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Sagen und Geschichten aus deutschen Gauen

: Sagen und Geschichten aus deutschen Gauen - Kapitel 70
Quellenangabe
typelegend
authorVerschiedene Autoren
titleSagen und Geschichten aus deutschen Gauen
publisherLoewes Verlag Ferdinand Carl
printrunDritte Auflage
editorJ. Baß
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080102
projectidb4fe387e
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Brüder Grimm

Die Maultasch-Schutt.

Wie das Schloß Dieterichsstein von der Frau Margarete Maultasch (im Jahre 1334) belagert und verwüstet worden, sind viele Herren und Landleute aus Kärnten mit Weib und Kind in eiliger Flucht gen Osterwitz gekommen, einer Burg, dem edlen und gestrengen Herrn Reinher Schenk zugehörig, von dem sie dann mit großen Ehren empfangen worden sind. An diesem Orte als von Natur überaus stark und unbezwingbar, hatten sie alle gute Hoffnung, mit den Ihren vor der Tyrannin sicher zu bleiben. Es liegt aber Osterwitz eine Meile Wegs von St. Veit auf einem starken und sehr hohen Felsen, der an keinem Ort weder gestürmt noch angelaufen werden mag. Nun zog aber Frau Maultasch mit ihrem Kriegervolk stracks auf Osterwitz zu, besonders, nachdem sie erfahren, daß allda ein großer Adel beisammen wäre; mit dem Vorhaben so lange davor zu liegen, bis sie das Schloß in ihre Gewalt bringen und der schon erwähnten Herren und Frauen habhaft sein würde. Wie solches dem Herrn Reinher Schenk von seinen Kundschaftern angekündigt worden, hat er hierauf unverzüglich seine Kriegsleute, deren Zahl nicht viel über dreihundert gewesen, mit großem Fleiß auf die Wehren und Mauern und allenthalben auf dem hohen Berge geordnet und gar nichts unterlassen, was zu ihrem Schutz gedienet. Inzwischen kam die Frau Maultasch so weit heran, daß sie mit den Ihren das Feld weit und breit eingenommen, auch das Schloß ringsum also umringt hatte, daß schier niemand zu den Belagerten kommen oder aus der Festung entweichen konnte. Und weil die Tyrannin gesehen, daß es unmöglich, Osterwitz zu überwältigen, hat sie demnach in der Zeit der Belagerung den armen Bauersleuten in den Dörfern mit Brennen, Rauben, Morden und andern Gewalttätigkeiten nicht geringen Schaden zugefügt, wie die zerbrochenen Schlösser und Burgen noch heutigestags genugsam davon Zeugnis geben. Doch als sie zuletzt gesehen, daß sie sich die ganze Zeit umsonst und vergeblich bemüht hatte, auch mit all ihrer Gewalt wenig ausrichten würde, hat sie soviel im Rat beschlossen, ihre Gesandten an Reinher Schenk zu verordnen mit dem Befehl, daß sie ihn mit vielen und reichen Verheißungen dazu bewegen sollten, das Schloß Osterwitz ihr zu übergeben und mit den Seinen frei abzuziehen. Auf solche Werbung ließ Herr Reinher Schenk abschlägig antworten und sagen, er müßte ein Kind sein, wenn er darauf horchen und nach ihren Drohungen fragen wollte. Die Gesandten kamen mit betrübtem Herzen in das Lager zurück und alle rieten ihr, den Ort, da mit Gewalt nichts auszurichten wäre, auszuhungern und mit solchem Mittel den kärntischen Adel zum Brett zu treiben. Diesem treuen Rat wollte auch Frau Maultasch nachkommen, weil doch keine andere Gelegenheit vorhanden war, ihren Willen durchzusetzen.

Weil dann nun diese Belagerung ziemlich lange gewährt hatte, entstand inzwischen in dem Schlosse Osterwitz nicht allein unter den gemeinen Knechten, sondern auch unter denen vom Adel, sonderlich aber bei den Frauen, ein großer Mangel an allen Sachen, vornehmlich aber an Wasser, daß auch täglich viel umkamen. Von den dreihundert Knechten waren kaum hundert übriggeblieben, die sich notgedrungenerweise mit abscheulicher Speise, als Katzen-, Hunde- und Roßfleisch sättigen mußten. Indem sich nun etliche vornehme Herren und vom Adel deswegen miteinander beratschlagten, was zu tun wäre, erfanden sie endlich einen trefflich guten und erwünschten Weg. Sie gingen sämtlich zu Herrn Reinher Schenk und sagten ihm, wie sie diesmal nur durch eine List zu erretten wären, weil sie keine Hilfe von Erzherzog Otto zu erwarten hatten. Dieweil sie nun gesehen, daß alle Speisen und des Leibes Notdurft nun verzehrt und nichts mehr in ihrer Gewalt wäre, als ein dürrer Stier und zwei Vierling Roggen, so wäre ihr getreuer Rat, Gutdünken und Meinung, man sollte den Stier abschlachten, in dessen abgezogene Haut den Roggen einschütten und sie hierauf, wohl vermacht, den Berg hinabwerfen. Wenn die Feinde dann solches sähen, würde es ihnen Ursache geben, zu denken, wir wären mit allerlei Notdurft und Lebensmitteln noch reichlich versehen und könnten die Belagerung noch eine gute Zeit aushalten. Dann würden sie ohne Zweifel aufbrechen und mit dem ganzen Kriegsheer abziehen.

Diesem Rat kam Herr Reinher Schenk alsbald nach, ließ den Stier abziehen, den Roggen dareintun und solchen damit den Berg abstürzen, wobei jedermann mit großer Verwunderung zugesehen. Als aber Frau Maultasch solches erfahren, tat sie hierauf einen lauten, hellen Schrei und sagte: »Ha, das sind die Klaus-Rappen, die eine gute Zeit ihre Nahrung in die Kluft zusammengetragen und auf dem hohen Felsen versteckt haben; wir werden sie nicht so leicht mit unsern Klauen fassen können, weshalb wir sie in ihrem tiefen Nest sitzen lassen und andere gemästete Vögel suchen wollen.« Von Stund' an hat sie darauf ihren Kriegsleuten befohlen, daß ein jeder insonderheit seine Stirnhaube voll Erde fassen und solche auf einem ebenen Felde gleich bei Osterwitz gegenüber ausschütten sollte. Als solches geschehen, ist aus derselben Erde ein ziemlich großes Berglein geworden, das man lauge Zeit im Land zu Kärnten die Maultasch-Schutt genannt hat. Noch im Jahre 1580 hat Herr Georg Kevenmüller, Freiherr zu Aichelberg, als Landeshauptmann von Kärnten, der Frau Maultasch Bildnis in schönem, weißem Stein aushauen lassen, welche Säule das »Kreuz bei der Maultasch-Schutt« genannt worden.

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