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Sagen und Geschichten aus deutschen Gauen

: Sagen und Geschichten aus deutschen Gauen - Kapitel 15
Quellenangabe
typelegend
authorVerschiedene Autoren
titleSagen und Geschichten aus deutschen Gauen
publisherLoewes Verlag Ferdinand Carl
printrunDritte Auflage
editorJ. Baß
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080102
projectidb4fe387e
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Johann Georg Theodor Gräße

Der Drache auf Drachenfels.

Während das linke Rheinufer durch die Römerherrschaft bereits dem Christentum zugeführt war, behaupteten auf dem rechten noch heidnische Horden ihre Unabhängigkeit, machten auch häufig Einfälle auf das andere Ufer und kehrten beutebeladen von da in ihre Heimat zurück. Bei einem dieser Raubzüge hatten sie auch eine christliche Königstochter entführt. Der Sohn des heidnischen Beherrschers der Löwenburg sah sie und entbrannte in Liebe zu ihr. Allein sie wollte, mochte man ihr auch noch so viel versprechen, ihre Hand einem Götzendiener nicht reichen.

Nun wohnte damals auf einem der sieben Berge, welche mit ihren steilen Höhen die Ufer des Rheines umgrenzen, ein grimmiger Drache, der Schrecken des weiten Landes. Kein Krieger, kein Ritter wagte mit ihm den Kampf aufzunehmen. Um den Drachen zu befriedigen, beschlossen die Heiden im Rate der Großen, ihm die schöne Jungfrau zu opfern.

Am frühen Morgen des folgenden Tages, während der Drache noch in seiner Höhle schlief, schleppte man die Christin auf den Felsen und fesselte sie in der Nähe der Höhle an einen Baum. Rundum am Fuße des Felsens harrte eine Menge Neugieriger, auch der Königssohn von der Löwenburg. Gern hätte er sein Rachegefühl bezwungen, gern wäre er hinaufgeeilt, der Jungfrau Leben mit dem eigenen zu schirmen, allein im Rate der Großen war sie dem Tode geweiht worden, und ihm durfte er sich nicht widersetzen.

Ruhig und unerschrocken stand die Jungfrau da; sie zog aus ihrem Busen ein Kruzifix, und auf das Bild des Gekreuzigten heftete sie ihren vertrauensvollen Blick. Plötzlich trat der Drache aus seiner Höhle hervor, und wachsamen Auges spähte er ringsumher nach Beute. Kaum hatte er das für ihn bestimmte Opfer erblickt, so eilte er wütend und schäumend auf dasselbe zu, allein – o Wunder! als er in der Hand der Jungfrau das Kruzifix erblickte, ergriff ihn Schreck und Betäubung; er stürzte zu Boden und rollte vom steilen Felsen in den hochbrausenden Strom, wo er in den tobenden Wellen sein Grab fand. Der Gekreuzigte hatte gesiegt. Die Heiden eilten herbei und fielen der Jungfrau zu Füßen, den preisend, der ihr solche Macht verliehen. Alsdann ließ die Jungfrau aus ihrer Heimat Priester kommen, das Evangelium Christi zu verkündigen, und als bei der ersten Taufe auch der Königssohn unter den Bekehrten erschien, reichte sie ihm zu unverbrüchlichem Bunde die Hand. Noch heute zeigt man an der westlichen Seite des Drachenfelsens jene Höhle, und wenn in gesegnetem Herbst die Weinlese dem fleißigen Winzer lacht, dann sammeln die Bewohner von Königswinter des Drachen feuriges Blut, das alljährlich am steilen Rücken des Felsen hervorsprießt.

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