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Sagen und Geschichten aus deutschen Gauen

: Sagen und Geschichten aus deutschen Gauen - Kapitel 115
Quellenangabe
typelegend
authorVerschiedene Autoren
titleSagen und Geschichten aus deutschen Gauen
publisherLoewes Verlag Ferdinand Carl
printrunDritte Auflage
editorJ. Baß
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080102
projectidb4fe387e
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Ludwig Bechstein

Der alte Zoller.

Der alte Zoller – so heißt im Volke die weitberühmte Stammburg des Geschlechtes der Hohenzollern, deren Stamm zu Preußens Königseiche erwuchs im Laufe der Jahrhunderte – eine feste Burg, auf gewaltigem Felsengrunde aufgetürmt. Das männliche Geschlecht, das diesen hohen Ahnensitz gründete, ragt weit hinauf in der Zeiten Frühe, und je weiter es hinausragte, um so höher hinauf führten es die Sagen der früheren Geschichtschreiber. Vom König Pharamund, vom welschen Hause Coronna und dessen Schloß Zagarolo, vom Grafen Isebart von Altdorf, an den und dessen Gemahlin die so häufig wiederholte Welfensage sich ebenfalls knüpft, und von noch andern ward des hohen Stammes Ursprung abgeleitet; auch der berühmte Bayernherzog Tassilo wird als Ahnherr des Geschlechts genannt. Der erste erweisliche Graf von Zolre hieß Burchard und starb 1061. Dessen Urenkel war Friedrich I., Burggraf von Nürnberg im Jahre 1192; und dieser ist der unumstößliche Ahnherr aller Burggrafen von Nürnberg, Markgrafen und Kurfürsten von Brandenburg, Kurfürsten und Königen von Preußen. Friedrichs I. Bruder, auch Burchard geheißen, ward der Fürsten von Hohenzollern Ahnherr. Einer seiner Nachkommen, Friedrich VII., zubenamt der Öttinger, war Rat eines Grafen Eberhard von Wirtemberg; da dieser aber starb, vertrug er sich nicht mit dessen Witwe, Henriette von Mömpelgard, und tat ihr einige Kränkungen an. Da sie nun heftig wieder schalt, warf er die Frage hin: »Kann mich wohl ein giftig Weib verschlingen?« – Da schrie die Gräfin voller Zorn: »Hab acht, ob ich nicht all dein Gut, dein Schloß und dein Leben verschlinge!« – Und von dem Augenblick an sann sie auf nichts, als den Zoller zu schädigen und zu verderben. Da er mit den Reichsstädten in Fehde kam und hart belagert war, kam die Gräfin von Wirtemberg seinen Feinden zu Hilfe mit zweitausend Streitern, die umlagerten ihn fest und fester und schnitten ihm alle Zufuhr ab und verzehrten ihm all sein Gut. Und die von Ulm brachen sein Schloß, und die Wirtemberger nahmen ihn gefangen, und die Gräfin ließ ihn in einen finstern Turm werfen, und so hatte sie sein Leben täglich und stündlich in ihrer Hand. Sie nahm es ihm nicht, Wohl aber nahm ihr der Tod das ihrige, und der Graf ward frei und tat eine Bußfahrt ins gelobte Land und jubelte, daß sie sein Leben doch nicht verschlungen habe. Aber wie er den Strand von Joppe küßte, da ward ihm weh in der Brust und im Herzen, und die Kerkerschauer, die er so lange ertragen, erwachten mit aller Macht und schlugen ihn mit dunklen Fittichen – und da seufzte der alte Zoller: »So hat sie doch auch mich verschlungen« – und sank in seiner Knappen Arme und starb.

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