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Sagen und Geschichten aus deutschen Gauen

: Sagen und Geschichten aus deutschen Gauen - Kapitel 98
Quellenangabe
typelegend
authorVerschiedene Autoren
titleSagen und Geschichten aus deutschen Gauen
publisherLoewes Verlag Ferdinand Carl
printrunDritte Auflage
editorJ. Baß
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080102
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Ludwig Bechstein

Sankt Sebaldus.

Es ist eine alte Sage, daß der heilige Sebaldus zu Ende des achten oder zu Anfang des neunten Jahrhunderts nach Christo nach Nürnberg gekommen. Dieser Heilige war eines Königs von Dänemark Sohn und hatte in Paris studiert; aber er verließ seines Vaters Palast heimlich und wurde Einsiedler, wälzte sich auf Dornen und Disteln und kreuzigte sein Fleisch, daß sein Leib davon ganz armselig und mager wurde. Darauf pilgerte er samt seinem Schüler Dionysius barfuß gen Rom, traf auch auf seinem Wege die heiligen Männer Wilibald und Wunibald und nahm sie in seine Gesellschaft auf, gab ihnen Speise, die er aus Engelshand empfing, hatte auch ein kleines Fäßchen, das immer voll Weins war, wann auch die Gesellschaft ihn ausgetrunken, und wenn etwa ein Glas zerbrach, so machte Sankt Sebaldus es wieder ganz, und lehrte und predigte hin und her auf seinem Wege allem Volk die sanfte Lehre unseres Herrn und Heilandes. Über die Donau schwamm Sankt Sebald auf einem groben Mantel, den er über seinem härenen Hemde trug und auf das Wasser breitete, stehenden Fußes, weil kein Nachen vorhanden war. Da kam der Heilige in den Norgau, da hatte ein Bäuerlein seine Ochsen verloren und jammerte, denn es war Nacht, und es wußte nicht, wo es die Ochsen suchen sollte. Da schuf Sankt Sebald durch sein Gebet, daß des Bauern Finger leuchteten und großen Schein warfen wie ein Kronleuchter, und da fand und fing er seine Ochsen wieder.

Der heilige Sebaldus kam nach Nürnberg und nahm seine Herberge bei einem Wagner. Selbiger Wagner aber hatte nicht einmal Holz zum Einheizen, geschweige denn zum Wagenbauen. Da heizte der heilige Sebald mit Eiszapfen ein, die brannten, daß es knitterte und knatterte, er wärmte sich, und der Wagner und sein Weib lobten Gott für so billiges Brennmaterial. Eines Tages wünschte Sebaldus Fische zu speisen, es war aber durch die Herrschaft, die auf der Burg wohnte, bei Verlust des Augenlichtes allen verboten, vor ihr Fische zu kaufen. Da nun Sebaldus' Wirt das dennoch tat, so ward er ergriffen und geblendet. Dieses tat Sebaldo leid, er betete zu Gott, und dieser gab dem Wirt sein Augenlicht wieder. Bei dem guten Wagner und dessen Weibe blieb Sebaldus bis zu seinem seligen Ende, vor welchem er noch verordnete, daß zwei Ochsen seinen auf einen Wagen gelegten Leichnam ohne Lenker dahin ziehen sollten, wo er bestattet sein wolle; und die Ochsen zogen den Wagen bis zu Sankt Peters Kapelle und keinen Schritt weiter, trotz allen Zwanges und heftiger Geißelhiebe. Da ruhte und rastete Sankt Sebaldus gnädiglich, und es ward über ihn ein hölzernes Kapellchen erbaut, welches aber hernachmals der Blitz entzündete und einäscherte. Später kam er in sein eigenes Münster und in einen silbernen Sarg. Allda ruhend, war es Sebaldi Segen, der Nürnberg groß und reich und blühend machte, als der Stadt sonderlicher Patron und Hauptherr, und fortwährend tat er hohe Wunder. Blinde machte er sehend, Pilgrime errettete er von Straßenräubern, Kranke machte er gesund, Tote lebendig. Einst sandte in Nürnbergs Nähe eine fromme Bäuerin Sankt Sebaldo einen großen Käs zum Opfer; der Nachbar aber, dem sie den Käse mitgab, dachte: »Der liebe Gottesheilige ißt doch keinen Käs, sondern im Paradiese das himmlische Manna, es tut's also auch ein kleiner, den großen willst du für dich behalten.« Da machte Sankt Sebald den kleinen Käse zu Stein und auf dem Heimwege des Bauern auch den großen. –

Da nun zu Nürnberg der unübertreffliche Rotgießermeister Peter Vischer lebte, so bekam derselbe den Auftrag, mit seinen fünf verheirateten Söhnen Peter, Hermann, Hans, Paul und Jakob, die alle bei ihm im Hause wohnten und in seiner Gießhütte arbeiteten, Sankt Sebald ein neues, schönes Grabmal zu fertigen, auf dem der Silbersarg mit den heiligen Gebeinen ruhen sollte. Dieses fertigten die Meister so herrlich und kunstvoll schön, mit frommem Sinn und hohem Geist, daß es als Nürnbergs größte Zier dasteht. Und von den vielen Tausenden, die von Jahr zu Jahr dieses herrliche Zenotaph anstaunen, denkt kaum einer noch an den Heiligen, der darinnen ruhet, und an dessen Wunder, sondern nur an die Wunderwerke deutscher Kunst, die Nürnbergs unsterbliche Söhne, ein Peter Bischer, ein Albrecht Dürer, ein Adam Kraft bewirkt und vollbracht, durch den schaffenden, wunderwirkenden Gottesgeist in der Menschenseele.

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