vor alten Zeiten, im Weltalter der Götter, geschehen war.

Von des Kriegsgottes Skanda Geburt sprach er ihnen und von der Herkunft der Ganga, von König Sagaras hochgemuten Söhnen und von der lieblichen Schri, wie sie den Göttertrank aus den Fluten des Meeres hob.

Die Zeit verflog den eifrigen Hörern, als wären sie nur Tage, statt Wochen, unterwegs gewesen.

Wohlbehalten langten die Wanderer endlich in Mithila, der Residenz des Wideherkönigs, an und wurden von Dschanaka und seinem Hauspriester als die vornehmsten Gäste empfangen.

Hier erfuhren die Prinzen auch den Zweck der Opferfeier:

Als König Dschanaka einst den Pflug über sein Land führte, sprang aus der wunden Erde ein kleines Mägdlein und liebkoste den ackernden Helden. Dschanaka nahm das Kind voll Liebe zu sich, nannte es, nach seiner Entstehung, Sita – die Ackerfurche – und erzog es als seine geliebte Tochter.

Sita ward die schönste Jungfrau im Lande, und von allen Höfen eilten Könige und Prinzen herbei, um die Liebliche als Gattin heimzuführen. In dieser Bedrängnis durch stürmische Freier, gedachte Dschanaka eines uralten Erbstückes, des Bogens Schiwas.

Er ließ die riesige Waffe in die Halle seines Palastes schaffen und durch Boten an allen Höfen kundtun, daß Sita nur dem Stärksten, dem, der den Bogen Schiwas spannen könnte, als Gattin folgen wollte.

Bald darauf drängten sich die Freier zu Hunderten in der Halle Dschanakas. Aber da kaum einer darunter war, der die schwere Waffe lüpfen konnte, so konnte keiner versuchen, sie zu spannen.

Zürnend eilten die Getäuschten nach Hause, rüsteten ihre Heere und überzogen Mithila mit Krieg. Aber Dschanakas Heer widerstand den Bedrängern tapfer und schlug sie zurück.

Ein Dank- und Siegopfer sollte nun die Götter ehren. Als die Prinzen bei der Begrüßung aus Dschanakas Munde die Geschichte des Opfers gehört hatten, bat Wischwamitra den Gastfreund, Schiwas Bogen doch auf den Festplatz bringen zu lassen, auf daß der kühne Dämonentöter Rama ihn sehe und vielleicht auch seine Stärke an ihm erprobe.

Dschanaka befahl, den Wunsch des erlauchten Gastes zu erfüllen, und bald schwankte ein achträdriger, von Rindern gezogener Wagen heran, auf welchem die Riesenwaffe des Gottes der Vernichtung lag.

Rama sprang vor, hob mit kräftigem Arme das schwere Gewaffen vom Wagen, und schickte sich an, die schlaffe Sehne zu spannen.

Aber kaum drückte seine gewaltige Faust auf das Ende des Bogens, so sprang dieser mit furchtbarem Krachen entzwei. Das Getöse warf alle Anwesenden, bis auf Dschanaka, den Heiligen und die beiden Prinzen, zu Boden.

Nun bat Wischwamitra den König um Sitas Hand für seinen Zögling Rama.

Und als Dschanaka voll Freude dem Helden die Holde zuführte – als Ramas Auge voll Wonne erglänzte –, da lachte der Heilige aus vollem Herzen.

Während in Mithila eifrig zur Hochzeit gerüstet wurde, gingen ehrwürdige Boten nach Ajodhia, um König Dascharatha mit seinem ganzen Hofstaat zur Feier zu laden.

Voll Stolz vernahm der Vater die Kunde von seines Sohnes Heldenkraft, voll Freude willigte er in seine Vermählung und reiste mit seinen Söhnen, seinen Räten und den stolzesten seiner Recken auf schnellen Elefanten nach Mithila.

Dort ward er mit höchsten Ehren empfangen, und die Hauspriester der beiden königlichen Geschlechter bereiteten das Opfer zur feierlichen Hochzeit.

Wasischta, der Purohita der Raghuiden – so hieß das Königsgeschlecht von Ajodhia nach seinem berühmten Vorfahren Raghu –, warb für die Brüder Ramas um drei Prinzessinnen aus Dschanakas Haus, und im Palaste zu Mithila wurde das vierfache Fest gefeiert.

Im Blumenschmuck der prächtigen Halle, im Dufte aus den Weihrauchbecken und unter dem Gefunkel der goldenen Hochzeitsgaben nahm der greise Brahmane die Eide ab, ließ die Paare vor dem heiligen Hausfeuer die Hände ineinander legen und sie den rauchenden Altar in sieben feierlichen Schritten nach rechts hin umwandeln.

Segenssprüche und Glückwünsche geleiteten die Neuvermählten bis an das Tor des Palastes. Und dort empfing sie der Jubel des Volkes, fröhliche Weisen und anmutige Tänze und Spiele.

Dascharatha gab jedem der Söhne gar reiche Morgengabe und beschenkte die Opferpriester mit schier unermeßlicher Großmut.

Wischwamitra kehrte gleich nach der Hochzeit, verehrt und bedankt, in seine Klause zurück und lebte wieder ganz seiner Gottseligkeit.

Die Gäste aus Ajodhia aber nahmen noch an manchem glänzenden Fest zu Mithila teil, und erst nach vielen Wochen rüsteten sie zur Heimkehr.

Die Karawane war durch die Elefanten, Pferde, Diener und Sklaven der vier Prinzessinnen viel größer als bei der Reise nach Mithila. Sie hatte aber glückliche Fahrt, bis zum letzten Nachtlager vor Ajodhia.

Dort zeigten sich böse Vorzeichen, und am Morgen sperrte der gefürchtete Paraschu-Rama ihren Weg.

Paraschu-Rama oder ›Rama mit der Axt‹ war der Sohn des Brahmanen Dschamadagni. Wüste Kriegsleute erschlugen einst den greisen Priester während einer Andacht, und damals hatte der brahmanische Jüngling der Kriegerkaste furchtbare Rache geschworen.

Mit der Axt, die ihm seine Klause aus dem Walde gehauen hatte, zog er gegen die Kschattrijas zu Felde und vernichtete diese Kaste, wo er sie traf. Wischnu hatte dem starken Brahmanen einen Bogen geschenkt, und fortan war er schier unüberwindlich. Die stärksten Recken fürchteten diesen kriegerischen Priester und wichen ihm aus.

Nun stand der Sohn und Rächer Dschamadagnis im Wege des königlichen Zuges und rief mit schrecklicher Stimme:

»Rama, Sohn des Dascharatha! Du Kriegerlein hast den Bogen Schiwas zerbrochen. Ich, Rama, der Sohn des Dschamadagni, trage den Bogen Wischnus. Vermagst du den zu spannen, so bist du wert, mit mir zu kämpfen; versagt deine Kraft, so soll mein Beil dich mit den Übrigen deiner Kaste fressen!«

»Ich ehre dich als Priester!« rief Dascharathas Sohn dawider, »doch als Krieger will ich dich besiegen! Reich' mir die Waffe:«

Und mit ruhiger Kraft besehnte der starke Prinz den riesigen Bogen, legte einen Pfeil auf und richtete ihn gegen den erstaunten Dschamadagnisohn.

»Jetzt, kriegerischer Priester, bist du in meiner Hand!« sprach er ernst. »Mein Pfeil beendet entweder dein Streifen auf Erden, oder er zerstört deinen Sitz im Himmel. Wähle!«

»Nein!« knirschte der Priester. »Ich will von der Rache auf Erden nicht lassen, lieber noch von des Himmels Seligkeit!«

Da öffneten sich die Wolken über den beiden Ramas, und Götter und Genien jubelten dem Sohn Dascharathas zu.

Der aber hob den Bogen und schoß den Himmelssitz des rachsüchtigen Priesters in Trümmer.

Paraschu-Rama erzitterte. Er neigte sich vor seinem Überwinder und sprach:

»Wahrlich! in dir lebt Wischnu, du starker Feindebezwinger! Die Himmlischen sehen mit Freude deine Taten. Ich bin besiegt!«

Und gebeugt schritt der Unterlegene hinweg, erbaute sich auf dem Mahendra eine Klause und ward von Stund' an ein demütiger Büßer.

Dascharatha umarmte seinen heldenkühnen Sohn und sandte schnellfüßige Boten voraus, auf daß Ajodhia den Sieger und seine Gattin festlich empfange.

Die Verbannung

Kauschalja, Kaikeyi und Sumitra, die drei Königinnen, begrüßten ihre Söhne und deren junge Gattinnen mit hellem Jubel. Dascharatha gab jedem der neuvermählten Paare einen Palast zu eigen, und die Götter schenkten dem edlen Königshaus Glück und Zufriedenheit durch manches lange Jahr.

Bharata, der Sohn der Kaikeyi – und mit ihm Schatrugna, einer der Sumitrasprossen – zog bald nach Kekaya und lebte dort am Hof eines Oheims, der den Sohn seiner schönen Schwester eingeladen hatte.

Dascharatha begann unter der Last seiner Jahre zu seufzen.

Und da er in seinem ältesten Sohne Rama den edelsten Menschen, den tapfersten Krieger erkannt hatte, so rief er die Großen seines Reiches zu feierlichem Rate zusammen und verkündigte ihnen, daß er die Herrschaft mit all ihrer Bürde und Würde dem trefflichen Kauschaljasohn übergeben wolle.

Sumantra, des Königs Wagenlenker, mußte den Prinzen in die Versammlung bringen, und als der Herrliche vor seinem greisen Vater stand, verkündigte dieser ihm in Worten voll Weisheit und Liebe seinen Entschluß:

»Du Sohn meiner ersten Königin!« schloß er gerührten Herzens, »du bist der Reichste an Würde, der Würdigste an Reichtum der Seele! Bleib wie du bist, mein Stolz! und nie wird der gelbe Königsschirm einen Besseren beschaltet haben. Herrsche mild über die Guten, streng über die Schlechten, am strengsten über dich! – Gehe nun heim und verbringe die Nacht mit der Gattin in Fasten und Beten, denn morgen will ich dich vor allem Volke zum Herrn der Erde weihen!«

Frohe Botschaften aber sickern durch dicke Mauern:

Als Rama nach seinem Palaste zurückkehrte, jubelte das Volk von Ajodhia seinem Liebling und künftigen Herrscher fröhliche Heilrufe zu.

Die bucklige Manthara, eine Zofe der Königin Kaikeyi, stand mit Ramas Amme in der Menge und hörte mit dem Neide des Krüppels das überschwengliche Lob des Herrlichen aus dem Munde der getreuen Alten und aus der tönenden Freude des Volkes.

Unheilsinnend ging sie nach Hause und betrat das Gemach der Gebieterin.

Königin Kaikeyi schlief. Die Bucklige rüttelte sie am Arme und jammerte heuchlerisch:

»Auf, Herrin! auf! ich kann es nicht sehen, wie man dich, du Herrliche, kränkt und demütigt. – Bist nicht du die einzige Königstochter unter des Herrschers Frauen! Warum stellt er dich unter Kauschalja, die Kosalerfürstin? Wisse: der König will morgen Rama zum Herrn der Erde weihen!«

»Dank dir für diese Nachricht!« sprach lächelnd Kaikeyi. »Rama ist der Edelste und Stärkste! Ich liebe ihn wie meinen eigenen Sohn!«

»So? – so?« keifte die Bucklige. »Und dein herrlicher Bharata soll leer ausgehen? – O Herrin, Königin, du bist krank!«

Und sie schilderte mit bewegten Worten das Elend, das die Gebieterin erwarte, wenn der Sohn der Kauschalja den Thron bestiege: Zurücksetzung, Armut, ja Verbannung konnte, mußte sie treffen.

Kaikeyi wurde unruhig, und die Bucklige schmiedete das heiße Eisen:

»Sag'! hat nicht Dascharatha zwei Wünsche dir zu erfüllen versprochen, als du ihn nach der Asurenschlacht von seiner Todwunde heiltest? – Hat er nicht? – Sieh! hier ist ein Weg, der Schmach zu entgehen!«

»Was soll ich fordern?« fragte Kaikeyi schnell, die von der Bösen schon ganz gefangen war.

»Daß er deinen Sohn Bharata zum König weihe und Rama in den Wald verbanne!« zischte der Bucklige.

Und als Dascharatha ins Frauenhaus kam, fand er seine Gattin Kaikeyi ohne Schmuck, mit zerrissenen Kleidern und aufgelöstem Haar, auf dem Boden des finsteren Gemaches liegend.

Erschrocken fragte der König nach der Ursache des klagenden Schmerzes.

Doch Kaikeyi blieb verstockt, erinnerte Dascharatha vorerst, daß sie zwei Wünsche frei hätte, und ließ sich deren Erfüllung aufs neue beschwören.

Dann sprach sie sie aus: Bharata sollte den Thron besteigen und Rama in die Wüste ziehen!

Wie vom Blitze getroffen fiel Dascharatha zu Boden und blieb besinnungslos liegen.

»Oh – oh!« ächzte er, als er endlich unter dem angstvollen Rütteln Kaikeyis erwachte. »Oh – äfft mich ein Traum? – Nein – nein! Du bist die Viper, die ich in mein Haus genommen habe. – Heuchlerin! – hast du nicht Rama über alle gepriesen? – Du nicht Kauschalja wieder und wieder um des besten Sohnes willen beglückwünscht? – Schlange!

Doch nein! – Du scherzest nur – täuschst mich und dich – mein Rama! wer sollte dich kennen und nicht lieben! Du neue Jugend meines Alters – du Sonne meiner Welt – du Überfluß für meines Herzens Not! – Genug, Kaikeyi! Du hast das nicht gefordert!«

»Willst du dich so um deine Eide stehlen!« schrie die Königin. »Verachtung müßte dir das Leben kürzen und der Götter Fluch dein Sterben zur Ewigkeit dehnen! – Du hast's beschworen – zweimal – feierlichst: Bharata herrscht, und Rama wird verbannt!«

Wieder fiel Dascharatha zu Boden und lag die ganze Nacht ohne Besinnung.

Kalt saß Kaikeyi bei ihm und ließ reifen, was sie gesät hatte.


Am Morgen kam Sumantra, der Wagenlenker, um nach alter Vätersitte seinen Herrn mit einem Bardenspruch zu wecken. Am Eingang des Gemaches sang er:

»Wach auf!
Es harrt, o Herr, dein Rat, dein Heer, dein Volk,
Wie wogenstille Wasser auf die Sonne
Zur Morgenstunde!
Dein Glück erglänz' ob dem Gedeihn der Werke,
Dem Tagestun der Tät'gen, bis zur Ruhe
Der Abendstunde!
Wach' auf!«

»Oh – oh – wer preist mich glücklich?« seufzte erwachend der König.

Erschrocken trat Sumantra zurück.

Kaikeyi, die Schlaue, aber rief: »Der König ist müde von den Herrschersorgen dieser Nacht. Prinz Rama komme sie ihm tragen helfen!«

»Ja! – Rama – Rama!« seufzte Dascharatha.

Und Sumantra eilte hinweg, den Prinzen vor dem König zu rufen.

Durch die festlich geschmückten Straßen fuhr Rama unter den Heil- und Segensrufen der Bevölkerung nach dem Palast, durchschritt rasch die fünf Höfe und betrat das Frauenhaus. Als er den König und Kaikeyi begrüßte, sah er des Vaters schmerzzerwühltes Antlitz.

»Ehrwürdiger Vater!« rief er erschrocken, »bin ich der Quell deiner Tränen?«

Der müde Greis hob abwehrend die Hand, doch ließ ihm der würgende Gram kein Wort über die Lippen schlüpfen.

»O sprich mit mir!« bat Rama voll Sorge.

Da erhob sich die schlaue Königin und sprach:

»Der König hat einen Wunsch, dessen Gewährung dich betrüben muß, Rama! Und doch ist er mit heiligen Eiden an die Erfüllung gebunden. Gelobst du, dich des Vaters Willen zu fügen, wie er auch sei, so will ich dir ihn nennen!«

»Du zweifelst an mir, Königin?« rief Rama voll Trauer. »Was könnt' es auf Erden und im Himmel geben, das ich nicht freudig meinem Vater opferte! – Sprich nur! – Was er gelobt hat, halte ich!«

»So laß die Herrschaft meinem Bharata!« rief Kaikeyi schnell. »Und, daß nicht Reue dich zur Rache treibe, leb' vierzehn Jahre lang vom Reiche fern im Wald!«

»Gewährt! – und gern gewährt!« nickte Rama. »Der wahren Weisheit Quelle rinnt im Walde reiner, als im Palast des Herrschers! – Ich lös' des Vaters Wort noch heute!«

Dascharatha brach in lautes Schluchzen aus.

Rama aber sank vor ihm in die Knie, berührte ehrfurchtsvoll des Greises Füße mit der Stirn, beugte sich auch in Ehrerbietung vor Kaikeyi, und verließ den königlichen Palast, um von Mutter und Gattin Abschied zu nehmen.

Kauschalja mochte ihren herrlichen Sohn nicht ziehen lassen, und Lakschmana, Ramas getreuer Bruder aus dem Schoße der Sumitra, wollte der List Kaikeyis mit Gewalt begegnen.

»Bruder!« rief er, »zu schnell hast du dem Zagen des kindischen Greises, dem Drohen der falschen Königin nachgegeben! – Deine Opferwilligkeit in Ehren – doch mir gilst du – und du allein – als Herrscher dieses Reiches. Ich steh' zu dir als dein erster Vasall und weiß ein Schwert zu schwingen!«

»Schweig! ungestümer Freund und Bruder!« erwiderte Rama ernst, »und schilt den Vater nicht und keine seiner Frauen. Das Schicksal hat Kaikeyi den Wunsch und dem Vater den vorschnellen Eid in den Mund gelegt! – Dem beug' ich mich!«

»Ich aber nicht!« schrie Lakschmana drohend. »Hab' ich nicht Kraft in den Armen und Mut im Herzen, um das Schicksal zu bezwingen? – Trag' ich den Bogen zum Schmuck, die Keule, zum Spiel? – Fürchstest du das Volk zu entzweien? – Laß mich's hinausschreien auf offenem Markt, wie um eines Weibes Lächeln an dir und dem Reiche gefrevelt wird, und alle stehen wie ein Mann hinter dir! – Laß mich dich schützen, Bruder!« fuhr er weicher fort. »Sieh hier die sandelduftenden Hände – für dich will ich sie in Blut tauchen – sieh die goldgeschmückte Brust – für dich will ich sie in Erz hüllen – sieh die Knie, die ich vor dir beuge, sie sollen mein Streitroß zum Siegeslauf zwingen für dich!«

»Dank, Bruder, für deine Treue!« sprach Rama gerührt. »Doch wo Glück und Pflicht einander widerstreiten, da entscheiden nicht starke Arme und kräftige Schenkel. Ein großes Herz läßt Glück und Lust und fragt nur nach der Pflicht: Des Vaters Wort weist sie dem Sohne, und er gehorcht mit Lust, auch wenn's zum Leide geht!«

»So gehe, mein Sohn, und lebe wohl!« sprach Kauschalja weinend.

Rama sank vor der Mutter nieder, schmiegte sein Haupt an ihre Füße und hörte die Segenswünsche der zärtlichsten Sorge und Liebe.

Endlich riß er sich los und eilte aus Kauschaljas Palast zum schwersten Abschied – zum Abschied von seinem jungen Weibe.

Lakschmana aber folgte ihm auf dem Fuß, denn er wollte den verbannten Bruder nie wieder verlassen.

Sita saß daheim und erwartete, daß der Gatte in seinem neuen Königsschmuck vor sie träte. Sie ahnte nicht, was die Morgenstunden gebracht hatten.

Plötzlich stand Rama vor ihr. Gebeugt und traurig: er sollte vom Liebsten scheiden.

Erschrocken sprang Sita auf: »Was ist dir, Herr? – Du blickst so düster – heut' – zur Krönungsfeier? – Doch du bist nicht im königlichen Schmuck – du kommst allein. – Was ist geschehen?«

»Sita! ich bin des Reiches verwiesen!« sprach Rama zögernd. »Ein schneller Eid band Vater an den Wunsch Kaikeyis: Ich bin verbannt, und Bharata wird König! – Leb' wohl! – Ich folge meiner Pflicht –und du – vergiß des Fernen nicht! Ehr' meine Mutter, als wäre sie die deine, und neige dich in Demut vor dem neuen Herrscher – –«

»Du scherzest, Herr! – denn wärest du gebannt, zög' ich mit dir, so wie ich mit dir sterbe, wenn du stirbst! – Wir zwei sind eins! wie könnten wir uns trennen!«

»O Sita!« rief Rama, »du kennst den wilden Wald nicht! Seine rauhen Wege –«

»Ich muß vor dir schreiten und sie ebnen!«

»Wind und Wetter rauben den Schlaf –«

»Dein Haupt soll in meinem Schoße sanft gebettet sein!«

»Raubgierige Tiere –«

»Ich will mich in ihren Rachen stürzen, auf daß ihr Hunger von dir lasse!«

»Mein Weib, mein treues Weib!« rief Rama und schloß Sita in seine Arme. »Darf ich dich denn ins Elend führen?«

»Nur wo du fern bist, haust das Elend!« flüsterte die Edle an seiner Brust. »Mit dir werden mir die ragenden Stämme des Waldes güldne Palastsäulen scheinen und ihre Kronen seidene Königsschirme! Wie über Teppiche werde ich über das Moos schreiten, und süße Beeren werden unser Festmahl sein!«

»O meine Sita!« jubelte Rama. »Der heutige Tag hat mir mehr als eine Krone, er hat mir ein Herz geschenkt! Verteile unser Eigen an die Priester und die Diener des Hauses, und rüste dich zur Fahrt in die Wildnis!«


Rama, Sita und Lakschmana standen in Büßerkleidung vor dem greisen König, um seinen Segen mit in die Wüste zu nehmen.

»Kaikeyi!« flehte der zitternde Alte, »ist dein Stolz noch nicht befriedigt? – Fürchtest du nicht des Himmels Strafe, wenn du den gerechten Rama, den treuen Lakschmana, ja die zarte Sita, den Gefahren der Wüste preisgibst?«

Kaikeyi schwieg und Dascharatha weinte still vor sich hin.

Da sprang Sumantra, der Wagenlenker und erste Rat des Königs, vor.

»Starrsinnige Königin!« rief er. »Wird deine Seele nicht weich unter des greisen Gatten Tränen, beugt sich dein Sinn nicht vor der Größe unverschuldeten Elends, so soll deine Hoffahrt in den Staub getreten werden, dein Herz brechen unter der Schuld an allem Elend im Reich! – Auf! Ehrwürdige Priester! Auf, stolze Recken, reiche Kaufherrn und fleißige Bauern! Ramas Fahrt soll ein Heereszug in neues, fremdes Land werden, und nur tote Steine und ein Haufen Gesindel unter Bharatas Herrschaft zurückbleiben!«

»Verräter!« schrie Kaikeyi. »Ich habe des Königs heiliges Versprechen und bestehe auf meinem Rechte!«

»Zu deinem Schaden!« lachte Sumantra. »Weißt du wie's deiner Mutter erging? – Ein Heiliger hatte ihrem Gatten die Gabe verliehen, die Sprache aller Tiere zu verstehen, doch durfte er bei Leben und Sterben nicht verraten, was er erlauscht hatte. Einst hörte der König die Stimme eines ›Gähners‹ und, da er verstand, was der drollige Vogel schwätzte, mußte er laut auflachen. Neugierig fragte deine Mutter, worüber der König gelacht habe. ›Ich darf es nicht sagen!‹ sprach ihr Gatte, ›sonst muß ich heute noch sterben!‹ ›Du mußt! Du mußt!‹ drängte das Weib, und als der König sich wieder weigerte, schmollte, klagte, heulte sie und gebärdete sich wie unsinnig. Da ging dein Vater zu seinem Heiligen und fragte ihn um Rat.

Der Ehrwürdige aber sagte: ›Du stirbst heute noch, König, oder du verstoßest die Lieblose, der ihre Neugierde mehr gilt, als das Leben des Gatten!‹

Darauf ging dein Vater entschlossen nach Hause, jagte die Unsinnige aus dem Palast und lebte fortan in Ruhe und Glück.

Dir aber, Königin, ward die Geschichte deiner Mutter verschwiegen, auf daß dein Starrsinn, ihr Erbe, nicht geweckt würde. – Doch vom Dornenstrauch fließt eher Blut als Honig! – Bestehe nur auf deinem vermeintlichen Recht – dein Sohn aber wird über Tschandalen und wilde Hunde herrschen!«

»Ja, ja!« rief Dascharatha, zitternd vor Freude. »Mein Heer! – ich will mit meinem Sohn und meinein Volke ziehen!«

»Halt, Vater!« rief Rama. »Nicht lüstet mich nach dem Sattel, wenn das Roß verloren ist! Bharata herrsche über das Reich und die vier Stände, ich aber suche das Glück in der Waldeinsamkeit: Soll ich feilschen um Wort und Pflicht? Mit dem Schicksal um Kronen hadern, weil es des Vaters Wort und Ehre gegen des Sohnes Behagen gewogen hat? – Nein! – Lakschmana und Sita wollen meine Armut teilen – sie sind willkommen! – Ihr anderen aber bleibt und gehorcht meinem Bruder Bharata, wie ihr mir gehorcht hättet.«

»Wie du es willst, mein Rama!« sprach Dscharatha müde.

Dann wandte er sich zu Sumantra:

»Geh, teurer Freund! Lege zwei gute Schwerter auf meinen Wagen, zwei starke Bogen, scharfe Pfeile, Kleidung und Nahrung! dann fahre meine Söhne mit Sita nach des Reiches Grenzen! Es ist die letzte Ehre, die den Verbannten erwiesen wird.«

Gerührt fielen die Ausgestoßenen dem Greis zu Füßen und berührten sie ehrfurchtsvoll mit der Stirne. Ernst erhoben sie sich, wandelten rechtshin um den weinenden Vater, und verließen unter den Klagerufen der Zurückbleibenden den Palast.

Sumantra mit des Königs Wagen erwartete sie am Tor.

Hinter Sita bestiegen die Prinzen das Gefährte; der Lenker schwang den Stachelstock und trieb die Rosse langsam durch die den Wagen umdrängende Volksmenge.

»Rama! Rama!« klang es zu den Scheidenden empor. Und: »Heil der Edlen aus Mithila und dem wackeren Lakschmana, die dem Besten treu bleiben bis ans Ende! – Bleibt alle bei uns! – Bleibt!«

»Schneller!« flüsterte Rama dem Wagenlenker zu, und Sumantra stachelte die Rosse, daß sie das Volk hinter sich ließen, und eine Staubwolke die einzige Begleiterin der Verbannten blieb.

Dascharatha stand an einem Fenster des Palastes, und sein tränenverschleiertes Auge hing an jener Wolke, bis sie in der Ferne verschwand.

Dann wandte er sich ab und fiel wie vom Blitz getroffen zu Boden.

Kauschalja und Kaikeyi sprangen hinzu, um zu helfen. Da hob der König die Faust und schrie:

»Zurück, Kaikeyi! Du bist mein Weib nicht mehr! und besteigt Bharata den Thron der Ikschwakuiden, so weise ich als Seliger sein Totenopfer von mir!«

Entsetzt verhüllte die Fürstin ihr Haupt und wankte aus der Halle.

Kauschalja ließ den Gebrochenen in ihr Haus tragen und weinte an seinem Lager die ganze Nacht.

Kaikeyi aber sandte schnelle Boten an den Hof ihres Bruders, um ihren Sohn Bharata heimzurufen, zu Reichtum und Macht, zu Ehren und Würden.

Dascharathas Tod

Fünf Tage schon lag der König auf seinem Lager, schweigend und düster. Kauschalja wich nicht von seiner Seite, und als der erste Schmerz in einem Strom von Tränen dahingeflossen war, regte sich Unmut in ihr, ob des Königs Schwäche vor Kaikeyi.

»Nennt ihn das Volk nicht den Gütigen, und doch weist er die Gerechten aus ihrem Glück!« klagte sie. »O zarte Sita, Kleinod meines Sohnes, wie wirst du Glückverwöhnte, leiden in Wind und Wetter. – Und er, der Edle! – wird sein Elend nicht verdoppelt im Anblick des deinen? – Vierzehn Jahre! vierzehn Jahre! – Und kehrt er wieder nach dieser Zeit, so wird er die Herrschaft nicht wollen aus Bharatas Hand. Der Tiger frißt nicht, was der Schakal übrigläßt! – Oh – oh – er wird nicht wiederkehren! – Auch ich bin verlassen und verloren! Ohne Halt ist das Weib ein Schilfrohr im Sturm: Die Eltern starben mir, mein Gatte hat all' seine Kraft vergeudet, um meine letzte Stütze, den Sohn, zu brechen. Schwächer ist er nun als ich schwaches Weib! – Ich habe keine Zuflucht mehr auf Erden!«

»Zerreiße nicht dies müde Herz!« stöhnte Dascharatha. »Hab' Mitleid mit einem Sterbenden! – Höhn' nicht den Gatten, wenn er auch gefehlt hat. – Du bist ein gutes Weib – du mußt deinen Gebieter ehren bis ans Ende! – Oh – es kommt – kommt bald – und Rama ist so weit! – Ach, ich ahn' es, warum das Schicksal mich schlägt: Für eine alte Schuld heischt es die Sühne! – Hör' mich, Kosalerin:

Ich war kaum sechzehn Jahre alt und entlief meinem Waffenmeister, um im Walde meine junge Heldenschaft zu erproben. In einem Dickicht am Ufer der Saraju lauerte ich auf Elefanten, die dort zur Tränke gehen mußten.

Schon lag der Abend über Wald und Fluß, als ich hinter dem deckenden Gebüsch lautes Plätschern hörte. Rasch hob ich den Bogen und schoß dem Schalle nach, wie ich es vor meinem Waffenmeister oft hatte üben müssen.

Ein Stöhnen wie aus Menschenbrust erschreckte mich. Ich sprang durchs Dickicht und sah einen Jüngling in Büßertracht sich in seinem Blute wälzen.

›Was tat ich dir, o Herr?‹ sprach er wehmutsvoll.

›Nichts – nichts!‹ rief ich entsetzt. ›Ein Irrtum – ein Versehen! – Ihr Götter! wie schaff ich Hilfe? – Ist die Wunde tödlich – schmerzt sie?‹ Ich wußte nicht mehr, was ich sprach.

›Herr!‹ röchelte der Sterbende, ›ich fürchte den Schmerz nicht und nicht den Tod – doch meine Eltern – dort – im Busch – sind blind. Ich war die einzige Stütze ihres Alters! – Bring' ihnen die Früchte, die ich gesammelt und das Wasser, das ich geschöpft habe –‹

Und damit verschied der gute Sohn.

Ich saß lange an seiner Leiche und wagte es nicht, vor die beraubten Eltern zu treten. Endlich, als ich in der Ferne ängstliches Schreien und Rufen hörte, nahm ich Korb und Krug des Getöteten und ging den Tönen nach in den Wald.

Dort fand ich eine Schilfhütte und an ihrer Türe, ängstlich nach meinen Schritten lauschend, die beiden blinden Alten.

›Du bleibst so lange aus, mein Kind!‹ murmelte der Greis, als ich vor ihn trat. ›Gib mir Wasser! So – so – mein guter Sohn!‹

Und dann drängte sich die blinde Mutter an mich und streichelte die Hand, die ihren Sohn getötet hatte.

Entsetzt sprang ich zurück.

›Oh, flucht mir nicht!‹ bat ich stockend. ›Ich bin Dascharatha, des Königs Sohn! – ich hab' euer Kind getötet, als ich auf einen trinkenden Elefanten zu schießen glaubte – vergebt – verzeiht! – wie der Sterbende mir verziehen hat!‹

Gebrochen sanken die Alten einander in die Arme und weinten herzzerreißend.

Endlich richtete sich der blinde Büßer auf und sprach:

›Ich bin kein Brahmane, und dennoch müßte mein Fluch vom Schicksal erhört werden und dein Leben vergiften! – Führ' uns zu dem Gemordeten, Prinz, daß wir noch einmal die Hände küssen, die unser Alter verschönten!‹

Ich brachte die Blinden zur Leiche des Sohnes. Sie fielen bei ihr in den Staub, streichelten und küßten sie, und reinigten sie im Wasser des heiligen Stromes.

›O mein Sohn!‹ hörte ich den Alten klagen, ›warum liegst du so reglos, als kenntest du Vater und Mutter nicht? – Laß uns noch einmal deine sanfte Stimme hören. – Ach! wer soll künftig mein Opfer rüsten – wer trägt uns Trunk und Nahrung zu? – O teurer Sohn! mußtest du heute sterben? – und morgen wären wir alle zusammen in des Todesgottes Haus gegangen! – Nun sieht er dich allein, der Gott des Schweigens! – Ach! wie ein Vater nehme er dich in die Arme und führe dich an die Tafel seiner Helden!

Komm, Mutter, baue mit mir den Holzstoß, auf dem unser Sohn zu Yama steigt!‹

Und die beiden müden Alten schleppten alles Holz aus ihrer Hütte herbei, hoben mit Mühe den Leichnam des Sohnes hinauf und legten Feuer an das Astwerk.

Dann sprach der Blinde zu mir:

›Drei Herzen hat dein Pfeil durchbohrt! – Weil du deinen Fürwitz reuig gestanden hast, will ich dein Leben nicht verfluchen, Königssohn! aber mein Fluch soll dein Sterben treffen: Kummer um einen trefflichen Sohn soll dich einst aufs Totenbett werfen, und dein letzter Atem hauche Sehnsucht nach dem Verlorenen!‹

Hand in Hand mit der blinden Gattin sprang der Greis dann in die lodernde Flamme, und drei fromme Seelen stiegen im Rauch zu Yamas Wohnung hinauf.

Was ich gesät, das ernt' ich nun!« schloß der König mit einem tiefen Seufzer.

Kauschalja legte ihre Hand auf die glühende Stirne des Gatten.

»Ich sehe dich nicht mehr, Königin!« flüsterte er im Fieber. »Wie Blut fließt es vor meinen müden Augen! – Wo blieb das Licht der Ampel? – Ist Rama nicht hier? daß er des blinden Vaters Hand ergreife! – Wo ist mein edler Sohn? – oh, daß er ferne von mir weilt, da ich doch sterben soll! – Wie glücklich sind die, die ihn wiederkommen sehen. – O ihr Götter – was hab' ich getan! – Rama! führ' deinen Vater an des Todes Pforte! – O mein Sohn! mein Rama – Rama – Rama –!«

Als Sklavinnen am anderen Morgen das Gemach betraten, fanden sie Kauschalja in heißen Tränen an der Leiche Dascharathas.

Die Brüder

Am Rande der Wildnis hatte Sumantra die Verbannten auf Ramas wiederholten Wunsch verlassen. Er kehrte auf schnellem Wagen nach Ajodhia zurück und brachte der um den Tod Dascharathas trauernden Stadt die Kunde, wohin sich die fürstlichen Büßer gewendet hatten.

Die aber schritten draußen fröhlich durch den lachenden Frühling. Lakschmana ging als Hüter und Führer voran, Rama und Sita folgten in freundlichem Gespräch.

Feigen, Nüsse, Honig und jagdbares Wild boten ihnen reichliche Nahrung, und manche Quelle, mancher Fluß, den sie durchwaten mußten, löschte ihren Durst.

Reinen Herzens erfreuten die Guten sich an den Wundern des Waldes: Hier klang des Kokilas Ruf wie Jauchzen, dort schlug ein Pfau sein Rad, und die Sonne rieselte durch das Blätterdach wie ein Fall von Edelsteinen. Des Himawat greises Haupt grüßte von ferne, und der bunteste Teppich liebkoste die wandernden Füße; Lianen schlangen sich, wie zum Fest, von Gipfel zu Gipfel, und ein Duftmeer erfüllte die linde Luft. Silberschimmernd glitt am Abend die Dämmerung durch das Geäst, nachts aber ward im Flackern des Lagerfeuers das Schweigen des Waldes hörbar und übertönte die Tanzweisen der Elfen, die flinke Arbeit der Zwerge, welche die Wildnis pflegten.

An einem herrlichen Wasserfall beschlossen sie endlich zu siedeln. Lakschmana fällte Bäume und baute eine geräumige Hütte. Rama errichtete einen Altar und weihte in feierlichem Opfer ihre Waldwohnung ein.


Bharata und sein Bruder Schatrugna lebten noch immer am kekayischen Hof.

Eines Morgens, als unheilschwangere Träume den Kaikeyisproß aus dem Schlafe schreckten, wurden ihm Boten seiner Mutter gemeldet. Diese brachten ihm Kaikeyis Aufforderung, rasch nach Ajodhia zurückzukehren, denn der Mutter Herz klage nach dem fernen Sohne. Ramas Verbannung und den Wechsel in der Thronfolge verschwiegen die Boten auf Befehl ihrer klugen Gebieterin.

Durch die schlechten Träume beunruhigt, war Bharata schnell bereit, dem Wunsche der Mutter zu folgen. Mit Schatrugna trat er vor den königlichen Oheim und erbat Urlaub zur Fahrt nach der Heimat.

Auf schnellen Elefanten reisten die Brüder mit Windeseile, denn Bharatas Sorge wuchs aus dem Nichts zu drückender Last.

Da er Ajodhia als trauernde Stadt wiedersah, trieb er sein Tier zu rasendem Lauf und hielt erst vor dem Palaste der Mutter an.

Schatrugna war ihm gefolgt, und ein Diener führte die Prinzen in die Halle, vor die Königin Kaikeyi.

Die Mutter umarmte den ehrfurchtsvoll hingesunkenen Sohn und begrüßte freundlich seinen getreuen Halbbruder.

Als sie nach ihren Verwandten in Kekaya fragte, verwies Bharata sie auf später und rief:

»O Mutter, böse Träume schreckten mich aus meinem Behagen, trübe Gedanken waren meine Begleiter auf der Fahrt, und in der Heimat empfängt mich eine stille Stadt, die keine Freude, ja kaum die nötigste Arbeit zu kennen scheint. – Was ist geschehen? – Welch Unheil ist über die frohen Kosaler gekommen? – Und wo weilt mein Vater, der seit langem dieses Reich beschirmt? – Ist er in Kauschaljas Haus?«

»Er starb, wie alle Alten sterben müssen, und ließ dem Sohn sein weites Reich!« sprach Kaikeyi triumphierend.

Bharata warf sich zur Erde und klagte laut schluchzend um den geliebten Toten.

Kaikeyi versuchte zunächst den Sohn mit allgemeinen Worten zu trösten, dann aber erzählte sie Stück für Stück, wie die kluge Zofe Manthara ihr den ersten Gedanken eingegeben, und sie darauf Ramas Verbannung und die Herrschaft für ihren geliebten Sohn erwirkt hatte.

Schweigend hörte Bharata der Mutter Worte bis ans Ende. Dann fuhr er wie aus einem Traume empor:

»So bist du meines Vaters Mörderin?« schrie er entsetzt. »Du trägst die schwere Last des Unrechts, das Rama und seinen Getreuen widerfuhr? – Grausames Weib – ich will dich nie mehr Mutter nennen!«

Schatrugna aber riß die bucklige Zofe hinter Kaikeyis Stuhl hervor und schlug sie mit der Scheide seines Schwertes, bis der besonnene Bruder ihm in den Arm fiel.

»Lasse sie!« sprach Bharata. »Sie ist ein Weib, und ein solches weiß nicht, was aus seinen Worten wird!«

Durch den greisen Wasischta ließ der Prinz seines Vaters Totenfest rüsten, und die traurige Feier verlief unter den schmerzlichsten Klagen des Hofes und des ganzen Kosalervolkes.

Dann traten die Großen des Reiches vor Bharata und baten ihn, seines Vaters Thron zu besteigen. Denn einem Land ohne König spendet Indra nicht Regen noch Segen, das Glück flieht die Stätten ohne Ordnung, die Priester verweigern den Opferdienst vor einem leeren Thron, und der Knecht dünkt sich dem Herren gleich, wo keiner herrscht!

Schweigend hatte Bharata den Räten sein Ohr geliehen, nun sprach er mit fester Stimme:

»Nicht durch Tun noch durch Denken will ich das Unrecht billigen, das meinem Bruder Rama angetan ward! – Nie will ich den Thron der Ikschwakuiden besteigen, solange ein Würdigerer lebt. – Auf! ihr Edlen des Reiches! wir wollen ein Heer rüsten, unsern einzigen Herrn in Ehrfurcht aus der Wildnis holen und ihn auf den Thron seiner Väter setzen!«

Freudiger Zuruf und lautes Waffengeklirr lohnte dem Prinzen seinen Edelmut.


Im Dandakawalde saßen Rama und Sita auf der Bank vor ihrer Hütte.

Lakschmana kehrte von der Jagd heim und berichtete, wie heut' ein scheues Hasten durch den Wald ginge, ein unruhig Flattern und Fliehen von Vogel und Wild. – »Ob wohl ein Fürst durch die Wälder jagt, oder ein rasender Elefant durch die Wildnis stampft?« schloß er zweifelnd seinen Bericht.

Da klangen von fernher die langgezogenen Töne von Heermuscheln. Ein Klirren von Zittern, wie von Waffen und rollenden Rädern, zog mit dem Wind durch die Wipfel, und Lakschmana erkletterte einen hohen Baum, um die Ursache der Unruhe zu ergr ünden.

»Hallo, Rama!« rief er herunter, »verlösche das Feuer, führ' Sita in unsere Felsenhöhle und nimm deine besten Waffen zur Hand.

Bruder Bharata naht mit großer Heermacht. Ich erkenne sein Banner, den blühenden Baum, auf dem ersten Wagen!«

Er sprang zur Erde.

»Zu den Waffen!« rief er dabei. »Der Eintagskönig fürchtet den Bezwinger Paraschu-Ramas auch noch im Walde! – Er will dich morden! – Aber eher soll mein gähnender Bogen sein halbes Heer verschlingen, und Kaikeyi um den toten Sohn klagen, wie Kauschalja um den lebendigen!«

»Schweig, Ungestümer!« schalt Rama. »War Bharata uns nicht stets ein guter Bruder? – Oh! er liebt mich, wie ich ihn liebe! – Sicherlich will er mich ehren mit seinem Besuch!«

Da schwieg der Heißblütige und trat beschämt hinter den edlen Bruder.

Unter den Bäumen hielten die ersten Wagen an.

Bharata und Sumantra traten vor die Waldsiedler und grüßten sie ehrerbietig.

Rama zog den Bruder an seine Brust und küßte ihn voll Liebe.

»Wie hast du den Vater verlassen?« war seine erste Frage.

»Er konnte die Trennung nicht ertragen und starb mit deinem Namen auf den Lippen, Rama!« sprach Bharata traurig.

Da rief Rama Bruder und Gattin an seine Seite und schritt mit ihnen in das Wasser des Baches neben der Hütte. Mit hohlen Händen schöpften sie daraus, warfen es in den Wind und sprachen dazu:

»Dir, Dascharatha, Sohn des Raghu!«

So ehrten sie nach uralter Sitte den Toten durch die Wasserspende.

Rama aber, als der Nächste des also Geehrten, hatte die heilige Pflicht, die andern Trauernden zu trösten.

In ehrfürchtigen Worten sprach er vom Schicksal, vor dem der Mensch wie ein Tropfen Tau vergeht, sprach von der Enge des irdischen Lebens und der Befreiung durch den Tod, sprach vom Strome des Werdens und Vergehens, in dem zwei Spänlein eine kurze Fahrt gemeinsam machen und im nächsten Wirbel auf immer auseinandergerissen werden. »Klaget nicht um Tote!« schloß er. »Klagt um Lebendige, die jede Morgensonne fröhlich grüßen, und vergessen, daß sie dem Tod um einen Tagesmarsch entgegenwankten! – Der Vater hat der Jahre Last von sich geschüttelt und ist nun selig unter Seligen!«

Und Bharata rief aus:

»Dich, Edler, kann kein Unglück schlagen, und keine Freude dir die Sinne rauben! – Du bist ein Mann! Noch saß kein Besserer auf einem Thron! Drum beug' ich mich vor dir und flehe: Nimm meiner Mutter Schuld von meinem Haupte: kehr' nach Ajodhia zurück und herrsch' im Reich als Erster und als Bester!«

»Nicht eh' die Zeit erfüllt ist!« sprach Rama. »Sind vierzehn Jahre um, so teilen wir die Herrschaft, Bruder, doch jetzt hab' ich des toten Vaters Wort zu lösen!«

Neue Bitten der Brüder und der königlichen Räte vermochten nicht, Ramas Sinn zu ändern.

Da erbat Bharata von Rama die goldgestickten Schuhe, als Sinnbild der Herrschermacht. Nach einem Abschied in Liebe und Ehrfurcht ließ er sein Heer wenden und trat die Heimfahrt an.

Zu Ajodhia stellte Bharata die Schuhe Ramas vor den Thron der Ikschwakuiden und führte die Herrschaft gerecht und weise. Doch nie ließ er sich König nennen, denn er wollte nur der Reichsverweser seines Bruders Rama sein.

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