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Sagen und Geschichten aus deutschen Gauen

: Sagen und Geschichten aus deutschen Gauen - Kapitel 55
Quellenangabe
typelegend
authorVerschiedene Autoren
titleSagen und Geschichten aus deutschen Gauen
publisherLoewes Verlag Ferdinand Carl
printrunDritte Auflage
editorJ. Baß
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080102
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August Stöber

Der Kampf der Helden auf dem Wasgenstein.

Die Kunde, daß der grimme Heunenkönig Etzel (Attila) sich mit einem zahlreichen Heere vom Donaustrand aufgemacht habe, um gegen den Rhein zu ziehen, erfüllte die Lande mit Schrecken.

Um die Greuel der Verwüstung, welche überall dem Zuge des Siegers folgten, von ihren Völkern abzuwenden, beschlossen die Könige, denen die Lande untertan waren, Etzeln Schätze und Geiseln entgegenzuschicken.

So schickte der Frankenkönig Gibich von Worms als Geisel seinen Dienstmannen, den aus einem elsässischen Geschlechte entsprossenen Hagen von Tronje; König Herrich von Burgund, der zu Chalons seinen Sitz hatte, sandte seine Tochter Hildegund, und Alpker, der über die Goten im Wasgenlande gebot, seinen Sohn Walter als Geisel dahin.

König Etzel nahm die Geiseln nebst den reichen Schätzen, welche ihm dieselben mitbrachten, an, und zog wieder in sein Reich zurück.

Die beiden jungen Recken, Walter und Hagen, hielten sich an Etzels Hof so gut, daß sie der Heunenkönig wert bekam und sie zu Scharmeistern in seinem Heere machte. Auch wußte die schöne Hildegund, Herrichs blühendes Kind, die Gunst der Königin Helke zu gewinnen; sie wurde von ihr mit dem Amte einer Kämmererin betraut und war als solche im Besitz der Schlüssel zu allen Gemächern und Schreinen.

Die Nachricht von dem Tode König Gibichs in Worms, dem sein Sohn Gunter nachgefolgt war, hatte in Hagen von Tronje ein unwiderstehliches Heimweh erregt. Er entfloh heimlich von Etzels Hofe mit Hilfe Walters, seines Jugendfreundes und Bundesgenossen.

Auch diesem wäre es ein leichtes gewesen, seine Heimat wieder zu gewinnen, wenn ihn nicht die Liebe zu Hildegund, mit welcher er schon als Kind verlobt worden war, noch bei Etzel zurückgehalten hätte.

Trotz der Warnung seiner Gemahlin Helke, nun ein wachsameres Auge auf Walter zu haben, und dem Rate, den sie Etzel gab, den jungen Königssohn mit einer heunischen Fürstentochter zu vermählen, um ihn also für immer an seinen Hof zu fesseln, wußte Walter durch listige Reden und durch den Glanz seiner Waffentaten Etzel zu betören und alles Mißtrauen aus seinem Sinne zu verbannen.

Inzwischen verabredeten die Liebenden, als sie sich eines Tages nach einem Siege, den Walter über ein mächtiges Grenzvolk davongetragen hatte, allein im Königssaale befanden, ihre baldige Flucht aus dem Heunenlande.

Die Gelegenheit dazu stellte sich bald ein. Um Walters glänzenden Sieg zu feiern, hatte Etzel ein großes Fest veranstaltet, wobei der listige Walter dem König und sämtlichen Gästen so tüchtig einschenkte, daß sie vom Übermaß berauscht schnarchend im Saale lagen.

Nun schlich sich Walter davon, waffnete sich aufs beste, belud den Leuen, ein herrliches Streitroß, mit Gold und Edelsteinen, die er in zwei Schreinen wohl verwahrte, und floh mit der Geliebten.

Sie suchten die einsamsten wildesten Gegenden auf und fristeten sich das Leben mit wilden Vögeln und Fischen.

Nach zwei Wochen standen sie am Rheine, Worms gegenüber. Dem Fergen, der sie übergesetzt hatte, gaben sie einen Fisch, den Walter noch in der Donau gefangen hatte. Dieser Fisch kam des folgenden Tages auf König Gunters Tisch und erregte dessen Erstaunen, da dieser Art Fische nicht im Rheine gefunden werden. Der Fischer wurde gerufen und erzählte, wie er denselben von einem stattlichen Helden, den er nebst einer wunderschönen Maid über den Fluß gesetzt, erhalten habe. Beide hätten ein mit schweren Reiseschreinen beladenes Streitroß mit sich geführt, und in diesen Schreinen hätte es geklungen wie eitel Gold und Edelsteine.

Hagen erkannte alsobald in den Reisenden seinen Freund Walter und dessen Braut Hildegunde, die mit ihrem Horte aus dem Heunenlande entflohen seien. Kaum hatte der habsüchtige Gunter diesen Bericht vernommen, als er sich, vergebens von Hagen gewarnt, an die Spitze von zwölf seiner besten Helden setzte, um den Flüchtigen nachzueilen und ihnen ihre Schätze zu entreißen.

Hagen, der unter der Zahl der Zwölfe sich befand, folgte ihnen mit dem Vorsatze, nicht gegen den Genossen seiner Jugend zu kämpfen, sondern den König vom Kampfe abzumahnen.

Der kühne Weigand war unterdessen mit seiner holden Jungfrau landeinwärts geflohen.

Da fand er eine Wildnis, der Wasgau genannt, Der fehlt es nicht an Tieren, es ist ein tiefer Wald, Von Hunden und von Hörnern wird sie schaurig durchhallt.

Da ragen in der Öde zwei Berge einander nah, Und eine enge Höhle liegt zwischen ihnen da. Von zweier Felsen Gipfeln ist überwölbt die Schlucht, Anmutig, grasbewachsen, doch oft von Räubern besucht.

Hier, unter dem schützenden Felsentor, der Wasgenstein genannt, beschloß Walter, von der langen, beschwerlichen Wanderung ermüdet, Rast zu halten und neue Kräfte zu sammeln, um gegen jeden Überfall gerüstet zu sein.

Die Stunde des Kampfes erschien nur zu bald. Gunter war dem Helden auf die Spur gekommen und hielt mit seinen Kriegsleuten am Fuße des Wasgensteins. Vergebens warnte Hagen, vergebens bot Walter dem Könige einen Teil der Schätze an. Gunters Habsucht verlangte den ganzen Hort, und er schickte einen seiner Begleiter nach dem andern zum Kampfe.

Walter besiegte und erschlug, jedesmal auf andere Weise und gegen andere Waffen streitend, elfe dieser Krieger.

Hagen, der sich fern vom Kampfe haltend auf seinen Schild gelehnt, zugesehen hatte, ließ sich endlich auf Gunters dringende Bitten, besonders aber durch den Fall seines Neffen Patafried von Schmerz und Wut erfüllt, bewegen, gemeinschaftlich mit Gunter Walter zu bekämpfen.

Der Streit begann mit Heftigkeit auf beiden Seiten. Neunmal griffen sie einander an, bevor ein entscheidender Streich gefallen war, bis endlich Walter Gunters Schild wegschlug und dem Könige mit gewaltigem Schwerthieb den ganzen Schenkel ablöste. Nun sprang Hagen wider den Jugendgenossen auf und hieb ihm die rechte Hand ab. Mit der Linken kämpfend, spaltete dieser nun Hagens Lippe, durchschnitt ihm die rechte Schläfe, hieb ihm sechs Backenzähne aus und entstieß ihm ein Auge.

Aber des Kämpfens war jetzt genug.

Die tapfern Helden schlössen Frieden. Auf Walters Wink eilte die zitternde Jungfrau herbei, die Verwundeten mit linden Linnentüchern zu verbinden und ihnen zur Sühne den kühlen Labewein zu kredenzen.

Trotz der blutigen Wunden und grausamen Verstümmelungen, welche die Kämpfer davongetragen, neckten sich Walter und Hagen bevor sie schieden, noch mit heiteren Scherzworten.

Hagen lud nun den hinkenden König auf sein Pferd und zog mit ihm wieder nach Worms, während sich Walter mit Hildegunde nach Langers an den Hof seines Vaters begab, um sich die geliebte Braut antrauen zu lassen.

Nach Alpkers Tod bestieg Walter den Thron und gebot während dreißig Jahre über das Volk der Goten im Wasgenlande und vollbrachte noch viele Taten der Kraft und Tapferkeit.

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