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Sagen, Märchen und Lieder der Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg

Karl Müllenhoff: Sagen, Märchen und Lieder der Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg - Kapitel 4
Quellenangabe
typefairy
authorKarl Müllenhoff
titleSagen, Märchen und Lieder der Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg
publisherVerlag Bernd Schramm
printrun4. Auflage
editorKarl Müllenhoff
year1985
isbn3-921361-05-2
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130913
projectid21596ada
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Drittes Buch.

 

Von dem weiten Felde der Volkssagen her steht unserer Mythologie die ergiebigste Ausbeute bevor. In fünf oder zehn Jahren wollen wir ganz anders sprechen.

Aus einem Briefe Jacob Grimms.

 

 

406. Beowulf.

Über Hygelak f. Nr. 4. Über den Drachen als Schatzhüter: zu Nr. 326.

Beowulf war fast noch ein Knabe, da wettete er mit Brecca seinem Genossen im Schwimmen auf Leben und Tod. Es war Winter, die See war rauh und eisig, doch fünf Tage und fünf Nächte schwammen beide gleich nebeneinander, das nackte Schwert in der Hand; da erhub sich ein Nordsturm und trennte sie. Brecca stieg bei den Schweden ans Land und kehrte zurück in seine Heimat. Aber den Beowulf ergriffen Meeruntiere und wollten ihn zu Grunde ziehn, doch seine Brünne, der handgeflochtene Panzer, schützte ihn und er diente ihnen mit seinem Schwerte. Am Morgen lagen sie alle wund auf dem Rücken der Wellen. So tötete er neun der Seeunholde und riesiger Nichse; da trug ihn die Flut bei den Finnen ans Land.

Nach dieser Zeit, da er dem Könige Hygelak diente, erscholl das Gerücht vom Unglück Hrodgars, des Königs der Dänen. Der hatte eine Halle gebaut, größer und prächtiger als sonst eine unter dem Himmelsdache; Hirschburg nannte er sie, ihr Ruhm sollte ewig dauern. Da war täglich laut der Freude Getös, wenn der König und seine Helden beim Mahle saßen auf der Metbank; da war Harfenklang. Doch nicht lange währte die Freude. Das fröhliche Leben erbitterte Grendel, einen Unhold, der im Sumpfe wohnte; allnächtlich, wenn der Edlinge Schar sorglos schlummerte, brach er in die Halle, und fing und mordete Hrodgars Helden. Kein Eisen verwundete ihn, zwölf Jahre dauerte die Feindschaft, der herrliche Bau stand verödet, niemand wußte das Unheil zu wenden. Da hörte Hygelaks Degen daheim Grendels Taten. Sein Schiff hieß er rüsten und mit fünfzehn Genossen suchte er das Land der Dänen. Mit Ehren empfing ihn Hrodgar, als einen nahen Verwandten; wohl waren ihm seine Taten kund, doch sorgten alle um den Degen, da er nicht von seinem Willen ließ und am Abend allein mit seinen Genossen in der Halle blieb, des Unholds wartend. Da stieg Grendel aus dem Sumpfe herauf und der Riesensohn kam daher gegangen, rannte gegen die Tür und riß sie mit den Fäusten auf, obgleich sie wohl verriegelt war. Aus den Augen schoß ihm das helle Feuer. Da sah er in der Halle schlafen der Helden Menge. In grimmer Hast ergriff er einen, schliß ihn auf, zerbiß die Gebeine, trank das Blut aus den Adern und verschlang ihn. Doch einer wachte; und als jener weiter schritt und nach dem Helden die Hand ausstreckte, da fühlte er gleich, daß er noch keinen Mann auf dem Erdringe fand von härterem Griffe. Beowulf hatte, auf den Arm sich stützend, behende an der Faust den Feind gefaßt, nun erhub er sich. Furcht ergriff den Bösewicht, er wollte entfliehen, aber konnte nicht; es dröhnte die Halle unter den Tritten der Kämpfer und drohte in Trümmer zu fallen, manch goldgeschmückte Bank ward zertreten. Grendel erhub ein grausiges Wehgeschrei, Schrecken befiel die Burgbewohner. Der Held hielt ihn fest in Todes Haft. Da sprangen dem Unhold die Sehnen an der Achsel und die Gelenke barsten, Grendel floh zum Tode wund, aber Beowulf behielt zum Siegeszeichen Arm und Achsel. Die Nägel an den Fingern waren starr und hart wie Stahl. – Da ward ein hohes Fest mit Freuden wieder in der Halle begangen, unter Sang und Klang, beim Mahle und frohem Trinkgelage ging der Tag dahin. Beowulf und jedem, der mit ihm kam, reichte der König zum Lohne viele edle Geschenke und Kleinode. Am Abend legten sich die Helden in großer Zahl, wie sie früher oft getan, schlafen auf die Polster der Bänke, Schilde, Helm und Panzer zu Häupten. Keiner gedachte weiteres Unheils.

Doch Grendels Mutter, ein entsetzliches Weib, gedachte ihres Leides und der Rache für den Sohn. Sie kam zu dem Saale, wo die Helden schliefen. Alles fuhr auf, als sie herein schlich, manches Schwert ward gezückt; da wollte sie fliehen, doch einen der Edelinge ergriff sie noch, den liebsten Mann des Königs, und schleppte ihn mit sich zum Sumpfe. Von neuem erfüllte Klage und Wehruf die Burg und die Sorge war erneut. Hrodgar hieß Beowulf kommen in seine Wohnung und trauernd sprach er zu ihm: »Alle Hoffnung, Held, steht auf dir; obwohl du die Gegend, wo der Wicht haust, nicht kennst, so suche ihn doch, wenn du Mut hast, und rette uns.« Beowulf antwortete: »Sei nicht in Kummer; auf! suchen wir Grendels Verwandten, ich verspreche dir, entkommen soll er nicht weder unter die Erde, noch in den Wald, noch in das Meer.« Da stieg der greise König zu Roß und weit durch den Wald zog die Männerschaar an den Vorgebirgen hin auf schmalen Pfaden, bis sie zwischen grausigen Föhren das trübe Gewässer fanden. Da lag des in der Nacht gemordeten Helden Kopfpanzer auf einer Klippe, das Gewässer war voll Blut. Beowulf gürtete sich, um in die Tiefe zu tauchen, sein Panzer sollte ihn schützen und der blanke Helm mit dem Eberbilde. Ein Freund unter Hrodgars Leuten reichte ihm einen Dolch mit giftigen Zeichen und in Blut gehärtet, eine Waffe, die noch niemals versagt hatte. Darauf stürzte er sich in die Tiefe des Wassers, es währte lange, ehe er den Grund erreichte. Da merkte die Unholdin sein Nahen, und schoß auf ihn zu, ergriff ihn und schleppte ihn in ihre Wohnung. Das war ein Gewölbe, um und um dicht verschlossen, Wasser konnte nicht herein und ein Feuer gab Helle. Da gab der Held dem Meerweib einen Schlag, aber des Stahles Schneide biß nicht. Zornig und ohne den Mut zu verlieren, warf er die Waffe von sich und packte nun Grendels Mutter an der Achsel und beugte sie zur Erde; doch schnell bezahlte ihn das Weib und vergalt ihm, daß er hinfiel. Da setzte sie sich über den Helden, griff nach ihrem breiten Messer, und es wäre um ihn geschehen, wenn ihn nicht seine Brünne am Halse geschützt hätte und der siegverleihende Gott. Wieder auf sprang er und erblickte in der Höhle an der Wand ein altes Schwert der Vorzeit, ein Werk der Riesen. Das ergriff er, und hieb nach ihrem Halse; es faßte und drang durch Mark und Bein, daß sie tot zu Boden fiel. Die Helden, die am Ufer standen, sahen den Blutstrom aufsteigen und fürchteten, die Wölfin hätte den Helden umgebracht und sie würden ihn nimmer wiedersehen. Bis zum Nachmittag hatten sie gewartet; da wandte sich Hrodgar traurig heim mit seinen Leuten. – Es schmolz die Klinge des Schwertes, das Beowulf gebraucht hatte, von dem giftigen Blute ihm vor der Hand weg, wie Eis im Frühling. Nur den Griff behielt er und nahm von allen Kleinoden, die in der Höhle lagen, nichts weiter zu sich. Rasch tauchte er dann empor und schwamm ans Ufer; da gingen ihm seine lieben Genossen entgegen, die seiner angstvoll warteten. Sie freuten sich, ihn gesund zu sehen, und heimwärts zogen sie zur Halle, wo Hrodgar sie empfing. Am andern Morgen schieden sie vom Könige; der Greis weinte, da er von Beowulf Abschied nahm, und reich beschenkte er sie nochmals alle. So kehrten sie wieder in ihr Land, an Gaben reich und des Sieges froh.

Von nun an diente Beowulf wieder bei Hygelak, seinem Könige. Doch als dieser starb und der Sohn erschlagen ward, kam das große Königreich zu seinen Händen und er regierte es fünfzig Jahre. Da kam ein Drache und verwüstete das Land weit und breit. Dreihundert Jahre hatte er in einer Höhle gewohnt und seine Schätze bewacht; da erzürnte ihn ein Mann, der den Schatz entdeckte und einen Goldbecher ihm entwandte. Feuerflammen speiend brach er in jeder Nacht hervor und durch die Luft fliegend verbrannte er die Herrenhäuser und die Saaten auf den Feldern. Nichts Lebendiges mochte sich bergen vor dem Untier. Da kam Beowulf die Kunde, sein eignes Königshaus ginge in Feuer auf. Der greise König erhub sich, ihn reute seines Landes Unglück, einen Eisenschild nahm er sich zu decken, er war entschlossen, den Wurm in seiner Höhle zu suchen; sein Gesinde folgte ihm. Ein Feuerstrom brach aus dem Berge, als er über das Steingeklüfte hinabschritt; das Ungetüm schnob und fuhr heraus, den Helden schützte der Schild weniger, als er gehofft hatte; sein Schwert auch hielt nicht aus im Kampfe. Der König ging dem Tode entgegen; die Genossen flohen bis auf einen, den jungen Wiglaf, Wihstans Sohn; vergeblich ermahnte er sie. Dann drang er durch den Qualm und trat seinem Herrn zur Seite; da kam der Wurm zum zweiten Male wütend hervor, Wiglafs Schild verbrannte, und Beowulfs Schwert zerbrach bei dem neuen Hiebe auf des Wurmes Haupt. Da packte der Held den Drachen, als er zum dritten Male herausfuhr, beim Halse mit hartem Griffe, und Wiglaf hieb ihn mit dem Schwerte, bis das Feuer nachließ. Da zog Beowulf sein Messer, das er über der Brünne trug, und schnitt den Wurm mitten entzwei. So fällten die beiden Edlinge den Feind und der König konnte sich noch des Sieges freuen. Aber bald begannen seine Wunden zu brennen und zu schwellen, das Gift wütete in seinem Innern. Wiglaf führte ihn auf einen Stein und labte ihn mit Wasser; doch Beowulf fühlte wohl, daß die Zahl seiner Tage abgelaufen war und er nun zu Ende getragen hätte die Frist seiner Erdenwonnen. »Fünfzig Jahre war ich König des Volkes«, sprach er, »ich achtete auf das Schickliche, regierte das Meine wohl, pflog nie tückische Bosheit, noch schwur ich Eide mit Unrecht. Froh kann ich meine Todeswunde beschauen. Aber eile, teurer Wiglaf, in den grauen Fels und hole den Schatz und die Kleinode, die der Drache besaß, daß ich nach dem Anblick des Reichtums mit Freuden sterbe.« Wiglaf gehorchte seinem verwundeten Herrn. Da lagen in der Höhle zu Haufen die wundervollsten Werke, Krüge und Schüsseln, Waffen und Zierate in Menge. Mit solchen Kleinoden eilte er zurück; da fand er, überströmt von Blut, ohne Bewußtsein den König liegen. Wieder besprengte er ihn mit Wasser, bis er zu sich kam und sprach: »Für alle Kleinode, die ich schaue, sage ich dem Herrn Dank, dem ewigen Fürsten. Solcher Reichtum wird nach meinem Tode meinem Stamme in der Not förderlich sein. Ich muß von hinnen. Laßt mir auf dem Vorgebirge den Leichenhügel errichten nach dem Brande, einen hohen Hügel, den die Seefahrer, über der Fluten Dunkel fernhintreibend, Beowulfs Hügel nennen werden.« Von dem Halse nahm er einen Goldring und reichte ihn Wiglaf: »Du bist der letzte meines Geschlechts, alle meine Verwandten, die edlen, sind dahingerafft; ich folge ihnen nach.« Dies war das letzte Wort des Greisen. Wiglaf saß in Trauer lange bei der Leiche, dann wusch er sie mit Wasser und sandte hinauf in die Burg nach den Edelsten des Landes, daß sie den Helden bestatten hülfen. Einen Scheiterhaufen schichteten sie, einen großen, helmbehangenen; darauf legten sie den teuern Herrn und begannen das größte Leichenfeuer anzuzünden. Dann bauten sie an dem Orte den Hügel, einen hohen und breiten, wie der Fürst es selbst gewünscht hatte. Dahinein taten sie der Ringe viele, edele Gesteine und aller Art Rüstzeug, wie sie es aus dem Schatze genommen hatten; da liegt es nun noch unnütz wie sonst. Dann ritten um den Leichenhügel zwölf der Edelinge und sangen zu seinem Preise, sie rühmten des Helden Taten, sagten, daß er von allen Königen der Welt der freigebigste gewesen sei und freundlichste, dem Volke der mildeste und nach Edlem begierig.

Größtenteils nach H. Leos Auszug in seiner Schrift über das angelsächsische Heldengedicht Beowulf. Halle 1839.

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407. Der Wassermann und der Bär.

Eiderst. Jahrb. 2, 166: »De Waterries« (ostholst. Volksmärchen). – Vom Wassermann und der Entstehung der Sanddünen auf Amrum: Johansen, nordfries. Sprache S. 221 ff.

In Steenholt weer mal en Möller, de harr dat Unglück, em brenn alle sœwen Johr sine Mœl af, grad up densülvigen Dag, un denn würren ok alle Lüde ümbröcht, de in de Mœl weren. Nu keem da mal en Möllergesell, de wull geern Arbeit hebben. Da seggt de Herr »nê« to, he kann em keen Arbeit gêwen; œwermorgen sünd just sœwen Johr herum, dat sien Mœl upbrennt is, da brennt se werrer af. De Möllergesell se, he sull em de Mœl schenken, so sull se nich afbrennen. De Herr sê: »Dat könnt wi versöken; wenn em de Mœl nich upbrennt, so will ik se em schenken un mien Dochter sall he darto hebben.« – As nu de Nacht keem, bleef de Möllergesell da ganz alleen in de Mœl; he mök Finster un Dœren fast to, Klock tein awer kloppt da wat an de Dœr. De Möllerknech will nüms inlaten un se: »Hier wart hüt Nacht allens umbröcht, wat in de Mœl is; blief du man buten.« De Mann se: »Laat he mi man in; kann sien, ik kann hüt Nacht sien Retter warren.« So lett he em denn in un nödigt em to Disch. As he nu Licht maakt, sitt da en Kêrl, de hett en groten Baaren.

Nu sleit de Klock twölf. Da kummt de Waterkêrl in de Mœl splinternakend, un smitt twee grote Fisch up de Disch; de sulln se kaken, he will se spisen. Se kriegt de Fisch denn to Für un fangt se an to kaken. As nu de Fisch gor sünd, seggt de Mann mit den Baar: »Nu mütt ik minen Gesellen da ok mit tonödigen«, un nimmt den Baaren den Muulkorf af. De Baar wull nu mit den Watermann spisen, de Watermann awer wull dat nich hebben; de Baar wart sik mit em biten un kratzen un wart em œwer, dat de Watermann toletz werrer tom Finster herut mütt, un blött. De Mœl brenn de Nacht nich af; de Möllergesell frie de Möllerdochter un kreeg de Mœl.

As nu de sœwen Johr werrer um sünd, geit de Möllerknech mal an sinen Waterdiek spatzeeren. Da stickt de Waterkêrl den Kopp uten Water un seggt: »Hest du de grote Katt noch, de vœr sœwen Johr bi di weer?« Do se de Möller: »Ja, de liggt ünnern Awen un hett sœwen Junge.« Do se de Watermann: »So will ik in minen ganzen Lewen nich werrerkamen.«

Aus Kurburg bei Schleswig durch Kandidat Arndt. Vgl. oben Nr. 363. In einer andern gleichlautenden Erzählung aus der Gegend des Plöner Sees wird der Wassermann ein Wasserriese genannt. In allen bedeutsamen Zügen stimmt ein deutsches Märe aus dem 13. Jahrhundert bei Mone, Teutsche Heldensage S. 281 (nur daß hier ein Schretel, ein Waldmensch, mit einem zahmen Wasserbären kämpft; diesen sendet ein König von Norwegen einem Könige von Dänemark zum Geschenke) und das norweg. Märchen bei Moe und Asbiörnsen Nr. 26. Wenn Mythol. S. 447 gesagt wird, der Stoff der deutschen Erzählung wäre aus dem Norden entlehnt, so wird dies nunmehr unwahrscheinlich.

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408. Der Dränger.

Eiderstedter Redensart: »In de Welt geit dull her, in Vullerwiek aber noch duller.« – Th. Mügge, Streifzüge durch Sch.-H. (1846) 2, 76 f. Jb. f. Ldk. 10, 363. Nieders. 26, 7. Vgl. Kristensen 7, 320. – Der Waterpedder irrt in grauem fliegenden Mantel, mit einem großen Hut auf dem Kopf, in dunklen Sturmnächten mit einem Licht auf den Watten umher und lockt die Schiffe auf den Strand: er soll ein Lehnsmann sein, der Strandraub betrieb: Heim. 4, 215; vgl. was Jb. f. Ldk. 5, 96 von dem Strandvogt auf Röm erzählt wird, und Heim. 2, 85. Vgl. zu Nr. 277. – In Weddingstedt erzählt man vom Moorkerl, der die Leute vom hohen Rand des Moors in die Kuhlen stößt: Heim. 6, 158; auch vom Steenabenkerl, der den Steinbau auf der Grenze nach Ostrohe bewohnt (vgl. Nr. 416) und nächtliche Wanderer vom rechten Wege ablockt: Heim. 6, 158. Carstens, Wanderungen durch Dithm. S. 103. – Annäherung um einen Hahnentritt, oft in den folg. Stücken und mündlich; vgl. Kock, Schwansen2 S. 159 Anm.

Zu Bollerwiek an der Eider lebte aus einem Hofe ein Lehnsmann, der ein gottloses Leben führte, und von dem es hieß, daß er sich dem Teufel verschrieben habe. Als er nach seinem Tode umging, bannte man ihn über den Eiderdeich hinaus. Unaufhörlich strebt er nun in jeder Nacht seinem Hofe zu, kann aber trotz aller Arbeit nur alle sieben Jahr einen Hahnentritt weiter tun. Jetzt ist er bis an das eine Wagengeleis des Weges gekommen, der vor dem Deiche hinläuft; wenn er erst das andre erreicht, wird der Deich bald einstürzen, und die See kommt ins Land. Darum heißt er der Dränger.

Es ist nicht gut ihm in den Weg zu kommen. Man sieht ihn nicht, aber man kann nicht vorwärts und es drängt einen mit übermenschlicher Gewalt von dem Geleise zurück. Viele Leute haben stundenlang schweißtriefend mit ihm gerungen; aber nur wer das Geleise meidet und sich näher an den Deich hält, der begegnet ihm nicht.

Mündlich. – Man erzählt dies letzte wohl richtiger sonst in Eiderstede von einem feurigen Gespenst, dem Waterpedder. Volksbuch 1844, 82.

*

 

409. Der Teufel in Flehde.

Vor wenigen Jahren stand im Dorfe Flehde in Norderdithmarschen ein Haus (jetzt steht ein neues an der Stelle), worin der Teufel sein Wesen trieb, und zwar so arg, daß die Einwohner ausziehen mußten. Da beriefen sie den Prediger von Lunden und den von Hemme, um den Teufel zu bannen. Der von Lunden aber fürchtete sich und kam nicht. Da trieb der von Hemme allein ihn durch Absingen geistlicher Lieder und durch Bibellesen aus dem Hause, immer vor sich her bis in den Mötjensee, der in der Nähe des Dorfes sich befindet. Jedes Jahr kommt aber der Teufel seiner alten Wohnung einen Hahnentritt näher, bis er endlich wieder davon Besitz nehmen und es dann ärger treiben wird als vorher.

Mündlich.

*

 

410. Juchen Knoop.

Vgl zu Nr. 231. 305, 1. Zum Sandzählen: Nr. 279.

Auf Blangenmoor bei Eddelak in Süderdithmarschen Man nennt ebenso häufig den Helserdeich bei Marne und Oestermoor, Kirchspiel Brunsbüttel, als Buhmanns Wohnort. wohnte vor reichlich hundert Jahren ein reicher Bauer und Landmesser Namens Buhmann. Er war aber ein gottloser Mann, hatte einen Meineid geschworen, einen Krug Landes absichtlich falsch gemessen, als Armenvorsteher und Kirchenbaumeister Geld unterschlagen und den Armen und Waisen es entzogen und andere ruchlose Taten mehr verübt. Dafür hatte er nach seinem Tode keine Ruhe und mußte umgehen. Er tobte und lärmte in jeder Nacht auf seinem Hofe, rasselte mit Meßketten, grub unter den Leden des Hauses, fütterte aber auch die Pferde im Stalle an dem einen Ende, wenn der Knecht am andern war; niemand konnte es zuletzt mehr aushalten, die Nachbarn selbst hatten keine Ruhe. Da rief man den Pastor Hellmann aus Marne zu Hilfe, um den Geist zu bannen, der ein kluger Mann war und oft schon das Feuer besprochen hatte. Nach andern soll es aber der Pastor Zahrdors gewesen sein. Der Prediger nahm die Bannung vor; der böse Geist war auch bereit zu weichen, nur bat er, ihn doch aufs trockne Land zu verweisen und nicht auf die Watten ins Haff Die großen Schlamm- und Sandbänke, die sich meilenweit in die See erstrecken.. Denn wer dahin verwiesen wird, kann niemals wieder zurückkommen. Der Prediger gewährte ihm seine Bitte und verwies ihn auf den gemeinen Viert, die große Heide auf der Geest, wo viele andre Geister auch sonst sich aushalten. Diesen Viert sollte er ausmessen, erhielt aber dabei die Erlaubnis, alle sieben Jahre einen Hahnentritt seinem Hause wieder näher kommen zu dürfen. Eben langte der Geist an dem Orte seiner Verbannung an, als ein Bauer von Helserdeich bei Marne mit einem Fuder Torf von der Geest herunterkam. Da hockte Buhmann gleich hinten auf und obgleich der Bauer merkte, daß seine Pferde immer schwerer zu ziehen hatten, kam er doch nach dem Helserdeich. Nun begann er auf dem Hofe des Bauern von neuem und noch viel ärger sein Poltern und Rumoren. Der Pastor ward wieder gerufen, aber der Geist floh auf einer Henne nach dem Fahrstedter Deich; das konnte er, weil der Pastor ihn draußen auf dem Felde zur Rede stellte. Nun aber ertappte er ihn abermals und zwar in einer Wohnstube und fragte ihn gleich, wie er sich habe unterstehen können, zurückzukommen und den Spektakel wieder anzufangen? Buhmann antwortete, er sei zu Wagen heruntergekommen, und das Fahren sei ihm nicht verboten gewesen. Da erzürnte der Prediger und gelobte ihn ins Haff zu bannen, wo niemand ihn wieder erlösen würde. Der Geist versuchte nun, sich zu verteidigen und sagte, daß der Prediger vielleicht ein ebenso großer Sünder sei, wie er selber; einmal habe er drei Roggenähren abgerissen. Der Prediger antwortete, das sei unversehens mit den Schuhschnallen geschehen, als er einmal durch ein Feld gegangen; er habe sie gleich wieder angeknüpft. Dann beschuldigte ihn der Geist, daß er auch einmal einem Bäcker einen Stuten genommen, ohne zu bezahlen. Aber der Pastor erklärte, daß er ihm den Schilling gleich darnach ja hingebracht hätte. »Nun«, sagte der Geist, »so hast du doch einmal ein Mädchen geküßt, wozu du kein Recht hattest.« Der Pastor aber antwortete: »Das geschah aus wirklicher Liebe.« Nun konnte sich der Geist auf keinerlei Weise loswickeln und bat nur, ihm zu erlauben, vorher die beiden Lichter auszulöschen, die er durchs Schlüsselloch brennen sähe. Da bemerkte der Prediger, daß die Dienstmagd an der Tür lausche, und befahl ihr fort zu gehen, den Geist aber bannte er ins Haff und legte ihm auf, den Sand auf den Watten zu zählen. Könnte er einmal damit bis zu Mitternacht fertig werden und die Südertür der Marner Kirche noch vor dem Glockenschlage erreichen, dann solle er frei sein. Mehrere Male soll Buhmann wirklich bis auf wenige Schritte sein Ziel erreicht haben; dann aber schlägt die Uhr zwölf und er muß wieder zurück und von vorne anfangen.

Man erzählt aber auch, daß er im Pastorate selbst rumort habe und dann vom Prediger ins Haff gebannt sei. Jedes Jahr oder alle sieben Jahre könne er einen Hahnentritt tun, und sei nun schon bis an des Bäckers Johann Hinrich Detlefs Haus gekommen, das westlich unten an der Wurt steht, worauf die Kirche liegt. Kommt er erst auf die Wurt und erreicht dann das Pastorat, das im Osten liegt, so geht das Rumoren wieder an und niemand wird ihn vertreiben können. Er soll sich oft auf dem Kreuzwege im Kronprinzenkooge blicken lassen.

Da draußen im Haff gehen noch viele andre Geister umher, kopflos und mit Ketten rasselnd; die armen Fischer, die auf den Butt- und Krabbenfang ausgehen, sehen sie oft da umher schweben. Den Buhmann, den die Fischer Juchen Knoop nennen, sehen sie meist an lebensgefährlichen Tiefen stehen; beständig zieht er sein Netz auf und füllt unaufhörlich die Fische in seine Kiepe, die er auf dem Rücken trägt. Nähert sich ihm einer, so weicht er immer weiter und weiter hinaus, an noch gefährlichere Stellen. Wer so unvorsichtig ist ihm zu folgen, der verliert bald die Spur, verläuft sich im Schlick und Sande und bald kommt die Flut und er muß ertrinken. Alte erfahrene Fischer kehren sich gar nicht daran, wenn sie den Juchen Knoop fischen sehen, oder wenn er ihnen winkt und gute Fangstellen anzugeben scheint; sie fischen auch in keinem Priel, wo er gefischt hat; denn da fängt niemand etwas.

Doch schadet er nicht immer und ist nicht immer der böse Geist. Einen Fischer, der an der fallenden Sucht litt und den seine Krankheit einmal beim Fischen befiel, schleppte er ans Land und rettete ihn vor der Flut. Ein andermal bei einer Sturmflut konnte ein Außendeichshirte das Vieh nicht so schnell, als das Wasser kam, auf den Koogsdeich zusammentreiben. Da rief er in seiner Not: »Juchen Knoop, Juchen Knoop, haal uns dat Guut to hoop!« Augenblicklich erschien der Gerufene und im Nu war alles Vieh geborgen, das zu tausenden auf dem Außendeich grast. Den Hirten hat er oft so beigestanden.

Mündlich aus Marne. – Reusch, Samland Nr. 23. Wolf, Deutsche Sagen Nr. 50. – Vgl. oben zu 234, 2 und Thiele, Danm. Folkes. I, 151, II, 160 f., 167 f., wo der Geist mit denselben Vorwürfen sich widersetzt.

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411. Schwertmann.

Vgl. die Stellen zu Nr. 410. Zum Begräbnis: Nr. 238. Zur Verwandlung der Aale in Pöche: Nr. 342.

Vor hundert oder zweihundert Iahren wohnte auf einem Hofe, den man noch zeigt, in Rethwisch in der Krempermarsch einer, Namens Schwertmann. Er ist noch in aller Gedächtnis wegen seines tollen Lebens, und wo es übel hergeht, da, heißt es, »regeert Swertmann«. Er hat bei seinen Lebzeiten ein junges Mädchen, das von ihm schwanger war und die er nicht heiraten wollte, in einen Backofen geworfen und verbrannt; aber niemand konnte ihm das beweisen und er starb darüber hin, ehe ihn die Strafe getroffen hätte. Kaum aber hatte man den Sarg mit der Leiche auf den Neuenbrooker Kirchhof in die Grube gesenkt, als man den Schwertmann oben darauf stehen und dann heraufkommen sah, um mit großem Eifer die Grube selbst zuzuwerfen. Darauf ließ er sich, hinten auf dem Leichenwagen stehend, wieder nach Hause fahren. Andre, deren Großeltern es von Augenzeugen erfahren haben, erzählen aber, er habe sich vorn aus die Deichsel des Wagens gestellt und sie immer auf und nieder geschwenkt (op un daal dümpelt). Die Gäste sahen ihn nachher vor seinem Hause hin- und hergehen, als wenn er gar nicht im Grabe gelegen; näherte man sich ihm, so verschwand die Erscheinung mit einem Knistern und Knattern wie ein Holzfeuer. Als sie beim Leichenschmause saßen, war Schwertmann bald unter ihnen, bald war er aus dem Heuboden und sah mit einer widerlichen Fratze durch die Luke. Er trieb ziemlich lange sein Unwesen im Dorfe. So kam einmal eine Bruthenne gackernd und ganz wild aus einem Stall herausgeflogen; die Bauernfrau ging hinein, um nachzusehen: da saß Schwertmann im Eierkorbe und glotzte sie an. Man rief endlich den Pastoren, den Küster und den Schullehrer zu Hilfe; aber der Pastor und der Küster wußten sich nicht gegen des Geistes Vorwürfe zu verteidigen. Der eine hatte einmal Äpfel gestohlen, der andere Stachelbeeren, und beide hatten den Diebstahl nicht vergütet. Als er dem Schullehrer aber vorwarf, daß er einmal eine Kornähre in seiner Schuhschnalle vom Felde mit nach Hause genommen habe, antwortete dieser: »Ja, ich habe sie aber gleich wieder hingelegt, sobald ich's merkte.« Da mußte der Geist sich gefangen geben. Der Schullehrer trug ihn nun auf dem Rücken nach dem wilden Moor. Unterwegs aber zischelte der Geist ihm ins Ohr: »Banne mich nicht in einen engen tiefen Sumpf!« Da hätte der Schulmeister vor Schreck fast seine Last fallen lasten, doch kam er glücklich aufs Moor. Andre freilich sagen, daß Schwertmann auf einer sumpfigen Wiese zwischen Neuenbrook und Rechwisch geblieben sei. Viele Leute haben ihn nachher da lange wie einen großen hellbrennenden Schoof umhergehen sehen, und viele sind dadurch in Angst und Schrecken gesetzt. Doch war der Geist gar nicht bösartig. Wenn die Knaben frühmorgens in der Dämmerung die Pferde von den Wiesen in der Nähe des Moors holten, so riefen sie oft: »Du, Swertmann, kumm un bœr mi mal op!« Dann wurden sie beim Fuß gefaßt und leicht und rasch aufs Pferd gehoben, gewöhnlich aber auf die andre Seite hinüber weggeworfen, und jedesmal segelte das Pferd dann im Galopp davon. Ein paar Waghälse haben einmal den Schwertmann selbst aufs Pferd gehoben, obgleich er anfangs sich sträubte und sie warnte. Kaum aber war's geschehen, so pfiff eine Kugel zwischen ihnen und dem Pferde vorbei und schlug tief in den nächsten Baum, wo sie lange zu sehen gewesen ist. Das arme Pferd fand man am andern Morgen mit tiefen Brandwunden auf dem Rücken zu Tode gehetzt auf dem Moore liegen. – Einst fischten mehrere Knaben in der Nähe; sie fingen nichts, und es ward dunkel. Da rief ein übermütiger: »Swertmann, kumm un lüch mi ins!« Sogleich war eine helle Flamme bei ihnen, die andern Knaben flohen, aber der mutige blieb und sah nun eine Menge großer schöner Aale und Schleie im Graben. Er tat einen guten Fang und bedankte sich bei Schwertmann. Als er aber nach Hause kam, fand er in seinem Netz nichts als Poggen, Puuspögg und Meerputjen. – Wenn die Leute ihr Schuhzeug auf dem Moore stehen ließen, so zog Schwertmann es an, um seinen brennenden wunden Füßen Linderung zu geben. Aber gleich war es durchgebrannt und ganz zerfetzt fand man es am andern Morgen wieder. Es mußte ihm aber doch sehr angenehm sein; denn oft hörten die Burschen, denen er aufs Pferd half, wie er ihnen ins Ohr raunte: »Bring mi een Paar Schoh!« Niemand unterließ dann die Bitte zu erfüllen? es war aber ganz einerlei, wie alt und steif oder wie groß und wie klein die Schuhe waren; sie waren Schwertmann immer recht. – Einst war ein junges Ehepaar, das eben verheiratet war, fleißig beim Torfstechen. Wie sie einmal aufsahen, stand Schwertmann mit wehmütiger Gebärde vor ihnen. »Was willst du?« fragte der junge Mann, »geh weg oder ich steche dir mit dem Spaten die Füße ab.« »Ach«, jammerte Schwertmann, »sie brennen mir so; habt ihr nicht ein paar Schuhe für mich?« »Die sollst du haben«, antwortete der Bauer; »aber geh fort, morgen will ich sie dir bei dem großen Stein hinsetzen.« Die Schuhe wurden hingesetzt und waren gleich verschwunden. – Einmal ging ein Bauer in einer dunkeln Nacht übers Moor. Bald ging jemand dicht hinter ihm her und trat ihm immer auf die Fersen, daß sie ihm schmerzten. Wie er sich umsah, stand Schwertmann vor ihm, in der einen Hand ein langes Messer, in der andern ein Licht, und beide sahen einander an. – Ein frommer Bäckergesell soll den Schwertmann endlich vom Moore fortgeschafft haben. Er ging mit seiner Stutenkiepe dahin, rief Schwertmann und bot ihm Brot an. Der Geist wollte sich nun selbst aussuchen und bückte sich über den Rand – da schlug der Bäckergesell den Deckel zu und versenkte die Kiepe mit dem Gespenst ins Moor. Seitdem ist's ruhig.

Herr Ketelsen auf Breitenburg. Herr Konrektor Lucht in Glückstadt etc. Thiele, Danm. Folkes. II, 157. Höchst bedeutsam ist, daß, wie ich nachträglich berichtigt ward, an dem Orte des wilden Moors, wo Schwertmann spukte, eine große Wassergrube sich befand, die die Dönnerkuhl (Donnerloch, vgl. Hammerkuhle Nr. 421) hieß.

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412. Der Teufel in Klein-Wesenberg.

Teufel als Last: Nr. 296. zu 231. 543. Heim. 8, 207. – »Teufelsgruben« f. Oldekop, Topogr. 2, XIII, 56.

Sieben Koppeln der Klein-Wesenberger Feldmark haben noch jetzt den Namen Teufelsgrube. Hier hat in alten Zeiten der Teufel gehaust. Zuletzt ist er weggezogen nach Barnitz und bei einer Altenteilerin eingekehrt, bei der oft junge Leute zusammenkamen und Karten spielten. Er spielte mit, gewann bedeutend, als aber einer eine Karte fallen ließ und sie aufnehmen wollte, entdeckten sie, wer er sei, und als sie davon liefen, ging er mit dem Gelde zum Fenster hinaus. Jeden Abend aber stellte er sich wieder ein. Da ließ die Frau ihn endlich nach der Lübeckischen Scheide hinbringen. Er versuchte es nun, wieder hinzugehen, konnte aber nicht über die Scheide kommen, als er einen Fuhrmann erblickte und den bat, ihn für einen Taler noch heut Abend mit nach Barnitz zu nehmen. Der Fuhrmann war bereit. Als aber der Teufel aufstieg, ward der Wagen so schwer, daß die Pferde ihn kaum von der Stelle ziehen konnten. Der Fuhrmann schalt, er solle absteigen, aber es half nichts bis in Barnitz; da sprang der Teufel vom Wagen ohne zu bezahlen. Der Fuhrmann lief ihm nach und forderte sein Geld; der Teufel aber hatte nichts. Er sagte zu der Altenteilerin, sie sollte es nur für ihn auslegen, und sie tat es in der Angst. Nun aber mußte sie ihn wieder bannen lassen, und diesmal ließ sie ihn nach dem Klein-Wesenberger Holze hinbringen, wo er noch jetzt sich aufhält.

Schriftlich. Vgl. Nr. 234.

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413. Der Teufel und die Alte im Hollenhoop.

Grundloser See: zu Nr. 149. Schürze: zu Nr. 548.

An der rechten Seite des Weges von Damsdorf nach Stocksee der Landstraße von Plön nach Segeberg liegt ein königliches Gehege, der Hollenhoop. Links vom Wege zieht sich ein ziemlich langer, mit Gebüsch bewachsener Hügel hin, der Teufelsberg, und etwa 30 Ruten davon auf der Scheide der Damsdorfer und Stockseer Feldmark liegt ein kleiner See, der Teufelssee, der aber grundlos ist und worin keine Fische aushalten. Der Teufel riß nämlich einst all die Erde heraus, wo jetzt der See ist, lud sie auf seine Achsel und wollte damit Gott weiß wohin. Als er nun neben den Hollenhoop kam, begegnete ihm eine alte Frau, die aber mehr als Brot essen konnte; sie sagte ihm guten Morgen und bat ihn, seine Last eine Weile niederzusetzen, weil sie ein Wörtlein mit ihm zu reden hätte. Der Teufel tat ihr den Gefallen; da er aber nachher wieder aufladen wollte, war es ihm auf keine Weise möglich; fast hätte er seinen Fuß dabei abgebrochen. Den Erdklumpen mußte er also da liegen lassen, und das ist jetzt der Teufelsberg. Während der Zeit aber, daß der Teufel sich noch abarbeitete, stand die Alte zwischen den Bäumen im Hollenhoop und lachte. Der Teufel ging voll Ärger fort und stürzte sich in den See, weil er hoffte, Neugier werde die Alte dahin locken, und dann dachte er sich zu rächen. Sie kam auch und glotzte in den See: da fuhr der Teufel rasch in die Höhe, streckte beide Arme lang aus und ergriff sie bei der Schürze, um sie ins Wasser zu ziehen. Aber die Alte machte schnell das Schurzband los und floh; der Teufel mit der Schürze in der Hand hatte nur das Nachsehen. Doch tröstete er sich, und um sich ein Pläsier zu machen, machte er sich aus der Schürze ein großes Fischernetz und fischte in seinem See so fleißig wie einer; brachte aber nach langer Arbeit endlich nichts weiter heraus als einen einzigen einäugigen Hecht von ekelhaftem Aussehen, den er sogar nicht einmal verspeisen mochte, so hungrig er auch war. Für diesmal mußte er seine Arbeit aufgeben, und um später es noch einmal zu versuchen, breitete er sein Netz zum Trocknen am Ufer des Sees aus. Am andern Morgen aber suchte er es lange vergebens, bis er es auf den höchsten Gipfeln des Hollenhoops ausgebreitet sah, von wo er es nicht herunterholen konnte, weil sein Pferdefuß ihn am Klettern hinderte. Der Alten, die ihm abermals diesen Streich gespielt hatte, Rache schwörend, verließ er nun diese Gegend, und man hat ihn nachher nicht wieder gesehen. Auch von der Alten weiß man nichts mehr zu erzählen.

Herr Schullehrer Leptien. Vielleicht gibt es noch eine weniger zerrüttete Relation dieses merkwüdigen Stücks? Siehe Einleitung.

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414. Der Teufel in der Elbe.

Geschichten, wie man den Teufel überlistet, werden viel erzählt; vgl. z. B. Nr. 302. 321. 436. 437. 442. Ein Schmied, den der Teufel holen wollte, verschloß sorgfältig sein Haus; der Teufel konnte nur durch das Schlüsselloch hineinkommen (vgl. Nr. 387). Der Schmied aber hielt einen langen Sack davor, und als der Teufel drin war, band er ihn zu. Dann legte er ihn auf den Amboß und bearbeitete ihn so lange, bis der Teufel um Gnade bat und versprach, den Schmied nicht wieder zu belästigen (Mündlich aus dem Dänischen Wohld).

Ein Kapitän ging traurig an einem Hafen auf und nieder, weil er gar nicht wußte, wie er ein Schiff bekommen sollte. Da trat ein feiner Herr zu ihm, der aber niemand anders als der Teufel selber war, und versprach ihm ein Schiff: er solle es sogar für immer behalten, wenn er ihm, dem Teufel, bei seiner Rückkehr in die Elbe etwas zu tun geben könne, das ihm auszurichten unmöglich wäre. Der Kapitän nahm in seiner Not das Anerbieten an und er erhielt ein Schiff; es war ganz leer, aber neu und gut; er bemannte es, fand Ladung und machte die vorteilhafteste und schnellste Reise. Als er aber wieder vor die Elbe kam, gedachte er seines Versprechens und voller Sorgen ging er auf dem Verdeck hin und her. Sein Sohn, der Steuermann war, bemerkte seine Verstimmung und drang mit Fragen in ihn. Da bekannte der Kapitän endlich, wie es zwischen ihm und dem Teufel stünde. Aber der Sohn sagte: »Wenn's weiter nichts ist, so geh nur ruhig in den Raum und laß mich nur machen.« Der Vater ging hinunter; der Junge saß am Steuer, die Flut kam mit Macht herein, ein scharfer Wind war mit: da ließ er alle Segel aufsetzen und wie ein Blitz flog das Schiff in die Elbe. Kuxhaven gegenüber kam der Teufel mit einem Male an Bord und forderte, man möchte ihm nun seine Aufgabe stellen, oder er würde mit dem ganzen Schiff davon gehen. Da befahl der Junge den Matrosen, das große Anker herunter zu lassen, und wie nun das große dicke Tau von der Welle flog, mußte der Teufel zugreifen und sollte das Schiff im Laufe aufhalten. Da war aber die Fahrt so groß und der Teufel hielt das Tau so fest, daß er durch das Loch, darin das Tau ging, hindurch gezogen ward und weit hinaus ins Wasser flog. – Seit der Zeit hat er für immer darin bleiben müssen. Bei stürmischem Wetter, wenn Leute von einem Ufer zum andern wollen und niemand sie übersetzen will, dürfen sie nur rufen; dann muß der Teufel kommen und sie über den meilenbreiten Strom hinübertragen; er darf kein Fährgeld nehmen. Man sagt, daß er viel zu tun und immer hin und her zu waten hat. Der Amtmann von Zewen im Hannöverschen hat vor zweihundert Jahren einen Kontrakt mit ihm gemacht.

Mündlich aus Marne in Dithmarschen.

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415. De Uald.

Auf Sylt bei den Friesen hört man den Teufel oft den Alten, de Uald, nennen. Auch nennt man ihn de uald Knecht, oder de Hinger, den Henker. Er heißt aber auch Pietje fan Skottlönd, Peter von Schottland, weil er vornehmlich auf den schottischen Gebirgen haust und Kälte und die Nordweststürme schickt, dadurch bewirkt er die Sand- und Wasserfluten, Schiff- und Uferbrüche, Fieber, Mißwachs, kurz all das Unglück, das unsre Westküste treffen kann. Er hat früher den christlichen Bekehrern dieser Gegend viel zuwider getan.

Durch Herrn Hansen auf Sylt.

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416. Hans Heesch.

Am Fuß des hohen Heeschenberges bei Schierensee ist eine noch wohl erhaltene, aus Granitblöcken erbaute Grotte. Daneben ist eine jetzt sumpfige Vertiefung. Hier saß nämlich früher ein Felsblock, den am Ende des vorigen Jahrhunderts der Herr von Saldern herausnehmen und zerhauen ließ und zur Grundmauer des Herrenhauses verwandte. Der Block war so groß, daß er völlig ausreichte; er soll 70 Fuß im Geviert gemessen haben; wohl zehn Fuß ragte er aus der Erde hervor. Er hat in alten Zeiten einem Riesen, namens Hans Heesch, zum Sitze gedient, der in der Höhle wohnte und der dem waldigen Berge den Namen gegeben hat.

Meyer, Darstellungen aus Norddeutschland S. 266.

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417. Die Riesen in Krumesse.

Über der Kirchtür in Krumesse ist ein hoher Bogen in der Mauer noch zwölf Fuß über der Tür. Sie reichte einst dahinauf, als noch Riesen da aus- und eingingen. Noch heutzutage findet man die großen Knöpfe, die sie an ihren Röcken hatten; da ist oben ein Kreuz darauf Krötensteine, Echiniten.. Jetzt sind die Riesen vertrieben und alle nach Nordamerika gereist; da soll es noch welche geben.

Durch Kandidat Arndt.

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418. Riese steigt aus der Erde.

Vgl. zu Nr. 376, 2.

Bei Altmühl in der Nähe von Schleswig war ein Berg der Klinkeberg, der jetzt abgetragen ist. Hier hütete ein Mann die Schafe. Plötzlich sah er einen Mann vor sich aus der Erde steigen, der immer größer und größer ward, bis er am Ende als ein Riese auf der Erde stand. Bald aber ward er wieder kleiner und kleiner und sank langsam in die Erde hinein.

Herr Koch in Schleswig.

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419. Der Riese holt einen Baum.

Wisser S. 59 f. Nr. 610 (S. 460).

»Komm mit zu Holz«, sagte ein Riese zu einem Knecht, »wir wollen einen Baum holen.« Der Knecht folgte, wunderte sich aber doch, da er sah, daß der Riese ohne Axt war. Wie, dachte er, will der wohl einen Baum fällen? Als sie ins Holz kamen, ging der Riese zu dem größten Baum, der da war, faßte ihn oben an, wackelte ihn erst ein bißchen los und riß ihn dann mit der Wurzel heraus. »An welchem Ende willst du tragen?« fragte er den Knecht. Der Knecht dachte, die Spitze trägt sich am leichtesten; er sagte also hinten. Nun nahm der Riese den Baum bei der Wurzel auf die Schulter; dann fragte er den Knecht: »Hast du schon angefaßt?« »Ja«, antwortete der, und der Riese ging mit dem Baum fort, obgleich der Knecht noch kein Blatt angerührt hatte. Und als der Knecht nun sah, wie leicht es dem Riesen ward, so setzte er sich sogar noch dazu hinten auf; der Riese aber trug ihn mit fort, ohne etwas zu merken.

Herr Koch aus Schleswig.

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420. Die Sylter Riesen.

C. P. Hansen, Beitr. zu den Sagen der Nordfriesen S. 27 ff.

In alten Zeiten sind hier auf Sylt heidnische Völker gewesen und haben einen seltsamen Glauben gehabt; sie sind ihre eignen Herren gewesen dieses Landes. Unter ihnen waren viele große Riesen fünf oder sechs Ellen lang; die nannte man Kämpen, denn sie waren so geschickt, mit Bogen und Pfeilen zu schießen auf Fingers Breite, dazu mit Stangen, daß alles was sie nur über halb sehen konnten, es wären Menschen oder Tiere, – das war alsobald tot. Und hatten drei Festungen und Burgen im Lande, Arentsburg, Tinseborg und Ratsborg, dazu oben bei Heidum einen Wachtturm wohl und fest verwahrt, daß sie allda des Tages sehen konnten, wannen und wo die Feinde wären. So stritten sie für das Land und sicherten und befriedeten es; aber die Leute darinnen mußten ihnen Schatz und Zins geben. Diese Riesen taten große Gewalt und Übel bei dem Volk. Denn so ein Bauer hinging, seine Schuld aufzumahnen, so haben sie ihn nachher heimlicher Weise mit Pfeilen oder Stockschlägen getötet und das Geld ihm dann genommen. Das mußten die armen Leute leiden und nicht klagen, denn sie hatten keine andre Herren als diese Riesen; und man höret sagen, daß wo ein Mann oder Frau unter ihnen gestorben, so mußten sie nicht unter den Gemeinen begraben werden, sondern man mußte ihre Leichname mit Feuer verbrennen und die übrigen Knochen an einem besondern Ort begraben.

Zuletzt hat der König von Dänemark einen dieser Riesen zu sich gefordert, der ein kunstreicher Arzt gewesen ist. Denn des Königs Tochter war mit einer innerlichen Krankheit beschwert, und hatte gelobt, so er ihr helfen könne, wollte ihm der König eine große Summe Geldes verehren. Der Doktor ist dahin gereist und hat des Königs Tochter gesund gemacht; da hat der König ihm großes Geld verehrt und mit Essen und Trinken ganz überflüssig traktieret. Damit wollte der Doktor wieder nach seinem Lande. Aber der König bat ihn: er hätte einen Edelmann, der auch innerlich krank wäre; könnte er den besser machen, so wollte er ihm noch mehr Geld geben. Darinnen willigte er. Aber in der Trunkenheit hat der König ihn ausgefraget wegen des Landes Sylt, und der Doktor hat ihm alle Gelegenheit davon ausgesagt. Dieser ist darauf zu dem Edelmann gereist. Aber der König ward darüber verursacht, daß er seine besten Kriegsleute mit Rüstung, Gewehr und Harnischen bekleidet nach dem Lande Sylt sandte, dasselbe einzunehmen. Die Kriegsleute haben sich in zwei Haufen geteilt, der eine Teil vom Westen zu Schiffe, der andere zu Lande von Osten zu Fuß, auf daß sie ja an einem gewissen Tage mochten zusammenkommen. Als nun die Fußgänger sich haben merken lassen, sind ihnen die Riesen entgegengekommen also, daß die Fußgänger sich bald in die Flucht gegeben haben. Aber die andern, so zu Schiffe angekommen waren, haben nicht gesäumt und sind von hinten über sie gekommen. Da konnten sie sich nicht länger wehren, sondern haben sich alsobald fangen und binden lassen, und sie wurden eilig in den Wachtturm zu Heidum festgesetzt und verwahret mit zweihundert von des Königs besten Kriegsleuten, bis man bei dem Könige gefragt, was man dabei tun sollte. Darauf der König also urteilte, man sollte ihnen nach ihrem Verdienst und Rechte durch den Büttel mit dem Schwerte die Köpfe abhauen lassen, und sie auf dem wüsten Felde begraben wegen ihres mörderischen Handels. Und damit des Königs Befehl ernstlich möchte vollbracht werden, so ist des Königs Anwalt mit dem Scharfrichter gekommen, und diese Riesen, so an Zahl hundertundzwanzig gewesen, wurden ganz trunken geschenket mit gutem Weine, also daß sie gesungen haben, dieweil etliche gerichtet wurden. Aber die beiden letzten haben nicht singen wollen, weil ihre Stunde so nahe war. Sie wurden auf der Heide im Felde begraben nach des Königs Befehl, und darauf ward das ganze Landvolk unter des Königs Gewalt getan bei Eidespflicht und bezwungen, bei Leibes- und Lebensstrafe ihrer eignen Gerechtigkeit abzustehen.

Hans Kielholt in Falks Heimreich II, 343.

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421. Der Teufel mit dem Hammer.

Taschenbuch für Reisende, 2. Ausg. (1852) S. 122 (Kombination aus Nr. 193, 421 und 422). Über Hans Adolf: Nr. 86, 1. 2.

Damals als das Plöner Schloß gebaut ward, stand der Teufel oft bei Sonnenaufgang auf dem Segeberger Kalkberge und sah mit Verdruß das schöne Gebäude sich erheben. Als ihm aber endlich die Fenster des Schlosses entgegenfunkelten, ergrimmte er so, daß er seinen großen silbernen Hammer ergriff und hinüberschleuderte. Er hätte auch wahrscheinlich das Schloß zerschmettert, wenn nicht unterwegs glücklicherweise der Hammer vom Stiel geflogen wäre. Nun fuhr er nieder auf eine Koppel der Dorfschaft Pehmen am Plöner See, Gemeinde Bosau, und drang so tief in die Erde, daß er eine Kuhle bildete, die meist mit Wasser angefüllt ist, und noch heute die Hammerkuhle heißt. Ein alter Eichstamm stand früher daneben und das war der Stiel des Hammers gewesen. – Man sagt auch, daß dies zu Herzog Hans Adolfs Zeiten geschehen und der Teufel so böse geworden sei, weil der Herzog seinen mit ihm geschlossenen Kontrakt nicht hatte erfüllen wollen. – Das Loch läßt sich bis auf den heutigen Tag durch nichts völlig ausfüllen; so tief ist es.

Mündlich und nach vier schriftlichen Mitteilungen aus Plön. – Herr Kirchmann in Eutin erzählt, der Teufel habe nachts den Hammer geholt und sei nun durch die Luft auf Plön zugefahren, als der Hahn kräht und er zurückkehren muß, vorher aber habe er noch ärgerlich den Hammer niedergeschleudert. – Grimms Deutsche Sagen Nr. 20. Mones Anzeiger VIII, 63.

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422. Die Teufel mit den Hämmern.

Über das fehlende Motiv des Wurfes s. 424, 1. 3. Als Grund wird meist ein Streit und als Zweck die Zerstörung der Kirchen angegeben. Nach einer anderen Überlieferung haben die Riesen mit einem Bauern gewettet, wie weit sie werfen können: Nd. Jahrb. 1, 104 aus Schwarzenbek.

Nr. 421 wird auch so erzählt:

Zwei Riesen oder Teufel standen einmal, einer auf dem Plöner Schloßberge, der andre auf dem Segeberger Kalkberge und warfen mit ihren Hämmern gegeneinander. Sie erreichten aber einander nicht oder die Hämmer flogen aneinander vorbei, so daß der eine in der Nähe des Plöner Sees in Pehmen niederfiel, der andre im Gute Seedorf. An beiden Stellen findet man daher ein paar große Verhöhlungen.

Aus Plön durch Dr. Klander.

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423. Riesensteine in Holstein.

Schacht, Albersdorf (1908) S. 6. Vgl. Nr. 430. Kristensen 3, 138 (Oster- Linnet). Vielfach wird das Geläut der Kirchenglocken als Ursache des Zorns der Riesen oder Teufel angegeben: Urdsbr. 2, 75 (aus Feddring). 2, 92 (aus Jevenstedt u. Albersdorf). Heim. 11, 205 (aus Albersdorf). Nd. Jb. 1, 104 (aus Schwarzenbek). – Als der Riese dem fehlgegangenen Stein nachläuft, füllen sich seine großen Schuhe mit Sand; er schüttet sie unterwegs mehrfach aus; davon rühren die Sandhügel in der Gegend her: Plattd. Husfründ (1877) 2, Nr. 36 (aus Norderdithm.). Frahm, Stormarn 218. Kähler, Das Stör-Bramautal (1905) S. 71. – Daß der Stein sich in mehrere Stücke spaltet, wird auch sonst erzählt: Urdsbr. 2, 75. Plattd. Husfr. a. a. O. Heim. 17, 222. – Zum Brutkamp vgl. Nr. 147. – »Slyngsteen« heißt ein Gehöft zwischen Feldstedt u. Sveirup in Nordschleswig, von dem dieselbe Geschichte erzählt wird wie in 424, 2 (2. Abs.); s. Heim. 17, 222. – Auch nach der Schenefelder Kirche warf der Teufel mit einem Felsblock; aber er entglitt seiner Hand und fiel bei Vaale nieder; Voß und Schröder, Wacken (1903) S. 9. Um die Kirche in Stellau zu treffen, hat er den Stein in das Strumpfband seiner Großmutter gelegt, das zerreißt: Kähler a. a. O. S. 39; vgl. Nr. 424, 2.

1.

Bei Jevenstede lag vor Zeiten ein so großer Stein, daß ein Fuhrmann mit vier Pferden vor dem Wagen bequem darauf hätte umwenden können. Als nun in Nortorf die Kirche erbaut ward, nahm ein Riese den Stein auf und legte ihn in seine Schleuder; aber der eine Strick riß und der Stein blieb in den hohen Heinkenborstler Bäumen hängen. Da hat er lange im Holze gelegen. Ein Bauer hat sich jetzt Tränktroge von achtzehn Fuß Länge daraus machen lassen, der größte Teil aber ward bei dem letzten Bau der Nortorfer Kirche verwandt, so daß der Stein, der der alten Kirche an den Kopf schlagen sollte, der neuen unter die Füße getan ward. Man sagt auch, daß die schwarze Greet diesen Stein von Hohenwestede aus nach Nortorf habe schleudern wollen.

Durch die Herren Schullehrer Rathjen in Fiefharrie und Rohweder in Thienbüttel.

2.

Als die Alversdorfer Kirche gebaut ward, erzürnte ein im Norden wohnender Riese so sehr darüber, daß er einen Stein bei Ehlingstede aufnahm und gegen das Dorf warf; aber seine Augen wurden verschielt und der Stein fiel, ohne Turm und Kirche zu treffen, auf dem Brutkamp nieder. Bei Alversdorf müssen überhaupt viele Riesen gewesen sein; man zeigte da vor wenigen Jahren noch vier oder fünf Resenbetten, wo die Riesen begraben liegen; ein Gehölz in der Nähe heißt Resenreem und ein Hügel Resenbarg.

Im Kirchspiel Hademarschen lag, als noch die Riesen hier im Lande wohnten, ein großer Stein. Einer der stärksten nahm ihn auf und wollte ihn über die Grenze werfen; da zersprang der Stein im Werfen in zwei Stücke, das eine fiel im Kirchspiel Schenefeld nieder, das andere in der Marsch. Beide Stücke passen aber genau aneinander.

Mündlich. S. oben Nr. 147. – Kuhns Märk. Sagen Nr. 10. 22. 158. 202. Thiele, Danm. Folkes. II, 41 f. usw. – In Nordschleswig heißt ein Riesenstein schlechtweg Slyngsteen, d. i. Schleuderstein (der Riesen).

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424. Riesensteine in Schleswig.

1.

Vgl. die Zusammenstellungen Danm. Folkem. 1, 112 ff. Kristensen 4, 1272 f. Feilberg 299. Fingereindrücke auf dem geschleuderten Stein auch 424, 3 und Urdsbr. 6, 46 aus Stormarn. Kristensen 3, 128. 138. Vgl. zu Nr. 6.

Auf Barsö, der kleinen Insel vor dem Apenrader Meerbusen, wohnte ein Riese Bars, der baute sich eine Burg, die nannte er Warborg; man sieht noch ihre Spuren. Er bekam einmal Streit mit einem andern Riesen, der an dieser Seite auf der Halbinsel Loit wohnte. Da warf er ihn mit Steinen zu Tode und bedeckte ihn über und über damit. Bei dem Gute Hökeberg sieht man auf dem schmalen Landstriche, der da einen See in zwei Hälften teilt, die großen Steine liegen; sie sind schon ganz mit Dornbüschen bewachsen; aber der Riese liegt darunter begraben. Bars unterwarf sich dadurch die ganze Seeseite der Halbinsel und sie erhielt von ihm den Namen Barsmark. – Einst wollte er durch den Sund ans Land gehn; weil es aber gerade Sturm war und die See hoch ging, wagte er es nicht, da standen die Bauern am Ufer und verhöhnten ihn. Aber darüber geriet er in Wut, ergriff einen großen Stein und schleuderte ihn nach ihnen hinüber. Der Stein liegt noch da, und wo er seine fünf Finger angesetzt hat, sind fünf große Höhlungen.

Durch Kandidat Arndt. Vgl. Harrys Sagen Niedersachsens I, Nr. 37. – Schröder, Topographie von Schleswig erzählt: Barsmark und Barsöe empfingen ihren Namen von einem Unterkönige Baars, der die mit Holz und Gebüsch bedeckte Gegend zuerst anbaute und der in der mit tiefen und breiten Graben umgebenen Hofburg Elsholm residierte. Man zeigt noch die Hügel Baarshöi und Birrethöi, wo Baars mit seiner Gemahlin Birret begraben liegt. – Hierzu vgl. Nr. 40, 3.

2.

Danm. Folkem. 21, 13. – 2. Absatz, oft erzählt: Mügge, Streifzüge in Sch.-H. 2, 78 (von einer »jener riesenhaften Zauberinnen oder Troldkonen). Jb. f. Ldk. 8, 222. Heim. 6, S. XIV. 17, 122. Kristensen 3, 95 (Riesenmädchen schleudert den Stein in ihrem Haarband dem Geliebten nach); vgl. 3, 171. Lorenzen 4 f.

In alten Zeiten wohnte auf Alsen ein großer Riese und die Leute aus Sundewitt waren seine Zinsleute. Einst aber weigerten sie sich den Zins zu bezahlen, und als er nun sie züchtigen und durch den Sund von Alsen nach Sundewitt waten wollte, da schossen sie mit Pfeilen und Steinen nach ihm, daß er nicht herüber konnte. Nun ergriff er einen großen Stein und warf den hinüber; und das ist der Barstein oder Deggerstein auf dem Düppelberg, der sechzig Ellen im Umfang hatte und noch zwölfmal so tief in der Erde stecken soll.

Man erzählt von diesem Stein auch so: Es war einmal vor vielen hundert Jahren auf Alsen eine Dame, die in allen Zauberkünsten hocherfahren war und die deshalb nicht nur die Reichste und Mächtigste, sondern selbst, obgleich sie schon über hundert Jahr alt war, die Schönste genannt ward. Sie hatte aber eine schwarze Seele und war ein boshaftes altes Weib. Als ihr Liebhaber sie einmal heimlich verließ, geriet sie so in Wut, daß sie den großen Stein ihm nachschleuderte. Aber sie verfehlte ihr Ziel, und der Stein siel auf dem Düppelberge nieder. Nun schleuderte sie einen zweiten Stein ihm mit ihrem Strumpfbande nach; aber das Strumpfband riß und der Stein fiel bei Tombüll, Kirchspiel Feldsted, nieder. Auch der Stein, den man noch weiter westlich ins Land hinein bei Ulderup weist, soll von ihr herrühren. Den großen Hattlunder Stein aus dem Schiersberge in Angeln warf sie über den Flensburger Busen herüber, als sie in Queern die erste christliche Kirche erbauen sah und sich ärgerte, daß der Turm den ihres Schlosses überragte. Auch da riß zum Glück das Strumpfband; doch steht der Queerner Turm noch immer ein bißchen schief. Hinter dem Dollerupholze in Angeln liegt auch ein großer Stein, der Fyensteen; den hat der Teufel von Fühnen herübergeworfen.

Herr Kandidat Arndt. Herr Hansen auf Sylt etc. Neues Staatsbürgerl. Magazin II, 66. Itzehoer Wochenblatt 1842 Nr. 35. Achter Bericht der Gesellschaft etc. S. 6. Vgl. Nr. 143. 214.

3.

Friesisch aus Drelsdorf: Mitt. d. nordfr. Vereins 7, 90. Dasselbe wird von 2 Riesen in Hamburg und Lübeck erzählt; der eine Stein liegt bei Bargteheide, der andere bei Bergstedt: Urdsbr. 6, 46; dasselbe auch von 2 Riesen in Karlum und Leck; der eine traf den Karlumer Kirchturm, der andere Stein blieb auf der Lecker Feldmark liegen, wo der Ort noch »Kämpengracht« heißt: Urqu. 4, 259. Carstensen, Leck (1899) S. 18 f. Der Lecker Riese wünschte unter diesem Stein begraben zu werden; vgl. Nr. 424. 1. Lorenzen S. 6. Die Kirchen zu Agerskov und Branderup wurden zugleich erbaut; beide Baumeister hatten nur einen Hammer, den sie sich zuwarfen; der Riese von A. konnte aber nicht bis B. werfen; die Kirche wurde da gebaut, wo der Hammer niederfiel; darum liegt sie außerhalb des Dorfes: Kristensen 3, 115, vgl. 3, 183.

In der Landschaft Bredstede wohnten in alten Zeiten zwei Riesen, ein friesischer zu Drelsdorp und ein dänischer zu Viöl. Jeder rühmte sich oft gegen den andern seiner Stärke und beide lebten in fortwährendem Streit. Zuletzt, um diesem ein Ende zu machen und die Sache zu entscheiden, verabredeten sie sich, daß jeder einen Wurf nach des andern Kirchturm tun sollte. Der Drelsdorper Riese nahm einen großen Stein und schleuderte ihn mit aller Macht gegen den Viöler Kirchturm, so daß er seit der Zeit bis auf diesen Tag stumpf geblieben ist. Darüber ergrimmte nun der Viöler Riese noch mehr und nahm einen noch weit größern Stein, um den Drelsdorper Kirchturm zu zerschmettern. In der Hitze aber zielte er nicht recht, warf vorbei, und man zeigt noch heute den großen Felsblock im Moor eine gute Strecke hinter Drelsdorp. Aber viel hätte doch nicht gefehlt, so wäre der Drelsdorper Turm verloren gewesen; denn der Stein ist so nahe daran vorbeigeflogen, daß er bis auf den heutigen Tag ein bißchen schief steht. Es liegen noch zwischen Drelsdorp und Bredstede zwei Hünengräber, das eine ist ungewöhnlich lang; da soll ein Riese begraben sein, und das mag der Drelsdorper Riese sein.

Man sagt auch von dem Düppeler Stein, daß er gegen eine Kirche in der Nähe von Flensburg gerichtet gewesen sei. – Einen andern Stein, den eine Riesin aus die Kirche von Arrild im Törninglehn zuwarf, zeigt man bei diesem Dorfe. Bei Spandet zeigt man zwei Steine, einen, den ein Riese aus Arrild, den andern, den einer von Hvidding gegen die Kirche richtete. An dem Stein bei Medelbye, den ein Riese aus der Hand von Handewitt aus gegen die Kirche schleudern wollte, zeigt man noch die Spuren aller fünf Finger. Von dem Hamsdorfer Berge in der Hohner Harde wollte ein Riese einen Stein über die Eider werfen; er blieb aber diesseits liegen und ist der große Deckstein eines Riesenbettes.

Volksbuch 1843, 90. Herr Hansen auf Sylt. – Dannevirke 1844, Nr. 37. Schriftlich. Vierter Bericht der Gesellsch. S. 35. – Der Stein bei Spandet, den ein Riese von Arrilt herüberwarf, hieß Krokone, und niemand ging vorüber, der sich nicht eine Weile dabei niedergelassen hätte.

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425. Lübbes Stein.

Im Jahre 1131 belagerte König Magnus, Niels Sohn, Knud Lawards Mörder, die Stadt Schleswig. Ihn nannten die Seinen nur den Starken. Als er aber nach Joldelund kam, das damals von Friesen bewohnt war, trat ein Bauer aus dem Dorfe, Namens Louwe oder Lubbe, zu ihm, um ihm eine Probe seiner Stärke zu zeigen. Der Bauer nahm nämlich einen großen Kampstein auf, einen solchen, der zur Feldscheide diente, und warf ihn mit großer Leichtigkeit zum Erstaunen des Königs über ein Haus. Noch heute zeigt man den Stein an dem Orte und nennt ihn Louwes Stein; es können ihn jetzt kaum zwölf Männer heben.

Outzen, Altert. Schleswigs S. 33. Siehe Grimms Mythol. S. 492.

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426. Der unmäßige Teufel.

Das Reitmoor bei Vaale soll daraus entstanden sein, daß der Teufel seinem Großvater einen Löffel mit Brei zuwarf: Timm Kröger Ges. Werke 1, 67 ff.

Der Teufel machte einst eine Reise durch das fette Land Schwansen; aus allen Höfen sprach er bei den Bauern ein, ließ sich traktieren, und wo er einkehrte, schlug er sich den Magen voll von Speck und Mehlbeutel. Damit machte er sich wieder auf den Weg. Wer er hatte des Guten zu viel genossen, und als er an die Hüttener Berge bei Brekendorf kam, ward ihm so übel, daß er zuletzt alles wieder von sich geben mußte. Seit der Zeit findet man in und auf den Hüttener Bergen die Steine in so großer Anzahl; das werden nämlich die Mehlklöße sein. Zugleich entstand auch der Ramsee, der mitten in den Bergen liegt, weder Zu- noch Abflüsse hat und ganz unergründlich tief ist. Es ist kein Fisch, überhaupt keine lebendige Kreatur in ihm zu finden.

Durch Herrn Schullehrer Boysen in Bistensee.

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427. Der Teufel trägt Ohrfeld.

Der adlige Hof Ohrfeld in Angeln stand früher in Kronsgaard. Der Teufel sollte ihn an einen andern bestimmten Ort tragen; in einer Nacht lud er ihn auf; da aber krähte der Hahn, als er eben jenseits der Geltinger Scheide war, und er mußte ihn fallen lassen. Darum liegt Ohrfeld jetzt so nahe an Gelting.

Schriftlich und Jensen, Angeln S. 247.

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428. Die Teufelsspuren.

Stelle ohne Graswuchs: zu Nr. 207.

Auf Föhr in der Marsch zeigt man ein paar ganz kahle, von jeder Pflanze entblößte Stellen, eine halbe Rute im Durchmesser groß. Man hat sie ausgegraben und mit anderer Erde ausgefüllt; aber weder Kraut noch Gras gedieh darauf und kein Vogel läßt sich darauf nieder. Als nämlich der Teufel Helgoland aus Norwegen herholte, kam er über Föhr und hat dabei seine Fußspuren eingedrückt; die Stellen heißen darum auch die Düwelssporen.

Durch Herrn Arfsten auf Föhr. Vgl. Nr. 188 und Nr. 207.

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429. Der Klinkenberg.

Berg in Schürze zusammengetragen: zu Nr. 17, 2.

Zwischen den Dörfern Husberg und Rendswühren bei Neumünster liegt in einem Moore der Klinkenberg; den hat die schwarze Greet in ihrer Schürze dorthin getragen, um ihn als Schanze zu benutzen. An der Stelle, wo sie ihn wegnahm, steht seit der Zeit der Belauer See.

Dr. Klander. Vgl. Nr. 423, 1.

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430. Der Segeberger Kalkberg.

Stegelmann, Segeberg (1900) S. 18 ff. Zs. f. s.-h. Gesch. 21, 340. Vgl. Nr. 423. – Hintern zukehren: Nr. 326.

Von dem Segeberger Kalkberg erzählen die Leute so viele Geschichten, daß ich nicht weiß, welche die richtige ist.

Der Herr Statthalter Heinrich Ranzau versichert, daß der Teufel den Berg aus dem kleinen See herausgetragen habe, der sich da in der Nähe befindet und der daher eben so tief ist als der Berg hoch. Segeberg soll darum auch eigentlich Seeberg heißen. Man pflegt heute noch davon zu sagen:

Daß dich der tu plagen,
Der Segeberg hat getragen.

oder: »Ruhe, du bist gut«, sä de Düwel, »do harr he Segebarg dragen.«

Andre erzählen, daß der Teufel einst den Felsen von einem weit entfernten Gebirge hergeholt habe, um damit die erste christliche Kirche in unserm Lande zu zerschmettern. Er trug ihn auf seinem Nacken bis Segeberg, mußte ihn da aber fallen lassen und konnte ihn nicht wieder aufheben. – Man sagt auch, er habe den großen Plöner See damit ausdeichen wollen, um die Plöner in Schaden zu bringen, deren Gottesfurcht und Wohlstand ihn ärgerte. Er hatte den Felsen von Lüneburg geholt und flog damit durch die Luft, als ein altes Weib ihn erblickte und schnell ihm ihren bloßen Hintern zukehrte. Darüber aber erschrak er so, daß er seine Bürde bei Segeberg fallen ließ.

Die Gleschendorfer versichern, daß der Kalkberg früher bei ihrem Dorfe gestanden hätte, da wo jetzt der Kuhlsee liegt. Hier wohnte der Teufel. Als aber in Segeberg ein Kloster erbaut ward, so ward er darüber so erbittert, daß er den Berg herausriß und auf Segeberg zu warf. Doch verfehlte er sein Ziel, der See aber steht seit der Zeit da. – Der Teufel soll auch den Berg, als er noch bei Gleschendorf stand, einmal an die Lübecker verkauft haben. Als er ihn in der Nacht nun in die Nähe der Stadt tragen wollte, machte er einen so großen Umweg, daß als der Hahn krähte und er den Berg fallen lassen mußte, dieser bei Segeberg liegen geblieben ist.

Heinrich Ranzau bei Westph. I, 25. Provinzialberichte 1811, 584. Mündliche und schriftliche Mitteilungen. – Unzählig find Variationen der Sage vom Kalkberg: Die Segeberger waren gottlose Leute; da Hub der Teufel den Klumpen aus der Erde, wo jetzt der See steht, um die Stadt zu bedecken. Aber schnell taten die Leute Buße und unser Herrgott gab dem Klumpen einen Schub, daß er nebenhin fiel. – Zu den vorhergehenden Nummern vgl. Mythol. 502 f.

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431. Der Alsinger Sund.

Lorenzen S. 7.

Auf Alsen wohnte ein Riese; der wollte eine Brücke bauen nach Arröe, wo seine Braut wohnte. Er fing damit an und legte das große Riff bei Poel; aber als er an die Tiefe kam, ertrank er. Da weinte seine Braut, und von dem Strom ihrer Tränen entstand der Sund zwischen Alsen und Sundewitt.

Durch Herrn Dr. Pastor Jensen in Gelting in Angeln.

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432. Die Teufelsbrücke.

Heim. 24, 87 »do keem de Geschich von de Düwelsbrück bi Seedörp« (O. Garber). – Zum Krähen des Hahns: Nr. 478, 1. 2; auch Nr. 432 wird so erzählt, daß der Edelmann in seiner Not dem Hahn in den Schwanz reißt.

Von dem adeligen Gutsdorfe Groß-Zecher in Lauenburg erstreckt sich eine Landzunge wohl eine Viertelstunde lang in den Schaalsee hinein. An ihrem äußersten Ende liegt ein steiler Berg, bei dem finden sich gewaltige Felssteine, durch die er wie mit einer Mauer eingefaßt ist. Wenn das Wetter ruhig ist, so kann man am Boden des Sees wenige Schritte vom Strande eine noch größere Menge von Felsblöcken liegen sehen, die alle in einem Kreise herumgelegt find; zwischen den größern Steinen ist jedesmal ein kleinerer hingestellt. Bei ganz niedrigem Wasser kann man auf dieser Steinmauer herumgehen. Diesen merkwürdigen Berg mit seinen Steinen nennt man nun seit undenklichen Zeiten die Teufelsbrücke; man erzählt davon folgende Geschichte.

Damals als das Christentum in diese Gegenden eindrang, lebte in Dargau ein heidnischer Fürst, der die Christen aufs heftigste verfolgte und mit Räubereien plagte. Aber oft war ihm bei seinen Streifereien der See im Wege, weil er durch ihn zu weiten Umwegen gezwungen ward, um den Pilgern und Reisenden, die nach den Kapellen von Klein-Zecher und Marienstede und nach dem Zarrentiner Kloster wallfahrteten, beizukommen. Er machte daher mit dem Teufel einen Bund, und sagte ihm Leib und Seele zu, wenn er ihm bis zum nächsten Hahnenschrei eine steinerne Brücke über den See bauen könnte. Sobald es nun Abend war, machte sich also der Teufel ans Werk. Einen großen ledernen Sack hatte er vor der Brust herabhangen, damit fuhr er jetzt auf dem Felde umher und steckte bald hier, bald dort einen ungeheuren Stein hinein. Hatte er den Sack voll, so sprang er mit einem Satz an das jenseitige Ufer, an den Berg, wo der Bau beginnen sollte, und stürzte da die Steine hinunter. Dann sprang er wieder zurück, um den Sack nochmals zu füllen. Schon wars um Mittemacht; aber gerade in dem Augenblicke, wie er wieder eine Ladung hinabschütten wollte, da krähte ein Hahn in dem nahen Seedorf. Wütend warf er die Steine ans Ufer, sprang in einem Satze nach Seedorf hinüber, ergriff den Hahn und schmiß ihn gegen einen Steinblock, daß das Blut hierhin und dorthin spritzte. Man kann noch bis auf diesen Tag an einem Stein den dunkelroten Fleck sehen.

Aus Ratzeburg. Vgl. unten Nr. 476 f. Wolf, Niederl. Sagen Nr. 182. Kuhn, Märk. Sagen Nr. 196. 203. Grimm, Deutsche Sagen Nr. 136 f. 336.

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433. Das Dannewerk gebaut.

Schwarze Greet: zu Nr. 17, 1. Zur Anm. vgl. Nr. 478.

Als die schwarze Greet den Margretenwall oder das Dannewerk baute, machte sie einen Bund mit dem Teufel. Er sollte das ganze Werk in einer Nacht fertig liefern und ein einziges eisernes Tor hineinsetzen, was aber zuerst Lebendes durchpassierte, sollte ihm gehören. Alsbald verdoppelte sich die Zahl ihres Heeres, und jeder Mann durfte nur drei eiserne Hüte voll Erde auffüllen, so war die ganze Arbeit getan; so viel Volks war da. Nun stellte sich der Teufel auf die Lauer hinter den einen Flügel des Tors, denn er sah schon einen vornehmen Herrn die Landstraße daher kommen. Aber der Herr hatte einen Pudel bei sich, der lief vorauf und kam eher durch das Tor als der Herr selber. Da mußte sich der Teufel mit ihm begnügen, weil er das erste Lebendige war, das hindurch passierte; aber er ergrimmte so, daß er den Pudel ergriff und vollständig zerschmetterte.

Provinzialberichte 1830 S. 348. 371 und Herr Kandidat Arndt, vgl. oben Nr. 17, 1. 2. Man erzählt auch so, daß die Greet dem Teufel ihre Seele versprochen, wenn er bis zum ersten Hahnenruf fertig würde. Als sie sieht, wie rasch das Werk vor sich geht, reitet sie zu einer alten Frau in Groß-Dannewerk, die macht einen Hahn krähen. Dafür brach ihm der Teufel den Hals.

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434. Die sechs Kirchen.

Riesen werfen sich Beile zu: Urdsbr. 6, 44 aus Stormarn. Vgl. Nr. 441 (Steine) und zu Nr. 424, 3.

Zwischen Apenrade und Tondern stehen sechs Kirchen, zwei bei zwei nebeneinander in einer Reihe, jedes Paar aber ist von dem andern gleich weit entfernt; zwei und zwei sind auch im Bau einander ganz gleich. In Uk und Jordkirch sind beide Kirchen klein und ohne Turm und Spitze; in Tingleff und Biolderup haben sie hohe, spitze Türme, in Bülderup und Raepsted aber sind die Türme breit und stumpf. Diese Türme sind nämlich nacheinander von zwei Riesen gebaut, immer zwei zu gleicher Zeit. Die Riesen hatten bei der Arbeit nur ein einziges Werkzeug, nämlich eine Axt; die warfen sie sich wechselweise zu, sobald einer sie gebrauchte. Weil aber jeder auf des andern Arbeit genau Acht gab, so ist es gekommen, daß die Kirchen alle paarweise so zusammen passen.

Rask Moerskabsl. 1840, 623.

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435. Der Teufel ein Zimmermann.

Der Teufel hat in seinem Leben allerhand versucht. Einmal, da er Lust zum Zimmerhandwerk in sich verspürte, ging er zu einem Zimmermeister und begab sich bei ihm in die Lehre. Er wußte aber gar nicht mit dem Handwerkszeuge umzugehen. Zuletzt fiel ihm die Queraxt in die Hand, die ja an beiden Seiten scharf ist und deren eines Blatt quer über dem andern steht. Damit ging's dem Teufel recht unglücklich. Denn als er einen Balken behauen wollte und die Axt in die Höhe hub, traf er mit der einen Schärfe seine Stirn so, daß ihm ein blutiger Strich quer hinüber lief. »Wi mœt dat Dink man vun'n annern Enden anfangen«, meinte er und kehrte die Axt um. Aber als er den zweiten Hieb getan hatte, stand ihm ein Kreuz vor der Stirn. »Da hest du di tekent«, sagte er und legte die Axt hin, »dat verdammt Krüz!« Sachte ging er aus der Werkstatt und kam nicht wieder. Seit der Zeit aber hat er solche Furcht vor Kreuzen.

Herr Marquardsen in Schleswig. – »Wo geht der Teufel auf Stelzen?« fragt man bei uns zu Lande. Antwort: auf Helgoland. Da ist nämlich in der Kirche die Versuchung Christi abgemalt und der böse Feind dabei in jener Positur dargestellt, was ihm ein ganz sonderbarliches Ansehen gibt. Major. Collectan. fol. 29a.

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436. Der Teufel beim Grasmähen.

Vgl. Urqu. 4, 168 aus Nordfriesland (»Der Danklefskoog«), doch wesentlich anders (der Teufel wird geprellt, weil er die blanke, aber weiche Sense der rostigen, aber harten vorzieht). Wisser 78 f.

Einst vermietete sich der Teufel bei einem großen Bauern in Angeln als Knecht. Der Bauer sagte ihm eines Abends und dem Großknecht, sie sollten am andern Tage Gras mähen auf seiner großen Wiese. Da machten sie noch am Abend ihre Sensen scharf, aber der Teufel verstand's nicht recht, daß der Großknecht lachen mußte. Am andern Morgen aber standen sie vor Sonnenaufgang auf und gingen auf die Wiese. Da mähte der Großknecht erst nach Mäherart einen kleinen runden Platz in der Mitte leer, dann fragte er seinen Makker: »Willst du vormähen oder soll ich?« Der Teufel antwortete: »Ehre, dem Ehre gebürt; du bist ja der Großknecht, und darum mußt du vormähen.« Der Knecht fing an und auch der Teufel mit seiner stumpfen Sense. Er verstand gar nichts davon, und statt Gras zu mähen, hieb er oft große Stücke aus der Erde und machte seine Sense noch stumpfer. Dazu hatte er auch alle Zeit den größern Kreis zu machen, denn der Knecht mähte ja zur linken Hand und hatte die kleinere Runde. Und der war stark und gewandt. Daher kam es, daß der Teufel schon bei der dritten Runde ganz zurück war. Da fing der Knecht an ihn zu foppen und zu necken, er sollte doch mitkommen und nicht immer zurückbleiben, er sagte auch: »Ehre, dem Ehre gebührt: du bist ja der Teufel und mußt nachmähen.« Das verdroß diesen und er nahm alle seine Kräfte zusammen, um dem Knecht zur Rechten zu bleiben; und als der Knecht lachte und ihm sagte, daß er doch so viel Gras stehen ließe, da fing er an immer toller mit seiner Sense herumzusäbeln, rechts und links, und hast du mich gesehen? holte er immer größere Klumpen aus dem Grund. Und der Knecht mähte immer flinker und flinker, und der Teufel konnte doch nicht mitkommen. Aber er hielt aus, solange der Morgen noch kühl war, als aber die Hitze mit dem Tage stieg und es gegen den Mittag kam, und der Knecht immer los mähte, da stürzte der Teufel endlich heulend nieder, das Blut brach ihm aus Mund und Nase und in kurzem hatte er da verreckt. Das kam also vom Grasmähen.

Aus Angeln durch Herrn Schullehrer Dethlefsen in Rellingen.

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437. Der starke Tabak.

Bolte 2, 530 Anm.

Als der Teufel noch keine Flinte kannte, ging er einmal im Walde spazieren; da begegnete ihm ein Krupschütze. »Wat hest du dar?« fragte der Teufel, als er die Flinte sah. »Dat ist mien Tabaksdoos«, antwortete der Wildschütz. »Ah, so laat mi ins en Prischen krigen«, bat er; der Wildschütz hielt ihm den Lauf unter die Nase und schoß los. Da fing der Teufel gewaltig an zu prusten, als er die Ladung bekommen hatte, und sagte: »Dat is mi warastig en starken Tabak!«

Aus der Gegend von Oldenburg durch Herrn Schullehrer Knees in Neumünster.

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438. Die Trauben sind sauer.

Wie man wohl bei Gelegenheit sagt: die Trauben sind sauer, so hat man in Angeln das Sprichwort: »Ja, ä Herr ingen Ti, ä skal a Wakkerballe, soj ä Trold (Ik hes keen Tied, sä de Düwel, ik schall na Wakkerballe to Hochtied).« Das ist daher entstanden.

Einmal ward gewettet um ein Schip Gerste, ob jemand es wagen dürfe, eine Nacht im Geltinger Glockenhause zuzubringen. Einer wollte es wagen, kletterte hinauf und hielt sich an den Glocken. Um Mitternacht kam der Teufel unten an, um ihn zu holen; da er ihn aber im Schutze der heiligen, geweihten und getauften Glocken sah, sagte er: »Ä vild' nok hiilp dä nier a di helle Ting; men ä Herr ingen Ti, ä skal a Wakkerballe (Ich wollte dich bald von den heiligen Dingern herunterbringen; aber usw.).« Auf Wakkerballig wurden nämlich auf einem Platze, dem sogenannten Hochzeitsplatze, wo ein einzelnes Haus stand, das von dem ganzen Dorfe allein übrig geblieben war, alle Hochzeiten im ganzen Gute Gelting gehalten, und da es dabei früher fast nie ohne Mord und Totschlag abging, glaubte der Teufel dabei sein zu müssen.

Durch Herrn Marquardsen in Schleswig und Jensen, Angeln S. 158.

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439. Hopsö.

Bei Augustenhof auf Alsen, nicht weit von Norburg, liegt ein großer See, der Hopsö genannt wird, welchen Namen er durch folgende Begebenheit erhielt.

Einmal vor vielen Jahren landeten da in der Nähe eine Menge Riesen und lagerten sich im Walde an einer Stelle, wo viele kleine Holme waren. Hier erlustigten sie sich damit, auf langen Stöcken von Holm zu Holm zu springen. Außerdem hielten sie da einen Schmaus und waren sehr munter, so daß es weit herum zu hören war. Als die Bewohner der Insel das merkten, schlichen sie sich zum Wald und gaben acht auf das Spiel der Fremden und ihre Lustigkeit. Aber da man glaubte, dieser Besuch könne gefährlich werden, faßte man einen Beschluß und bereitete sich zur Verteidigung des Landes. Doch da die Fremden nur des Spiels und Schmauses wegen schienen hierhergekommen zu sein, ließen die Einwohner nach eines alten Mannes Rat es fürs erste dabei beruhen zuzusehen, aber waren doch bereis die Insel zu vereidigen. Nach geendeter Mahlzeit begann das Spiel von neuem und die Riesen hielten gleichsam Jagd aufeinander, indem sie mit ihren Stöcken auf den Holmen umhersprangen und nach einander stießen, so daß der schwächere hier und da ins Wasser fiel, was immer ein lautes, schallendes Gelächter erregte. Am Abend schlugen sie ihre Zelte im Walde auf und verzehrten den Rest der Mittagsmahlzeit, packten darauf alles zusammen und verließen die Insel in der größten Ruhe. Als man am nächsten Tage auf der Stelle nachsah, fand man da nur einige Überbleibsel von Bärenfleisch und zerbrochenen Knochen, aus denen das Mark herausgenommen war. Nach dieser Zeit ist diese Stelle durch den Einbruch des Meeres zu einem See geworden, der bis auf den heutigen Tag Hopsö genannt wird.

Thiele 1, 181. – Die Wesen darf man hier für Wasserriesen halten.

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440. Das Seemännlein.

Etwas Seltsames begab sich im Holsteinischen mit einem kleinen Seemännlein. Dieses kam den siebenten Octobris im Jahr 1678 abends in der Dämmerung von Dranet Ein Ort dieses Namens kommt schwerlich bei uns vor. Es wird verschrieben sein. her über die Koppeln vor dem Kloster, und als es sich des alten Hausvogts Haustür, so eben offen gestanden, genähert gehabt, wollte es hinein gehen; weil aber die Kettenhunde dasselbe angebellet, hat es sich flugs gewendet, ist hinten umb die Gärten gelaufen und in eines andern Hause eingelassen worden. Sobald es nun ins Haus kommen, und man gesehen, daß es barfüßig und kaum so viel Kleider anhatte, daß es seine Blöße bedecken konnte, ist es in die Küche zum Feuer geführt worden, an welches es sich so nahe gesetzt und die Hand in das Feuer gehalten, daß man sollte gemeint haben, es würde ohne Verlust seines Lebens ein solches nicht haben tun können, ihme aber hat es nicht geschadet. Nachdem es nun durchgewärmet, hat man ihm ein wenig Grützwilling zu essen gegeben, welche es sehr begierig verzehret. Als nun ein großer Zulauf von Volk worden und ein jeglicher näher an ihn gedrungen, umb ihn zu sehen, hat es angefangen zu weinen, aber zu keinem nichts geredet. Umb Mitternacht kam ein Studiosus, welcher dieses Männlein in die Stube geführt, und nachdem man dasselbe gefraget und mit Zeichen bedeutet, ob es nicht reden könnte, hat es einen Laut, aber mit heischerer Stimme und mit zusammengebissenen Zähnen, von sich gegeben. Darauf ward es in eine Kammer gebracht. Alda begriff es die Riemen eines daselbst liegenden Sattels und streifete dieselben mit seinen Händen. Wie aber das Stroh kam und aufgelöset wurde, umfasset es erstlich denjenigen, so es brachte, und nachgehends vorbesagten Studiosum; darauf warf es sich nieder aufs Stroh und machte, ehe es sich zum schlafen niederlegte, einige Kreuze mit der rechten Hand vor die Stirn und legte darauf die Hände ineinander, man kunnte aber nicht hören, was es sagte, ohne nur allein sehen, daß es die Lippen rührte. Nachdem legte es sich nieder, zog seine alte Fuhrmannsmütze über die Augen, deckte sich mit Stroh zu, legte seine Sachen, nämlich fünf Bretter von einem Bienenkorb und zwei Stück von einem Ahornbaum zur rechten Seiten, und schlief darauf alsofort ein. Morgenden Tags hat man ihn aufgeweckt, und als man ihm ein Butterbrot gegeben, hat es diejenigen, so ihm gütlich getan, abermal umbfasset und ist darauf fortgegangen. Ehe und bevor es aber aus dem Dorf kommen, ging er noch in ein anders Haus und trank ein wenig Branntwein, so man ihm geboten. Man hat ihm auch Strümpfe und ander Kleider geben wollen, welche es aber geweigert anzunehmen; und als man ihm einen Sechsling verehret, hat es denselben besehen, aber wieder von sich gegeben; und wie man ihm ein Stück Fleisch gereichet, hat er selbiges angenommen, auf den auf dem Herd stehenden Rost geleget und gebraten, und der spinnenden Magd etwas davon geboten. Hierauf hat es sich nach der Kirchen begeben, sich vor dem Altar niedergesetzt und ziemlich lang bei sich gebetet. Darauf ist es aus der Kirchen und eben denselben Weg, daher es gekommen, wiederumb gangen, selbigen Abend aber in einem andern Dorf gewesen, und ob es schon angefangen finster zu werden, hat es dennoch daselbst nicht bleiben wollen, sondern ist über die Heide gelaufen, daß man nicht erfahren können, wo es hingekommen.

Es war von Person ungefähr zwei Ellen lang, dem Ansehen nach vierzig Jahr alt, hatte einen schwarzen dicken, doch nicht langen Bart, dicker auf den Backen als an dem Kinn, wenig und kurze, doch etwas kräuslichte Haare auf dem Haupte, eine breite und kurze Nase, schwarzbraun und schmal von Angesicht, mit einer überhangenden Oberlippen.

Theatrum Europaeumum, Tl. XI S. 1449.

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441. Die Riesen bei der Flachsernte.

Spiel mit Steinen, vgl. zu Nr. 434.

In alten Zeiten wohnten bei Kembs Riesen oder Kämpen im Wasser; das Dorf hat von ihnen den Namen erhalten. Mitunter kamen sie heraus und spielten dann am Strand mit den großen Steinen, die da noch umherliegen, indem sie sie sich einander zuwarfen. Einst fanden sie bei solcher Gelegenheit, nicht weit von der Ostsee, Arbeiter, die eben mit dem Aufziehen des Flachses beschäftigt waren. Da fragten die Riesen sie: »Wat willt ji mit dat Kruut?« »Dar willn wi uns Hemden van maken«, antworteten die Leute. »Wo fangt ji dat denn an?« »Wi mœten irst den Flaß röupeln.« »Is dat denn all naug?« »Nä, denn mütt he irst röten.« »Un denn?« »Denn kümmt he up de Spree.« »Un denn?« »Denn wart he braakt.« »Un denn?« »Ward he swungen.« »Un denn?« »Ward he häkelt.« »Un denn?« »Ward he spunnen, un denn wêst; denn ward dat Linnen bleekt un unse Fruens sniden dat tau un neien dat tausamen un denn hebben wi irst Hemden.« Da meinten die Riesen, das wäre doch viel Mühe um nichts, und sie wären glücklich, daß sie nichts damit zu tun hätten.

Aus dem Lande Oldenburg durch Pastor Kählers Bericht Ms. an die Gesellschaft für vaterl. Altertümer. Dieselbe Erzählung aus der Gegend von Schleswig durch Kandidat Arndt so: Ein Riesenmädchen trifft eine Bäuerin beim Flachssäen. Sie bittet um ein Hemd. Die Bäuerin verspricht's ihr. Sie freut sich, als der Flachs keimt, blüht und endlich aufgezogen wird. Da meint sie, das Hemd sei fertig usw. Als ihr die Bereitung aber zu langwierig scheint, wirft sie ihre langen Brüste über die Schultern und springt in einem Satz über den nächsten Berg und verschwindet.

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442. Die geteilte Ernte.

Wisser S. 79 f. Heim. 27, 42 f. Bolte 3, 357.

Ein Bauer und der Teufel mieteten einmal gemeinschaftlich einen Krug Landes. Damit aber später kein Streit um die Ernte entstünde, sagte der Teufel zum Bauern: »Laß uns würfeln, wer das, was über der Erde oder wer das, was darunter wächst, endlich haben soll.« Der Bauer war's zufrieden. Aber der Teufel verstand den Kniff, warf und hatte die meisten Augen; so sollte er das haben, was oben wüchse. Der Bauer aber hatte das Feld zu bestellen und besäte es mit eitel Rüben; da erhielt der Teufel, als der Herbst kam, nur das Kraut. Das ärgerte ihn, doch konnte er nichts dazu sagen. Weil sie aber das Feld auf zwei Jahre gemietet hatten, so würfelten sie zum zweiten Male; da warf der Teufel mit Absicht die wenigsten Augen, aber der Bauer säte nun Weizen und im nächsten Herbst erhielt der Teufel allein die Wurzeln. Nun schimpfte er erst dem Bauern die Haut voll, als er sich abermals betrogen sah, und sagte voll Ärger: »Übermorgen komme ich, dann sollst du dich mit mir kratzen.« Hatte der Bauer erst gelacht, so ward ihm nun doch bange. Seine Frau merkte seine Traurigkeit und fragte ihn darum. Der Mann sagte ihr nun, so und so, und morgen solle er sich mit dem Teufel kratzen. Da sprach die Frau: »Sei nur ganz ruhig, ich will schon mit ihm fertig werden, geh du nur aus.« Der Mann ging also am bestimmten Tage aus, und als der Teufel kam, tat die Frau, als wenn sie ganz böse und ärgerlich wäre. »Was fehlt ihr denn, kleine Frau?« fragte der Teufel. »Ach«, antwortete sie, »seh er nur mal her, da hat mir mein Mann eben mit dem Nagel seines kleinen Fingers diesen großen Riß quer in meinen schönen eichenen Tisch gemacht.« »Wo ist er denn?« »Wo sollt er wohl anders sein, als beim Schmied? Er ist schon wieder hin und läßt sich die Nägel schärfen. Ist das nicht zum ärgerlich werden?« »Da hat sie ganz recht, gute Frau, das muß ärgerlich sein, so einen im Hause zu haben«, sagte der Teufel, und ging darauf sachte aus der Tür und machte, daß er fortkam.

Mündlich aus der Wilstermarsch. – Rückerts Fabel nach einer arabischen Quelle; die esthnische bei Grimm, Reinhart Fuchs CCLXXXVIII; eine deutsche Kinder- und Hausmärchen Nr. 189 etc. etc. Die dänische bei Thiele II, 249 zeigt einen Bergmann. Daher wäre die Sage wohl richtiger in die Reihe der Zwergsagen gestellt.

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443. Die Riesen und die Bauern.

Auch den Unterirdischen ist der Ackerbau verhaßt: Philippsen, Sag. v. Föhr S. 16. Heim. 13, 164.

Bei Esperehm auf der Heide liegt ein Feld, das das Rötsal genannt wird; da war vorzeiten der Riesen Wohnung. Sie waren von ungeheurer Größe. Da kamen nun die Bauern in diese Gegend und fingen an mit dem Pflug das Land umzureißen. Da mußten die Riesen weichen. Einmal sah eine Riesenfrau lange zu, wie ein Bauer pflügte; dann ergriff sie ihn und seine Pferde, nahm alles in ihre Schürze und zeigte ihn den andern, indem sie sagte: »Süh, dat sünd unse Verdriwers!«

Aus Esperehm bei Schleswig durch Kandidat Arndt. – Grimm, Deutsche Sagen Nr. 17. 324. Haupts Zeitschrift IV, 392. Grimm, Mythol. S. 505. Thiele, Danm. Folkes. II, 228.

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444. Die Erschaffung der Unterirdischen.

Feilberg, Bjœrgtagen. Købnhavn 1910 (= Dänm. Folkem. 5). Zs. f. Vk. 2, 409.

Unser Herr Christus wandelte einmal auf Erden. Da kam er in ein Haus, wo eine Frau wohnte, die hatte fünf hübsche und fünf häßliche Kinder. Als aber der Herr ins Haus trat, versteckte sie die fünf häßlichen Kinder im Keller. Da ließ der Herr die Kinder vor sich kommen, und als er die hübschen Kinder sah, fragte er die Frau, wo ihre andern Kinder wären. Da sprach das Weib: »Andere Kinder hab' ich nicht.« Nun segnete der Herr die fünf schönen Kinder und verwünschte die häßlichen, indem er sprach: »Uuat onner as, skal onner bliw, an uuat bawen as, skal bawen bliw.« Als nun das Weib wieder in den Keller kam, waren ihre fünf Kinder verschwunden; aus ihnen sind die Unterirdischen entstanden.

Von Amrum durch Herrn Dr. Clement. Vgl. Thiele II, 175. Jac. Grimm in Haupts Zeitschrift II, 257. Mythol. 540.

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445. Die Unterirdischen.

1.

Hansen, Beitr. zu d. Sagen der Nordfriesen S. 11. Philippsen, Sag. v. Föhr S. 15 ff. Heim. 13, 164 (»Die Odderbaantjes« auf Föhr). Zs. f. Volksk. 2, 407 ff. (Zwergsagen aus Nordfriesland). Carstens, Wanderungen durch Dithm. S. 44 ff. Fischer, Slesv. Folkes. S. 120 ff. Rasmussen, Sonderj. Sagn S. 9 ff. Auf Sylt gibt es ausführliche Erzählungen von dem Kampf zwischen Önderersken und Riesen; vgl. Hansen a. a. O. 23 ff. – Nach einer schriftl. Mitteilung aus Schwabstedt haben sich dort die Unterirdischen an einem Wall eine Höhle mit Schornstein gebaut; ein Grabender stieß auf eine halbe Tür und sah in der Höhle einen Tisch, einen Stuhl, ein Bett und eine Kaffeekanne. – Zum Licht beim Schatz: zu Nr. 134. Zum Auswettern des Schatzes: zu Nr. 322.

Unter der Erde, meist in alten Grabhügeln wohnen kleine Leute, die man in Holstein Dwarge oder Unnererske, auch auf Sylt Önnererske, aber auf Föhr und Amrum Önnerbänkissen nennt. Im dänischen Schleswig heißen sie Unnervœstöi oder Unnerborstöi, auch Biergfolk und Ellefolk.

Sie sind hier seit undenklichen Zeiten im Lande. Bei Heinkenborstel, im Amte Rendsburg, wohnten in dem großen Elsbag einmal solche Leute. Diese erzählten, daß sie schon vor der Erfindung des Bierbrauens gelebt hätten. Das ist ein ganz alter Berg, ein platter großer Stein liegt oben drauf und auf demselben steht eine Buche, deren Wurzeln erst über die Seiten des Steins in die Erde kommen. Darunter soll viel Geld liegen, früher hat hier auch oft ein Licht gebrannt.

Es ist aber ganz gewiß, daß es solche Unterirdische gibt. Eine alte Frau in Angeln hat es von ihrem Großvater gehört, daß er einmal, auf seiner Koppel, wo ein Riesenberg war, pflügend, gesehen habe wie ein unterirdisches Weiblein in einem weißen Hemdchen herausgekommen sei ihr Wasser zu lassen. Ms sie ihn aber erblickte, lief sie schnell davon.

Jedesmal fast, wenn im Pinnebergischen Hochzeit ist, so kann man merken, daß die Unterirdischen unsichtbar mit am Tische zwischen den Leuten sitzen; sie helfen ihnen essen und es wird an der Seite, wo sie sich aufhalten, noch einmal so viel verzehrt als auf der andern? die Speisen verschwinden nur so. Dasselbe tun sie auch im nördlichen Schleswig.

Auf Sötel zu Süden Horrsted wohnten sie früher auch. Der Schafhirte von Horrsted hat oft mit ihnen getanzt. Sie hatten dann viele goldene Ketten um sich und nötigten oft den Schafhirten in ihre unterirdischen Wohnungen zu kommen. Auf den Büschen in der Nähe hatten sie zuzeiten viel Leinenzeug ausgebreitet zum Bleichen oder zum Trocknen, auch viele goldene Gefäße zum Auswettern daran aufgehängt.

Sie können sehr bösartig sein. Einen Mann in Süderstapel, der mit den neuen Kolonisten ins Land zog, haben sie sein Leben lang verfolgt. Sie stahlen ihm einmal seinen Schimmel und brachten ihn erst wieder, als er lahmte.

Mündlich und nach verschiedenen Mitteilungen. In Absatz 3 vgl. Thiele, Danm. Folkes. II, 179. – Wenn ein Kind fällt und weint, so tröstet man es damit, es sei nicht Schuld daran, die Unterirdischen hätten es bei den Beinen gefaßt.

2.

Zur Feindschaft mit dem wilden Jäger vgl. zu Nr. 577. Als Feind der Unterirdischen gilt auch Donar, s. Mitt. d. anthropolog. Vereins 11, 7 f. – Überfahrt übers Wasser: zu Nr. 498. Kälbersterben und Verlegung des Stalls: Nr. 473 Anm. Kristensen 1, 1085. Lorenzen S. 11 ff. Auch in Tensbüttel bei Albersdorf wohnten die Unterirdischen unter dem Stall. Eine Bauersfrau saß im Stall zu melken; da hörte sie das Kind eines Unterirdischen weinen; gleich darauf stieß eine Kuh den Eimer mit Milch um, und das Kind war still: Carstens a. a. O. S. 44. – »Tischlein deck dich«: Nr. 455. 544. Heim. 13, 113 (aus Holzbunge). Taschenb. f. Reisende (1852) S. 98.

Jetzt gibt es keine Unterersche mehr, der wilde Jäger ließ ihnen keine Ruhe. Da haben sie zuletzt den Fährmann in Lübeck angenommen, daß er sie über das große Wasser (die Ostsee) setze. Einer von ihnen machte den Akkord und ehe sich's der Fährmann versah, war das ganze Schiff grimmelnd und wimmelnd voll von Untererschen, die alle mit wollten. Sie bezahlten aber gut und die Familie des Mannes hat noch ihren Reichtum von der Zeit her.

Als sie noch ihr Wesen hier hatten, konnte man in einem Hause in Stocksee durchaus keine Kälber groß ziehn, sie starben immer in den ersten Tagen. Da kam einmal, als die Leute wieder eins zugesetzt hatten, eine ganz kleine Frau heraus und sagte: »Leute, Kälber könnt ihr hier nicht groß ziehn, ich habe mein Bett gerade unter dem Stall. Wenn der Addel (die Mistjauche) herunterläuft, muß das Kalb sterben.« Da verlegten die Leute den Stall und das Unglück hörte auf.

Auch in Sebelin sind einmal mehrere Unterirdische hinter den Kühen im Kuhstall aus der Erde gekommen und haben geklagt: »De Trippeln sünd œwer de Troll.« Das sollte heißen, die Kühe stünden gerade über dem Bükkessel. Also büken Büken nennt man das Einweichen der Wäsche in einer heißen Lauge von Buchen- oder in der Marsch auch Bohnenstrohasche. die Unterirdischen auch.

Ein Bauer pflügte mit seinem Jungen. Da rochen sie, daß die Unterirdischen frisches Brot hatten. »Ach«, sagten sie, »hätten wir auch doch was ab!« Als sie nun die Wende wieder herumkamen, stand da ein Tisch gedeckt vor ihnen. Sie setzten sich nieder und ließen sich's wohl schmecken. Nach der Mahlzeit aber nahm der Junge die Messer weg, da wollte der Tisch gar nicht verschwinden, tat's auch nicht eher, als bis die Messer an ihren Ort gelegt waren. Und nach der Zeit haben sie nicht einmal wieder was gerochen, viel weniger also den Tisch zum zweiten Male gesehen.

Ein Rendsburger erzählt, es sei in seiner Familie lange ein ganz eigner Stein aufbewahrt gewesen, den man einst bei einem im Freien spielenden Kinde gefunden habe. Das Kind habe gesagt, ein ganz kleines Männchen hätte den Stein ihm gegeben, und es habe noch mit dem Finger auf die Stelle hingezeigt, wo das geschehen. Das Männchen aber war nachher nicht mehr zu sehen.

Durch Dr. Klander aus Plön. Vgl. Nr. 577. 498. 473 Anm. 455.

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446. Die Untererschen im Köpfelberg.

Vgl. zu Nr. 376, 2. 449.

Ein Hünengrab bei Krumesse in Lauenburg heißt der Köpfelberg. Da gingen einst bei Nachtzeit ein Mann mit seiner Frau vorüber. Da sahen sie einen langen Zug untererscher Menschen herausziehn, alle nicht höher als ein Stuhlbein. Einer ritt voran auf einem kleinen Pferde, mit einer außerordentlich hohen spitzen Mütze. Da sagten die beiden: »Alle guten Geister loben Gott den Herrn!« und sogleich fing der Kleine, der voranritt, an zu wachsen und ward immer höher und höher und war zuletzt ein Riese. Darnach kehrte der ganze Zug wieder um und alle zogen in den Berg hinein.

Durch Kandidat Arndt. – Grimm, Deutsche Sagen Nr. 45.

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447. Die Ofensteine bei Alversdorf.

Vgl. zu Nr. 147. Carstens, Wanderungen S. 45. In Svendstrup lieh eine Unterirdische eine Schere zum Zuschneiden für das Brautkleid ihrer Tochter; der Brautzug geht nachher durch die Stube, und die Unterirdischen lassen eine Schere von feinstem Golde zurück: Kristensen 1, 490; vgl. 1, 489 (Satrup). – Es heißt, daß die Unterirdischen eine große Vorliebe für glänzendes Metall haben; blankes Eisen oder eine blanke Münze, die man ihnen hinlegt, verschwindet: Heim. 14, 192 (Föhr). – Zur Brotspende der Unterirdischen vgl. Nr. 471. Heim. 13, 166. – Glockenklang vertreibt sie: Nr. 496. 497. 498. Heim. 13, 165 (Föhr). Urdsbr. 3, 15 (Dithm); vgl. zu Nr. 460. 461.

Zu Osten Alversdorf in Süderdithmarschen liegt ein Stück Ackers, von alters her der Brutkamp genannt, auf welchem in der Mitte sich ein kleines Gehölz befindet um einen Hügel. Darin ist eine Höhle, die von fünf großen Steinen gebildet wird; einer liegt oben darüber. Man kann auf der westlichen Seite hineinkriechen, und ein Mann kann vollkommen darin stehen. Dieser Stein heißt der Abensteen, d. i. Ofenstein. Vor Zeiten haben die Unterirdischen darin gewohnt. Darum mußte jeder, der vorüberging, entweder jedesmal, oder zum wenigsten doch das erstemal etwas da zurücklassen, wenn es auch nur ein Bändchen oder ein Senkel wäre. Jedem, der einen Sechsling in die Höhle opferte, soll, wenn er eine Strecke vorwärts gegangen, immer ein kleines Brot vor die Füße gelegt sein.

Ein anderer eben solcher Ofenstein lag nicht weit von Alversdorf zwischen Schrum und Arkebeke in der Gegend der Quellen der Gieselau. Darin lag stets ein Besen und der Ofen mußte allezeit reingefegt sein. Wer des Morgens zuerst kam und ihn ausfegte, der fand jedesmal einen Sechsling oder ein anderes Geldstück darin. Hirten haben das oft erfahren.

Es haben die Unterirdischen, die sich hier aufhielten, oft von den Leuten allerhand Gefäße, Töpfe und Kessel geborgt, und sie jedesmal wieder an ihren Ort gebracht. Als aber die Glocken aufkamen, sollen sie gewichen sein. Da mußten ihnen die Arkebeker Ochsen leihen, damit sie ihre Sachen fortbrächten; man fand die Ochsen am andern Tage frühmorgens in vollem Schweiß auf der Hofstätte stehn. Für den Fahrlohn aber haben die Leute im Dorfe noch heutiges Tages dieses, daß ihr Vieh keine ansteckende Seuche bekommt, auch nicht wenn Lungensucht ist. Wenn solch ein krankes Vieh ohne Vorwissen im Dorfe gekauft wird, so klebt die Seuche bei den andern dennoch nicht.

Neocorus (und Hans Detlefs) I, 262. Rhode, Antiquitäten-Remarques. Hamburg 1720, S. 74 nach einem Bericht vom 12. Juli 1696. Mündlich, vgl. Nr. 361. – Rhode S. 67 erzählt aus der Hamburger Gegend, daß die Unterersken oft zu den Leuten ins Haus gekommen und Gefäße, besonders einen großen Braukessel geliehen hätten. Morgens hätten die Leute ihm vom Hügel wieder abholen müssen.

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448. Die Onnerbänkissen im Fögedshoog.

Zur Augenverblendung vgl. zu Nr. 322. – Auf Föhr gibt es noch manche andere Geschichten von den Odderbaantjes; z. B. die Sage vom Siekesberg (Philippsen S. 19 ff. Heim. 13, 166), die zeigt, daß am Zwergengold (aus jeder gepflügten Furche springt ein Goldstück) kein Segen hastet, und die Sage von den »Triebergem« (Philippsen S. 22 ff. Heim. 13, 275), deren zwergenhafte Bewohner von einem Bauernsohn nach einem Zaubertrunk erschlagen und ihrer 10 Rappen beraubt werden, mit denen dann der Besitzer auf dem Ringreiterfest in Nieblum den vom König als Preis ausgesetzten großen Bauernhof gewinnt.

Die Onnerbänkissen auf Amrum haben besonders in dem Fögedshoog bei den Dünen ihr Wesen. Da hat man sie abends im Mondenschein ringsherum tanzen und bei Tage ihre Wäsche darauf ausbreiten sehen. Auf dem Wasser Merum haben sie im Winter auch Schrittschuh gelaufen. Einem übermütigen Mann fiel es ein ihre Wohnung zu zerstören. Er grub tief in den Hügel hinein, und glaubte schon die Kammern der Onnerbänkissen gefunden zu haben, als er zu seinem Schrecken gewahrte, daß sein eignes Haus in Flammen stünde. Schnell warf er Spaten und Hacke fort und lief dem Dorfe zu; da aber fand er, daß es nur eine Täuschung gewesen sei. Doch den Schrecken ließ er sich zur Lehre dienen und niemand hat seit der Zeit die Onnerbänkissen im Fögedshoog wieder beunruhigt.

Durch Herrn Hansen auf Sylt. Vgl. Nr. 322 Anm.

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449. Der Schatzgräber und die Unterirdischen.

Vgl. zu Nr. 322 (Stillschweigen). 326 (Drache). 446.

Ein Bauer war so gewaltig aufs Schatzgraben versessen, daß er fast für nichts andres Gedanken mehr hatte. Da entdeckte ein Nachbar, der einmal mit ihm Streit gehabt und dabei den Kürzern gezogen hatte, zufällig eine Höhle der Unnererschen und er wollte sich nun durch diese an dem Schatzgräber rächen. »Höre«, sagte er den andern Tag zu ihm, »ich will dir nur sagen, daß ich längst die Stelle gewußt habe, wo der Schatz liegt; aber ich habe nicht den Mut. Gehe du hin und hebe ihn; so wollen wir ihn teilen.« Der andre nahm das bereitwillig an, der Nachbar beschrieb ihm genau die Stelle; da müsse er vor dem Loche stehen bleiben, ganz mausestill, bis sich etwas rege, dann aber mit dem Spaten darauf losstoßen; denn das sei der Drache, der den Schatz hüte.

Der Bauer tat, wie ihm gesagt war; er begab sich zur gehörigen Zeit an die Stelle, und als er ein Rascheln merkte, stieß er darauf los. Da erscholl ein seiner Heller Schrei und im Augenblick war er von den Untererschen umzingelt, von denen er eins mit seinem Spaten tätlich verwundet hatte. Zwei von ihnen trugen den Verwundeten hinweg, die übrigen aber fielen über den unglücklichen Schatzgräber her, kletterten an ihm hinauf, hackten und kratzten ihm Nase und Augen aus, und bissen ihm die Ohren ab. Der Bauer rief: »Alle guten Geister loben Gott den Herrn!« Aber die Kleinen riefen: »Wir loben ihn wohl mehr als du, du Mörder!« – Da fuhr zum Glück ein Prediger vorüber, der einem Sterbenden das Sakrament gereicht hatte. Er hörte den Hilferuf aus der Höhle und trat hinein, und wie er den Mann unter den Händen der Unterirdischen erblickte, hielt er das Heiligste in die Höhe und rief: So weichet diesem! Da waren die Unnererschen im Nu verschwunden. »Se gloften wol an Gott«, setzte der Mann hinzu, der dies erzählte, »aber se harrn doch keen Christendoom.« Dem Bauern aber ward es nie wieder wohl in dieser Gegend; seine Felder wurden ihm zertreten und Gänse und Lämmer starben auf dem Felde. Daher verließ er das Dorf und zog anderswo hin.

Volksbuch 1844, 94. Durch Storm aus Husum.

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450. Die Unterirdischen Töpfer.

»Hexenschüsseln« (Trolldaskers): Kohl, Marschen und Inseln (1846) 2, 58. Heim 13, 164. Johansen, nordfries. Sprache 224. Auf Föhr setzt man den Puken ihren Brei in Hexenschüsseln hin: Heim. 15, 116.

Auf Morsumkliff auf Sylt findet man in großer Menge allerlei künstliche Schmiede- und Töpferarbeiten in Gestalt von Röhren, Dosen, Kugeln, Töpfen etc. Man nennt sie Önnererskpottjüg auf Sylt, auf Amrum Traaldaasker, weil die Unterirdischen sie verfertigen.

In Holstein glaubt man: der aus den Urnen der alten Gräber gesäte Same gedeiht auf Ackern und in Gärten besser als irgendein andrer. Die Milch wird fetter, wenn sie in solchen Töpfen steht und gibt mehr Butter. Läßt man die Hühner aus ihnen trinken, so werden sie nicht krank.

Man hüte sich, einen solchen Topf mutwillig zu zerschlagen. Bei Hemmingstede liegen Berge, darunter einer, der der höchste war, unten um rings von gewaltigen Steinen umgeben war. Als man nun die Steine verführte, spaltete und verbaute, ward ein Keller aufgegraben, darinnen fand man ein Stück von einem kupfernen Schwerte und einen Topf mit kleinen Knochen. Einer schlug nun den Topf entzwei, darüber kam er aber ganz von Sinnen. Als man deswegen andre Leute Rats fragte, haben sie geantwortet: »Were de Pott ganz geblewen, so were Raad, nu awerst nicht.« Man meinet, sie seien auf ein ander Feld gezogen.

Herr Hansen auf Sylt. – Rhode, Antiq. Remarq. S. 68. – Hans Detleff in Dahlmanns Neocorus I, 253. – Wolf, Deutsche Sagen Nr. 65.

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451. Die unterirdischen Schmiede.

Jb. f. Ldk. 9, 133 (Föhr). Legt man den Schilling nicht hin, so findet man am andern Morgen das Gerät unverändert mit einem großen Haufen Unrat darauf: Heim 14, 192 (Föhr). – Die Bauern in Vaale brachten am Abend ihre stumpfen Pflugscharen an das Hünengrab und legten einen Sechsling dabei; am andern Morgen konnten sie sie geschärft wieder abholen: Voß und Schröder, Wacken S. 2; vgl. Urdsbr. 3, 119 (Süderdithm.).

Ein Mann ritt eines Morgens bei den Dreibergen am Wege von Apenrade nach Jordkirch vorbei. Da hörte er in einem derselben schmieden. Der Bauer rief laut, man möchte ihm doch ein Häckerlingsmesser machen, und ritt weiter. Abends, als er wieder zurückkam, fand er außen am Hügel wirklich ein nagelneues Messer liegen; nun legte er soviel Geld dafür hin, als der gewöhnliche Preis ist, und nahm das Messer mit. Da fand es sich, daß es von ganz vorzüglicher Schärfe und Tauglichkeit war; aber die Wunden, die damit geschnitten wurden, waren unheilbar.

Im Gute Dollrott in Angeln ist ein Hügel; wenn man sich darauf schlafen legt, hört man drunter die Gerster arbeiten. Ebenso kann man in dem großen Struckberg bei Heiligenhafen zu gewissen Zeiten, wenn man das Ohr darauf legt, es hämmern und pochen hören wie in einer Schmiede. In ihm liegen auch Schätze verborgen. Oft sieht man in der Nacht auf ihm ein Licht brennen.

Durch Herrn Pastor Hansen in Jordkirch. – Dritter Bericht der Gesellschaft für Altertümer S. 13. – Pastor Kählers Bericht etc. Mskr. – Wolf, Niederl. Sagen Nr. 560.

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452. Die geliehenen Kessel.

Vgl. Nr. 497.

Unmittelbar neben Geltorf, Kirchspiel Haddeby bei Schleswig, liegt ein Berg, der Hochberg, und dicht daneben der Brehochberg. Darin wohnten die Unterirdischen; man hat oft gehört, wie sie butterten, und einmal trieb ein Junge eine Sau mit Ferkeln dahin, da verschwanden die Ferkel mit einem Male hinter dem Hügel, und man hat sie nie wieder gesehen. Die Bauern waren in früheren Jahren hier ganz außerordentlich befreundet mit den Unterirdischen. Wenn Hochzeit im Dorfe war und Kessel, Pfannen, Töpfe und dergleichen gebraucht wurden, so gingen die Bauern an den Berg und klopften an. »Was wollt ihr?« fragten dann die Unterirdischen. »Wir wollen Kessel bei euch leihen; denn morgen soll Hochzeit bei uns sein von Hans und Trina.« »Wie groß sollen die Kessel sein?« fragten nun wieder die Unterirdischen und die Bauern konnten dann Kessel und Geschirre gerade so groß, wie sie gesagt hatten, am andern Morgen vor Sonnenaufgang jedesmal abholen. Dafür gaben sie zum Dank nichts weiter als die Überbleibsel von allen Speisen, die darin gekocht waren, und damit setzten sie die Kessel nur wieder vor den Berg. Ein übermütiger Bauer tat aber einmal was hinein, und seitdem leihen die Unterirdischen ihre Kessel nicht mehr aus.

Durch Kandidat Arndt und Herrn Koch. – Grimm. Deutsche Sagen Nr. 154. 302.

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453. Der arme und der reiche Bauer.

Ein armer Bauer im Meggerskoog bei Rendsburg, der eine große Familie hatte, aber weiter nichts besaß, als ein Stück Moorland, einen alten Gaul und einen schlechten Karren, wollte eines Abends, nachdem er den Tag seinen Arbeitslohn verdient hatte, noch den Mondschein benutzen, um aus seinem Moore einen Karren Torf zu holen; denn der Tag darauf war ein Markttag, und da wollte er ihn in Rendsburg zu Kauf bringen. Der Torf stand auch grade gut im Preise, aber die Wege waren tief und nur mit Mühe arbeitete er sich mit seinem Wagen durch. Doch kam er endlich an Ort und Stelle und hatte auch nach einiger Zeit ein kleines Fuder aufgeladen. Als er sich aber mit seinem Fuhrwerk auf den Weg nach Hause machte, ward das Fahren auf dem durchweichten Boden immer schwieriger und endlich sanken Wagen und Pferd so tief ein, daß sie nicht mehr von der Stelle zu bringen waren. Der arme Bauer arbeitete, weinte und betete umsonst; er mußte beides sitzen lassen und einen weiten Weg zurück machen, um von seinem reichen Nachbar Hilfe zu suchen, bei dem er den Tag über gearbeitet hatte. Er weckte ihn, klagte ihm seine Not und bat, ihm einen Knecht und zwei seiner starken Pferde mitzugeben; sonst sei das seine verloren. Dieser aber im Arger darüber, daß er aus dem Schlaft geweckt war, antwortete dem Armen, das sei seine eigene Schuld; was er denn auch bei Nacht im Moore zu tun habe? er wolle seine guten Pferde nicht für seine Kracke preisgeben. »Warum büst du so unklook! Maak, dat du wegkümmst, un laat mi up en andermal slapen«, sagte er und schlug das Fenster zu.

Der arme Bauer lief in der Verzweiflung den Weg zurück, in der sichern Erwartung, sein kleines Fuhrwerk jetzt ganz versunken wieder zu finden. Er betete in seiner Herzensangst, daß der liebe Gott doch nur diesen kleinen Augenblick einmal an ihn denken möge; wie er aber nun nach der Stelle seines Unglücks hinblickte, nahm er mit Verwunderung von ferne wahr, was für ein wunderliches Gewimmel an dem Platze sei, als ob gegraben und Erde ausgeworfen würde. Als er nun selber dort anlangte, fand er sein Pferd schon auf ebenem Boden stehen; die Unnererschen hatten sein Jammern gehört und gruben nun auch seinen Karren aus, mit einer Behendigkeit, daß dem Bauern darüber Hören und Sehen verging. Als er ihnen aber danken wollte, waren sie auf und davon.

Am andern Morgen kam singend des Reichen Knecht dahergefahren; kaum aber war er in einen Moorweg, der seinem Herrn gehörte, eingelenkt, da sanken auf einmal Pferde und Wagen so tief in den Grund, daß der Knecht sich nur mit genauer Not retten konnte, und als er mit Hilfe zurückkam, da war von allem keine Spur mehr, als das Loch, worin Pferd und Wagen versunken, das unterdes voll Wasser gelaufen war. – Dies Loch hatten die Untererschen gegraben, und dünne Reiser und Erdschichten darüber gelegt, um den unbarmherzigen Bauern zu bestrafen. Er versuchte später, das Loch zuzuwerfen, was ihm jedoch nicht gelang. Jetzt ist die Stelle, die nach ihm den Namen trägt, so groß, daß sie Wellen schlägt. Die Bauern in der Gegend pflegen sich beim Moorgraben die Geschichte gerne zu erzählen.

Von D. St. durch Storm.

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454. Die Dragedukke.

Vgl. Nr. 605 (S. 443). Wisser S. 171. Ein Mann in Soes fand ein altes Vierschillingstück, das, sobald er es ausgab, immer wieder zu ihm zurückkehrte: Kristensen 6, 636.

Auf dem Nübbeler Felde bei dem Geisehoi pflügte einst ein Mann. Da ward er neben dem Hügel einen zerbrochenen Brotschieber und eine zerbrochene Brotkrücke gewahr. Der Bauer nahm die Gerätschaften mit nach Hause, besserte sie aus und legte sowohl den Schieber als den Raker wieder an ihre Stelle. Dafür ward ihm nachher eine Dragedukke zugestellt. Das ist nämlich eine Schachtel, in der immer zwar nur wenig Geld ist, aus der man aber soviel herausnehmen kann wie man will. Diese Dragedukke ist lange auf seiner Hufe in Nübbel geblieben und die Besitzer derselben sind allezeit wohlhabende Leute gewesen.

Herr Pastor Hansen in Jordkirch.

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455. Der Tisch der Unterirdischen.

»Tischlein deck dich«: zu Nr. 443, 2. – »Vernarrn holen« lassen sich die Unterirdischen auch sonst nicht gefallen. Als ein Mädchen an einem Berge dreimal ruft: »Knickerbeen, kumm rut!« bricht ein feuriges Rad hervor und verfolgt das Mädchen, bis es im ersten Hause des Dorfes tot niedersinkt; an der Haustür sind die Brandmale des Rades (vgl. Nr. 290) noch lange zu sehen: Heim. 3, 93 (aus Lauenburg). 144.

Auf einem Berge in der Nähe von Kiel haftete ein besonderer Segen. Wenn der Bauer vom Morgen an gepflügt hatte und nun endlich Mittag da war, so brauchte er nicht nach Hause zu gehen um zu essen; denn um diese Stunde stand da ein Tisch vor ihm, sobald er sich umkehrte, gedeckt mit seinem Tafelgerät und beladen mit trefflichen Speisen. Das kam alles von den Unterirdischen. Lange Zeit ging es gut, und viele Leute haben von dem Tische mit gegessen; aber Vorwitz und Übermut machten der Herrlichkeit zuletzt ein Ende. Einst war auch ein Junge mit bei dem Essen; er wollte die unsichtbaren Wirte narren und nahm ihnen beim Aufstehen eine Gabel mit. Niemand hatte es gemerkt; aber als den andern Tag der Tisch wegblieb und die Bauern nach Hause gehen mußten, wo für sie nicht zugekocht war, da erschrak er und gestand sein Vergehen. Die Leute aber hießen ihn hingehen und die Gabel wieder zurückbringen. Das tat er denn auch, und wie er aufs Feld kam, da stieg der Tisch vor ihm auf mit allem Geräte, und es fehlte nur die Gabel. Er legte sie an ihren Platz, und sogleich versank der Tisch und ist seitdem nicht wieder gesehen. Seit der Zeit müssen auch dorthin die Bauern sich ihr Essen weither bringen lassen.

Volksbuch 1844, 91. So auch eine Schweizer Sage bei Grimm, Deutsche Sagen Nr. 298. Börner Orlagau S. 208. Vgl. Nr. 445, 2. 544.

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456. Kaspers Lepel.

Auf einer Koppel bei Gnissau tafelten die Unterirdischen oft, wenn die Leute pflügten. Da schlich sich einmal ein übermütiger Junge herzu und stahl ihnen einen silbernen Löffel vom Tische weg. Seit der Zeit hatte der Bauer keine Ruhe mehr bei der Arbeit, bis der Dieb entdeckt und der Löffel wieder auf den Tisch der Zwerge hingelegt war. Auf ihm stand geschrieben: Kaspers Lêpel. Nach dieser Zeit verschwanden diese kleinen Leute, die nicht höher als drei bis vier Fuß, aber sehr dick waren und alle stets einen großen Hut trugen; sie ließen sich auf jener Koppel nicht wieder sehen.

Durch Dr. Klander in Plön.

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457. König Piper.

Zs. f. s.-h. Gesch. 3, 33. Zur Anm. vgl. Nr. 322, 1 Anm.

Einst waren zwei Leute auf einer Koppel beim Pflügen. Da roch es mit einem Male sehr angenehm nach Pfannekuchen. Das werden nur die Unterirdischen sein, die da backen, meinten sie beide und wünschten sich jeder einige Pfannekuchen. Kaum hatten sie den Wunsch ausgesprochen, so stand das Gericht lieblich duftend vor ihnen. Sie verzehrten es mit gutem Appetit, dann legte der eine einen Schilling, der andere aber Dreck auf den leeren Teller. Augenblicklich kam der König Piper heraus und verfolgte den übermütigen. Der Knecht schnitt schnell die Stränge ab und warf sich aufs Pferd; aber der Kleine lief auf seinem einen Bein mit drohender Gebärde hinter ihm her und hüpfte ihm immer hinten aufs Pferd. In Todesangst erreichte er endlich das Dorf.

Aus Dersau im Gute Ascheberg durch Dr. Klander in Plön. – In dem Kindelberg bei Brekendorf hörte Nachts ein Knecht buttern. Er bat um ein Butterbrot. Einer kam und brachte es ihm. Da erschrak er und lief fort; der Unterirdische hinkte auf einem Bein, doch verfolgte er ihn. Da kam ein andrer Unterirdischer aus dem Berge heraus und rief: »Hinkelbeen, loop to! Hinkelbeen, loop to!« Aber doch holten sie den Knecht nicht ein. – Viele Hügel, namentlich Steinhügel, heißen Kindel- oder Kinderberg. In Angeln bei Töstrup ein Barnhye, wo erst die Kirche stehen sollte, bei Nübel, im Amt Gottorf. Man sagt auch, daß auf solchen Barnhyes einst Kinder geopfert wären.

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458. Das Butterbrot.

Vgl. Nr. 475. Zur Verwandlung des Brots in eine Sode: zu Nr. 342. – Zum Reim vgl. die umgekehrte Mahnung in Nr. 371. Zwischen Hude und Süderhöft, bei Muhlensumpborg, klingt es an einer Stelle dumpf und hohl, wenn dort Wagen fahren (vgl. Nr. 268); dort backen und buttern die Unterirdischen, darum rufen die Kinder an dieser Stelle: »Rummel rummel tut, smiet 'n Bodderbroot herut!« Witt. d. nordfr. Ver. 7, 31.

Bi Husby da liggt en lütte Barg upn Felde; da wahnen de Ünnererschen. Enmal da weer da en Dêrn bi den Barg, de kunn dat Stichwoord; da hör se de Ünnererschen bottern. As nu een Tuutsch (Kröte) bi êhr in en Lock krupen wull, da steek se mit en Sticken in dat Lock, dat de Tuutsch nich vörbi kunn; to hant weer da en Dœr; da sä se: Epraim tu dich auf! da klaff de Barg ut enanner un se kunn da herin sehn, wo de Ünnerersche da stünn un botter. Do röp se: »Giff mi en Botterbrot!« Gliek keem de Ünnerersche mit en Botterbrot; da würr se awer angst un se löp weg. De Ünnerersche awer löp êhr achterna un smeet êhr dat Botterbrot achterup; da blees dat Botterbrot sitten, un wenn man dat noch so vêl wegsneed, so keem dat doch ümmer werrer. – In Stenderup, Kirchspiel Toftlund, bat auch ein Junge einen Unterirdischen um ein Butterbrot. Aber er lief vorher weg; da ward ihm das Butterbrot an die Ferse geworfen, die seit der Zeit ganz welk blieb.

Bei dem Dorf Dannewerk befindet sich auch ein Butterberg. Ein Pferdejunge sah ihn einmal offen und eine Unterirdische vor dem Butterfaß; da rief er: »Gif mi en Botterbrot!« Als die Unterirdische ihm eins brachte, lief er aber fort, und die Unterirdische verfolgte ihn. Da hörte er eine Stimme:

Loop œwer de Stücken,
So deit di nüms drücken.

Das tat er und sprang über die Graben querfeldein; die Unterirdische aber, weil sie alle einen unmäßig dicken Kopf haben, stolperte jedesmal beim Überspringen. Der Junge kam glücklich ins Haus; da ward das Butterbrot gegen den Türständer geworfen, und als man nachsah, war's eine grüne Grassode. Aber viele haben doch ein Butterbrot von den Unterirdischen bekommen und ihnen immer einen Pfennig dafür gegeben.

Durch Kandidat Arndt. – In dem Geisehoi bei Nübbel Kirchspiel Jordkirch haben ein paar Mädchen es anch buttern hören; andre hörten einen dumpfen Schlag, wenn der Bergmann seine Kiste zuwarf. – Vgl. Thiele, Danm. Folkes. II, 233.

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459. Kulemann.

Bei Jagel liegt der hohe Jagelberg; darin wohnen die Unterirdischen. Ein Bauer Klaas Neve in Jagel war nun einmal in Verlegenheit um fünfzig Taler. Er hatte aber eine kluge Frau; die gab ihm den Nat die Unterirdischen zu bitten. Da ging Klaas Neve dreimal um den Jagelberg herum und rief: »Kulemann, Kulemann!« »Wat sall Kulemann?« »Ik wull föftig Daler van em lehnen.« »Wo lang' denn?« »Up en Johr.« »Gah up de anner Siet van den Barg, da sast du finden wat du söchst.« Klaas Neve ging um den Berg; da fand er fünfzig blanke Taler. Als nun das Jahr herum war, sagte seine Frau, vor allen Dingen sollte er nun die fünfzig Taler zusammenpacken und den Unterirdischen bringen; sonst möchte es ihnen gehen wie ihren Nachbarn, die auch von den Unterirdischen geliehen, aber nicht wieder bezahlt hätten; dafür sei ihnen nachher alles von den Unterirdischen behext worden, so daß sie zuletzt von ihrer Stelle gemußt hätten. Der Bauer tat wie seine Frau gesagt hatte, und nahm noch dazu einen schönen großen Schinken auf den Nacken. Damit ging er dreimal um den Berg und rief: »Kulemann, Kulemann!« »Wat sall Kulemann?« »Ik will em sine föftig Daler werrer bringen, de he mi vör en Johr lehnt hett; hier is ok en Schinken för de TinSen.« Da antwortete es aus dem Berge: »Kulemann is dood, un da du so en êrlike Mann büst, so söllt di de föftig Daler schenkt sien.«

Durch Kandidat Arndt.

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460. Die Gevatter.

Der Name Gottes, Christi usw. verjagt die Unterirdischen: Heim. 13, 163. Die Unterirdischen auf Sylt find froh, daß die ihnen entgegenziehenden Feinde kein Kreuz vorantragen: Hansen, Beitr. z. d. Sagen der Nordfriesen S. 39. 49. Bon Föhr sind sie durch die Reformation vertrieben: Heim. 14, 193. Vgl. auch Nr. 476 (»Christenblut«). 496 ff.

Ein Mann ging zu einem Hügel und rief den Bergmann an, ihm einen Sohn zu geben; dann wolle er ihn auch zu Gevatter bitten. Der Bergmann versprach ihm das, wenn er Wort halten wolle. Als seine Frau nun einen Sohn gebar, wollte der Bauer aber ungerne daran und den Bergmann einladen. Er mußte aber ja hin. Der Bergmann rechnete sich das zur großen Ehre an und versprach zu kommen; als aber der Mann fortging, rief er ihm nach: »Welche Gesellschaft kommt denn mehr da?« »Christus, Maria und St. Petrus sind die übrigen Gevattern«, antwortete der Mann. »So mußt du mich entschuldigen«, sagte der Bergmann, »wenn ich nicht komme«, aber er gab doch ein großes Gevattergeschenk.

Durch Herrn Kandidat Meßtorff in Rapsted. – In der jütschen Gestalt dieser Sage bei Molbech Eventyr S. 359 erscheint statt Christus etc. Tordenveir und in einer schwedischen Thor selbst. Thiele, Danm. Folkes. II, 245.

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461. Die Trommelmusik.

Trommelmusik vertreibt sie: Heim. 13, 163 (Föhr).

Auf dem Melleruper Felde, an der Landstraße nach Apenrade, liegt ein Grabhügel. Da kam eines Abends ein Mann vorbei, der nächster Tage Hochzeit geben wollte, und dazu in der Stadt eingekauft hatte. Indem er vorüber fuhr, sprang ein kleiner Mann heraus und lud sich selbst zur Hochzeit ein: er wolle auch ein Stück Gold zum Geschenk mitbringen, so groß als ein Menschenkopf. Dann solle er nur kommen, sagte der Bauer. Darauf fragte der Kleine, was es denn da für Musik geben werde? Der Bauer antwortete: »Pauken und Trommeln.« Da bat der Kleine sein Versprechen zurücknehmen zu dürfen; denn die Trommelmusik könne er nicht vertragen.

Herr Pastor Hansen in Jordkirch. Siehe Anm. zum vorhergehenden Stück.

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462. Der Mühlstein am Seidenfaden.

Vgl. Nr. 512, 2 Anm. und zu 508. Danm. Folkem. 3, 76 ff. Bolte 1, 366. Abweichend auf Sylt nach Chr. Jensen, Grabhügel der nordfries. Inseln (1910) S. 8. Zs. f. Vk. 2, 411. Nach einer Variante aus Meggerdorf wirft das Mädchen die Späne fort; einer bleibt hängen und verwandelt sich in einen silbernen Löffel: Heim. 22, 202. Vgl. Nr. 473 Anm. u. 474. Schürze voll Hobelspäne: Nr. 311. 312, 1, 3. Kristensen 1, 491 (aus Alsen). Plattd. ans Ostholstein im Hamburger Quickborn 4, 121 (»De Erddüwel«): die weggeworfenen Späne holt sich der Bauer, sie verwandeln sich aber in »Pêrschiet« (vgl. zu Nr. 342).

An einem heißen Sommertage arbeiteten bei den Steller Bergen ein Knecht und ein Mädchen im Heu; sie waren Braut und Bräutigam und hätten gerne Hochzeit gemacht, waren aber bitterlich arm. Da sahen sie um Mittag eine dicke Tutsche (Kröte) vorüberschleichen. Der Knecht nahm die Heugabel und wollte das häßliche Tier durchstechen; aber das Mädchen fiel ihm in den Arm und bat ihn soviel, das arme Tier doch leben zu lassen. Er aber hatte noch eine Zeitlang seinen Spaß mit seiner Braut und tat immer als wenn er das Tier töten wollte, bis es verschwunden war. Abends als sie nach Hause kamen, sagte der Bauer zu ihnen, daß sie auf den andern Tag zu Gevatter gebeten seien, und erzählte, wie am Mittage eine Stimme ganz deutlich sich habe hören lassen, aber man hätte niemand sehen können. Der Knecht und das Mädchen wußten gar nicht was sie davon denken sollten. Am andern Morgen als sie früh aufstanden, fand aber der Knecht vor seinem Bette Grütze oder Sägespäne gestreut, auf der Diele und vor dem Hause lagen auch Körner, und wie er diesen nun immer weiter nachging, kam er bis an die Steller Berge. Da kam eine Stimme aus einem Berge und sagte, er solle zu Mittag wiederkommen und seine Braut mitbringen, sie sollten Gevatter stehen. Nun sagte der Knecht dem Mädchen Bescheid, beide machten sich zurecht und gingen um Mittag an den Berg. Da stand dieser offen, und ein kleines Männchen in einem grauen Rock empfing sie und führte sie durch einen langen Gang hinein. Da drinnen war alles ganz herrlich und prächtig, Wände, Boden und Decke funkelten von Gold und Edelsteine eine kostbare Tafel mit Gold- und Silbergeschirr und mit den herrlichsten Speisen besetzt stand in der Mitte; der ganze Raum aber grimmelte und wimmelte von lauter kleinen Leuten, die sich alle um das Bett der Wöchnerin drängten. Als nun der Knecht und das Mädchen kamen, brachte einer dem Knecht das Kind, das er zur Taufe halten sollte, und führte ihn zu einer Stelle wo die heilige Handlung verrichtet ward. Aber da blickte einmal während derselben der Knecht über sich und sah, wie gerade über ihm an der Decke ein Mühlstein an einem seidenen Faden hing. Er wollte etwas von der Stelle weichen, aber konnte keinen Schritt tun. In Todesangst wartete er das Ende ab und trat dann schnell zurück. Da kam der kleine Mann in dem grauen Rock wieder zu ihm und bedankte sich; von dem Mühlstein aber sagte er zu dem Knecht, daß er nun wohl wisse, wie seiner Frau gestern müsse zu Mute gewesen sein, da er sie mit der Heugabel habe erstechen wollen; denn sie sei die Kröte gewesen. Darauf wurden der Knecht und das Mädchen von den kleinen Leuten noch wohl traktiert; und nachdem sie gegessen, brachte das graue Männchen sie wieder aus dem Berg, gab aber dem Mädchen vorher die Schürze voll Hobelspäne. Die wollte sie sogleich wegwerfen, aber der Knecht sagte: »Nimm sie mit, du kannst noch ein Feuer dabei anzünden.« Auf dem halben Wege nach Hause ward die Tracht aber so schwer, daß sie die Hälfte doch heraus warf; als sie aber nach Hause kamen, war das übrige zu lauter blanken Dukaten geworden. Da lief der Knecht hin und wollte auch noch das, was sie weggeworfen, nachholen; allein es war alles verschwunden. Doch hatten die beiden so viel bekommen, daß sie sich einen Hof kaufen und heiraten konnten; und sie haben viele Jahre glücklich gelebt.

Mündlich aus Norderdithmarschen; in mannigfachen, unbedeutenden Variationen überall, in der Gegend von Schleswig, auf Sylt, in Derfau bei Plön, in Thienbüttel, Amts Rendsburg, bekannt. – Ganz übereinstimmend Reusch, Samlands Sagen Nr. 56; vgl. Thiele, Danm. Folkes. II, 203.

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463. Eisch is dood!

In Lüttenborg weer in olen Tiden in ener aflegenen Straat en Huus, wo en Unnererdsche alle Abend, den Gott warrn leet, sik êhr Melk haalde. Se bröcht êhr egene lütte Kann mit, de weer van bawen bet nedden mit witten Banden dicht un dicht beslagen. Se sülvst sprook oder brook nich un wurr gliek vertörnt, wenn man êhr rvat affragen wull. So güng dat Johr ut, Johr in. Enmal awer as se mit êhr Melk wedder weggaan wull, keem dar en anner Lütt gans uter Wen anlopen un röp: » Eisch is dood! Eisch is dood!« As se dat Hörde, leet se vör Schreck êhr Melkkann fallen un schrie:

Is Eisch dood, is Eisch dood,
So sünd wi all in groter Nood!

Damit löpen se beid weg un keen Minsch hett se all sien Daag wedder sehn. Awer de lütt Kann hebben de Lüd noch lang darna tom Andenken verwohrt.

Durch Herrn Dr. Blohm in Kiel. – Grimm, Deutsche Sagen Nr. 43. Thiele, Danm. Folkes. II, 187. 205.

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464. Pingel ist tot!

Jessen und Kock, Heimatb. d. Kreises Eckernförde S. 190 (»Uns Päpper is dood!«). Heim. 13, 113 f. aus Holzbunge (»Papa ist tot!«). Rasmussen, Sonders. Sagn S. 10 ff.

In Jagel bei Schleswig war vorzeiten ein Wirt, der bemerkte mit Verdruß, daß sein Bier immer zu früh all ward, ohne daß er wußte wie. Einmal fuhr er nach der Stadt, um neues Bier zu holen. Als er nun zurückkam und bei dem Jagelberg vorbeifuhr, wo ein Riesengrab ist, hörte er ganz jämmerlich schreien: Pingel ist tot! Pingel ist tot! Er geriet darüber in die größte Angst, und fuhr schnell nach Hause; da erzählte er seiner Frau: »Ach, was hab ich eben für Angst ausgestanden; da fuhr ich an dem Jagelberg vorbei, und da schrie es so jämmerlich: »Pingel ist tot! Pingel ist tot!« Kaum hatte er diese Worte gesprochen, so kam ein Unterirdischer aus dem Keller gesprungen und schrie:

Ach, ist Pingel tot, ist Pingel tot,
So hab ich hier Bier genug geholt,

und damit lief er fort. Nachher fand man einen Krug bei dem Fasse im Keller stehen, den der Unterirdische zurückgelassen hatte; denn er hatte für den kranken Pingel das Bier gestohlen.

Aus Niederselk bei Schleswig durch Kandidat Arndt. – Auf Alsen dieselbe Sage vom Stakkelhoi zwischen Norburg und Sonderburg. Ein Bauer hört: »No is Pippe Kong dod!« und erzählt das einem Bauern in Hagenberg etc. Der Unterirdische vergißt einen silbernen Krug und läuft schreiend davon: »Is Pippe Kong dod? Is Pippe Kong dod?« Rask Moerskabst. 1840, 735 und mündlich aus Sundewitt. – Auf Amrum: Einer hört auf dem Felde die Unterirdischen über den Tod ihres Königs klagen: Pilatje as duad! Er erzählt's im Dorf; da ruft's: As Pilatje duad, Pilatje duad, Hatje Pilatje duad?

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465. Vitte und Vatte.

Kristensen 1, 332 (aus Düppel). 362 (aus Tondern).

Im Kirchspiel Toftlund bei Lybekgaard liegt ein kleiner Hügel, Egehöi genannt; darin wohnten in alten Zeiten Bergleute. Die Leute auf dem Hofe konnten abends deutlich hören, wie darinnen Kisten zugeschlagen, mit Geld geklimpert ward etc. Einmal kam der Besitzer der Halbhufe abends spät von Baulund, im Kirchspiel Agerskov; da hörte er aus einem Hügel dicht neben dem Wege einen sagen: »Wenn du zu Hause kommst, so grüße Vitte, Vatte sei tot!« Der Mann erschrak, fuhr rasch zu, und da er auf seinem Hofe anlangte, erzählte er seinen Leuten gleich, welche Nachricht er dem unbekannten Vitte zu bringen habe; aber schnell erfuhr er, wo Vitte wohnte; denn aus dem kleinen Hügel hörte man eine klägliche Stimme, die sagte: »O, ist Vatte tot! ist Vatte tot!«

Herr Schullehrer Langvad in Tiislund.

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466. Find und Kind.

Auf Sylt heißt der Oberste der Unterirdischen Finn: Hansen, Beitr. z. d. Sag. d, Nordfr. S. 13. Vgl. Nr. 477.

Bei dem großen Tingberg östlich von Sommersted fuhr Abends spät ein Mann aus Oxenvad vorbei, der von Hadersleben kam; da sah er den Berg auf Pfeilern in die Höhe gehoben und darunter tanzte eine große Menge Bergleute. Er nahm sein Taschenmesser heraus und warf es unter den Haufen; da fiel einer tödlich verwundet nieder, das sah der Bauer und eine Stimme rief ihm nach: »So grüße Find, die kleine Kind sei tot!« Der Mann fuhr so schnell nach Hause als er konnte. Beim Abendessen erzählte er die Begebenheit im Tingberg. Da hörte sein Dienstknecht aufmerksam zu, und als der Bauer den Gruß bestellt hatte, griff er ein großes Brotmesser vom Tische und stieß es dem Bauern in die Brust, daß er tot umsank; der Knecht aber verschwand vor den Augen der Leute. Nun wußte man, daß er der Find gewesen, der unter einem angenommenen Namen auf dem Hofe gedient habe, und wahrscheinlich der Mann oder Bräutigam zu der Kind sei, die vom Bauern war getötet worden.

Durch Herrn J. F. Lorenzen in Kiestrup.

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467. Der Abendmahlskelch in Viöl.

Einl. S. XIV. Vgl. zu Nr. 238. Urdsbr. 6, 79 und Heim. 8, 26 aus Stapelholm. Kristensen 1, 772 aus Alfen. Lorenzen S. 9 f. Vgl. die Sage vom Oldenburger Horn: Mitt. des anthropol. Vereins in Schl.-H. 18 (1907) S. 22 ff. – Johansen, nordfr. Sprache S. 225 f.

Ein Mann aus Viöl kam Abends von Flensburg geritten. Als er nun einen Grabhügel erreichte, feierten da die Unterirdischen eben ein großes Fest und ließen einen großen goldenen Becher die Reihe herumgehen; darin war ein Trank, der sah wie Buttermilch aus. Der Bauer hielt sein Pferd an und bat arglistig: »Laßt mich auch einmal einen Schluck aus dem Becher kriegen!« Treuherzig reichten sie ihm denselben dar. Er aber ergriff ihn, goß den Trank hinter sich und sprengte davon. Da hörte er einen Unterirdischen rufen: »Dreibein, komm heraus!« Der Bauer sah sich um und sah ein Ungeheuer hinter sich, das ihn verfolgte. Aber sein Pferd lief schneller als Dreibein. Da hörte er nun viele Stimmen rufen: »Zweibein, komm heraus!« Der Bauer sah sich wieder um und erblickte ein andres Ungeheuer, das sah noch schrecklicher aus und konnte auch schneller laufen als Dreibein, es hätte ihn aber doch nicht eingeholt. Da hörte er alle mit einer Stimme rufen: »Einbein, komm heraus!« Der Bauer sah sich wieder um, da sah er ein drittes Ungeheuer, das war noch viel, viel schrecklicher und viel größer als die andern beiden, und kam in gewaltigen Sprüngen, immer kopfüber, auf ihn los. Das hätte ihn auch gepackt, wäre nicht eben die große Tür seines Hauses offen gewesen. Kaum hatte er sie zugeschlagen, so war Einbein da und fuhr mit großem Geprassel dagegen, mußte aber draußen bleiben. Am andern Morgen besah der Bauer sein Pferd, da hatte der Trank ihm den Schweif halb weggesengt. So beißend war er gewesen. Den Becher aber schenkte der Bauer der Kirche, wie er in der Angst gelobt hatte, als er Einbein sah.

Durch Herrn Pastor Karstens in Elmshorn. – Nach einer sonst übereinstimmenden Version (durch Herrn Schullehrer Petersen in Norsted) bietet der Unnerersche dem Manne den Trunk an; als er ihn ansetzen will, überkommt ihn ein Grauen; er gießt den Inhalt des Bechers hinter sich und sprengt davon. Eine Schar Unterirdischer verfolgt ihn mit Steinwürfen. Er setzt mit seinem Pferde über das Heck hin, das den Eingang verschließt, und ist in Sicherheit; denn die nachgeworfenen Steine prallen nun alle gegen das Tor. Der Becher ist in der Viöler Kirche lange gebraucht worden und erst vor einigen Jahren, als das Pastorat vom Blitze getroffen wurde, mit verbrannt. Vgl. Nr. 75. 238. 343. 344.

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468. Die Kirchenbecher.

1.

Kristensen 1, 809.

Ein Bauer aus Rackebüll ritt eines Abends spät von Satrup noch Hause. Als er nun dem Hügel, den man Boehöi nennt, vorbei kam, fand er ihn emporgehoben und auf vier goldenen Pfeilern ruhen. Drinnen sind sie ganz lustig und trinken sich munter zu; da ruft der Bauer, man möge ihm auch zu trinken geben. Da kam einer sogleich heraus und reichte ihm einen goldnen Becher. Der Bauer aber wagte nun nicht zu trinken und goß alles rückwärts über aus, daß dem Pferde davon Haut und Haare weggingen. Dann ritt er mit dem Becher in der Hand spornstreichs seinem Dorfe zu. Der aber, der ihm den Becher gebracht, rief gegen den Hügel: »Komm schnell Einhorn, Goldhorn ist fort!« Da liefen sie beide dem Reiter nach, und eben als er in die Stalltür ritt, packten sie noch das Pferd bei einem Bein und rissen es beinahe ab. Der Mann wagte darnach nicht den Becher im Hause zu behalten, sondern schenkte ihn der Kirche.

Aus Sundewitt.

2.

Nach einer Überlieferung aus Jordkirch (Heim. 6, 48; vgl. Fischer, Slesv. Folkes. 345 ff.) wird der Bauer von einem Unterirdischen vor dem Trunk gewarnt zum Dank dafür, daß er ihm erlaubt hat, den Schwanz seines Pferdes anzufassen, damit er schneller zur Hochzeit seiner Schwester kommen kann. Auch erhält er einen großen Feuerstein, der sich später in Silber verwandelt. – Als der Kranke den Becher bekommt, ruft er jubelnd: »Ich hab' ihn!« und wie ein Echo erschallt es aus dem Hünengrab: »Hast du ihn?«

Auch die Kirche zu Jordkirch erhielt auf dieselbe Weise ihren Altarbecher. Aber da man ihn nicht allein in der Kirche, sondern auch bei Krankenkommunionen gebrauchte, so zeigte sich, daß der Becher eine wunderbare heilsame Kraft habe. Die meisten Kranken, die daraus tranken, genasen. Es war auch in Gebrauch, daß er bei Hochzeiten ausgeliehen und den Neuvermählten vorgesetzt ward; denn man meinte, daß der Segen und das Glück der Ehe dadurch besonders gefördert werde. Nachdem das nun schon viele Jahre hindurch Sitte gewesen war, kam einmal ein armer, in Lumpen gekleideter Mann auf eine Hochzeit in Alsleben und bat, man möchte ihm doch erlauben, einen Trunk aus dem Becher zu tun, weil ihn das, wie ihm gesagt wäre, von einer sonst unheilbaren Krankheit heilen würde. Mitleidig gewährte das junge Ehepaar ihm seine Bitte; aber kaum hatte der Bettler den Becher in die Hand bekommen, so verschwand er damit vor den Augen der Leute.

Herr Pastor Hansen in Jordkirch. – Vgl. die Sage vom Oldenburger Horn bei Grimm, Deutsche Sagen Nr. 541. Thiele, Danm. Folkes. II, 227. 230. 232 f.

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469. Der gestohlene Becher.

1.

Urdsbr. 6, 79.

Ein Mann aus Tensbüttel, Namens Klaus Fink, ist einmal mit seinem Pferde in einen der Berge hineingeritten, die zwischen dem genannten Dorfe und Alversdorf sich hinziehen und die die Mannigfaltigen oder Mannigfulen Bargen heißen. Da hielten die Unterirdischen einen lustigen Schmaus und sie ließen den Bauern teilnehmen; dieser aber stahl einen silbernen Becher und ritt damit eilig fort. Als nun der Neujahrsabend kam, langte man den Becher aus der Kiste hervor, um daraus zu trinken. Da fing plötzlich das Vieh im Hause schrecklich an zu schreien. Als nun alle hinaus liefen und nachsahen, aber nichts fanden, da hatten die Unterirdischen ihr Eigentum wieder geholt, als die Leute wieder in die Stube kamen.

Rhode Antiquitäten-Remarques S. 77.

2.

Zwei kleine Bauernjungen spielten an einem Mittage im Felde. Während sie nun emsig nach bunten oder runden Steinen scharrten, öffnete sich eine Höhle. »Laat uns dar mal in krupen«, sagte der eine. »Nä, Jung«, antwortete der andre, »dar mahnen gewis Unnererschen.« »Denn will ik herin«, sagte der erste, ein beherzter Bube, »des Middags schlöppt dat Tüch.« Er warf sich aus die Erde und kroch auf allen vieren hinein; da schliefen richtig die Unnererschen, eine ganze kleine Familie, ringsherum an den Wänden. Alle lagen auf Matten. Dem Jungen ward aber unheimlich und er wollte sich schon wieder davon schleichen, als er auf einem runden Tischchen einen kleinen hübschen Becher gewahr ward, den er ergriff und mit fortnahm. Die Mutter freute sich, als er nach Hause kam, über das leicht erworbene Kleinod, aber der Vater verwies es dem Jungen und gebot ihm aufs ernstlichste den Becher wieder an Ort und Stelle zu bringen. Der Junge mußte sich also wieder auf die Beine machen. Unterdes hatte aber das kleine Volk den Verlust bemerkt und um ihre Höhle zu verbergen, alles wieder dem übrigen Boden so gleich gemacht, daß auch nicht eine Spur zu finden war. Weinend kam der Junge mit dem Becher wieder nach Hause. Da war da eben ein Kaufmann eingekehrt; denn sein Vater hielt ein Wirtshaus. Nachdem der den Becher betrachtet, fagte er: »Das Ding ist von dem feinsten Golde, ihr werdet doch nicht so närrisch sein und es dem Unzeug wiederbringen; was soll es unter der Erde!« »Na«, sagte der Wirt, »dat ward en schöne Geschichte warrn, wenn wi't beholen!« – Nun kam Abends ein junger Mann spät vom Felde und wollte ins Dorf; da umzingelten ihn die Unnererschen und sagten, er solle im Dorfe bekannt machen, daß wer ihnen den Becher genommen, ihn in künftiger Nacht an den Grenzpfahl der Freimarken setzen möge, sie würden ihn da abholen. Geschähe es nicht, so würde es dem ganzen Dorfe schlecht ergehen, aber der ehrliche Überbringer würde immer mit allem seinem Gut unter ihrem besondern Schutz stehen. Als der Wirt das erfuhr, nahm er Abends seinen Sohn bei der Hand und ließ ihn selber den Becher zum Grenzpfahl tragen. Der Junge hat in seinem Leben diese Geschichte nicht wieder vergessen, aber ihm und seinem Hause ist es nachher allezeit gut gegangen.

Aus der Landschaft Stapelholm. Die zahlreichen Sagen von Unterirdischen, die wir aus dieser Gegend mitteilen, haben wohl ihr Lokal bei den Wollenbergen und dem Braßberg, die Balten, Stapelholm S. 40. 41 erwähnt. – Wer »dreemal um den Glockenbarrig« geht, sagen die Süderstapler, kann nicht wieder aus ihrem Dorfe finden. So schön ist es da.

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470. Das Horn der Büsumer Brandgilde.

Ao. 1515 Heft einer up Busen gelevet, so man den olden Dammer geheten. Diser is siner Wisheit und Vorstandes in groten Ansehen und Berop geniest, also ok eines males in der Nacht van twen Personen mit groten Beden van sinem Bedde gehalet, dat he doch mochte sik bequemen mit enen gaen und eine Sake wegen eines gefundenen Schattes under se schlichten und scheden, so vollenkamen bi eme gesettet. Wowol he ungerne sik gebruken laten in solcher Saken an solchen Orde in solcher Tyt, heft he up er velvoldig emsig Anholden gevolget; und als he in einen Krog sudwesten sines Huses gevöret, sin se in de Erden gegaen, dar se ein Karspel, als do Busen, vorgefunden. Se hebben en fruntlich entfangen und mit gebloteden Hovede vorgegeven, wo einer einen Krog Landes vorhuret edder eine Wurtstede, und als de Hursman de ummegeplöget, hebbe he einen Grapen mit Gelde gefunden: de Frage, weme de geböre, dewile beide Here und Hurling er Recht daran to hebben vormeinen und einer vor dem andern den sich toegenet? Do heft he na gehabten Bedenken gefunden: so ferne man sehen konde, dat de Plog den Grapen beröret, wat so verne were horede dem Hurling, dat nedderste dem Eigendomer und Gudheren. Do sin se alle fro geworden, hebben en gelavet und eme einen prechtigen groten Horne, so ardig ane Schening in de Runde geböget, voreret, einer Kannen Mate: wile de bi sinem Geschlechte, schole dat geluckhaft sin. Den heft hernach Hans Heske, do he mit Sulver belegt, vor 100 Mk. gekost, und de heft en wedder der Brandgilde vor 100 Mk. verkoft, de en stattlich hett vornien und beleggen laten cum inscriptione:

Dat Wittman Schlacht In groter Acht
Mi lang Tyt hebben geholden.
Hans Hesk mi koft, Ock Hudman Kloft
Wolden mi nicht beholden.
Itz de Brandgild Mi betert mild:
Bi der wil ik vorolden.

H. Johann Adolf.

Neocorus I, 542, von dem auch die Inschrift herrührt. – Schening Schienung. In Schlachten unk Kluften teilten sich die dithmarschen Geschlechter.

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471. Die zerbrochene Schaufel.

Vgl. Heim. 13. 166 (Föhr). Zs. f. Vk. 2, 413.

Ein Bauer pflügte in der Nähe eines Grabhügels bei Keitum. Da fand er eine zerbrochene Schaufel der Önnerersken hingelegt; er legte einen Nagel dabei und pflügte weiter. Als er aber wieder an die Stelle kam, waren Schaufel und Nagel verschwunden und dafür war ein Kuchen hingelegt, den der Bauer sich wohl schmecken ließ.

Die Önnerersken leben überhaupt gewöhnlich mit den Menschen in Frieden, besuchen sie und lassen sich besuchen, und nehmen und geben immer allerlei Geschenke.

Durch Herrn Hansen in Keitum auf Sylt.

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472. Der zerbrochene Brotschieber.

Kristensen 1, 382. – Hund erhält das Brot: Heim. 13, 166 (»Hönjbruatberg«).

Ein alter Mann, der noch lebt, diente in seiner Jugend in Loit. Er war einen Tag über einmal in Arbeit auf einem Felde, das seinem Herrn gehörte, wo ein Hügel, der Illingberg, lag. Er wollte eben einmal auf den Hügel steigen, um sich ein wenig umzusehen, als ein kleines Bergmädchen heraus kam mit einem zerbrochenen Brotschieber und ihn bat, ihr den ein bißchen auszubessern. Nachdem er es getan, ging das Mädchen wieder in den Berg, kam aber sogleich wieder heraus und brachte ihm einen kleinen Kuchen für seine Dienstfertigkeit. Der Mann hatte aber nicht das Herz, ihn aufzuessen, und gab ihn dem Hofhunde; doch dem hätte nichts darnach gefehlt, sagte er.

Herr Joh. Fried. Lorenzen in Kiestrup. – Kuhn, Märk. Sagen Nr. 72. Grimm, Deutsche Sagen Nr. 34.

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473. Die Kindbetterin.

Lorenzen S. 13 f. Frau zur Entbindung einer Unterirdischen geholt: Nr. 474. 512. 513; vgl. 522, 3. – Hobelspäne: zu Nr. 462. – Kälbersterben: zu Nr. 445, 2.

Die alte Wartfrau Lottjen in Husum erzählte gern und mit festem Glauben, daß zu ihrer Urgroßmutter einmal mitten in der Nacht ein Unnererschen gekommen sei und sie flehentlich gebeten habe, mit ihm zu kommen und seiner Frau in ihren Kindesnöten beizustehen; er wolle sie nach geleisteter Hilfe sicher wieder nach Hause geleiten. Die Urgroßmutter, von dem Bitten des Kleinen gerührt, stand auf und ging mit ihm. Er führte sie darauf aus dem Hause zu einem hohlen Baume, und durch denselben stiegen sie hinab über eine enge, lange und dunkle Treppe. So kamen sie endlich in der Wohnung der Unterirdischen an, wo die Kleinen sie mit Angst erwartet hatten; denn es war die Königin, die der Hilfe bedurfte. Die Entbindung ward glücklich beendigt. Da brachte der Führer der Frau sie in eine Kammer, wo eine Menge Hobelspäne lagen, und hieß sie davon so viel in ihre Schürze füllen, als sie wollte. Die Frau zögerte anfangs; aber der Kleine ermunterte sie und sie nahm endlich eine Schürze voll davon; dann ließ sie sich wieder über die lange Treppe und aus dem hohlen Baum hinauf auf die Erde bringen. Da war es noch Nacht; der Kleine verließ sie, und sie wanderte mit ihren Hobelspänen nach Hause. Je länger sie aber ging, desto schwerer ward ihr die Schürze, so daß sie, zu Hause angelangt, die Last kaum mehr tragen konnte; nachdem sie alles in die eine Ecke des Herdes geschüttet hatte, ging sie noch wieder zu Bett; als sie aber am andern Morgen ausstand, lag da pures Gold und Silber.

In unsern Zeiten aber kommen die Untererschen nicht mehr zu den Menschen, seitdem der König von Dänemark im ganzen Königreich und den Herzogtümern die Löcher zustopfen ließ, woraus sie sonst hervorkamen, und allenthalben Wachen davor hinstellte.

Durch Storm. – Ähnlich, nur einfacher aus Sundewitt. Die Unterirdischen wohnen unter dem Pferdestall und bitten die Frau den Stall zu verlegen; dafür erhält sie viel Gold und Silber. Damit stimmt völlig eine Lauenburgische Erzählung aus Beidendorf und eine andere nordschleswigsche aus Stenderup im Kirchspiel Toftlund. Nach letzterer bewirkt die Unterirdische immer den Tod der Kälber, bis man auf ihre Bitte den Stall verlegte. – Aus Jordkirch: Die Frau erhält Hobelspäne, wirft sie weg, entdeckt aber nachher durch einen, der hangen geblieben, daß es Gold gewesen. Ihr Nachsuchen ist vergeblich. – Thiele, Danm. Folkes. 200 ff.

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474. Die Salbe der Unterirdischen.

Danm. Folkem. 21, 26 f. 5, 74. Kristensen 1, 673 (Düppel). Lorenzen S. 14. Unterirdische als Frauenräuber: Nr. 490. 491 f. 613 Anm. Schacht, Albersdorf (1908) S. 18. Hansen, Beitr. z. d. Sag. d. Nordfr. S. 11. Kristensen 2 A, 109. – Kleinen Kindern steckt man, damit sie nicht von den Unterirdischen gestohlen werden, eine Stopfnadel in die kleine steife Mütze; dann sehen die Unterirdischen sie für Erwachsene an: Mitt. d. nordfr. Ver. 7, 81 aus Schwabstedt. Den Wöchnerinnen legte man zum Schutze einen bloßen Degen unter den Kopf: Detlefsen, Gesch. der Elbmarschen 2, 431.

Im Bügberg bei Felsted wohnten vor Zeiten Unterirdische; wo noch die Senkung an der Seite des Berges ist, da war der Eingang zu ihrer Wohnung. Sie raubten Kinder und schwangere Frauen. Einst ward die vorletzte Hebamme in Felsted von einem Unterirdischen zu Hilfe herbeigeholt. Als aber die Frau an den Eingang des Berges kam, weigerte sie sich weiter zu gehen, weil sie sich fürchtete. Aber der Unterirdische versprach ihr, daß ihr kein Leid geschehen sollte, sondern sie solle reichlich belohnt werden. Da entschloß sie sich, ging mit in den Berg und entband eine geraubte schwangere Frau eines Kindes. Nun erhielt sie von den Unterirdischen eine Salbe, um damit die Augen des neugebornen Kindes zu bestreichen; davon aber nahm die Frau selber unbemerkt ein wenig und bestrich ihr eignes eines Auge damit. Dann ward sie zum Berge hinausgeführt und erhielt eine Schürze voll Hobelspäne zur Belohnung, die sie sogleich, als sie hinauskam, wegwarf; ein Span aber, der am Kleide hangen blieb, war am andern Morgen zu purem Golde geworden. – Nun kam sie einmal nach längerer Zeit hinter vielen Leuten aus der Kirche; da ward sie den Unterirdischen gewahr, der sie in den Bügberg geholt, die andern sahen nichts von ihm, sie aber grüßte ihn. Sogleich trat er auf sie zu und fragte: »Wie siehst du mich?« Die Hebamme wollte es erst nicht sagen, dann aber gestand sie: »Ich habe mein Auge mit eurer Salbe bestrichen.« Da fuhr der Unterirdische auf sie los und stach ihr augenblicklich das Auge aus, mit dem sie so hell sehen konnte.

Durch Dr. Jessen in Flensburg; vgl. Grimm, Irische Elfenmärchen CV. – Thiele, Danm. Folkes. II, 202.

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475. Der verschüttete Eingang.

Vgl. zu Nr. 458.

Der Krüger und Krämer aus dem Meggerskooge kam eines Abends spät im Mondscheine auf seinem Schimmel von Rendsburg geritten, als unterwegs aus einmal das sonst so fromme Tier scheu wurde und nicht aus der Stelle zu bringen war. Der alte Mann glaubte zuerst, es sei der Schatten eines langen am Wege stehenden Pfahles, der das Tier so in Angst setzte; als er aber absteigen und sein Pferd ziehen wollte, sah er am Pfahle ein ganz kleines Männlein stehen, das ihn schüchtern bat, doch mit ihm zu gehen; der Eingang sei hinter ihm verschüttet, und er könne die Erde nicht wegräumen. Der Krüger merkte bald, daß es ein Unnererschen war, band sein Pferd an den Pfahl und ging mit. Als sie eine Strecke gegangen waren, zeigte der Kleine ihm die Stelle und der Alte grub den Eingang bald wieder frei. Daraus bat der Kleine ihn, doch mit hinunter zu steigen und sich ein wenig zu erquicken. Obgleich ihm nicht wohl dabei war, so hatte der Krämer dennoch nicht das Herz es abzuschlagen. Er stieg daher mit hinunter; drunten aber kam ihm die ganze kleine Familie entgegen, die ihn durchaus bewirten wollte. Er schützte vor, daß seine Frau ihn längst zu Haus erwarte, daß er überhaupt auch keinen Hunger habe; indes wolle er gern ein Butterbrot mitnehmen. Er steckte eins in die Tasche, und der Kleine begleitete ihn nun wieder zurück zu seinem Pferde. So schnell er nur konnte, saß er droben, gab dem Schimmel die Sporen und warf dabei das Butterbrot mit Gewalt gegen den Pfahl; dann jagte er nach Haus. Am andern Tage war er aber doch neugierig, was wohl aus dem Butterbrote geworden sei. Er ging daher nach der Stelle zurück und fand es noch am Pfahl sitzen, aber es war kohlschwarz und dick aufgequollen.

Diese Geschichte pflegte der alte Krüger gerne zu erzählen und dann am Schluß hinzuzufügen: »Na, ik will mi wull wohren un kamen dar wedder bi Abentied! Harr ik dat nu upêten, weer ik dood west; un denn seggen se noch, dat man riek ward, wenn man sik mit dat Untüch afgifft.«

Von D. St. durch Storm. Vgl. Nr. 458.

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476. Zi, der Baumeister.

Danm. Folkem. 21, 53. Kristensen 3, 962. 965 f. Fischer, Slesv. Folkes. 300 ff. (Ekvad). Namen ausfindig machen, sehr häufig, z. B. 484 ff. 600. – Christenblut: s. zu Nr. 460. Tags Geschafftes nachts zerstört: zu Nr. 153. – Über Hönkys s. Kristensen 1, 444.

Ein Mann hatte es angenommen, die Eckwadter Kirche bis zu einer bestimmten Zeit zu erbauen, aber er sah sich bald außerstande, sein Wort zu erfüllen. Mißmutig ging er eines Abends umher und grübelte, was für ihn wohl in dieser Sache zu tun sei; da trat ein kleines Männchen, ein Bergmann, zu ihm und bot ihm seine Dienste an. Der Baumeister hörte anfangs spöttisch die großprahlerischen Reden des Kleinen an, endlich aber wurden sie doch einig, daß der kleine Mann in kurzer Zeit die Kirche bauen, hingegen der Baumeister bis dahin seinen Namen ausfindig machen sollte; könnte er das nicht, so müßte er selbst mit Leib und Seele dem kleinen Mann gehören. Seelenvergnügt ging der Baumeister heim, denn er dachte: Will er mir nicht selbst seinen Namen sagen, so will ich ihn schon aus seinen Leuten herauslocken. Aber es ging anders als er dachte mit dem kleinen Mann; der brauchte weder Handwerker noch Handlanger, sondern alles vollbrachte er selbst mit unglaublicher Behendigkeit, so daß der Baumeister wohl sah, er würde leicht bis zur bestimmten Zeit fertig werden. Traurig wie das erstemal ging er wieder über Feld. Als er aber bei einem Hügel vorbeikam, so hörte er etwas drinnen schreien, und als er darauf genauer lauschte, sagte eine drinnen:

Vys! vœr still Baen mint,
Maaen kommer Faer Zi
Mœ Christen Bloi te dœ.
(Sch! Sch! wes still mien Kind,
Morgen kummt dien Vader Zi
Mit Christenblood för di!)

Da ward der Baumeister froh, denn er wußte wohl, wem die Worte galten, eilte zu Hause, und da es gerade der letzte Morgen war, daß am Tage die Kirche fertig sein sollte, und er den Bergmann eben beschäftigt fand, den letzten Stein einzusetzen, – er pflegte nur des Nachts zu arbeiten – so rief er ihm schon von ferne zu:

God Maaen, Zi! God Maaen, Zi!
Sœtter du nu den sidste Steen i!
(Guten Morgen, Zi! Guten Morgen, Zi!
Setze nur ein den letzten Stein!)

Da ward der Kobold rasend, als er seinen Namen hörte, und warf den Stein, den er eben einsetzen wollte, fort und fuhr in seine Höhle. Man hat das Loch, das da nachblieb, niemals zumauern können; in der Nacht ward immer alles wieder herausgestoßen. Ein Mauermann, der es einmal auszumauern versucht hat, bekam darnach eine auszehrende Krankheit. Später setzte man da ein Fenster ein; das ließ der Kobold unangetastet; es befindet sich am Aufgang zum Turm, zwischen diesem und dem Karnhause. Nach der Erbauung der Kirche war noch lange bei derselben ein solcher Lärm und Spuk, daß die Einwohner es nicht auszuhalten vermochten, und allmählich fortzogen. Sie haben sich darauf da angesiedelt, wo jetzt das Dorf Hönkys ist, weil die Einwohner sich von ihrer Kirche, die nun allein steht, hatten wegschrecken (henkyse) lassen.

Dannevirke 1840 Nr. 18. Herr Pastor Hansen in Jordkirch. Herr H. Petersen in Soes und Herr C. Petersen in Hellewad. – Auch die Munkbraruper Kirche in Angeln ward auf dieselbe Weise gebaut. Der betrübte Baumeister hört unter der Erde ein Kind weinen; da sagt die Mutter: »Schweig still, du Ding! heut abend kommt dein Vater Sipp und gibt dir Christenblut zu trinken« usw.

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477. Vater Finn.

In Dithmarschen weiß man von einem Krieg zwischen Menschen und Unterirdischen, in dem die Zwerge durch kochend heißen Brei (vgl. Nr. 78) besiegt wurden: Carstens, Wanderungen S. 45. – Zum Namen vgl. zu Nr. 466.

In ganz alten Zeiten haben die Zwerge oft und lange mit den Menschen und untereinander Krieg geführt; mitunter schlossen sie auch Friede miteinander. Ihre Weiber sangen dann, wenn die Zwerge aus im Kriege waren, zu Hause bei der Wiege eine eigne Art Lieder. Nördlich von Braderup auf der Heide liegt der Reisehoog; da hat einer einmal gehört, wie drinnen eine Zwergin sang:

Heia, hei, dit Jungen es min.
Mearen kumt din Vaader Finn
Me di Mann sin Haud.

Das ist:

Heia, hei, das Kind ist mein.
Morgen kommt dein Vater Finn
Mit dem Kopf eines Mannes.

Durch Herrn Hansen aus Sylt. – Vgl. Grimm, Mythol. S. 515. 976, wo die norwegische und dänische Sage mitgeteilt ist. Thiele, Danm. Folkes. II, 195.

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478. Der rote Hauberg.

1.

Heim. 4, 142 u. oft. – Zum Krähen des Hahns: Nr. 432. 433 Anm.

An der Landstraße nicht weit von Witzwort steht ein großer schöner Hof, der rote Hauberg; der hat neunundneunzig Fenster. Vor Zeiten stand hier ein kleines elendes Haus und ein armer junger Mann wohnte darin, der in die Tochter des reichen Schmieds, seines Nachbarn gegenüber, verliebt war. Das Mädchen und die Mutter waren ihm auch gewogen; doch der Vater wollte nichts davon wissen, weil der Freier so arm war. In der Verzweiflung verschrieb er seine Seele dem Teufel, wenn er ihm in einer Nacht bis zum Hahnenschrei ein großes Haus bauen könnte. In der Nacht kam der Teufel, riß das alte Haus herunter und blitzschnell erhuben sich die neuen Mauern. Vor Angst konnte der junge Mann es nicht länger auf dem Bauplatze aushalten; er lief hinüber in des Schmieds Haus und weckte die Frauen, wagte aber nun nicht zu gestehen, was ihm fehle. Doch als die Mutter einmal zum Fenster hinaus sah und mit einem Male ein großes Haus erblickte, dessen Dach eben gerichtet ward, da mußte er bekennen, daß er aus Liebe zu dem Mädchen seine Seele dem Teufel verschrieben habe, wenn er, ehe der Hahn krähe, mit dem Bau fertig würde. Schnell ging die Mutter in den Hühnerstall, schon waren neunundneunzig Fenster eingesetzt und nur noch das hundertste fehlte: da griff sie den Hahn, schüttelte ihn und er krähte laut. Da hatte der Teufel sein Spiel verloren und fuhr zum Fenster hinaus. Der Schmied aber gab seine Tochter nun dem jungen Mann, dessen Nachkommen noch auf dem Hauberge wohnen. Aber die hundertste Scheibe fehlt noch immer, und so oft man sie auch am Tage eingesetzt hat, so wird sie doch Nachts wieder zerbrochen.

Durch Herrn Storm.

2.

Nach einer Erzählung aus Husum (mündl.) ist es eine Witwe, die dem Teufel ihren einzigen Sohn versprechen muß.

Einst brannte einem Bauer in Eiderstede sein Haus nieder. Traurig ging er auf dem Felde umher, da kam ihm ein kleiner Mann in einem grauen Rock und mit einem Pferdefuß entgegen und fragte, was ihm fehle. Der Mann erzählte ihm sein Unglück und wie er kein Geld habe sein Haus wieder zu bauen. Da versprach der Kleine ihm ein Haus mit hundert Fenstern zu bauen, und es in einer Nacht bis zum ersten Hahnkrat fertig zu liefern, wenn er ihm seine Seele verspräche. Sogleich ging der Bauer den Vertrag ein und in der Nacht fing der Teufel an zu bauen und bald war das Haus fertig und der Teufel fing schon an die Fenster einzusetzen. Als er nun zu dem letzten kam, da fing der Bauer an zu krähen und klatschte in die Hände; der Teufel lachte. Aber der Hahn im Stalle hatte es gehört und antwortete, als der Teufel eben die letzte Scheibe einsetzen wollte. Da mußte er weichen, drehte dem Hahn den Hals um und ging davon. Das Fenster hat niemand einsetzen können und es bleibt keinerlei Gerät in dem Zimmer; wo die Scheibe fehlt; alles fliegt heraus. Es braucht keiner da rein zu machen; denn es ist da immer ganz besenrein.

Durch cand. phil. Arndt und nach mündlicher Mitteilung aus Dithmarschen, wo man mit unbedeutenden Abweichungen dieselbe Sage von einem Hofe in Norderdithmarschen erzählt. Ebenso von einer Scheune in der Wilstermarsch.

3.

Schwarze Schule: Nr. 302.

Der Stammvater der vormals reichen, jetzt ganz verarmten Owenschen Familie in Eiderstede war in der schwarzen Schule gewesen und hatte sich ausbedungen, daß der Teufel ihm neunundneunzig Hauberge liefern sollte. Der Teufel hielt sein Versprechen, wollte aber zuletzt den Owen selbst holen. Da überlistete dieser ihn durch folgenden Fund. Er entdeckte unter den Trümmern der alten Kirche; die neben seinem Hause stand, ein buntes bemaltes Fenster. Das nahm er und setzte es in sein Zimmer. Darüber hatte der Teufel nun keine Macht und Owen konnte stets dadurch entkommen, und entkam dem Teufel auch wirklich. Seit der Zeit hat in dem Hause immer ein Fenster offen stehen oder eine Scheibe aus sein müssen, dadurch blieb das Haus auch stets vor Feuer und Wassersnot bewahrt.

Durch Mommsen.

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479. Vom Teufel ist nicht los zu kommen.

Vgl. Nr. 476. Zur Strafe: Wisser S. 186.

Ein Mann hatte viel von des Teufels Gefälligkeit gegen die Menschen gehört, und da er nun einen großen Steindamm zu pflastern übernommen hatte; aber zur bestimmten Zeit nicht fertig werden konnte, aus Geiz auch keine Gesellen mehr annehmen wollte, so berief er den Teufel. Der Teufel kam und versprach gleich ihm nicht nur zu helfen, sondern überdies noch viele Häuser, Pferde, Kutschen und Geld zu verschaffen, wenn er ihm seine Seele verschriebe. Der Mann ging den Vertrag ein und unterschrieb seinen Namen; der Teufel steckte die Tafel ein, und in zwei Nächten war nun der Steindamm fertig. Der Mann erhob sein Geld dafür und nahm von nun an kostspielige große Bauten an, die der Teufel immer ohne seine Hilfe und ohne daß es ihm etwas kostete, für ihn aufführen mußte. Der Teufel hielt sein Wort, der Mann ward steinreich, wohnte in prächtigen Häusern, fuhr in schönen Kutschen und hatte immer Geld vollauf. Als aber endlich der Vertrag abgelaufen war und der Teufel in einer Karjole angefahren kam um ihn abzuholen, gefiels ihm noch zu bleiben, und der Teufel mußte so wieder abziehen. Da fielen aber mit einem Male alle von ihm aufgeführten Gebäude um und alle seine Werke verschwanden ebenso schnell als sie entstanden waren. Die Leute verklagten nun den Bauherrn und er sollte alles vergüten und wieder herausgeben. Da konnte er sich nun nicht anders helfen, als daß er noch einmal sich an den Teufel wandte. Da aber nahm ihn dieser gleich beim Schopf, steckte ihn in eine Tonne, die inwendig ganz mit Nägeln beschlagen war. spannte vier Füchse davor und er läßt ihn so bis auf den jüngsten Tag quälen, ohne daß der Unglückliche sterben kann.

Aus St. Margrethen durch Herrn Heinrich.

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480. Der Pfenningmeister.

Verbot sich zu waschen: Wisser S. 189 f. Vgl. Danm. Folkem. 17, 192 ff. Wode kann den Unterirdischen nichts anhaben, wenn er sich nicht gewaschen hat: Nr. 577. – Nicht in die Töpfe sehen: Wisser S. 132. Bolte 2, 423. 427.

Im Sophienkooge bei Marne diente vor Jahren ein Junge bei einem harten Herrn, den man den Pfenningmeister noch heute nennt. So heißen ja sonst die Schatzmeister der beiden dithmarschen Landschaften. Der Junge mußte viel arbeiten und bekam zum Lohn nur Prügel. Da ward es ihm endlich zu arg, er schnürte sein Bündel und ging davon. Aus dem Deiche begegnete ihm ein kleines graues Männchen mit einer steifen Perücke, der fragte ihn, als er ihn weinen sah, was ihm fehle. Der Junge erzählte ihm alles. Da sagte der graue Mann, er könne gleich in seinen Dienst treten, da solle er es besser haben. Der Junge fragte, was er denn zu tun haben würde. Er solle weiter nichts tun, sagte der graue Mann, als unter seine schwarzen Töpfe heizen, aber dürfe nicht hineinsehen und sich in sieben Jahren nicht waschen. Das schien dem Jungen leicht und er willigte ein. Sie gingen in eine tiefe Höhle und der Junge fing sein Geschäft an, heizte unter die großen schwarzen Töpfe, die reihenweis herumstanden, ohne je das Feuer ausgehen zu lassen, und so ging es manches Jahr. Einmal aber war der Teufel aus über die See, da quälte den Jungen doch die Neugier, was wohl in den Töpfen sei. Er hob einen Deckel auf, da saß der Pfenningmeister, sein voriger Herr, darin. An all die Unbill denkend, die er von ihm erlitten, warf er schnell den Deckel zu und schürte das Feuer viel stärker an. Als der Teufel nun nach Hause kam, sah er gleich, was geschehen war, aber weil der Junge kein Mitleid gehabt, kam er ohne Strafe davon. Als nun die sieben Jahre um waren, verlangte er seinen Lohn und wollte wieder auf die Welt hinauf. Da gab ihm der Teufel ein Felleisen, voll von Goldstücken, schenkte ihm auch ein Pferd und im Nu war er wieder auf dem Sophienkoogsdeich, wo er vor sieben Jahren auch gestanden. Er trabte lustig weiter. Da fiel ihm ein, nun sei er reich, er müsse frein. Er ritt nach einem schmucken Bauernhof, da waren drei hübsche Töchter. Er fragte erst die älteste, dann die zweite, endlich die jüngste. Aber die beiden ältesten wollten ihn nicht, weil er so schwarz war; die jüngste sagte, er sollte nur mal wieder kommen, wenn er gewaschen wäre. Da ritt er wieder fort, und der Teufel kam, wusch ihn rein, machte ihn glatt und sauber und hieß ihn, sich Kleider kaufen und dann wieder hingehn. Das tat der Junge, und als er nun wieder hinkam, mochten ihn die beiden ältesten auch leiden, aber er heiratete die jüngste und kaufte einen großen Bauernhof und lebte glücklich. Als das aber die ältesten Schwestern erfuhren, gingen sie hin und erhenkten sich und kamen nun auch in die schwarzen Töpfe hinein.

Mündlich durch Tante I. – Dies Stück ist offenbar eine Vermischung der Märchen vom rußigen Bruder des Teufels und dem Bärenhäuter bei Grimm K.-M. Nr. 100 und 101, und zugleich wieder recht ein Beispiel, wie sehr die Sage die trauliche Nähe bekannter Orte und bekannter Personen liebt, an die sie sich heftet: der Sophienkoog ist erst nach der Flut von 1717 eingedeicht und bewohntes Land.

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481. Der Teufel und der Glaser.

Do weer mal en Glaser, de gung to Landen un harr ganz vêl Glas. As he werrer torügg keem, do wull he sik en bêten rauen (ruhen), he sett sien Glas op en Paal hen. Do füll de Paal um un all sien Glas weer entwei. Do ween he sien bittern Tranen darœwer. Do keem en Mann, de sä em, he soll man nich weenen, he soll nan Wald gaan, op de un de Stêd stonn en groten Ossen. De Glaser gung dahen un greep den Ossen, un tröck damit weg un verköff em int Dörp. Do kreeg he dar hunnert Daler fœr. As nu't morgens dat Mäken den Ossen Heu un Water gêwen will, do seggt de Oß to êhr: »Heu un Water frêt ik nich.« Un dat seggt he êhr dreemal. Do geit dat Mäken na den Herrn un seggt em dat. Un as do de Herr kömmt, is de Oß all ut den Stall herut. Do is dat de Düwel west.

Aus Plön. – Dasselbe wird von Rübezahl erzählt.

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482. Der gestrichene Scheffel.

Bolte 3, 14 Anm.

Ein Mann befand sich in großer Geldnot und rief den Teufel an. Der Teufel kam und versprach ihm einen Scheffel Goldgeld zu geben; er solle ihn gehäuft voll empfangen, und nach zehn Jahren nur gestrichen wieder abliefern. Könne er das nicht, sei er seiner Seele verlustig. Der Teufel hoffte, der Mann sollte ein Schlemmer werden und würde dann ihm sicherlich zufallen. Der Mann aber fragte, ob er das Geld, wenn's ihm möglich wäre, nicht früher wieder abliefern könnte; der Teufel sagte dazu ja. Als er darum dem Mann den gehäuften Scheffel brachte, nahm dieser ein Brett, strich ab und sagte zu ihm, er könne das übrige nun wieder mitnehmen; denn mehr gebrauche er nicht. Seit der Teufel diesen Ärger gehabt hat, ist er vorsichtiger bei solchen Kontrakten geworden.

Herr Marquardsen in Schleswig.

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483. Die Zahlen eins bis sieben.

Vgl. Bolte 3, 15 Anm. Diermissen, Muskist S. 67. – Mann mit dreieckigem Hut: Nr. 134. – Das Stück ist von L. Frahm, der es auch aus Stormarn kennt, plattd. nacherzählt: Modersprak 6, S. 90.

Es war einmal ein Mann in Dithmarschen, der war ein Bauer, hatte Weib und Kind, sein Land gewährte ihm ein gutes Auskommen, und wenn er auch sonst weiter kein Vermögen hatte, so lebte er doch glücklich und zufrieden. Da kam aber eine Seuche unter das Vieh, und seine Kühe starben und dann auch seine Pferde. Doch wußte er sich das erstemal noch neues Gut zu verschaffen, aber als die Seuche abermals und noch einmal seinen Stall leer fraß, da konnte er es nicht länger gut machen, wie es kleinen Bauern leicht geht, die nichts nachzusetzen haben, und er kam in die traurigste Lage. Milch, Rahm, Butter, alles fehlte im Hause; bei den Nachbarn ging's nicht viel besser und mit seinem baren Schilling in der Hand konnte er nichts bei ihnen bekommen. Die Not war groß. Sein Land mußte dies Jahr wüst und unbebaut liegen bleiben; denn die Pferde waren gestorben, die es bearbeiten sollten; und was war nun für den Herbst zu hoffen? In traurigen Gedanken über sein Unglück ging der Bauer in der Zeit, da sonst die Feldarbeiten begannen, übers Feld; er glaubte, Gott hätte ihn vergessen, und verzweifelnd schlug er die Hände über dem Kopf zusammen, wenn er an Weib und Kind gedachte. Da stand mit einem Male ein ganz kleines Männchen vor ihm in einem grauen Rock und mit einem dreieckigen Hui, das aber besonders klug aus den Augen sah. Der Bauer stutzte und wußte gar nicht, wo es herkam, da ja kein Fußsteig über sein Land ging; er wollte vorübergehn; aber das Männchen lief immer neben ihm her und redete ihn an: »So sag er mir doch, warum er so traurig ist, guter Mann. Bielleicht kann ich ihm helfen.« »Ach«, antwortete der Bauer, »wozu wäre das nütze und wie solltest du mir helfen können?« Der kleine Mann ließ aber gar nicht nach und fragte immer dringender wieder, bis ihm der Bauer alles offenbart hatte. Da kniff er seine kleinen Augen zu, schnalzte mit den Fingern und rief: »Wenn's weiter nichts ist, wenn's weiter nichts ist! Hör er also: Ich will ihm auf fünfundzwanzig Jahre vier Pferde geben, die können gegen zehn arbeiten und brauchen gleichwohl nicht gefüttert zu werden. Er kann sie jeden Morgen vorspannen und braucht sie nur abends in den Stall zu lassen; so will ich schon sorgen. Und in diesen fünfundzwanzig Jahren soll sein Land über und über reichlich tragen. Nur mache ich eine Bedingung: er soll, wenn die Zeit abgelaufen, mir eine Frage beantworten oder muß selber mein sein.« Der Bauer, ohne sich weiter zu bedenken und froh der Aussicht auf seine Rettung und sein Glück, sagte ja, er solle nur die Frage stellen, in fünfundzwanzig Jahren würde er schon die Antwort darauf finden. »Nun«, sagte der Kleine, »so sollst du mir heute über fünfundzwanzig Jahre sagen, was die Zahlen von eins bis sieben bedeuten.« Er hielt seine Hand daraus hin und der Bauer schlug ein. Der kleine Mann ging nun noch mit dem Bauern bis ans Dorf, gab ihm einen vollen Beutel mit Geld und verschwand; als der Bauer zu Hause kam, standen die vier Pferde im Stall, und seine Frau sagte, daß ein fremder Knecht sie gebracht habe.

Nun kehrte Freude und Zufriedenheit wieder ins Haus zurück. Gleich wurden neue Kühe gekauft und die Haushaltung wieder in den alten Gang gebracht. Jeden Morgen ging der Bauer mit seinen vier Pferden aufs Feld und es war wunderbar anzusehen, wie rasch die Arbeit vonstatten ging. Abends brachte er sie in den Stall und ließ den Kleinen für sie sorgen. Seine Ernte war reichlicher und besser als die seiner Nachbaren, und so ging's von Jahr zu Jahr, und bald ward der Bauer ein reicher, vermögender Mann, baute sich ein neues prächtiges Haus und kaufte viele große und schöne Ländereien, um seinen Hof zu vergrößern. Wenn ihm einmal die Frage einfiel, die er beantworten sollte, so dachte er, darauf kannst du dich noch nächstes Jahr besinnen, und er verschob sie. Endlich aber waren fünfundzwanzig Jahre herum; da half nun kein Verschieben mehr. Er fing an zu grübeln und zu raten, was wohl die Zahlen von eins bis sieben bedeuten, dachte Tag und Nacht und quälte sich, konnte aber nichts herausbringen. Darüber ward er erst ganz traurig und still und dann krank und elend und zehrte so allmählich ab. Seine Frau und Kinder sahen das mit großer Betrübnis und wollten von ihm wissen, was ihm fehle, er aber schwieg hartnäckig. Je näher aber der Tag kam, je schlimmer ward es mit dem Bauern. Speise und Trank wies er von sich, unruhig und voller Angst lag er in seinem Bette, bald betete und bald weinte er. Seine Frau und Kinder wichen nicht von seiner Seite. Als es nun gegen Mittag des bestimmten Tages kam, schärfte er seiner Frau aufs dringendste ein, alle Türen und Fensterladen des Hauses zu verschließen und niemand einzulassen, der ihn sprechen wollte. Da entstand ein greuliches Wetter, ein Sturm brach los mit Donnern und Blitzen und der Regen strömte vom Himmel. Da klopfte es leise an die Tür; weil sie aber drinnen ruhig blieben, klopfte es noch einmal und immer wieder und aufs flehentlichste bat einer um Einlaß und Schutz gegen das böse Wetter. Da wagte sich die Frau an die Tür und erblickte einen langen, schönen Mann von freundlichen, wohlwollenden Mienen, in schlichten Kleidern mit einem Stock in der Hand. Er ließ nicht nach mit Bitten und sagte, daß er es verstehe, Kranke zu heilen; da ließ die Frau ihn mitleidig endlich ein. Nun befahl er ihr und den Kindern, ihn bei dem Kranken allein zu lassen; er setzte sich an sein Bett, sprach ihm Trost ein und wußte durch seine Rede und sein Benehmen den Mann zu gewinnen, daß er unter vielen Tränen ihm den Grund seines Unglücks bekannte. Da sprach der Fremde: »Guter Freund, ihr seid leichtsinnig gewesen; aber ich will euch helfen. So sage ich euch denn:

Eins ist eine Schiebkarre,
Zwei eine Karjole,
Drei ein Dreifuß,
Vier ein Wagen,
Fünf die Finger an der Hand,
Sechs die Werktage in der Woche,
Sieben das Siebengestirn.

Und nun steht auf und seid gesund und getrost.« Der Bauer erhub sich und fühlte sich wirklich wieder leicht und wohl; als er aber sich umsah, war der Fremde verschwunden. Da merkten sie, daß es unser Herr Christus selbst müßte gewesen sein; wo aber der Herr selber kommt, da hat der Teufel das Spiel verloren. Das Unwetter dauerte indes noch immer fort und schien immer ärger zu werden. Gegen Abend kam mit einem Wirbelwind der Böse ins Haus und fragte sogleich nach den Zahlen. Da lachte der Bauer und sagte es ihm. Nun konnte er ihm nichts anhaben; fluchend auf den lieben Herrgott ging er in den Stall, nahm die Pferde und fuhr mit ihnen durch die Luft davon. Sogleich nahm das Wetter ab und als der Teufel in der Hölle ankam, war es wieder ganz still und heiter. Der Bauer aber lebte fromm und fleißig noch lange Jahre glücklich unter dem Segen des Himmels.

Mündlich aus Dithmarschen. – Oben bei Nr. 308 ward verabsäumt, daß in einer dithmarschen Erzählung, ähnlich wie hier, aus einem Erdmännchen und Kobold der Teufel wird, der den vor der Taufe versprochenen Knaben eines armen Bauern versucht. Auch jene unter Nr. 308 haben dieselbe Verwandlung erlitten. Dies bestätigt eine nordschleswigsche, leider unvollständige Sage, in der ein armer Bauer einem hilfreichen Bergmann seinen ältesten Sohn verspricht, sobald er zwölf Jahre alt ist und sieben Fragen nicht beantworten kann. Zur festgesetzten Frist stellt sich glücklicherweise ein Fremder ein, der beantwortet die Fragen für den Knaben; der Bergmann verschwindet mit Gestank. Vgl. Nr. 234. Dies ist zugleich offenbar dieselbe Sage mit der mitgeteilten.

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484. Hans Donnerstag.

Im Gute Depenau war ein Dienstmädchen, die hatte einen Bräutigam, der sie von Zeit zu Zeit besuchte, der aber nie sagte, wo er hin zu Hause höre und wie er heiße. An einem Morgen nun ganz in der Frühe, als das Mädchen zum Melken ging, hört sie aus der Koppel nebenan einen lustig singen. Sie geht an den Zaun und schaut durch den Busch, da ward sie einen Zwerg gewahr, der tanzte, sprang und sang:

Uns Margreit
Dat nich weit
Dat ik Hans
Donnersdag heit.

Da merkte sie, daß der Zwerg ihr Bräutigam sei. Als er daher das nächstemal wieder kam, sagte sie, sie wollte nichts mit ihm zu tun haben, er könnte man gehen, er wäre ja ein Unterirdischer.

Aus Plön.

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485. Knirrficker.

Ein armer Mann machte mit dem Teufel einen Bund. Da versprach der Teufel ihm so viel Geld durch einen Stiefelschaft, den er durch ein Loch der Tür stecken sollte, ins Haus zu gießen, als er nur immer wünschen möchte. Dafür aber solle er das erste, was ihm geboren würde, sobald es fünfzehn Jahre alt wäre, ihm lassen, wenn er dann nicht wisse, wie er heiße. Der arme Mann ging in seiner Not den Handel ein, und bedachte nicht, daß seine Frau schwanger wäre. Der Teufel brachte ihm das Geld. Er lebte von nun an herrlich und in Freuden; als seine Frau ihm aber bald eine Tochter gebar, da gereute ihn schon sein übereiltes Versprechen. Und je mehr sie heranwuchs und je näher der Tag kam, wo die Frist abgelaufen, je trauriger und unglücklicher ward er, da er gar nicht den Namen des Teufels erfahren konnte. Am Abend vor dem Tage ging er ganz niedergeschlagen durch den Wald. Da begegnete ihm ein Mann und fragte ihn nach der Ursache seiner Traurigkeit. »Ach«, sagte er, »ihr könnt mir doch nicht helfen!« Als der Fremde aber gar nicht aufhörte nachzufragen, sagte er ihm, daß er morgen den Tag seine Tochter verlieren müsse, wenn er nicht den Namen dessen kenne, dem er sie zugesagt. Da erzählte der Fremde, daß er eben einem Mann begegnet sei, der immer so vor sich hingesagt:

Knirrficker heet ik,
En junk Mäken weet ik,
Morgen schal'k êhr halen. –

»Das muß der Teufel sein«, sagte der Mann und ging vergnügt nach Hause. Am andern Tage kam der Böse. Da sagte der Mann: »Knirrficker heetst du, mien Dochter kriggst du nicht.« Und der Unhold mußte abziehn.

Aus Dersau im Gute Ascheberg durch Dr. Klander in Plön. Vgl. Nr. 308. – Knirrficker nennt man sonst einen geizigen und schwächlichen Menschen, besonders die Leinweber. – Vgl. Harrys Sagen Nieders. I Nr. 5. Thiele, Danm. Folkes. II, 217 f. – Auf Romöe wohnen die Unterirdischen in einem Hügel, der die Burg heißt, weil einst da ein Schloß stand. Von dem Hügel geht ein Fußsteig, den einst ein Liebhaber, einer der Bewohner der Burg, nach dem sogen. Frauenthale oft zu seiner Geliebten wandelte. Über die eigenen Wege der Elbe s. Grimms Irische Elfenm. S. LXXVII. Thiele, Danm. Folkes. II, 221.

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486. Gebhart.

Vgl. Nr. 262. Bolte 1. 492.

Ein Mädchen hatte eine böse Stiefmutter. Die quälte sie auf alle Weise, besonders mit Flachsspinnen. Denn immer trug sie ihr schon neue Arbeit zu, wenn sie mit der alten noch nicht zu Ende war; fast jeden Tag verdoppelte sie das Tagewerk, und weil das Mädchen einen Bräutigam hatte und gerne heiraten wollte, so sagte die Mutter: »Wenn du damit zum Abend fertig bist, so soll Hochzeit sein; eher kommst du aber nicht aus dem Hause.« Die böse Mutter hielt aber nie Wort, weil sie die fleißige Arbeiterin ungerne aus dem Hause lassen wollte und ihr dann auch ihr Vermögen hätte auskehren müssen. Zuletzt brachte sie ihr gar die halbe Stube voll Flachs; sagte aber, wenn sie das in drei Wochen abgesponnen hätte, solle sie ganz gewiß Ruhe haben. Das Mädchen sah, daß ihr das nimmer gelingen würde, wenn sie auch Nacht und Tag arbeitete; traurig ging sie hinaus und kam in einen Wald, wo sie sich niedersetzte, um sich einmal recht satt zu weinen. Als sie aber die Augen aufschlug, da stand da ein kleines Männchen in einem kurzen Rock vor ihr und fragte, was ihr fehle. Sie klagte ihm ihre große Not; da hüpfte das Männchen herum und sagte: »Wenn's weiter nichts ist, so kann ich dir schon helfen! Wer du mußt drei Wochen lang meinen Namen behalten; ich heiße Gebhart; vergißt du den, so nehme ich dich mit und du mußt meine Frau werden.« Das Mädchen dachte, wie sollte ich nicht den Namen behalten? und nahm seinen Dienst mit Freuden an, führte ihn in ihre Kammer, er fing an zu spinnen und spann und spann, sie konnte ihm nur immer zuwerfen, und in einem Augenblick war alles aufgesponnen. Darauf verschwand der kleine Mann. Das Mädchen freute sich, daß sie nun frei sei, dachte an ihre Hochzeit und rüstete alles darauf zu; als aber die drei Wochen fast um waren, fiel ihr erst die Bedingung, die der kleine Mann gemacht hatte, wieder ein; da hatte sie den Namen vergessen und konnte sich gar nicht wieder darauf besinnen. Sie rechnete sich alle Namen vor, die ihr bekannt waren und im Lande gebraucht werden, sie sah im Kalender nach; aber nirgend fand sie den rechten, oder bald dachte sie, dieser sei der rechte, bald jener. Vergeblich suchte sie auch das Männchen im ganzen Walde; er war durchaus nirgend zu finden. Darüber ward sie ganz traurig. Ihr Bräutigam bemerkte das und am letzten Tage vor der Hochzeit mußte sie ihm alles erzählen. Da ging der Bräutigam noch den Abend in den Wald, um das Männchen zu suchen; lange irrte er umher und fand nichts; doch zuletzt traf er auf ein ganz kleines Häuschen, das er früher nie gesehen. Da stand auf dem Tisch, mitten in der Stube, wie er durchs Fenster sah, ein brennendes Licht und das kleine Männchen tanzte und sprang immer rund herum, klatschte in die Hände und sang dazu:

Morgen mußt du mit,
Morgen sind wir quitt!
Gebhart heiß ich, hopsasa!
Morgen bin ich wieder da.

Da lief der Bräutigam schnell zurück zu seiner Braut, erzählte ihr, was er gesehen und gehört, und als nun am Morgen das Männchen kam und fragte: »Wie heiß ich?« antwortete das Mädchen: »Gebhart heißt du«; da verschwand das Männchen, und weil die böse Mutter nun nichts mehr dawider haben konnte und ihr Wort halten mußte, so gaben Braut und Bräutigam Hochzeit und lebten noch lange glücklich.

Mündlich aus Marne in Dithmarschen.

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487. Tepentiren.

Zum Anfang vgl. Nr. 595; zum Schluß: Nr. 600 (Ende) und 621 Anm.

Einmal war ein König mit seiner Tochter auf die Jagd gegangen. Aber beim Verfolgen eines Wildes verirrten sie und sahen sich endlich in einer wüsten, unbekannten Gegend. Erschöpft vom langen Umherstreifen und Fasten ruhten sie aus; keine menschliche Seele ließ sich blicken. Da aber sahen sie eine kleine wunderliche Gestalt, ein Männchen, krumm, verwachsen, mit einem langen Barte von purem Golde, auf dem Kopfe eine lange spitze Mütze, das sprang immer auf den Steinen herum. Endlich kam es zu ihnen und versprach, sie wieder in ihre Stadt zu führen, wenn die Königstochter gelobte, ihn nach vierzig Tagen zu heiraten, sobald sie nicht seinen Namen wüßte; dreimal könne sie raten und träfe sie seinen rechten Namen, wolle er ihr seinen Bart schenken. In ihrer Not mußten König und Königstochter auf die Bedingung eingehen, und der wunderliche Mann führte sie richtig nach Hause.

Nun ließ der König die Weisen seines Landes zusammenkommen. Die sollten ihm sagen, wie der sonderbare Mann hieße; aber keiner konnte es herausbringen. Da ließ der König ein Gebot ausgehen und verhieß dem ein große Belohnung, der ihm den Namen zu sagen wüßte oder den kleinen Mann selber gefangen bringen könnte. Aber niemand meldete sich; die Königstochter verging nun fast vor Angst und Sorgen. Am neununddreißigsten Tage aber kam der Kuhhirt auf das Schloß und verlangte zum König gelassen zu werden. Ohne von allem dem, was vorgefallen, etwas zu wissen, erzählte er nun, er sei mit seinen Kühen an eine wüste Stelle gekommen, da habe er einen kleinen wunderlichen Mann immer herumspringen sehen, daß ihm sein goldner Bart vorn und hinten seine lange spitze Mütze an die Beine geschlagen hätte; dazu habe er gesungen:

Tepentiren heet ik.
Unse Königsdochter,
Wenn se weet,
Wie ik heet,
Schall se minen Bart hebben.

Da beschenkte der König den Kuhhirten reichlich; denn nun wußten sie den Namen.

Am andern Tage kam der Zwerg. Die Prinzessin wollte ihn erst necken für die lange Angst, die er ihr gemacht, und nannte erst zwei andere Namen. Aber der Zwerg sagte: »Nä, so heet ik nich!« und sah die Prinzessin immer verliebter an. Nun fragte sie: »Denn heetst du wol Tepentiren?« Da machte er ein wunderbares Gesicht und riß voller Wut seinen goldenen Bart aus, warf ihr den hin und rief: »Dat hett de verfluchte Koharderjung seggt!«

Durch Dr. Klander in Plön aus Dersau.

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488. Ekke Nekkepenn.

Hansen, Beitr. z. d. Sag. d. Nordfr. S. 5 ff. (anders S. 15 f.). Ekke Nekkepenn ist dort der Meermann, derselbe, der in Nr. 522, 3 die Frau des Schiffers um ihren Beistand bittet. Vgl. Philippsen, Sag. v. Föhr S. 11 ff. Zs. f. Vk. 2, 410.

Die Zwerge mögen die Frauen der Menschen besonders gerne leiden. Einer verliebte sich einmal in ein Mädchen aus Rantum und verlobte sich mit ihr. Sie besann sich aber nach einiger Zeit anders und sagte ihm den Kauf auf. Da sagte der Kleine: »Ich will dich schon lehren Wort halten; nur wenn du mir sagen kannst, wie ich heiße, sollst du frei sein.« Nun fragte sie überall herum nach dem Namen des Zwerges; aber niemand wußte es ihr zu sagen. Traurig ging sie umher und suchte die einsamsten Orte, je näher die Zeit kam, daß der Zwerg sie holen wollte; da kam sie endlich bei einem Hügel vorbei und hörte darin diesen Gesang:

Delling skell ik bruw,
Mearen skell ik baak,
Aurmearn skell ik Bröllep haa:
Ik jit Ekke Nekkepenn,
Min Brid es Inge fan Raantem;
En dit weet nemmen üs ik alliining Taglang (heute) soll ich brauen, Morgen soll ich backen, Übermorgen Hochzeit haben: Ich heiß Ekke Nekkepenn, Meine Braut ist Inge von Rantum; Und das weiß niemand als ich alleine..

Als der Zwerg nun am dritten Tage kam, um sie zu holen, und fragte, wie er heiße, da sagte sie: »Du heißt Ekke Nekkepenn!« Da verschwand der Zwerg und kam nimmer wieder.

Durch Herrn Hansen in Keitum auf Sylt.

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489. Ein Mädchen heiratet einen Zwerg.

Hansen a. a. O. 13 f. Zs. f. Vk. 2, 411. Philippsen a. a. O. 26. Heim. 14, 141 (vgl. 7, 63).

Ein junges Mädchen in Braderup auf Sylt hatte, wie die meisten Frauen auf den friesischen Inseln, täglich die schwersten Arbeiten zu verrichten; sie fühlte sich oft unglücklich und beneidete im stillen die Zwerge, die immer fröhlich sind, aber selten arbeiten. Einmal ging sie mit ihrer Nachbarin bei einem Hügel vorbei, wo man oft die Önnerersken hatte singen und tanzen hören, aufs Feld zur Arbeit. »Ach«, rief sie, »könnte man's auch doch haben wie die Leute da drunten!« »Möchtest du denn wohl bei ihnen sein?« fragte das andere Mädchen. »Ach ja, warum nicht?« antwortete sie. Das hörte ein Zwerg, und als nun am andern Morgen das Mädchen wieder vorüber kam, warb er um ihre Hand, führte sie in seinen Berg und heiratete sie. Da soll sie ganz glücklich gelebt und dem Zwerge mehrere Kinder geboren haben.

Durch Herrn Schullehrer Hansen auf Sylt.

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490. Die Unterirdischen wollen eine Frau stehlen.

Vgl. zu Nr. 474. Zs. f. Vk. 2, 410.

Ungetaufte Kinder schützt man aus Sylt dadurch vor den Zwergen, daß man ihnen eine Bibel in die Wiege legt. Einmal aber hätten sie beinahe eine Wöchnerin selbst aus ihrem Hause in Keitum geraubt. Glücklicherweise kam der Mann noch eben zeitig genug vom Felde zurück um die Räuber zu verjagen und seine Frau aus dem Netze zu befreien, in dem sie sie fortschleppen wollten. Als die Zwerge flohen, hielten sie aber noch einen Augenblick wieder an und riefen dem Manne zu: »Deesmaal heest dü wonnen, man sa bald üs dü aur (über) din Wüf flöckst (fluchst), da sünkt jü deal ön de Gründ, en kumt nimmer wedder ap!« Einige Zeit darauf besuchte nun die Frau eine Gevatterin und blieb ihrem Manne zu lange aus. Als sie darum nach Hause kam, fragte er erzürnt: »Hur (Wo) heest dü Düwel sa lung wessen?« Da verschwand die Frau vor seinen Augen in der Erde und kam nicht wieder zum Vorschein.

Durch Herrn Hansen auf Sylt. – Grimm, Irische Elfenmärchen S. XLIV. Deutsche Sagen Nr. 94 (aus Luthers Tischreden). Thiele, Danm. Folkes. II, 209. 222.

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491. Die geraubte Frau.

In Sülzdorf bei Ratzeburg war ein Bauer, dessen Frau verschwand plötzlich. Es ging das Gerücht, die Unterirdischen hätten sie in ihre Berge geschleppt. – Nach langen Jahren fuhr der Bauer einmal nach Lübeck. Als er nun Abends wieder zurückkam, sah er seine Frau an einem Berge sitzen mit einem unterirdischen Kinde im Schoß. Er hörte sie singen mit ihrer schönen klaren Stimme, womit sie so oft seine Kinder in Schlaf gesungen hatte; daran erkannte er sie. Er rief: »Mudder, büst du hier?« und ging näher heran. Da sagte sie: »Laat mi nu man hier, ik bün nu doch de Spies nich meer wennt.« Dennoch zwang er sie mitzukommen, aber da ist sie bald nachher gestorben.

Aus Barkentien durch Kandidat Arndt.

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492. Die ausgehauene Liese.

Der Bauer, der vor hundert Jahren auf der Hufe wohnte, die am Fuße des Bügbergs bei Felsted liegt, fuhr einst nach der Mühle am Strande, als seine Frau gerade in Wochen lag. Als er nun nicht weit mehr von der Mühle durch die Enge zwischen den Bergen fuhr, hörte er drinnen rufen: »Hau die Liese mit ihrer langen Nase aus!« Er dachte, das kann nur meine Frau sein, aber es soll euch doch nicht glücken, was ihr im Sinne habt. Sobald er also nach Hause kam, bestellte er zwei Wächterinnen bei der Kindbetterin, und ging selber zu Bette, weil er sehr schläfrig war, aber vor Unruhe konnte er doch nicht einschlafen. Um Mitternacht waren die Frauen, die wachen sollten, eingeschlafen; da hörte der Mann ein Geräusch und merkte, wie die Unterirdischen zum Fenster hereinkamen, Frau und Kind aus dem Bette huben und ein Holzbild an die Stelle legten. Rasch fuhr er heraus, ergriff seine Frau noch eben am Bein, und rief: »Halt, laßt mir das Meine und nehmt ihr das Eure!« Da mußten die Unterirdischen wieder mit ihrer ausgehauenen Liese abziehen und der Mann behielt die seine.

Durch Dr. Jessen in Flensburg. – Thiele, Danm. Folkes. II, 226.

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493. Ein Unnererschen gefangen.

Alles verkehrt anfangen: s. zu Nr. 317. Auf Föhr bringt man den Odderbaanki dadurch zum Reden, daß man mit einem Sieb Wasser aus einem Eimer schöpft. Heim. 14, 141 und Philippsen, Sag. v. Föhr S. 27. Vgl. zu Nr. 494, 3.

Einmal beschlossen einige junge Bauern, einen Unnererschen einzufangen. Obgleich manche von diesem Unternehmen abrieten, so konnten doch die übrigen der Lust nicht widerstehen. Die Unterirdischen kommen aber bei Tage nie und zur Nachtzeit nur selten zum Vorschein; es war die Sache auch keineswegs leicht. Sie ließen es bis zur Johannisnacht; da stellten mehrere von den Beherztesten sich auf die Lauer, um eins zu erwischen. Doch die Dinger sind flüchtig und ihre Schlupflöcher klein; fast wären sie alle entkommen, wenn nicht der behendeste der jungen Burschen noch so eben ein kleines Mädchen von den Unnererschen bei der Schürze gefaßt hätte. In vollem Jubel ward es zu seiner jungen Frau ins Haus getragen. Die nahm die Kleine freundlich auf den Schoß und schmeichelte ihr; sie gab ihr Zucker und allerlei Leckerbissen und fragte sie darauf hin und her, wie sie heiße, wie alt sie sei und so weiter. Aber die Kleine weinte nicht und lachte nicht und sprach und brach nicht. So blieb es einen Tag wie alle; kein Laut war aus ihr durch Versprechungen oder Drohungen herauszubringen. Da kam einmal eine alte Frau, die gab ihnen den Rat, nur alles verkehrt anzufangen, das könnten die Unnererschen nicht vertragen und fingen gleich an zu sprechen. Da nahm die junge Frau die Kleine mit in die Küche und befahl ihr, den Torf zur Suppe sauber abzuwaschen, während sie das Fleisch zerhacke, um Feuer anzulegen. Die Kleine rührte sich nicht. Da nahm die Frau selbst den Torf und wusch ihn dreimal sauber ab. Die Kleine staunte, aber sie rührte sich nicht. Als die Frau nun auch das Fleisch zerhackt hatte und das Feuer damit anlegen wollte, da sagte sie: »Frau, ihr werdet euch doch nicht an Gott versündigen wollen?« – »Nein«, versetzte die Frau, »wenn du sprechen willst, will ich recht tun, sonst aber verkehrt.« Seit der Zeit sprach die Kleine; bald aber fand sie Gelegenheit zu entwischen. Als kurz darauf die Frau eine Tochter geboren hatte, lag am andern Morgen ein Wechselbalg in der Wiege. Die Unnererschen hatten das Kind geholt.

Volksbuch 1844, 92 ff. durch Storm aus Husum.

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494. Wechselbälge.

1.

Ähnlich aus Meggerdorf: Heim. 22, 202 und aus Lütjensee: Brügmann, Die Sagen L.'s S. 11. Kristensen 1, 977 (Oster-Lygum). 980 (Stenderup). Zs. f. Vk. 2, 412. Bolte 1, 369. – Schutzmittel gegen d. Umtauschen der Kinder: Heim. 14, 141. Kristensen 1, 1035. Feilberg 299; verbreitet vor allem der Glaube, daß bei den Neugeborenen ein Licht brennen muß: Jb. f. Ldk. 4, 157. Nr. 534.

Ehe die Sitte aufkam, die neugebornen Kinder sogleich durch die Hebammen einsegnen zu lassen, vertauschten oft die Zwerge die Kinder mit ihren Kindern. Dabei waren sie sehr listig. Ward nämlich ein Kind geboren, so kniffen sie draußen einer Kuh in die Ohren. Liefen die Leute nun wegen des Gebrülls hinaus, so schlich sich der Zwerg herein und vertauschte das Kind. Da traf's sich aber einmal, daß der Vater es gewahr ward, wie sein Kind aus der Stube getragen wurde. Noch eben zur rechten Zeit griff er zu und riß es an sich, und darauf hielt er auch das Kind des Unterirdischen fest, das bei der Wöchnerin im Bette lag, so sehr sich auch die Unterirdischen bemühten, das ihre wenigstens wieder zu bekommen. Als er den Hut des unterirdischen Kindes aufsetzte, konnte er sehen, wie die Zwerge rings um den Kaffeetisch zwischen den Frauen saßen und sich am aufgetragenen Kaffee gütlich taten.

Das Zwergenkind blieb lange Zeit da im Hause, wollte aber nicht sprechen. Da riet man den Pflegeeltern vor seinen Augen in einem Hühnerdopp einen Brau zu machen und das Bier dann in den Dopp eines Gänseeis zu gießen. Das geschah. Da machte der Zwerg erst allerlei Zeichen seiner Verwunderung, dann rief er aus:

Ik bün so oold
As de Behmer Woold,
Un heff in mien Lêbn
So'n Bro nich sehn.

Einmal sah einer, wie eine Zwergin mit einem eingetauschten Kinde über eine Wiese ging. Das sah sonderbar genug aus. Denn sie konnte es nicht hoch genug halten, weil es zu lang war. Dabei rief sie immer dem Kinde zu:

Bœr op dien Gewand,
Dat du nich haakst
In den gelen Orant.

Durch Dr. Klander in Plön. – Orant oder Dorant ( antirrhinum oder marrubium) scheucht Wichtel und Nichse. S. Grimms Myth. S. 1164, wo fast gleichlautende Reime und Sagen aus Thüringen und Westfalen angeführt sind. Vgl. Nr. 445. Thiele, Danm. Folkes. 1, 211. Schütze, Idiotik. III, 173 führt als Sprichwort an:

So oold
As de Bremer Woold.

Vgl. Grimms Kinder- und Hausm. Nr. 39, 3. Börner, Orlagau S. 201. Grimm, Deutsche Sagen Nr. 87. Kuhns Märk. Sagen Nr. 183. 184. Thiele II, 276 f. – Kielkröpfe (Wechselbälge) sollen an Kopf und Armen fortwachsen, sonst aber werden sie nicht höher als 2 Fuß.

2.

Ähnlich aus Meggerdorf: Heim. 22, 202 und aus Lütjensee: Brügmann, Die Sagen L.'s S. 11. Kristensen 1, 977 (Oster-Lygum). 980 (Stenderup). Zs. f. Vk. 2, 412. Bolte 1, 369. – Schutzmittel gegen d. Umtauschen der Kinder: Heim. 14, 141. Kristensen 1, 1035. Feilberg 299; verbreitet vor allem der Glaube, daß bei den Neugeborenen ein Licht brennen muß: Jb. f. Ldk. 4, 157. Nr. 534.

Solang de Kinner noch nich düfft sünd, hefft de Ünnererschen Macht da œwer se to vertuschen, wenn nich Dag un Nacht Licht in de Döns (Zimmer) is. Dat doot hier noch vêle Lüde. De Ünnererschen tuuscht dat Kind üm, wenn de Moder inslapen is. Dagegen helpt, wenn de Moder en Stück Tüch van den Mann an sick hett.

Nu weer dat doch mal so kamen, dat de Ünnererschen en Kind ümtuuscht harren. De Fru quäl sik mit dat Kind sœwen Johr; dat Kind wull nich wassen, wull nich gaan, dat lehr nich sprêken, dat harr so'n groten dicken Kopp un so lange Arm' un weer so ungestalt. Int sœwende Johr keem da en Taterin to de Fru; de geef êhr den Raad, se sull en Goosei nêmen un sull da Beer in bruen œwert Licht; so würr se sehn, wat dat en Ünnererschen weer oder nich. Dat dêd de Fru un bru Beer innen Goosei œwer en Licht. As dat Kind dat seeg, dat noch in de Weeg leeg, da sä he:

»Ik bün so olt,
As Bernholt (Brennholz)
In den Wolt,

un heff nümmer so wat sehn.« Da sä de Moder: »Büst du so olt as Bernholt in den Wolt, so büst du nümmer mien Kind nich.« Un da greep se en Stück Holt un wull em slaan. Da keem de olle Ünnerersche anlopen, un neem dat Kind ut de Weeg, un sä, so wull he sien Kind nich mishandeln laten; un da harr he en grotes schönes Kind werrer bröcht.

(Einer andern Frau in Jägerup bei Hadersleben, der ihr Kind von den Unterirdischen, die in den alten Gräbern der Gegend wohnen, vertauscht war, riet eine kluge Nachbarin, den Backofen zu heizen und den Wechselbalg hineinzuschieben. Als nun die Frau das Kind auf das Backbrett setzte und in den heißen Ofen schieben wollte, da kam eine unterirdische Frau herbei, brachte das gestohlene Kind wieder und verlangte das ihre zurück; so schlecht hätte sie jenes nimmer gehalten. – In Eiderstede legte eine Frau bei Nacht mitten in der Scheune ein großes Feuer an und setzte einen ganz kleinen Topf darauf. Als nun der Kielkropf geholt ward, schlug er voller Verwunderung beide Hände zusammen und rief mit kreischender Stimme: »Nun bin ich fünzig Jahre alt, und habe noch nie so etwas gesehen!« Da wollte die Frau das Kind in die Glut werfen, aber es ward ihr weggerissen und ihr eignes rechtes Kind stand wieder vor ihr.) –

Aus Niederselk durch Kandidat Arndt. – Durch Dr. Klander in Plön. – In Süderenleben bei Apenrade buk die Frau in Nußschalen und braute in Eierschalen etc.

3.

Auf Föhr fegt die Frau, um das Kind zum Sprechen zu bringen, mit dem umgekehrten Besen die Stube aus (Heim. 13, 277) oder sie fegt die Spreu statt aus der Nordertür aus der Südertür hinaus, worauf das Kind lachend sagt: »So fegst du grade recht, daß mein Vater auch etwas Korn bekommt.« (Heim. 14, 140. Philippsen a. a. O. 24 f.). Zs. f. Vk. 2, 412.

Neugebornen Kindern muß man vorm Schlafengehen eine Schere aufgemacht auf die Wiege legen, bis sie getauft sind. Schlafen sie bei der Mutter, muß man sie beim letzten Wickeln mit einem Kreuz vor Brust und Stirn segnen. Sonst vertauschen sie die Unterirdischen.

Dennoch ward einmal einer Frau auf Amrum von den Onnerbänkissen ihr jüngster Knabe gestohlen. Das Kind, das sie an die Stelle des gestohlenen hingelegt hatten, sah aber diesem so ähnlich, daß die Mutter anfangs den Betrug nicht merkte. Später kam der gestohlene Knabe wieder; da wußten die Eltern nicht, welches ihr eignes rechtes Kind sei, bis ein Zufall sie belehrte. Es war in der Ernte; da ging die Frau einmal auf die Tenne, nahm die Wurfschaufel und warf damit das gedroschene Korn. Die beiden Knaben saßen dabei. Da fing der eine plötzlich an zu lachen. »Worüber lachst du?« fragte die Frau. »Ach«, sagte das Kind, »da kam eben mein Vater herein und holte sich eine halbe Tonne Roggen, und als er wieder hinausging, fiel er und brach ein Bein.« Da sprach das Weib: »Du bist es; nun geh, wo du hergekommen bist!« Damit nahm sie den Knaben und warf ihn durchs Fenster der Tenne hinaus, und sie sah nachher weder ihn noch seinen Vater wieder. Man muß übrigens die Tenne nicht gegen die Sonne, sondern mit der Sonne fegen, sonst stehlen die Unterirdischen das Korn; und damit hatte die Frau es wohl versehen.

Durch Herrn Hansen auf Sylt und Dr. Clement von Amrum.

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495. De Kielkropp.

Nich wied van de Stadt Lauenborg liggt en Dörp, dat heet Böken. Dor stünde vör vêle hundert Johr en Kapell un in de Kapell en Bild van der Mutter Maria, van Holt maakt. Dit Bild stünde dontomal in groten Ehren; denn wenn de Lüde en Kranken hadden, so drögen se em na dat Bild un leten em ne Tiedlang dorvör liggen; so würde de Kranke gesund. – Nu lêve dontomal innen Dörp nich wied darvan en Buer, de harr all mennig Johr en Fru, kunn öwer mit êhr keen Kinner krigen. Dat verdröt den Buer gewaltig. He larm un spektakel den ganzen Dag innen Hufe, stött mit sien Fru herüm un fluch dobie ganz grülich. Mit eenmal säde do sien Fru to em: »Hool up to larmen, du kriggst dinen Willen, ik föhl dat ik Mutter warrn sall.« Do worde de Buer hochvergnögt un freue sik un behandel sien Fru van de Tied an bêter. Awer dat worup he sik so freut harr, sull em eerst recht vêl Elend maken. As sien Fru êhr Kind tor Welt bröch, da were dat Kind süs ganz good un schicklich an sinen ganzen Liwe, awer de Kopp, de weer gröter as bi den gröttsten Minschen. Son Kinner nennen de Lüde dontomal en Kielkropp un glöwen, dat de Düwel sülvst oder een van sien Gesellen dato Vader weren un dat son Kind niks as Unglück int Huus bröch. Genoog, uns Buer harr nu eenmal sinen Kielkropp un müß en ok beholen. Dat duer so dree Johr, bloot de Kopp würe gröter un seh ut as en groten Körbs; de öwrigen Glider blewen so lütt as se west weren, un dat Kind kunn nich gaan un staan un keen Woord sprêken, et quarr un schrie Dag un Nacht. Up enen Abend nu, as de Buerfru êhren Kielkropp up'n Schoot harr un sik mit em afquälen müß, säde se to êhren Mann: »Du, mi fallt wat in, villicht kann uns noch holpen warren. Morgen is Sünndag, denn nimm dat Kind in de Kiep un gah domit hen na Böken na de Mutter Maria; du sullst de Kiep vör êhr hen stellen un dat Kind en Tiedlang wegen; villicht dat't helpt.« – De Buer weer domit to frede; den Morgen dorup kreeg he sien Kiep torecht, lade up'n Grund Heu un doröwer en beten Bettüch, pack sinen Kielkropp henin un günge loos. As he nu up de Brügg vör Böken köm, de dor öwer en Water günge, so hör he, as he midden up were, en Stimm achter sik uten Water ropen:

Kielkropp, wo wullt du hen?

Un dat Kind in de Kiep antwoord:

Ik will mi laten wegen,
Dat ik sall gedegen (gedeihen).

Do verfeer sik de Buer gewaltig, as dat Kind mit eenmal an to sprêken füng; in den Ogenblick öwer besünn he sik, reet de Kiep heraf un smeet se mit samt den Kielkropp int Water, un säde dobie:

Kannstu nu sprêken du Undeert,
Denn gah dorhen wo du't hest leert.

Mit eens hêf sik ünder de Brügg en groot Geschrie an, as wenn vêle Minschen mit eenmal an to ropen füngen. Do würde den Buern bange un ahn sik ümtosehn leep he na sien Huus torügg un vertelde sien Fru, up wat förn Wise he sinen Kielkropp loos worden were.

Nach einer schriftlichen Mitteilung aus Ratzeburg. – Grimm, Deutsche Sagen Nr. 81. 82. Thiele, Danm. Folkes. II, 243.

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496. Sie wollen ausziehen.

Umziehende Unterirdische: Kristensen 1, 1341 (Söllstedt b. Tondern). 1357 (Andrup).

Der Großvater eines noch jetzt lebenden Uhrmachers in Hohn weidete einmal als Knabe die Kühe bei dem unweit des Dorfes gelegenen Gehölze Limhorn. Um sich vor Regen zu schützen, hatte er die weite Jacke seines Vaters übergezogen. So stand er ganz in Gedanken unter einem Baum: da sah er sich auf einmal von einer Menge Unnererschen umzingelt, die sich bei den Händen gefaßt hatten und einen Kreis um ihn schloffen. Sie sagten ihm, sie wollten nun aus der Gegend ausziehen und er solle mit. Auf seine Frage, weshalb sie denn ausziehen wollen, antworteten sie: sie könnten das Glockenläuten im Dorfe nicht vertragen. Wer der Junge wollte sich doch nicht von ihnen halten lassen und brach durch den Kreis; nur die Jacke faßten sie und streiften sie ihm von den Armen. Am andern Tage aber fand er sie an derselben Stelle an einem Busch hangen.

Durch Storm.

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497. De Ünnererschen in Eißendörp.

Vgl. Nr. 452. v. Hedemann, Deutsch-Nienhof 1, 17. In Schwabstedt sagen die Unterirdischen: »Glockenklang un Schoolgesang, dat drifft uns ut dat Schwabenland.« Mitt. d. nordfr. Vereins 7, 81. Vgl. zu Nr. 460.

Bi Eißendörp int Kaspel Noortdörp liggt en hogen Barg, de de Lietbarg heet; dar hebbt vœr olen Tiden de Ünnererschen in wahnt. Disse Lüd weren gar nicht so schlecht, so lang se nicht vertörnt weren, on lehnten ümmers an de neechsten Dörper êhr Kopper- on Tenntüch ut, wenn dar Köst (Hochzeit) oder Kinnelbeer weer. Dar weer dat denn Gebruuk, dat de Unnererschen en Stück Fleesch oder en Wost leggt warr, on weer dat de Betalung för de lehnten Saken. – Maleens harr ok en Buer in Ellerdörp en groten koppern Kêtel von êhr lehnt on kreeg sien Jung dar met hen um em bi den Lietbarg wedder aftolêwern. De Jung awer eet ünnerwegens de Wost op on verunreinig den Kêtel. As he em nu an den Barg fett, do keem dar en lütten Dwark herut, de greep den Jung bi de Ohren on dreih em den Kopp üm, dat dat Achterst vœr to staan keem. So keem de Jung to Dorp on van de Tied hebbt de Qnnererschen niks wedder utlehnt. Dat duer ok nich lang, do keem dat Kristendom hier in de Gegend, on as to Noortdörp en Kapell boot on de Klokken lüd worn, do togen de Ünnererschen weg œwer den Kamp on sungen:

Evangeeln, Klocken on Klangen
Dat verdrefft uns uten Landen.

Schriftliche Mitteilung. Vgl. Nr. 462. 380, 2. Harrys Sagen Nieders. I 6. 8. Grimm, Deutsche Sagen Nr. 151. 153. Börner, Orlagau S. 117. 125.

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498. Des kleinen Volkes Überfahrt.

Vgl. Nr. 445, 2. Carstens, Wanderungen durch Dithm. S. 46. Heim. 6, 157 (Hohner Fähre). Überfahrt der Odderbaanki von Föhr nach Amrum: Heim. 14, 193. Philippsen a. a. O. 29. Nach Höft. Über Ursprung und Bedeutung geographischer Namen (Rendsburg 1869) S. 101 lassen sich die Unterirdischen auf ihrer Wanderung von Jevenstedt nach Schweden bei Klint über die Eider setzen. Vgl. Georg Asmussen, Leibeigene S. 180 f. (Auszug von Süsselhü im östl. Angeln und Überfahrt nach Schwansen). Kl. Groth Ges. Werke 2, 193 ff. Etwas abweichend aus der Gegend von Lübeck: Urqu. 1, 69. Vgl. auch Heim. 23, 105.

In den Hüttener Bergen wohnten vor Zeiten eine große Menge Unterirdische. In dem Kindelberg hat man sie besonders häufig gehört wie sie butterten, und im Pläterberg bei Wittensee, wie sie miteinander sprachen. Als aber die Glocken aufkamen, sind sie alle miteinander fortgezogen. Da zogen sie nach der Marsch zu und kamen in der Nacht an die Hohner Fähre und wollten sich übersetzen lassen. Sie weckten den Fährmann. Als aber der herauskam, sah er nichts, ging wieder ins Haus und wollte zu Bett. Da klopften sie noch emmal und zum dritten Male an, und als der Fährmann nun wieder herauskam, sah er, wie es vor dem Hause grimmelte und wimmelte von lauter kleinen grauen Leuten. Da war da einer unter ihnen mit einem langen Bart, der sagte zum Fährmann, er sollte sie über die Eider setzen, sie könnten die Glocken und den Kirchengesang nicht länger vertragen und wollten anderswo hin. Der Fährmann machte die Fähre los und stellte seinen Hut, wie der mit dem Bart ihm sagte, ans Ufer. Und nun kamen sie alle in den Prahm herein, Männer und Weiber und Kinder, und zwar so viele, daß sie sich drängten und der Prahm zum Sinken voll ward. So ging es jedesmal, wenn der Fährmann wieder zurückkam, und er hatte die ganze Nacht nichts anders zu tun, als immer hin und her zu fahren, und immer war die Fähre gleich voll. Als er endlich die letzten hinübergebracht hatte, sah er, wie das ganze Feld auf der andern Seite von vielen Lichtern flimmerte, die immer durcheinander hüpften; da hatten sie alle kleine Laternen angesteckt. Am Ufer aber vor seinem Hause fand er seinen Hut ganz aufgehäuft voll von kleinen Goldpfenningen; denn jeder hatte beim Einsteigen einen hineingeworfen. Dadurch ward der Fährmann Zeit seines Lebens ein steinreicher Mann.

Auch von Klint aus bei Fockbek haben die Unterirdischen sich einmal über die Eider setzen lassen. Auch sind sie einmal irgendwo über die Treene gekommen. Aber niemand weiß, wo ihr Volk hingezogen ist.

Mündlich. Herr Schullehrer Boysen in Bistensee: Storm in Husum; Herr Koch in Schleswig.

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499. Die Wolterkens.

Mügge, Streifzüge in Schl.-H. (1846) S. 2, 77 ff. Philippsen, Sag. v. Föhr 31. Heim. 15, 115. Kock, Schwansen2 S. 115. Kl. Groth Ges. Werke 2, 180 ff. Vgl. Feilberg, Nissens historie Kobenhavn 1918 (= Danm. Folkem. 18). Fischer, Slesv. Folkes. S. 132 ff. Viel wird in Stapelholm vom Niß Puk erzählt; er hilft namentlich den Knechten beim Häckselschneiden, Mähen, Düngeraufladen und sonst; übermütigen Knechten jagt er durch plötzliches Erscheinen Schrecken ein, so einem, der sich beim Kornabladen brüstete, er werde Niß mit der Forke durchstechen (Heim. 8, 26 f.). In Föhr mahlen die Puke für Wohnung und Pflege Kaffee und wiegen die Kinder; es heißt aber, daß sie auf die Dauer damit nicht zufrieden sind, sondern auch Kleidung verlangen (Heim. 15, 116). – Als Kinderschreck dient jetzt meistens der Bumann (vgl. Nr. 410); schreiende Kinder werden bedroht: »Bumann kümmt un nimmt di mit, stickt di in Sack« oder ähnl. Er wohnt im Brunnen (»sitt in Sood«); vgl. Nordalb. Stud. 1, 26. Jb. f. Ldk. 4, 158. Diermissen, De lütje Strohot (1847) S. 101. In Eiderstedt droht man den Kindern, um sie von den Wassergräben fernzuhalten, mit dem Bullerkêrl, der sie an den Beinen hinabzieht (vgl. Nr 535. 445, 1 Anm.), am Marnerdeich mit dem Sargfisch (Nr. 389). In Flensburg und Angeln spricht man vom Bußemann, der mit seinem langen Haken die Kinder in den Brunnen oder Teich zieht (vgl. Nd. Jahrb. 27, 57. Kl. Groth Ges. Werke 1, 17 und Glossar z. Quickb.6 S. 318), in Schwansen vom Buselmann (Kock, Schwansen2 S. 115), auf Föhr vom Bollermann, der mit einem Sack auf dem Rücken einhergeht und mit seinem Knüppel gegen die Türen schlägt, damit die Kinder seine Nähe merken (Heim. 15, 118; vgl. Nr. 500). Auf Helgoland warnt man sie vor dem Jal (Nr. 392). Kinder, die zu spät draußen sind, werden auf Föhr mit dem Munnbälkchen bedroht (Heim. 14, 193; Philippsen, Föhr S. 30). Auch der Kum, Goom, Koome (Nr. 499 Anm.), Kobbe straft in Nordfriesland die unartigen Kinder (Jb. f. Ldk. 10, 52). In Eidelstedt spielt auch Nißchen Puk diese Rolle, namentlich, wenn Kinder abends im Bett schreien. In Heinkenborstel bei Hohenwestedt droht man mit dem Habbock (Hirsch): »gah jo nich in Roggn rin, dor sitt H. un fritt di op«; auf Föhr mit den Roggsladers, wenn Kinder beim Pflücken der Kornblumen das Korn niedertreten (Heim. 15, 155. Philippsen S. 30); im Kchsp. Hohenaspe mit dem » Kniesbuck« (Zs. f. s.-h. Gesch. 15, 312). In der Propstei sagt man, der Tader (Zigeuner) sitze im Brunnen. – Den Puken ähnlich sind die Wieschler oder Trieschler auf Föhr (Heim. 15, 116. Philippsen S. 33 f.); dort treiben auch in einsamen Niederungen die Leuchtermännchen ihr Wesen (Heim. 14, 193). – Die in der Anm. verzeichnete Stelle aus Herrn Jürgens Predigt s. Zeitschr. f. schl -holst. Gesch. 12, 169 (statt »hungerst«: »hüpest«).

Samuel Meigerius, weiland Pastor zu Nortorf, schreibt in dem zweiten Kapitel des dritten Buches seiner Schrift de Panurgia lamiarum also:

De Wolterkens vinden sik gemeinlik in den Hüseren, dar ein gut Vörrat van allen Dingen is. Dar schölen se sik bedeensthaftigen anstellen, waschen in der Köken up, böten Vür, schüren de Vate, schrapen de Perde im Stalle, voderen dat Quick, dat it vet und glat herin geit, teen Water und dragent dem Vehe vör. Men kan se des Nachtes hören de Ledderen edder Treppen up und dal stigen, lachen wenn se den Megeden este Knechten de Deken afteen. Se richten to, houwen in jegen dat Geste kamen schölen, smyten de Ware in dem Huse umme, de den Morgen gemeinliken darna vorkost wert. – De Husniskens edder Husknechtkens dragen dem Naber dat Voder af und slepen it eres Heren Köien edder Perden vör, dat det Nabers Quick verhungere und eres Werdes gedie und vet werde. Se schölen so lange bliven, bet dat de Neringe begünnet to krimpende unde dat Gelücke sik wendet edder so men erer spottet, de wile de hoverdige Geist neinen Spott liden kan; alsedenn schölen se sik ut den Hüseren vorleren, dat se nicht mer vornamen werden.

Wenn den Hausnischen, die man auch Hauspuken nennt, etwas zu nahe geschieht, machen sie Nachts einen greulichen Lärm, daß niemand schlafen kann, sie zerbrechen den Hausrat und werfen mit Steinen. – Wenn einer in einem Hause zu wohnen begehrt, trägt er einen Haufen Späne zusammen, füllt die Milchfässer mit Milch an, aber beschmutzt sie mit allerhand Viehdreck. Wenn nun der Hausvater das vermerkt, so esse und trinke er nur getrost mit seinem Hausgesinde die Milch und tue er den Spanhaufen nicht weg noch voneinander; so ist das ein Zeichen für ihn und er bleibt im Hause. Dann wird alles im Hause wohl bestellt, das Vieh ist des Morgens gefüttert, die Tennen sind gefegt, und das Korn, das am Tage gedroschen werden soll, wird des Nachts heruntergeworfen und zurechtgelegt. Ist das Vieh krank, so kennt und holt er für sie die heilsamsten Kräuter. – Dann sagt man: Niß Puk muß gearbeitet, gesorgt, gefüttert und gefegt haben, und wo Segen und Wohlstand ist, heißt es, da wohnt oder regiert Niß Puk.

Gemeiniglich pflegt nämlich zurzeit nur einer in einem Hause zu wohnen und einen solchen nennt man Niß Puk, oder auch Nißkuk oder Neßkuk. Darnach heißt auch wohl das Schulkinderfest in Meldorf, dann zieren die Mädchen die Schulstube mit Blumen und nachmittags und abends wird getanzt; und dann sagen sie: Wir haben Neßkuk, wir feiern Neßkuk.

Die Nisken halten sich stets in finstern verborgenen Winkeln des Hauses und der Ställe aus, oft auch in den Holzhaufen. Sie verschwinden vor jedem, der sich ihnen nähert. Abends aber müssen die Leute im Hause den Feuerherd sauber aufräumen und zum Dienst der dienstfertigen kleinen Leute einen Kessel mit reinem Wasser hinsetzen. Auch begehrt der Niß Puk allezeit, daß eine Schüssel mit süßer Grütze, Butter oder Milch ihm an einen Ort gestellt wird. Daher pflegt die Hausfrau, wenn sie irgendwo eine Schüssel mit Essen herumstehen findet, die Mägde zu fragen, ob das für Niß Puk hingesetzt sei.

Dem Nisebok, so hörte ich einmal aus Schleswig, stellt die Frau Abends Milch und Brot in den Schrank, wenn sie sich von den Mägden unbemerkt glaubt, und wenn sie zur Stadt fährt, bringt sie ihm immer einen Stuten mit. Er aber bringt Korn, und wenn man dreschen will, so findet man zwischen jeder Lage Roggenstroh eine Lage schieres Korn.

Leute aus der Landschaft Stapelholm, die den Niß Puk gesehen haben, beschreiben ihn also, daß er nicht größer als ein ein- oder anderthalbjähriges Kind sei. Andre sagen, er sei so groß wie ein dreijähriges. Er hat einen großen Kopf und lange Arme, aber kleine, helle, kluge Augen Die Sylter versichern, daß er sehr große Augen habe; daher sagt man von einem neugierigen Menschen: »Hi glüüret üs en Puk.«. An den Füßen trägt er ein Paar rote Strümpfe, um den Leib eine lange graue oder grüne Zwillichjacke und auf dem Kopfe eine rote spitze Mütze. Gar gern hat er auch ein Paar weiche Pantoffeln, und wenn er's recht gut hat, so kann man ihn Nachts darin auf dem Boden flink herumschlurren hören.

Diese Wesen offenbaren sich aber auch oft in scheußlicher Gestalt und jagen dem Hausgesinde einen Schrecken dadurch ein, worüber sie dann immer mit einem Gelächter ihre Freude bezeugen.

Mit dem Büsemann, der im Stalle wohnt, macht man unartige Kinder bange. Auf Föhr hält man sie mit dem blinden Jug in Furcht, in Dithmarschen mit dem Pulterklaas. Wer aber kennt nicht den fürchterlichen Roppert!

Samuel Meigerius a. a. O. Hamborg 1587. 4. – Arnkiel I, 49. 50. – Abhandlungen aus den Schl.-Holst. Anzeigen, herausgegeben von Falck, I, 137. 175 ff. 209. Vgl. Wolf, Niederl. Sagen Nr. 228. 480. Kuhn, Mark. Sagen Nr. 180. – Laß, Husumsche Nachrichten, Flensb. 1750, 4. Sammlung I, 150. – Mündlich und durch Storm. – Bei Grauer Erklärung des güldenen Horns 1737. S. 75 wird neben Niskepuk ein Geist Koome genannt, von dem Heimreich ed. Falk I, 120 meldet, daß man ihn auf Föhr mit Tänzen und Sprüngen geehrt habe. – Nach Samuel Meigerius und Arnkiel scheint auch der Name Chimken für die Hauskobolde bei uns gebräuchlich gewesen zu sein. – Über den Büsemann, dessen Namen man wohl nicht richtig aus fries. Büisem, niederl. Boos, hochd. Banse (Scheune, Stall) erklärt, vgl. Outzen Glossar u. d. W. Bussemann; mit ihm schreckt man die Kinder vor dem Wasser, worin er sein Wesen hat. Sie sollen nicht zu nahe kommen, denn sonst kommt der Bussemann und holt sie. – In Holstein hat man den Reim:

Hamer (d. i. Donar), sla bamer,
Sla Bussemann dood.

Vgl. Mythol. 474 f. Man sagt dafür auch: »Sla Bumann ni dood.« Mit dem Bumann, »dem bösen Bumann«, schreckt man auch die Kinder. In einer alten handschriftl. Predigt, gehalten 1628 zu Nordhackstedt im Amte Flensburg durch Herrn Pastor Jürgen, heißt es von einem Geizhals: »Du deist doch in der Welt neen gut, als dat du Geld tohopen hungerst und datsülve to din egen Nutze bringest, schultu ock darum to Meister Hummelmann (andre Abschr. hat Meister Hemerlings, der Teufel Donar Mythol. S. 166), ja hen to de böse Buchmann faren; ja far fort, du must doch hen, du magst töven so lange as du wult.« – Den freundlichen, gabespendenden Hausgeist (der nach andern Sagen oft mit den Kindern spielt) meinen ohne Zweifel die Kinderreime vom Buköken vun Halberstadt, vun Bremen, (vun Buten), vun Halle, Schütze Idiotik. I, 177, nicht aber den Bischof Bucco von Halberstadt, was mir albern scheint. So heißt auch in Schottland und auf den shetländischen Inseln das Hausknechtchen, der Hausgeist, bumann, bukow, boodie. Jamieson Dictionary. Er trägt gerne Schellen am Kleide. – über den Namen Wolterkens, d. i. Walterchen, Mythol. S. 471 f. – Niss oder Neß wäre, wie süß aus sechs, wohl als Nichs zu erklären, wenn Niß nicht gleich Nicolaus S. Mythol. a. a. O. Puk bedeutet klein, unerwachsen. Mythol. 468. In Dithmarschen gebraucht man ein Verbum puken von kleinen Diebereien, besonders der Kinder untereinander.

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500. Das Klabautermännchen.

Ähnlich aus Föhr: Heim. 15, 118 mit dem Zusatz, daß der Junge einen Bissen von dem Essen einsteckt und dafür abends, als er es verzehren will, von unsichtbarer Hand eine Ohrfeige bekommt (vgl. zu Nr. 502). – Nach Jb. f. Ldk. 3, 448 ist der »Kalfatermann« der Geist eines ermordeten Kindes. – Viel wird von den »Kaboltermännchen« auf Föhr erzählt; vgl. Heim. 15, 117 f. Philippsen, Sag. v. Föhr S. 34 ff. Man glaubt dort, daß das Glück des Schiffes an ihnen hängt. Anderswo erscheinen sie mehr als Unglücksboten; vgl. Urqu. 1, 135 f.; sie werden dann auch äußerlich abstoßend gedacht: ein greulicher Fischkopf mit langen struppigen Haaren, gelben fletschenden Zähnen und glühenden Augen. Auf Föhr glaubt man, daß sie sich in den Häusern aufhalten, wenn sie kein passendes Schiff finden; sie treiben es hier dann ebenso wie auf dem Schiff und erschrecken und ängstigen die Kinder: Heim. 15, 118; vgl. zu Nr. 499 »Bollermann«. Danm. Folkem. 18, 103 f. Johansen, nordfries. Sprache S. 268 f. Zs. f. Vk. 2, 416.

Auf einem Schiffe, das sich mitten auf der See befand, klingelte der Kapitän dem Schiffsjungen: »Bringe mir eine Flasche Wein und zwei Gläser!« »Zwei Gläser, Kapitän?« fragte verwundert der Junge; »ihr seid ja allein, wie kriegt ihr denn Besuch?« Der Kapitän befahl ihm zu gehn und zu tun, wie er geheißen. Als der Junge nun wieder mit der Flasche und den Gläsern in die Kajüte trat, da saß da der Schiffsgeist bei dem Kapitän und beide sprachen miteinander, der Kapitän schenkte ihm ein und sie tranken zusammen. So lange nämlich ein solcher Schiffsgeist auf dem Schiffe und gut Freund mit der Mannschaft ist, geht das Schiff nicht unter und jede Fahrt gelingt; verläßt er es, so steht es schlimm. Alles, was am Tage auf dem Schiffe zerbrochen ist, zimmert er Nachts wieder zurecht; er heißt darum auch der Klütermann. Er bereitet außerdem manche Arbeit für die Matrosen vor und verrichtet sie gar für sie. Ist er aber in übler Laune, macht er einen greulichen Lärm, wirft mit Brennholz, Rundhölzern und andern Sachen umher, klopft an die Schiffswände, vernichtet manches, hindert die Arbeiter, ja gibt den Matrosen unsichtbar heftige Ohrfeigen. Von diesem Lärmen, meint man, heiße er der Klabautermann.

Mündlich aus Dithmarschen und durch Herrn Hansen auf Sylt. – Klabautermann, im Flamänd. Kabotermann, ist entstell aus Kobold. Grimm, Mythol. 470.

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501. Dr. Faust und Niß.

Andere Erklärung des Namens bei Lorenzen S. 8.

Dr. Faust hat den Niß einmal in seinen Diensten gehabt. Er fuhr mit ihm in einem gläsernen Kasten über die See an den Küsten entlang, um alle Tiefen und Untiefen auszuspähen. Alles, was er so durch seinen Glaskasten wahrgenommen, hat er aufgenommen und zu Papier gebracht; denn die Seekarten, die die Kapitäne und Steuermänner gebrauchen und worauf alles gezeichnet ist, die rühren von dem Dr. Faust her. Als sie an die Fährstelle am Eingange des Flensburger Hafens kamen, da war es aber nahe daran, daß der Glaskasten untergehen sollte. Da rief Dr. Faust: »Hol Niß!« Niß sollte nämlich nicht weiter fahren, weil es nicht mehr ging, und sollte das Schiff zum Stehen bringen. Seit der Zeit heißt nun der Ort Holnißfähr.

Mündlich durch Mommsen.

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502. Nu quam jem glad Niskepuks.

Hausgeist im Hausbalken vgl. Mannhardt, Feld- u. Waldkulte2 44. Danm. Folkem. 18, 34 f. Nr. 520, 1. – Schlag ins Gesicht: Nr. 277. 500. 503, 1. 2. – S. 340 Z. 6 von oben: statt »Krippen« lies »Grüppen« = Rinnen hinter dem Vieh für die Jauche. »Lucht« = Raum zu beiden Seiten des Herdes, wo die Betten stehen.

In der Hattsteder Marsch, nahe einem Deiche, wohnte ein Bauer, ein Friese, mit Namen Harro Harrsen. Der Mann lebte in drückenden Umständen und mußte, wollte er Umschlag halten, jede noch so geringe Ausgabe ersparen. Aber sein altes Haus drohte ihm über dem Kopf zusammenzufallen, ungeachtet alles Stütz- und Flickwerks. Einige gute Freunde schossen ihm endlich Geld zum Bau her, aber nicht genug, um ganz neu zu bauen. Harro Harrsen mußte sich helfen. Alle nur einigermaßen brauchbaren Holzstücke sammelte er aus dem alten Hause und brachte sie in dem neuen an. Da fand er unter diesen einen guten Ständer aus Eichenholz; oben darin war ein Loch, worin früher ein Strebebalken gelegen hatte. Harro Harrsen war ein anschlägiger Kopf, er wußte zu allen Dingen Rat. Er dachte gleich, wie er die Vertiefung sah, daß sie gut zu einer Wohnung für einen kleinen Niskepuk wäre. Er nagelte alfo, nachdem das Haus fertig war, ein Brett so groß wie eine Mannshand darunter wie ein Bord, stellte eine Schale mit Grütze darauf, mit reichlich Butter darin, und rief nun freundlich: »Nu quam jem, glad Niskepuks!« (Nu kommt, liebe Niskepuks.) Sie ließen nicht lange auf sich warten. Bald kamen sie, um sich das neue Haus zu besehen, tanzten hindurch und einer, der nur drei Zoll hoch war, blieb zurück und wählte sich die Ständerhöhle zur Wohnung. So wie Harro Harrsen die Anwesenheit des kleinen Gastes merkte, sorgte er dafür, daß immer Grütze in der Schale war, und steckte ein noch größeres Stück Butter hinein. Das tat er alle Tage. Von der Zeit an waren jedesmal, wenn er Morgens in den Stall kam, die Pferde gestriegelt, die Kühe geglättet, die Krippen gereinigt, Boos und Lucht ausgefegt und das Stroh zum Ausdreschen hingelegt. Das Vieh gedieh von Tage zu Tage, die Kühe gaben reichlicher Milch, und die Schafe warfen regelmäßig drei, vier Lämmer. So ward Harro Harrsen ein wohlhabender Mann und hieß in der ganzen Gemeinde nur der reiche Bauer. Deswegen pflegte er seinen kleinen Einlieger immer besser. Sein Knecht Hans war nicht weniger gut Freund mit diesem. Ging er spät Abends zu Türen aus (was man anderswo Fenstern nennt), so paßte Niskepuk auf die Stalltür. Öffnete sie ein andrer, erhielt er einen Schlag mit einem Knittel ins Gesicht; vor Hans aber öffnete und schloß sie sich von selbst. Hans fand auch fast jedesmal Morgens seine Früharbeiten getan, wenn er nach Hause kam, oder wenn er einmal die Zeit verschlief. Zuletzt verheiratete er sich mit Botel Oxen. Der neue Knecht, der in seine Stelle trat, stand sich aber nicht so gut mit dem Kleinen, er wollte es anfangs nicht glauben, was man von ihm erzählte, nachher neckte er ihn oft. Als daher Harro Harrsen starb und seine Söhne in andern Kirchspielen sich angesiedelt hatten, soll Niskepuk zu Hans gezogen sein; dieser ward bei seiner Küsterei und Krugwirtschast in Schobüll ein wohlhabender Mann. Thede Boje Thießen aber, der andere Knecht, brachte es in seinem ganzen Leben nicht weiter als zu einem Purrenfänger und kam zuletzt auf die Armenkasse.

Durch Herrn Martin Harding in Herstum in der Hattsteder Marsch.

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503. Niß Puk in Owschlag.

Frahm 226. Ohrfeigen: zu Nr. 502. Vgl. Kristensen 5, 1802.

1.

Einer der Kolonisten zwischen Tetenhusen und Kropp war sehr reich geworden, wie man sagte durch einen kleinen Jungen mit einer roten Mütze, den hatte er sich gekauft. Er warf ihm jeden Morgen einen Spezies vom Boden, dafür mußte er ihm Abends Butter in die Grütze geben und er gehörte ihm an, wenn er stürbe. Der Bauer hatte ihn aus der ersten Hand, konnte ihn also wieder verkaufen, und das tat er auch, als er reich genug war. Er verkaufte ihn an einen Mann in Owschlag. Bei diesem machte er es ebenso. Der Bauer hatte eine Kammer, in die niemand kommen durfte; darin fehlte eine Fensterscheibe, die nie eingesetzt wurde; denn dadurch ging der Kleine aus und ein, sonst wohnte er auf dem Boden. Einst bei Nacht machten die Pferde einen furchtbaren Lärm, sie fraßen als wenn sie Eisen bissen, es knirschte und knarschte ihnen zwischen den Zähnen. Der Knecht stand auf und wollte nachsehen; als er aber den Pferden in die Krippe sah, bekam er rechts und links Ohrfeigen von dem Kleinen. Wenn der Knecht künftig so etwas hörte, so blieb er ganz ruhig liegen. Der Bauer konnte den Kleinen aber nicht wieder los werden, denn er war der dritte, der ihn hatte. Der Bauer ist nun längst tot und man weiß nicht, wie der Nispuk aus dem Hause gekommen ist.

Herr Schullehrer Boysen in Bistensee. Vgl. Nr. 327. 330. 331.

2.

To Owschlag weer vor etliche Tied en Buer, de harr en Nisebuk; de wahn in en Lock, dat in de Wand weer, so groot as en Tegelsteen. Nachts harr he immer Hawer parat un soder de Pêr un dat annere Veh; da dörs keen Knecht to de Pêr kamen, süst kreeg he Ohrsigen links un rechts. Morgens awer fünnen se de Krippen vull Hawer. De Deerns bruken ok nich eenmal Water to halen un ok kene Bessen to binden; dat harr he allens daan. Un wenn se Morgens de Asch van den Heerd raken, da fünnen se allemal da en Speetschendaler.

Aus Niederselk bei Schleswig durch Kandidat Arndt.

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504. Neß Puk im Kasten.

Drache: Nr. 326.

Ein Bauer in Osterborstel, bei Alversdorf, wurde mit einem Male wohlhabend und reich und in allen Dingen glückte es ihm. Die Leute hatten zwar mehrere Male gesehen, daß der Drache ihm Geld zugetragen hatte; aber sie glaubten doch nicht, daß all sein Glück daher komme und meinten deswegen, er müsse einen Neß Puk haben. Einmal war der Bauer mit seiner Frau ausgegangen, als das Dienstmädchen, die schon lange neugierig gewesen war, fand, daß der Schlüssel in einem alten Schranke stecken geblieben war, bei dem sie oft ihre Herrschaft heimlich hatte kramen gesehen. Sie öffnete ihn und fand weiter nichts darin, als einen kleinen Kasten. Als sie aber auch diesen öffnete, sprang da ein kleiner spannenlanger Kerl heraus mit einer spitzen roten Mütze aus dem Kopfe und entwischte. So sehr sie sich nun auch bemühte, seiner wieder habhaft zu werden, so war es doch alles umsonst; wenn sie eben meinte, sie hätte ihn in einer Ecke fest, so war er schon wieder in der andern. Am Ende lief er die Treppe hinauf auf den Boden und foppte da das Mädchen ebenso. In der Furcht entdeckt Zu werden, weil bald der Bauer zurückkommen mußte, eilte sie in die Küche, machte die Feuerzange glühend und ging damit hinter dem Kleinen her. Da merkte er, daß es Ernst wurde; er fing jämmerlich an zu schreien und wußte nicht mehr, wo er hin sollte, lief hin und her, bis er das Bodenloch fand, die Treppe hinunter eilte und dann wieder in seinen Kasten sprang. Das Dienstmädchen tat nachher, als wenn nichts passiert wäre. Von der Zeit an aber wußte man im Dorf, woher der Bauer seinen Wohlstand habe.

Mündlich aus Dithmarschen.

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505. Der gute Johann.

Vollständiger bei Detlefsen, Gesch. der Elbmarschen 2, 430.

Es ist vor der kaiserlichen Zeit in vielen Häusern bei abergläubischen Leuten gefunden worden ein Teufelsgespenst, welches man den guten Johann geheißen, welcher da den Leuten alles zugetragen, so lange sie ihm haben nichts zuwider getan. Wenn man ihn beleidigt, so hat er alles weggeschleppt und sind die Leute blutarm geworden. Diesen guten Johann haben die Leute wohl gehöret, aber gar selten gesehen. Sie haben erfahren, daß sie viel Gutes bekommen, aber nicht gesehn, wo es hergekommen. Wo er sich hat sehen lassen, so ist er gewesen wie ein Schatten, und von Statur eines kleinen Kindes, etwa drei bis vier Jahr alt. Wo er ist wohl gehalten, da sind die Leute stillschweigends reich geworden.

Hieronymus Gauckes Hardeshornische Chronik S. 437.

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506. Thoms und der Niß.

Lange hatte Thoms im Dorfe als Knecht gedient, hatte in manchen Spinnstuben Garn wickeln helfen und Geschichten erzählen hören, alle Häuser kannte er, in welchen ein Niß Puk sein Wesen trieb, ja er hatte sogar in einem derselben gedient, aber ihn selbst hatte er noch nicht zu Gesicht bekommen, so sehr er auch darauf ausgewesen war. Im Herbst wechselte er wieder seinen Dienst und kam auf einen großen Bauernhof. Da war eines Tags eins der Pferde verfangen; es sollte daher mit Kleie und Häcksel gefüttert werden. Der Bauer schickte Thoms zum Schneiden auf den Boden und bedeutete ihm dabei, er würde die Häcksellade schon finden. Thoms suchte und fand eine alte Lade, die lange außer Gebrauch war, und die Niß sich nun zur Schlafstelle ausersehen hatte. Thoms legte ein Bündel Stroh hinein, setzte die Hand fest darauf und wollte schon anfangen zu schneiden, da krabbelte es ihm unter der Hand. Augenblicklich dachte er an Niß, hielt nun noch desto fester und rief: »Bist du dat, Niß?« »Ja«, antwortete Niß, »doo mi man niks, dat schal di ok guud gaan.« Thoms versprach es; aber unter der Bedingung, daß Niß sich ihm in seiner ganzen Gestalt sehen lasse. Niß willigte ein. »Lüggst du ok?« fragte Thoms noch einmal. »Ik leeg mien Daag nich«, antwortete Niß. Darauf ließ Thoms ihn los; Niß zeigte sich ihm in seiner ganzen Gestalt, und bat ihn, er möchte es keinem verraten, es sollte ihm gut gehen.

Der Knecht hielt Wort und er und Niß wurden die besten Freunde; denn Thoms sorgte stets für Niß, und als er nach Jahresfrist seines Herrn Tochter heiratete, da zog Niß Puk mit ihm, und alles, was er anfaßte, gedieh. Thoms starb als reicher Mann und Bauervogt im Dorf.

Aus Stapelholm von D. St. durch Storm.

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507. Die gestohlene Kuh.

Danm. Folkem. 21, 27. Kristensen 2 B, 208. 211. Schütze, Schlesw. Folkesagn 1, 12. Lorenzen S. 16. Kuh der Hals umgedreht: Nr. 515, 1. Aus Wut über das Fehlen der Butter bringt Nis ein Pferd auf den Dachfirst und treibt sonst allerlei Schabernack: Kristensen 2 B, 43.

Auf dem früher herzoglichen Gute Arlewatt, Amts Husum, wurden jährlich fünf bis sechshundert Fuder Heu geborgen; die mußte der Nische Puk bis in die Spitze des Haubergs hinaufschleppen und beiseite bringen. Dafür erhielt er dann auch Abends ein gut Stück Butter in seinen Brei. Einsmals aber hatte das Dienstmädchen die Butter so tief in den Brei gesteckt, daß Nisch sie nicht finden konnte und meinte, daß keine Butter drin sei. Da geriet er so in Wut, daß er in den Stall ging und einer grauen Milchkuh den Hals umdrehte. Dann ging er wieder an seine Schüssel. Als er sich nun weiter hineingearbeitet hatte, kam plötzlich die Butter hervor; da verdroß ihn sein Zorn. Weil er aber wußte, daß in Hoxstrup eine ähnliche Kuh wäre, so schleppte er die tote aus seinem Rücken dahin, indem er sie bei den Hörnern faßte, und brachte dafür wieder die lebendige nach Arlewatthof in den Stall.

Dasselbe ist an vielen Orten unsers Landes geschehen: Aus dem Hofe Bombüll in der Wiedingharde, auf Amrum, wo die Onnerbänkissen für die gemordete Kuh eine auf Föhr kauften und noch dieselbe Nacht sie wieder in den Stall brachten; an mehreren Orten der Hattsteder Marsch und der Landschaft Stapelholm; hierher ward einmal die Kuh von Nordstrand herüber geholt, und nach Rinkenis bei Flensburg von Fühnen. Als diese am andern Morgen nicht den Weg zur Tränke finden konnte, kam da ein kleiner Mann gelaufen und rief: »Das ist kein Wunder, denn sie ist heut Morgen erst von Fühnen gekommen; ihr müßt sie beim Horn anfassen.« Bald darauf ward auch aus Fühnen geschrieben, daß in derselben Nacht der Teufel dort eine Kuh geholt habe. Dieselbe Geschichte erzählt man auch in Sundewitt, und da soll er die Kuh von Alsen geholt haben.

Nach mehreren Mitteilungen. – Thiele, Danm. Folkes. II, 264.

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508. Die Unterirdischen schlecken Milch.

Zwerge als Kröten: Nr. 462. 512, 2 Anm. Heim. 14, 192. Vgl. Danm. Folkem. 5, 75. Tobler (zu Nr. 204) S. 28. Als eine geizige Alte einst eine Kröte totschlug, starb in der Nacht ihr ganzes Vieh auf der Weide. Ähnlich ging es einem Mann, der aus Unachtsamkeit einer Kröte ein Bein zertrat (Föhr).

Vor ungefähr siebzig Jahren hat man auf vielen Höfen in der Wilstermarsch oft kleine Unterirdische gesehen, die weiter nichts taten, als daß sie die Mägde und Knechte, wenn sie des Morgens gemolken hatten, ins Haus begleiteten und die Tropfen Milch, die verschüttet wurden, sorgfältig von der Erde auflasen. Wenn aber beim Aufmessen gar nichts verspillt wird, so stießen sie alle Gefäße um und liefen dann davon. Diese kleinen Leute waren ungefähr anderthalb Fuß hoch, trugen ganz schwarze Kleider und hatten rote spitze Mützen auf dem Kopf. Allenthalben, wo sie hinkamen, meinte man, zöge ein besonderer Segen mit ins Haus.

Auf den friesischen Inseln haben die Hausfrauen oft beim Bierbrauen bemerkt, daß die kleinen Leute, gewöhnlich als Kröten, kamen und das verschüttete frische Bier vom Boden aufschleckten. Niemand tut ihnen etwas zuleide, und man muß ihnen das lassen, wie auch die Brotkrumen, die vom Tische fallen.

Mündlich.

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509. Pugholm.

Vgl. 515, 1. Kristensen 2 B, 66. Schütze, Schlesw. Folkesagn 1, 12.

Bei einem Hufner in Süderenleben war ein Niß Pug von ganz außerordentlicher Stärke; er wohnte in der Scheune auf den Hilgen und paßte auf das Vieh. Ein anderer eben solcher Pug war zu gleicher Zeit bei einem Hufner in Söderup. Nun traf es sich, daß gegen Frühjahr einmal Futtermangel eintrat und besonders bei den beiden Hufnern in Süderenleben und Söderup das Heu sehr knapp ward. Da machten sich beide Pugen in einer Nacht auf den Weg, um Heu für ihre Hausherren zu holen. Nun ging aber der Pug von Süderenleben in die Scheune des Hufners von Söderup und der Pug von Söderup in die Scheune des Hufners von Süderenleben; beide nahmen eine gute Tracht Heu auf den Rücken und jeder wollte damit nach Hause. Aber unterwegs begegneten sie sich und wie der Süderenlebener sah, daß der Söderuper, dieser aber, daß jener ihn bestohlen habe, fielen sie wütend übereinander her und prügelten sich die ganze Nacht hindurch bis zu Tagesanbruch. Die Leute in den Dörfern hörten den Alarm und niemand konnte begreifen, was da los wäre; als sie aber am Morgen hinauskamen, fand man auf einer kleinen Wiese unweit des Söderuper Kirchweges nach Jordkirch große Haufen Heu liegen. Da wußte man, welche sich hier in der Nacht geprügelt hatten, und nannte die Koppel seit der Zeit Pugholm.

Herr Pastor Hansen in Jordkirch. – Zwischen Kassöe und Tagholm, Kirchspiel Jordkirch, zeigt man ebenfalls eine Koppel Pugholm und erzählt dieselbe Sage. Herr C. Petersen. – Ein Pug von Toftlund und einer von Romet kämpften ebenso bei Poghöi (nordschl. Paahy) in der Nähe der Kirche Herrested. Dannevirke 1840 Nr. 16. – Auch zwischen Felsted und Quars ist ein Pugholm. Pugholm heißt auch eine Wiese bei Munkorarup in Angeln, und sonst noch häufig in Schleswig. Man muß in Anschlag bringen, daß im nordschleswigschen, wie im niederdeutschen, Pug, Pog eine Kröte oder einen Frosch bezeichnet. Puge heißen nordschleswigsch die Zwerge. Pug ist dänisch auch ein Knicker, ein Filz; puge knauserig sein.

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510. Die diebischen Puge.

Kristensen 2 B, 43. Rasmussen, Sonderj. Sagn S. 9.

In Sundewitt gab's in frühern Zeiten viele Leute, die Puge auf ihren Höfen hatten; diese trugen nachts immer Korn, Futter und dergleichen ihren Hausherren zu. Einst begegneten sich ihrer drei mit einer großen Last Hafer im Stroh und stießen hart aneinander. Im demselben Augenblick ging zufälligerweise der Mann vorüber, dem der eine Pug gehörte. Der Pug sagte zu ihm: »Hast du gesehn, wie ich Bartel stieß?« »Ja«, antwortete der Mann, »stoß ihn nur mehr.« Da stießen sie wieder aufeinander und das immerfort bis es Tag ward; da fand man über vier Scheffel ausgedroschenen Hafer an der Stelle.

Schriftlich.

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511. Der Hochzeitstag der Puke.

Vgl. zu Nr. 462. 473 f.

Eine Dienstmagd hielt den Puk im Hause allezeit gut. Dafür versprach er ihr, als sie eines Mittags ihm sein Essen brachte, daß sie noch heute einen Brautzug sehen sollte; denn die Puks hätten an diesem Tage Hochzeit. Als das Mädchen nun Mittags mit den übrigen Hausgenossen sich bei Tisch befand, sah sie, und nur sie allein, eine lange Reihe kleiner Puks, die durch das Zimmer und die Küche ihren Zug nahmen bis nach dem gewöhnlichen Aufenthalt des Hauspuks. Vornan ging das Brautpaar schön geputzt und paarweise folgten die übrigen, den Schluß machte der Hauspuk selbst, der schon ein etwas ältliches Aussehen hatte. Unterm Arm trug er etwas, das wie ein Wisch Hobelspäne anzusehen war; als er aber an dem Mädchen vorüberkam, warf er es auf den Herd mit den Worten: »Nimm du das!« Das Mädchen verwunderte sich über die sonderbare Gabe, war aber wohl zufrieden damit, als sie entdeckte, daß, was sie für Hobelspäne gehalten hatte, alles pures Gold war.

Auf einem Hofe in Stenderup, Kirchsp. Toftlund, saßen die Leute eines Morgens bei ihrer Grütze. Da wandte ein Mädchen den Rücken gegen den Tisch und hielt ihre Eßschüssel in der Hand; aber plötzlich fiel sie ihr weg und fiel nieder auf den Boden. Die Hausfrau schalt, aber der Knecht, der ein Sonntagskind war und alles gesehen hatte, sagte: »Das Mädchen hat keine Schuld; eben kam ein langer Hochzeitszug von Unterirdischen durch die Stube; da schlug einer von den jungen Burschen, die voran ritten, ihr mit seiner Reitpeitsche die Schüssel aus der Hand.«

Herr Petersen in Soes. Herr Schullehrer Langvad in Tiislund. An das letzte Stück knüpft sich als Fortsetzung eine mit Nr. 473 Anm. übereinstimmende Erzählung.

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512. Das Glück der Grafen Ranzau.

Vgl. zu Nr. 473. 462. Kl. Groth Ges. Werke 2, 187 ff. Jb. f. Ldk. 4, 159.

1.

In dem uralten und aus einem herzoglich schleichen Stamme entsprossenen Hause von Ranzau hat sich's zugetragen, daß dero Großfraumutter einsmals in der Nacht an der Seite ihres Eheherrn durch ein kleines Männlein, so eine Laterne getragen, aufgeweckt worden, welche sodann von ersagtem Männlein, das sie zu folgen ermahnt, aus ihrem Schlosse, dessen Tür und Tore sich geöffnet, in einen hohlen Berg zu einem in Kindesnöten liegenden Weiblein gebracht worden. Nachdem hochermelte Frau von Ranzau diesem Weiblein auf dessen heftiges Begehren die Hand aufs Haupt gelegt, ist sie alsobald genesen. Hierauf hat die in großen Furchten stehende Dame alsobald wieder zurück geeilet und ist von ermeltem ihrem kleinen Reisegefährten auch von Stund an wieder nach den Ihrigen begleitet worden. Beim Abscheiden aber hat sie von diesem Männlein ein ansehnlich Stück Goldes zum Rekompens empfangen, woraus sie auf dessen Angeben fünfzig Rechenpfenninge, einen Hering und zwo Spindeln vor ihre Töchter hat verfertigen lassen. Sie hat auch diese Vermahnung dabei erhalten, daß ihre Nachkömmlinge solche Stücke wohl verwahren müßten, dafern sie aus wohlhabenden nicht mit der Zeit dürftige Leute werden wollten. Hergegen so lange sie nichts davon verlieren würden, sollten sie an Ehre und gutem Namen täglich zunehmen. Mich bedünket von dem, der mir diese seltsame Geschichte erzählet, zugleich auch vernommen zu haben, daß entweder der Hering oder einer, wo nicht mehr, von den güldenen Rechenpfenningen von diesen Schätzen abgekommen sind.

Happel Relat. curios. I, 236. Hamburg 1683. 4, etwas unvollständiger, sonst übereinstimmend mit Seyfried in Medulla p. 481, in Grimms Deutsch. Sag. Nr. 41, wo richtiger die Kleinode unter zwei Söhne und eine Tochter verteilt werden. Westphalen IV, praef. 219. – Nach einer mündlichen Überlieferung bei Thiele, Danm. Folkes. I, 133 fährt das Männlein die Gräfin in den Keller des Schlosses Breitenburg; sie erhält eine goldene Spindel für ihre Tochter und einen goldenen Säbel für ihren Sohn. Nach einer Anführung ebendas. aus Miscell. Rostgaard. Mss. bestehen die Gaben aus einem Tischtuch, einer Spule und Gold, woraus eine Kette und Münzen verfertigt werden. Frau Sophia Ranzau auf Seeholm habe dies von ihres Großvaters Heinrich Ranzaus Frau erzählt. – Die Sage von der Frau von Hahn, die nach Grimm, Deutsche Sagen Nr. 69 von einem Wassernix geholt wird, stimmt, wie sie mir einst auf Neuhaus am Selenter See erzählt ward, mit der ranzauischen. Die Gräfin wird in den Keller des Hauses geholt, erhält Hobelspäne zum Geschenk, die sich in Gold verwandeln; ein großer Becher wird auf Neuhaus noch gezeigt, die andern daraus verfertigten Sachen sind abhanden gekommen. Das Geschlecht ist bekanntlich ein mecklenburgisches.

2.

Die neuvermählte Gräfin, welche aus einem dänischen Geschlecht abstammte, ruhte an ihres Gemahles Seite, als ein Rauschen geschah: die Bettvorhänge wurden aufgezogen und sie sah ein wunderbar schönes Fräuchen, nur ellenbogengroß mit einem brennenden Licht vor ihr stehen. Dieses Fräuchen hub an zu reden: »Fürchte dich nicht, ich tue dir kein Leid an, sondern bringe dir Glück, wenn du mir Hilfe leistest, die mir nottut. Steh auf und folge mir, wohin ich dich leiten werde, hüte dich etwas zu essen von dem, was dir geboten wird, nimm auch kein ander Geschenk an außer das, was ich dir reichen will, und das kannst du sicher behalten.«

Hierauf ging die Gräfin mit und der Weg führte unter die Erde. Sie kamen in ein Gemach, das flimmerte von Gold und Edelsteinen und war erfüllt mit lauter kleinen Männern und Weibern. Nicht lange, so erschien ihr König und führte die Gräfin an ein Bett, wo die Königin in Geburtsschmerzen lag, mit dem Ersuchen, ihr beizustehn. Die Gräfin benahm sich aufs beste und die Königin wurde glücklich eines Söhnleins entbunden. Da entstand große Freude unter den Gästen, sie führten die Gräfin zu einem Tisch voll der köstlichsten Speisen und drangen in sie zu essen. Allein sie rührte nichts an, ebensowenig nahm sie von den Edelsteinen, die in goldenen Schalen standen. Endlich wurde sie von der ersten Führerin wieder fortgeführt und in ihr Bett zurückgebracht.

Da sprach das Bergfräuchen: »Du hast unserm Reich einen großen Dienst erwiesen, der soll dir gelohnt werden. Hier hast du drei hölzerne Stäbe, die leg unter dein Kopfkissen und morgen früh werden sie in Gold verwandelt sein. Daraus laß machen: aus dem ersten einen Hering, aus dem zweiten Rechenpfenninge, aus dem dritten eine Spindel und offenbare die ganze Geschichte niemandem auf der Welt, außer deinem Gemahl. Ihr werdet zusammen drei Kinder zeugen, die die drei Zweige eines Hauses sein werden. Wer den Hering bekommt, wird viel Kriegsglück haben, er und seine Nachkommen; wer die Pfenninge, wird mit seinen Kindern hohe Staatsämter bekleiden; wer die Kunkel, wird mit zahlreicher Nachkommenschast gesegnet sein.«

Nach diesen Worten entfernte sich die Bergfrau, die Gräfin schlief ein und als sie aufwachte, erzählte sie ihrem Gemahl die Begebenheit wie einen Traum. Der Graf spottete sie aus, allein als sie unter das Kopfkissen griff, lagen da drei Goldstangen; beide erstaunten und verfuhren genau damit wie ihnen geheißen war.

Die Weissagung traf völlig ein und die verschiedenen Zweige des Hauses verwahrten sorgfältig die Schätze. Einige, die sie verloren, sind verloschen. Die vom Zweig der Pfennige erzählen: einmal habe der König von Dänemark einem unter ihnen einen solchen Pfennig abgefordert und in dem Augenblicke, wie ihn der König empfangen, habe der, so ihn vorher getragen, in seinen Eingeweiden heftigen Schmerz gespürt.

In Grimm, Deutsche Sagen I S. 52 aus dem Amant oisif Bruxelles 1711 S. 405 bis 411, wo die Gräfin la comtesse de Falinsperk genannt wird. – Eine versifizierte Bearbeitung der Sage im Itzehoer Wochenblatt 1830, Nr. 7, stimmt insofern mit dieser Version, daß auch hier ein Bergweiblein die Vermittlerin zwischen Unter- und Oberwelt ist. Die Gräfin Anna (Walstorp), Johann Ranzaus Frau, hat sie beschützt, als sie, in eine Kröte verwandelt, einmal im Garten die Gräfin erschreckte und ein Diener sie töten wollte. Vgl. Nr. 462. – Die Gemahlin Johann Ranzaus, des Gründers der Herrschaft Breitenburg, nennt auch Rhode in Antiq. Remarq. S. 68. etc. etc.

3.

Eine mildtätige Gräfin auf Breitenburg, die oft den Kranken selbst die Hausmittel hintrug, ward eines Abends während eines wilden Wetters zu einer alten kranken Frau gebeten, die am andern Ende des Dorfes wohnte. Sie war auch bereit, aber ihr Gemahl verbot es. Als sie nun allein in der Dämmerung saß, hörte sie ein Geräusch und vor ihr stand der Hauskobold mit Kräutern und Tränken; die hieß er sie nehmen und der Kranken hintragen, und der Stimme ihres eigenen Herzens mehr folgen, als dem Gebote ihres Eheherrn. Die Gräfin folgte dem Geheiß des Kobolds, und durch ihre Pflege und die Tränke erholte sich die Kranke sichtlich. Als nun am andern Abend die Gräfin wieder in der Dämmerung allein saß, sah sie den Kobold am Kamin stehen und Kohlen schüren. Als das Feuer hell aufloderte, warf er eine Schürze voll Hobelspäne hinein und sprach zu der Gräfin: »Wenn das Feuer ausgebrannt, so suche in der Asche; was du darin findest, das hebe sorgsam auf. So lange die Dinge in deinem Geschlecht find, wird das Glück den Grafen Ranzau treu sein.« Als die Glut verlosch, sah die Gräfin nach und fand eine goldne Spindel, einen goldenen Becher und noch ein Drittes. Das letzte ist an einen jüngern Zweig gekommen, der es verloren hat und jetzt güterlos ist. Die Spindel aber ist noch auf Breitenburg, der Becher auf Rastorf.

Nach mündlicher Erzählung eines Gliedes des Ranzauischen Familie. – Majors Collect. Ms. Fol. 17 b: Auf Breitenburg werden 50 güldene Pfenninge verwahrlich gehalten, in einem silbernen Schachtelchen, worauf Joh. Ranzau und Frau Anna Walstorfen Wappen. Die Schrift auf diesen Pfennigen ist gestochen und mit schwarz ausgemacht. – Es soll auch ein Graf Ranzau in Eutin alle Teile jetzt in Besitz haben, bis auf einen goldenen Pfennig, der sich in einem Kabinett in Frankreich befindet. – Eine poetische Bearbeitung Provinzialberichte 1820, 71: Frau Hedwig hat einen Knaben geboren. Eine Kröte kommt auf ihr Zimmer drei Abende nacheinander, und sie futtert sie. Darauf kommt ein Zwerg etc. – Vgl. noch Kobbes Humorist. Blätter 1843, im Herbst.

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513. Josias Ranzaus gefeites Schwert.

Anna Walstorp wurde eines Nachts, als sie im frommen Gebete ihres abwesenden Gemahls gedachte, von einem unterirdischen Bergmännchen gar demütig ersucht, seiner kreisenden Gemahlin hilfreiche Hand zu leisten. Sie folgte dem Männlein durch viele ihr ganz unbekannte Keller und Gewölbe ihres Schlosses Breitenburg, bis an einen kristallhellen Felsen. Auf die Berührung ihres Begleiters spaltete sich dieser und sie sah in einer geräumigen Halle eine zahllose Menge ebensolcher Männlein um eine Erhöhung versammelt. Sie trat hinzu und fand die Königin in schweren Kindesnöten, dem Verscheiden nah. Frau Anna, in der Bereitung von Heilmitteln wohl erfahren, mischte der Leidenden einen Trank, worauf sie bald eines Söhnchens genas. Der Jubel war groß und der dankbare Ehemann reichte der Helferin einiges Gold, das wie Späne aussah, und legte ihr zugleich ans Herz, selbiges wie den größten Schatz zu hüten? darauf beruhe ihres Hauses Glück. Sie ließ später dreierlei daraus verfertigen, einige kleine Münzen, einen Wocken und einen Hering, die sich in der Folge unter die verschiedenen Glieder des Hauses verteilten.

Dem Josias Ranzau ward später der Hering zuteil, der ihn voll Eifer für den Krieg in einen Degengriff umformen ließ. Er ging darauf in französische Dienste, machte unzählige Schlachten mit und ward endlich Generalfeldmarschall. Er war einer der ärgsten Raufbolde, und als er schon in hohem Alter und der höchsten Würde stand, ging er verkleidet unter die Lanzknechte und fing mit ihnen Händel an. Mit einem guten Freunde schlug er sich einmal, weil er seinen Namen verkehrt geschrieben hatte. Aber so lange er das gefeite Schwert trug, ward er in keiner Schlacht von einer Kugel oder von einem Hiebe verwundet. Man traute ihm schon lange nicht mehr und sah wohl ein, daß es nicht mit rechten Dingen zugehe. Als daher ein holsteinischer Edelmann, Kaspar von Bockwold, die Geschichte vom Bergmännlein einmal in Straßburg beim Weine ausplauderte, ließen sich gar viele Stimmen vernehmen, welche dem Josias Mut und Tapferkeit absprachen und alle seine Taten dem Heringe beilegten. Josias darüber ergrimmt, warf in aller Gegenwart den Degen in den Rhein und forderte Kasper Bockwold zum Zweikampf. Auch seit der Zeit verließ ihn selten der Sieg, aber er mußte ihn teuer erkaufen, so daß er zuletzt von allen Gliedern, die ein Mensch doppelt hat, eins verloren hatte und überhaupt sechzig schwere Wunden an seinem Körper trug.

Schilderungen eines Vielgereisten 1883, Bd. 3, S. 78 ff. – Auch Gustav Adolf soll einen solchen gefeiten Degen gehabt haben. Georg Wallin Dissertat. III refutatio commenti de gladio Gust. Ad. magico Upsal. 1728. 29.

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514. Die nackten Kinder.

Eine Frau in Aarsleben bei Apenrade ging in die Küche um Essen zu bereiten: da öffnete sie den Schrank unter dem Küchentisch und fand zwei kleine nackte Kinder von den Unterirdischen darin liegen. Erschreckt lief sie zu ihrer Nachbarin und erzählte ihr, was sie gesehen habe. Da erteilte die ihr den Rat, nur etwas Leinenzeug zu den Kindern in den Schrank zu legen. Als die Frau das getan, verschwanden die Kinder und die Leinewand.

Herr Pastor Hansen in Jordkirch.

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515. Niß Puk in der Luke.

Vgl. Nr. 509. 507. Zs. f. Vk. 2, 414. Johansen, nordfries. Sprache S. 269 f. Heim. 19, 74 aus Meggerkoog. Nis neckt vor allem so die Hunde, daß sie wütend bellen: Kristensen 2 B, 116 (aus Düppel); 114.

1.

Auf dem Hofe Bombüll in der Wiedingharde bei Tondern hat sich oft ein Puk aufgehalten und viel Verkehr gehabt mit den Dienstboten, sonderlich aber die Aufsicht über das melkende Vieh geführt. Einmal als in einem langen Winter es an Futter zu mangeln anfing, klagte der Herr darüber. Da ging der Puk, der es unbemerkt gehört hatte, in der nächsten Nacht nach einem andern Hofe, wo er einen vollen Heuschober aufgefunden hatte, und trug auf seinem breiten Rücken alles Heu in die Scheune seines Herrn hinüber. Für seine Dienste aber mußte er jeden Abend seinen Teller mit Grütze und einem Stück Butter darin erhalten; ließ man die Butter heraus, so hatte er am andern Morgen der besten Kuh im Stalle den Hals umgedreht. – Er saß gern in der Giebelluke sich zu sonnen. Einmal standen die Leute unten auf dem Hofe, der Puk saß in der Luke und hatte seinen Spaß daran, sie zu necken, indem er bald das eine, bald das andere Bein in die Höhe hub und dazu unaufhörlich rief: Hier Puke een Been, hier Puke ander Been! Da schlich sich ein Knecht leise auf den Boden und gab dem Kleinen einen Stoß in den Rücken, daß er hinunterpurzelte auf die Steinbrücke. Da fanden die Untenstehenden aber nichts als Topfscherben, vom Puk war nichts zu sehen. Nachts aber schlich er sich in des Knechts Kammer ein, nahm ihn ganz sachte aus dem Bette und legte ihn quer über den offenen Brunnen. Als nun der Knecht erwachte und sah, in welcher Gefahr er sich befand, half er zwar mit großer Behutsamkeit sich davon, aber der Schreck machte ihn lange Zeit krank.

Einmal an einem andern Orte hat ein Puk einem Knecht, der ihn ebenso geneckt hatte, auch bezahlt. Dieser schlief nämlich bei einem andern in demselben Bette und er war kleiner als sein Kamerad. Als er sich nun Abends niedergelegt hatte und eben einschlasen wollte, stellte der Puk sich oben ans Bett, faßte den Knecht bei den Haaren und rief: Nich liek! Und damit zog er ihn so weit hinauf, daß er mit seinem Kameraden gleich lag. Dann trat er ans andere Ende des Bettes, hub die Decke auf und faßte den Knecht bei der großen Zehe, indem er abermals rief: Nich liek! und zog ihn wieder hinunter. Auf diese Weise zerrte er ihn die ganze Nacht hin und her und man kann sich denken, daß der Knecht während der Zeit kein Auge zugekriegt hat.

Schriftlich. – Mit dem ersten Stücke stimmt eine nordschleswigsche Relation in Dannewirke 1843 Nr. 53: Der Niß hat nicht gut auf die Pferde gepaßt, der Knecht stößt ihn aus dem Bodenfenster hinunter unter die Hunde, die ihn fast zerreißen etc. Mündlich. Vgl. Thiele, Danm. Folkes. II, 270 f.

2.

In Hollbüllhuus bei Schwabstede hat man auf einem Hofe den Niß Puk oft im Sonnenschein in der Bodenluke sitzen sehen, wie er mit den Beinen baumelte und den Kopf sich in beiden Händen stützte. Einmal saß er auch da und machte sich ein Plaisir daraus, den Pudel unten auf dem Hofe zu necken, indem er ihm bald das eine Bein, bald das andere hinhielt; der Pudel bellte darüber und Niß lachte entsetzlich. Da schlich sich der Knecht, um einen Spaß zu machen, von hinten herzu und stieß den Niß mit der Heugabel hinunter, indem er sprach: »Da Pudel, hast du den ganzen Puk!« Das dachte ihm Niß. Der Knecht hatte noch ein paar nagelneue Stiefeln in der Kammer stehen. Abends als er eben die Augen zutun wollte, so kam der Niß, zog die Stiefel an und schlurrte nun die ganze Nacht so lange umher, bis Hacken und Sohlen herunter waren.

In einem andern Hause knickte er sogar die Bodenleiter ein, und als der Knecht nun Korn hinauftragen sollte, mußte er beide Beine brechen.

Durch Storm und Herrn Schullehrer Petersen in Nordsted bei Viöl.

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516. Der falsche Racker.

Auf einem Hofe in der Landschaft Stapelholm war jedesmal, wenn die Magd in den Keller kam, der Rahm von der Milch genascht. Die Magd sagte: »Niß hat's getan«, und alle glaubten es. Er war aber ganz unschuldig daran, denn der große Kater hatte es getan. Der hatte sich immer durchs Fenster geschlichen, das das Mädchen zu schließen vergaß. Als nun der Herr einmal Geräusch im Keller hörte, dachte er den Niß zu fangen, der diesmal auch wirklich drinnen war. Aber er hatte sich hineingeschlichen und eben den Kater gegriffen und unter eine Milchbütte gesetzt, um seine Unschuld zu beweisen. Der Herr öffnete vorsichtig die Tür nicht weiter, als daß er sich eben durchdrängen konnte, der Niß wollte in dem Augenblick durchschlüpfen, streifte aber die Kappe ab und ward gesehen. »Hess ik di, du falsche Racker!« rief der Herr und faßte ihn bei der Schulter. »Ja«, antwortete Niß, »du hest mi wull, awer falsch bün ik nich! Süh man ünner de Melkbütt na!« Als der Herr ihn nun los ließ und die Bütte aufhob, sprang der Kater hervor; Niß hatte unterdes seine Kappe wieder aufgenommen und war verschwunden. Aber den falschen Racker dachte er. Wo nun von der Zeit an der Bauer ging und stand, so riefs immer hinter ihm, wenn er was sagte: »Du falsche Racker!« Er kam dadurch besonders in Verlegenheit, weil er Vorsteher in der Gemeinde und Bauervogt war. Es war bald nicht mehr zum Aushalten. »Was fange ich einmal an?« sagte der Mann zu seiner Frau, »so geht's nicht mehr, wir müssen ausziehen!« »Das hülfe auch was!« antwortete die verständige Frau, »aber im Guten ist bei dem Niß viel auszurichten, laß mich nur machen!« Wo die Frau von nun an den Niß merkte, suchte sie ihn auf alle Weise einmal zum Reden zu bringen. Als sie es endlich erlangt hatte, so entschuldigte sie ihren Mann und bat den Niß um Verzeihung, und wenn er einen Wunsch habe, möge er es sagen, es solle auch alles geschehn, wenn er ihrem Mann nur wieder gut sein wollte. Da sagte der Niß: »So laß ihn den alten kranken Johann wieder ins Haus nehmen, der schon bei seinem Vater gedient hat, und verpflegt ihn gut bis an sein Ende.« Der hatte den Niß früher immer gut gehalten und er war Nachts oft bei ihm in der Kammer gewesen. Die Frau sagte die Bitte zu, Johann kam ins Haus, ward verpflegt und der Niß war ruhig. Endlich aber kam es mit dem Alten zum Sterben und er verlangte nach dem Prediger. Als dieser nun mit dem Helligsten in die Kammer trat, da sah er den Niß unten auf dem Sterbebette sitzen.

Von D. St. durch Storm.

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517. Der versöhnte Niß.

In einem Dorfe Stapelholms war eine Bauernstelle feil geboten, weil der Bewohner mit dem Niß Puk nicht mehr Haus halten konnte. Morgens, ehe der Tag graute, wenn der Hausherr seine Knechte hinaus zur Arbeit trieb, brachte der Niß den ganzen Hühnerstall zum Krähen und so in Aufruhr, daß der Herr auch keinen Schlaf mehr haben konnte. Oft zupfte er ihn bei der Nase oder kniff ihn bei der großen Zehe; das Vieh im Stalle machte er wild, daß es sich Nachts in den Ketten erhängte; darum ließ der Mann sein Haus ausbieten.

Nun wohnte im Hause gegenüber ein wohlhabendes Ehepaar; die sprachen über den Hausverkauf und die Frau sagte: »Das Haus wird wohlfeil wegkommen; du solltest es nur für unsern Ältesten kaufen.« »Das werde ich wohl bleiben lassen«, antwortete der Mann, »und ihm all die Plage auf den Hals zu Hetzen; das ganze Dorf weiß ja, warum es verkauft wird. Des Tages Arbeit und des Nachts keine Ruhe!« »Vater«, sagte die Frau, »du weißt doch, wie ruhig er bei dem vorigen Nachbar war. Jeden Abend ward dem Niß seine Schüssel mit süßer Grütze auf den Heuboden gesetzt und niemand durfte ihm etwas zu Leide tun. Da war nichts als Segen und Wohlstand im Hause. Nachher aber zogen diese ein und seitdem hatte der arme Puk keine Ruhe mehr; allenthalben machten sie Jagd auf ihn, und die Grütze gaben sie ihm auch nicht mehr. Da ist er grillisch geworden.« – Der Mann bedachte sich's noch einmal, besprach's wieder mit seiner Frau und als das Haus nun zum Aufgebot kam, so kaufte er es um einen Spottpreis, da sich kein anderer Käufer meldete und der Eigentümer es um jeden Preis losschlagen wollte. Der Mann wollte es mit seiner Frau selber beziehen, der Sohn aber sollte das väterliche Haus bekommen. Die Frau ließ nun das Haus erst rein machen und während acht Tage, ehe sie es bezogen, jeden Abend süße Grütze mit Butter hinübertragen auf den Heuboden. Die drei ersten Abende war nichts angerührt, in den darauffolgenden aber immer alles rein aufgegessen. Als nun am neunten Abend ein Paar weiche Pantoffeln, die sie für den Niß hinübergesetzt hatten, verschwunden waren, da waren sie sicher, sein Wohlwollen gewonnen zu haben und zogen hinüber. Alte Leute behaupten, an Winterabenden den Niß da mitten unter der Familie, meistens in der kleinen Ecke hinterm Ofen gesehn zu haben, wo er aber bei ihrem Anblick sogleich verschwand. Gewiß und allen bekannt ist, daß alles im Hause gut ging und sie stets in ungestörter Ruhe lebten.

Von D. St. durch Storm in Husum. – Kuhn, Märk. Sagen Nr. 43.

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518. Wir ziehen um.

Kl. Groth Ges. Werke 2, 185 (»Wi flütt«). Vgl. Danm. Folkem. 18, 82 ff.

Man kennt Fälle, daß sich ganze Scharen und Familien von Puken in den Häusern eingefunden und es da arg getrieben haben. In Husum waren einmal zu gleicher Zeit zwei Familien, eine bei einem Bäcker, die andere bei einem Brauer eingezogen und rumorten. Nachts warfen sie alles herum, polterten auf dem Boden, liefen Trepp auf, Trepp ab, bald waren sie im Keller, bald in den Zimmern; dem Bäcker stahlen sie das Mehl, dem Brauer das Bier. Sie waren so klein, daß wenn man sie verfolgte, sie wie Spinnen und Würmer in die kleinsten Ritzen sich verkrochen und von da unaufhörlich schrien. Die Leute konnten's am Ende nicht länger aushalten und beschlossen auszuziehen. Sie ließen alles Geräte hinaustragen, und als schon alles Übrige fort war, gingen die Dienstmägde aus beiden Häusern mit den Besen auf den Schultern zuletzt aus der Tür. Sie begegneten einander. »Wo willst du hin?« fragte Anne die Susanne. Da riefen, ehe die andre antworten konnte, viele feine Stimmen oben aus dem Besen: Wir ziehen um! Die Mägde erschraken, doch faßten sie sich. Ein Teich war in der Nähe. Rasch tauchten beide ihre Besen tief hinein und ließen sie im Wasser stecken. Dann begaben sie sich in die neuen Wohnungen und hatten nun Ruhe vor den Unholden. Aber da im Teiche bemerkte man bald, daß alle Fische erkrankten und nach und nach starben, und Frauen, die spät Abends aus dem Teiche schöpften, versicherten hoch und heilig, daß sie mehrmals feine Stimmen aus dem Wasser deutlich vernommen hätten, die gerufen: »Wir sind ausgezogen! Wir sind ausgewandert!«

In Neumünster erzürnte man auch einmal einen Niß dadurch, daß man ihm keine Butter in seine Grütze gesteckt hatte. Nun trieb er's so arg im Hause, daß die Leute umziehen mußten. Als der Letzte aber mit dem Besen über die Schwelle trat, rief der Niß, der im Besen saß: »Ik bün ok da!« und zog mit ihm.

An einem Orte in Angeln verließen die Leute auch einmal des Puks wegen das Haus. Als der letzte Wagen wegfuhr, saß er aber hinten auf und lachte und sprach: »Wi flytter edau!« (Wir flütten heute!)

Aus der Hattsteder Marsch durch Herrn Wartin Harding. – Mündlich. Kuhns Mark. Sagen Nr. 103. Börner, Orlagan S. 243. Grimm, Deutsche Sagen Nr. 72. Thiele, Danm. Folkes. II, 263 usw. – »Ich habe die Sage so erzählen hören, um damit anzudeuten, daß Ortsveränderung nicht immer Heil bringt.« Pastor Dr. Jensen.

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519. Der Flöter.

Jb. f. Ldk. 4, 157 f. (Vermengung mit Nr. 379). Nieders. 2, 153. C. Heinrich in der Kiel. Ztg. v. 24. Jan. 1899, abgedr. Heim. 9, 178 ff. und bei Jensen, Chronik des Kirchspiels St. Margarethen (1913) S. 399 ff. Auch in Kudensee erzählt man die Geschichte von »Voß sien Fleuter«; ein nach Amerika ausgewanderter Kudenseer soll ihn dort getroffen haben; auf einem einsamen Wege stand plötzlich ein Unbekannter vor ihm und fragte: »Kennst du mi?« – »Nä«. – »Heß all mal vun Voß sien Fleuter hört?« – »Ja, dat heff ik«. – »Dat bün ik«. Damit war er fort. – Diese Erzählung ist wohl erst durch die Darstellung von Heinrich hervorgerufen.

Vor etwa vierzig Jahren fand sich auf einem Hofe im Kirchspiel St. Margrethen, der in der Nähe der Elbe lag, ein Spuk sehr sonderbarer Art ein. Viele Leute aus der Nähe und Ferne haben sich davon überzeugt, und die Kinder des damaligen Hofbesitzers leben noch jetzt: die Sache ist noch in gutem Andenken. Zu Süden des Hauses im Kohlgarten, wo auch einige Obstbaume stehn, ließ sich zu einer Zeit ein Wesen hören, das sich durch beständiges Flöten kundgab. Bald näherte es sich dem Hause und allmählich drängte es sich ein. Das Haus ward nun seine gewöhnliche Wohnung, und auf dem Boden, im Keller, in den Zimmern, überall ließ der Flöter sich hören. Zuweilen machte er auch auf der Nachbarschaft Besuche. Die Leute wurden ganz vertraut mit ihm; wollten die Kinder im Hause oder Knechte und Mägde tanzen, so sagten sie nur: »Spêl ins en Walzer so un so, oder nu Hopsa so und so«, und gaben nur die Melodie an; dann spielte er gleich auf. Wenn das Mädchen im Keller war bei der Milch, so sagte sie oft: »Spêl mi ins enen, mien Jung, du schast ok en Appel hebben!« Dann war ihr der Apfel gleich aus der Hand weg und das lustigste Stückchen ward aufgespielt. Niemand konnte das wunderliche Wesen zu Gesichte kriegen, wenn es gleich lange Zeit auf dem Hofe sich aufhielt und es sich, sobald einer ihn nur aufforderte, auch sogleich hören ließ. Zuletzt aber ward der Flöter immer zudringlicher, und oft zeigte sich seine üble Laune. Er konnte in einer Nacht alle Fenster einschlagen, brach in Küche, Keller und Kammer und stellte alles auf den Kopf, und Mittags, wenn die Leute bei Tisch saßen, machte er mit unsichtbaren Händen die Schüssel vor ihnen leer in einem Nu. Wenn sie dann nach ihm schlugen und ihn auf alle Weise verfolgten, so oft sie glaubten, ihn eben in einer Ecke fest zu haben, so pfiff er ihnen zum Hohn schon in der andern. Er war zuletzt nicht mehr mit ihm Haus zu halten. Der Bauer sprach allenthalben den Wunsch aus, daß einer sich finden möchte, der ihn von der Plage befreie; er wollte ihm ein gut Stück Geld geben. Endlich erbot sich ein Mann aus Wilster, den Pfeifer ihm in seiner wirklichen Gestalt oder als Pudel zu zeigen und zu vertreiben. Der Bauer aber sagte, er wolle gar nichts sehen, hier habe er zehn Taler, er soll nur machen, daß der Unhold fortkäme. Durch sonderbare Sprüche und Zeremonien hat der Mann nun den Geist fortgeschafft und keiner hat darnach im Hause wieder gepfiffen.

Mündlich aus St. Margarethen.

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520. Nißpuk gebannt.

1.

Vgl zu Nr. 502. 509. 510.

In einem alten Hause, nördlich in Rapsted, war ein sehr dicker eichner Balken, auf welchem nach alter Bauart das Dach ruhte. Im vorigen Sommer ist das Haus abgebrannt. Unter jenen Balken aber war ein Nißpuk hinunter gemahnt, der in alten Zeiten hier im Hause sein Wesen getrieben. Zu gleicher Zeit wohnte auch einer im benachbarten Dorfe Hynding. Beide Puks lebten in beständiger Feindschaft und prügelten sich oft; aber der von Rapsted war der mächtigere und brachte den andern endlich zur Ruhe. Von diesem erzählt man auch, daß einmal, als eine Dienstmagd im Hause einen tüchtigen Griff in die Geldlade ihres Herrn zu tun wagte, er dabei gestanden und gesagt habe: »Streich über!« Sie sollte es wieder eben darin machen, damit niemand etwas merke. Aber da hatte das Mädchen einen solchen Schreck bekommen, daß sie alles Geld schnell wieder hineinwarf.

Durch Herrn cand. min. Meßtorff in Rapsted.

2.

In vielen Häusern auf Amrum hat sich ein Onnerbänkis unsichtbar aufgehalten. Es mußte immer ein Stücklein Butter im Brei haben und durfte bei keiner Mahlzeit vergessen werden. Mittags ward immer ein Löffel und Messer und Gabel mehr aufgelegt. Wenn die Mutter aus war, wiegte die Wiege von selbst; das tat das Onnerbänkis. Bei einem Hause aber lag ein großer Stein. Als man den einmal ausgrub, hatte man keinen Frieden mehr; denn es war ein Lärmen, als wenn die Unterirdischen einen großen Streit untereinander hätten. Sobald der Stein aber wieder eingesenkt war, ward's ruhig. Einmal vergaß eine Familie die Butter im Brei, da stand die Schale des kleinen Mannes unberührt und er blieb für immer weg.

Durch Herrn Dr. Clement aus Amrum.

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521. Die Zwerge verbrannt.

E. P. Hansen, Beitr. z. d. Sag. d. Nordfr. S. 47 f.

Einst hatten sich eine große Menge der Önnerersken in Niß Schmidts Hause im westlichen Morsum auf Sylt eingenistet und trieben ihr Wesen im Keller. Die Leute konnten kein Bier und Brot vor ihnen bergen; alles stahlen sie weg. Eines Tages aber ertappte die Wirtin einen von ihnen, da er eben beim Bierzapfen beschäftigt war. Die Frau stellte den Zwerg ernstlich zur Rede; er entschuldigte sich, so gut er konnte und versprach, wenn sie ihn los ließe, einen solchen Segen in die Biertonne zu legen, daß sie nie leer werden sollte, so lange nicht ein Fluch darüber gesprochen würde. Seit der Zeit ward die Tonne nie leer, wie fleißig auch alle daraus schöpften. Doch eines Tages kam der Hauswirt in den Keller, um sich einen Trunk zu holen. Unbekannt mit dem Segen, der an der Tonne haftete, wunderte er sich darüber, daß das Bier ohne Aufhören herauslief, und brach endlich aus: »Dit is dag en Düwelstenn, dear nimmer leddig uud!« (Das ist doch eine Teufelstonne, die nie leer wird!). Augenblicklich verschwand der Segen, die Tonne war leer und die Önnerersken stahlen wieder Brot und Bier wie früher, ohne dafür Ersatz zu geben. Wirt und Wirtin waren in großer Not und wußten dem Übel nicht abzuhelfen. Sie fragten die Nachbarn um Rat; da sagte eine alte Frau, die in ihrer Jugend mit den Önnerersken viel Verkehr gehabt und oft mit ihnen gespielt hatte, daß einmal einer ihr offenbart hätte, daß es nur ein Mittel für die Menschen gebe, die Önnerersken los zu werden. Sie müßten nämlich das Haus in Brand stecken und ein Wagenrad vor jede Tür stellen; dann müßten die Önnerersken mit dem Hause verbrennen. Der Mann entschloß sich, sein Haus anzuzünden und stellte vor jede Tür ein Wagenrad. Als es nun in Flammen stand, da kamen die kleinen Gäste vor die Tür und steckten die Hände durch die Speichen und flehten um Erbarmung. Aber die Morsumer hatten kein Mitleid. Da rief der, welcher der alten Frau den Rat gegeben hatte, ihr zu: »Spölke, Spölke! (Gespielin!) wat heest dü mi forratt!« Es half aber alles nichts, man ließ das Haus verbrennen und ward so die Zwerge los.

Durch Herrn Hansen in Keitum auf Sylt. – Wolf, Niederl. Sagen 207. Grimm, Irische Elfenmärchen S. XXXVII. Fluchen bricht den Zauber.

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522. Die Meerweiber.

Zs. f. Vk. 2, 417.

1.

Bleffers Sulf Klauwes Sone, Reimer Sulf Reimer Solaken und Hans Dehne zu Warwen haben am hellen Mittage ein Meerweib am Strande gesehen. Sie hätte sich gekämmt, hätte lange gelbe Haare gehabt und zwei weiße Brüste wie Schnee. Sie hatten ihr Lebtage keine schönere Frau gesehen und hätten sie lange betrachtet. Als sie aber gemerkt, daß Leute da gewesen, sei sie wieder nach dem Wasser gegangen, hätte sich aber noch wieder umgesehen, wenn sie gerufen, wohl zu fünf oder sechs Malen. Unten wäre sie wie ein Fisch gewesen, auf welche Weise die Meerweiber gemalt werden.

Ehedem ist aus dem alten Kirchhof zu Süden Büsum auch eine Meerfrau gesehen und gefangen worden. Als man sie wegbrachte, hat sie gesagt: »Ich gelobe es euch, so weit, als ihr mich schleppt, soll euer Land wegreißen.«

Neocorus II, 432, vgl. I, 377 von einem Meerweib in Holland; und eine Erzählung aus dem Jeverlande bei Firmenich S. 23. Wolf, Niederl. Sagen Nr. 565. 507 f.

2.

Bei Wenningstede, am Fuße des roten Kliffs, dem hohen westlichen Ufer Sylts, trieb einst eine Meerfrau auf den Strand. Zwei Sylterinnen, die eben zur Stelle waren, ergriffen sie, trugen sie nach Hause und setzten sie in einen Kübel, der zur Hälfte voll Wasser war; allein das Meerweibchen schrie und weinte jämmerlich, und wollte sich nicht zufrieden geben. Da befahl der mitleidige Bauervogt des Orts den Frauen, das arme Wesen wieder ins Wasser zu tragen; es wäre sonst auch bald umgekommen.

Solche Wasserjungfern sind halb Fisch, halb Mensch. Wenn sie sich am Bug eines segelnden Schiffes oder auf der Spitze einer Welle zeigen, so ist ein Sturm nahe und ein vorsichtiger Schiffer zieht alle überflüssigen Segel ein.

Herr Hansen auf Sylt. – Reusch, Samland Nr. 62.

3.

vgl. zu 473. Hansen a. a. O. S. 3.

Ein Schiff ward auf der See vom Sturm überfallen und geriet in die äußerste Gefahr. Da tauchte ein Wassermann am Ruder hervor und, den Fischschwanz im Wasser behaltend, begehrte er den Kapitän zu sprechen. Der Kapitän, ein unerschrockener Mann, fragte, was er denn solle. Da beklagte sich der Wassermann, daß seine Frau sich in Kindesnöten befände, und weil sie aller weiblichen Hilfe entbehre, einen großen Lärm in ihrer Wohnung erhoben hätte. Er bat, daß die Frau des Kapitäns, die sich an Bord befand, herunterkäme und bei der Geburt Beistand leiste. Er versprach auch, sie ohne alle Gefahr wieder aufs Schiff zurückzuführen. Der Kapitän aber verweigerte die Erfüllung der Bitte. Da drohte der Wassermann, daß der Aufruhr im Meere, der nur eine Folge der Schmerzen und heftigen Bewegungen seiner Gattin wäre, noch ärger werden und das Schiff mit Mann und Maus versinken würde. Die Frau des Kapitäns entschloß sich nun, das Wagstück zu bestehen und stieg mit dem Meermann hinunter. Sogleich legte sich der Sturm. Die Geburt des Kindes ging glücklich von statten und nach einigen Stunden kehrte die Frau reich beschenkt aufs Schiff zurück, ohne daß auch nur ihre Kleider naß geworden wären.

Herr Hansen auf Sylt. – Kuhn, Märk. Sagen Nr. 81. Grimm, Deutsche Sagen Nr. 49. 58. 65-69. Wolf, Deutsche Sagen Nr. 80.

4.

Auf Helgoland zeigte sich in früheren Zeiten den schwangern Frauen, sobald es ihnen abhold war, das Meerweibchen halb als Mensch und halb als Fisch. War es ihnen aber günstig, kam es als schöne Jungfrau und stand ihnen mit freundlicher Miene bei der Entbindung bei, die dann immer durch ihre Gegenwart und Hilfe leicht und glücklich geschah. Es gab in alter Zeit auf Helgoland gewisse überaus schöne Mädchen, die man für Töchter des Meerweibchens hielt und vor denen man darum immer eine große Scheu und Verehrung hegte.

Herr Heikens.

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523. Die junge Hexe ersäuft.

Vgl. Nr. 378, 1. 149.

In Kurborg am Dannewerk und in andern Orten bei Schleswig weiß man viel von jungen Hexen zu erzählen. Einmal sollten Fischer eine junge Hexe übers Wasser setzen. Da beredeten sie sich heimlich, daß sie sie ersäufen wollten. Unterwegs mitten auf dem Wasser stießen sie das Mädchen aus dem Boot; sie aber faßte es wieder und riß es um, daß die Fischer elendiglich ertrinken mußten. Das Mädchen aber tauchte wieder hervor und die Leute sahen sie später noch oft aus den großen Blättern der Wasserlilien über den Wellen schweben.

Durch Herrn cand. phil. Arndt. Vgl. Nr. 149. 378, 1. Grimm, Deutsche Sagen Nr. 57. 64.

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524. Die weiße Frau am Mühlenteich.

Bei Kappeln begleiten zwei weißgekleidete Mädchen einen nächtlichen Wanderer bis zum Dorf, weichen seinen Stockschlägen geschmeidig aus und stürzen sich schließlich in einen Brunnen. (Mündlich.)

Auf den Koppeln, die an dem obern Mühlenteich des Klein-Wesenberger Müllers liegen, sieht man oft eine Frau herumwandeln, die trägt ein weißes Kleid und hat es stets so ausgenommen, daß ihr blaugrauer Unterrock und ihre Schuhe mit hohen Absätzen zu sehen sind. Abends trägt sie eine Laterne in der Hand, sie geht immer nach dem Mühlenteiche zu und verschwindet da. Man weiß gar nicht, aus welcher Ursache sie da umherwandelt, aber wohl fünfzig Leute haben sie gesehen. Eines Morgens um halb vier Uhr ging ein junger Mensch von Klein-Wesenberg nach Klein-Schenkenberg auf dem Fußsteige, der neben dem Mühlenteich über jene Koppeln führt. Da erblickte er eine Koppel weit vor ihm die herumwandelnde Frau. Der junge Mensch saßte sie fest ins Auge, verdoppelte seine Schritte und dachte sie einzuholen. Plötzlich aber kam es ihm vor, als wenn er in eine Pfütze getreten sei. Darüber stand er einen Augenblick still und wollte das Wasser abwischen; aber zu seiner großen Verwunderung konnte er nirgend Wasser gewahr werden, und wie er nun wieder der Frau nacheilen wollte, da war sie verschwunden.

Durch Herrn A. H. F. Schlobohm aus Klein-Wesenberg.

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525. Der Jungfernsee.

Vgl. zu Nr. 167. 192. Frahm S. 114.

In der Marienhölzung bei Flensburg stand in ganz alten Zeiten ein Schloß, darin hauste ein wilder Ritter. Lange hatte er sein zügelloses Leben geführt, die Mädchen der Gegend wurden geraubt und geschändet und keine kehrte zu den Ihrigen zurück; da versank eines Nachts das Schloß mit allen, die darin waren; nur eine Kammermagd entkam und schenkte spater die Hölzung an die Kirche. An die Stelle des Schlosses aber trat ein See; darin kann man Mittags, wenn nur die Sonne scheint, noch die Turmspitzen sehen, und man hat da auch mehrere Male Glockentöne aus dem Wasser vernommen. Um Mitternacht aber tanzen die Jungfrauen, die einst entführt und entehrt wurden, in langen weißen Gewändern um das Ufer des Sees herum und dabei hört man sie mit klagender Stimme gar traurige Weisen singen.

Durch Herrn Tamsen in Tondern und Pastor Dr. Jensen in Gelting. – Harrys Sagen Niedersachs. I, 1. 2. Bechstein, Thüring. Sagen IV, 32. Grimm, Deutsche Sagen Nr. 61. Wolf, Deutsche Sagen Nr. 47. 48. – Vgl. unten Nr. 536.

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526. Die tanzenden Elbinnen.

Nach der Version bei Kristensen 2 A, 108 tanzen die »ellepiger« den jungen Mann zu Tode. – Auch aus dem Oldenburger Wall ertönt liebliche Musik: Nr. 544.

Im Kirchspiel Osterlügum bei Hauerslund, nicht ganz weit von Apenrade, liegt ein Hügel der Hanbierre, der Hahnenberg. Nahe dabei ist ein Erlenbruch. Einmal lag da ein junger Mensch und schlief so lange, daß er erst spät in der Nacht aufwachte; da hörte er die lieblichste Musik rund um sich, und da er vor sich sah, ward er zwei Mädchen gewahr, die hüpften und tanzten und fragten ihn oft, um ihn zum Sprechen zu bringen; aber er wußte wohl, daß Gefahr dabei wäre und schwieg. Da hört er ganz deutlich, wie sie sangen:

Aa hör, do Ungersven! aa vil do int
Mœ os i Jauten tael,
Saa skal, inden Kok gael, di sölslavn Knyw
Ret lig dint Hiaert i Dvael. O hör, du Bursche, o willst du nicht mit uns heut Abend sprechen, so soll, bevor der Hahn kräht, dein silberbeschlagenes Messer recht dein Herz in Ruhe bringen.

Da ward ihm angst, als er das hörte, und eben wollte er sprechen, als der Hahn krähte, und die Frauen verschwanden. Seit der Zeit hat der Hügel seinen Namen erhalten.

Solche Wesen aber nennt man im Dänischen Ellequinder.

Thiele II, 214. – Schröder, Topographie von Schleswig: Bei Gonsacker, Amt Hadersleben, hört man aus dem Skrovhoi oft die lieblichste Musik hervortönen. Ebenso aus einem Steinhügel bei Kronsgaard, Kirchspiel Gelting in Angeln, und an andern Orten.

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527. Die drei Weiber.

Dreibeiniges Pferd: zu Nr. 41.

In Windbergen, so erzählte ein Mädchen in Meldorf, hätte früher ihre Meddersch (Mutterschwester) gedient und die hätte es gesehen oder von andern gehört, daß einmal an einem Morgen früh, als die Mägde zum Melken gegangen, drei alte Weiber auf einem dreibeinigen Pferde quer übers Feld an ihnen vorbeigeritten seien, und das Pferd habe so geschwitzt, daß das Wasser nur so zur Erde gestrichen sei. Als sie vom Melken zurückgekommen seien, hätte eines Bauern brauner Hengst vor der Stalltür angebunden gestanden; der sei auch ganz naß und voller Schaum gewesen, und Mähne und Schweif wären ihm geflochten gewesen.

Mündlich.

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528. Die schwarze Greet am Dannewerk.

Zu Nr. 17, 1. Weiße Pferde: Nr. 376.

Gott straft die alte Königin Margret so für ihr ruchloses Leben, daß sie keine Ruhe im Grabe hat und in jeder Nacht über den alten Wall, den sie mit Hilfe des Teufels gebaut hat, hinreiten muß. Das haben viele Leute gesehen. Oft kommt sie auch Mittags zwischen zwölf und ein. Sie trägt stets ein schwarzes Kleid, reitet aus einem weißen Rosse, das Dampf und Feuer aushaucht; ihr nach folgen zwei andere Geister in schneeweißem Gewande. So macht sie jedesmal die Runde in vollem Rennen von Hollingstede bis Haddeby. – Einmal war eine Magd ausgeschickt an dem Walle Kartoffeln auszugraben; es war Mittags um zwölf. Da kam sie plötzlich nach Hause gesprungen und schrie, die schwarze Greet sei ihr vorbeigesaust und ihre Begleiter seien auf sie losgekommen. Da habe sie den Kartoffelsack im Stich gelassen und sei davongelaufen. Als man nun hinging und nachsah, fand man die Kartoffeln umhergestreut und zertreten. Das hatte aber die schwarze Greet getan, weil sie nicht will, daß auf ihrem Wall gebaut werden soll.

Noch in der Neujahrsnacht des Jahres 1844 geschah es, daß die Kinder der Leute, die bei Kurburg am alten Walle wohnen, Abends spät nach elf von der Nachbarschaft nach Hause gingen. Da kam ihnen aus dem Walle das weiße Pferd entgegen, mit einem weißen Laken behangen, große Klunker an den Ohren, mit einer Laterne vor dem Kopf, es gab Dampf von sich, und darauf saß eine hohe schwarze Gestalt. Das war die Greet. Zwei andere weiße Gestalten folgten ihr zu Fuß. Die Mädchen liefen eilig ins Feld, da sauste das Pferd weiter den Wall entlang, aber die weißen Gestalten verfolgten sie. Die Mädchen waren in großer Not. Die kleinste fiel und fing an zu beten, die andern kamen davon. Als nun die Eltern die Kleine nach Hause holten, konnte sie kein Wort reden, als: »Das Pferd! das weiße Pferd!« Noch mehrere Tage redete sie irre, und als der Vater diese Geschichte erzählte, ward ihr wieder ganz angst und sie hielt die Hände vors Gesicht, war auch aus keine Weise zu bewegen, etwas davon zu erzählen.

Durch Kandidat Arndt. – Auch in den Niederlanden kennt man eine schwarze Margret. Wolf, Deutsche Sagen Nr. 86.

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529. Die schwarze Dorte.

Vgl. Nr. 546. 606. Voß und Schröder, Wacken S. 141.

Der Ritter Heinrich Ranzau nahm einst eine verfolgte Frau aus Ungarn in seinen Schutz und erbaute ihr das Schloß zu Mehlbek zu einer sichern Wohnung. Man nannte sie nur die witte Dorte, denn stets ließ sie sich auf dem Turm des Schlosses sehen in einem nebelartigen weißen Gewande, so oft ein Glück oder Unglück bevorstand. Sie hat sich da lange Jahre auf dem Turm aufgehalten und war recht der Schutzgeist des Schlosses und seiner Bewohner; als aber ihr Beschützer Heinrich Ranzau starb, zeigte sie sich nur in schwarzen Kleidern, und darum nennt man sie seit der Zeit stets die swarte Dorte.

Einst faßten die Bauern des Guts heimlich den Beschluß, den Gutsherrn gefangen zu nehmen und sich seiner Herrschaft zu entledigen. Ob ihr Wohlstand sie übermütig gemacht, oder der Herr durch Härte sie erbittert hatte, weiß man nicht; genug, sie stürmten alle bewaffnet aufs Schloß, und dachten den Herrn zu fangen, aber sie fanden nur das leere Haus, der Herr, gewarnt, war eben vorher abgereist. Nun fielen die Bauern über das Schloß her und wollten es zerstören; vergebens warnte und ermahnte sie ein alter Bauer, davon abzulassen und ruhig nach Hause zu gehn; sie hörten nicht auf ihn und begannen ihr Werk. Wütend tobten sie durch das ganze Schloß; als es aber gegen Abend kam und sie in den großen Saal eindrangen, trat ihnen drohend und mit zorniger Gebärde die schwarze Dorte entgegen. Voller Schrecken wichen sie zurück und flohen; aber der Fluch der schwarzen Frau folgte ihnen. Noch in derselben Nacht stand das ganze Dorf in Flammen; da liefen die Bauern eilig nach dem nahen Teiche, um Wasser zum Löschen zu holen, aber keiner kehrte zurück, denn alle wurden mit Frau und Kind in Frösche verwandelt, und wo bisher das Dorf gewesen war, steht von dieser Zeit an der Teich mitten in einer großen grünen Wiese. Die große schöne Eiche, die unter dem Namen des Pfannekuchenbaums in der ganzen Gegend bekannt ist (und sie erhielt diesen Namen, weil die Arbeiter unter ihr gewöhnlich ihr Frühstück verzehren), hat vormals auch zu dem untergegangenen Dorfe gehört. Darunter saß damals in tiefer Trauer der alte Bauer, der die andern gewarnt hatte und hindern wollte; er allein und seine Tochter waren verschont geblieben, aber Hab und Gut waren nun verloren. Da setzte sich ein wunderschönes Vöglein über ihnen auf einen Zweig und sang mit heller Stimme:

Kumm, Vatter, kumm geswinde!
Hier buten weit de Winde.
Swart Doortje hett mi hêr bestellt,
Ik sall di gêwen vêles Geld,
Du schast en nees Huus di maken,
Swart Doortje gifft di schöne Saken.
Wo ik dit wisen do,
Da, Vatter, blief un bo!

Da stand der Alte auf und folgte dem Vogel, der langsam vor ihm hin flog und bald an dem Orte sich niederließ, wo jetzt das Dorf Mehlbek steht. Sogleich verschwand der Vogel; aber unter einem Baume lag ein schwerer Geldsack, darauf stand geschrieben: Meinem treuen Helfer in der Not. Da fing der Alte an und ließ ein neues Haus bauen, und bald folgten mehr Leute seinem Beispiele in der Hoffnung, daß auch ihnen solches Glück zuteil werde. Allein die schwarze Dorte hat nur einmal ein solches Wunder getan.

Jetzt ist das alte Schloß und der Turm, den die Dorte bewohnte, längst abgebrochen, aber die Leute versichern, daß man noch oft, sobald etwas Wichtiges bevorsteht, sie Nachts in einem mit vier schwarzen Pferden bespannten Wagen umherfahren sieht.

Nach einer schriftlichen Mitteilung. Der Anfang ward mir so mitgeteilt: »Einer Baumgöttin in Ungarn ward der Baum, den sie bewohnte, durch den Blitz zerschellt. Da konnte sie nicht länger hienieden bleiben, sondern ihre Königin wollte sie nach einem andern Weltkörper versetzen. Aus Furcht aber vor einer so weiten Reise ergriff sie die Flucht, die Königin verfolgte sie, bis sie ganz ermattet in Holstein anlangte, wo Heinrich Ranzau sie in Schutz nahm und ihr einen festen Turm zur Wohnung erbaute.« Es mag Echtes zugrunde liegen, ich wagte es aber nicht dafür auszugeben.

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530. Die Spinnerin.

Nächtliche Spinnerinnen auch am Ockholmer Deich (Jb. f. Ldk. 7, 390) und in St. Peter (das. 391, vgl. Detl. v. Liliencron Ges. W. 3, 242); ihr Anblick bringt Unglück. Ebenso in Seeholz in Schwansen (Jessen u. Kock, Heimatb. d. Kr. Eckernf. S. 192), bei Husum (Nieders. 17, 111), bei Kisdorf unter der Brücke (Heim. 7, 212), auf der »Borgwisch« bei Hitzhusen (Zs. f. s.-h. Gesch. 16, 387 »Frau Holle«), auf dem Kapellenhof bei Bramstedt, bei Stellau, wo sie in der Neujahrsnacht erscheint, u. öfter.

An dem Orte, wo der Kirche gegenüber früher des Stellauer Schloß gestanden hat, sieht man zu gewissen Zeiten in stillen Nächten eine schöne Frau in strahlendem Gewände mit langem goldgelben Haar, die mit dem größten Fleiße stets auf einer goldenen Spindel spinnt. Viele Leute haben sie da gesehen und beobachtet, und zugleich versichern manche, daß früher und auch in den letzten Jahren an demselben Orte oft die prachtvollsten Häuser, Gebäude und Anlagen zu sehen waren, und daß zu gleicher Zeit ein Summen und Brausen sich vernehmen ließ, ähnlich wie in einer großen Handelsstadt; was das aber alles zu bedeuten hat, weiß noch niemand zu sagen. Die Eisenbahn von Altona nach Kiel geht jetzt nicht ganz weit davon vorbei.

(Auf dem Hügel, der Troldryggel heißt, am Wege von Rapsted nach Höist, sieht man Nachts auch eine Spinnfrau sitzen.)

Herr Ketelsen auf Breitenburg (und cand. min. Meßtorf in Rapsted).

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531. De gode Krischan.

Abendmahl: Nr. 537, 1. Stelle ohne Graswuchs: zu Nr. 207.

Es war einmal eine traurige Zeit für Blankenese. Kein Fisch ging ins Netz mehr, keiner biß mehr an die Angel, das Korn auf dem Felde verdorrte und war taub, die Obstbäume standen leer, Kühe und Schafe trockneten auf, die Pferde wurden lahm, es herrschte der bitterste Mangel. Und je weiter es in dem Jahre gegen den Herbst kam, je ärger ward es. Eine Scheune und ein Stall nach dem andern brannten ab, so wie Korn und Vieh eingebracht waren. Selbst die kleinen Kinder wurden Nachts vor dem Bette der Eltern aus den Wiegen weggestohlen, obgleich man Türen und Fenster wohl verwahrt hatte und sie nachher auch noch immer fest verschlossen fand. Was die Ursache dieses Unglücks sei, wußte niemand zu sagen, niemand wußte auch Rat. Der Ort war dem äußersten Elend nahe. Da entdeckte endlich durch Zufall ein Hirtenbursche, wie es damit sei. Er war gegen Abend vor Müdigkeit am Abhange des hohen Sülbergs eingeschlafen. Erst um Mitternacht erwachte er und wollte eben schnell nach dem Dorfe zurückkehren, als er zu seinem Schrecken den Berg sich voneinander tun und ein altes häßliches Weib aus der Spalte hervorkommen sah. Eine Weile stand sie noch auf der Spitze des Berges still und sah sich nach allen Seiten um, dann stieg sie hinab und ging dem Dorfe zu mit den Worten: »Nun, ich will hin und will allen Kühen und Pferden die Schwänze abschneiden. Das soll morgen einen hübschen Spektakel geben.« Der Hirtenjunge hatte sich aus Furcht hinter einen Busch verkrochen und platt auf den Bauch niedergelegt, um nicht von der Hexe gesehen zu werden. Kaum aber war sie fort, eilte er dem Strande zu, machte ein Boot los und fuhr auf die Elbe hinaus; denn ins Dorf wagte er sich nicht, weil er der Hexe leicht begegnet wäre. Am Morgen aber ruderte er wieder zurück, weckte die Leute und erzählte, was er gehört hatte. Da sah man nun in den Ställen nach und kein Pferd und keine Kuh war verschont geblieben; später fand man die abgeschnittenen Schwänze unten am Ufer liegen.

Nun dachten die Blankeneser darauf, wie am besten dem Unheil abzuhelfen sei. Die heilige Christnacht ward zur Ausführung des Planes ausersehen. An der Stelle des Berges, wo der Hirtenjunge das Weib hatte herauskommen sehen, ward ein großer Holzstoß errichtet und viel Stroh zusammengetragen. Am Abend versammelte sich das ganze Dorf, alt und jung, am Fuße des Berges, mit dem Pastor aus Nienstedten an der Spitze; der gute Christian, wie der Hirtenjunge hieß, stand allein in der Nähe des Scheiterhaufens mit einer brennenden Lunte in der Hand. Als nun die Uhr zwölf schlug, so fing es in dem Holzstoß an zu rasseln, mehrere Stücke fielen auseinander und in einem Augenblick stand die Hexe vor ihm. Sogleich steckte der Bursche die Lunte in das Stroh und in demselben Augenblicke stimmten die Leute unten am Berge einen Gesang an und kamen immer näher herzu. Der Scheiterhaufen stand bald in hellen Flammen; darum konnte die Hexe nicht zurück in den Berg, gegen den Pastor und den Gesang konnte sie auch nicht ankommen, und dem guten Christian konnte sie nichts anhaben, weil er erst eben vorher das Abendmahl genommen hatte und reines Herzens war. Die Blankeneser kamen unterdes immer näher und näher in einem Kreise auf sie zu und drängten sie so endlich in die Flamme; da mußte sie elendiglich verbrennen. Die Stelle, wo dies geschehen ist, blieb bis auf diesen Tag kahl und öde, und kein Halm wächst darauf; aber die Geschichte vom goden Krischan ist noch in Blankenese und der ganzen Umgegend wohl bekannt; denn er war es, der das Dorf von der Plage befreite, so daß es seitdem wieder zu seinem alten Wohlstand kommen konnte.

Auf dem Sülberg, dem höchsten Berge in der ganzen Gegend, stand in alten Zeiten ein Schloß, und der ganze Berg war mit Wald bewachsen. Jetzt ist das Schloß in den Berg verwünscht; aber einmal im Jahre, in jeder Mainacht, tut sich der Eingang dazu auf.

Sagenbibliothek. Hamburg bei Menk. Bd. I. Heft VIII, Nr. 10. – Mündlich.

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532. Die Prinzessin im Nobiskruger Holze.

Schlüsselbund: Nr. 538. Auch mitten im Grünholzer Holz in Schwansen hat vorzeiten ein großes Schloß gestanden; es ist im Moor versunken, wo noch »de depe Slunk« ist. Abends haben alte Leute dort oft eine Dame in schwarzem Kleide wandeln sehen. (Mündlich.) Vgl. Frahm 72 ff. – Zur Anm. Die Stelle aus Herrn Jürgens Predigt genauer Zs. f. schl.-holst. Gesch. 12, 170 f. (statt »mit Köhlen«: »mit Stöhlen«).

Jedermann, der einmal von Kiel nach Rendsburg gefahren ist, kennt den Nobiskrug, das letzte Wirtshaus vor der Festung. Da liegen zwei Gehölze dicht beieinander, eine Wiese trennt sie. Hier stand vor alten Zeiten ein großes Schloß, man will noch Spuren finden. Es versank endlich und sitzt jetzt unten im Grunde. In gewissen Nächten aber steigt daraus die Prinzessin hervor, angetan mit einem grünen Jagdkleide, ein großes Bund Schlüssel an der Seite. Sie wandelt dann über die Koppeln bis zu dem wilden Apfelbaum, der neben der Landstraße steht: in den setzt sie sich und klagt, weint und jammert. Manche haben sie da gesehen, aber niemand weiß, was ihr fehlt. Der Apfelbaum ist oft umgehauen, doch immer schlägt die Wurzel schnell wieder aus und jeden Sommer steht er voll Blüte, aber niemals trug er noch Früchte.

Man meint, die Prinzessin habe schon mehrere Male Leute mit in ihr Schloß genommen; sie sind niemals wiedergekommen; daher warnt man in Rendsburg gerne jeden, der zum Nobiskrug hinausspaziert, er möge auf seiner Hut sein, die Prinzessin möchte ihn einschließen.

Mündlich. – Über Nobis- oder Obiskrug (von abyssus, Abgrund, Hölle) Mythol. S. 953 f. Vgl. Kuhn, Märk. Sagen Nr. 19. 62. 110. Haupts Zeitschr. IV, 387. Am Nobistor, bei Altona an der Elbe auf Hamburger Gebiet, aber gerade an der Grenze, lag früher ein Nobiskrug. Schütze, Idiotik. III, 150. In der eben zu Nr. 499 angeführten Predigt heißt es von Jägern: »Nu vor wem scheten se und jagen se? Vör den översten. Wol is de överste? Dat is de Düwel selvest, de to Flensborg up dat Schlot ligt; vör ehm rittstu, vör ehm rennsttu, mit ehm fahrstu von hier bet na Nobis Krog, dar sik de witte Engel in kohlschwart verwandelt.« Die andre Abschrist hat: »Dar de Engelen mit Köhlen danzen, dar du denn ut Fründlichkeit dat Schrien nicht warst laten.« – Ein andrer verwandter, früher bei uns gebräuchlicher Ausdruck: »Na Hekelvelde varen«, d. h. zum Teufel, zum Blocksberg, ist Mythol. a. a. O. besprochen. Ebendaselbst auch (vgl. S. 1231) der Name Övelgönne. So heißt bei uns in Holstein ein adliges Gut bei Neustadt an der Ostsee, ein Ort bei Ottensen an der Elbe, mehrere Wiesen nördlich von Meldorf. Die Aussprache schwankt zwischen Övel und Övergünnen. Daher mag das Övergönne bei Cismar und das der süderdithmarschen Außendeiche hierher gezogen werden, obgleich andre Auffassung zulässig ist. Övelgönde (Evelgunde) heißt auch ein Meierhof auf Alfen.

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533. Die weiße Frau in Hanerau.

Meineidige als Wiedergänger: zu Nr. 281.

Zwischen Hademarschen und Hanerau zeigte sich vor wenigen Jahren, zwischen Himmel und Erde schwebend, wieder die weiße Frau und ist von vielen gesehen worden. Sie war vor einigen hundert Jahren Besitzerin des Gutes Hanerau. Einer ihrer Vorweser hatte der Hademarscher Kirche einen großen Teil des Geheges, das Rehas genannt wird, geschenkt und darüber auch ein Dokument ausgestellt. Da ging eines Tages nun die Frau zum Prediger und bat ihn, ihr einmal das Dokument zu zeigen. Der Prediger, nichts Arges denkend, tut ihr den Gefallen. Aber kaum hatte sie das Papier in Händen, so vernichtete sie es und nahm darauf wieder den Teil des Geheges in ihren Besitz. Natürlich führte die Kirche Klage, aber das Dokument fehlte und die Frau tat einen Eid. So gewann sie ihren Prozeß. Aber seit ihrem Tode muß sie nun zwischen der Kirche und dem Gehege wandeln und alle sieben Jahr läßt sie sich auf dem Wege sehen.

Mündlich. – Bei dem Hofe Ranzau bei Bramstedt, besonders in dem Gehölz, das die Hofkoppel heißt, geht eine weiße Frau umher. Das soll eine Gräfin van Orlamünde sein, Verwandte eines frühern Grafen von Ranzau. Ebenfalls bei dem Dorfe Aspern bei Bramstede geht in einer Twiete (einem Feldwege zwischen Hecken) eine weiße Frau; man meidet nachts diesen Weg.

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534. Die Wittfruen.

Zum Raub der ungetauften Kinder: zu Nr. 494

Unter dem Dorfe Sahrensdorf auf Fehmarn wohnten vorzeiten weiße Frauen oder Wittfruen, die raubten gerne die ungetauften Kinder. Um diese also vor ihnen zu bewahren, zündete man früher gleich nach der Geburt eines Kindes ein Licht an, und bis das Kind getauft war, mußte allezeit eins im Zimmer der Wöchnerin brennen.

Hansen, Fehmarn S. 314. – Über die weißen Frauen in Westfriesland Happel relat. curios. III S. 168. – Dieselbe Vorsicht ward sonst bei uns wohl allgemein wegen der Unterirdischen beobachtet. Vgl. Nr. 494. – In Schützes Idiotik. IV. 352 werden witte Wywer durch Wahrsagerinnen erklärt und die Redensart angeführt: de witten Wywer (sonst Hexen) hebbt em ünner.

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535. Die Frau auf der Thyrenburg.

Warnung der Kinder: zu Nr. 499.

An der Westküste des Dannewerker Sees, oberhalb des Wiesengrundes, der Loseck genannt wird, findet man in einem kleinen schönen Buchenwalde den mit einem trockenen Graben umgebenen Burgplatz der sogenannten Thyrenburg. Ringsumher ist alles dürre braune Heide, aber im Sommer steht der schattige Burgplatz voll blühender Vergißmeinnicht. Hier hat man oft in der Dämmerung des Spätsommers eine hohe Frau auf einem goldenen Stuhle sitzen sehen, wie sie ihr langes Haar mit goldenem Kamme kämmt; wenn sie es in Flechten gelegt, so verschwindet sie. In der Johannisnacht sieht man sie jedesmal, besonders gegen Morgen, da sitzen, umgeben von vielen Menschen. Wer dann zu ihr kommt, den zieht sie mit in ihr unterirdisches Reich hinab. Daher warnen Mütter ihre Kinder, in der Zeit nicht dahin zu gehen.

Weil man weiß, daß die Prinzessin viele Schätze besitzt, so haben einmal drei Leute am Johannisabend angefangen, da nachzugraben, sie wurden aber beständig so mit Ruten über das Gesicht geschlagen, daß sie bald gezwungen waren umzukehren. Das folgende Jahr faßten sie neuen Mut; aber es ging noch schlimmer. Denn nun wurden sie nicht mit Ruten gestrichen, sondern die hohen Waldbäume fingen an zu wanken und zu schwanken und drohten über sie zusammenzufallen.

Es ist in alten Zeiten geschehen, daß die verwünschte Prinzessin da unten eine große Hochzeit gehalten hat. Dazu braute sie so viel Bier, daß alles Wasser aus ihrem Burggraben aufgebraucht ward und er seitdem trocken ist. Davon aber hat sie noch eine große Menge Bier in großen Fässern übrig behalten, und es lebt ein Bauer in Dannewerk, von dem man sagt, daß er alle Jahr zur Roggenernte sein Bier sich von ihr holt. Er muß dann am Johannismorgen zur Stelle sein, wenn sie vor der Burg sitzt und sich sonnt; dann bekommt er so viel, als er haben will, und gibt ihr nichts dafür, als ein kleines weißes Lamm.

Siebenter Bericht der Gesellschaft für Altertümer S. 9 und nach mehreren Mitteilungen, besonders Arndts. – Herr Prem.-Leutn. Timm erzählt, daß die Prinzessin zuerst den Burgplatz umwandelt, ehe ste sich auf den Stuhl setzt, und dann ihren Schleier auf eine neben ihr stehende silberne Wiege legt. – Vgl. Kuhn, Märk. Sagen Nr. 111.

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536. Die Duborg.

Peter Pommerening: Nr. 300, 2. – Weigerung, den Schatz zu teilen: Nr. 338 Anm. – Zum Schluß vgl. zu Nr. 153.

In alten Zeiten stand oberhalb Flensburg ein Schloß, das hieß die Duborg. Nun hauste da einmal ein gottloser Ritter, der versündigte sich an dem Heiligsten. Da tat sich die Erde auf und das Schloß versank mit allem, was darin war, und an die Stelle trat ein tiefer, unergründlicher Teich, der sogenannte blaue Damm. Von dem Schlosse ist nur ein kleines Stück Mauerwerk nachgeblieben. Wer in jeder Neujahrsnacht, sobald es von St. Marien zwölf schlägt, steht es in seiner ganzen alten Herrlichkeit wieder da. Dann erheben sich die Könige und Herren, die einst in dem Schlosse gewohnt haben, aus dem blauen Damm und reiten mit ihrem ganzen Gefolge in langem Zuge um das Schloß herum und endlich zum Tore hinein. Sobald aber der letzte ins Tor gekommen ist, schlägt es eins und alles muß wieder versinken. Man will auch oft den großen schwarzen Pudel mit glühenden Augen, der in den Stadtgräben umherstürmt, und der der verwünschte Bürgermeister Peter Pommerening sein soll, hinter dem Zuge gesehen haben.

Es sind viele Schätze mit dem Schlosse versunken. Aber sie werden von zwölf weißen Jungfrauen gehütet; daher ist alles Graben vergebens. Diese zwölf Jungfrauen sollen auch in der Neujahrsnacht, gehüllt in ihre langen Schleier, dreimal um den Platz des ehemaligen Schlosses herumgehen, dann aber verschwinden.

Man erzählt, daß einmal hier zwei Soldaten standen und Wache hielten, aber da der eine in die Stadt ging, geschah es, daß eine hohe weiße Frauengestalt zu dem andern kam, ihn anredete und sagte: »Ich bin ein unseliger Geist, der nun schon viele hundert Jahre umhergewandelt ist, aber niemals werde ich Ruhe im Grabe finden!« Dann vertraute sie ihm, daß unter dem Mauerstück ein großer Schatz verborgen sei, den nur drei Menschen in der ganzen Welt heben könnten, er aber wäre einer von diesen. Der Mann, der nun sein Glück gemacht sah, gelobte in allem ihren Befehlen nachzukommen; da befahl sie ihm, in der nächsten Mitternacht wieder zur Stelle zu sein. Unterdessen war der andere Soldat aus der Stadt zurückgekommen und traf seinen Kameraden noch in dem Gespräch mit der weißen Frau. Doch verschwieg er das, was er gehört und gesehen hatte, er fand sich aber am nächsten Abend beizeiten ein und hielt sich in einem Gebüsch in der Nähe verborgen. Als der Soldat nun mit Spaten und Hacke kam, stellte sich auch die weiße Frau ein, aber sobald sie merkte, daß sie belauscht würden, setzte sie die Arbeit aus auf den nächsten Abend. Der andre Soldat, der nun vergebens auf der Lauer gestanden hatte, begab sich nach Hause und ward plötzlich krank; er glaubte, daß es sein Tod sein würde. Da rief er seinen Kameraden zu sich, offenbarte ihm, daß er alles wüßte, und ermahnte ihn dabei, sich nicht mit solchem Spuk abzugeben, sondern lieber bei dem Prediger Rat zu suchen, der ein kluger Mann war. Diese Ermahnung nahm der Soldat zu Herzen und entdeckte die Sache dem Prediger, der ihm jedoch befahl, ganz so zu tun, wie die Frau es wollte, nur daß sie selbst zuerst Hand ans Werk legen müsse. Zur festgesetzten Zeit fand sich der Soldat am rechten Orte ein. Nachdem das Gespenst ihm die Stelle gezeigt hatte und die Arbeit vor sich gehen sollte, sagte sie zu ihm, daß wenn der Schatz gehoben sei, da solle die eine Hälfte ihm gehören, aber die andere solle er zu gleichen Teilen an die Kirche und die Armen geben. Da fuhr ein böser Geist in den Soldaten und seine Habsucht erwachte, so daß er ausrief: »Wie! soll ich denn nicht das Ganze haben?« Kaum waren diese Worte über seine Lippen, als das Gespenst mit einem gar kläglichen Tone in einer blauen Flamme dahinsuhr und verschwand. Der Mann ward krank und starb am dritten Tage darnach. Nun ward diese Geschichte weit und breit im Lande bekannt und es war da ein armer Student, der meinte, hier könne er sein Glück machen. Er ging daher um Mitternacht an den Ort, traf auch die weiße, umgehende Frau und sagte ihr, was er wollte. Aber sie antwortete, daß er nicht einer von den dreien wäre, die allein sie erretten könnten, und daß die Mauer noch lange so fest stehen würde, daß keine Menschenhand sie niederzubrechen imstande sein würde; doch sagte sie ihm zu, daß einst zum Dank für seinen guten Willen er solle belohnt werden. Und es wird erzählt, daß, als derselbe Student einmal später da vorbeiging und mitleidig sich der Klage der unglücklichen Frau erinnerte, er mit der Nase auf eine große Menge Geld fiel, das ihn aber schnell wieder auf die Beine brachte. Aber die Mauer steht unbeweglich, und so oft man versucht hat, sie niederzubrechen, so wächst jedesmal in der Nacht das Abgebrochene wieder nach.

Vgl. Nr. 192, 526 und 550. Das Schloß ward 1719 abgebrochen. Vierter Bericht der Gesellsch. für vaterl. Altertümer 1839, S. 31. Herr Kandidat Arndt. – Herr Tamsen in Tondern. – Thiele I, 358. Von dem Schlosse sollen lange unterirdische Gänge unter einem großen Teil der Stadt hingehen, bis zum Kloster, der jetzigen gelehrten Schule. Die Gänge sind jetzt verschüttet, aber vor einigen Jahren fand man menschliche Gebeine darin, die längs den Wänden in Ketten hingen. Die sollen von Mönchen herrühren, die hier zur Strafe eines langsamen Hungertodes starben.

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537. Die Prinzessinnen im Tönninger Schloß.

Oft erzählt; vgl. z. B. Momsen, Bilder aus Eiderst. S. 42. Heim. 4, 90. – Abendmahl: Nr. 531. – Bei Erfde, auf dem Wege »na de Sandflüs« stand früher ein Schloß und in dem Schloßbrunnen hausen 7 verwünschte Prinzessinnen; 7 desertierte Soldaten kehrten einmal im Schloß ein und erhielten von unsichtbarer Hand Speise und Trank vorgesetzt; um Mitternacht aber erschienen ihnen 7 Lichter, die sich in Jungfrauen verwandelten. Wenn die Soldaten 7 Jahre im Schlosse bleiben, werden sie die Jungfrauen erlösen; sie halten es aber nur 6 Jahre aus. Als sie dann auf das Schloß zurückkehren, schmeckt das Brunnenwasser widerlich und 6 Soldaten werden in schwanzlose Ratten verwandelt (Ekboom 2, 351).

1.

Als Tönningen einmal von Feinden belagert war, haben die drei Töchter des Generals, der das alte Schloß bewohnte und die Stadt verteidigte, ein Gelübde getan und sich in den Keller verwünscht. Das Schloß ist nun längst abgetragen; aber die Keller sind noch da und von der Wasserseite sichtbar. Darin werden die verzauberten Prinzessinnen von einem großen Höllenhunde mit feurigen Augen bewacht. Ein Matrose faßte einmal den Entschluß, sie zu befreien. Er ging zu einem Prediger, ließ sich das Abendmahl geben und über die ganze Sache genau unterrichten. Dann begab er sich, ausgerüstet mit einem guten Spruch, auf den Weg und kam bald an ein großes eisernes Tor, das sogleich aufsprang, sobald er nur seinen Spruch gesagt hatte. Als er nun hineintrat, saßen die drei weißen Jungfern da und lasen und zerpflückten Blumen und Kränze, in der Ecke aber lag der Höllenhund. Der Matrose sah, wie schön sie waren; da faßte er Mut und fragte, wie er sie erlösen könne. Die Jüngste antwortete, daß er das Schwert, das an der Wand hange, nehmen und damit dem Hunde den Kopf abschlagen müsse. Der Matrose nahm das Schwert herunter und erhub es schon zum Hiebe, da sah er seinen alten Vater vor ihm knien, und er hätte ihn unfehlbar getroffen. Voller Entsetzen aber warf er das Schwert weg und stürzte zur Tür hinaus, die mit ungeheurem Krachen zufiel. Er selbst aber starb nach drei Tagen.

Mündlich. Vgl. Nr. 583, 2. 584.

2.

In Tönningen stand früher ein herzogliches Schloß; als aber die Stadt durch Steenbock geschleift ward, wurde das Schloß zerstört. Seitdem zeigen sich alle sieben Jahre an der Stelle des frühern Schlosses (an des Landschreibers Staket) drei Jungfrauen, das sind drei verwünschte Prinzessinnen. Wenn diese entzaubert sind, so steigt augenblicklich das Schloß wieder empor in seiner alten Herrlichkeit. Einer hat es einmal versucht, sie zu erlösen. Es stand noch vor nicht gar langer Zeit an der Norderseite des Schloßplatzes ein großer Baum, dessen Stamm sich eben über der Erde in zwei starke auseinandergehende Wurzeln teilte. Unter diesen Wurzeln ging ein gemauerter Gang in die Erde. Da stieg nun der, der die Prinzessinnen erlösen wollte, hinein und kam an eine eiserne Tür; davor lag ein Kalb, und er tötete es, wie es zur Entzauberung nötig war. Dann kam er an eine zweite Tür, davor lag ein anderes Tier; auch dies tötete er, wie es vorgeschrieben war. Da kam er an eine dritte Tür, davor standen seine eignen verstorbenen Eltern, die konnte er nicht töten und er mußte umkehren. So sind die drei Prinzessinnen also noch nicht entzaubert, und das Schloß ist auch noch nicht wieder auferstanden.

Durch Storm. – Das Schloß ward 1735 abgebrochen.

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538. Das Fräulein in der Wittorfer Burg.

Über Herrn v. Wittorf: Nr. 551. 569. – Schlüsselbund: Nr. 532. – Stillschweigen beim Schatzgraben: zu Nr. 322. – Zum Schluß: zu Nr. 153. – Zur Anm. vgl. Nr. 596.

Wo die Schwale und Stör zusammenfließen, nicht weit von Neumünster, steht jetzt ein kleines Gehölz, früher aber stand hier die Burg des Herrn von Wittorf. Ihr Wall ist noch sichtbar. An seiner innern Seite findet man eine Höhlung, die früher wie eine Laube von Bäumen überschattet war, darin ist ein Schatz vergraben, der von einer verwünschten Prinzessin bewacht wird. Sie kommt Nachts zwischen zwölf und eins hervor und läßt sich sehen; es ist eine hohe Gestalt mit einem Bund Schlüssel in der Hand. Der Schulmeister von Padenstede wußte einst um den Schatz, und daß er nur zwischen zwölf und eins zu bekommen sei. Darum stellte er sich zur rechten Zeit bei der Burg ein und traf die Prinzessin. Sie redete ihn an und sprach: »Wenn du mich erlösest, so kommt das Schloß, das hier früher stand, mit dem Schatze wieder hervor. Du erhältst die Schlüssel und alles ist dein. Ich kann aber nur erlöst werden, wenn du den Mut hast, erst einen Frosch, dann einen Wolf und dann eine Schlange zu küssen.« Der Schulmeister war dazu bereit. Die Prinzessin ging ihm aus den Augen und gleich erschien ein großer häßlicher Frosch; das war die Prinzessin selber, aber der Schulmeister wußte es nicht, doch küßte er den Frosch. Darauf ging ihm der Frosch wieder aus den Augen und ein Wolf erschien, der ganz grimmig aussah; und das war wieder die Prinzessin. Der Schulmeister aber war sehr beherzt und küßte auch den Wolf. Sogleich ging ihm nun auch der Wolf aus den Augen, und da rasselte eine Schlange hervor; das war wieder die Prinzessin. Die Schlange aber war ein solches Ungeheuer und rappelte so schrecklich hin und her, daß dem Schulmeister ganz angst und bange ward und er sich ohne langes Besinnen schnell in die Flucht gab. Darnach haben es nun viele versucht, den Schatz zu heben, ohne zu küssen. Es ist aber niemand noch gelungen. Ein Weber aus Neumünster hatte ihn einmal schon beinahe heraus, da vergaß er sich und sprach vor sich hin. Augenblicklich versank der Schatz und er behielt nur den Griff des Kastens in der Hand, der nachher in der alten Kirche zu Neumünster angeschlagen ward, wo ihn noch viele alte Leute gesehen haben. Man hat auch mehrmals versucht, einen Weg über den Burgplatz nach der daranstoßenden Wiese zu graben, aber man mußte bald davon ablassen; denn was man am Tage grub, ward in der Nacht alles wieder in seine frühere Ordnung gebracht.

Durch Herrn Schullehrer Knees in Neumünster. Man vergleiche Mones Anzeiger III, 89. VII, 476 und Ulrichs von Zatzichofen Lanzelet V. 7817 ff. – Drei Schatzgräber haben einen vergeblichen Versuch in der Wittorfer Burg gemacht. Als sie aus dem Holze kamen, begegnete ihnen eine weiße Gestalt, hielt ihnen eine Tafel entgegen und fragte, ob sie sich schriftlich verpflichten wollten, die Hälfte des Schatzes einem Manne in London zu geben, dann sollten sie die andre Hälfte haben. Einer, über den mißglückten Versuch ärgerlich, sagte gleich nein. Da verschwand die Gestalt und alle drei konnten sich nie wieder auf den Namen des Mannes in London besinnen.

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539. Der Bock mit der Leuchte.

Zwischen Neumünster und Wittorf ist ein großes Feld, der Wittorfer Kamp. Da geht des Nachts um zwölf ein verwünschter Bock, der hat eine Leuchte zwischen den Hörnern hangen. Damit leuchtet er jedem, der hier zwischen zwölf und eins entlang geht, besonders allen Schneidern. Nun war auch einmal ein Schneider im Winter auf der Jagd gewesen. Er verspätete sich, und es ward dunkel, daß er den rechten Weg verlor. Da kam er auf den Wittorfer Kamp und lief darauf hin und her und konnte nicht herunterfinden. So ward es zwölf Uhr und dabei starkes Frostwetter; da dachte der Schneider in der Verzweiflung daran, sich lieber totzuschießen, als hier jämmerlich erfrieren zu müssen. Doch besann er sich noch. Da kam aber auf einmal der große Bock mit der Leuchte zwischen den Hörnern auf ihn zu, stellte sich auf die Hinterbeine und meckerte ihm zu mitzukommen. Aber der Schneider erschrak heftig und in der Angst ging ihm die Flinte los. Nun wußten am andern Tage alle Schneider gleich, wer Schuld an dem Tod ihres Kollegen sei, und aus Rache taten sie den Bock aus ihrem Wappen, worin er bisher gewesen war.

Durch Herrn Schullehrer Knees in Neumünster. – Der Necker (Nichs) erscheint als Bock mit einer Leuchte zwischen den Hörnern. Wolf, Deutsche Sagen Nr. 242.

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540. Der schwarze Hahn.

Zwischen Krockau und Fiefbergen in der Propstei liegt der Sommerhof, jetzt ein Buschblick von ziemlichem Umfange, wo die Krockauer Bauern jährlich schönen starken Busch zum Brennen hauen. Hier stand früher ein altes Schloß, wovon man noch sehr deutlich Spuren sieht, obgleich dichtes verworrenes Gebüsch und Dorngestrüpp alles überwuchert hat. Es ist dieses Schloß aber auch bezaubert und wird gewiß nicht sobald erlöst werden; denn es kann nur durch einen schwarzen Hahn, der hinkend geboren wird, geschehen.

Durch Herrn Rethwisch auf Övelgönne. – Harrys, Sagen Niedersachsens II, Nr. 38.

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541. Die gelbe Blume.

Licht beim Schatz s. zu Nr. 134. – Über den Mövenberg s. Nr. 204 und Jb. f. Ldk. 3, 445. Von verborgenen Schätzen weiß man auch sonst noch heute viel zu erzählen. Im »wilden Moor« bei Baale liegt ein Schatz vergraben, den sein früherer Besitzer, als Feuerkopf umgehend, sucht (Voß u. Schröder, Wacken S. 52); der Schatz im Gallberg bei Schwabstedt kann nur gefunden werden, wenn jemand dort mit 4 roten Hähnen pflügt (Meyer, Schwabstedt S. 28); auf dem Strietkamp b. Nienbüttel hat einmal ein Bauer eine silberne Stange ausgegraben, sie aber wieder vergraben, da der Schatz ihm keine Ruhe ließ; seitdem ist alles Suchen vergeblich; Schätze liegen ferner in den Hünengräbern bei Poppenbüttel (Heim. 9, 62), auf dem »Wörnsberg« zwischen Bramstedt und Schmalfeld, bei Wolfskrug im Tütenberg (Jessen u. Kock, Eckernförde S. 191), im Brunnen der Borgsumer Burg auf Föhr (Philippsen S. 58 f.). Eine schwedische Kriegskasse soll im Blocksberg bei Wacken vergraben sein; Hexen und Teufel suchen sie vergebens, da Gustav Adolf ein Kreuz daran gemacht hat (mündlich); vgl. auch Kristensen 4, 439. Ein russischer Kriegsschatz liegt im »fullen Rain« bei Kummerfeld (Pinneberg; mündlich, vgl. Nr. 6). Auf dem Barlter Viert liegt seit den Befreiungskriegen ein Schatz an einer Stelle, von der aus man die Kirchtürme von Barlt, Meldorf und St. Michaelisdonn »gleichwinklig zueinander sieht«. (Mündlich aus Barlt.) – Ein goldener Tisch liegt in einem Hünengrab bei Oldersbek (mündlich aus Winnert), ein goldenes Spinnrad im Hellnbarg bei Vaale (Zs. f. s.-h. Gesch. 15, 310), ein goldenes Kalb im Wodansberg bei Windbergen, ein goldenes Pferd an verschiedenen Stellen Dithmarschens (vgl. Urdsbr. 3, 16. Urqu. 6, 131. Carstens, Wanderungen S. 23), ein goldener Hirsch in der Domkirche zu Ratzeburg (Frahm 250), eine goldene Pflugkette bei Meldorf in einem Hünengrab. In Dithmarschen spricht man noch heute beim Abfahren eines Hügels davon, ob man wohl »dat golln Pêrd« oder »de golln Ploogkêd« finden wird. Im »Klöwenhügel« an der Grenze der Keitumgeest auf Sylt soll ein goldenes Schiff liegen, dessen goldene Anker in der nahen Marsch ruhen (Staatsb. Mag. 4, 66, Nr. 578). Im »Hundsknüll« (Vorland am Wesselburener Koog) soll man ein im Sand vergrabenes Schiff herausgegraben, aber nicht die erhofften Schätze, sondern nur Hundsknochen gefunden haben (mündlich aus Wesselburen).

König Abels Schloß in Schleswig, wo der Verrat an seinem Bruder Erich geschah, ist spurlos verschwunden. Doch findet man auf dem Möwenberg noch unter dem Grase alte Kellermauern: hier liegen seine Schätze. Man hat da Nachts Lichter und Flämmchen erblickt und Schatzgräber haben da oft ihr Glück versucht. Aber niemand ist doch noch zu den großen Schätzen gekommen.

Einmal aber in einer Nacht ging ein Mann an der Schlei herauf und wie er aufblickte, sah er auf dem Möwenberg ein helles Leuchten. Neugierig und erstaunt über das Wunder, folgte er dem Scheine; er merkte endlich garnicht, daß er über das Wasser ging und es unter seinen Füßen wie Eis hielt, bis das Leuchten immer heller und heller ward und er am Ende vor einem nie gesehenen großen Schlosse stand. In dem Schloßhof aber sah er eine wunderbare gelbe Blume, die vor allem leuchtete und den Glanz verbreitete. Er brach sie ab und ging damit näher zum Schlosse, erst ging er rund herum, dann trat er ein; in dem Schlosse aber fand er alle Türen verschlossen; sobald er aber die Blume daran hielt, sprangen sie auf. Er ging so durch alle Gemächer, eines war immer herrlicher als das andre. In dem letzten fand er endlich ein prächtiges Mahl angerichtet und nachdem er sich niedergesetzt und nach Herzenslust gegessen und getrunken hatte, stand er auf und wollte wieder gehen. Da rief ihm eine Stimme zu: Vergiß das Beste nicht! Er sah sich um und erblickte niemand; unter all den Kostbarkeiten aber, die auf dem Tische standen, deuchte ihm nichts schöner als ein großer silberner Becher von gar künstlicher Arbeit. Da rief es zum zweiten Male: Vergiß das Beste nicht! Aber er langte nach dem Becher und wollte fortgehen; da rief es zum dritten Male: Vergiß das Beste nicht! Er sah sich noch einmal im Saale um, aber da er nichts Schöneres fand, behielt er den Becher und ging damit über das Wasser nach der Stadt zu. Als er nun auf dem Lande sich umwandte, war das Schloß und alle seine Herrlichkeit verschwunden und nie hat er es wieder gesehen. Erst nach hundert Jahren blüht in einer Nacht die gelbe Blume wieder und ein Glücklicher kann das Schloß erreichen und es öffnen. Den Becher aber behielt der Mann und der ist nachher in die Silberkammer auf Gottorp gekommen, wo alte Leute ihn noch gesehen haben. Die Sachen sind jetzt alle nach Kopenhagen gebracht worden.

Durch Herrn Pfingsten. Sonst ist es fast immer eine blaue Blume, die Schlüsselblume. Bechstein, Thüring. Sagen I, 145. III, 171. 211. Fränk. Sagen S. 66. Harrys, Sagen Niedersachsens (Harz) II, 23. Grimm, Deutsche Sagen Nr. 9. 303. 314. – Man sagt auch so: Wenn ein keuscher Jüngling und ein braver Ehemann zusammen durch den unterirdischen Gang gehen, der von Graf Moltkes Haus nach dem ehemaligen Schloß auf dem Möwenberge führt, und alles vollbringen, was ihnen dort aufgetragen wird, so soll König Abels Schloß in aller seiner Pracht wieder erstehen.

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542. Die Schätze im Margretenwall.

Zs. f. s.-h. Gesch. 11, 233.

In Kurborg leben noch viele alte Leute, die davon zu erzählen wissen, daß in dem sogenannten krummen Wall, einem Teil des Dannewerks, sich alle sieben Jahre eine silberne Tafel wohl besetzt mit allem Geschirr habe sehen lassen; sie steigt herauf, aber ehe die Leute dahin gelangen, ist sie schon wieder verschwunden.

Der Kuhhirte von Klein-Dannewerk weidete an einem Morgen seine Kühe in der Nähe des alten Walles. Da sah er, daß dieser sich auseinander tat, so daß man hinein gehen konnte. An den Wänden zu beiden Seiten hingen viele goldene und silberne Kostbarkeiten, ganz besonders aber eine erstaunliche Menge Brüllhörner. Der Kuhhirte bekam Lust, eins davon zu holen; als er aber hineintrat, saß da ein großer feuriger Mann auf einem eisernen glühenden Stuhl. Da entsetzte sich der Hirte, floh und sah, wie der Wall hinter ihm wieder zusammenklappte. Weil er sich aber die Stelle genau gemerkt hatte, ging er später mit andern dahin, um nachzugraben. Da guckte wieder der Mann mit seinem Kopfe hervor, mit Augen darin so groß wie ein Schillingstopf. Seit der Zeit ließ man das Nachgraben sein, aber die Stelle ist noch zu sehen, wo man es damals versucht hat.

Durch Kandidat Arndt und Advokat Heiberg in Schleswig.

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543. Die goldnen Wiegen.

Schwerer Wagen s. Nr. 412. – Messer auf Schatz geworfen bannt die bösen Geister, s. zu Nr. 322. – Sage von der goldenen Wiege noch heute sehr verbreitet. Im »Grêmbarg« (d. i. Dachsberg) unweit der Landstraße von Sühlen nach Schlamersdorf bei Oldesloe liegt eine große goldene Wiege vergraben, die schon mehrmals bis an die Erdoberfläche gehoben, aber immer wieder durch die Unvorsichtigkeit der Grabenden (wahrscheinlich brachen sie das Stillschweigen, s. zu Nr. 134) in die Tiefe gesunken ist. (Mündl. aus Mözen.) Die Wiege im »Taterbarg« bei Schmalensee (Bornhöved) gehört der »swarten Greet« (s. Nr. 17, 1); man hatte sie fast ausgegraben, da kam eine alte Frau und hielt mit ihrem Gerede die Gräber auf; als sie endlich ging, sagte einer von ihnen: »Gaud, dat de oll Hex weg is«; sofort »versackte« die Wiege. (Mündl. aus Schmalensee). Im »Goldbarg« bei Schwartbuck liegt eine Wiege, die ein Seeräuber, der auf Schmoel hauste, aus einem Schloß von den dänischen Inseln geraubt und später in seiner Bedrängnis dort verborgen haben soll. (Mündl. aus Hohenfelde, Kr. Plön.) Bei Ahrensburg auf dem alten Schloßplatz hat man zwar die Wiege nicht heben können, aber wenigstens eine zugehörige goldene »Klöterbüß« gefunden. (Mündlich.) Auf einer Koppel im Kirchspiel Riesebye, wo früher das Thinggericht war, liegt unter einer alten Buche eine Wiege, die alle 1000 Jahre ans Tageslicht kommt. (Mündl. aus Eckernförde; vgl. Jessen u. Kock, Heimatb. S. 192.) An der Grenze der Feldmarken von Eichede und Sprenge haben die Ritter, die auf der »Steinburg« hausten, in der Bedrängnis ihren größten Schatz, eine goldene Wiege, verscharrt; bei starkem Gewitter will man noch das Poltern und Rumoren der Wiege hören können (Urdsbr. 5, 188). Ähnliches aus Bohnertfeld in Schwansen, aus Pöppendorf bei Travemünde, vom »Wallberg« bei Oldenburg, vom »Spökelberg« bei Schiffbek u. ö. Über andere goldene Wiegen vgl. Urdsbr. 6, 45. Frahm, Stormarn S. 99. 220, Jb. f. Ldk. 10, 364. Zs. f. s.-h. Gesch. 4, 17. 10, 12. 19 f., 28. 11, 233. 235. Urqu. 6, 131. Carstens, Wanderungen durch Dithm. S. 96. Vgl. Nr. 322, 1 Anm.

An gar vielen Orten unseres Landes wissen die Leute davon zu erzählen, wo eine goldne Wiege verborgen liegt. Am Oldenburger Wall auf der Puttloser Heide, in einem kleinen Gebüsch, dicht bei Friederikenhof, lagen sie, liegt außer einer goldnen Wiege auch noch ein goldnes Kleid, fünftausend Taler an Wert, und andere Kostbarkeiten. Da geht auch eine verwünschte Prinzessin umher. Bei Tönningstede, im Kirchspiel Leezen bei Segeberg, steckt eine goldne Wiege in einem Hügel. Man hat sie schon einmal herausgegraben und versucht, sie ins Dorf zu bringen. Aber gleich standen die Pferde still und der Wagen war nicht von der Stelle zu bringen. Als man aber darauf die Wiege wieder ablud, hat sie sich selbst sogleich an ihren alten Ort begeben und ihre alte Stätte wieder eingenommen.

Auf der Feldmark des Dorfes Bohnert, am südlichen Ufer der Schlei, hat eine Königsburg gelegen. Da hat man zu Zeiten auf dem Burgplatz eine goldne Wiege gesehen. Einem Dienstjungen in Missunde träumte einmal, daß er in Bohnert diene und Abends hingesandt, die Pferde zu holen, die goldne Wiege zu sehen bekomme. Er kam später wirklich bei dem Bauern in Bohnert in Dienst, dem die Ländereien, worauf die Königsburg liegt, zugehörten. Eines Abends ging er mit diesem aus, um die Pferde zu holen. Der Bauer befahl ihm, unten an der Schlei entlang zu gehen und die Pferde weiter hinauf zu treiben. Als der Junge nun an den Burgplatz kam, erblickte er zu seiner Verwunderung in der Mitte desselben die goldene Wiege, so blank und glänzend, daß es ihn blendete. Wäre er nun stillschweigend darauf zugegangen und hätte sein Messer darauf geworfen, wäre sie sein gewesen. Aber er lief zu seinem Herrn zurück und erzählte ihm, was er gesehen habe, und als sie nun wieder auf den Burgplatz kamen, war die Wiege verschwunden.

Mündlich und durch Herrn Premierl. Timm in Plön. – Grimm, Deutsche Sagen Nr. 212. Wolf, Niederl. Sagen S. 298. Harrys, Sagen Niedersachsens I Nr. 7.

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544. Am Oldenburger Wall.

Zum ersten Absatz: zu Nr. 445, 2. Zum Schluß: Nr. 570. 571. 576. Heim. 8, 113 (aus Stapelholm). Zur Musik: Nr. 526.

Daß im Oldenburger Wall viele Schätze liegen, ist eine allgemein bekannte Sache. Einmal pflügten da Wandelwitzer Bauern zu Hofe. Da in der Mittagsstunde, während sie ihre mitgebrachte trockene Kost verzehrten, stand auf dem runden Wall ein gedeckter Tisch mit silbernem Tischgerät. Den Pfiügern stiegen bei der Erscheinung die Haare zu Berge, denn sie merkten, daß das nicht mit rechten Dingen zugehe, und keiner wagte sich dahin. Aber einer von den Pflugtreiberjungen, ein dreister, machte sich unter einem Vorwande von den übrigen fort, schlich auf den Berg und nahm einen silbernen Becher von der Tafel, den er bei sich steckte. Als nun nach der Mittagsstunde der Tisch noch immer nicht wieder verschwand, schöpfte man Verdacht, daß wohl einer was angerührt hätte. Dem Jungen ward auch angst und er gestand, daß er den Becher genommen hätte. Da bedrohten ihn die andern und er mußte den Becher wieder hinsetzen. Und kaum hatte er das getan, so verschwand die Tafel mit allem und ist seitdem nicht wieder gesehen worden.

Nur derjenige wird die Schätze erhalten, der den Mut hat, den dabei Verwünschten zu erlösen. Das weiß man auch allgemein, und es ist doch noch nicht geschehn. Einmal spät Abends kam ein Mann aus der Stadt über den Wall. Da hörte er, daß hinter ihm einer mit einer Schiebkarre geschoben kam, sah aber nichts. Die Furcht beflügelte seinen Schritt, und kaum war er in seinem Hause vor dem Burgtor, als er auch die Schiebkarre um die Ecke biegen hörte. Er hatte aber nicht das Herz hinauszugehen und den Schieber anzureden. Am folgenden und am dritten Abend kam die Schiebkarre wieder ums Haus und der Mann hörte sogar das Seufzen und Stöhnen des Geistes, der sich nach Erlösung sehnte: allein auch jetzt wagte er es nicht, ihn nach seinem Begehr zu fragen, und nun wird er erst nach hundert Jahren wiederkommen. Der Mann hat es in seinen spätern Jahren oft genug bereut, sein Glück so verscherzt zu haben. Denn ihm war es alles bestimmt.

Vor hundert Jahren etwa ging einmal eine Frau Abends spät bei Mondschein nach dem Walle, um sich aus der Sandgrube gelben Sand zu holen. Als sie nun von dort zurückkam, hörte sie erst in der Ferne, dann immer näher und näher die schönste Musik, wie sie solche in ihrem Leben nicht gehört hatte, und dabei ein Geräusch und Pferdegetrappel, wie wenn zu Roß und zu Fuß ein ganzes Heer vorübergezogen käme, immer von einem Hügel auf den andern, bis es endlich wieder verhallte. Voller Schrecken eilte sie nach Hause und wäre gerne dageblieben, wenn sie nur nicht ihren Spaten in der Sandgrube gelassen hätte. Sie mußte also zum zweiten Male hin, hörte jetzt aber nichts. Als sie das nun am andern Tage ihren Nachbarn erzählte, wußten diese noch mehr davon. Denn solche kriegerische Umzüge rührten von den alten heidnischen Wagerwendenfürsten her, die noch immer im Walle hausen. Andre hatten auch den wilden Jäger gehört, der einmal einem, als er rief: »Stah, Haas! stah, Haas!« einen Pferdefuß in seinen Garten warf mit den Worten: »Hest mit jaagt, schast ok mit frêten.«

Aus Oldenburg durch Herrn Schullehrer Kruse in Eutin. – Bei Maugstrup, Amt Hadersleben, hat Herzog Hans ein Lustschloß gehabt, das zerstört ward, und der Grund ward vom Herzog an den Prediger geschenkt. Man zeigt aber noch die kleine Insel, worauf das Schloß stand, und die Rudera desselben. Bei Menschengedenken hat man auch dort einen spukenden Ritter gesehen, mit einem Federbusch auf dem Hut, und man hat die Kleider seiner Dame, die er an der Hand führte, rascheln gehört. Rhode, Haderslev-Amt Beskrivelse S. 419.

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545. Schatz gesehen.

Zur Augenverblendung: Nr. 322, 1 Anm. 448. Zum Feuerstahl: Nr. 322, 2 Anm.

Ein Knecht war auf dem Felde, Kühe zu hüten. Da sah er, wie sich vor ihm die Erde öffnete und ein Braukessel voll Geld sich hervortat. Das soll einmal in jedem Jahr geschehen. In demselben Augenblicke aber mußte der Knecht sich umsehen, und da schien's ihm, daß seine Kühe im Korn wären. Schnell lief er dahin, aber er merkte gleich, daß es nur Verblendung gewesen. Als er aber wieder zurückkam, war alles verschwunden. Hätte er seinen Feuerstahl in den Kessel geworfen, hätte der böse Geist seine Macht darüber verloren.

Durch Dr. Klander in Plön. Vgl. Nr. 322. 448.

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546. Ein Vogel weiset den Schatz.

Vgl. Nr. 529. Oldekop, Topogr. d. Hzgtms. Holstein Bd. 2 unter »Embühren«. Heering, Bäume u. Wälder S.-H's. (1906) S. 13.

In einem Hause zu Embüren bei Rendsburg stand eines Tages ein junges Mädchen, die Tochter des Hauses, auf der Hausdiele. Da kam ein wunderlieblicher Vogel und setzte sich auf die halbgeöffnete Haustür. Es schien dem Mädchen, daß der schöne Vogel nicht recht fliegen könnte; da wollte sie ihn haschen. Aber der Vogel flatterte immer vor ihr her und kroch zuletzt unter die Wurzeln eines hohlen Baums. Nun dachte das Mädchen den Vogel zu haben, griff hinein, aber statt des Vogels bekam sie eine Schachtel in die Hand mit einer zwei Ellen langen silbernen Kette. Dies ist vor ungefähr zweihundert Jahren geschehen und man bewahrt in dem Hause noch bis auf den heutigen Tag die Kette als ein Familienerbstück sorgsam auf.

Durch Herrn J. Bollert in Embüren. – Grimm, Deutsche Sagen Nr. 123.

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547. Der Goldkeller im Laböer Berge.

Kind vergessen: Danm. Folkem. 21, 81.

An einem Ostermorgen, als eben die Frühlingssonne freundlich schien, ging eine Frau aus Laböe mit ihrem Kinde auf dem Arm hinaus ins Freie, und wie sie so wandelt und endlich an den Wunderberg kommt, findet sie diesen offen stehen. Ein heller Schein leuchtete ihr entgegen und als sie hineintrat, fand sie da Haufen Goldes und Silbers liegen. Da setzte sie ihr Kind auf einen großen Tisch, der in der Mitte stand, und gab ihm die drei roten Apfel zum Spielen, die darauf lagen; sie selber füllte ihre Schürze schnell mit Gold und eilte dann hinaus. Sogleich aber merkte sie, daß sie in der Hast ihr Kind vergessen habe. Umsonst klagt und weint sie nun und geht wohl hundertmal um den Berg herum; der Eingang war nirgend mehr zu finden. Gern hätte sie all ihr Gold und Silber drum gegeben, wenn sie ihr Kind wiedergehabt. – Als aber wieder die Zeit der Ostern kam und es um die Kirchzeit war, ging die Frau wieder zum Berge, und worauf sie das ganze Jahr gehofft hatte, war erfüllt. Der Berg stand offen, und wieder funkelten die Schätze. Sie aber sah sich nicht nach ihnen um, sondern eilte hinein und fand ihr Kind noch auf dem Tische sitzen, wie sie es gelassen hatte, mit den Äpfeln munter spielend. Lächelnd streckte es seine Arme der Mutter entgegen; sie ergriff es rasch und eilte hinaus; aber kaum traf der erste Sonnenstrahl das Kind, so verschied es in ihren Armen.

Gardthausen Eidora 1823 S. 169.

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548. Die Schatzquelle.

Die Schürze birgt besondere Kräfte: Nr. 549. 564. 568; vgl. 349. 413.

Eine Viertelstunde westlich von der Stadt Hadersleben liegt ein waldbewachsener Hügel, Böghoved, der Buchenhügel, genannt. Hier hat Herzog Hans gewohnt, ehe er das Schloß an der Ostseite der Stadt erbaute, wovon man noch die Trümmer sieht. Als nun eines Morgens eine Bäuerin Butter nach der Stadt tragen wollte, sah sie oben auf dem Hügel etwas so gewaltig im Glanz der Morgensonne flimmern. Sie kletterte hinauf und wollte doch sehen, was es sei. Da quollen Goldstücke aus dem Boden hervor, als wenn ein Maulwurf sie herauswürfe; sie glänzten ihr recht entgegen, aber ein kleiner schwarzer Hund lag darauf und bewachte sie. Doch die Frau blieb unverzagt und wußte, wie sie sich zu verhalten habe; sie band ihre Schürze los, breitete sie auf dem Boden aus und legte das Hündchen säuberlich darauf; dann scharrte sie einen guten Teil von den Goldstücken in ihren Rock, doch nach Verhältnis der Menge, die da war, bescheiden, nahm dann das Hündchen wieder eben so säuberlich und legte es an seinen Ort. Darauf, als sie nun gehen wollte, sprach das Hündchen: »Wer dich das gelehrt hat, der hat dir keinen Schlag auf den Mund gegeben!« Die Frau aber ging ungefährdet von dannen. Man hat später von der Goldquelle nichts mehr gehört, sie scheint versiegt zu sein.

Schriftliche Mitteilung. – Grimm, Deutsche Sagen Nr. 160 f.

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549. Der Schlangenkönig.

Urdsbr. 2, 30 (aus Dithmarschen): Königsschlangen nähren sich von Kuhmilch; wer ihnen Milch gibt, bekommt die Krone; wer sie verjagt oder tötet, wird zeitlebens von Schlangen verfolgt; vgl. Nd. Jb. 1, 103 (aus Lauenburg). Ebenso wer ihnen die Krone raubt; vgl. Heim. 8, 202 (aus Stapelholm); daselbst andere Schlangensagen. Vgl. auch Urdsbr. 2, 190. Heim. 30, 45. Kristensen 6, 1309 (aus Broaker). Grundtvig, Gamle danske Mind. 3, 164 (Amt Apenrade).

Einst fanden Mädchen auf dem Felde einen Knäuel von vierzehn oder fünfzehn Schlangen, die alle durcheinander zischten; eine aber trug eine goldene Krone. Da band ein Mädchen ihre weiße Schürze ab und legte sie neben den Knäuel auf den Boden. Alsbald kam die größte von den Schlangen, welche der Schlangenkönig war, und legte seine Krone auf die Schürze; die war von lauterm Golde mit vielen grünen Edelsteinen. Nun sprang das Mädchen schnell hinzu und raffte die Krone an sich. Als das aber der Schlangenkönig sah, schrie er so entsetzlich, daß das Mädchen davon ganz taub ward. Die Krone verkaufte sie hernach für vieles Geld.

Aus Niederselk bei Schleswig durch Kandidat Arndt. – Wer dem Schlangenkönig etwas zu Leide tut, den verfolgen alle Schlangen und er kann nicht Friede vor ihnen haben, ist auch bei uns Volksglaube. Bechstein, Thüring. Sagen II, 148; Frank. Sagen S. 158.

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550. Die Schlange in der Duborg.

Urdsbr. 2, 188 (aus Lauenburg): die Schlange ist eine verwünschte Prinzessin, die einmal unter Glockenklang ihre alte Gestalt zurück erhalten wird; ihr Anblick bringt Glück; nur ein Sonntagskind kann sie erblicken.

In den Ruinen der alten Duborg bei Flensburg lebt eine bläuliche Schlange, die trägt eine kleine Krone von dem feinsten Golde auf ihrem Kopfe. Sie zeigt sich nur einmal am Tage in der Mittagsstunde, aber auch nur auf einen Augenblick. Wer sie aber fangen oder ihr die Krone rauben kann, der ist glücklich. Der König bezahlt ihm sogleich zwanzigtausend Taler Kurant dafür; denn wer sie trägt, der ist unsterblich.

Herr Fries.

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551. Schnaken in Gold verwandelt.

Ein Bauer in Wittorf bei Neumünster, Namens Wittorf, der Ältervater des noch jetzt da lebenden Hufners, ging eines Mittags nach seiner hinter der Burg gelegenen Koppel, um sein Füllen einzufangen und nach Hause zu treiben. Als er nun durchs Holz ging und den sogenannten Schloßberg erreichte, bemerkte er einen seltsam gekleideten Mann, der mit einem großen Stock in einem Haufen Schnaken rührte. Der Bauer erschrak und wollte umkehren, aber der Mann redete ihm zu näher zu kommen, doch sollte er sich ganz ruhig verhalten; dann werde ihm ein großes Glück widerfahren. Er füllte nun dem Bauern die großen Seitentaschen des Rocks mit seinen Schnaken und hieß ihn darauf ruhig nach Hause gehen. Der Bauer wagte nicht, sich zu widersetzen, obwohl ihm unheimlich ward, und er ging mit den Schnaken fort. Kaum aber war er eine Strecke gegangen, so bemerkte er, daß es ihm in den Taschen immer schwerer und schwerer ward, je näher er dem Dorfe kam; nur mit Mühe konnte er sich zuletzt fortschleppen. Keuchend erreichte er sein Haus; aber wie erstaunt war er, als er nun statt der Schnaken große Haufen des allerschönsten blanken Silbergeldes aus den Taschen schüttete! Dies Geld, versichern die Nachkommen des Bauern, hat den Grund zu ihrem jetzigen Wohlstande gelegt.

Mündlich. – Von der Wittorfer Burg Nr. 569. 538.

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552. Kohlen in Gold verwandelt.

Ähnlich die Geschichte von Klas Warre: Heim. 8, 207 f. (aus Schönberg im Fürstentum Ratzeburg); nur erweisen sich die in Gold verwandelten Kohlen schließlich als »Piermeß« (vgl. zu Nr. 462). – Geld »utdeckt«: zu Nr. 322.

1.

En Buer ut Geltorp weer enmal in Kochelsdörp to Besök bi sine Süster. Nu harr he so vêl drunken un dat weer all so düster, dat se em nich weg gaan laten wull; he nmll awer doch to Huus na sine junge Fru: »Laat den Düwel man kamen«, sä he. He weer noch nich wied kamen, da bemött em en brannige Soeg; de löppt ümmer achter em an un he mütt sik mit êhr herümslaan; tolezt wart he doch mit êhr farrig. Da kummt awer en swarte Hund, de will em biten, un he mütt sik ok mit den herümslaan, bet he an de Bêk kummt, de oewer den Weg löppt; da mütt de Hund torügg bliwen. As de Buer nu da rewer dat Steg gaan will, so steit da en grote swarte Ries. De seggt to em: »Gah du vöran!« He seggt: »Nä, gah du voran!« De Swarte bleef staan un wull nich nagêwen. Tolezt sä de Buer: »In dree Düwels Namen, so sast du sehn, wat ik do!« Da sprüng he flink oewer dat Steg hinoewer un de anner kunn em nich nakamen. Nu löp de Buer den Stieg herup an den Hüttener Barg; da stünn de hele Barg in Füer. He dach, da kannstu dien Piep bi anstêken. He raak mit sinen Stock de Kalen herut; wenn he se awers ansaten un up de Piep leggen wull, weren se utgaan. He steek de all in sien Dasch un sä: »Wer weet, wo to den Düwel sien Füer good is!« Sien Piep awers kreeg he nich to brennen. As he nu to Huus keem, sä sien Fru: »Wo büst du so lang wêsen?« He sä: »Ik heff mi mit Deerter un Minschen herümslaan.« Se trock em de Stêweln ut, un as se sine Büchsen rein maken wull, hör se wat klingeln, un as se toseeg, weren dat luder Goldstücken; da weren de Kalen to Gold worren, so vêl he mit namen harr, un davan würren de beiden jungen Lüd so riek, dat se sik en groten Hoff köpen kunnen.

2.

In Owschlag is en Buerstêd, de hett kene annere Lasten to drêgen, as dat se de Breef utdragen mütt, de de Hardesvagt schickt. Enmal keem da ok en Breef, da is kener to Huus as de Jungdeern. De tröck ok gliek êhr Schoh un Strümp ut un löp weg. As se nu in dar Osterbyholt keem, seeg se vör sik en Füer, da seet en Kêrl dabi un raak Kalen herut. »Goden Abend!« sä se. Kene Antwoord. »Goden Abend!« sä se noch mal. Kene Antwoord. Do sä se noch mal: »Goden Abend!« un treed heran. Da sä he: »Hool dien Schörteldook up!« Dat dä se ok un he smeet êhr dree Schüsseln vull Kalen herin. Nu dach se, de glönigen Kalen sullen straks dörch de Schört brennen; dat gescheeg awer nich. »Wunnerbor is dat doch«, sä se un steek de Schört mit de Kalen ünner den Busch. As se den Breef nu wegbröcht harr, neem se de Schölt mit un legg se in êhre Laad, un da se de den annern Dag werrer 'rut nimmt, legen da luder Goldstücken in. Dafœr hett se sik en Hoff köfft twischen Eckernföer un Kiel.

Aus Niekrug bei Schleswig durch Kandidat Arndt. – Einige haben auch den Butterberg bei Esperehm voll glühender Kohlen gesehen; aber gewöhnlich ward ihr Pferd scheu oder sonst ein Hindernis trat ein, sonst hätten sie davon mitgenommen; denn die Kohlen werden zu Gold. – Kuhn, Märk. Sagen Nr. 31. Reusch, Samland Nr. 25 ff.

3.

Da est mal en Buer, de op de ander Sied von Föhrden bi dat Heikenholt feschen wull. Da seeg he op den Barg, wo fröher en Borg staan hett, en Füer; he geit dahen, um sien Piep antostêken, dat weer des Nachs. He legg no en lütten Kœl in sien Piep un geit damet loos. Dat wull aber ni brenn on so geit he weller trügg om Füer to haln. As he da weller hen kummt, ligg da en groten Hund, de wiest em de Tähn. Da segg de Buer: »Wenn du dat ni hemm wullt, so laat ek dat wên!« De Buer nemmt no de Piep on steek se in de Tasch un geit weg. Den andern Morgen est en Dukaten in de Piep; de Dübel hett in de Nacht sien Geld utdeckt hatt.

Durch Herrn Schullehrer Lohse in Stellau. – Auf dem Zarnekauer Sandelde sah ein Pferdejunge am Silligmoor in der Nacht ein Feuer brennen. Er will eine Pfeife anzünden; es brennt nicht. Am andern Morgen liegt ein Fünfschillingstück unter dem Deckel.

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553. Der Maulwurf.

Zur Anm. vgl. Jb. f. Ldk. 4, 160. 10, 364.

Ein Edelmann ließ sich von einem Schlachter das ganze Jahr hindurch Fleisch liefern. Als nun das Jahr um war und der Schlachter seine Rechnung brachte, wog ihm der Edelmann alle Knochen wieder zu und sagte: »Ich habe nur Fleisch verlangt, und keine Knochen; du mußt dir nun für soviel Pfund abziehen lassen.« Das wollte der Schlachter natürlich nicht gelten lassen und verklagte den Edelmann, konnte aber gegen ihn kein Recht bekommen. Das folgende Jahr über ließ sich der Edelmann von einem andern Schlachter sein Fleisch liefern und machte es am Ende ebenso, wie mit dem ersten. Zuletzt hatte er alle Schlachter der ganzen Gegend auf dieselbe Weise angeführt. Da haben die armen betrogenen Leute den Edelmann endlich unter die Erde zu einem Tier verwünscht, das sich nur Fleisch ohne Knochen suchen muß. Das ist nämlich der Maulwurf, der ja nur Regenwürmer frißt.

Durch Dr. Klander in Plön. – Das Märchen vom Schellfisch, Wolf, Deutsche Sagen Nr. 21 ist, vielleicht sogar mit einiger Abweichung, auch auf Helgoland bekannt. Firmenich, Völkerstimmen 1, S. 9 Anm. 48.

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554. Der Hagebuttenstrauch.

Jb. f. Ldk. 9, 131. 4, 182.

Als Gott den Teufel vom Himmel auf die Erde hinabgestürzt hatte, gefiel es ihm hier unten schlecht. Um wieder hinaus zu kommen, schuf er einen Strauch mit Dornen, der sollte die Leiter sein. Gott erriet seine Absicht und um sie ihm zu vernichten, richtete er den Strauch so ein, daß er nicht in die Höhe wuchs, sondern sich nach der Seite umwandte. Da ward der Teufel ärgerlich und machte, daß die Dornen, die ihm als Sprossen hätten dienen sollen und darum geradeaus standen, sich niederwärts kehrten. So entstand der Hagebuttenstrauch. Aber andre sagen, daß Judas sich an einem solchen Strauch erhenkt habe und daß seit dieser Zeit die Dornen sich niederwärts gewandt hätten. In Angeln und sonst nennt man die Hagebutten darum gewöhnlich Judasbeeren.

Durch Herrn Marquardsen in Schleswig.

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555. Der Donner.

Vgl. Jb. f. Ldk. 10, 52 »Die Wetterkatzen«. Zs. f. s.-h. Gesch. 11, 234.

Wenn es donnert, so sagt man auf Sylt, der liebe Gott fährt seine Kiesen, die Feurung nämlich, die auf den friesischen Inseln aus Mist bereitet wird. In Dithmarschen sagt man: die Engel kegeln und werfen mit großen Steinen. Ist es ein starkes Gewitter, so heißt es: Nu fahrt de Olde all wedder da bawen un haut mit sien Ex anne Räd. Denn aus den Funken, die dann herausfliegen, entsteht der Blitz. Aber nur gottlose Jungen sagen das. Ein Bauer hat einmal seinen Knecht sogleich aus dem Dienst gejagt, als er bei einem Gewitter sagte: De lewe Herrgott smitt mit den Brotknuust. Man meint auch sonst, daß der liebe Gott beim Gewitter erzürnt sei und mit Steinen um sich würfe. Findet man einen solchen Donnerstein, so hebe man ihn sorgfältig aus; denn in dem Hause, wo sich ein solcher Stein befindet, richtet der Donner nie Schaden an.

Mündlich. – Der andere Name für Kiesen ist Ditten, gedörrter Dünger, zum Brennen gebraucht.

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556. Schnee und Regen.

In Nordfriesland heißt es: Am Petriabend (22. Febr.) steht St. Petrus draußen mit seinem bereiften Bart, und wenn auf den Höhen die Biikenfeuer angezündet werden, wird sein langer Bart abgesengt; aus Freude darüber wirft er einen warmen Stein ins Wasser, daß es taut und der Frühling kommt; vgl. Jb. f. Ldk. 10, 51.

Man hat doch mitunter recht sonderbare Redensarten. Wenn's schneit, so sagen die Leute, St. Petrus wettert sein Bett aus, oder die Engel pflücken Federn und Dunen; im Herbst, wenn an nebligen Morgen an Sträuchern und Gräsern die feinen weißen Fädchen hangen, sagen sie, de Metten hebbt spunnen; ist im Sommer recht lange trocken Wetter, so hat der liebe Herrgott seine Heutage; regnet's aber und die Sonne scheint dazu, so sagt man, backt die alte Hexe Pfannkuchen, sie haben in der Hölle einen heiligen Tag, der Teufel bleicht seine Großmutter oder ein Schneider kommt in den Himmel. Möcht aber wohl wissen, ob das letzte wahr ist.

Mündlich. Vgl. Nordalbing. Stud. I, 220.

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557. Sonnenuntergang.

Über die Büsumer: Nr. 125 ff.

Hinter Büsum, sagt man in Dithmarschen, ist die Welt mit Brettern zugenagelt. Da sitzt am äußersten Ende ein großer Riese, der hat die Sonne an einem Tau und windet sie jeden Morgen in die Höhe und jeden Abend herunter.

Man sagt aber auch, daß die Büsumer selbst in ihrem Kirchturm sitzen und die Sonne am Tau haben; sie bewahren sie darin die Nacht über auf und müssen sie des Morgens wieder in die Höhe stoßen. Man sagt auch so: Wenn sie des Abends in ihre Nähe kommt, so binden die unartigen Straßenjungen des Orts ihre Taschenmesser an Bindfaden und werfen damit in die Sonne hinein, und tucksen sie dann herunter. Andere aber behaupten, daß es in der Nähe von Hamburg ein Dorf gibt mit so gottlosen Leuten, die dasselbe beim Monde tun; auch sie ziehen ihn auf und nieder, schneiden ihn oft zurecht und von ihren Messern hat er die großen Löcher und schwarzen Flecke.

Mündlich.

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558. Die Sterne.

Der liebe Gott gebraucht die alten Jungfern nach ihrem Tode zu einem wunderlichen Geschäft. Sobald nämlich die Sonne am westlichen Himmelsrand (bi wäster Öken) untergegangen ist, so müssen die alten Jungfern aus den abgenutzten alten Sonnen die Sterne zuschneiden; die verstorbenen alten Junggesellen aber müssen diese während der Nacht im Osten allezeit hinaufblasen, indem sie beständig an einer Leiter auf- und absteigen.

Durch Herrn Schullehrer Hansen auf Sylt.

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559. Der Mann im Mond.

Beim »Mann im Mond« handelt es sich fast immer um Entheiligung des Sonntags: ein Mann, der am Charfreitag sein Feld umzäunen wollte, steht mit seiner Gabel im Mond (Urqu. 3, 291 aus Lauenburg u. südl. Holstein); ebenso ein Fischer mit seinem Netz (Urqu. 3, 291 aus Dithmarschen); einer, der am Sonntag Reisig sammelte u. die Frage nach dem 3. Gebot nicht beantworten konnte, mit seinem Bündel (das. aus Schwansen u. Bornhöved). Anderswo hält man ihn für einen Schiffer, der nicht um Kap Horn herumkommen konnte und fluchte: »Wenn ik nich baben Kap Horn kam, will ik to'n ewigen Dag in'e Maand sitten« (Urqu. 1, 85 aus Dithm.), oder für einen Holzdieb, der seinen Diebstahl ableugnete u. dabei Verwünschungen aussprach (Urqu. 3, 290 aus Jevenstedt). Auch einen zielenden Jäger glaubt man zu erkennen (Urqu. 1, 85 aus Angeln). Man spricht auch von der Frau im Mond: eine Predigersfrau, die am Sonntag gebuttert hat, muß dort ewig mit ihrem Butterfaß stehen (Urqu. 1, 85 aus Dithm.), eine Frau, die immer Sonntags spann, mit ihrem Spinnrad (Urqu. 4, 54 aus Dithm.).

In der Zeit, als noch das Wünschen half, stahl einmal ein Mann am Weihnachtsabend Kohl aus dem Garten seines Nachbars. Eben wollte er mit der vollen Hucke davongehen, da wurden die Leute seiner gewahr und verwünschten ihn in den Mond. Da ist es ganz deutlich bei Vollmond zu sehen, wie er in Ewigkeit die Kohlhucke tragen muß. An jedem Weihnachtsabend soll er sich einmal umkehren. Andre sagen, daß er Weidenzweige gestohlen habe und sie nun in Ewigkeit tragen müsse.

Auf Sylt erzählt man, er sei ein Schafdieb gewesen, der mit einem Kohlbüschel fremde Schafe an sich gelockt habe, bis er zur ewigen Warnung für andre in den Mond versetzt worden sei, wo er noch immer seinen Kohlbüschel in der Hand hält.

Die Rantumer aber sagen:

Der Mann im Monde ist ein Riese; der steht zur Zeit der Flut gebückt, weil er dann Wasser schöpft und aus die Erde gießt und dadurch die Flut hervorbringt. Zur Zeit der Ebbe aber steht er aufrecht und ruht von seiner Arbeit aus, und dann kann sich das Wasser wieder verlaufen.

Aus Dithmarschen; vgl. Claudius Werke I, 92. Hamburg 1844. – Durch Herrn Schullehrer Hansen. – Kuhn, Märk. Sagen Nr. 26. 137. Grimm, Mythol. S. 679 f.

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560. Hans Dümkt.

Bolte 1, 396. – Noch jetzt heißt im Volksmund das »Reiterlein«, wohl auch der ganze große Bär »Hans (auch Peter, Klas) Dünk«. Vgl. F. Lau, Elsbe (1918) S. 60: jüß baben de Schün stund »Klas Dünk« un mit fien een Rad harr he sik int Uhlenlock fast fœrt.

Von dem Karlswagen, dem Gestirn, das man auch den großen Bären nennt, sagt man, daß es der Wagen sei, auf dem Elias, unser Herr Christus und andre Heilige gen Himmel gefahren sind. Der ganz kleine Stern über dem mittelsten in der Deichsel ist aber der Fuhrmann, Hans Dümkt. Der war nämlich Knecht bei dem lieben Gott und hatte es gut in seinem Dienst; aber nach und nach fing er an, seine Arbeit immer schlechter zu versehen. Der liebe Gott warnte ihn und verwies es ihm oft; Hans Dümkt aber kehrte sich nicht daran. Namentlich versah er's immer im Häckerlingschneiden; alles, was er lieferte, war nicht zu gebrauchen und viel zu lang geschnitten. Darüber ward der liebe Gott endlich so böse, daß er ihn auf die Deichsel des Himmelwagens setzte, wo er jeden Abend zu sehen ist, zur Warnung für alle Knechte, die den Häckerling zu lang schneiden.

Mündlich aus der Gegend von Schönwalde. Bgl. Grimms Mythol. S. 688. – Der Orion soll, nach einer Mitteilung des Herrn Schullehrer Hansen auf Sylt, den Riesen Goliath bedeuten; Gürtel und Schwert nannte man in alten Zeiten Morirok und Peripik; nach ihrer Stellung richtete man die Zeit des Bettgehens. Über Morirok s. Mythol. a. a. O.

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561. Der wilde Jäger in Sundewitt.

Lorenzen S. 25 ff. (an der Spitze der wilden Jagd reitet eine Frau, die frühere Burgherrin auf Bradborg, die im Leben eine leidenschaftliche Jägerin war).

In der südöstlichen Ecke vom Stendruper Holz steht ein langer Stein grade aufrecht, als Feldscheide der drei Dörfer Düppel, Nübel und Stendrup. Ein Jäger ritt einst in wildem Jagdeifer darauf los, daß beide, Mann und Roß, den Hals brachen. Seit der Zeit jagt er mit seinen drei Hunden noch zu verschiedenen Zeiten im Holze, viele Leute haben ihn gesehen und gehört.

Das Holz ist in zwei Teile geteilt. An den beiden Hecken davor mußten einst zwei Knaben Wache halten, damit das Vieh, das in der einen Hälfte weidete, sich nicht in die andere verliefe, wenn etwa aus Unvorsichtigkeit ein Heck offen stehen bliebe. Da ging nun der eine Knabe einmal hin, um auf der andern Seite nachzusehen; der andre Knabe legte sich nieder und schlief ein, dem Heck so nahe, daß es nicht geöffnet werden konnte, ohne daß er geweckt würde. Als der erste Knabe nun wieder zurückkam, hörte er zu wiederholten Malen rufen: »Hallo! hallo! hallo! Hop, Hop, Hop!« Da merkte er, daß der wilde Jäger unterwegs sei. Er kam noch eben früh genug, um seinen Kameraden beiseite zu schleppen und das Heck zu öffnen. Dann stürzte der Jäger in voller Fahrt mit seinen drei Hunden, die alle feurige Augen und Zungen hatten, an ihm vorbei; der Knabe hatte das schon früher gesehen und fürchtete sich darum nicht, der andere aber war noch nicht recht wach. Man sagt, daß der Jäger noch zuweilen diesen Weg macht und jedesmal dahin reitet, wo er den Hals gebrochen. Da ist die Jagd dann zu Ende.

Aus Sundewitt. – Bei Roager, nicht weit von Ripen, sind auf der Feldmark Sönderhoved Spuren einer Burg. Ein ehemaliger Besitzer hat im Grabe keine Ruhe, sondern zieht als Jäger mit Jagdgeschrei durch die Lüfte. Schröder, Topographie von Schleswig unter dem Worte. – Grimm, Deutsche Sagen Nr. 308-313.

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562. König Waldemar.

Wunsch, ewig zu jagen s. Nr. 563. 571. 576. Zs. f. s.-h. Gesch. 15, 309. Sein Pferd ist weiß (vgl. Nr. 575. 577), nach anderen »gnêterswart« (Jb. f. Ldk. 4, 161).

Nicht weit von Bau stand vorzeiten das alte Jagdschloß Waldemarstoft, das der König Waldemar im Sommer und Herbst bewohnte, um seinem Lieblingsvergnügen, der Jagd, nachzugehen. Einmal ritt der König frühmorgens mit vielen Jägern und Hunden in den Wald. Die Jagd ward gut, aber je größer die Beute war, desto stärker ward in ihm die Lust. Der Tag verging, die Sonne neigte sich und noch immer ließ er nicht ab. Als endlich tiefe Nacht eintrat und die Jagd eingestellt werden mußte, rief der König aus: »O, wenn ich doch ewig jagen könnte!« Da erscholl eine Stimme aus der Luft: »Dein Wunsch sei dir gewährt, König Waldemar, von Stund' an wirst du ewig jagen.« Bald darauf starb der König, und von seinem Todestage an reitet er in jeder Nacht auf einem schneeweißen Pferde, umgeben von seinen Jägern und seinen Hunden, durch die Luft im wilden Jagen dahin. In den Johannisnächten ist er allein hörbar, doch hört man ihn im Flensburger Stadtgraben auch an Herbsttagen ziehen. Dann tönt die Luft von Hörnerklang und Hundegebell, von Pfeifen und Rufen wieder, als ob eine ganze Jagd im Anzuge wäre. Man sagt dann: »Da zieht König Wollmer!«

Das alte Jagdschloß ist jetzt in ein Wirtshaus verwandelt, aber ein Zimmer befindet sich noch in dem Zustande, wie der König es bewohnt hat. Die Wände sind mit alten Bildern bedeckt; in der einen Ecke steht ein Himmelbett, darüber eine noch ziemlich wohlerhaltene dunkelrote Sammetdecke mit goldenen Franzen gebreitet ist. Auch findet man da eine alte Orgel, die der König selbst gespielt haben soll. In diesem Zimmer ist einst nach ihm geschossen worden. Der Mörder schoß durch die Tür, verfehlte aber sein Ziel und traf die Wand, wo des Königs Brustbild hing. Aus dem Bilde sieht man noch das Loch, das die Kugel machte, ehe sie in die Wand fuhr, und in der Wand ist sie selbst noch sichtbar.

Durch Herrn Tamsen in Tondern und Herrn Pastor Dr. Jensen in Gelting. – Waldemarstoft hieß früher Oldemorstoft, worüber Jonas Hoyer, Bericht von etlichen Freigütern S. 20 (in Olaus Henr. Mollers Beiträgen zur Geschichte der Stadt Flensburg 1767, 4.) und Schröder, Topographie von Schleswig unter dem Worte nachzusehen sind. – Thiele, Danm. Folkes. I, 20. II, 113.

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563. König Abels Jagd.

1.

Pfahl durch Leiche (Sarg) geschlagen: Nr. 305, 2. Jb. f. Ldk. 4, 154. – Zur Verwandlung der Keule: zu Nr. 342. – Durch Sonderburg fährt König Abel mit vier schwarzen Pferden vor seinem Wagen; er zerreißt die Taue, die Reepschläger über den Weg gespannt haben: Danm. Folkem. 21, 60.

Nachdem König Abel, der Mörder seines Bruders Erich, von den Friesen am Milderdamm erschlagen war, ward seine Leiche nach Schleswig gebracht und dort im Dome zu St. Peter beigesetzt. Aber gleich in der nächsten Nacht erhob sich ein solcher Lärm mit Gekrach und Geknirsch in der Kirche, daß es den erschreckten Stiftsherren nicht möglich war, ihre Psalmen und gebräuchlichen nächtlichen Gebete abzusingen und herzusagen, indem eine greuliche Erscheinung sie störte und ängstigte. Als das sich nun so mehrere Male wiederholte und es der verwitweten Königin hinterbracht war, ward beschlossen, den Leichnam des Königs herauszunehmen, ihn zur Kirche hinauszuschaffen und an einem andern Orte zu begraben. Die Leiche ward nun in einen Sumpf des Pölerwaldes, der nahe bei Gottorp liegt, eingesenkt, nachdem ein Pfahl durch den Sarg geschlagen war Vgl. Nr. 305, 2.. Dieser Ort wird bis auf den heutigen Tag gezeigt und heißt allgemein das Königsgrab. Von jenem Tage an, versichern die Alten, hätten die Erscheinungen und Gespenster und das Lärmen in der Kirche aufgehört. Aber an dem Orte, wo der König setzt begraben ist, und den nahegelegenen läßt sich seit der Zeit, früher und noch in unsern Tagen, ein entsetzliches Getöse hören. Das wissen alle Leute, denn oft sind welche, die Nachts des Weges kamen, erschreckt und dadurch in Todesängsten gebracht. Glaubwürdige Männer berichten und versichern, daß gar oft dort die Stimme eines Jägers und sein Hornblasen vernommen werde, und zwar so deutlich, daß mancher sagen würde, es jage da jemand, und das ist oft von den Wachen auf Gottorp bei Nacht beobachtet worden. Aber auch, daß Abel selbst in unsern Tagen sich gezeigt habe und gesehen sei, sagen die Leute allgemein: er ist im Gesicht und am ganzen Körper kohlschwarz, er reitet auf einem kleinen Pferde und wird begleitet von den drei Jagdhunden, die man oft in feuriger Gestalt glühen gesehen hat.

Broder Boisen Chronic. Slesv. bei Mencken, Scipt. rer. Germ. III, 597. Daraus Cypraeus Annales episcopor. Slesvic. p. 266 sq., aus dem die übrigen schöpften, die Thiele, Danm. Folkes. I, S. 124 anführt. Bei Thiele ist noch eine mit Nr. 242 stimmende Sage angehängt. – Das Volksbuch 1844, S. 84, teilt die Sage mit, wie die »gebildeten« Schleswiger sie zu erzählen pflegen. Da soll Abel um den Dom herumziehen, um den Möwenberg, bis nach Missunde zur Stätte des Brudermordes. Da soll er sogar, nach einer Mitteilung, im blutigen Sande kratzen etc. etc. Das ist alles poetische Ausschmückung: die lebendige Volkssage kannte schon im vorigen Jahrhundert den Abel nicht mehr als Brudermörder. S. die folg. Nr.

2.

Pfahl durch Leiche (Sarg) geschlagen: Nr. 305, 2. Jb. f. Ldk. 4, 154. – Zur Verwandlung der Keule: zu Nr. 342. – Durch Sonderburg fährt König Abel mit vier schwarzen Pferden vor seinem Wagen; er zerreißt die Taue, die Reepschläger über den Weg gespannt haben: Danm. Folkem. 21, 60.

Es wird erzählt, daß König Abel all sein Lebtage ein großer Jäger gewesen, also daß er, da er endlich zum Sterben kam, sich statt der ewigen Seligkeit wünschte, ewig jagen zu können. Und das ist ihm gewährt worden. Früher jagte er nun auf der Erde und da belästigte er alle Menschen, die er antraf, und tat ihnen Leides an. Da aber grub man seinen Leichnam aus, der im Tiergarten bei Schleswig liegt, und wandte ihn um, und stieß einen Pfahl hindurch. Seit der Zeit jagt er nicht mehr auf der Erde, sondern man hört nur seine Stimme, wie er immer Hurra! Hurra! ruft. Aber seine Hunde laufen noch auf der Erde, haben brennende Augen und speien Dampf und Feuer aus. Man hört ihn oft auf dem Schubyer und Husbyer Felde jagen, und viele haben mit ihm zu tun gehabt.

Einst kam ein Bauer aus Schuby heimgefahren vom Markte, der hatte wohl ein wenig zu viel getrunken. Da hörte er das Hurrarufen, das Peitschenknallen und das Schnauben und Prusten der feurigen Rosse und Hunde. Er rief den König Abel an, und auf vieles Bitten erlaubte ihm dieser, an der Jagd teilzunehmen. Da mußte er nun mit der wilden Schar, man gab ihm Pulver und Flinte und er schoß Hasen genug. Als die Jagd aber gegen Morgen beendet war, bat er den König Abel um ein Stück Wild mit nach Hause zu nehmen, und der warf ihm auch eine schwere Last auf den Wagen, indem er sagte: »Da hast du einen Braten, viel zu gut für einen Bauern.« Als der Bauer nun nach Hause kam, fragte seine Frau, wo er so lange gewesen sei. Da erzählte er, wie er mit König Abel auf der Jagd gewesen sei und habe auch ein paar Hasen oder eine Hirschkeule mitgebracht. Da sah die Frau nach, aber was fand sie? Es war keine Hirschkeule, sondern die Keule von einem Pferdeaas.

Es gibt viele Leute, die den König Abel gehört und mit ihm gesprochen haben, aber sehen läßt er sich nicht mehr. Der, der dies erzählte, hatte einen Vaterbruder, der, als er noch jung war, einmal selbst dem König Abel seine Hunde hat halten und mit ihm laufen müssen.

Aus der Nähe von Schleswig durch Kandidat Arndt nach der Erzählung eines Bauern, der weder von Erich, noch sonst was weiter von König Abel wußte. Damit stimmt Grauer, Advokat in Tondern, Erklärung des Götzendienstes-Horn. Tondern 1737. S. 32: König Abel hatte einmal gewünscht, in Ewigkeit jagen zu können. Einmal im Jahre, besonders im Schleswiger Holze, wird er mit seinen Jagdhunden und Hörnern in der Luft gehört, mit großem Jagdgeschrei. Seine Statue, in Stein ausgehauen, mit Hunden umgeben, ist bis auf diese Stunde im Schloßgarten zu sehen. – Unter Mommsens Papieren finde ich, daß eine ungedruckte poetische Bearbeitung der Sage von C. Schumacher ähnlich anknüpft: Abel ist leidenschaftlicher Jäger. Er will im Pöler Walde jagen. Da erscheint ihm der Herr des Waldes, halb Bär, halb Jäger, und verbietet es ihm; nur der König dürfe hier jagen. Da ruft's von allen Zweigen: Heil dem König Abel! Darauf erschlug er seinen Bruder, den König Erich usw. – Eine gleich apokryphische Nachricht lautet: Im Gehölz von Schuby, ganz nahe bei Schleswig, begegnet den Landleuten mitunter der Waldgott, der die Waldgöttin verfolgt. Wenn das nicht der Wôld, der Wohljäger, der die Waldfrauen verfolgt, s. Nr. 377, sein soll, so weiß ich nicht.

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564. Künnig Abel sine Hunde.

Macht der Schürze: zu Nr. 548. – über den zurückgelassenen Hund: zu Nr. 577.

As mine Grootmoder êhr Grootmoder noch en junge Deern weer, erzählte ein Bauer aus dem Dorf Dannewerk, da tomal weer hier noch œwerall vêl Woold bi Dennewerk herüm; ok harren de Buern êhr Veh jümmer in dat Holt to Weide. Nu weer de Deern mal henschickt, se sull na de Köh sehn. As se nu ünner de Böm keem, da hört se mit enmal en furchtbores Ramentern in de Luft. Da keem Künnig Abel dahêr mit sine Jagd. Tein Hunde harr he bi sik, ganze witte, de harrn fürige Tungen ut den Hals hangen. Da dach de Deern: »Ach, nu büst du hier so ganz alleen, wo sall di dat wol gaan!« Se harr en witt Schörteldook üm, dat bünn se af un wickel sik dat üm êhren Kopp un sett sik dal bi enen groten Boom to wenen. Künnig Abel keem nu heran un mök da en grêsiges Ramentern bi êhr herüm; toletz güng he wider, van de Hunde keem awer de ene to êhr heran un sprüng êhr in den Schoot; da legg he sik dal. As nu de Spektakel ut weer, so neem se den Hund mit na Dennewerk: da sünd noch wecke van dit Slag Hunde. Künnig Abel hett awers siet de Tied man nêgen Hunde.

Durch Kandidat Arndt.

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565. Der Pferdeschinken.

Zur Verwandlung des Pferdeschinkens in Gold vgl. Ib. f. Ldk. 4, 161 (Nr. 65).

Da weer mal en arme Buerknecht, un en Magd de weer sine Fru. De Mann de weer so sümig (fleißig) un so arbeitsam, de Fru awers weer so fuul, dat se den ganzen Dag to Bett liggen wull. Se plegg to seggen: »Wen uns Herrgott leef hett, den gifft he't int Liggen.« Den Mann verdrütt dat, dat se nich upstaan will; wiel he se awers so leef hett, so will he doch niks seggen. Da find he mal Morgens fröh en afschinnert Pêrd, da nimmt he en Lendestück van, un driggt dat ganz sacht herin un leggt dat up de Laad vört Bett. As de Fru nu upwaakt, so denkt se: »Nu hett uns leef Herrgott mi doch wat int Slapen gêwen.« Da steit se up, leggt dat Fleesch in en Servjett un slütt dat in de Laad; se dacht dat weer en schönen Braden. As êhr Mann to Huus keem, sä se em dat, uns Herrgott harr êhr wat schickt. »He hett di wol en schönen Braden schickt«, sä de Mann. Da slütt de Fru de Laad up un as se de Servjett van enanner sleit, so is dat luder blankes Gold. »Sühst du«, sä se, »wo uns Herrgott de Lüd wat int Liggen schickt, de he leef hett?« Da süht de Knecht grad na de Dœr un süht, wo de Deuwel int Sloetellock kickt un lacht. Naast löppt de Knecht hen wo dat afschinnert Pêrd lêgen harr, da weer allens weg. Siet de Tied weren se riek noog, de Fru leeg den ganzen Dag to Bett, de Deuwel weer awers so arg up se un leet se kene Roh, so lang se lêwen.

Aus Kurburg bei Schleswig durch Kandidat Arndt. – Mones Anzeiger VII, 226 (Nr. 28); siehe unten Nr. 570.

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566. Der Sack mit Hafer.

Einl. S. XXXIX.

Auf den Hesterberg bei Schleswig bringen die Bauern aus Mielberg jedesmal, wenn ein gewisses Stück Land mit Hafer besäet wird, einen Sack mit diesem Korn und lassen ihn da stehen. Nachts kommt dann jemand und braucht den Hafer für sein Pferd.

Aus Fahrdorf, Wohlde und Kurburg bei Schleswig durch Kandidat Arndt.

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567. Der wilde Jäger und die Holzdiebe.

Wodes dreibeiniges Pferd: zu Nr. 41. – Meineidige müssen wiedergehen: zu Nr. 281. – Im Sachsenwalde wurden Holzdiebe durch einen ungeheuren schwarzen Hund mit tellergroßen Augen oder einen gespenstigen Schimmel erschreckt: Nd. Jahrb. 1, 103.

In Fockbek lebte vor ein paar hundert Jahren ein gottloser Bauer, Namens Holtorf. Einmal brannte sein Haus nieder, da ging er mit seinem Tagelöhner jeden Abend nach dem Gehege Osterhamm und sägte einen Baum nieder. Dann mußte der Knecht mit einem Wagen und vier Pferden nachkommen, und so ward in jeder Nacht ein Baum gestohlen. Einmal waren sie bei ganz heiterem und stillem Wetter im Mondschein auch bei ihrem Geschäfte und hatten sich schon etwas verspätet. Da entstand mit einem Male ein fürchterlicher Lärm, der Mond verdunkelte sich, der Wind fing an zu brausen und im Nu fällt ein Reiter auf einem weißen Pferde, das nur drei Beine hatte, begleitet von einer Menge Hunde, bei ihnen herab und fragte mit rauher Stimme: »Was macht ihr hier? die Nacht ist mein und der Tag ist euer.« Augenblicklich fiel der Tagelöhner vor Schreck zu Boden; nur Holtorf behielt die Besinnung und antwortete: »Zieh du nur weiter; wir haben hier wohl alle Platz genug.« Darauf erhub sich der wilde Jäger unter einem ebenso fürchterlichen Lärm als wie er angekommen war mit seinen Hunden wieder in die Luft. Die Diebe hatten aber doch einen solchen Schreck davon gehabt, daß sie sogleich ihre Sägen nahmen und nach Hause gingen. Sie haben seit der Zeit kein Holz wieder gestohlen, aber Holtorf hat doch wegen eines falschen Eides nach seinem Tode umgehen müssen.

Aus dem Amte Rendsburg. – Man erzählt von Holtorfs Bannung in ein Moor eine ähnliche Geschichte, wie Nr. 410. – Thiele, Danm. Folkes. II, 116.

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568. Der Freischütz.

Vgl. Nr. 235. Über die Oblate: zu Nr. 317. Nach einer Überlieferung aus Stapelholm (Heim. 8, 113) befestigt der Jäger die beim Abendmahl entwendete Oblate an einem Baum und schießt danach, obgleich er den Gekreuzigten vor sich hängen sieht. – Über den Kreuzweg: zu 279; über die Raben: zu 305, 1; über das weiße Tuch: zu 548.

Es war einmal ein Bauernsohn, ein wilder Bursche, der ließ sich zu keiner Arbeit bringen, weder durch Bitten noch durch Drohungen, und den ganzen ausgeschlagenen Tag mußte er auf dem Felde herumstreichen. Seine Eltern verzogen ihn etwas und hielten ihn zu nichts ernstlich an. Als er daher erwachsen war, lief er heimlich davon und ergab sich der Jägerei, um ganz seiner Lust zu leben. Er verheiratete sich endlich, erhielt ein kleines Gewese mitten in einem Walde in Besitz, ein bischen Land war auch dabei, und davon, besonders aber durch seine Jägerei, ernährte er die Seinigen. Es ging ihnen nur kümmerlich und oft hatten sie nicht das liebe Brot im Hause, denn die Jagd gibt nur einen unsichern Verdienst, ihr Land aber bestellten sie nachlässig. Einmal war er nun frühmorgens auch auf die Jagd gegangen und Abends hatte er noch nichts geschossen. Mißmütig und verstimmt begab er sich wieder auf den Weg nach Hause; da erblickte er, wie er einmal aufsah, in einiger Entfernung vor ihm einen Fremden, der auch auf der Jagd gewesen sein mußte, denn er trug Büchse und Jagdtasche. Der Jäger verdoppelte seine Schritte, um ihn einzuholen; aber es war sonderbar, so sehr er auch eilen mochte, so blieb der Fremde doch immer gleich weit von ihm entfernt, obgleich er ganz seinen ruhigen Gang behielt. Der Jäger legte endlich den Zeigefinger in den Mund und pfiff nach Jägerart: der helle schrillende Ton drang weithin durch die Nacht, ein paar Raben wurden aus den alten Bäumen, die in der Nähe standen, aufgeschreckt und erfüllten mit unheimlichem Gekrächze die Luft, aber der Fremde schien nichts gehört zu haben, sondern ging ohne sich umzusehen weiter. Als er aber einen Kreuzweg erreichte, stand er mit einem Male stille und wandte sich um gegen den Jäger. Er war ein hübscher junger Mann und grüßte freundlich. Der Jäger erwiderte den Gruß und bemerkte sogleich, wie des Fremden Jagdtasche überaus wohlgefüllt war. Seine erste Frage war natürlich, wie er zu all dem Reichtum käme, da ihm selber keine Mühe und Geschicklichkeit in letzter Zeit etwas gefruchtet hätten. Der Fremde antwortete, daß er sich im Besitze eines großen Geheimnisses befinde, das mache aber, daß sein Visier niemals trüge und seine Kugel nie fehle. Darauf tat er, als wollte er gleich abbiegen, aber der Jäger ward nur noch begieriger, hielt ihn zurück und bat ihn um Mitteilung des Geheimnisses, er wollte es ihm auch so danken, wie er nur immer könne. Der Fremde sprach: »Ich verlange weiter keinen Dank von dir, als die Erfüllung einer Bedingung. Wenn du mir nämlich mit einem Eide versprechen willst, mein Geheimnis keinem Dritten zu verraten, so will ich es dir wohl anvertrauen. Das ist die einzige, aber notwendige Bedingung.« Der Jäger war gleich bereit, den Eid zu leisten. In dem Augenblicke, als er nun die Hand erhub, kamen die Raben vom Walde herüber und umflogen laut krächzend erst in weiten, dann in immer engern Kreisen die beiden Männer, während der Fremde dem Jäger das Geheimnis anvertraute; als die beiden voneinander Abschied nahmen, verloren sich die Vögel nach verschiedenen Richtungen hin.

Seit dem Abend war der Jäger wie verwandelt. Tagelang blieb er wider seine frühere Gewohnheit im Hause, er ging stumm und in sich gekehrt umher und wich allen Fragen seiner Frau aus. Die aber ließ nicht nach in ihn zu dringen und endlich in einer schwachen Stunde brachte sie ihn dahin, daß er ihr die ganze Sache verriet. Da meinte sie, er könnte es doch einmal damit versuchen, vielleicht hülfe es ihnen mit einem Male aus aller Not, er sollte sich nur nicht so lange bedenken, denn die Sünde könnte doch nicht so groß sein und was dann ihre Reden weiter waren, genug, sie sprach ihm so lange was vor, daß er sich entschloß, das Mittel, das ihm der Fremde angeraten, zu versuchen. Will man nämlich einen Freischuß erhalten, so muß man einmal sein Gewehr mit einer Oblate laden, die vom Altar aus der Kirche entwendet ist; und das hatte der Fremde dem Jäger auch geraten. Am nächsten Sonntag ging also der Jäger zur Kirche und tat als wenn er sich das Abendmahl reichen ließe, aber er nahm die Oblate mit nach Hause. Dann nahm er seine Büchse von der Wand, nahm zugleich ein weißes Tuch mit und ging in den Wald hinaus auf einen freien Platz, um alles so auszuführen, wie ihm vorgeschrieben war. Die Sonne stand im Mittag, er breitete das weiße Tuch auf dem Boden aus, stellte sich mit den Füßen darauf und lud seine Büchse, statt des Bleis aber gebrauchte er die Oblate. Dann richtete er den Lauf gegen die Sonne und schoß los. Augenblicklich fuhr eine schwarze Wolke auf und bedeckte den Himmel, Donner und Blitze brachen los, und es war in einem Nu ein Unwetter da, als wolle die Welt untergehn. Der Jäger wollte sich nach Hause flüchten, er bückte sich, um noch das weiße Tuch aufzunehmen, da war die Stelle seiner Fußstapfen mit frischem Blute gezeichnet; in Todesangst rannte er davon. Als er aber sein Haus erreichte, da stand das in hellen Flammen und Weib und Kinder stürzten ihm jammernd entgegen. Zu gleicher Zeit stand der Fremde von neulich wieder vor ihm, der kein andrer gewesen war, als der Teufel selber; und zeigte ihm an, daß er von nun an ewig jagen müsse, sein Weib und seine Kinder aber sollten ihn als Hunde begleiten. Seit dieser Zeit wohnt er nun den Tag über bei den alten Bäumen im Walde bei den beiden Raben, Nachts aber zieht er sausend unter vielem Geräusch durch die Lust, begleitet von seinen Hunden. Das nennen die Leute jetzt die wilde Jagd. Wenn man ihn ziehen hört und das Rufen und Bellen nachmacht, so wirft er mit Knochen herunter. Er muß aber diese Strafe dulden bis an den jüngsten Tag und kann nicht eher Ruhe finden.

Mündlich aus Marne in Dithmarschen. Das Stück ist vielleicht vom Harze eingewandert; weil es wenigstens von einem dorther eingewanderten, jetzt verstorbenen Weber oft erzählt ward. Doch ist die Sage vom Freischützen sehr verbreitet, auch im Harz bekannt (bei Harrys, Sagen Niedersachsens II, S. 22), wie sie hier bei uns z. B. auch von einem glücksburgischen Jäger erzählt wird. S. unten. Den wilden Jäger kennt man in Dithmarschen und die Verknüpfung beider Sagen kann also auch leicht da geschehen sein; jener Erzähler hatte während seines Aufenthalts in unserm Lande auch eine Menge einheimischer Geschichten eingesammelt; die er gerne nebst seinen übrigen Erfahrungen auszukramen pflegte. – Mones Anzeiger VII, 223; vgl. Nr. 235.

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569. Herr von Wittorf.

Über den Leuchtermann: zu Nr. 296. – Als 1844 die Altona-Kieler Bahn eröffnet wurde und die Lokomotive mit glühenden Augen daher brauste, sagte man: »Der Leuchtermann aus Wittorf hat vorgespukt«. – Vgl. Jb. f. Ldk. 4, 284.

Nicht weit von Neumünster sieht man die Spuren einer Burg, die einst von den Herren von Wittorf bewohnt war. Der Letzte aus diesem Geschlechte war ein arger Unhold, der die Menschen plagte und die Nonnen im Kloster zu Neumünster schändete. Seit seinem Tode wandelt er nun schon seit vielen hundert Jahren in jeder Nacht als Leuchtermann zwischen seiner Burg und dem Flecken Neumünster. Er geht am häufigsten auf einem Fußsteige, der zu einer Furt in der Schwale führt, einher und verwehrt allen, die ihm begegnen, den Weg, daß sie bis an die Hüften durchs Wasser waten müssen. In der heiligen Dreikönigszeit aber fahrt er in einem vierspännigen Wagen, unter lautem Hörnerschall, zum Umschlag nach Kiel. Der Wärter am Schlagbaum im Westen von Neumünster kann diesen nicht so schnell öffnen, so ist der Zug schon hindurch und er hört das Horn bei der Kieler Brücke im Osten des Fleckens.

Schriftlich und Neues Staatsbürgerl. Magazin Bd. 4, S. 614. – Thiele, Danm. Folkes. I, 284, II, 300 f.

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570. Wau, wau!

Solchen, die mitjagen oder dem Jäger nachäffen, wird ein Pferdeschinken als Belohnung hingeworfen: Nr. 544 (Schluß). 571. 576. Heim. 8, 113 (aus Stapelholm). Urqu. 1, 68 (aus der Lübecker Gegend). Nach Jb. f. Ldk. 4, 161 wird ein Unbeteiligter mit einem Pferdeschinken geworfen, der nachher nicht zu finden ist (aus Lauenburg).

Vor hundert Jahren ging ein Mann aus Bornhöved mit einem andern Nachts zwischen zwölf und eins über Feld. Da hörten sie erst in weiter Ferne, dann immer näher und näher viele Hunde bellen; der wilde Jäger kam endlich auf sie zu. Da war der eine so übermütig und machte das Gebell der Hunde nach und rief beständig: Wau, wau! Der andere aber war so klug zu schweigen und unter das Dach eines Hauses zu flüchten. Da ließ sich der wilde Jäger augenblicklich aus der Luft hernieder und setzte dem andern einen Pferdeschinken vor, indem er ihm befahl, den Hunden diesen verzehren zu helfen, denn weil er mit den Hunden gebellt habe, müsse er auch mit ihnen speisen.

Durch Dr. Klander in Plön und mündlich aus der Rendsburger Gegend. Vgl. Nr. 571. 576. – Kuhn, Märk. Sagen Nr. 23. 63. Wolf, Niederl. Sagen Nr. 259. Harrys, Sagen Niedersachsens II, Nr. 5. Grimm, Deutsche Sagen Nr. 48. 172.

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571. Der wilde Jäger.

Vgl. zu Nr. 562 und 570. Zum Reim vgl. Nr. 458.

In alten Zeiten, als das Wünschen noch half, wünschte einer, der ein gewaltiger Liebhaber von der Jagd war, einmal, daß er doch ewig jagen könnte; so wollte er auch auf die ewige Seligkeit verzichten. Nach seinem Tode ist ihm dieser Wunsch erfüllt worden und in dunkeln Nächten kann man ihn mit seiner Jägerei umherziehen hören. Einem, der quer über eine Koppel gehen wollte, rief er einmal zu:

Bleib du im großen Mardelweg,
So beißen dich meine Hunde nicht.

Und ein Junge, der die Pferde hütete, rief einmal Hetäh! Hetäh! als die Jagd über ihn hinzog. Da warf ihm frühmorgens der wilde Jäger einen Pferdeschinken auf die Bettdecke und sprach: »Hast du mit gejagt, sollst du auch mit essen.«

Aus Dersau durch Dr. Klander in Plön.

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572. Der alte Au.

Licht auf dem Schwanz der Hunde vgl. Nr. 339. 41. Eine alte Frau bei Grönwold (Amt Trittau) versteckt sich beim Nahen der wilden Jagd unter einem großen Kessel; die Hunde pissen daran (vgl. Nr. 575), aber ihr geschieht nichts (Jb. f. Ldk. 4, 160). Auf dem Wasser kann der wilde Jäger nicht schaden: Urqu. 1, 68 (aus der Lübecker Gegend). Nach Nd. Jb. 1, 102 (aus Müssen in Lauenburg) zerreißt der Wände, Wauge oder Waul Tiere u. Menschen; einen Bauern schrie er einmal nachts an: »Ruugfoot oder Kaalfoot?« »Ruugfoot!« antwortete der Bauer; sofort zerrissen die Hunde eine Kuh; hätte er »Kaalfoot!« gesagt, wäre ein Mitglied seiner Familie verloren gewesen. Die Knochen der Kuh, auf den Rauchfang des Herdes gelegt, haben sich nach einem Jahr in Gold verwandelt.

In der Propstei weiß jung und alt viel von dem alten Jäger Au, Aug oder Auf zu erzählen. Zwar treibt er in unsern Tagen sein Spiel nicht mehr so vor sichtlichen Augen, aber man weiß noch viele Stellen und Häuser zu bezeichnen, wo er mit seinem wilden Gefolge in alten Zeiten am häufigsten hauste und die Leute in Angst und Schrecken setzte. So ist in Fiefbergen ein Haus, da war es früher gar nichts Ungewöhnliches, wenn er es mehrere Male in der Woche ganz durchjagte. Gewöhnlich kam er durch die Hintertür und wenn er dann, was jedoch nicht immer geschah, auch die Wohnstube und die übrigen Gelegenheiten des Hauses durchzogen hatte, so tobte er durch die Seitentür wieder hinaus und davon. Er hatte beständig viele Hunde, gewöhnlich ganz kleine, bei sich, auf deren Schwanz ein Licht brannte. Viele alte Leute erzählen davon und versichern, daß der alte Jäger ihnen nichts getan, wenn sie sich ganz ruhig verhielten und allenfalls den Segen, das Vaterunser oder ein anderes Gebet gesprochen hätten.

Einer alten Frau aus Brodersdorf, die noch nicht lange tot ist, ist der alte Aug einmal Nachts zwischen Lutterbek und Brodersdorf mit seiner ganzen Jagd begegnet. Nichts als Lichter und Lichter brannten bei ihr herum und dabei lärmte, schrie, schoß und heulte es, daß ihr Hören und Sehen verging. Denn sie geriet gerade mitten ins Gedränge. Das hat die alte Frau häufig erzählt und sie log nicht.

Durch Herrn Rethwisch auf Ovelgönne. – Bechstein, Fränk. Sagen S. 57. 272.

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573. Der wilde Jäger eingefangen.

Vgl. Jb. f. Ldk. 4, 285.

In Gnissau weten alle Lüde vêl vun den wilden Jäger to vertellen. He neem sinen Weg ümmer dörch een un dat sülwige Huus to Noorden int Dörp. Sobald he in de Neeg vun dat Huus keem, so worr dat Gehuul un Gejiffel vun sien Hunden ümmer liser un liser, un hör toletz ganz up, et fung awer an de annere Siet glieks darup werrer an. Da hebbt enmal welke den Spaas maakt un hebbt de Dœr toschottet, dörch de de wille Jäger werrer aftotrecken plegg! se maken ok de annere to, as he eerst int Huus weer. So harren se de wille Jagd infungen. Den annern Morgen awer, as de Lüde enmal nasegen, da funnen se op de Dêl niks as en grote Mengde ganz lütte fine Hundenkœtel.

Durch Dr. Klander in Plön. – Thiele, Danm. Folkes. II, 114. 123. Vgl. unten Nr. 577.

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574. Das gesegnete Brot.

Jb. f. Ldk. 4, 284.

Ein Bauer in Gadendorf bei Panker hatte spät Abends noch draußen etwas zu tun. Er ließ die Tür offen. Da kam ihm der wilde Jäger durch die große Tür ins Haus geritten und nahm ein Brot vom Brotschragen herab. Darauf ritt er zur Seitentür des Hauses wieder hinaus, und als er dort den Bauern traf, sagte er zu ihm: »Weil ich dies Brot hier bekommen habe, so soll's in deinem Hause nimmer daran fehlen.« Der wilde Jäger hielt Wort und es ist wirklich in dem Hause des Bauern nie Mangel gewesen.

Mündlich.

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575. Der wilde Jäger auf der Putloser Heide.

Kopf unterm Arm: zu Nr. 274. – Zum Benehmen der Hunde: zu Nr. 572.

Auf unsern Heiden, in Dickichten und Gebüschen ist es oft nicht geheuer. Da haust der wilde Jäger, der ein wilder Geselle ist, obwohl er niemand was zuleide tut. Er trägt einen grauen Rock, hat den Kopf unterm Arm, und reitet auf einem kleinen dreibeinigen weißen Pferde, aber doch läuft es so geschwind wie der Wind. Nebenher lausen kleine Dachshunde bei großer Zahl. Treffen die einen Menschen, so beschnuppern sie ihn erst und tun ihm dann wie alle Hunde jedem, der kein Geld bei sich hat. Einmal ging einer mit zwei andern über die Putloser Heide zur Nachtzeit; jeder hatte eine Tracht Holz auf dem Rücken; da kam der wilde Jäger daher auf seinem Pferde und mit seinen Hunden. Der eine sah ihn allein, die andern nicht; darum duckte er sich schnell nieder, die andern beiden aber gingen dem Zuge nicht aus dem Wege. Da rannte er an ihnen vorbei, die Leute wurden fast niedergeworfen und die Holzbündel wären ihnen beinahe von den Schultern gestoßen. Darüber fingen sie an, sich zu streiten und zu schelten, und jeder meinte, der andere hätte ihn gestoßen, der dritte aber, der sich niedergeduckt hatte, konnte sich kaum so schnell umsehen, so war der Reiter mit den Hunden im Nu vorüber, und nun sagte er seinen Kameraden, was es gewefen sei.

Mündlich. – Kuhn, Märk. Sagen Nr. 175.

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576. Der Wohljäger.

Vgl. zu Nr. 562 u. 570. Dasselbe erzählt man von einem Amtmann in Apenrade: Jb. f. Ldk. 10, 50. Fischer, Slesv. Folkes. S. 360.

In frühern Zeiten lebte in Eutin ein bischöflicher Jäger, Namens Diederich Blohm. Der hatte nichts Lieberes im Himmel und auf Erden, als die Jagd. Tag und Nacht blieb er außer dem Hause und jagte. Endlich ward er krank und ward immer elender und elender, bis der gewisse Tod vor Augen war. Da ließ seine Mutter den Prediger an sein Bett kommen, um ihn zum Tode zu bereiten; aber der Kranke hieß ihn weggehen, und als der Prediger ihm Himmel und Hölle vorhielt, rief er spottend aus: »Ich will Gott gerne seinen Himmel lassen, wenn er mich dafür nur ewig jagen lassen wollte.« Nach diesen Worten starb Diederich Blohm. Als nun die Leiche zu Grabe gebracht und der Sarg eingesenkt ward, hörte man alsobald ein wildes Jagdgeschrei, Peitschengeknall, Pferdegewieher und Hundegebell mit lautem Getöse durch die Luft ziehen. Das kann man seit der Zeit bis auf diesen Tag noch oft an Abenden in der Gegend hören. Wenn man es daherbrausen hört, so sagen die Leute: »Dat is de Wohljäger.«

Einst jagte er des Abends über das Dorf Meinsdorf hin. Da hörte ihn ein Mann und stimmte mit in das Jagdgeschrei ein. Sogleich kehrte der Wohljäger um und warf seinem Jagdgenossen einen Pferdeschinken in die Haustüre mit den Worten: »Heft du mit jaagt, schast du ok mit frêten.«

Im Jahre 1740 hing an einem Pfeiler der Stadtkirche zu Eutin noch eine Tafel; darauf war die Inschrift zu lesen: »Bittet Gott vor Diederich Blohm.«

Durch Herrn Schullehrer Kirchmann in Eutin.

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577. Der Wode.

In Stapelholm erzählt man, daß der wilde Jäger in einer Kutsche durch die Luft fährt und nach den Seelen ungetaufter Kinder (s. zu Nr. 494) jagt (Heim. 8, 113). – Über die Verschmelzung des Wode mit St. Bartholomäus s. Jb. f. Ldk. 4, 286. – Wenn man in den Zwölften abends die Tür nicht zuhält, kommt leicht ein Hund Wodes hinein, und den muß man dann das ganze Jahr füttern, bis er sich der Jagd wieder anschließt: Jb. f. Ldk. 4, 161. 284. Nd. Jb. 1, 101 (aus Müssen in Lauenburg); vgl. Nr. 564. – Zur Feindschaft Wodes mit den Unterirdischen vgl. Nr. 445, 2. Nach Urqu. 1, 68 lebt er in Feindschaft mit den »gêlen Wiwern«, die den Menschen schaden und ihnen ihre Kinder stehlen (aus der Gegend von Lübeck). Vgl. noch Mannhardt, Feld- und Waldkulte2 S. 123. Kristensen 2 C, 84. – Zum Zusammenbinden an den Haaren: Nr. 305, 3; zum Waschen: zu Nr. 480.

Den Wode haben viele Leute in den Zwölften und namentlich am Weihnachtsabend ziehen sehen. Er reitet ein großes weißes Roß, ein Jäger zu Fuß und vierundzwanzig wilde Hunde folgen ihm. Wo er durchzieht, da stürzen die Zäune krachend zusammen und der Weg ebnet sich ihm; gegen Morgen aber richten sie sich wieder auf. Einige behaupten, daß sein Pferd nur drei Beine habe. Er reitet stets gewisse Wege an den Türen der Häuser vorbei und so schnell, daß seine Hunde ihm nicht immer folgen können; man hört sie keuchen und heulen. Bisweilen ist einer von ihnen liegen geblieben. So fand man einmal einen von ihnen in einem Hause in Wulfsdorf, einen andern in Fuhlenhagen auf dem Feuerherde, wo er liegen blieb, beständig heulend und schnaufend, bis in der folgenden Weihnachtsnacht der Wode ihn wieder mitnahm. Man darf in der Weihnachtsnacht keine Wäsche draußen lassen, denn die Hunde zerreißen sie. Man darf auch nicht backen, denn sonst wird eine wilde Jagd daraus. Alle müssen still zu Hause sein; läßt man die Tür auf, so zieht der Wode hindurch und seine Hunde verzehren alles, was im Hause ist, sonderlich den Brotteig, wenn gebacken wird.

Einst war der Wode auch in das Haus eines armen Bauern geraten und die Hunde hatten alles aufgezehrt. Der Arme jammerte und fragte den Wode, was er für den Schaden bekäme, den er ihm angerichtet. Der Wode antwortete, daß er es bezahlen wolle. Bald nachher kam er mit einem toten Hunde angeschleppt und sagte dem Bauern, er solle den in den Schornstein werfen. Als der Bauer das getan, zersprang der Balg und es fielen viele blanke Goldstücke heraus.

Der Wode hat einen bestimmten Weg, den er alle Nacht in den Zwölften reitet. Der geht rings um Krumesse herum über das Moor nach Beidendorf zu. Wenn er kommt, so müssen die Unterirdischen vor ihm flüchten, denn er will sie von der Erde vertilgen. Ein alter Bauer kam einmal spät von Beidendorf und wollte noch nach Krumesse; da sah er, wie die Unterirdischen daher gelaufen kamen. Sie waren aber gar nicht bange und riefen: »Hüt kann he uns nich krigen, he sall uns wol gaan laten, he hett sik hüt morgen nich woschen.« Als der Bauer nun etwas weiter kam, begegnete ihm der Wode, und der fragte ihn: »Wat repen se?« Der Bauer antwortete: »Se seggt, du hest di van morgen nich woschen, du sast se wol gaan latent Da hielt der Wode sein Pferd an, ließ es stallen, saß ab und wusch sich damit. Nun stieg er wieder auf und jagte den Unterirdischen nach. Nicht lange darauf sah ihn der Bauer zurückkommen; da hatte er sie mit ihren langen gelben Haaren zusammengebunden und zu jeder Seite mehrere vom Pferde herabhangen. So hat er die Unterirdischen verfolgt, bis sie jetzt alle verschwunden find. Deshalb jagt er auch nicht mehr auf der Erde, sondern oben in der Luft.

So erzählte dies ein alter achtzigjähriger Mann in Krumesse, der auch stillen und böten kann. Der Wode ist in ganz Lauenburg bekannt und überall schließt man vor ihm die Türen in der Weihnachtszeit.

Herr Kandidat Arndt. – Unterirdische haben keine gelben Haare; es sind ohne Zweifel die Moosleute und Waldfrauen gemeint. Siehe Mythol. S. 881. 1231. – Wolf, Niederl. Sagen Nr. 258. Grimm, Deutsche Sagen 47. 43. Börner, Orlagau S. 212. Die Mecklenburger Sagen Mythologie S. 876-879. Thiele II, 122.

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578. Grabhügel auf Sylt.

Vgl. zu Nr. 541. Hansen, Beitr. zu den Sagen Nordfrieslands S. 29 ff. 45. Zs. f s-h. Gesch. 11. 234 f.

Zwischen Kampen und Braderup auf Sylt liegen zwei Grabhügel von ungewöhnlicher Größe; die nennt man die Prunkenberge, weil in ihnen ein großer General und seine Gemahlin begraben liegen. Südlich von Kampen liegt der größte aller Grabhügel, der Gurt-Brönshoog. Er ist das Grabmahl eines Königs Bröns, der hier, auf einem goldenen Wagen sitzend, bestattet ist. In dem nahe daran liegenden Litj-Brönshoog ruht der Sohn desselben Königs und in dem dritten, kleinsten, dem Hündshoog, sein Lieblingshund. – In dem Ringhoog liegt ein Seeheld, Namens Ring, samt seinem Schiffe. – So ist auch in dem Klöwenhügel, der auf der Grenze der Keitumer Geest und Marsch liegt, ein Seeheld mit einem goldenen Schiffe begraben, dessen goldene Anker in der nahen Marsch liegen. Einst gruben Leute nach dem Schiffe und die Masten kamen schon zum Vorschein; da erschien ein mißgestaltetes Männchen, reitend auf einer lahmen Gans, und erschreckte die Schatzgräber. Einer fing an zu sprechen, da versank das Schiff.

Camerers Beiträge I, 2. 130, und durch Herrn Schullehrer Hansen in Keitum. Vgl. Nr. 324. – Reusch, Samland Nr. 4.

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579. König Frode.

Auf den Feldern der Dörfer Havetoft, Loit und Taarsballig in Angeln war vor noch nicht vierzig Jahren eine große Menge Grabhügel zu sehen. Hier soll nämlich vor Zeiten einmal eine große Schlacht vorgefallen sein. Einer der Hügel, und zwar der größte nach Höhe und Umfang, ist bis jetzt aber noch ziemlich unberührt geblieben. Der heißt Hermenhüi. In demselben ruht der König Frode, wovon dieser Vers Zeugnis gibt:

Den förste Konge Frode,
Den katt do hitt i Hermenhüide.

Das heißt:

Den ersten König Frode,
Den kannst du finden in Hermenhoge.

Aus Angeln. Vgl. Thiele, Danm. Folkes. I, 15. – In Kirkebye, Amt Hadersleben, befinden sich zwei Grabhügel, worin zwei Kriegshelden, Grim und Vogn, begraben liegen. Vgl. Thiele II, 188. Bemerkenswerte Namen sind: bei Binderup, Amt Hadersleben, Thorshöi; bei Osterlügum, Amt Apenrade, Olufshöi, Wolleshöi, Dverghöi; bei Wilstrup, Amt Hadersleben, Horshöi, Joens Kirkegaard, Dorredeshöi. Schröder, Topographie.

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580. Boldershöi.

Kristensen 3, 55. Zum Reim in der Anm. vgl. Handelmann, Volks- u. Kindersp. aus Schl.-Holst. S. 44.

Bei Boldersleben sieht man auf einer Anhöhe noch die Spuren eines Schlosses. Da hat früher in alten Zeiten ein König, Namens Bolder, residiert und dem Orte den Namen gegeben. Er geriet mit einem Könige Hother, der in Hadersleben wohnte, in Streit und erschlug ihn. Nun liegt noch südlich von der Kirche in Agerskov ein kleiner Hügel, genannt Boldershöi; vor mehreren Jahren pflügte man daraus einige Knochen auf; die sollten von dem starken Bolder herrühren, der hier nachher begraben ward.

Arnkiel 1, 71. Rhode, Haderslev-Amts Beskrivelse S. 477. Vgl. Schröder, Topographie von Schleswig. – Bei Kliplef zeigt man einen Grabhügel Jernishoi. oder Hiarneshoi, wo ein König mit seiner Gemahlin soll begraben sein. (Vgl. Saxo lib. VI.) – Im Ravnshoi (Rebensbarg) auf dem Schiersberg bei Quern in Angeln ist ein Held mit Roß und Rüstung und einem goldenen Schwerte begraben. – In Rasks Morskabslasning 1839 S. 506 wird von einem Hügel, östlich von Bollersleben, erzählt, daß daselbst Balder einen Geistlichen, Namens Rune, erschlagen habe, daher der Vers:

Balder, Rune og Hans Viv,
De ypped dem en stor Kiv.
Men paa Tohöi
Der slog Balder Rune död.

Ballerune ist ein in Flensburg und der Umgebung gebräuchliches Spiel; auch in Dänemark. Thiele I, S. 5. 6.

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581. Roland.

Kristensen 4, 12; vgl. zu Nr. 189. Handelmann, Volkssp. S. 6.

Bei dem Hofe Leerskov bei Osterlügum, Amts Apenrade, liegt der Rolandsberg und die Rolandsquelle. Da ist eine tiefe Höhle und man erzählt davon, daß, nachdem Roland eine große Schlacht verloren hatte, er in einer Karosse mit sechs Pferden davor gefahren kam und bei sich alle seine Schätze und viele silberne Sachen gehabt habe, aber da er an den Brunnen kam, sei er mit seinem Fuhrmann und seinen Leuten jähling hineingefahren; seine Schätze liegen bis auf den heutigen Tag noch da. Denn wenn man mit einem Stein hinein wirft, so hört man ganz deutlich, wie er gegen eine große Menge Silberzeug klingt. – Nördlich vom Brunnen liegt zwischen einigen Hügeln ein tiefes Moor, Frues Pyt genannt. Darin hat sich Rolands Witwe voll Verzweiflung nach dem Tode ihres Mannes mit Roß und Wagen begraben.

Antiq. Annal I, 327. Schröder, Topographie von Schleswig S. 315. Grimm, Deutsche Sagen Nr. 21-28. 295-97. 488.

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582. Holger Danske.

Vgl. Nr. 586. 587. Kristensen 4, 448. Grundtvig, Danske Folkem. 3, 203. Lorenzen S. 7. Im Schüberg bei Hoisbüttel und im Bocksberg bei Wulfsdorf sollen fürstliche Helden bis zu einem Erwachen in großer Zeit schlafen (Urdsbr. 6, 110 aus Stormarn).

Bei Gaardebye im Amt Flensburg findet man Spuren eines alten Walles, der heißt der Holgerdanskesdieg oder Olgersdieg, weil Holger Danske ihn gebaut hat. Der tapfere Held sitzt jetzt mit seinem ganzen Heere in einem Berge bei Mögeltondern, von wo er einst aufstehen wird, um für die Christenheit zu streiten. Denn es wird eine Zeit kommen, wo die Türken das ganze Land inne haben und unfer Heer geschlagen ist; sie werden ihre Rosse in der Königsau tränken. Dann aber wird Holger Danske kommen und unter seiner Anführung werden die zwölfjährigen Knaben des Landes die Feinde völlig schlagen und das Land befreien.

Schröder, Topographie von Schleswig u. d. W. Antiq. Annal. III, 149. Dannevirke 1843 Nr. 48. Thiele, Danm. Folkes. I, 18. Es gibt in unserm Lande mehrere Türkenberge, z. B. bei Schwerstedt; gleich Riesenberge.

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583. König Dan.

1.

Künnig Dan weer de eerste Künnig van Dennemark un he hett hier in Sleeswik wahnt. He hett fröher ok noch jümmer in den Kalenner staan, ik weet gor nich, dat se em nu da herutlaten hefft. Datomal weren hier noch Heidenminschen; de pleggen êhre Doden to verbrennen, un de Asch kregen se in de Pött un setten se bi in Riesenbarge. Künnig Dan hett sik awers wünscht, dat man em na sinen Dood nich verbrennen sull, sonnern he wull sitten up sinen künnigliken Stool, un sien upsadelt Pêrd met annere Kostborkeden bi sik hebben.

As he nu dood weer, da würr dat ok so holden. Dat Graff is mit Felsen upsettet. Da süht man noch de Löcker, wo de Buern de Steen rut haalt hefft. Disse Riesenbarg liggt bi Kurborg dicht bi den Kohgrawen un liggt mit enen annern Riesenbarg tosamen, darüm hetet de de Twibargen. In den annern Barg sall en Profinz liggen; wat dat awers is, dat kann ik nich seggen.

Wörtlich in Kurborg durch Kandidat Arndt aufgezeichnet. Andre sagen statt der »Profinz«, daß dort ein Präsident begraben wäre und seine Orden in einem grauen Topf lägen. – Thiele, Dänin. Folkes. I, 10.

2.

Nahe bei Tönningen in Eiderstede, sagt man in Dithmarschen, ist ein kleiner Hügel mit einer Höhle. Darin sitzt der König Dan mit zweimalhunderttausend Mann und alle schlafen. Ein Soldat war zum Tode verurteilt. Da schenkte ihm unser verstorbener König das Leben unter der Bedingung, wenn er in den Hügel ginge und ihm von König Dan Nachricht brächte. Der Soldat ging in die Höhle. Da saß der alte König da vor einem Tisch und hatte sein Haupt auf den Arm gestützt und schlief, sein Bart aber hing ihm unter den Tisch und die andern standen alle um ihn herum. Als nun der Soldat eintrat, erwachte der König und fragte ihn, was er wolle. Der Soldat antwortete, daß er vom Könige hereingeschickt sei und Nachricht von ihm bringen solle. Da erwiderte König Dan, er solle nur dem Könige sagen, daß er einst an ihn dächte, wenn er in Not wäre; dann wolle er ihm mit allen seinen Leuten zu Hilfe kommen und die Feinde vertreiben und ihm zur Herrschaft über die ganze Welt verhelfen. Der König muß aber nicht zu rechter Zeit an ihn gedacht haben.

Die Leute sagten dazumal überhaupt, als der verstorbene König Friedrich der Sechste noch jung war, daß er der weiße Prinz sei, von dem die alte Prophezeiung sage, daß er wie ein Stern über das Land aufgehen werde. »Dat mutt awer ja alltomal nich waar wêsen, oder de ole König mutt noch nich de rechte sien; denn indrapen is et noch nich«, sagte die, die mir dies erzählte.

Mündlich.

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584. Der verzauberte alte Kriegsmann in Tönningen.

Als Tönningen noch en Festung weer, da legen da mal veer Suldaten in Gefangenschaft. Nu weer da en grote Huul up den Slottplatz, de da noch to sehn is. De Kummendant wull geern wêten, wat da in weer, un sä to de veer, wenn se em Naricht daœwer bringen kunnen, sullen se dat Lêwen beholden. Se köffen sik nu en Tau, da leten se den enen an hendal. As de dal keem, weer dar en Pêrstall un an jede Siet stünn en lange Reeg van upsadelte Pêr, de harren Hawer vull up in de Krippen un achter jedes Pêrd leeg en Rider up de Streu. Up dat ene End van dat Gewölwe awer weer en grote Tafel, da seet en Offizier an, de harr den Kopp up den Disch stütt. Vœr em up den Disch stünn en brennendes Waslicht un dree Beker, ene weer van Guld, ene van Sülwer, ene van Holt. Da güng de Suldat heran un neem den güldenen Bêker weg; he kunn dat awer nich so sacht doon, dat de Offizier nich upwaakt weer. De seggt: »Is noch nich bald Dag?« »Noch nich«, sä de Suldat. Da maakt de Offizier sine Ogen werrer to un slöppt in.

As dat den eersten nu so good gaan weer, steeg de twete ok hendal. He sünn dat allens êbenso da ünnen un neem den sülwern Bêker van den Disch. De Offizier waakt werrer up un seggt: »Is noch nich bald Dag?« »Noch nich«, seggt de Suldat un güng mit den Bêker foort.

Nu wull de drürre Suldat ok hendal. De sünn da ünnen ok noch allens êbenso, un as he niks meer weg to nêmen finnen kunn, so neem he den holten Bêker mit. De Offizier waakt werrer up un seggt: »Is noch nich bald Dag?« »Nu gliek«, seggt de Suldat, he keem awer ok noch good werrer herut. As nu de veerte da hendal kummt, so is da allens in Uprohr; da sadelt de Rider êhre Pêrde, as wullen se utriden, de annern maakt êhre Gewehre un Säbels torecht un se lopen alle dörchenanner: da würr de Soldat angst un leet sik van sine Kameraden wetter heruptrecken. De Lüde awer seggt, dat de olle Kriegsmann un sien Volk in dat ünnereersche Lock verzaubert sünd, un wenn sine Tied kummt, sall he noch mal werrer kamen un den Krieg föhren gegen den Künnig van Dennemark.

Aus Kurborg am Dannewerk durch Kandidat Arndt.

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585. Der Itzehoer Briefträger.

Zu einer Zeit war in Itzehoe ein Briefträger plötzlich verschwunden und keiner wußte, wo er geblieben sei. Erst nach dreien Tagen fand er sich zur Verwunderung der Leute eben so unversehens wieder ein und wußte folgende seltsame Geschichte zu erzählen:

Ich ging, erzählte er, hinter dem Klosterkirchhof: und ich ging und ging und konnte gar nicht ans Ziel meines Ganges kommen. Endlich sah ich eine große Stadt vor mir liegen und kam auf dieselbe zu. Da stand über dem Tore mit großen goldenen Buchstaben geschrieben:

GERMANICA

Ich ging hinein und sah wohl Leute; aber alle hatten ein seltsames Ansehen. Ich fing an mit ihnen zu sprechen, aber sie sahen mich erstaunt an und ich verstand sie so wenig wie sie mich. Endlich kam ich zu einem Schlosse. Daher kam ein Mann mit einem großen Buche, der sah aus wie ein Kandidat. Ich redete ihn an, und er sah mich erstaunt an, wie wenn ich aus dem Monde käme. Doch verstand er die Sprache und ich klagte ihm meine Not. Er sagte mir, er begreife nicht, wie ich dahinkäme, zeigte mir aber den Weg zurück. Diesem folgte ich und fand mich am Ende im Hundegange wieder.

So hat der Mann oft erzählt. Sagte man ihm: »Du lügst«, so war seine Antwort: »Seid ihr denn Lügen von mir gewohnt?« Und sagte einer: »Du bist betrunken gewesen«, so antwortete er: »Hat mich je einer von euch betrunken gesehen?« Und er genoß nach wie vor den Ruf eines redlichen und wahrhaften Mannes.

Durch Dr. Klander in Plön.

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586. Das schlafende Heer.

Vgl. 582. 587. Im Schüberg (s. zu Nr. 582) schläft ein Heer. Ein Schmiedegesell hat einmal die Pferde neu beschlagen und als Lohn die alten Hufeisen erhalten, die dann in seinem Ranzen zu Gold wurden: er lebte darauf als Schmied in Lübeck, mußte aber alle Jahre auf drei Tage verreisen, um dieselbe Arbeit zu verrichten. – Die Ferkel des Hoisbüttler Müllers liefen in den Berg hinein und wurden schneckenfett von dem Hafer, der den vielen Pferden aus der Krippe fiel. Urqu. 2, 42 und Frahm, Stormarn S. 218. – Von dem gottlosen Treiben der Mönche weiß der Volksmund im Anschluß an bestimmte Namen auch sonst noch zu erzählen. So soll zwischen Bargtheheide und Fischbek, wo jetzt das Gut Mönkenbrook liegt, früher ein Kloster gestanden haben, dessen Mönche die vorüberziehenden Reisenden ausplünderten und die richtigen Straßenräuber waren. Vgl. Frahm 125 und 119 von einem Kloster bei Bahrenfeld.

In katholischen Zeiten, als noch überall im Lande Klöster waren, führten die Mönche im Kloster zu Mönch-Neversdorf das gottloseste Leben. Kein Frauenzimmer in der ganzen Gegend hatte vor ihnen Ruhe. Mit Gewalt rissen sie die Leute aus dem Schlafe, nahmen sie mit und zwangen sie dann dazu, in den Nächten ihnen einen großen unterirdischen Gang auszugraben und auszumauern, der bei Puttlos am Wasser der Ostsee ausmündet. Hierher begaben sie sich oft und trieben ihr ärgerliches Leben mit den Schifferfrauen. Die Mönche sollen allzumal einen Bund mit dem Teufel gehabt haben.

Ihr Leben und ihre Untaten kamen endlich dem Könige zu Ohren. Da schickte er Kriegsvolk aus, das Kloster zu zerstören und die Mönche allesamt gefangen zu nehmen. Aber die Mönche brachten es mit der Kunst dahin, daß sie das Heer bezauberten und es in den großen unterirdischen Gang einzog und da in tiefen Schlaf versank. Hier wird es nun schlafen, bis einst die Türken die ganze Welt erobert haben. Da wird über unser Land ein weißer König herrschen, der auf einem weißen Pferde reitet. Sein Heer wird das letzte in der ganzen Christenheit sein und auch geschlagen werden. Dann aber wird er sein Pferd an einen Weidenbaum binden und in sein Wunderhorn stoßen. Alsobald werden die Schläfer erwachen und ein Heer wird kampfgerüstet aus dem Neversdorfer Gange hervorsteigen und die Türken schlagen, also daß nur ihrer sieben entrinnen.

Durch Herrn Schullehrer Kirchmann in Eutin. – Bechstein, Thüring. Sagen IV, 139.

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587. Die weise Frau in Enge.

Kristensen 2 G, 383 über Tondern, 388 von Heldevad (Sybilles spådomme). Grundtvig, Danske Folkem. 3, 203 aus Angeln.

Nahe bei dem Kirchdorf Enge im Amte Tondern hat in dem Hause, das Made genannt wird, vor Zeiten eine weise Frau gewohnt, die hat auf einer Hochzeit einmal also prophezeit:

Kriegsgeschrei wird sich erheben im Lande weit und breit; ein König mit weißem Haar wird vom Throne gestoßen. Er wird des Landes verwiesen und mit einem weißen Stabe in der Hand dasselbe verlassen.

Zu derselben Zeit werden blaue Truppen aus der See bei der Wiedingharde ans Land steigen; aber unsere Leute werden siegen und eine große Schlacht gewinnen und ihre Herrschaft verbreiten weit hinaus in andre Länder. Dann wird kein Krieg mehr im Lande sein und aller Unfriede weichen, und die Menschen werden erst recht anfangen, glücklich zu sein.

Schriftliche Mitteilung. – Eine Erinnerung an Frau Hertje (s. Nr. 403) liegt wohl zum Grunde. Von dieser weisen Frau in Enge wird ebenfalls das Eiersitzen erzählt und eine mit Nr. 73 stimmende Geschichte – Uber die blauen Männer, die der See um 1674 entstiegen und bei Husum und Ockholm gesehen wurden, Happel relat. curios. III, 571. Peter Goldschmidt, Höllischer Morpheus S. 318. Was unter den gefürchteten blauen Männern zu verstehen, lehrt eine dänische Sage bei Thiele I, 281 f.

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588. Der Hollunder in Nortorf.

Zum Erscheinen des weißen Königs vgl. Nr. 561 und 575. Mitt. d. nordfr. Vereins 7, 84 f. Heim. 9, 66 (rote Kuh mit weißen Ohren). – Bei Agerskov steht ein Hollunder, an den der König von Dänemark einmal sein Pferd binden wird, wenn er zweimal umgehauen und wieder gewachsen ist: Kristensen 3, 1906 f. Ein Feld bei Bylderup darf nicht bebaut werden; geschieht es doch, dann wird Kriegsvolk in roten Hosen kommen, das seine Pferde »i Kornskokkene« bindet, und es entsteht eine große Schlacht: Kamp, Danske Folkem. 142 f.

Zu Osten der Nortorfer Kirche, wo es nach dem Kirchenstuhl hinaufgeht, steht seit undenklichen Zeiten ein Fliederbusch; er ist aus der Mauer selbst herausgewachsen. In der ganzen Mitte Holsteins ist er weit und breit bekannt, denn des Landes Schicksal knüpft sich an ihn. Einst nämlich, wenn der Strauch so hoch geworden ist, daß ein Pferd darunter angebunden werden kann, wird in der ganzen Welt Krieg ausbrechen und alle Völker werden wider einander streiten. Der König aber, der am Ende alle bezwingt, wird zuletzt mit seinem großen Heere von Süden her auch in unser Land kommen. Er wird sich lagern auf dem Thienbütteler Kamp im Westen Nortorfs. Da wird auch die große Schlacht geschehen, und zwar in den Monaten September und Oktober, wann eben der Dünger für die Roggensaat aufs Land gefahren ist. Zu der Zeit wird über unser Land ein König herrschen mit weißem Haar. Sobald nun eine rote Kuh über eine gewisse Brücke geführt ist, wird er, auf einem weißen Pferde reitend, mit seinem Heere von Norden daherstürmen in solcher Fahrt, daß die Leute, die auf dem Felde arbeiten, kaum Zeit haben, sich vor ihnen hinter die Düngerhaufen nieder zu ducken. Dann wird er sein Pferd an den Hollunder binden und die Schlacht beginnen; während derselben wird es unter dem Baume stehen. Es wird ein langer und fürchterlicher Kampf sein, also daß das Blut längs den Wagenspuren aus den Feldern rinnet und die Kämpfer darin bis an die Knöchel waten. Wenn aber der weiße König mit dem andern gekämpft und ihn erschlagen hat, wird er den größten Sieg gewinnen. Dann wird ihm die ganze Welt zufallen, und für lange Zeit überall auf Erden Friede herrschen. Von seinem eignen Herre aber werden dann nur so wenige nachgeblieben sein, daß jeder von einer Trommel essen kann, und der König selber wird nach der Schlacht an einer Trommel seine Mahlzeit halten.

In den Kriegszeiten vor dreißig, vierzig Jahren war nun der Holunderstrauch so hoch geworden, daß er ans Kirchendach reichte. Da sah man einmal Nachts in der Luft wunderbare Erscheinungen: zwei große Heere standen wider einander, viel schweres Geschütz sah man in den Wolken und Reiterhaufen rannten zusammen; man hörte deutlich Kriegsgetümmel und Schlachtgeschrei. Dadurch wurden die Leute so erschreckt, daß sie überallhin Boten aussandten, um sich Rat und Trost zu holen. Als endlich 1813 die Feinde hier ins Land kamen und gar nicht weit von Nortorf die Gefechte mit den Unsrigen vorfielen, da meinten viele, die alte Prophezeiung sei erfüllt, besonders da auch der verstorbene König einen weißen Kopf hatte. Sobald aber den Feinden die Prophezeiung zu Ohren kam, haben erst viele von ihren Offizieren den Baum in Augenschein genommen und ihn dann abhauen lassen, so daß er nun noch lange zu wachsen hat, ehe er wieder zu seiner alten Höhe kommt. Es kann also immer noch einmal etwas vorfallen.

Meyer, Darstellung aus Norddeutschland S. 308, und viele sich ergänzende mündliche und schriftliche Mitteilungen. Nach einigen scheint der weiße König gar nicht eigentlich Herr unseres Landes zu sein, sondern nur sein Erscheinen, wenn unser Heer schon wankt, bringt plötzlich den Sieg, sobald er sein Pferd anbindet. Es wird auch das Aufwachsen des Holluders als künftig dargestellt. – In der Gegend des Kanals nennt man Bornhöved statt Nortorf. Nördlicher nach Schleswig zu soll eine ähnliche Verkündigung sich an den Rosenbusch neben der Haddebyer Kirche knüpfen: die große Schlacht geschieht auf der Kropper Heide. – Diese überaus merkwürdige Sage ist, wie sie mir anfänglich mitgeteilt ward, schon in Jacob Grimms zweite Ausgabe der Mythologie S. 911 ff. aufgenommen. Die weitere Nachforschung führte zwar auf die Entdeckung mehrerer ähnlichen, s. die folgenden Nummern; zugleich aber überzeugte sie mich zu meinem Bedauern, daß ich das erstemal wohl getäuscht ward.

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589. Schwarze Greet prophezeit.

Schwarze Greet: zu Nr. 17, 1; vgl. Nr. 218, 582. 588. Noch im vorigen Jahrhundert lebte die Sage, daß Bornhöved einst eine große Stadt gewesen sei; vgl. Pasche, Chronik des Kirchspiels Bornhöved (1839) S. 25. – Auch Oldesloe soll einst eine große Stadt gewesen sein, bedeutender als Lübeck, mit 7 Kirchen und einem Schloß der holsteinischen Herzöge: Frahm, Stormarn S. 219. Urdsbr. 6, 45.

Als einmal die schwarze Greet Bornhöved, das damals eine große Stadt war, belagerte, sagte sie, sie wolle die Stadt so gewiß einnehmen und verstören, wie ihr Pferd seine Spur in einen daliegenden Stein haue. Das Pferd schlug die Spur in den Stein, und sie erfüllte ihren Schwur und nahm die Stadt ein. Der Stein lag noch vor einiger Zeit auf dem Bornhöveder Felde. Jetzt ist er in die Wand eines Bauernhauses vermauert; die Spur des Pferdehufs war aber ganz deutlich darin abgedrückt.

Die schwarze Greet hat auch geweissagt von einem Könige lang nach ihrer Zeit, der werde Krieg führen solange bis er alle seine Leute soweit verloren hätte, daß ihm nur die zwölfjährigen Knaben im Lande übrig blieben. Mit diesen werde er bei Nortorf eine große Schlacht gewinnen und dabei sein Pferd an einen Ellhorn binden, der unter der Kirche heraus wachse. Man sagt auch von dem Hollunderbaum an der Nortorser Kirche, daß er gar nicht zu verhaten (verwüsten) sei.

Aus Plön durch Dr. Klander. – 1813 sprach man im ganzen Lande vom Nortorfer Hollunder und von dem König mit dem weißen Kopf, der nicht gekrönt sei. Als Friedrich VI. gekrönt ward, frischte sich die Sage wieder auf, und nun hieß es, er sei doch nicht der rechte, den die Prophezeiung meine. Herr Pastor Dr. Jensen in Angeln. – In Emmelsbüll, Amt Tondern, wächst ein Kirschbaum aus der Kirchenwand. Wenn er das Dach erreicht, wird eine Schwalbe (ein schwarz und weißer Vogel, s. Nr. 592) darauf nisten; dann wird die Kirche untergehn. Jetzt reicht der Baum fast schon ans Dach. – Vgl. Thiele, Danm. Folkes. I, 20.

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590. Der Hollunder in Schenefeld.

An Bäume knüpfen sich auch sonst mancherlei Sagen. Vgl. Kristensen 3, 1906 f. 1923. Auf Eulenspiegels Grab in Mölln stand früher eine Linde, die aus einem Wanderstab erwachsen sein soll (Heim. 12, S. VII). Sie soll zu Grunde gegangen sein durch die vielen Nägel, die in sie eingeschlagen wurden, um Zahnweh zu bannen. Vgl. Frahm S. 41. Heering, Bäume und Wälder Schl.-H.'s S. 16; anderes das. S. 14. 12. Über »Hufeiseneichen« Nieders. 19, 39. Weit bekannt ist die »Bräutigamseiche« bei Dodau (Eutin); junge Mädchen, die dreimal um den Baum herumlaufen, dabei nicht sprechen und nicht lachen, sondern nur an ihren Zukünftigen denken, werden noch in demselben Jahre Braut.

Auch in Schenefeld steht ein Hollunder zu Norden an der Kirchenmauer. Doch die Schenefelder selbst kennen nur die Nortorfer Prophezeiung. Wie mir aber ein Mann aus Süderhastede in Dithmarschen erzählte, so hängt des Landes Schicksal an dem Schenefelder Strauch.

Es wird hier einst bei Schenefeld eine große Schlacht geschehen. Die Unsrigen werden bald weichen und sie fliehen immer weiter zurück. Wenn sie nun bis zu dem Rotenhahn, einer einzelnen Stelle auf dem Viert bei Süderhastede, gekommen sind und alles verloren scheint, so wird ein weißer König von Norden her mit seinem großen Heere herbeikommen, und in solcher Flucht und mit solcher Hast, daß sie sich nicht die Ruhe gönnen, sondern die Bohnen, die gerade reif aus dem Felde stehen, werden sie aufziehen und aufessen. Dann wird die Schlacht wieder von neuem beginnen, die Feinde werden geschlagen und fliehen zurück, und wenn der Sieg gewonnen ist, wird der weiße König sein Pferd an den Hollunder der Schenefelder Kirche binden. – Einige glaubten, daß die Prophezeiung sich in der Russenzeit erfüllt hat, als bei Schenefeld viele einquartiert lagen und auf der Heide oft exerziert und gemustert wurde.

Mündlich.

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591. Der Hollunder in Süderhastede.

Auf dem großen dithmarschen Heideviert nicht weit von Süderhastede hat man oft in der Nacht einen König auf einem grauen Schimmel umherreiten sehen. Er soll oft ins Dorf gekommen sein und bei dem Hollunderbaum, der noch vor einigen Jahren an der Kirche stand, sein Gebet verrichtet haben. Man sagt nämlich, daß er der König sei, der Dithmarschen die Freiheit genommen habe. In der Marsch und sonst in Dithmarschen erzählt man so:

Es wird einst auf dem Heideviert eine große Schlacht geliefert werden. Dann wird das eine Heer geschlagen und immer weiter nach dem Dorfe zu getrieben. Wenn es nun schon ganz nahe dabei ist und schon das Getöse und Getümmel ins Dorf dringt, so wird der König kommen, seinen grauen Schimmel an den Hollunder binden, und niederknien und inbrünstig beten. Dann aber werden dreihundert Dithmarschen mit Sensen, Forken und Dreschflegeln bewaffnet hinter der Kirche hervortreten und einer in grauen Hosen, einer blauen Weste und weißen Hemdsärmeln wird dem König auf die Schulter klopfen und sagen, er solle nur gutes Muts sein und wieder sein Pferd besteigen; er hätte ihnen die Freiheit genommen, sie aber wollten ihm beistehen. Dann wird der König sich erheben, die Bauern folgen ihm und halten die Feinde auf, bis die übrigen von den Unsern sich gesammelt haben; und nun wird die Schlacht von neuem beginnen, aber nach langem und blutigem Kampfe gewonnen werden; darauf wird die Zeit eines langen glücklichen Friedens folgen.

Mündlich aus der Marsch. – Die Süderhasteder selbst leugnen die Anknüpfung der Verkündigung an ihren Hollunder. – Grimm, Deutsche Sagen Nr. 293. Neocorus erwähnt I, 237 auch einen westfälischen Wunderbaum bei Schilsche. Jetzt zeigt man in Alversdorf eine verdorrende Linde auf dem Kirchhofe über des alten, im ganzen Lande im besten Gedächtnis lebenden Pastor Rinks Grabe als den einst wieder grünenden Wunderbaum.

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592. Der Wunderbaum in Dithmarschen.

Neben der Aubrücke bei Süderheistede, Kirchspiel Henstedt, wo in alten Zeiten ein Hauptverteidigungswerk des Landes und feste Schanzen angelegt waren, stand zu den Zeiten der Freiheit auf einem schönen, runden, mit einem Graben umgebenen Platze eine Linde, die im ganzen Lande nur der Wunderbaum genannt ward. Sie war höher als alle andern Bäume weit und breit umher, und ihre Zweige standen alle kreuzweis, also daß niemand ihres Gleichen gewußt; bis zur Einnahme des Landes hat sie jedesmal gegrünt. Aber es war eine alte Verkündigung, sobald die Freiheit verloren wäre, würde auch der Baum verdorren. Und solches ist eingetroffen. Einst aber wird eine Elster darauf nisten und fünf weiße Jungen ausbringen; dann wird der Baum wieder ausschlagen und von neuem grün werden und das Land wird wieder zu seiner alten Freiheit kommen.

Neocorus I, 237 (vgl. S. 562. II, 421 und oben Nr. 403) und mündlich.

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