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Sagen und Geschichten aus deutschen Gauen

: Sagen und Geschichten aus deutschen Gauen - Kapitel 107
Quellenangabe
typelegend
authorVerschiedene Autoren
titleSagen und Geschichten aus deutschen Gauen
publisherLoewes Verlag Ferdinand Carl
printrunDritte Auflage
editorJ. Baß
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080102
projectidb4fe387e
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August Witzschel

Warum die Blankenburger sonst Eselsfresser genannt worden sind.

Das erzählt die Chronik ihres ehemaligen Stadtschreibers Ahasverus Philipp Theuring folgendermaßen:

In Blankenburg wurde vor Zeiten die Feier des Palmsonntags also begangen: Der Pfarrer führte an diesem Sonntag die versammelte Bürgerschaft aus der Stadt an einen Brunnen unweit des sogenannten Steingrabens. Hier wurde die Vorbereitung, den Einzug des Heilands nach Jerusalem vorzustellen, getroffen. Man weihte den Brunnen und das auf einem hölzernen Esel sitzende Bild, besteckte es mit grünen Zweigen und verkündete Ablaß. Auch die Gemeinde wurde mit geweihtem Brunnenwasser besprengt, weshalb diese Quelle den Namen Jesusborn bekommen und bis heute behalten hat. Von Sünden gereinigt, ging nun der ansehnliche Zug, welchem die Gläubigen aus der ganzen Umgegend sich angeschlossen hatten, in möglichster Stille durch Weinberge und Felder bis auf die Höhe des Ölbergs, eines Hügels am untern Tore der Stadt. Auf diesem Ölberg wurde in einer dazu errichteten Kapelle Messe gelesen, dann zog man mit dem Palmesel den Berg hinab, das Volk streute grüne Zweige und rief: »Hosianna in der Höhe! Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn!« und begleitete seinen Palmesel und hölzernen Heiland mit Jauchzen und Frohlocken zum unteren Tore herein durch alle Gassen der Stadt bis zur Kirche, in welche die Versammlung einzog und den damals gewöhnlichen Gottesdienst verrichtete. Schmausereien und Trinkgelage beschlossen das Fest, das man »Eselsfresserei« nannte, und daher mögen auch die Blankenburger den Spottnamen »Eselsfresser« erhalten haben.

Die guten Leute waren aber für ihr Fest dermaßen eingenommen, dass sie sich für dasselbe sogar in einen blutigen Handel mit der Gemeinde Schwarza eingelassen haben.

Graf Heinrich von Schwarzburg, welcher mit dem Kaiser Friedrich in das gelobte Land gezogen war, hatte bei seiner Rückkehr zum Tragen seines Heergerätes und seiner Beute einen Esel aus dem gelobten Lande mitgenommen und auf seine Burg Greifenstein gebracht. Dieses Tier wurde nachmals in den herrschaftlichen Stall nach Schwarza, wovon die Gegend noch heut der Tiergarten heißt, getan. Der Tierwärter, welcher bei dem Kauf des Esels zugegen gewesen war und das Tier genau kannte, erzählte dies einigen Bekannten als etwas ganz Besonderes. Seine Erzählung breitete sich unter den Leuten aus und gelangte auch zu den Ohren des damaligen Pfarrers in Schwarza, welcher sich bewogen fand, den Wärter darüber weiter zu befragen und das Tier selbst in Augenschein zu nehmen. Bald hatte sich bei ihm auch die Überzeugung gebildet, daß dieser Esel kein gewöhnlicher Esel sei, sondern in gerader Linie von der Eselin abstamme, auf der unser Heiland seinen Einzug in Jerusalem gehalten habe, wovon das Evangelium am Palmsonntag zeuge.

Des Pfarrers Glauben teilten natürlich auch die Pfarrkinder, ja männiglich war weit und breit von dieser Überzeugung erfüllt und begierig, ein so merkwürdiges, herrliches Tier zu sehen. Groß war der Zulauf nach dem heiligen Esel. Man brachte ihm Geschenke und legte Opfer zu seinen Füßen, und der wackere Pfarrer gab den frommen Leuten reichen Segen mit nach Hause. Dabei verspürte auch das Kirchlein einigen Nutzen von dieser neuen Wallfahrt.

Während die Bewohner der ganzen Gegend das herrliche Tier bewunderten, sahen allein die Blankenburger mit scheelen Augen auf das große Glück des benachbarten Dorfes. Der Geistliche bestärkte den Neid seiner Beichtkinder, weil er den erheblichen Nutzen und Vorteil, welchen jener Esel der Kirche und den Leuten in Schwarza brachte, seiner Kirche und seiner Stadt zuzuwenden gedachte. Daher sprach er einmal also zu seiner Gemeinde: »Weit schicklicher ist es, meine Lieben, dass der heilige Esel, dieses köstliche Kleinod, zu uns gebracht werde, da ich ein Stadtpriester bin. Was will ein mir so weit nachstehender Dorfpfaffe einem so köstlichen und verehrungswürdigen Tiere vorstehen! Unsere Stadt ist die Residenz unseres regierenden Herrn, wir halten alljährlich einen festlichen Umgang mit dem hölzernen Palmesel. Würden wir aber mit jenem lebenden Esel die heilige Prozession nicht ansehnlicher und feierlicher, den Einzug des Heilandes nicht natürlicher und erbaulicher vorstellen? Und hat unsere alte, ehrwürdige Stadt nicht ein größeres Recht zu dieser Wallfahrt als ein schlechtes Dorf? Darum laßt uns mit Eifer bemüht sein, des Esels habhaft zu werden, es geschehe nun durch List oder Gewalt. Unsere St. Cyriaxkapelle umgeben die schönsten Wiesen, dahin wollen wir ein Häuslein bauen und dem Tiere solches nebst den Wiesen zu seiner Wohnung und zu seinem Unterhalt anweisen. Ja, schaffet das heilige Tier zur Stelle und empfanget dazu meinen priesterlichen Segen.«

So redete der eifrige, für das Wohl und die Ehre der Stadt sorgsame Priester. Die Zuhörer aber gingen höchlich erbaut und voll Begeisterung aus der Kirche. In nicht geringer Aufregung befand sich fortan die Stadt. Ein wohlhabender Bürger verehrte schon jetzt zum Unterhalt des noch zu gewinnenden Esels das vom Pfarrer bezeichnete Grundstück, welches noch heute einen Teil des Blankenburger Pfarrgutes bildet und die Cyriaxwiese heißt. Die Bürgerschaft suchte beim Grafen einen Befehl zu erwirken, daß das Tier von Schwarza nach Blankenburg gebracht und daselbst ernährt werde. Allein der Graf schlug das Gesuch ab. Der Pfarrer suchte aber dennoch zu seinem Esel zu kommen. Er beredete dem Grafen zum Trotze die erhitzte und glaubenseifrige Gemeinde, mit Gewalt auszuführen und durchzusetzen, was in Güte und mit Bitten nicht zu erreichen war. Mit Waffen aller Art ausgerüstet und mit den Fahnen der Stadt und der Kirche trat die Bürgerschaft, angeführt und ermutigt von ihrem Geistlichen, den Kriegszug nach Schwarza an. Dort hatten aber die Einwohner die Anschläge der Blankenburger bereits erfahren, und sie stellten sich ihnen zahlreich und männlich mit Dreschflegeln, Sensen und Heugabeln entgegen, den Besitz des Esels zu behaupten. Auch ihnen sprach der Ortspfarrer Mut ein und ermunterte sie zur Tapferkeit.

Zwischen Blankenburg und Schwarza beginnt der Kampf an einem Platze, der davon den Namen Streitau erhielt. Von beiden Seiten wird mit großer Tapferkeit und mit noch größerer Erbitterung gefochten; hinter den Reihen schüren unermüdlich die beiden Seelenhirten den entbrannten Streit; kein Teil wankt und weicht, und auf beiden Seiten fällt mancher Tapfere im Kampf um den heiligen Esel.

Inzwischen schleichen sich einige Blankenburger listig ab, ergreifen den Esel, da dessen Wärter neugierig dem Kampfe zugeschaut, und eilen mit ihrer Beute auf Abwegen hinter den Bergen herauf nach der Stadt. Von dieser Eroberung heimlich benachrichtigt, ziehen sich die Blankenburger vom Kampfplatz zurück; als aber die Schwarzaer den Raub erfahren, eilen sie sofort ihren Feinden bis an die Flurmarken nach, können sie aber nicht mehr erreichen; und weil es ihnen untunlich erscheint, dieselben in ihrer wohlbefestigten Stadt zu belagern, ziehen sie mit Schimpfen und Fluchen nach Schwarza zurück.

Erhitzt und von Schweiß triefend wird der Esel in seinen Stall gebracht und gegen einen Überfall durch eine starke Wehr geschützt; die Blankenburger sind überglücklich über den guten Ausgang der Sache, der Pfarrer segnet die Gemeinde und den Esel, und fast hätte man in der Siegesfreude den ambrosianischen Lobgesang angestimmt.

Doch Freude und Glück kann nur zu schnell in Leid und Trauer übergehen. Am andern Morgen sollte eine feierliche Messe gelesen und die Wallfahrt eingeweiht werden; viele Leute aus der Stadt und Umgebung gedachten der Einweihung dieser wichtigen Wallfahrt in Andacht beizuwohnen und ihre Opfer darzubringen; aber der mit so vielen Schlägen und Blut errungene Esel war eine Leiche, hingestreckt vom blassen Tode. Die Entführung hatte ihn allzusehr ermüdet und aufgerieben. Da wollte nun jedermann noch eine Reliquie von diesem Wundertier mit nach Hause nehmen und zum ewigen Gedächtnis aufbewahren. Der Esel wurde zerstückt und ein jeder nahm, was er eben erhalten konnte. Ich will nicht behaupten, daß die Blankenburger allzu begierig danach gewesen wären und die Auswärtigen verdrängt hätten, aber etwas Absonderliches und leicht dabei vorgekommen sein.

Noch andere Begebenheiten sollen sich in Blankenburg zeitweilig zugetragen haben, welche den Übernamen der Blankenburger nicht leicht in Vergessenheit und Abgang kommen ließen. Doch es ist besser, derselben nicht weiter zu gedenken.

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