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Sagen und Geschichten aus deutschen Gauen

: Sagen und Geschichten aus deutschen Gauen - Kapitel 59
Quellenangabe
typelegend
authorVerschiedene Autoren
titleSagen und Geschichten aus deutschen Gauen
publisherLoewes Verlag Ferdinand Carl
printrunDritte Auflage
editorJ. Baß
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080102
projectidb4fe387e
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Moritz Bermann

Alle neun Kegel.

Es ist gar wenigen in Wien bekannt, daß sich auf dem Stephansturm eine Kegelschiebstatt befindet. Diese ist noch heute in dem kleinen Zimmer neben der Wohnung des Turmwächters, und dahin kamen vor einigen Jahrhunderten an Sonntagnachmittagen die Gesellen, um sich da zu unterhalten. Diese Kegelbahn ist sehr kurz, man muß sich beim Ausschieben bücken und die Kugel, zwischen den Beinen durchsehend, von hinten nach vorn auswerfen. Von dieser Schiebstatt hat sich eine lehrreiche Sage erhalten, die ich euch erzählen will.

An einem heiteren Septemberabend unterhielten sich auf dem Berghofe nach dem Abendbrot einige lustige Männer aus Wien bei Geigenspiel, Becherklang und Kegelschieben. Unter ihnen war einer, der das Spiel vollständig beherrschte; denn bei jedem Ausschube traf er alle neun Kegel; und er war es daher auch, welcher immer den Sieg davontrug.

Die Gäste hatten sich in der Abenddämmerung bis auf den einen bereits verloren. Dieser stand aber noch immer da, ein Mann von hoher, kräftiger Gestalt, jedoch verliederlicht im Anzug, den Ausdruck tierischer Leidenschaft in den durch Trunk und andere Laster unschön verzerrten Zügen, und schob Kegel ohne Ruhe und Rast. Wie gewohnt, warf er stets alle neun, und er begleitete diese seine Geschicklichkeit mit lautem Beifallsgeschrei. Nebenbei goß er einen Becher Wein nach dem andern in den nimmersatten Schlund, weshalb ihn auch die Wiener den »Ewigtrunk« hießen.

Konrad der Ewigtrunk spielte und zechte so eine gute Weile fort, als der Wirt des Berghofes zu ihm trat.

»Nun, Konrad,« sagte er freundlich, »habt Ihr noch nicht genug gespielt? Es wäre Zeit, davon abzulassen. Ich begreife überhaupt nicht, wie es Euch Vergnügen machen kann, da so allein fortzukegeln.«

»Kümmert Euch nicht darum, sondern bringt lieber noch Wein her, mich dürstet fieberisch.«

Der Wirt entfernte sich kopfschüttelnd, brachte den verlangten Wein und nahm die ihm trotzig hingeworfene Zeche in Empfang. Konrad ergriff neuerdings die Kugel und schob aus; aber diesmal verfehlte er sein Ziel; denn es hatte sich eine Hand, wie Blei so schwer, auf seine Schulter gelegt. Zornig blickte er nach rückwärts – er sah da ein Männchen, ganz in Grau gekleidet, mit schneeweißem Gesichte, das einem Totenschädel glich und das den Wüstling aus hohlen, tiefliegenden Augen unheimlich stechend anstarrte. Die Haare Konrads begannen sich zu sträuben, so schreckenerregend war das Aussehen des kleinen Mannes, in dessen Nähe ihn ein kalter Schauer überlief.

Indessen ermannte er sich, stürzte einen Becher Wein hinunter und rief zornig: »Was wollt Ihr denn von mir? Ihr treibt sehr dumme Narrenspossen; laßt mich in Ruhe!« – Dann ergriff er die Kugel wieder und wollte sein Spiel fortsetzen, aber die Gegenwart des unheimlichen Gefährten lastete auf ihm – er schob abermals ein Loch.

»Das ist zu arg, bei allen Höllenkünsten!« fluchte Konrad. »Treibt meine Geduld nicht aufs Äußerste. Geht fort und stört mich nicht länger!«

Da erscholl es mit eintöniger Stimme, die wie aus einem Grabe kam: »Laß ab, ewiger Trunkenbold, laß ab von dem Spiele! Wie lange willst du noch schieben im Mondenschein und Sternenschimmer?«

»Spare deine weisen Lehren,« erwiderte Konrad. »Folge mir lieber zur Stephanskirche, wenn du willst, denn mich gelüstet, oben auf der Schiebstatt im Turme zu spielen. Dort, wenn du willst, spiele ich mit dir bis um Mitternacht, so daß die frommen Wiener glauben sollen, der böse Feind sei losgelassen.«

Da flüsterte beinahe tonlos der Graurock: »Nun, so komm, du unverbesserlicher Wüstling; wenn du Mut hast, kannst du oben mit mir eine Kegelpartie machen.«

Konrad stürzte den letzten Rest seines Weines hinunter und machte sich mit seinem Begleiter auf den Weg. Sie gingen durch die menschenleeren Gassen, aber nur die schweren Tritte des Säufers waren zu vernehmen, das Graurücklein schien über dem Boden zu schweben, denn seine Schritte gaben keinen Nachhall.

Wie Blei hing es sich an Konrads Schuhe, und als sie auf dem Turme oben angelangt waren, triefte der Wüstling von Schweiß. Aber er bemeisterte sein Grauen und fragte übermütig und höhnisch: »Wirfst du auch auf jeden Schub alle neun Kegel um?«

»Auf jeden Schub alle neun,« erwiderte der Unheimliche; »ich wette darauf, und verliere ich, so zahle ich auf der Stelle jede Summe, die du begehrst.«

»Angenommen. Merke aber auf, was ich sage; du mußt dich mit dem Rücken gegen die Kegel aufstellen, zur Erde bücken und zwischen den ausgespreizten Beinen die Kugel nach dem Ziele werfen. Kannst du das?«

»Laß es gut sein. Gib die Kugel her!«

»So wirf denn alle neun!« rief hohnlachend Konrad und warf einen der Kegel zum Turmfenster hinab auf die Straße.

»Erst du, dann ich!« donnerte ingrimmig der Graurock. Die Kleider fielen von ihm ab und ein Entsetzen erregendes Totengerippe von riesiger Höhe, Sense und Stundenglas schwingend, zeigte sich den Blicken des vor Schreck halbtoten Trunkenbolds. »Also vorwärts!« rief es, »vorwärts, der Tod wartet nicht. Gelingt es dir aber nicht, alle neun Kegel zu treffen, so bist du mir verfallen und kommst nicht lebend vom Turme herunter. Höre, eben fängt die Stunde meiner Herrschaft zu schlagen an.«

Es schlug gerade zwölf Uhr.

Zentnerschwer fiel die Geisterstunde auf das Herz des Liederlichen, Gottvergessenen. Das Fieber rüttelte ihn dergestalt, daß er nicht stillhalten konnte, er suchte mit klappernden Zähnen nach dem neunten Kegel, aber der lag unten auf dem Platze. Todesschweiß bedeckte seine Stirne. »Ich muß den neunten Kegel haben,« stöhnte er und kratzte heulend die Hände an der Wand blutig. Er stieß wütende Flüche aus, kniete neben die Kegel, zählte sie mehreremal, aber ach! es fehlte immer der neunte. »Ich muß den neunten haben!« schrie er in ohnmächtiger Verzweiflung.

Da rief der Tod: »Nun, du toller Bursche, glaubst du etwa, ich brauchte den neunten Kegel? Der Tod trifft auch neune, selbst wenn es nur acht sind!«

Darauf warf der schreckliche Menschenwürger die Kugel gewaltig vorwärts, die Kegel stürzten mit Geprassel zusammen, und Konrad, der Ewigtrunk, sank neben ihnen leblos zu Boden. So fand ihn am andern Morgen der Turmwächter.

Noch einige Jahrhunderte nachher war es Sitte, daß die Besucher dieser Kegelschiebstatt auf die Erlösung der armen Seele des Verunglückten einen Schub tun mußten.

Der Schlemmer hatte sich wahrscheinlich in seinem trunkenen Übermute auf den Kirchturm begeben und da, nachdem er im Rausche einen der Kegel aus dem Turmfenster geworfen, sich wie wütend auf die übriggebliebenen Kegel gestürzt, wobei ihn die von der Wand abprallende Kugel an den Kopf getroffen und getötet haben mag. Der fromme Sinn unserer Vorfahren unterlegte der Tatsache den sagenhaften Grund, um auch hier vor Übermaß der Leidenschaftlichkeit, die nur Schaden bringt, zu warnen.

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