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Sagen und Märchen Altindiens. 2. Band

Alois Essigmann: Sagen und Märchen Altindiens. 2. Band - Kapitel 12
Quellenangabe
typefairy
authorAlois Essigmann
titleSagen und Märchen Altindiens. 2. Band
publisherAxel Juncker Verlag
year1920
senderwww.gaga.net
created20050429
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Vorgeschichte

Ravana

König Ravana von Kekaya hatte mit seinen Brüdern die Burg des Zauberers Siwadatta gebrochen und ihre Mauern geschleift. Tausend Büchslein und Krüglein, mit Pulvern, Kräutern und Salben, hundert Blätter mit geheimnisvollen Sprüchen, und zwei Wagen voll Zauberwaffen aller Art führte der Sieger hinweg und verbarg das gefährliche Gerät in einer fast unzugänglichen Höhle vor der Gier und Gewissenlosigkeit der Menschen.

Siwadatta war wie der Fuchs aus dem Bau gefahren und hatte nur einen einzigen seiner gewaltigen Zauber mit auf die Flucht nehmen können. Dieses letzte Mittel zur Rache an seinen Todfeinden behütete er wie seine Augen, um es bei günstiger Gelegenheit zur Hand zu haben. Nicht weit von Ravanas Residenz siedelte er sich im Walde, mitten unter frommen Brahmanen, an und harrte geduldig auf die Zeit der Rache. Niemand erkannte in dem würdigen Klausner Siwadatta den bösen Zauberer.

Nach einem langen Jahr des Wartens lieferte das Schicksal ihm seine Feinde aus:

Eines Morgens klangen die Hörner des königlichen Jagdzuges durch den friedlichen Einsiedlerwald, und Siwadatta wußte, daß seine Stunde gekommen war. Entschlossen und doch zitternd griff er nach seinem letzten Zaubermittel: Seinen Nachbarn, einen alten, von allen geliebten, frommen Brahmanen namens Ruru, verwandelte er in einen riesigen Eber und hetzte das Tier den königlichen Jägern entgegen. Kühn fing Ravana den Wütenden mit seinem Speere ab, und bald verkündigte des Königs Muschelhorn den Jagdgenossen, daß eine prächtige Beute erlegt sei.

Jubelnd umdrängten Brüder und Freunde den glücklichen Jäger, staunten über die Größe des erlegten Ebers, beglückwünschten den König und priesen seinen Mut und seine Stärke. Auch viele von den Klausnern waren herbeigeeilt, und nachdem man sich gegenseitig voll Ehrerbietung begrüßt hatte, lud der König alle die Frommen des Waldes und seine Jagdgenossen zu fröhlichem Jägermahl unter den Bäumen ein. Der Eber wurde von geschickten Händen abgezogen und ausgeweidet, und bald prasselte er an einem gewaltigen Spieße über einem lustigen Feuer.

Als der Braten gar war, machten die Gäste sich fröhlich darüber, und bald war die Hälfte des zarten, saftigen Fleisches verzehrt.

Da rief Siwadatta plötzlich: »O seht! wir essen vom Fleische unseres frommen Bruders Ruru!«

Voll Schrecken starrten alle nach dem Spieß, der noch vor kurzem die Überreste des Ebers getragen hatte: das gespießte Haupt zeigte die schmerzverzerrten Züge des guten Klausners, und von seinem Leib war noch so viel zu sehen, als die Esser von dem gebratenen Eber übriggelassen hatten.

Eisiges Grauen schnürte den Entsetzten die Brust zusammen, und die ersten gestammelten Laute, die sich den Lippen des frommen Dorfältesten entrangen, waren ein schrecklicher Fluch über den Geber des greulichen Mahles.

»Wehe – wehe – Ravana!« stöhnte der zitternde Greis. »Du hast einen Brahmanen ermordet – du hast seinen Leichnam geschändet – du hast fromme, gottergebene Büßer verblendet, daß sie an deinem eklen Mahle teilnahmen und sich vor Gott und der Welt durch Genießen vom Fleische eines der Ihren verunreinigten! – Wehe, du Ungeheuer! – So verfluche ich dich und die deinen, jahrhundertelang als dämonische Ungeheuer durch die Welt zu toben, euch selbst zum Greuel ob eurer Laster und der Welt zur Last ob eurer Greuel!«

»Schweig – schweig – –!« stammelte der König. »Nein!« schrie der furchtbare Alte, »dein Leib soll wachsen wie ein Baum, und deine Nägel sollen wie Messer werden! Deine Haut sei wie faulende Rinde, und dein Haar wie vertrocknetes Schilf! Wie höllisches Feuer soll das Blut in deinen Adern wallen, und zehn Häupter sollen dir wachsen, daß du deine Brunst aus zehn Rachen in die Welt brüllen kannst! Deinem Bruder Kumbhakarna schwelle der Wanst, daß Brahma vor seiner Freßgier für die Welt erzittert! Vibhischana aber, dein jüngster Bruder, vertrockene wie eine Dattel im Winter, auf daß jeden, der ihn sieht, das Mitleid schüttelt! Alle die Deinen, du Ungeheuer, von der ersten Gattin bis zum letzten Troßbuben, sollen dir als Dämonen folgen und dir nur da gut dienen, wo du dem Schlechten dienst!«

Und wie der eifernde Priester in seinem reinen Zorn ob des schrecklichen Frevels Wort um Wort hinausschrie, so erfüllte das Schicksal Zug um Zug den Fluch des bußreichen Brahmanen.

König Ravana wuchs und stand da als das zehnköpfige Ungeheuer. Er ballte in ohnmächtigem Zorn die Finger mit den Sichelkrallen und starrte entsetzt auf den Schorf seiner Arme.

Kumbhakarna quoll auf, mehr als der größte Weinschlauch, und Vibhischana verschrumpfte zum Zwerge.

»Halt ein! – nimm deinen Fluch zurück!« rief Ravana entsetzt. »Ich bin unschuldig wie meine Brüder! – Oh – ich ahn' es – das tat mir Siwadatta an, der Zauberer, den ich aus seinem Schlosse gejagt habe, um meine Untertanen vor seiner Bosheit zu schützen!«

»Siwadatta?« murmelten die Klausner. »So heißt der Bruder, der dich heute des Frevels zieh! – Er lebt erst ein Jahr lang unter uns!«

»So lange ist es her, daß ich seine Zauberfeste brach! – Wo ist er?« rief Ravana.

»Wo ist er? – wo ist er?« schrien alle durcheinander und suchten die nächste Umgebung ab.

Doch der Zauberer blieb verschwunden und ward auf Erden nie wieder gesehen.

Ravana und seine Brüder flehten den alten Heiligen an, seinen Fluch zurückzunehmen.

»Das kann ich nicht!« sprach der Fromme, traurig ob seines schnellen Zornes. »Des Büßers Wort ist einmal und unabänderlich! – Doch da ich dir und den Deinen unrecht getan habe, so sollt ihr jeder einen Wunsch frei haben. Meine Brüder und ich wollen unsere im Himmel aufgehäuften Bußschätze daran wenden, daß die drei Wünsche erfüllt werden!«

»Himmel und Hölle!« tobte Ravana. »Soll ich wegen dieses Plappermaules als Dämon durch die Welt rasen, so soll sie mich mehr fürchten als alles! Ich will, daß keiner der Götter mich besiegen kann!«

»Gewährt!« nickte der Alte. »Die Menschen werden dich bezwingen!«

»Die Menschlein?« lachte Ravana gröhlend. »Die furcht' ich nicht mehr als die Affen!«

»Und du, Kumbhakarna? was wünschest du?« fragte der Älteste den ersten Bruder Ravanas.

Der Dicke riß das Maul auf, denn er war lüstern nach Speise. Sarasvati, die Göttin der Beredsamkeit, schlüpfte unsichtbar hinein und kam gleich darauf als sein Wunsch über die Lippen: » Ich will schlafen, nichts als schlafen!« Brahma hatte vor des Kolosses Freßgier für seine Welt gezittert und ihn darum durch seine Gattin überlisten lassen.

Wiederum nickte der Alte: »Gewährt!«

Das verhuzelte Männlein Vibhischana erhob sich und seufzte unter Tränen: » Oh, gebt mir zum Mitleid auch die Liebe der Menschen! dann will ich mein Schicksal gerne ertragen!«

»Mit tausend Freuden gewährt!« sprach der Alte und legte segnend die Hand auf das Haupt des Bejammernswerten.

»Genug des Tränenspieles!« tobte Ravana. »Euch segnenden und fluchenden Frommen will ich noch in die Feuer fahren! – Auf, Knechte, packt meinen dicken Bruder, der, beim Indra, schon schläft wie eine Ratte, auf einen der Beutewagen. Vorwärts, faules Gesindel, oder ich will euch Beine machen! – Marsch, Pfaffengezücht, in eure Hütten!«

Unter Ravanas Flüchen und Schelten zogen die Büßer sich in ihre Klausen zurück. Die Troßknechte luden den schlafenden Kumbhakarna auf einen der Rüstwagen, und dann tobte der Zug südwärts durch den Wald davon, um Siwadattas Zaubergerät aus seinem Verstecke zu ziehen. Alle Menschlichkeit war in Ravana erstorben, und wie der Wolfshund dem Wolfe an die Gurgel fährt, so wollte der Dämon gewordene Mensch die Menschheit mit allen Mitteln würgen, bis ihr der Atem zum Fluchen verginge.

Sengend und brennend zog die Horde durch alle Lande, und das Kind in der Wiege war nicht sicher vor der Furchtbaren Wut. Wie ein Strom in der Regenzeit schwoll die Schar unter dem mächtigen Dämonenherrscher und vernichtete, was sich ihr Gutes und Nützliches entgegenstellte.

Der Menschheit bangte um ihr Sein und sie lag in brünstigem Flehen vor ihren Göttern und Rettern.

Da trat Narada, der ewig wandernde Götterbote, vor den Dämonenherrn.

»Ravana! Dämon! Ungeheuer! Höllenfürst und Allbezwinger!« begann er zu höhnen. »Wie tapfer schlägst du dich mit den Menschlein herum! Sieh doch, wie großartig, die zu schlagen, die täglich der Tod schlägt! Ei, du bist mir ein Allsieger! – Versuch' deine Kraft einmal an der Menschheit Bezwinger: den Tod greif an, wenn du Mut hast!«

»Du hast recht, armseliger Wurm, darum will ich dich nicht zertreten!« brüllte Ravana, »Auf, auf, meine Getreuen, wir wollen den Völkerversammler Yama in seiner Höhle und Hölle aufsuchen, um unsern Mut zu beweisen! Kommt, wir wollen den Tod töten!«

Johlend brach das Dämonenheer auf und stürmte den Kaïlasa hinan, um durch den Berg in die Unterwelt zu fahren. Auf dem Gipfel verwüsteten die Tollen den herrlichen Hain des Schatzgottes und stahlen seinen goldstrotzenden Wagen Puschpaka. Auf diesem wunderbaren Fahrzeug hielt Ravana seinen Einzug in die Unterwelt. Die armen Sünder, die da auf Rasen aus Dolchmessern, unter Bäumen, die Schwerter trugen, an Bächen von Blut und Quellen von Schweiß ihr Erdenwallen abbüßten, jubelten Ravana als ihren Befreier entgegen.

Da erschien der Gott des Todes auf seinem Streitwagen. Ein wütender Kampf zwischen den beiden Starken entbrannte. Schon hob Yama das Sichelschwert, um das Ungeheuer zu töten, als des Schicksals Stimme im Kampflärm erschallte: »Gott des Todes, du darfst Ravana nicht fällen, denn mein Wort muß sich erfüllen!«

Da spaltete Yamas Schwertschlag die Erde, und der Gott verschwand vor den Augen des jubelnden Dämons.

Siegestrunken zog Ravana zur Oberwelt und forderte in seinem Übermute Varuna, den Herrn der Gewässer, zum Zweikampf. Varuna, des Schicksalsgebotes eingedenk, sandte seine starken Söhne, die wilden Bergströme, über den Frevler. Hei! setzten die dem Heißblütigen zu! Doch Ravana wehrte sich tapfer. Glühender Odem ging aus seinen zehn Rachen und brannte den Söhnen Varunas das Fleisch von den Knochen. Dünn und matt schlichen sie nun durch die Lande, bis ihr Vater mit dem Unbezwinglichen Frieden schloß und ihm als dessen Unterpfand die Insel Lanka zu eigen gab.

Dort gründete Ravana eine befestigte Stadt, brachte Hof und Familie darin unter und rastete selbst oft hier, von seinen Streifen ermüdet.

Doch stets aufs neue fuhr er aus, denn Puschpaka, der herrliche Wagen, den er auf dem Kaïlasa erbeutet hatte, trug ihn durch die Wolken ans Festland. Zehntausend Frauen und Mädchen hatte Ravana bei Göttern und Menschen geraubt und hielt sie in seinem Frauenhause zu Lanka eingeschlossen. Einst riß er in Kekaya ein Weib an sich, welches bei seinem erschrecklichen Anblick verstummt war. Puschpaka trug den Frauenräuber mit seiner schönen Beute durch die Wolken nach Lanka, aber als der Unhold die Wehrlose ins Frauenhaus schleppen wollte, kam eben sein ältester Sohn des Weges.

»Wehe, Vater!« rief dieser beim Anblick der Stummen, »du hast meine verlorene Gattin zu deinem Weibe gemacht! Fluch deinen Gewalttaten gegen Frauen: Zwingst du noch einmal ein Weib, dir zu Willen zu sein, so soll dein fühlloses Herz in sieben Stücke brechen, daß du auf der Stelle verendest.«

Ravana ließ seine unglückliche Schwiegertochter frei, und die Angst vor Erfüllung des Fluches zähmte fortan seine wildesten Gelüste. Meist nahte er sich nun den Geraubten in verzauberter Gestalt, und List, schlaue Rede und geheuchelte Freundlichkeit mußten ihm die rauhe Gewalt ersetzen.

Doch nur den Frauen gegenüber hielt sich der Dämonenfürst im Zaum. Götter und Menschen mußten nach wie vor seine harte Faust fühlen; ja, er drang sogar mit den Seinen in Indras Himmel ein, stellte sich dem gewaltigen Donnerer zum Kampfe, und während undurchdringliche Finsternis das Ringen der beiden Stärksten verhüllte, band der Sohn Ravanas den Götterkönig durch einen mächtigen Zauber. Indradschit, den Indrabezwinger, nannte man seither den kühnen Dämonenprinzen. Indradschit gab seinen Gefangenen erst frei, als dieser ihm die Gunst gewährte, nach jedem Opfer einen Tag lang unbesieglich zu sein.

Nun war der Sohn so schrecklich wie der Vater, und die Menschheit verging schier unter den Greueltaten der Übermächtigen.


Die Lichtgötter waren ob der ihrer Sorge anvertrauten Menschheit bekümmert.

Sie traten vor Brahma, den Schicksalswalter, um seinen Rat, seine Hilfe gegen das Ungeheuer Ravana zu erflehen. Doch des Schicksals Verhängnis ist ewig und unerbittlich.

»Keinem der Himmlischen darf der Verfluchte erliegen!« sprach Brahma. »Doch der Menschen hat sich der Starke, in Verachtung alles Schwachen, nicht versehen. Der Menschen, die er den Affen verglich. Mag ein reiner Mensch den Kampf mit dem Ungeheuer wagen, und Affen sollen ihm beistehen. Vielleicht wird dadurch die Welt von dem Übel erlöst.«

Als Brahma geendet hatte, rauschte es in den Lüften, und Wischnu, der Gott im goldgelben Kleid, kam auf seinem Geier Garuda geritten. Die Himmlischen grüßten ihn mit ehrfürchtiger Gebärde und sangen:

Dreigespaltner! –
Der die Welt errichtet,
Sie erhaltet und vernichtet –
Dreigeeinter! – Sei gegrüßt!

Quell der Quellen,
Ätherweit,
Grund des Werdens und Vergehens,
Herr der Zeit,
Der Ewigkeit,
Hort des Wechsels und Bestehens!
Der du warst, ohne zu werden,
Sonne schufst und Mond und Erden,
Sie erhaltest und erhörst
Und am End' der Zeit zerstörst –
Dreigespaltner, sei gepriesen!

Dreigeeinter!
Der uns vierfach offenbaret
Und doch unerfaßlich ist,
Jedes Lebens Maß bewahret
Und doch unermeßlich ist!
Schöpfer, der du unerschöpflich,
Werd' Geschöpf zum Heil der Schöpfung,
Werde Mensch zum Heil der Menschen
Und der Götter, höchster Gott!

Dreigespaltner! –
Der die Welt erbaut,
Über ihr waltet, das Ende schaut –
Dreigeeinler, errett' uns!

»Euer Vertrauen will ich belohnen!« sprach Wischnu. »Als Menschensohn will ich geboren werden und das Ungeheuer, das die Welt würgt, vernichten. Ein Lehrer, der Krieger ist und Priester – ein Starker voll menschlicher Schwäche, ein Schwacher voll himmlischer Kraft – soll den Erdgeborenen für den überirdischen Kampf stählen. Ihr aber bevölkert mir die Erde mit starken und zauberkundigen Affen, auf daß der Held Hilfe finde gegen die Scharen der Dämonenfürsten!«

So ward Ravanas Untergang beschlossen.

Wischwamitra

Im glänzenden Licht der Morgensonne lag die Einsiedelei des Heiligen Wasischta da.

Blühende und zugleich früchtetragende Baumriesen umschatteten den Platz vor dem kleinen Häuschen und dem sauberen Stall für des Klausners Kuh. Und, als gälte es, ein immerwährendes Fest zu feiern, zogen sich Ranken mit roten, blauen und weißen Blütensternen über Wände, Dächer und Firste der freundlichen Gebäude. Sorglos äste das scheuste Wild, die zarte Gazelle, rings um die Stätte des Friedens. Der Kokila, Indiens Nachtigall, sang seine Weisen, und Kinaras, verliebte Genien mit Roßköpfen, trieben auf der Wiese ihr loses Spiel. Auf der Opferstätte, die unmittelbar hinter der stets offenen Tür der Klause lag, schürten kleine, kaum spannenlange Wesen im Büßerkleid das ewige Hausfeuer und legten wohlriechende Hölzer in die Flammen. Wie die Heinzelmännchen des deutschen Märchens hüteten sie das Haus vor Schaden und dienten dem Guten mit Fleiß und mit Eifer.

Plötzlich schmetterten die Klänge von Heerhörnern in die friedliche Stille.

Wischwamitra, der edle und starke Herrscher des Reiches, zog mit Heeresmacht durch sein Land, um pflichtgemäß überall nach dem Rechten zu sehen.

Wasischta, der fromme Seher und Sänger der Vorzeit, den seine Frömmigkeit, seine Weisheit und Güte und die strenge Bändigung seines Sinnenlebens schon durch Jahrhunderte am Leben erhalten hatte, trat vor die Tür, um seinen erlauchten Gast, dessen Nahen die Muschelhörncr verkündigt hatten, voll Ehrerbietung zu begrüßen.

Mit einem freundlichen: Sei willkommen, mein königlicher Herr! trat der fromme Greis vor den stolzen Krieger und lud ihn mit demütiger Gebärde zum Eintreten.

Der König neigte sich vor dem Heiligen und hieß sein Gefolge lagern.

Während er mit dem Klausner nach dem Häuschen schritt, fragte er der Sitte gemäß nach dem Wohlergehen des ehrwürdigen Gastgebers und nach dem Gedeihen seines Bußwerkes.

Wasischta dankte und pries die Sicherheit der Frommen unter des tapferen Königs Herrschaft.

Als Wischwamitra den Ehrensitz eingenommen hatte, fragte auch der Heilige nach des Königs Wohlsein, nach seiner Freude an redlicher Erfüllung der Herrscherpflicht und nach Sieg und Segen im Reich und Haus seines Gastes.

Nachdem der Klausner dem König Fußwasser und die gastliche Spende gereicht halte, hat er auch Heer und Gefolge des Edlen bewirten zu dürfen.

»Freundlich ist deine Meinung, heiliger Mann!« sprach der König mit ablehnender Gebärde, »doch beim Priester will der Krieger nicht seines Leibes Hunger sättigen. Dein Anblick, Ehrwürdiger, stärkt mehr als das köstlichste Mahl. Ich und die Meinen werden dir deshalb für reichste Gastfreundschaft verpflichtet bleiben!«

Doch als Wasischta seine Einladung noch einmal vorbrachte, gab Wischwamitra nach, teils aus Ehrfurcht vor des Heiligen Wunsch, teils aus Neugierde: Was konnte der arme Bewohner der Waldöde der großen Schar seiner Gäste wohl vorsetzen wollen?

Kaum hatte Wasischta des Königs Einwilligung erlangt, so führte er ihn vor die Klause und zog seine Kuh aus dem Stall. Die war schwarzgescheckt, mit glänzendem Haar, sanften Augen und strotzendem Euter.

»Es ist Nandini, die Wunschkuh!« sprach der Priester zum König.

»Die Kuh ist die Mutter des Volkes. Sie schenkt ihm des Lebens erste Notdurft und damit seine letzte. Sie ist das Sinnbild der nährenden Arbeit. Was den Leib erfreut und erhält, fließt aus ihrem Euter und baut den Tempel für Geistiges und Göttliches. Aus ihm strömt Nahrung, Kraft und Macht.

Göttlichen Ursprungs ist meine gute Nandini und des Sinnbildes Leibhaftigkeit. Was ich von ihr erbitte, wird mir gewährt, ohne daß es den langen Weg des Werdens in Arbeit wandeln muß!«

Dann kraute der Heilige seinem Liebling die Stirne und sprach zu ihm:

»Scheckin! für die Schar der Gäste
Schaff' zum Mahle mir das Beste,
Daß ein jeglicher genieße,
Was ihm schmeckt!
Der liebt das Süße,
Saures der, und jener scharf –
Gib nach jedermanns Bedarf.
Herbe Kost ist auch willkommen,
Salzig mag so manchem frommen,
Bitter ist mir noch bewußt
Als des Gaumens letzte Lust.
Sechsfach ist Geschmackessinn!
Dein Geschenk erfreue ihn!«

Und wie aus der Wolke der Regen, quoll aus dem Euter des Wundertieres ein Strom von Milch und Honig, von Beeren und Früchten, von Wein und den köstlichsten Tafelfreuden aller Art. Da war für eines jeden Geschmack gesorgt, und des Königs Krieger und Knechte, seine Frauen und Sklaven schwelgten bis zum dämmernden Abend und freuten sieh der gastlichen Gaben des mächtigen Heiligen.

In Wischwamitras Sinn aber war der Spott über die Armseligkeif des frommen Klausners verstummt. Er kostete von dieser und jener Speise, und ihr Wohlgeschmack weckte in seinem begehrlichen Herzen den Wunsch, die Wunderkuh zu besitzen.

»Ehrwürdiger Priester!« sprach er zu Wasischta, »sei bedankt für die Ehre;, die du mir durch deine überreiche Gastfreundschaft erwiesen hast! – Nimm tausend von meinen besten Milchkühen und überlasse mir die scheckige Nandini! Sie ist ein Schatz, und von jedem Schatz im Lande gebührt dem König sein Teil!«

»O starker Feindebezwinger!« erwiderte der Heilige, »wie könnt' ich meines Daseins Stütze hinweggehen! – Nicht um alle Schätze Indiens wollt' ich die Gute missen. Und Nandini wäre wohl traurig, wenn ich sie von mir ließe, da die Scheckige mir so treu und redlich gedient hat!«

»Tausend Elefanten mit goldenem Leibgurt, Halskette und Treibstachel!« bot der König aufs neue. Doch der Einsiedler schüttelte das Haupt: »Sie ist mir nicht feil, die mein Leben erhielt und meinem Herde die Opfer spendete!«

Da ward Wischwamitra zornig: er hieß sein Heer sich zum Aufbruch rüsten und ließ die herrliche Nandini mit Gewalt hinwegführen.

Traurig und nachdenklich ging die Wunschkuh unter dem Kriegsvolk; als sie aber den Platz für das nächtliche Lager erreicht hatte, riß sie sich los und rannte spornstreichs nach ihrem alten Stall an der Klause.

Wasischta empfing die Treue mit Tränen der Freude und Sorge. Wie sollte er, der schwache Greis, dem gewaltigen König und seiner Kriegsmacht widerstehen?

Doch während er sein sorgenschweres Haupt kosend an den Hals des edlen Tieres schmiegte, sagte die Göttliche zu ihm:

»Härme dich nicht, du frommer Priester des Allmächtigen! Was ist Schwertesmacht gegen die Macht des göttlichen Geistes! Laß ihn kommen, den Kriegerkönig! Ich, die Mutter des Volkes, stehe zu dir, und die von mir gewappneten Fäuste meiner Söhne werden den fressenden Schwertschwingern die Wege weisen!«

In solcherlei Reden und Gedanken verging den beiden die Nacht, und als am Morgen die Heerhörner des Königs Rückkehr verkündigten, schritten sie ihm mutig entgegen.

Und vor den bewaffneten Scharen Wischwamitras wuchsen unter Nandinis Gebrüll und Gestampfe Heere von Kämpfern aus dem Boden. Und diese Kriegsvölker umgaben den frommen Heiligen und schützten ihn gegen den Angriff der königlichen Streiter.

Bis zum Abend währte die Schlacht. Wieder und wieder hatte Wischwamitra an der Spitze der Seinen angegriffen. Die fremden Recken, in goldfarbiger Rüstung, mit glänzenden Speeren und Schwertern in der Faust, standen wie Mauern.

Als die Sonne hinter dem Berge des Unterganges verschwand, waren der König und sein ältester Sohn die einzigen Angreifer, denn ringsum bedeckten Tote aus ihrem Heere das Schlachtfeld.

Da gab Wischwamitra dem Sohne sein Schwert und sprach:

»Geh' und herrsche du über mein Reich, auf daß es nicht ohne König sei, denn ich will Buße tun und von den Himmlischen Macht über die Priesterkaste erflehen. Die Macht eines Kriegers, und wär' er ein König über hundert Reiche, ist mir heute verächtlich geworden!«

Und wie die Natter, der die Giftzähne ausgebrochen worden sind, schlich der Stolze hinweg und wanderte nach dem Himalaja, um dort die Gunst Mahadewas, des großen Gottes Schiwa, zu erwerben.


Nach vieljähriger strengster Askese trat der Vernichter, der den Stier im Banner führt, vor den racheheischenden Wischwamitra. Er wappnete seinen brünstigen Verehrer mit den dreiunddreißig Waffen der Götter: Indras Blitze lieh er ihm und die Fesseln der Flut, die Wirbel des Windgottes und Agnis versengende Glut; des Wissens Waffen und das verwirrende Tosen der Himmelsmusik; des Rechtes Schwert, des Todes und des Schlafes Geschoß und noch manche starke Wehr zu Schutz und Trutz.

So gerüstet, zog der Stolze nach der Einsiedelei und verwüstete die Stätte, während der Heilige Wasischta seine Nandini im Walde weiden ließ.

Doch als die Göttliche von ferne Agnis Rauchfahne auf ihrem Heime sah und ihren frommen Herrn der Mutlosigkeit hingegeben, da tröstete sie den Verzagten, sprach gar beredt von seiner geistliehen Macht und reichte ihm das Zepter Brahmas, auf daß er damit die Waffen Schiwas unschädlich mache.

Nun schritt Wasischta nach seiner verwüsteten Klause und trat dem stolzen Krieger kühn entgegen.

Wohl schleuderte Wischwamitra dem Frommen alle seine Geschosse entgegen, aber vor dem Zepter Brahmas vernichteten sie einander wie hungertolle Wölfe; Flut fraß das Feuer, Verblendung das Wissen, und Sturmeswirbel rissen die Waffe des Rechtes hinweg.

Unverletzt und unverletzlich stand der Priester dem Krieger gegenüber.

»Oh, oh!« knirschte Wischwamitra, »was ist die Macht des Kämpfers gegen die des Büßers, was Königswürde gegen Priesterwürde! – Genug! – Der Brahmane hat den Kschattrija geschlagen! – Ich will büßen, bis Brahma mich unter seine Diener aufnimmt.«

Und beschämt schlich der König hinweg, um sich vor dem Höchsten zu erniedrigen.

Nandini aber baute Wasischtas Einsiedelei wieder auf, und der gute Heilige lebte noch lange friedlich im Walde, bis er einst als Hauspriester des Königs Dascharatha nach Ajodhia berufen wurde.


Wischwamitra aber gab sich im Süden viele Jahrhunderte der strengsten Buße hin. Schon war Brahma ihm erschienen und hatte den Frommen königlicher Weiser genannt. Aber des Büßers Bußwerk zielte nach der Würde eines heiligen Brahmanen.

Nach langen Jahren erschien ihm Brahma wieder und nannte den Büßer heiliger Weiser. Aber Wischwamitras Sinn stand höher. Er verdoppelte sein Bußwerk, indem er zu strengster Askese noch immerwährendes Schweigen gelobte.

Als Brahma ihm das nächstemal großer Heiliger nannte, da sah er das ersehnte Ziel in greifbarer Nähe und verdreifachte sein Bußwerk durch die schrecklichsten Martern: auf Dorngeranke schlief der Hungernde, vier Feuer und die glühende Sommersonne vertrockneten die Glieder des Dürstenden, und ohne je abzuirren, starrten die Augen des Stummen auf seinen schwindenden Leib!

Da erzitterte Indra vor des Büßers gesammelter Bußkraft. Ein Jahrtausend gewann er dem Frommen dadurch ab, daß er ihn durch das Göttermädchen Menaka von seinem Bußwerk ablenken ließ. Doch was dem Menschen eine lange Zeit ist, ist göttlichem Geist nur ein Augenblick. Wischwarmitra fand sich wieder, und vervielfachte Martern füllten den Schatz seiner Buße von neuem. Als Indra Rambha, eine andere Apsaras, zu Wischwamitra sandte, erkannte der Büßer die List des Donnerers und versteinerte die himmlische Schöne durch seinen Fluch.

Dieser Zornmut brachte den Asketen wohl auch um einen Teil seines Bußschatzcs, aber tiefe Reue und verdoppelter Eifer erstickten auch noch dieses letzte Laster des Kriegers in ihm.

Als er sich einst nach langem, langem Fasten ein bescheidenes Mahl zubereitet hatte, kam ein bettelnder Brahmane des Weges und bat um das Wenige, das er in des Büßers Napf sah.

Willig gab Wischwamitrn, dessen Leibesbedürfnisse längst vor den geistigen gewichen waren, seine einzige Nahrung dem Armen und wünschte ihm des Himmels Segen dazu.

Ohne Speisung ging er wieder an sein Bußwerk. Am Abend aber erschien Brahma in seiner Klause und nannte den Sieger heiliger Brahmane.

Indra war der Bettler gewesen. Er hatte geprüft, ob Wischwamitra schon seines Zornes Herr sei.

Die Götter umringten nun den vom Höchsten Begnadeten und legten ihm die weiße Schnur der Priesterkaste um Schulter und Brust. Wohlergehen und langes Leben verhießen sie dem, der sie so standhaft verehrt hatte. Dann führten sie ihn durch die Luft nach Ajodhia, wo Wasischta, sein alter Gegner, als Hauspriester am Hofe Dascharathas lebte.

Gerührt fielen die frommen Greise einander in die Arme und waren fortan Freunde wie Agni und Indra.

Im Wald bei Ajodhia gründete Wischwamitra seine neue Klause und empfing dort oft den alten Feind und neuen treuen Freund, wenn dieser sich von den Mühen seines Amtes erholen wollte.

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