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Sagen und Märchen Altindiens. 1. Band

Alois Essigmann: Sagen und Märchen Altindiens. 1. Band - Kapitel 4
Quellenangabe
typefairy
authorAlois Essigmann
titleSagen und Märchen Altindiens. 1. Band
publisherAxel Juncker Verlag
firstpub1920
senderwww.gaga.net
created20050331
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Nala und Damayanti

In uralter Zeit herrschte zu Nischada, einem der vielen Reiche Indiens, der junge König Nala. Stärke, Schönheit und Tugend zierten ihn vor allen andern Männern. Die tapfersten Helden hatte er mit Schwert und Keule besiegt, führte den Streitwagen so sicher wie der Sonnengott und traf auf hundert Schritte eine Nuß mit dem Pfeil. Vor der Schar seiner Helden glänzte er wie die Vorausreiter der Morgenröte und war erzogen in tiefster Ehrfurcht vor den Göttern und ihren Gesetzen, in Liebe zur Wahrheit und Treue am Wort, so daß ihn Freund und Feind den Makellosen nannte. Seine Weisheit und der Adel seines Wesens wurden in allen Landen besungen, sein Glück ward sprichwörtlich.

Einst jagte er mit seinem Freund und Rosselenker Warschneja in der Wäldern Nischadas.

Der Rosselenker des Königs war in Altindien ein gar hoher Herr, denn er führte den Streitwagen seines Gebieters im Gefecht, und an seiner Umsicht und Geschicklichkeit hing oft das Leben des Königs. Er war der Marschall, dem die königlichen Ställe unterstellt sind, war der erste Rat des Königs in weltlichen Dingen, sein Herold und, als nächster Mitkämpfer, der berufene Sänger seiner Heldentaten.

Nala und Warschneja lagerten sich am Ufer eines romantischen Weihers, und der liederkundige Rosselenker kürzte seinem königlichen Freund die Zeit durch die folgende Erzählung:

»In Widarbha, dem großen Reiche, herrscht heute noch der greise König Bhima, der der Schrecken seiner Feinde heißt. Vor vielen Sommern hat er Opfer um Opfer gebracht, daß der Himmel ihm Kinder schenke, denn, wie du weißt, o Herr, öffnet nur das Gebet des eigenen Kindes den lichten Himmel Yamas. Lange flehte er vergeblich, doch ward er nicht müde im Opferdienst und hoffte auf die dreiunddreißig Götter. Einst kam ein Büßer aus dem heiligen Hain zu Bhima. König und Königin empfingen ihn an der Pforte, in demütigem Gruß die Hände faltend. Bhima führte ihn nach dem Ehrensitze und bot ihm Fußwasser; die Königin brachte die gastliche Spende: den gewürzten Reis und einen Trunk klaren Wassers. Dann saßen sie zu seinen Füßen und lauschten seinen weisen Reden.

Der heilige Mann war über die ehrerbietige Gastfreundschaft erfreut, und seiner Fürsprache beim Herrn der Welt dankten sie den heiß ersehnten Segen: Drei Knäblein schenkte die Königin ihrem Gatten und ein holdes Mägdlein. Zu Helden sind die Knaben herangewachsen, und Damayanti, König Bhimas Tochter, ist die schönste Jungfrau auf Erden: Glanzlockig und zartgliedrig steht sie inmitten ihrer hundert Gespielinnen, wie der Mond unter den Abendwolken, nur Lakschmi, der meerentstiegenen Göttin des Glückes, zu vergleichen, die noch keines Sterblichen Auge gesehen. Fröhlichen Sinnes ist sie, und ihr Lachen klingt wie die Stimme des Bergquells; wie Edelsteine blitzen ihre Mandelaugen unter den schönen Brauen, und ihre Wangen sind wie Blumenblätter ...«

»Sieh, König!« unterbrach sich Warschneja, »der goldflügelige Schwan, der sich uns naht, wär' eine Beute, des königlichen Jägers würdig!«

»Laß nur den Schwan,« sprach sinnend der König, »und sprich mir von Damayanti, denn ich liebe das holde Kind, seit ich von ihm gehört!«

»Dank! König Nala, daß dein todbringender Pfeil mich verschont!« rief der Schwan über das Wasser. »Ich will dir's lohnen: zu Damayanti flieg' ich nun und will ihr von König Nala singen und sagen, bis sie dich liebt, wie du sie!« Und auf flog der Goldflügler vom Wasser und strich in langen Zügen gegen Widharba. Nala aber wurde nicht müde, von Damayanti zu hören und zu sinnen, wie er sie erwerbe.

Zu Kundina, der Hauptstadt Widharbas, ergötzte sich Damayanti mit ihren Gespielinnen im Garten des königlichen Palastes. Als eine Schar von Wasservögeln nach dem Teiche strich, liefen alle hin, um sie mit Brot und Früchten zu füttern, im Spiele zu haschen und sich an ihrer Schönheit zu erfreuen. Der Führer der Vögel aber, ein goldflügeliger Schwan, schwamm zu Damayanti und sprach mit menschlicher Stimme:

»Damayanti! In Nischada herrscht König Nala, den man den Makellosen nennt. Er ist der schönste der schwerttragenden Männer, ihr Klügster und Tapferster! Strahlend wie die Reiter des Morgenrotes, stark wie der Tiger, des Waldes König, und weise wie ein Heiliger. Dir gilt, all sein Denken, denn er entbrannte in Liebe zu dir, als er von deiner Anmut gehört, und schreitet nun über die Erde wie die fleischgewordene Liebe. Niemand ist ihm zu vergleichen: kein Mensch und keiner der himmlischen Spielleute, kein Genius und kein verführerischer Teufel. Er ist der Diamant der Mannheit, wie du die Perle der Frauen bist. Wir Luftdurchsegler wissen es, denn wir kennen alle Geschöpfe Gottes. Wenn er dein Gatte würde: das Köstlichste zum Köstlichsten käme, dann erst wäre die Welt vollkommen!«

Als der Schwan wieder aufflog, winkte ihm die Blume von Widharba und rief errötend: »Grüß' König Nala!«

Und sinnend ging sie vor ihren Frauen ins Haus; das sehnsuchtbefiederte Blütengeschoß Kamas, des Liebesgottes, hatte über weite Lande hin getroffen. Tag und Nacht trug die Lotusäugige ein heißes Sehnen im Herzen und lernte Lust und Qual der Liebe kennen. Wenn die Mädchen sich in fröhlichem Reigen auf dem Anger schwangen, sah sie nach den jagenden Wolken und seufzte; wenn alle lachten, so weinte sie; wenn alles schlief, sah sie in die Nacht hinaus und bat jede Sternschnuppe: Grüß' König Nala! Ihre Gespielinnen sahen sie immer bleicher werden und hörten nicht mehr ihr fröhliches Lachen.

Da lief die kluge Kesini, Damayantis Gürtelmagd, zu König Bhima und klagte ihm, daß ihre Gebieterin an einem unbekannten Leid sieche. Vater und Mutter aber ahnten, was Damayantis Herz bedrücke, und sandten Boten in alle Lande, die dort verkündigen mußten: Nach sieben Monden wird König Bhimas Tochter im Hause des Vaters den Gatten wählen!

Nun rüsteten die Könige und Prinzen aller Länder zur Reise und zogen in hellen Scharen nach Kundina, denn jeder hoffte auf das Glück, vor Damayantis Augen Gnade zu finden. Sie kamen mit Rossen und Wagen, auf Elefanten und Kamelen, geschmückt mit Blumenkränzen und allen Schätzen Indiens, in glänzenden Waffen, von stolzen Vasallen umgeben, und erfüllten die gastfreien Hallen und Höfe in Bhimas Palast mit Waffenlärm, Lachen und Singen, und manchem Seufzer der Liebe.

Nun geschah es zu jener Zeit, daß zwei heilige Männer, bußereiche Einsiedler, ihr Erdenwallen vollendet hatten und in den strahlenden Himmel Yamas einzogen.

Dort fanden sie unter dem mächtigen Feigenbaum, im nieverlöschenden Licht, die Herren des Himmels und der Erde beim berauschenden Somatrank sitzen. Indra saß da auf dem Ehrensitz, den des Götterschmieds kundige Hand aus Gold getrieben hatte, das Urbild des Kriegers: hoch und breitbrüstig, mit Armen wie Keulen, das Haupt von hellen Locken und mächtigem Barte umrahmt, die Augen voll Feuer; Varuna, der Herr der Gewässer und Schirmherr der Rosse, im goldschimmernden Panzer; Agni, der Feuergott, der ewig junge, ewig neue, der als Freund der Menschen seine roten Stuten über die Erde treibt, und Yama, der ernste Gott des Todes und des Rechtes, an dessen Füße sich zwei vieräugige Hunde schmiegten.

Die Heiligen grüßten die Götter und fragten, wie es die Sitte heischte, gar artig den obersten: »Gabenreicher Indra, mächtiger Dämonenbezwinger, bist du und die Fürsten bei gutem Wohlsein?« Indra dankte und sprach die Hoffnung aus, daß die Heiligen während ihres Erdenwallens reiche Schätze an Buße aufgehäuft hätten. Dann fragte er, wie es wohl käme, daß ihn schon mondenlang keiner von den Helden der Erde besucht habe. »Diese meine Welt der Seligkeiten, die jeden Wunsch erfüllt, steht allen offen, die ehrlichen Schlachtentod fanden!« so sprach er.

»O Götterkönig!« rief einer der Büßer, »so weißt du nicht, daß alle Waffen ruhen, bis Damayanti den Gatten gewählt hat! Damayanti, des Widharberkönigs holdes Kind, das an Schönheit alle Frauen der Erde übertrifft, den Götterjungfrauen gleicht und der fußlos wandelnden Sonne! Zu Damayantis Gattenwahl ziehen alle Fürsten der Erde, denn für sie schlagen aller Helden Herzen!«

»Bei Writra, den mein Donnerkeil erschlagen hat! da wollen wir dabei sein!« rief Indra, und die Götter stimmten freudig ein.

Als die vier Welthüter zur Erde fuhren, sahen sie König Nala, der auf den Ruf von Bhimas Boten zur Gattenwahl Damayantis reiste. Und weil er so schön von Gestalt war und von makellosem Ruf, so wollten sie ihn zu ihrem Boten wählen. Sie stiegen aus den Wolken nieder, und Indra rief: »He, König der Nischader, Herr unter den Königen, du bist worttreu und ein Freund der Wahrheit: Sei uns Beistand und Bote, edelster der Männer!«

»Ich will es sein!" gelobte Nala den Strahlenden und neigte sich mit ehrfürchtigem Händefalten. »Wer seid ihr? und an wen wollt ihr mich senden?«

»Unsterbliche sind wir, die um Damayanti, die schönste der Sterblichen, werben wollen. Indra heiß' ich, hier Agni und der Herr der Gewässer, dort Yama, der Menschheit Richter im Leben und im Tod. Melde der Lieblichen: Indra, Agni, Varuna oder Yama, einen der vier soll sie zum Gatten wählen.«

Demütig bat Nala: »Erlasset mir diesen Dienst, ihr Welthüter voller Gnade! Wie kann ich tun, was mir das Herz bricht? Ich wollt' um Damayanti werben, wie kann ich eure Sache gut führen!«

»Du hast's gelobt, nun halt' dein Wort!«

»Wie komme ich durch die Wachen vor dem Frauenhaus?« fragte Nala traurig.

»Sie sollen dich nicht sehen!« sprach Indra, und schweren Herzens ging der Nischader, um sein Wort redlich zu halten.

Unbelästigt kam er in den Hof des Frauenhauses. Dort wusch Kesini den weißen Mantel ihrer Herrin im Abendtau und bleichte ihn im Mondenschein. Die Kluge sah den Herrlichen und führte ihn vor Damayanti und ihre Frauen. War das ein Staunen und Raunen unter den Mädchen, als der Held in den Saal trat. »Wer mag der Herrliche sein?« »Sieh sein strahlendes Auge!« »Ist's ein Gott?« So flüsterte es durcheinander, und aller Augen hafteten an Nala; die Wangen röteten sich verschämt, und die Herzen schlugen schneller.

Damayanti mochte wohl ahnen, wer vor ihr stand, und fragte frohen Herzens: »Wer bist du, Strahlender, der meine Pulse fliegen macht? Bist du ein Gott, daß du trotz aller Wachen ins Frauenhaus findest?«

»Ich bin König Nala und komme als Götterbote, so fand ich Einlaß: Indra, Agni, Varuna und Yama werben um dich, holde Jungfrau; wähle einen der vier Welthüter zum Gatten! Ich habe gesprochen, nun tu' nach deinem Sinn, zu deinem Heil!«

Als Damayanti von der Werbung der Götter hörte, neigte sie sich in Demut und traurig; als sie aber in Nalas Augen sah, ward sie wieder froh, schüttelte das Köpfchen und sprach:

»Die Götter bete ich an – dich liebe ich, Nala! und wenn du mich nicht erhörst, so muß ich sterben vor Scham und Herzeleid!« Ernst sprach König Nala:

»Nicht eigne Sache führe ich heute, mein Herz muß schweigen, bis mein Amt erfüllt! Als Götterbote frag' ich dich: Wer kann versagen, wo Indra wirbt, der Held der Helden, der Wolkenspalter, Sieger, Gott der Götter! Wo Agni freit, der Opfernehmer, der milde Freund, der Schirmer des Heims, und Varuna, der Herr der Meere, der mit den Perlen spielt? Wer schlägt Yama aus, der vom Leid erlöst und den Himmel öffnet?« Luftraumbezwinger, Feuerbeherrscher, Wassergebieter, des Irdischen Herr! – Wähle du, Weib! – Ich muß gehorchen.«

»Du kennst deine Pflicht«, sprach Damayanti, »und ich die meine: Der Zorn der Götter darf dich nicht treffen! Sage den Unsterblichen: Wenn alle Fürsten zur Feier versammelt sind, wird Damayanti wählen! – und in der Götter Gegenwart will ich dich wählen, Makelloser!« Und errötend schlüpfte die Schöne aus dem Saal.

Da ging Nala zu den Göttern und sagte ihnen alles. Sie dankten dem worttreuen Wahrheitsfreund und entbanden ihn seiner Botenpflicht.

König Bhimas Hausbrahmane hatte einstweilen die Zeichen erforscht, Mond und Sterne befragt und die günstigste Stunde für die Gattenwahl bestimmt.

Da kamen alle die fürstlichen Gäste zur großen, säulengetragenen Halle im Königspalast von Widharba. Schöne und starke Männer, in reichen, bunten Gewändern, mit Gold und Edelsteinen auf der Brust und in den Ohren und ihren guten Waffen in den Händen! Reichbekränzt zogen sie durch die Ehrenpforte ein und lagerten sich auf Pfühlen und Stühlen.

Als Damayanti, schüchtern und stolz, erschien, schlugen ihr alle Herzen entgegen, und jeder freute sich des holden Anblickes. Sie aber schaute nur flüchtig über die Helden hin: ihr Auge suchte König Nala.

Doch wie erschrak sie: Der Geliebte, den sie gesucht, stand hier und dort und wieder da – fünf Gestalten zählte sie, die König Nala glichen. Wie sollte sie den Rechten wählen? Ängstlich spähte sie nach den Götterzeichen – umsonst! es waren lauter Menschen, liebe Menschen, aber Menschen, die sich nicht im Kleinsten unterschieden. Und in der Not ihres Herzens beschloß sie, bei den Göttern Hilfe zu suchen. Demütig faltete sie die Hände und betete zitternd:

»Ihr Himmlischen, zeigt mir König Nala! So wahr ich keines anderen Mannes gedachte, seit mir der Schwan von Nala gesprochen, so innig seid gebeten: zeigt mir König Nala! So wahr die Götter selbst mir Nala zum Gatten bestimmten, so heiß seid beschworen: zeigt mir König Nala! So wahr ich Nala ehren will als meinen Gatten und ihn ewig nie mit Willen kränken, so klar mögt ihr Himmlischen in eurem Glanz erscheinen, daß ich erkennen kann meinen Nala, den Gebieter und Herrn!«

Die einfältige Treue der lieblichen Jungfrau rührte die Götter und sie erfüllten ihre Bitte:

Schattenlos standen sie über dem Boden, schweißlos und staublos, strahlenden Blickes, und ihre Kränze blühten wie am Strauch.

Nala dagegen stand fest auf dem Boden, schattenwerfend, Schweiß und Staub auf der Stirn, im Sonnenlicht blinzelnd, und sein Kranz begann zu welken.

Da ergriff Damayanti den Saum seines Kleides und legte dem Helden ihr Blumengewinde ums Haupt: sie hatte den Gatten gewählt!

Tosender Jubel scholl durch die Halle, und alle priesen den Nischader glücklich.

König Nala aber gelobte, sein Weib zu lieben, zu ehren und es nie zu verlassen.

Als nun die Hochzeit gefeiert wurde, und das Brautpaar Hand in Hand das Hausfeuer feierlich rechtshin umwandelt hatte, da beschenkten die Götter es reichlich; Damayanti verhießen sie zwei schöne Kindlein, und dem Nischader verlieh Indra ein helles Auge, das die Gottheit beim Opfer leibhaftig sieht, und den stets aufrechten Gang, selbst wenn er durch Mauern schritte.

Agni gab ihm Gewalt über das Feuer, und Varuna über das Wasser, Yama aber die Kunst, gar köstliche Speisen zu bereiten. Segen und Schutz verhießen die Götter Nalas Haus, solang er die Opferbräuche achte. Nachdem sie das Paar so beglückt hatten, nahmen sie Abschied, um nach dem Himmel zurückzukehren.

Vor dem Tor von Kundina begegneten sie Kali und Dwapara. Kali war der leibhaftige Böse, den man »Spielteufel« nennen kann, denn das Würfelspiel war damals das ärgste und meist verbreitete Laster im Lande. Dwapara, das heißt »Fehlwurf«, war ein dienender Geist Kalis.

Die Welthüter hielten sie an und fragten: »Wohin des Weges?«

»Zu Damayantis Gattenwahl,« lachte Kali, »ich will mich unter die Bewerber mischen. Hat doch schon manches schöne Weib den leibhaftigen Teufel gewählt. Vielleicht habe ich Glück, ich liebe sie schon lange.«

»Du kommst zu spät, dummer Teufel!« lachte Indra dagegen; »die Gattenwahl ist längst vorüber, und Damayanti hat vor uns den Nischaderkönig Nala gewählt.«

»Vor euch? daß dich –!« brummte Kali; »das soll sie büßen, daß sie den Sterblichen einem Unsterblichen vorgezogen hat!«

»Wir hatten es ihr erlaubt, denn Nala glänzt vor den Männern, wie Damayanti vor den Frauen. Er ist ein tapferer und weiser Fürst, hält strenge alle Vorschriften der heiligen Bücher, spendet Opfer, daß alle Unsterblichen in seinem Hause satt werden, und ist ein Vorbild der Treue, Wahrhaftigkeit und Rechtschaffenheit. Und wer es sich, trotz seiner Frömmigkeit einfallen ließe, ihn zu quälen, Kali, der möcht' es wohl am eignen Leibe büßen, Kali! und müßt' im tiefsten Höllenpfuhle enden!«

Also sprach Indra, mit gerunzelter Braue, und die vier Welthüter setzten ihre Fahrt fort.

»Eine derbe Lektion!« zischte Kali, »aber euer Affe soll es mir büßen! Dwapara, du mußt ihm in die Würfel fahren, wenn ich ihn je zum Spielen bringen kann!«

Und von der Stund' an hefteten sich die beiden unsichtbar an des Nischaders Fersen.

Die Neuvermählten hatten die Festwochen im gastfreien Palaste König Bhimas verbracht und waren sodann mit dem Segen der Eltern nach Nischada gezogen. Dort empfing sie des Volkes Jubel ob der schönen Königin.

Frieden und Glück herrschten im Reich, die Opferfeuer brannten reichlich und des Himmels Segen ruhte auf allen durch manches Jahr.

Eines Abends begab es sich, daß der König vom Weihwasser nippte, aber der vorgeschriebenen Fußwaschung vergaß.

Da gewann Kali Macht über ihn und fuhr in den Vergeßlichen.

Als Puschkara, des Königs Bruder, ihn am andern Tage zum Würfeln aufforderte, da konnte der vom Spielteufel Besessene nicht widerstehen.

Und Dwapara, der Fehlwurf, beherrschte seine Würfel!

Als es Mittag ward, hatte Nala all sein Gold verspielt und würfelte weiter.

Der Hausbrahmane warnte ihn, doch er predigte tauben Ohren!

Und als es Abend war, hatte Nala Haus und Hof, Rosse und Sklaven verspielt und würfelte weiter.

Warschneja kam, der Treue, an der Spitze des Volkes und bat den Unseligen, vom Spiele zu lassen. Der König hörte ihn nicht!

Und als es Mitternacht ward, da hatte er das Reich verspielt an seinen Bruder Puschkara.

Damayanti kam und flehte ihn an, doch jetzt vom Spiele zu lassen und mit ihr und den Kindern zu Bhima zu fliehen. Doch des Königs Ohr blieb verschlossen!

Da nahm sie Warschneja beiseite und sandte ihn mit ihren Kindern nach Kundina. Dann setzte sie sich zu ihrem Gatten.

Und als der Morgen dämmerte, da hatte Nala seine Waffen verspielt, bis auf ein schlechtes Messer, und alle Kleider, bis auf einen alten Mantel.

»Jetzt«, rief Puschkara, »soll es Damayanti gelten!« Da erwachte der Unglückliche, legte Stück um Stück die Waffen, Schmuck und Kleider von sich, und ging mit Damayanti und den Resten seiner Habe ins Elend.

Warschneja brachte die Kinder zu den Großeltern und zog dann nach Ajodhia, wo er beim Kosalerkönig Rituparna Wagenlenker wurde.

Nala und Damayanti wanderten im Wald und aßen Wurzeln und Beeren. Als sich ein Schwarm Vögel vor ihnen niederließ, warf Nala seinen Mantel wie ein Netz darüber, um einige zu fangen. Da flogen sie mit dem Mantel davon und krächzten:

Würfel sind wir! unser Neid
Raubt dir auch das letzte Kleid.
Würfel nehmen alles!

Wär' ein König noch so groß,
Würfelaugen sehn ihn bloß.
Würfel nehmen alles!

Reich und Schwert und was einst dein,
Bettelsuppenknöchelein,
Würfel nahmen alles!

Da stand der Unglückliche vor seinem Weib und sprach: »Sieh, soweit ist es mit mir gekommen!«

Damayanti aber schlug das Ende ihres Mantels um den Nackten, und beide in ein Kleid gehüllt, zogen die Gatten weiter.

Wo sie auf einen Weg stießen, da sagte Nala: »Hier geht's nach Kosala!« oder »Der führt zu den Vindhyabergen, wo die heiligen Büßer hausen!« Da bangte Damayanti, daß der Gram- und Schamverzehrte sie verlassen könnte, und sie bat: »Laß uns nach Widarbha gehen: der Vater nimmt uns gerne auf!«

»Ich kann nicht betteln!« sprach Nala, und im Weiterschreiten beschrieb er den Weg nach Widarbha.

Damayanti weinte und sprach: »Wie könnt' ich dich verlassen, du armer, nackter König! Wer soll dich trösten, wenn du leidest, wer dir Nahrung reichen, wenn du hungerst, und Wasser, wenn du dürstest? Wo willst du, Müder, dein Haupt betten, als in meinem Schoß? Bin ich schuld an deinem Elend? – Du? – Nein! der Böse ist's, der an deinem Herzen frißt! Und wo fände ein Arzt bessere Heilmittel für einen Kranken, als in dessen treuen Weibes Sinn!«

So klagte die Edle, bis sie an eine leere Hütte kamen, die wohl vor langer Zeit ein Einsiedler verlassen haben mochte.

Darin legten sie sich auf die bloße Erde, bedeckten sich mit ihrem einzigen Gewand und schliefen bekümmert ein.

Als der Mond durch das löchrige Dach in die Hütte schien, erwachte Nala und sah sein Weib im tiefen Schlaf der Erschöpfung liegen. Und so sehr hatte der Böse seinen Sinn verwirrt, daß er beschloß, Damayanti zu verlassen. Sein Verstand suchte sein unruhiges Herz zu beschwichtigen: »Ohne mich«, dachte er, »mag Damayanti immerhin nach Widarbha gehen; man wird sie dort besser aufnehmen als mich Bettelkönig. Ich tauge nur in den wildesten Wald und mein zartes Weib müßte dort verkommen. Ich darf mein Weib nicht mit ins Elend nehmen!«

Solche überreife Wahrheits- und unreife Lügenfrüchte verwirrten ihn vollends. Er stand auf und schnitt von Damayantis Kleid gar leise die Hälfte ab. Damit verhüllte er seine Blößen und floh aus der Hütte in die Waldesnacht.

Wohl trieb es ihn wieder zurück, wohl graute ihm davor, sein Weib schutzlos den Schrecken der Wildnis preiszugeben, aber Kali flüsterte ihm gute Gründe dafür ins Ohr und drängte so heftig, daß die Morgenröte Nala schon viele Meilen weit von der Hütte fand.

Das war ein böses Erwachen, als Damayanti am Morgen, noch im Halbschlaf, den Gatten an ihrer Seite suchte.

»Mein König, wie kannst du mich so erschrecken?« rief sie, lief aus der Hütte und suchte Nala in der Umgebung. Aber wie sie auch rief, wohin sie auch lief, er war nicht zu sehen.

»O Nala, mein Herr, wie konntest du die Schuldlose strafen für anderer Fehl?« rief sie ein über das andere Mal. »O nein! Du kannst mich nicht verlassen, du hast mir ja Treue geschworen vor den Welthütern!«

Und ihr Geist begann sich zu verwirren.

»Dort, dort! ich seh' dich, Nala! hinter dem Baum – jetzt unter dem Strauch – oh, neck' mich nicht – versteck' dich nicht! –

Verloren – preisgegeben den wilden Tieren, dem Hunger und Durst, den Schrecken der Nacht – Irrlichtern und bösen Geistern – und mein Nala fern! – Wahrlich, ich erkenne, daß unsere Todesstunde vom Schicksal unabänderlich vorherbestimmt ist, sonst hätt' ich sterben müssen unter seinem Abschiedsblick. –

O ihr Götter! ich jammre und bedaure nur mich – während er, der Herrliche, schutzlos, fast nackt, durch die Wälder irrt, gepeinigt von seinem Gewissen und in heißer Sorge um sein Weib, das er verlassen mußte – ja mußte! – Wie wird er leiden, da ihn sein zerrissenes Herz auch noch des Letzten, der liebenden Gattin, beraubte. – Oh, Fluch über den Feind, der ihm das angetan: zwiefach komme das Leid über den, der das edelste Mannesherz zerfleischt! Wenn das Wort eines reinen Weibes bei den Unsterblichen noch gilt, so treffe den Bösen mein Fluch, wo er auch weile!«

Und weiter irrte sie durch den Urwald, bald links, bald rechts, rufend und suchend, fürchtend und hoffend, taumelnd, stolpernd, sich aus Dornenumstrickung reißend und die Haarflechten aus haschendem Astwerk lösend. Da züngelte ihr eine Riesenschlange entgegen und umschlang die tödlich Erschreckte.

»O Nala! jetzt eil' mir zu Hilfe, wenn du dein Weib noch lebend sehen willst. Komm! sonst wird der Kummer dich verzehren, wenn einst der böse Feind von dir gewichen und du in neuem Glück vergeblich nach deiner Damayanti rufst! Hilf! Nala, hilf!«

Ein Jäger hörte die Schreie, sprang durch den Busch und schoß der Schlange einen Pfeil durch den Kopf. Dann löste er die ihrer Sinne Beraubte aus der Umschlingung der toten Schlange und labte sie mit Wasser und Früchten.

Als Damayanti sich erholt hatte, erzählte sie dem Jäger ihre Geschichte. Und in dem lumpenumhüllten, gramverzehrten, schmutzigen und von Dornen zerrissenen Leib war noch so viel Liebreiz, daß der Jäger seiner Begierde erlag und voll Ungestüm seinen Schützling zum Weibe begehrte. Damayanti stieß ihn zurück und sprang ins Dickicht, der Wilde ihr nach. Als die Erschöpfte in ihrer Bedrängnis verzweifeln wollte, suchte sie Hilfe bei den Göttern und flehte: »So wahr keiner meiner Gedanken je einem ändern als Nala gehören soll, so rasch befreit mich von diesem Frevler, ihr Götter!«

Da fuhr Indras Blitz aus heiterem Himmel und schlug den Jäger zu Boden.

Entsetzt floh Damayanti von der Stätte des Gerichtes. Floh durch den dichtesten Wald, über mannshohe Wurzeln, durch das zugreifende Dorngestrüpp, über Sumpf und Steine, Berg und Tal, durch Schluchten und Schrunden, Nala rufend, Nala ersehnend, Nala liebkosend im Geist, als den heldenstarken, edlen und weisen Gemahl. Alle Schrecken der Wildnis: Löwengebrüll, Schlangengezisch, Brausen des Sturmes, Heulen der Wölfe, Kläffen des Schakals, Krächzen der Geier – sie riefen ihr eines nur zu: Nala in Not!

Erschöpft sank sie endlich in die Knie und flehte, die Hände erhoben:

»Tiger, starker König des Waldes, sag' mir, wo ist Nala! Damayanti bin ich, des Widarbherkönigs einzige Tochter, und such' meinen Gatten! Rastlos Schweifender, Herr des Getieres, sahst du ihn nicht? Nala such' ich, den Nischaderkönig, hilf mir, starkzahniger Tiger! Streif durch die Wälder, zieh' durch die Schluchten, such' meinen Herrn! Suche ihn, rufe ihn, bring' ihn zu mir, oder zerfleische mich arme Verlassene!

Und du, hochragender Riese, König der Berge, mit dem silberglänzenden Haupte! Siehst du meinen Nala nicht? Du siehst doch so weit ins Land! Winke ihm, ruf ihn, bring' ihn zu mir, oder stürz' ein und begrab' mich! mich, des Nischaders unglückliches Weib!«

Und dann sah sich die ruhelos Wandernde in einem friedlichen Hain, wo mächtige Bäume standen und die sauberen Hütten der Einsiedler. Würdige Greise sah sie da, mit freundlichem Antlitz, den Körper in Ziegenfelle gehüllt. Weißbärtig, mit lieben Augen, so saßen sie vor den Hütten oder spielten mit den Tieren des Waldes, die sie nicht scheuten. Papageien und Affen schaukelten in den Ästen, Hirsch und Gazelle sprangen auf der Wiese, und die heiligen Männer sangen fromme Lieder. Alles fand Damayanti so, wie es in den heiligen Schriften zu lesen stand.

Da trat sie vor und frug schüchtern, wie es die Sitte erheischte, ob es ihnen allen wohlergehe, ob sie reichlich Nahrung und Wasser hätten und viele Schätze an Buße.

Die heiligen Männer dankten mit freundlichen Worten und fragten die Verirrte, wer sie sei. Da erzählte die Leidgeprüfte ihre Geschichte und weinte bitterlich. Der älteste der Büßer aber tröstete sie und sprach:

»Sieh, für unser frommes und strenges Leben ist uns vom Himmel beschert, daß wir in die Zukunft sehen.

Dich, Holde, seh' ich dort glücklich! Der Wahn wird von dem Nischader weichen; er kehrt zurück in sein Reich als König, und Glück, Ehre und Reichtum wirst du mit ihm teilen!«

Dankbar neigte sich Damayanti zur Erde, in stillem, erlösendem Weinen. Leiser und leiser, ferner und ferner klang das fromme Lied der Büßer, und als die Getröstete erwachte, lag sie allein im. hellen Licht der Morgensonne unter einem mächtigen Asokabaum. »Asoka« aber heißt auf Deutsch soviel als »Sorgenbrecher«.

Neugestärkt erhob sich Damayanti, küßte den hohen Stamm des Sorgenbrechers und umwandelte dreimal den heiligen Baum, ihn mit der Rechten berührend. An seinen Zweigen aber brachen alle Blüten auf und dufteten weit durch den Wald, denn so ist es dem Asoka von dem Himmlischen gesetzt, daß er blühe, wenn ihn ein reines Weib berühre.

Da sie noch stand und dem Baum dafür dankte, daß er ihr wirklich ein Sorgenbrecher war, hörte sie die Schellen von Kamelen und die Stimmen von Elefantentreibern. Sie bat noch den Wunderbaum, Nala zu grüßen, wenn er vorbeikäme, und lief dann schnell nach den Tönen, die ihr eine Karawane anzeigten.

Talwärts lief sie und sah unten, längs eines schilfumwachsenen Flusses, einen langen Zug von Menschen auf Elefanten und Kamelen, zu Roß und zu Wagen.

Als die Leute Damayanti erblickten, schrien sie durcheinander und wußten nicht, was sie aus ihr machen sollten.

Sie sah auch aus wie eine Tolle: schmutzig, von Dornen zerkratzt, bleich, mit wirrem Haar und den glänzenden, großen Augen, nichts am Leibe als den halben, zerrissenen Mantel.

»Ach! wer bist du?« »Seht, eine Hexe!« »Bist du eine Elfin oder die Flußnixe?« »Oh, dafür ist sie zu schmutzig!« »Aber seht nur die Schönheit unter dem Schmutz!« so rief es durcheinander, bis die Kaufleute, denen der Warenzug gehörte, in ihrem Elefantenturm daherkamen.

Denen erzählte Damayanti ihre Geschichte, und sie erlaubten ihr, sich anzuschließen. Sie wollten nach Tschedi, einer großen Stadt am Rande des wilden Waldes.

So zog Damayanti mit der Karawane, still und zufrieden auf die Worte des greisen Sehers hoffend.

Aber das Maß ihres Leidens war noch nicht voll.

Einen halben Tagmarsch vor Tschedi hielt die Karawane an einem großen Weiher Nachtrast. Als alles schlief, kam eine Herde wilder Elefanten zur Tränke. Sie witterten die zahmen Brüder und stürzten sich kampflustig auf sie, alles zermalmend, was ihnen im Weg war: Mensch und Tier, Zelt und Wagen.

Wilder Schrecken erfaßte alle, die am Leben blieben und das Stampfen und Trompeten der Rüsselträger, das Ächzen der Sterbenden hörten. Zucht und Ordnung ward gelöst: hier liefen ein paar entsetzt ins Wasser, dort raubten andere Kostbarkeiten, die aus den zertrümmerten Kasten quollen, gaben auch wohl dem Verteidiger einen Messerstich und fielen im nächsten Augenblick unter dem Rüsselschlag eines Elefanten.

Damayanti saß zitternd im Strauchwerk und glaubte, alle Dämonen seien los.

Rasch, wie sie gekommen waren, liefen die Elefanten nach der Zerstörung wieder in den Wald.

Am Morgen sammelten sich die Wenigen, die noch lebten, und klagten laut über den Verlust an Freunden und Brüdern, an Geld und Gut. Hatte sich doch die Fahrt so gut angelassen, die Opfer richtig gebrannt, alle Vorzeichen Segen verheißen, und nun, kurz vor dem Ziel, dies schreckliche Ende.

»Das war die Tolle, die alles verhext hat!« flüsterten sie und warfen finstere Blicke auf Damayanti.

Und als sie nach Tschedi wanderten, wagte die Gramerfüllte ihnen nur von weitem zu folgen. Still weinend dachte die Gute, daß sie wohl wirklich in einem früheren Leben viel Böses begangen haben müsse, weil ihr Unglück sich über die ganze Karawane ausgedehnt habe.

Als sie gegen Abend todmüde nach Tschedi kam, liefen die Kinder auf der Straße zusammen und begleiteten diese traurige Königin in ihrem närrischen Kleid der Liebe unter Gespött und Geschrei bis vor den Palast der Königin-Mutter.

Diese sah vom Fenster den fröhlichen Aufzug und sandte nach seiner trauernden Führerin.

Damayanti klagte der edlen Fürstin ihr schreckliches Los, doch ohne sich zu erkennen zu geben, und bat die Gute, sie in ihren Dienst zu nehmen, bis die Götter sie wieder mit ihrem Gatten vereinten. Die Königin-Mutter sah durch all den Jammer das edle und schöne Weib und gab es ihrer Tochter zur Gespielin. Der ward die Leiderfahrene bald zur Freundin.

König Nala hatte sein Weib verlassen und wäre am liebsten vor sich selber geflohen. Er irrte durch den Wald, quälte sich mit Vorwürfen und schämte sich seines Tuns vor sich und der Welt. Wie im Traume bahnte er sich seinen Weg durchs dickste Dickicht, ohne Ziel und Zweck.

Mitten im Walde stieß er auf einen lodernden Ringwall von Flammen.

Daraus klang eine Stimme und rief: »Komm! König Nala! komm, erlöse mich!« und wieder: »Komm, König Nala! komm, erlöse mich!«

»Ich komme!« rief Nala und drang mutig durch Feuer und Rauch in den Ring.

Dort fand er eine große Schlange auf einem Steine zusammengerollt. Die sprach, demütig bittend, mit menschlicher Stimme:

»Wisse, edler König der Nischader, daß ich Karkolaka bin, ein König der Schlangen! Vor vielen Jahren habe ich einen Heiligen belogen, um eine meines Volkes vor gerechter Strafe zu schützen. Da verfluchte mich der Heilige und bannte mich in diesen Feuerring: bis König Nala mich befreit! – Schnell trage mich aus dem Feuer, und ich will dir den Weg weisen zu deiner Erlösung. Klug ist das Schlangenvolk! und ich bin sein Meister!« Darauf machte er sich klein, kaum spannenlang, und schlang sich um Nalas Daumen. »Nun laufe durch das Feuer und zähle deine Schritte!«

Nala sprang durch Feuer und Rauch, und als er in frischer Luft hielt, rief er: »Zehn!«

Da schlug Karkotaka seine Zähne in Nalas Daumen, fuhr aus seiner Haut und erschien vor dem Nischader in seiner Gestalt als Schlangenkönig: ein goldschimmernder Schlangenleib mit einem Menschenhaupt!

Nala aber fühlte einen Ruck durch seinen Leib gehen, und als er an sich hinuntersah, merkte er, daß ihn das Schlangengift in eine Mißgestalt verwandelt hatte.

»Edler Nischader!« sprach Karkotaka, »verschwunden ist die Gestalt, die dir zum Abscheu geworden war und die alle als die des Königs Nala kannten. Darum und um Kali durch das ätzende Gift zu peinigen, mußte ich dich beißen. Der Spielteufel hat ohne dein Wissen in dir Wohnung genommen. Dich wird mein Gift nicht quälen, denn du bist von heut' an der beste Freund des Schlangenvolkes und seines dankbaren Königs. Den Bösen aber wollen wir aus dir treiben und ihn bestrafen. Dazu mußt du den Zahlenzauber erwerben, denn der gibt Macht über alle Spielteufel, Rituparna, der König der Kosaler, kennt den Zauber. Gehe nach Ajodhia und verdinge dich ihm als Fuhrmann. Deine Kunst, die Rosse zu lenken und sie hundert Meilen in einem Tage zu treiben, wird dir bald Gelegenheit bieten, deinem Herrn einen wichtigen Dienst zu leisten. Dann biete ihm deine Kunst im Rosselenken gegen den Zahlenzauber. Hast du den Zauber, so beherrschest du Kali und wirst Reich und Glück wiedererwerben. Willst du wieder in deiner alten Gestalt einhergehen, so ziehe dieses mein abgestreiftes Kleid über den Daumen, und du bist wieder Nala, der Makellose, vor aller Welt.«

Damit verschwand der Schlangenkönig, und Nala, oder Vahuka, wie er sich in Knechtsgestalt nennen wollte, schlug den Weg nach Ajodhia ein und kam nach zehn Tagen zum Kosalerkönig Rituparna. Dem verdingte er sich als Stallknecht unter dem Wagenlenker Warschneja.

Bhima hatte seine beiden Enkelkinder gut aufgenommen und harrte nun schon lange des landlosen Königs und seiner treuen Gattin. Da sie sich nicht in Kundina einfanden, sandte er viele Brahmanen aus, um sie zu suchen.

Die Brahmanen zogen oft als geistliche Sänger und Lehrer von Stadt zu Stadt, von Hof zu Hof, durch alle Lande. Da mochte wohl einer Gelegenheit haben, die Ersehnten zu finden.

Der Großkönig versprach reichen Lohn an Vieh und Land dem, der die Flüchtigen brächte oder doch wenigstens ihren Aufenthalt erkunden könnte.

Die geweihten Boten Bhimas durchzogen viele Länder, aber alle mußten unverrichteter Dinge wieder heimkehren, bis auf Sudeva, den sein Weg nach Tschedi geführt hatte.

Als er dort einer Feier im Palast des Königs beiwohnte, sprach ihn eine tief verhüllte Gestalt an und fragte nach König Nala. Es war Damayanti, die bei allen Fahrenden nach ihrem unglücklichen Gatten zu forschen pflegte. Bei dieser Frage erkannte Sudeva die Tochter seines Herrn an Haltung und Stimme und grüßte sie im Namen ihrer Eltern und Kinder. Weinend fragte Damayanti, wie es allen ergehe, ob die Kinder gewachsen seien, und was eine Mutter wohl sonst noch wissen will.

Als die Königin-Mutter hinzutrat, mußte Sudeva erzählen, wer Damayanti sei, und da erkannte ihre Beschüizerin sie als das Kind ihrer fernen Schwester.

Nun wollte sie der lieben Verwandten würdigere Gastfreundschaft bieten, doch Damayanti dankte ihr für die viele Liebe, die sie schon als Unbekannte bei ihr gefunden hatte, und da Sudevas Grüße die Sehnsucht nach den Ihrigen wachgerufen hatten, bat sie um Reisegelegenheit nach Kundina.

Unter Tränen der Liebe nahmen die königlichen Frauen Abschied von Damayanti und ließen sie in einer Sänfte unter sicherem Schutz nach Kundina bringen.

Dort herrschte große Freude über die Wiedergefundene, und Bhima schenkte dem glücklichen Sudeva tausend Rinder und ein großes Dorf mit fruchtbaren Äckern und weiten Wiesengründen.

Am Tage nach ihrer Ankunft aber sagte Damayanti ihren Eltern, daß sie nicht leben könne ohne Nala!

Da rief Bhima wieder die Brahmanen zusammen, um sie noch einmal auf die Suche zu senden.

Und Damayanti lehrte sie das

Lied ihrer schlaflosen Nächte:

Wo weilst, beseßner Spieler, du
Mit meinem halben Kleide?
Bring' der im Wald Verlaßnen Ruh'
In tiefstem Herzeleide!
Oh, mögen Götter, treu verehrt,
Dein Schweifen heimwärts lenken,
Zu der, die Glück und Gram verzehrt,
In ew'gem Deingedenken!

»Dieses singet«, sprach sie zu den Gottgeweihten, »in allen Städten und Weilern, an Häfen und auf Märkten und wo sonst das Volk zusammenläuft! Und wenn euch einer auch nur ein rechtes Wort darauf erwidert, so merket seine Rede gut und hinterbringt sie mir eilig! Aber verratet nicht, daß ihr von mir gesandt seid! Die Götter mögen euer Wandern segnen!«

Nach vielen Monden ließ sich der Weihbrahmane Parnada vor Damayanti führen und berichtete also:

»An allen Orten habe ich dein Lied vergeblich gesungen. Auch zu Ajodhia, als ich in des Königs Halle sang, blieb ich ohne Antwort. Doch als ich gehen wollte, hielt mich im Dunkeln des Hofes eine Mißgestalt an und sang mit ergreifenden Tönen:

Zürne nicht! Du Herzenstreue,
Paar' nicht Fluch der tiefsten Reue!
Narr hat seinem Glück vertraut,
Weil's für ewig schien gebaut.
Schwert verloren – Ehr' verloren!
Steht im Schicksalsbuch des Toren.
Neid raubt ihm das letzte Kleid
Und den letzten Trost das Leid!

Mit Tränen im Auge schlich der Sänger hinweg und verschwand in des Königs Marstall.

Ich aber forschte bei den Leuten im Hause, wer der mißgestaltete Sänger sei.

Da hörte ich, es sei ein Knecht des Königs, namens Vahuka, der sich sehr gut aufs Fahren verstünde und auch treffliche Speisen bereitete. Er hält sich fern von allen Leuten und scheint schweren Kummer zu haben, von dem er des Nachts öfter singt.«

»Oh, Nala ist's, mein makelloser Held, den der Böse nun auch noch mißgestaltet hat!« rief Damayanti weinend und entließ den Brahmanen mit reichen Geschenken.

In heimlicher Beratung mit der Mutter hatte Damayanti eine List erdacht, um den mißgestalteten Sänger nach Kundina zu locken und zu prüfen, ob er König Nala sei.

Sudeva, der gute Brahmane, welcher sie selbst nach Hause gebracht hatte, sollte nun nach Ajodhia reisen und dort vor König Rituparna, wie zufällig, erwähnen, daß Damayanti am anderen Tage eine neue Gattenwahl halte, weil Nala wohl tot sei. Nur König Nala könne die hundert Meilen von dorther in einem Tage fahren. Wenn also Vahuka den Kosalerkönig rechtzeitig nach Kundina bringe, so spräche schon vieles dafür, daß König Nala sich in dieser Mißgestalt verberge. Andere Beweise würden sich dann wohl noch finden lassen.

So reiste denn Sudeva ab.


Und Rituparna wollte auch wirklich nicht fehlen, wenn die holde Bhimatochter Gattenwahl hielt.

Warschneja getraute sich nicht, die große Wegstrecke in so kurzer Zeit zu bewältigen, doch Vahuka setzte sein Leben zum Pfand, daß er den König noch rechtzeitig nach Kundina bringen würde. Die Botschaft Sudevas, den er kannte, hatte ihn zuerst niedergeschmettert, aber als er der endlosen Liebe seines Weibes gedachte, verstand er die List und bot dem König seinen Dienst an.

Vier unscheinbare, aber edle Rosse wählte er im Stall, die jedes die zehn Haarwirbel als Zeichen ihrer Schnelligkeit trugen. Der König zweifelte an ihrer Güte, aber Vahuka forderte volles Vertrauen, wenn die schnelle Fahrt gelingen sollte, und so bestieg Rituparna mit Warschneja hinter dem Kühnen den Wagen.

Fort ging's in wirbelnder Schnelle an Häusern und Bäumen vorbei!

Als Warschneja sah, wie Vahuka seine Rosse lenkte, da kamen ihm allerlei Gedanken:

»Der fährt ja wie Matali, der Wagenlenker Indras, oder wie Waju, der wehende Wind ... doch nein! – 's ist König Nala, wie er die Zügel führt! – aber die Mißgestalt? Ob ihm die Götter zürnen? – die haben schon manchen verwandelt!«

So dachte der Wackere hin und her und schwieg in Erwartung einer kommenden Lösung.

Auch Rituparna freute sich über Vahukas Kunst, denn er war ein Freund aller kriegerischen Übungen. Als ihm der Fahrtwind den Mantel entriß, wollte er halten lassen, um ihn aufzuheben.

»Laß ihn!« lachte Vahuka, »der liegt schon eine Meile hinter uns!« Die kühne Fahrt hatte auch ihn freudig gestimmt.

»Herrlich fährst du, Vahuka!« sprach der König, »und ich möchte die Kunst wohl von dir lernen. Sieh: ich habe ein anderes Wissen: den Zahlenzauber! den möchte ich dir dafür geben. Dort, der Eckernbaum, hat am untersten Ast zweihundertundsieben Eckern und eintausendsiebenhundertdreiunddreißig Blätter. Das sagt mir mein Wissen!«

Jäh hielt Vahuka sein Gespann an und sprang vom Wagen.

»Wir werden zu spät kommen!« rief ängstlich der König.

»Ich bringe die versäumte Zeit wieder ein,« sprach Vahuka, »doch deinen Zauber will ich prüfen.«

Und er zählte Blätter und Früchte genau und fand alles so, wie es der König angegeben hatte.

Vahuka staunte über das geheimnisvolle Wissen des Königs und versprach dem Kosaler, ihn seine Fahrkunst zu lehren, wenn der ihm den Zauber verrate.

Da neigte sich Rituparna vom Wagen und flüsterte dem Vahuka die Zauberformel ins Ohr.

Wie der Blitz fuhr nun Kali aus dem Opfer seiner Scheelsucht und stand demütig vor seinem neuen Herrscher.

Schon wollte Nala ihn verfluchen, da winselte der Elende:

»Bezähme deinen Zorn, o großmächtiger König der Nischader, und fluche mir nicht! Denn schwer hatte ich zu leiden, seitdem mich der Fluch deiner reinen Gattin getroffen und mir das Zwiefache deiner Leiden auferlegt hat; bitterer noch schmerzte mich Karkotakas Gift. Dein Reich will ich dir wiedergewinnen und nie mehr einen deiner Lieben quälen, aber fluche mir nicht, edler Dulder!«

Da bannte ihn Nala in den Eckernbaum.

Das gemeine Volk würfelt seither mit Eckern, und der Baum ist verachtet im ganzen Land.

Vahuka aber sprang auf den Wagen zu Rituparna und Warschneja, die Kali weder gesehen noch gehört hatten, und griff nach den Zügeln.

Mit doppelter Schnelle raste das Gefährt dahin, und ehe noch die Sonne sank, rollte der Wagen durch die Straßen Kundinas.

Es war ein Donnern und Tosen, als die windschnellen Rosse die letzten Meilen liefen, daß Pfauen und Elefanten freudig aufschrien, denn sie glaubten ein erfrischendes Gewitter im Anziehen.

Damayanti aber hörte am Fenster das Rollen und rief:

»So weiß nur Nala die Rosse zu jagen! Kommt er heut' nicht, so will ich den Scheiterhaufen besteigen und als seine Getreue den Flammentod erleiden!«

Aber dem Wagen, der vor dem Palaste hielt, entstiegen nur der Kosalerkönig Rituparna, der Rosselenker Warschneja und eine Mißgestalt, die Damayanti nicht kannte.

Bhima schritt dem Kosalerherrn entgegen.

Dieser hatte mit Staunen bemerkt, daß hier von dem Gedränge und Gepränge, das alle Feste Indiens zu begleiten pflegte, nichts zu sehen war. Sogleich vermutete er, daß Sudeva ihn irregeführt habe, und, um nicht zum Schaden noch Spott zu ernten, verschwieg der Kluge, warum er gekommen sei. Er begrüßte den edlen Bhima und fragte nach seinem Befinden.

Wohl erriet auch der Widarbher, dem die Frauen die List verhehlt hatten, daß Rituparna nicht deshalb allein die hundert Meilen gefahren sei, doch beschloß er zu warten, bis der Gast ihm sein Anliegen vorbringen wolle, und führte ihn freundlich nach dem Ehrensitz in der Halle.

Damayanti aber sandte die kluge Kesini hinab, zu erforschen, wer auf der Fahrt die Zügel geführt habe, und dem kühnen Lenker näher zu treten, so daß sie erkunden konnte, ob sich nicht König Nala hinter ihm verberge.

Kesini ging zu Vahuka, der die Pferde abgeschirrt hatte und nun auf dem Wagen saß, um zu ruhen. Sie fragte ihn allerlei und wußte bald, daß der Krüppel der schnelle Lenker sei und dem Kosaler als Fuhrmann und Koch diene. Auch das Leidlied Damayantis sprach sie vor Vahuka, und er gab dieselbe Antwort, die er dem Brahmanen gegeben hatte. Dann verfiel er in Schweigen und weinte still vor sich hin.

Als Kesini dies alles ihrer Herrin berichtete, ward diese in ihrem Glauben noch stärker. Aber um sicher zu sein, daß König Nala sich in Vahuka verberge, wollte sie noch die Hochzeitsgaben der Gölter bei dem Krüppel finden. Sie befahl deshalb Kesini, ihn auf allen seinen Wegen zu beobachten.

Bald kam Kesini und erzählte, wie vor dem Geheimnisvollen sich das Kellerloch erweitert habe, so daß er aufrecht durchschreiten konnte, um Fleisch für seines Herrn Abendtisch zu holen, wie er die leeren Töpfe voll Wasser gezaubert habe und das Abendrot auf den Herd als Feuer und wie er dann köstlich duftende Speisen bereitete. Von diesen brachte sie ihrer Herrin ein wenig. Sie hatte es dem Geschickten abgeschwatzt. Damayanti kostete davon und erkannte die Kunst Nalas, das Göttergeschenk Yamas.

Nun sandte sie Kesini mit den beiden Kindern zu Vahuka, daß er sich in seiner Vaterliebe verrate. Vahuka küßte die Kinder oft und weinte. Sie glichen so sehr den seinen, sagte er unter Tränen.

Nun ließ Damayanti den Bekümmerten vor sich führen.

Und als der Dulder vor der armen Verlassenen stand, da fiel ein Blütenregen vom Himmel, und die himmlischen Spielleute ließen ihre Weisen erklingen.

Jetzt erkannte Vahuka, daß seine Leidenszeit zu Ende sei, und zog die Haut des Schlangenkönigs über den Daumen.

Als Nala, der Makellose, schloß er seine treue Gattin in die Arme.

Nach langer Trauer war heller Jubel im Königspalast von Widarbha.

Einige Wochen blieben die Wiedervereiriten noch in Kundina, und Nala lehrte Rituparna die Rosse hundert Meilen im Tag zu treiben, wie er es vor dem Eckernbaume versprochen hatte.

Dann fuhr er mit einer kleinen Heldenschar nach Nischada, erinnerte Puschkara, daß er Damayanti als letzten Einsatz geheischt hatte, und forderte den Bruder nun zum Kampfe mit Würfeln oder Waffen.

Puschkara wählte die Würfel und verlor alles an den zauberkundigen Nala.

Dieser aber schenkte ihm seinen alten Fürstensitz und noch manche kostbare Gabe dazu, denn nicht der Bruder hatte ihm so schweres Leid gebracht, sondern Kali, der Böse.

Das Volk von Nischada jubelte seinem geliebten Herrscherpaare zu, und dieses lebte in Glück und Liebe noch viele Jahre.

Durch alle Zeiten aber klingt das Lied vom makellosen König Nala und seinem treuen Weibe Damayanti!

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