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Sagen und Geschichten aus deutschen Gauen

: Sagen und Geschichten aus deutschen Gauen - Kapitel 71
Quellenangabe
typelegend
authorVerschiedene Autoren
titleSagen und Geschichten aus deutschen Gauen
publisherLoewes Verlag Ferdinand Carl
printrunDritte Auflage
editorJ. Baß
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080102
projectidb4fe387e
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August Witzschel

Sage von Möbisburg.

Am nördlichen Ende des Dorfes Möbisburg erhebt sich eine runde, mäßige Anhöhe, teils von der Natur, teils von Menschenhänden so gebildet und geschaffen. Oben, wo jetzt die Kirche und der Gottesacker liegt, stand vor alten Zeiten eine Burg, daher den Hügel bis heute noch das Volk den Burgberg nennt. Auf dieser Burg, erzählt die Sage, wohnte in uralten Zeiten ein mächtiger Fürst, dem das ganze Land weit und breit umher gehörte. Aber er haßte den Frieden, führte das ganze Jahr Krieg, und je mehr er Feinde hatte, desto lieber war es ihm. Lange war er glücklich in diesen Kriegen, zuletzt aber zogen der Feinde zu viele gegen ihn, schlugen ihn überall aus dem Felde und belagerten endlich seine Burg. Der Burgberg ragte damals aus einem See empor, der das ganze Tal bedeckt hat und erst später durch Mönche abgeleitet worden ist. Der belagerte Fürst hielt sich sicher vor den Feinden auf seiner Burg im See; aber der Hunger zwang ihn endlich, die Burg den Feinden zu übergeben. Die Feinde wollten niemand freien Abzug gestatten, nur die Fürstin sollte frei abziehen mit so viel ihrer Habe, als sie zu tragen vermöchte; doch sollte nichts Lebendiges dabei sein. Da versteckte sie ihren Gemahl in eine Lade und trug die Last zur Burg hinaus über die Brücke und durch die Feinde hindurch. Noch war sie in der Nähe der letzten Krieger, als der Fürst an den Deckel der Lade klopfte und ihr zurief: »Mach' auf, mir fehlt es an Luft.« »Ich darf noch nicht,« flüsterte die brave Frau zurück, »die Feinde sind noch ganz nahe.« Abermals nach einer Weile pochte der Fürst an die Lade, und abermals erwiderte sie: »Ich darf noch nicht, die Feinde schauen uns nach; harre noch ein Weilchen, bald sind wir im Walde.« Endlich schirmt sie der dichte Wald, da setzt sie, Gott dankend, die schwere Last ab, öffnet die Lade und findet ihren Gemahl tot in derselben. Jammernd hebt die Fürstin die Lade noch einmal auf ihre Schultern, um der Leiche ein ehrliches Grab zu verschaffen; aber als sie nach Riechheim kam und die Bauern, denen sie früher Gutes getan, um eine kurze Rast und ein Grab für ihren Gatten bat, erlaubten ihr diese nicht einmal niederzusitzen, sondern jagten sie fort über die Grenze. Schweigend und bitter weinend geht die Fürstin weiter mit ihrer Bürde. Im Walde ruht sie die Nacht unter einer Eiche, die man noch lange gezeigt hat, und dann kommt sie nach Osthausen. Die Osthäuser Bauern nehmen die arme Frau gutherzig auf, begraben ihren Gemahl in geweihter Erde und helfen ihr weiter nach Osten fort. Wo sie geblieben, darüber ist alle Kunde verschollen, aber zum Dank hat sie den Osthäusern und den Bauern der andern Dörfer, die ihr Obdach und Hilfe gewährt, Waldungen geschenkt auf ewige Zeiten. So ist es gekommen, daß Osthausen und die meisten Dörfer von da nach Tannroda und Kranichfeld hin Gemeindewaldung bis auf den heutigen Tag haben, nur Riechheim nicht, obgleich es fast im Holze liegt.

Noch bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts war es Brauch, daß die erwachsenen männlichen Einwohner jener Dörfer alljährlich an einem bestimmten Tage gemeinschaftlich auf einen nahen Berg, der Königsstuhl genannt, zogen, um das Andenken an ihre frühere Gemeinschaft zu erneuern.

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