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Sagen und Geschichten aus deutschen Gauen

: Sagen und Geschichten aus deutschen Gauen - Kapitel 56
Quellenangabe
typelegend
authorVerschiedene Autoren
titleSagen und Geschichten aus deutschen Gauen
publisherLoewes Verlag Ferdinand Carl
printrunDritte Auflage
editorJ. Baß
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080102
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August Witzschel

Kämpfe der Thüringer mit den Franken.

Der König der Franken war gestorben und hatte außer seiner Tochter Amalberga, die mit Irminfried, dem Könige der Thüringer, vermählt war, einen rechtmäßigen Erben nicht hinterlassen. Das Volk der Franken aber wählte ans Anhänglichkeit und Dankbarkeit gegen den verstorbenen König, der gütig und mild gewesen war, seinen unehelichen Sohn Theadrich oder Dietrich, den Halbbruder der Amalberga, zum König, der nach den Gesetzen kein Recht auf den Thron hatte. Dietrich schickte sogleich eine Gesandtschaft an Irminfried, um Frieden und Eintracht zu sichern. Der Gesandte sprach zu Irminfried: »Mein Herr und König hat mich zu dir gesandt und wünscht dir Gesundheit und lange Herrschaft über dein weites und großes Reich. Er will nicht dein Herr, sondern dein Freund, nicht dein Gebieter, sondern dein Verwandter sein und das Recht und die Treue der Verwandtschaft bis an sein Ende unverbrüchlich bewahren; nur bittet er dich, die Freundschaft mit dem Volke der Franken nicht aufzuheben und in ihre Eintracht nicht Zwietracht zu bringen, weil sie sich einen König nach ihrer Wahl erkoren haben.«

Irminfried erwiderte gnädig und freundlich, er sei mit dem Beschlusse der Franken einverstanden, auch er wolle nicht die Zwietracht sondern den Frieden, über die Sache der Thronfolge aber müsse er den Rat seiner Freunde hören und darum die Antwort noch verschieben. Die Gesandten blieben eine Zeitlang am Hofe des Königs und wurden gar ehrenvoll gehalten.

Die Königin Amalberga aber meinte, daß ihr das Frankenreich mit Recht zugehöre und zugestorben sei, denn sie sei eine Tochter des Königs und der Königin, Dietrich hingegen ein geborener Knecht, da er eine Sklavin zur Mutter gehabt habe. Nun lebte auch am Hofe des Königs ein kühner und tapferer Mann, Iring genannt, kräftigen Geistes, scharfsinnig, klug und geschickt in allem Ratgeben, und deshalb stand er auch in großem Ansehen beim Könige und hatte sein Vertrauen. Diesen rief die Königin zu sich und bat ihn, dem Könige einzureden, daß es sich für ihn nicht gezieme, einem Sklaven die Hand zu reichen und ihm zu huldigen.

In der Beratung, welche der König zusammenrief, brachte ihn Iring um der Königin willen von dem Frieden mit Dietrich ab, wozu die andern Räte sehr geraten hatten. Irminfrieds Sache sei gerechter, sein Reich weit und groß, und in der Zahl der Krieger, der Waffen und anderem Kriegsbedarf sei zwischen ihm und Dietrich eben kein Unterschied.

Seine Worte gefielen dem Könige und er erwiderte den Gesandten, er wolle zwar Dietrich seine Freundschaft und Vetterschaft nicht verweigern, doch müsse er sich wundern, wie Dietrich eher ein Reich als seine Freiheit zu gewinnen trachte, da er, ein geborener Sklave, königliches Recht und Eigentum billigerweise nicht verlangen könne. Bekümmert und tiefbewegt sprach der Gesandte: »Lieber wollte ich mein eigenes Haupt dir zu Füßen legen, als solche Worte hören; denn ich weiß, daß sie mit vielem Blute der Franken und Thüringer gesühnt werden müssen.« Dann reiste er zu seinem Herrn zurück. Als Dietrich diese Worte vernahm, verbarg er seinen übergroßen Zorn hinter einer heitern Miene. »Es tut not,« sprach er, »daß wir eiligst unsern Dienst bei Irminfried antreten, damit wir, der Freiheit beraubt, wenigstens das nackte Leben behalten.« Er sammelte aber alsbald ein gewaltiges Heer und zog mit demselben an die Grenzmarke der Thüringer, wo ihn sein Schwager bei Runinbergun bereits erwartete. Zwei Tage währte der heiße Kampf ohne Entscheidung, am dritten wurde Irminfried besiegt und floh mit seinem Heere in seine Burg Scithingi, welche an dem Flusse Unstrode gelegen war.

Nach der Flucht der Thüringer rief Dietrich seine Feldherren und Hauptleute und fragte sie um ihre Meinung, ob er Irminfried weiter verfolgen oder ins Vaterland zurückkehren solle. Unter diesen war einer namens Waldrich, der sprach: »Ich bin der Meinung, daß wir heimkehren, die Toten begraben, die Verwundeten pflegen und ein größeres Heer zusammenziehen, da wir nach so großem Verluste nicht mehr stark genug sind, den gegenwärtigen Kampf zu beendigen. Denn wenn die umwohnenden Völkerschaften sich mit Irminfried verbinden und ihm beistehen, mit welcher Macht willst du dann siegen?« Es hatte aber Dietrich noch einen andern gewandten Diener, dessen Rat er schon öfters als tüchtig und nützlich erfunden hatte. Auch diesen fragte der König um seine Meinung. »Ich halte dafür,« sprach dieser, »daß in ehrenvollen Dingen Beharrlichkeit sich ziemt, welche auch unsere Vorfahren so hochhielten, daß sie begonnene Unternehmungen selten oder nie aufgaben. Unsere Mühen sind aber den ihrigen nicht zu vergleichen; denn sie haben mit geringer Mannschaft die Ungeheuern Heere anderer Völker überwunden. Jetzt ist das Land in unserer Gewalt; wollen wir durch unsern Abzug den Besiegten Gelegenheit geben, sich zu kräftigen und zu siegen? Es ziemt den Siegern nicht, den Besiegten den Kampfplatz zu überlassen. Und sind wir nicht zahlreich genug, um jeder Burg eine Besatzung zu geben? Auch diese würden wir alle verlieren, wenn wir abziehen und zurückkehren. Dazu könnten wir leicht die alten Feinde der Thüringer, die Sachsen, zu unseren Bundesgenossen gewinnen.«

Diese Rede gefiel dem König und allen, die nach Siegesruhm begierig waren. Man blieb im Lager, und eine Botschaft ging sogleich zu den Sachsen mit dem Erbieten, wenn sie dem König Dietrich Hilfe brächten wider Irminfried und die Thüringer, ihre alten Feinde, sie besiegten und die Burg nähmen, wolle er ihnen dann Land und Reich als ewiges Besitztum überlassen. Die Sachsen säumten nicht und schickten je neun Heerführer mit je tausend Mann. Diese Führer traten in das Lager der Franken jeder mit hundert Mann, während die übrigen draußen vor dem Lager blieben, entboten dem König Dietrich Gruß und Frieden und sprachen also: »Das Volk der Sachsen, dir ergeben und deinem Befehle gehorsam, hat uns zu dir gesendet, und wir sind bereit auszuführen, was dein Wille von uns fordert, entweder deine Feinde zu besiegen oder für dich zu sterben; denn die Sachsen haben keinen größeren Wunsch, als den Sieg zu gewinnen oder das Leben zu lassen. Wir können unsern Freunden keinen größeren Dienst erweisen, als daß wir für sie den Tod verachten, und daß du dieses erfahren mögest, ist unser Wunsch.«

Während die Führer so sprachen, bewunderten die Franken diese an Geist und Leib gleich ausgezeichneten Männer, ihre neue Tracht, ihre Bewaffnung, das die Schultern umwallende Haupthaar, besonders aber die Festigkeit ihres Mutes. Sie waren bekleidet mit langen Kriegsröcken, bewehrt mit langen Lanzen, standen gestützt auf kleine Schilde und trugen an der Seite lange Messer. Einige der Franken aber meinten, solche Freunde seien ihnen wenig nützlich, es sei ein unbändiges Volk, und wenn sie das, Land erst innehätten, würden sie das Reich der Franken bald vernichten. Der König Dietrich aber dachte nur an den augenblicklichen Nutzen, deshalb nahm er die Männer als Bundesgenossen auf und gebot ihnen, sich zum Sturme gegen die Stadt vorzubereiten.

Die Sachsen steckten nun ein Lager ab südlich von der Stadt auf Wiesen, die an den Fluß stießen, und am folgenden Tage griffen sie mit den ersten Morgenstrahlen zu den Waffen, stürmten die Vorstadt und steckten sie in Brand. Dann stellten sie dem östlichen Tore gegenüber eine Schlachtreihe auf. Die Thüringer machten einen verzweifelten Ausfall, stürmten in blinder Wut auf ihre Gegner los, und eine grimmige Schlacht begann. Auf beiden Seiten wurden viele zu Boden gestreckt, denn die Thüringer kämpften für ihr Vaterland, für ihre Weiber und Kinder und für das eigene Leben, die Sachsen aber für ihren Ruhm und den Erwerb des Landes. Erst die einbrechende Nacht trennte den Kampf.

In dieser Not wurde Iring von Irminfried mit einer unterwürfigen Botschaft und allen Schätzen an Dietrich gesendet, Frieden zu erbitten und freiwillige Unterwerfung zu geloben. Iring trat vor den König der Franken und richtete unter Tränen seinen Auftrag aus. Als er gesprochen hatte, traten Dietrichs Räte, die zuvor mit Gold bestochen waren, mahnend herzu und rieten, das Gebot nicht abzuweisen, der König möge auch ihrer Verwandtschaft nicht ganz vergessen, und es sei nützlicher, denjenigen als Bundesgenossen anzunehmen, der geschwächt und besiegt sei, als jenes unbezähmbare und jeder Anstrengung gewachsene Volk der Sachsen, welches dem Frankenreiche nur gefährlich werden könne. Darum sei es ratsam, die Thüringer wieder anzunehmen und jene mit vereinten Kräften zu vertreiben. Durch diese Rede ließ sich Dietrich, obwohl mit Widerstreben, bestimmen, seinen Schwager am folgenden Tage wieder zu Gnaden anzunehmen und den Bund mit den Sachsen zu brechen. Als Iring diese Zusage erhalten hatte, fiel er dem Könige zu Füßen, lobte seine königliche Milde und schickte an seinen Herrn sogleich eine Botschaft, um ihn und die Thüringer zu erfreuen und zu beruhigen. Er selbst aber blieb im Lager der Franken, damit nicht die Nacht die Gesinnungen ändern möchte.

Da durch diese Meldung die belagerte Stadt ruhig und des Friedens sicher geworden war, ging ein Thüringer mit seinem Falken vor das Tor, um am Ufer der Unstrut zu beizen. Der Vogel flog an das jenseitige Ufer und wurde von einem Sachsen gefangen. Der Thüringer forderte den Falken zurück, der Sachse aber verweigerte beharrlich dessen Rückgabe. »Laß ihn zurückfliegen,« sprach endlich der Thüringer, »und ich will dir ein Geheimnis offenbaren, das dir und deinen Leuten von großem Nutzen sein wird.« – »Sprich,« entgegnete der Sachse, »und du sollst deinen Vogel erhalten.« – »Die Könige,« fuhr jener fort, »haben miteinander Frieden gemacht und verabredet, daß ihr morgen im Lager gefangen oder, wenn ihr Widerstand leistet, niedergehauen werden sollt.« – »Sagst du das im Ernst oder im Scherz?« fragte der Sachse. »Die zweite Stunde,« erhielt er zur Antwort, »wird dir morgen kundtun, daß es euch gilt, Ernst zu zeigen. Deshalb sorgt für euch und sucht die Flucht.« Der Sachse ließ sogleich den Falken los und brachte seinen Genossen die Nachricht.

Die Sachsen, darüber ganz aufgebracht und ganz erschüttert, wußten anfangs nicht, was sie in dieser Sache tun sollten. Es war aber im Lager der Sachsen ein Krieger, zwar hoch betagt, doch ungeschwächt an Körperkraft. Er wurde aber gewöhnlich Vater der Väter genannt. Dieser ergriff der Sachsen heiliges Feldzeichen, das Bild eines Löwen und Drachen mit einem darüber fliegenden Adler, und sprach in stattlicher Haltung und festen Sinnes also: »Bis jetzt habe ich unter den Sachsen gelebt, bin unter ihnen alt und grau geworden, habe sie aber niemals fliehen sehen. Wie kann ich nun jetzt tun, was ich nicht gelernt habe? Ich verstehe zu kämpfen aber nicht zu fliehen, will es auch nicht lernen. Gestattet mir das Schicksal nicht, länger zu leben, so will ich mit meinen Freunden fallen. Beispiele väterlicher Tapferkeit sind mir die hingestreckten Leichen unserer Freunde, welche lieber sterben als besiegt werden, lieber die ungebeugte Seele aushauchen, als dem Feinde das Feld räumen wollten. Doch wozu viele Worte über die Verachtung des Todes? Haben wir es doch nur mit Sorglosen zu tun und ziehen nicht zum Kampfe, sondern nur zum Morden aus. Denn wegen des verheißenen Friedens und unseres schweren Verlustes ahnen sie kein Unheil, auch bleiben sie, vom heutigen Kampfe ermüdet, ohne Wachen. Darum laßt uns heute in der Nacht über die sichere Stadt herfallen und sie überwältigen. Folgt mir als eurem Führer und ich gebe euch mein Haupt zum Pfande, daß geschehen wird, was ich behauptet habe.«

Ermutigt durch diese Worte, verwendeten die Sachsen den übrigen Tag darauf, sich zu stärken und zu erfrischen, und mitten in der Nacht griffen sie zu den Waffen, stürmten die Mauern und drangen mit gewaltigem Geschrei in die unbewachte Stadt. Die Thüringer suchten ihr Heil in der Flucht, andere irrten wie Trunkene in den Straßen und Festungswerken umher, andere fielen den Sachsen in die Hände, indem sie dieselben verkannten und für die Ihrigen hielten. Die Sachsen aber töteten alle erwachsenen Männer, die jüngeren sparten sie zur Beute und Knechtschaft auf. Es war eine Nacht voll Geschrei, Mord und Plünderung, und kein Ort ruhig in der ganzen Stadt, bis die Morgenröte den blutigen Sieg der Sachsen beleuchtete. Durch Irminfrieds Tod oder Gefangenschaft wäre der Sieg vollendet gewesen, aber man fand, daß er sich mit Frau und Kindern durch die Flucht gerettet hatte.

Frühmorgens stellten die Sachsen am östlichen Tor einen Adler auf, errichteten einen Siegesalter und verehrten ihre Götter nach der Väter Weise. Drei Tage feierten sie dieses Siegesfest, verteilten die Waffenbeute, erwiesen den Gefallenen die kriegerischen Ehren und priesen ihren Führer über alle Maßen. Darauf kehrten sie in das Lager der Franken zu Dietrich zurück und wurden von ihm freundlich aufgenommen, um ihrer Tapferkeit willen höchlich belobt, Freunde und Bundesgenossen der Franken genannt und mit dem ganzen Lande der Thüringer begabt. Sie bewohnten zunächst die Stadt, welche sie mit Feuer verschont hatten.

Als aber Dietrich Irminfrieds Flucht vernommen hatte, ersann er eine List, ihn zu töten. Er ließ ihn zu sich rufen und ging zu Iring, der noch als Gast im Lager der Franken verweilte, und suchte ihn durch trügerische Verheißungen zu bereden, daß er seinen Herrn und König so ums Leben brächte, daß niemand merken könnte, Dietrich habe dabei seine Hand im Spiele gehabt. Iring weigerte sich anfangs lange, endlich gab er nach und versprach, den Auftrag auszuführen. Irminfried kam ins Lager der Franken und warf sich dem Könige zu Füßen, Iring aber, der als Dietrichs Waffenträger mit entblößtem Schwerte danebenstand, tötete seinen Herrn, den König Irminfried, als er kniend am Boden lag. Sobald dieses geschehen war, rief ihm König Dietrich zu: »Da du durch solche Greueltat ein Abscheu aller Menschen geworden, so weiche von uns, der Weg steht dir offen, wir wollen an deiner Freveltat weder Teil noch Schuld haben.« – »Mit Recht bin ich allen Menschen ein Abscheu geworden,« entgegnete Iring, »weil ich deinen Ränken gedient habe; bevor ich jedoch von dannen gehe, will ich mein Verbrechen damit sühnen, daß ich meinen Herrn räche.« Und mit demselben Schwerte, das er noch in der Hand hielt, stieß er den König Dietrich nieder, nahm den Leichnam seines Herrn und legte ihn über die Leiche des Königs der Franken, damit der im Leben Besiegte wenigstens im Tode die Oberhand hatte, bahnte sich den Weg mit dem Schwerte und ging von dannen.

Diese Tat hat solche Berühmtheit erhalten, daß die Milchstraße am Himmel noch heutigestags mit Irings Namen bezeichnet und Iringsweg oder Iringsstraße genannt wird.

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