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Sagen und Geschichten aus deutschen Gauen

: Sagen und Geschichten aus deutschen Gauen - Kapitel 80
Quellenangabe
typelegend
authorVerschiedene Autoren
titleSagen und Geschichten aus deutschen Gauen
publisherLoewes Verlag Ferdinand Carl
printrunDritte Auflage
editorJ. Baß
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080102
projectidb4fe387e
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Aloys Wilhelm Schreiber

Rolandseck.

Roland, der mannhafte Neffe Karls des Großen, streifte einst von Ingelheim am Rhein hinab, um die schönen Gegenden im Frühlingsschmuck zu sehen. Abends kam er auf eine Burg, wo er um ein Nachtlager bat und mit treuherziger Gastfreundschaft aufgenommen wurde. Der Burgherr schüttelte ihm freundlich die Hand wie einem alten Bekannten, und seine Tochter holte alsbald Wein und Brot herbei und füllte einen schönen, gläsernen Pokal, worauf das Wappen des Burgherrn gar künstlich in Farben zu sehen war. Als nun die Jungfrau vor ihm stand in aller Schönheit und Anmut, und mit züchtigem Erröten ihm den Pokal darreichte, da ergriff es ihn gar sonderbar, und seine Hand zitterte, indem er das Glas nahm, und er wurde darob glühend rot. Da dachte er bei sich: Das ist dir nie vor dem Feinde geschehen und selbst unter den Säbeln der Sarazenen nicht; und schnell ermannte er sich wieder und wußte dem Burgherrn auf alles recht gut Bescheid zu geben. Aber die ganze Nacht durch stand das Bild der Jungfrau vor ihm, und er schlief nur wenige Stunden. Des Morgens beim Abschied fragte ihn der Burgherr nach seinem Namen. Roland schämte sich fast, ihn zu sagen; denn es war damit gar großer Ruhm verbunden, und das Volk sang viele Lieder von seinen Taten. Der alte Ritter war höchlich erfreut, einen solchen Gast bei sich zu haben, und bat ihn, noch einen Tag zu bleiben. Die sittsame Hildegunde sagte kein Wörtlein dazu, aber man mochte ihr's wohl ansehen, daß ihr der Fremde nicht ungelegen war.

Roland blieb gern, und seiner Liebe wuchsen die Schwingen so schnell, daß sie mutig wurde. Bald gab es auch eine günstige Gelegenheit. Roland ging in den Schloßgarten und fand dort die Jungfrau, wie sie unter einem Apfelbaum saß, die Hände faltete, als ob sie betete. Ein frommer, freundlicher Traum mußte in ihrer Seele sein, das sah man an der Huld ihres Mundes und an der Sinnigkeit ihrer Gebärde.

Roland ging auf sie zu und wußte nicht recht ein Gespräch anzuknüpfen. Die schöne Hildegunde sah eine Rosenknospe am Boden liegen und hob sie auf. Roland bat sie darum. »Bis jetzt,« sagte er, »schmückt meinen Helm noch kein Zeichen eines lieben Andenkens, und wenn meine Kampfgefährten von der Schönheit und Tugend ihrer Fräulein sprechen, muß ich die Augen niederschlagen und schweigen.«

Die Jungfrau errötete, schaute ihn an, überrascht und ergriffen. Sie machte eine Bewegung mit der Hand, als wollte sie ihm die Rose geben, ließ aber schnell den Arm wieder sinken. Rolands Auge flehte so innig und doch so bescheiden, daß sie ihm die Rose darreichte mit den Worten: »Das Schöne vergeht schnell.«

Roland wagte es jetzt, von seiner Liebe zu reden, und Hildegunde gestand ihm, mehr mit Blicken als mit Worten, daß er ihr nicht gleichgültig sei. Sie gelobten sich ewige Treue, und Roland versprach, gleich nach dem bevorstehenden Feldzug wider die Ungläubigen an den Rhein zurückzukehren und sie heimzuführen als seine Hausfrau.

Der Abschied der Liebenden war still und schmerzlich. Sie schieden mit einem Händedruck, und was sie sich hatten sagen mögen, lag in ihren Blicken. Die Jungfrau lebte von nun an in gänzlicher Zurückgezogenheit und harrte täglich auf Nachricht von dem Geliebten. Bald kam die Kunde von neuem Ruhm, den er sich erworben, und die Schiffer, die auf dem Rheine fuhren, sangen seine Waffentaten.

Ein Jahr war nun bald verflossen, und die Nachricht von einem Frieden verbreitete sich allgemein. Eines Abends kam ein Ritter in das Schloß und bat um Herberge. Er hatte in Karls Heer gedient, und Hildegunde erkundigte sich, nicht ohne bange Ahnung, nach Roland. »Er fiel neben mir,« antwortete der Ritter, »bedeckt mit Ruhm und mit Wunden.«

Die Jungfrau konnte kein Wort hervorbringen und hatte auch keine Tränen. In stummem Schmerz saß sie da wie ein Marmorbild auf einem Grabmal. Nach acht Tagen bat sie ihren Vater, den Schleier nehmen zu dürfen, und ging in das Kloster aus den Frauenwörth, Der Bischof, in dessen Sprengel das Kloster gehörte, war ein Verwandter ihres Hauses und gestattete ihr, das Prüfungsjahr abzukürzen und schon nach drei Monaten das Gelübde abzulegen.

Einige Zeit darauf kam Roland auf die Burg ihres Vaters, um sie als Braut heimzuführen. Er war für tot auf der Walstatt liegen geblieben, aber doch wieder zu sich gekommen und durch sorgsame Pflege von seinen Wunden genesen.

Als er hörte, was vorgegangen, warf er seine Waffen von sich und ließ eine Klause bauen auf dem Fels, der seitdem Rolandseck heißt, an dessen Fuß der Frauenwörth im Rheine liegt. Da saß er nun tagelang vor der Türe seiner Einsiedelei und sah herab auf das Kloster, in welchem seine Geliebte wohnte. Früh, wenn die Glocke zur Mette rief, stand er auf vom Lager, ging hinaus, den Chorgesang der Jungfrauen zu hören, und oft wähnte er Hildegundes Stimme unterscheiden zu können. Spät in der Nacht, wenn er noch ein einsames Licht in einer Zelle schimmern sah, glaubte er, es sei Hildegunde, die für ihn bete.

Zwei Jahre gingen so vorüber, und der Gram hatte bereits die beste Kraft seines Lebens aufgezehrt. An einem trüben Herbstmorgen schaute er herab auf das Kloster wie gewöhnlich und sah auf dem Kirchhof ein Grab auswerfen; da kam es ihm vor, als ob eine Stimme neben ihm flüstere: Es ist für Hildegunden! Er schickte einen Boten in das Kloster und erfuhr, daß sie vollendet habe. Er sah sie einsenken in die kühle Ruhestatt und hörte das schauerliche Requiem singen, den letzten Abschied der Lebenden von den Toten. Der Schmerz überwältigte sein Leben, man fand ihn vor seiner Klause sitzen, starr und tot, die Augen nach dem Kloster gewendet.

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