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Sagen, Märchen und Lieder der Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg

Karl Müllenhoff: Sagen, Märchen und Lieder der Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg - Kapitel 2
Quellenangabe
typefairy
authorKarl Müllenhoff
titleSagen, Märchen und Lieder der Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg
publisherVerlag Bernd Schramm
printrun4. Auflage
editorKarl Müllenhoff
year1985
isbn3-921361-05-2
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130913
projectid21596ada
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Erstes Buch.

 

Friske, riske, starke Degen,
De ehr Höved in den Wolken dregen.

Neocorus I, 134.

 

 

1. Skeaf und Skild.

Hoops, Reallexikon der german. Altertumsk. 4, 187. Über Beowulf vgl. Nr. 406. Einleitung S. XI. Steuerloses Schiff: Nr. 4 (Ende).

In alten Zeiten, als noch wenige Menschen hier im Lande lebten, trieb einmal ein Schiff ohne Steuer und Ruder die Schlei herauf: darin lag ein eben geborner Knabe, nackt und schlafend, mit dem Kopfe auf einer Garbe; um ihn her waren Waffen aller Art und viel edles Geschmeide hingelegt. Niemand kannte ihn und wußte, woher er gekommen sei; aber man nahm ihn wie ein Wunder auf, pflegte und erzog ihn, bis er erwachsen war, und weil man glaubte, daß ein Gott ihn gesendet habe, und die Herrlichkeit des Jünglings sah, wählte man ihn zum ersten Könige über die Angeln und nannte ihn Skeaf oder Schoof, weil man ihn schlafend auf einem Schoof, einem Bündel Stroh, gefunden hatte. Skeaf aber wohnte an dem Orte, der von altersher Schleswig heißt, und herrschte lange Zeit ruhmvoll über sein Volk.

Sein Sohn hieß Skild, d. i. Schild. Dem mußten bald alle Umwohnenden gehorchen; seinem Volke war er ein lieber Landesfürst. Aber lange blieb er ohne Nachkommen, bis ihm im hohen Alter Beowulf oder Beaw geboren ward. Dessen Ruhm verbreitete sich schnell in den Skedelanden zwischen den beiden Meeren.

Als dem alten Könige nun das Schicksal nahte und er dahin ging, brachte sein Gesinde die teure Leiche zum Ufer, wie er selbst befohlen hatte, da er noch lebte. Zur Ausfahrt stand sein Schiff bereit, glänzend wie Eis: da hinein legten sie trauernd den Fürsten, mit dem Haupte zum Maste. Kein Schiff war je prächtiger ausgerüstet: eine Menge von Schätzen und Kleinoden, Waffen und Kriegsgewändern lagen umher, wie einst in dem Schiffe, das den Skeaf zu Lande getragen hatte. Hoch an den Mast band man ein güldnes Banner als königliches Zeichen und überließ es dann steuerlos dem Spiel der Fluten.

Von nun an herrschte Beowulf über die Lande seines Vaters und ward durch seine zahlreichen Söhne Stammvater aller edlen Geschlechter, die einst nicht nur bei den Angeln blühten, sondern auch bei den Gothen, Wandalen, Schweden, Dänen, Norwegern, Jüten, Friesen und Sachsen, bei allen den Völkern, die einst an Ost- und Westsee wohnten.

Die Stellen bei Grimm, Deutsche Mythol., Anh. XVII. Beow. im Anf. Kemble zum Beow. II. VIII.

*

 

2. Die jungen Wölfe.

Eine leibeigene Bäuerin ward ohne fremde Hilfe von zwölf Söhnen auf einmal entbunden. Voller Sorge darüber, was sie mit so vielen Kindern beginnen und wie sie dieselben ernähren sollte, kam sie zu dem Entschluß, alle zwölf ins Wasser zu tragen und zu ertränken. Sie nahm sie in ihre Schürze und begab sich auf den Weg zu einem Teiche. Da begegnete ihr der Gutsherr, und wie er das Quieken und Wimmern in der Schürze hörte, fragte er die Frau, was sie da trage. Sie antwortete: »Zwölf junge Wölfe, die ich in dem Teich ertränken will.« Der Edelmann ward neugierig, ließ sich die Schürze öffnen, und da er nun die zwölf neugebornen Kinder sah, befahl er der Frau, alle wieder nach Hause zu tragen. Er ließ sie dann auf seine Kosten erziehen und legte ihnen den Namen Wulf oder Wolf bei. Und diese zwölf Knaben sind die Stammväter aller geworden, die diesen Namen bis auf den heutigen Tag führen.

Durch Herrn Schullehrer Kirchmann in Eutin. Man vergleiche die beiden langobardischen Sagen bei Paul. Diac. I, 15 und Grimms Deutsche Sagen Nr. 406 b, die welfisch-bairische ebendas. Nr. 515, die schwäbische ebendas. 517, eine thüringische ebendas. 571, die flämische bei Wolf. Niederländ. Sagen Nr. 128; vgl. Haupts und Hoffmanns Altd. Blätter I, 128 ff. und Leos Abhandlung über den Beowulf S. 19 ff.

*

 

3. Offas Kampf auf der Eiderinsel.

Hoops a. a. O. 3, 361 f. Frahm, Nordd. Sagen S. 49 ff.

(5. Jahrh.)

Lange Zeit hatte Wermund, mit dem Beinamen der Weise, über die Angeln geherrscht und war schon hoch bejahrt, als ihm erst sein Sohn Offa geboren ward. Aber der Knabe schien keine Stütze seines Reiches werden zu sollen: er blieb blind bis zu seinem siebenten Jahre, und stumm bis zum dreizehnten Die Vita Offae I hat usque ad annum tricesimum; aber nach dem Wandererliede war Offa noch sehr jung, als er die Myrginge (Holsteiner) besiegte. und war gelähmt und gekrümmt an allen Gliedern. Darum verachtete man ihn und hielt ihn nicht wie andre Königssöhne. Unterdes erblindete Wermund vor Alter.

Da nun ein Fürst, der über die Holsteiner herrschte, hörte, daß das Land der Angeln wehrlos sei, sandte er Boten über die Eider und ließ Wermund sagen, entweder solle er Zins geben und sich ihm unterwerfen, oder wenn er einen Sohn habe, diesen zum Kampfe stellen. Diese übermütige und höhnische Botschaft ward dem alten Könige überbracht: er und alle seine Mannen mußten dazu schweigen und den Übermut mit Schmerzen ertragen. Da aber erhub sich Offa, der zufällig im Saale war, und wie aus einem schweren Schlafe erwachend, dehnte er seine Glieder; aus dem Lahmen ward ein kräftiger Mann, und der bisher stumm gewesen war, der fing plötzlich an zu reden und gab den Boten zur Antwort, daß er den Kampf bestehen wolle und sein Land werde zu wehren wissen. Da ließ der blinde Vater ihn näher treten und betastete seine Glieder, Brust und Arme und erkannte, daß sein Sohn geworden sei, wie er selber in seinen Jugendtagen. Offa bestimmte den Tag des Kampfes und hieß die Boten die Antwort ihrem Herrn bringen. Darauf forderte er ein Panzerhemd; aber jedes, das man ihm überhängte, barst, so wie er sich dehnte, bis der alte König sein eignes bringen ließ und man es auf der Seite, die der Schild schützte, auftrennte und mit Riemen zusammen heftete. Auch jedes Schwert, das man ihm reichte, zersplitterte wie ein dürrer Stecken, sobald er es schwang. Da befahl der alte König, ihn zu einem Hügel zu führen, in dem er früher sein Schwert, das trefflicher als alle Schwerter ihm oft in Schlachten gedient, verborgen hatte: wenn das nicht halte, würde kein Schmied ein taugliches liefern können. Als man es nun herausgrub, war es ganz rostig und voller Scharten; damit aber wollte Offa den Kampf versuchen. Alle, die das Wunder der Verwandlung des Königssohnes sahen, folgten ihm willig und getrost, und bald stand Offa mit seinem Heere an der Landesgrenze; an der andern Seite der Eider aber standen die Holsteiner; eine Insel in der Mitte des Flusses (es soll die sein, auf der heute Rendsburg steht) war zum Kampfplatz ausersehen.

Der alte König aber ließ sich auf eine Brücke führen und um nicht den Tod seines Sohnes und den schmachvollen Verlust seines Reiches zu überleben, war er entschlossen, sich in den Fluß zu stürzen, wenn Offa nicht siegreich den Kampf bestünde. Beide Söhne des holsteinischen Königs traten Offa auf der Insel entgegen; von beiden zugleich angegriffen, hielt er erst sich ruhig, den günstigen Augenblick erwartend, und fing ihre Schläge mit dem Schilde auf. Da trat Wermund, der es hörte und seinen Sohn für ungeschickt hielt, ganz nahe an den Rand der Brücke. Offa aber reizte den ältern Bruder mit höhnischen Worten; und als dieser nun hitziger vordrang, erhub er sein Schwert und spaltete mit einem Hiebe Helm und Haupt des Mannes bis auf den Rumpf. Da erkannte der König den Klang seines Schwertes und wich zurück, auf den Ausgang nun voll freudiger Hoffnung. Offa trat darauf zu dem jüngern und forderte ihn auf, seines Bruders Tod zu rächen. Der lief ihn mutig an; aber Offa wandte sein Schwert und tat ihm mit der andern Schneide einen Schlag, wie er seinem Bruder einen gegeben hatte. Als Wermund nun zum zweiten Male es klingen hörte, da stürzten ihm die Tränen aus den Augen, die er im Schmerze nicht geweint hatte.

So schützte Offa sein Land gegen die Holsteiner und hat es später ebenso getan gegen einen König der Dänen, der Alewig hieß und damals für den trefflichsten aller Männer galt.

Nach den Angaben und Berichten des Beowulf, des Wandererliedes, der beiden Vitae Offae I u. II bei Watts Matthaeus Parisiens., des Sueno Agonis und des Saxo Gramm. – Über Offa s. Grimms Mythol. S. 361.

*

 

4. Von Offas Gemahlin und ihrem Schicksal.

Zur Fälschung des Briefes vgl. Wisser, Plattd. Volksmärchen (1914) S. 92. Heim. 21, 245 (aus Ostholstein). In der Anm. lies Beowulf v. 1930 f.

Eines Tages ging der junge König aus, um zu jagen; da aber das Wetter stürmisch ward und der Tag sich verfinsterte, verirrte er sich von seinen Genossen und kam tief in den Wald hinein, Da hörte er eine klagende Stimme, und als er dem Tone nachging, fand er mitten im Dickicht weinend ein wunderschönes Mädchen. Mitleidig fragte er nach der Ursache ihres Kummers; da erzählte sie ihm, daß sie die Tochter eines reichen Königs sei, Ihr Vater aber sei, durch ihre Schönheit gereizt, von unzüchtiger Liebe zu ihr entbrannt und habe sie mit Bitten, Geschenken und Drohungen zu seinem Willen bringen wollen. Weil sie aber seinem Begehren widerstanden habe und alle seine Drohungen nicht fruchteten, habe er seinen Dienern befohlen, sie in den Wald hinaus zu führen und zu töten. Diese aber hätten, aus Mitleid mit ihrer Jugend, zwar keine Hand an sie gelegt, aber sie so hilflos zurückgelassen. Seit der Zeit habe sie sich von Wurzeln und Kräutern genährt und die wilden Tiere hätten ihr kein Leid getan.

Der König sah ihre Schönheit und ihre prächtigen Kleider, und glaubte wohl ihren Worten; er ward sogleich von Liebe zu ihr ergriffen. Er nahm sie bei der Hand, und beide fanden bald die Höhle eines alten Mannes, der da im Walde wohnte, und der am andern Morgen sie aus den rechten Weg wies. Auf seiner Burg angekommen, wählte Offa das Mädchen zu seiner Gemahlin; seine Fürsten und das Land waren wohl zufrieden damit und die Königin wurde von allen geliebt, weil sie nicht nur schön, sondern auch wohlwollend und freigebig war. Offa verlebte mehrere glückliche Jahre mit ihr und sie gebar ihm eine Reihe Söhne und Töchter.

Da geschah es, daß ein befreundeter König mit Krieg überzogen ward und viel zu leiden hatte. Er schickte darum eine Gesandtschaft an Offa und bat ihn, ihm mit einem Heere zu Hilfe zu kommen. Offa scheute nicht den weiten Zug und bald erschien er, schlug die Feinde, und damit nicht zufrieden, verfolgte er sie noch bis in ihr Land. Vorher aber sandte er einen Boten mit einem Briefe, darin sich geheime Aufträge befanden, in sein Land an die Fürsten, denen er für seine Abwesenheit die Verwaltung anvertraut hatte. Da mußte es sich nun treffen, daß der Bote eines Abends, ohne es zu wissen, wo er einkehrte, auf der Burg des Vaters der Gemahlin Offas Herberge suchte. Der König, nachdem er sich schlau erkundigt hatte, beschloß sogleich, die unerwartete Gelegenheit zur Rache zu benutzen: er nahm den Boten freundlich auf, bewirtete ihn aufs Beste, und als dieser endlich vor Trunkenheit in einen schweren Schlaf fiel, erbrach er den Brief, änderte ihn nach seinem Sinne und ließ damit den Boten am andern Morgen weiter reisen.

Wie erstaunt waren die treuen Diener Offas, als sie das Schreiben lasen! Doch wagten sie es nicht, sich dem Befehle des Königs zu widersetzen, und die Königin wurde mit ihren Kindern in den tiefsten Wald hinausgebracht, um an Händen und Füßen verstümmelt ihrem Schicksal überlassen zu werden. Aber die rohen Knechte selbst, die damit beauftragt waren, empfanden Mitleid mit ihrer Schönheit und ließen sie am Leben. Doch die Kinder zerstückelten sie und streuten ihre Glieder umher. Als die Königin nun jammernd und klagend da saß, trat wieder der alte Mann zu ihr und tröstete sie mit freundlichen Worten, und da er die umhergestreuten Glieder sah, ging er hin und sammelte jedes sorgsam, fügte alle aneinander und mit geheimen Sprüchen und Gebeten belebte er die Leichen wieder, als wenn keinem der Kinder etwas geschehen wäre. Darauf führte er sie alle in seine Höhle und erquickte und pflegte sie, wie er nur konnte. So lebten sie da lange Zeit.

Unterdes kam Offa von seinem Zuge zurück und wunderte sich nicht wenig, als seine Fürsten ihm mit traurigen Mienen entgegen kamen und die Königin sich nicht blicken ließ. Als er aber alles erfuhr, und nicht anders meinen konnte, als daß sein Weib und seine Kinder ermordet seien, wollte er vor übergroßem Leide fast vergehen. Viele Tage lang brachte er mit Klagen hin und überließ sich endlich einer finstern Schwermut. Um ihn aufzuheitern und zu zerstreuen, beschlossen seine Gefährten, ihn wieder an die ihm einst so liebe Jagd zu gewöhnen. Aber bald verlor er sich aus ihrem Haufen und kam zu der Höhle des alten Mannes. Da setzte er sich davor nieder auf einen Stein, und heiße Tränen vergießend, dachte er an sein früheres Glück und sein jetziges Unglück und klagte es laut. Da trat der Einsiedel zu ihm und fragte nach der Ursache seines Weinens. Der König erzählte ihm sein Unglück und offenbarte ihm die ganze Sache. Als nun der Einsiedel seine Unschuld sah, da rief er voller Freude die Königin herbei, und bald waren alle wieder vereint, die nie geglaubt, daß sie sich noch wiedersehen sollten.

Andere erzählen aber von Offas Gemahlin, die den Namen Hygd hatte, etwas ganz andres.

Hygd war mit einem Könige Hygelac vermählt, aber bei seinem Volke wegen ihres Übermuts und ihrer Kargheit verhaßt. Als daher Hygelac starb, setzte man die Königin in ein steuerloses Schiff. So trug die Flut sie an Offas Land, und als er auf der Jagd sie im Walde traf, vermählte er sich mit ihr, von ihrer Schönheit hingerissen und geblendet. Sogleich begann die Königin wieder ihre Freveltaten und stiftete Streit und Unfrieden unter den Mannen des Königs, daß manch edler Held, der dem andern ein Freund und Geselle sein sollte, an diesem zum Mörder ward. Man hieß sie darum auch Königin Hexe ( Cven Dhrydh). Karg und geizig war sie mit Geschenken, und Freude und Frohsinn wich aus Offas Halle, so lange Hygd lebte; der König vermochte sie nicht zu hindern. Als sie aber endlich seinen liebsten Dienstmann und Schwiegersohn hatte umbringen lassen und der König über seinen Tod so trauerte, daß er drei Tage lang Speise und Trank von sich wies, fürchtete sie seinen Zorn, und um einer schmählichen Strafe zu entgehen, stürzte sie sich in einen Brunnen.

Vita Offae I & II bei Watts Matth. Parisiens. Lond. 1640 Fol. Vgl. Beowulf v. 970 ff. – Das Stück erinnert an Genoveva und ähnliche Sagen. Ein mir aus Plön mitgeteiltes Märchen scheint nur ein in mündlicher Überlieferung arg verkümmerter Auszug des Volksbuchs zu sein; nur ist der Schluß eigentümlich, daß nämlich die Königin (die Namen Genoveva, Siegfried, Schmerzensreich sind vergessen) während einer zweiten Abwesenheit ihres Gemahls im Garten wandelnd auf einen scharfen Flintstein fällt und stirbt; darüber wird ihr alter Vater so bekümmert, daß er sich alle seine weißen Haare ausrauft und stirbt.

*

 

5. Siegfried und Starkad.

Einl. S. XV. Handelmann, Weihnachten in Schl.-H. (1866) S. 30. Olrik, Danmarks heltedigtning II. Købnhavn 1910.

In Norwegen lebte ein Held mit Namen Starkad; der war von allen Männern im Norden der weitberühmteste: an Klugheit, Stärke und großen Taten mochte keiner sich ihm vergleichen. Da er nun hörte, daß König Frode von Dänemark von allen Königen der reichste und mächtigste sei, begab er sich zu ihm in seinen Dienst. Da erhielt Frode Kunde von einem mächtigen Könige in Deutschland, der in Worms am Rheine wohnte und Günther hieß. Weil ihm nun schon viele Könige untertan waren, schickte er auch an diesen Boten und ließ Schatz fordern, oder er dürfe Krieg gewärtig sein. Aber der deutsche König wollte sich nicht so schimpflich gleich einem Dänen unterwerfen, sondern erst den Krieg versuchen. Er rief Siegfried, den Mann seiner Schwester, zu sich; der war von allen deutschen Helden, die je vor und nach ihm lebten, der herrlichste. Schon in seiner Jugend erschlug er einen Drachen und badete sich in seinem Blute; davon war seine Haut so fest geworden, daß kein Eisen sie verschnitt. Siegfried war schön und jung, kräftig und kühn. Sie zogen hinauf nach Dänemark und als sie nach Holstein an die Eider kamen, fanden sie auf einer Insel schon den Walplatz abgesteckt. Bald kam auch Frode mit Starkad und mit seinem Heer von Norden her, und Dänen und Deutsche rannten heftig gegeneinander; es geschah eine große Schlacht und viele starben auf beiden Seiten. Starkad drang grimmig vor und streckte Männer und Rosse nieder, so daß sie niemals wieder aufstanden. Als Günther seine Leute fallen sah, den Mann aber nicht kannte, sprach er zu Siegfried: »Wenn du dem nicht wehrest, so wird es uns nimmer gut gehn.« Da machte sich Siegfried auf mit wenigen Männern, unwillig folgten sie ihm, und drang auf Starkad ein. Als er zu ihm kam, fragte er laut, wie er heiße und woher er wäre. »Ich heiße Starkad«, war die Antwort, »und bin aus Norwegen«. »So habe ich oft von dir reden hören«, sagte Siegfried, »aber selten etwas Gutes; solche Leute soll man fürs Unheil nicht länger sparen«; und damit wollte er ihn anrennen. Starkad aber fragte: »Wer bist du denn, der du mich so in Worten lästerst?« Da nannte Siegfried seinen Namen. »Bist du denn der, der den Drachen erschlug?« »So ist es«, sagte Siegfried. Da wandte Starkad sich eilend um und floh; aber Siegfried lief ihm nach, schwang sein Schwert und gab ihm mit dem Griffe in der Faust einen Schlag auf den Kinnbacken, daß er zerbrach und dem Dänen zwei Zähne aus dem Munde fielen. Das war ein schmählicher Hieb, der ihn zeitlebens entstellte. Starkad war schimpflich besiegt; da hielten auch die Dänen nicht länger stand und die Deutschen gewannen große Beute. Frode hat später keinen Schatz wieder von Günther gefordert. In deutschen Liedern heißt es, daß dieser ihn seines Reiches beraubt habe. Andere sagen, Günther habe den Dänenkönig erschlagen.

In der Kirche zu Lund in Schonen hat man nachher noch lange als Merkwürdigkeit einen jener Zähne Starkads gezeigt. Er war an einem großen Stricke aufgehängt und wog seine vollen sieben Lot.

Siehe Nordalbing. Studien Bd. I (1844) S. 191 ff.

*

 

6. De Sassen un de Jüten.

Vergrabene Kriegskasse s. zu Nr. 541; vgl. 322 Anm. – Steine mit den Eindrücken der fünf Finger: 424, 1. 3, vgl. 283. Kristensen 3, 128. Feilberg 299. Fußspuren auf Steinen s. zu 17, 1.

Ein Mann in Kurborg bei Schleswig am Dannewerk erzählte:

In olle Tiden weer hier bi den Wall de Scheed mank de Sassen unne Jüten. De Sassen wahnden datomal den Süderweg un de Jüten den Noorderweg. De Jüten harren den ollen Wall buut, de nu dat Dannewerk heet.

Nu harren se mal en groten Krieg mank enanner un de Jüten tröcken hier noch en Grawen voer den Wall, dat he noch sekerer warren schull; den heet man den Kohgrawen. Da harren se luder rode Ossen achter anbunnen un up jewelk Hoorn en Waslicht sett un witte Döker se üm den Kopp daan; se dachen de Sassen damet bang to maken. Aber de Saß güng doch dar hendoer, neem den Kohgrawen in un kreeg de jütschen Ossen gefangen. Naast (Nachher) leeg he lang voer den wahren Wall; toletz fünn he awer doch en Sted, wo he dörch kunn. De Wall güng da dörch en Torfmoor un weer man van Torf upsmeten. Da steek de Saß Füer in un brenn den Wall daal bet up den Grund. De Sted is noch to sehn un heet de Sidergrund.

As de Sassen de Jüten nu so neeg kemen, dat düsse sik nich bargen kunnen, müssen se de grote Kriegskaß in den Sidergrund versenken. De Lüde in Jütland wetet ok noch recht good de Stede, wo se liggt. Dat is ok noch nich so lang her, da weer hier en jütsche Ossendriwer, de na Hamborg güng; de se, wenn he werrer torüch keem, wull he de Kriegskaß utgrawen un mitnemen, de sine Voeröllern hier vergrawen harren. He is awer naher in Hamborg dood blewen.

As de Saß nu dörchdräng', un se up dat Lürschauer Moor kemen, da höllen se en grote Slacht un de Jüten verlören da tachentigdusent Mann. Darna keren de Sassen werrer üm. Da sammelden sik de Jüten werrer un leten sik hören: Noch is he nich den Kropperbusch vorbie! Se jagen de Sassen na un up de Heide bi Kropp höllen se de twete Slacht. Da verlören de Sassen veertigdusent Mann. Davan kumt noch hüdigen Dages dat Sprickwoord: Noch is he nich den Kropperbusch vorbie Nach andern ist das Sprichwort entstanden, weil viele Räuber ehedem da hausten.! Da verlören de Sassen ok ehren Feldherren. Dat weer en Mann so stark, dat he mit sinen bloten Finger in de Stehen schriwen kunn. Da liggt noch en Steen nich wiet van Auschlag, den he in de Slacht da hen smêten hett. Da kann man noch alle fief Finger van sien Hand in sehn. – De Scheperie in Kurborg hett in fröhern Tiden ok noch de Gerechtigkeit hatt in êhre versegelde Frieheiden, dat se to gewisse Dage êhre Schaap up de Lürschauer Heide driwen kunnen, de doch wiet davan af is. Dat sall ok noch van disse Tiden her kamen.

Durch Herrn cand. phil. Arndt. – So offenbar diese Sage auch gelehrte Anknüpfung hat, die in einer von Antiquaren so oft durchforschten Gegend begreiflich ist, und keine unmittelbare Erinnerung aus alter Zeit sein kann, verdiente sie doch merkwürdiger, freilich auch sonst begegnender Züge wegen Aufnahme. Vgl. Nr. 1 und 423 f. Kuhns Märk. Sagen Nr. 40, auch Thiele, Danm. Folkes. I, 29.

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7. Der treue Küchenjunge.

1.

Im östlichen Holstein lag einst das feste Schloß Nienslag, das mit dreifachem Wall und Graben umgeben war, und dabei lag ein See. Hier wohnte ein Herr von Ranzau. Als aber einst die Wenden es hart bedrängten und eine Verteidigung nicht länger möglich war, entwich der Graf heimlich, um nur sein Leben zu retten, schwamm über den See und ließ die Burg und seine Leute im Stich und dazu seinen einzigen jungen Sohn. Da unterhandelte die Mannschaft mit dem Feinde, übergab die Burg mit allem, was darauf war, und erhielt freien Abzug, ohne etwas mitnehmen zu dürfen. Nur ein kleiner schwächlicher Junge, der immer mit in der Küche geholfen hatte, erhielt zuletzt auf seine inständige Bitte die Erlaubnis, so viel mitzunehmen, als er tragen könne. Da ging der treue Junge hin, wo er den Sohn seines Herrn versteckt hatte, die beiden waren immer Spielkameraden und gute Freunde gewesen, und nahm ihn auf seine Schultern, trug ihn hinaus und rettete ihn so.

Heinrich Ranzau bei Westphalen I, 98; I, 49. Dankwerth S. 230.

2.

Verkehrte Hufeisen: Nr. 17, 1. 41. Kristensen 4, 154. Jb. f. Ldk. 4, 144 (von den Raubrittern zu Lüttensee). – Rettung im Sack: Nr. 74. Zur Anm. vgl. Nr. 480 A.

Der letzte Besitzer der Burg zu Schönweide, von der noch der Burgplatz mit den Resten der Wälle und Graben zu sehen sind, war ein Ranzau. Er hatte sich den Haß der Dänen zugezogen und ward von ihnen belagert. Von einer Anhöhe auf dem Trestorfer Felde beschoß man die Burg mit Kanonen. Endlich mußte der Besitzer mit seinen Dienern fliehen und um die Feinde zu täuschen, ließ er den Pferden die Hufeisen verkehrt auflegen. Er entkam, und nie hat man etwas wieder von ihm gehört. Ein anderer Teil der Leute rettete sich auf Kähnen über den Trestorfer See.

Der Graf hatte aber seinen verwachsenen Sohn auf der Burg zurückgelassen, und als die andern alle flohen, blieb allein ein treuer Knecht bei ihm zurück; der steckte ihn in einen Sack und verbarg ihn im Keller. Als nun die Belagerer eindrangen, bat er fußfällig um sein Leben und die Erlaubnis, sein bißchen Zeug mitnehmen zu dürfen, und da man ihm gewährte, nahm er den Sack und rettete so den Sohn seines Herrn.

Mündlich durch Herrn Schullehrer Pasche in Wankendorf. – Beide Berichte knüpfen an dieselbe Lokalität: ein Beweis für die zähe Dauer von Sagen.

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8. Graf Rudolf auf der Bökelnborg.

Verrat durch Elster: Nr. 10. – Kl. Groth Ges. Werke 1, 127.

(1145.)

Auf der Bökelnborg saß ein Graf Rudolf und hielt die Dithmarschen alle in so schwerer Dienstbarkeit, daß die Bauern zum Zeichen derselben am Halse einen Klawen (Joch) tragen mußten, mit dem sonst das Vieh im Stalle angebunden steht. Sie mußten den Schimpf dulden. Des Grafen Frau aber, die Walburg hieß, hatte ihn zu seiner ganzen Härte angestiftet. Sie trieb ihn auch dazu, daß er noch eine große ungewöhnliche Schätzung in einem Jahre auflegte, in dem erst der Winter so hart war und die Kälte so grimmig, daß die Vögel in der Luft erfroren und herunterfielen und darauf Teurung und Hungersnot folgten, daß Menschen und Vieh bei großer Anzahl starben. Da hielten die Bauern bei dem Grafen an, daß er ihnen das Korn erließe. Er sah wohl ein, daß doch wenig oder gar nichts einkommen könnte, und erließ ihnen also die Schätzung, doch unter der Bedingung, im folgenden Jahre sie doppelt zu entrichten.

Zu der Zeit wohnte zwischen Schaafstede und Eckstede auf Heine Viert ein reicher Bauer, ein vornehmer Mann. Den bat der Graf im folgenden Jahre einmal bei sich zu Gaste und traktierte ihn stattlich; während des Schmauses ließ er viel Musik machen. Nach einer Zeit lud ihn der Bauer dafür wieder ein und stellte ein großes Gastgebot an. Wie noch heutzutage geschieht bei großen Hochzeiten und Bieren, waren Säcke voll Korn dahin gestellt und Bretter darüber gelegt: darauf saßen die Gäste. Anstatt des Saitenspiels und der Musik aber ließ der Bauer erst alle seine Schweine heraus, dann die Schafe, dann das Jungvieh, darauf die Kühe, und endlich die Pferde, alle nacheinander. Die trieben mit Springen und Laufen ihre Kurzweil und machten keinen geringen Lärm. – Als die Frau des Grafen aber all den Reichtum sah, da schürete sie ihn an, daß er die Pacht nun ernstlich fordere. Darum hielt er auch die Bauern nun mit Gewalt dazu, daß sie beide des vorigen Jahres nachständige und dieses Jahrs fällige Pflicht eines mit dem andern ausbrächten. Die aber wurden ungeduldig und dachten auf Gelegenheit und Mittel, wie sie ihr Joch ablegen und ihre alte Freiheit wieder erlangen könnten. Solches ist ihnen gelungen auf diese Weise.

Als sie am St. Martinsabend das Korn auf die Burg bringen sollten, schickten sie erst einige Wagen mit vollen Säcken voran. Auf dem allerersten aber setzte sich ein Bauer mit seiner schönen Tochter, um die der Bökelnborger Herr gebuhlt hatte. Auf den übrigen Wagen verbargen sich starke Männer in und unter die Säcke, und nebenher gingen nicht weniger starke, als wenn sie das Korn abladen wollten. So fuhren sie eilends hintereinander her; bald war der Burgraum voll und etliche hielten, wie verabredet war, unter dem Tor, damit dieses nicht gesperrt würde. Als nun die vorderen Wagen abgeladen werden und der Graf sich keines Arges vermutet, erscholl von hinten her das Losewort:

Röret de Hände,
Snidet de Sacksbände.

Da schnitten sich die Verborgenen heraus, die Wagenführer und die Sackträger rotteten sich mit ihnen zusammen und mit ihren langen Messern bewaffnet fielen sie über die Leute in der Burg her und ermordeten alle. Die Gräfin aber ergriffen sie und schnitten ihre Brüste, Nase und Ohren ab und warfen sie so in das fließende Wasser, das bis auf den heutigen Tag nach ihr die Wolbersaue heißt. Doch einige meinen, sie sei, als sie die Gefahr bemerkt und sich nichts Gutes vermutet habe, aus dem Fenster des Schlosses hineingesprungen. Den Grafen aber suchte man überall vergebens. Als man nun das Schloß schleifte und zerstörte und schon der dritte Tag da war, da bemerkte man, daß die Elster, die der Graf gezähmt und zur Kurzweil immer bei sich gehabt hatte, vor einem verborgenen Gange saß und immer seinen Namen rief. Da zog man ihn hervor, erstach ihn und riß vollends alles nieder, daß weiter keine Spur nachgeblieben ist, als der große Ringwall, der heutzutage den Burger Kirchhof einfaßt.

Von der Geest führt ein Weg nach Eddelack, den man den Hansweg nennt, weil man früher zu sagen pflegte, wenn die Grafen plündernd und raubend von der Bökelnburg in die Marsch zogen und des Weges kamen: Da kummt de Graaf mit all sinen Hansen! was soviel als Gefährte bedeuten soll.

Neocorus I S. 321. Presbyter Bremens. bei Westphalen III, 38. – Mündlich. – Viethen, Beschreibung von Dithmarschen, S. 243, nennt (wahrscheinlich nach seinem Hans Detleff, der mit Peter Mohrs stimmt) den vornehmen Mann auf Heineviert Maes Claus Maes, aus dem Vogdemannen Geschlecht, und den Mörder des Grafen Edemans Jürgens. Als Variante des Reims gibt er: »Nu, nu, met Saken to, de Borg ist gewonnen.«

*

 

9. De Markgraaf to Sleeswik un de Buer to Boklund.

Augustiny, Chronik d. Kchsp. Hollingstedt (1852) S. 127. Jb. f. Ldk. 3, 444.

To Sleeswik up Gottorp weer vœr Tiden mal en Markgraaf Bekanntlich war im vorigen Jahrhundert Friedrich Ernst Markgraf zu Brandenburg Statthalter der Herzogtümer auf Gottorp.. Da weer ok en Buer to Boklund, de müß den Markgrawen jümmer Koorn, Botter un Fisch upt Slott bringen vœr sinen Disch un weren gode Fründe met enanner. As de Buer mal to Slott weer un de Markgraaf gerade bi Disch seet, lett he em herin kamen un bi sik sitten an sine sülwerne Tafel, un wies em all dat Sülwergeschirr un all de Kostbarkeden, leet de Muskanten spêlen, un den Buer van de schönsten Spisen gêwen, un finen Wien darto, so vêl as he mugg. De Buer seeg un hör sik dat all mit an, eet un drunk, sweeg awer still darto. As he nu't Êten daan harr, do fragt' em de Markgraaf, of he sik denn gar nich darœwer verwunner. »Ja, Herr Markgraaf«, leet de Buer sik hören, »de Tafel is wul kostbar genoog, un de Wien un dat Êten is good un düer genoog; awer, Herr Markgraaf, ick getrue mi em un sinen ganßen Hofftaat sodennig to beweerten, dat mine Tafel noch kostbarer is un will em solke Musik maken laten, dat de Herr Markgraaf seggen fall, se weer noch bêter as sine.«

Darœwer worr de Markgraas niegierig un wull doch weten, wodennig de Buer dat anfangen wull. Up enen Dag reed he also mit all sine Hoflüde herut na Boklund. Do harr de Buer twee Regen grote Wetensäcke, stramm vull, up sine grote Dêl selten laten. Da weren Bruder up leggt, dat weren de Dischen. Un he harr dat ganße Dorp inladen laten, un harr Êten kaken laten, vêl un good, so as de Buerslüde dat kaken könt. As de Markgraaf sik nu satt ßten harr un mit de Beweertung woll tofrêden weer, fung de Buer an em vœrtorêknen; un se fünnen, dat de twee Regen Koornsäck so so düer weren, as de sülwern Tafel, un dat sin Êten noch kostbarer weer as den Markgraaf sin. »Dat last ik gelden«, sê de Markgraaf, »awer wo blifft denn de Musik?« Do leet de Buer eers all sin Pêr, do de Ossen, do de Köh, do de Swien un de Schaap, do de Gös un de Aanten un de Höhners up den Hoff un jaag denn de Hunde da mank. Wenn im so vele Kreaturen tosamen kaamt, is dat nich ruhig, dat sleit un bitt sik un de höllische Spektakel is loos. Do muß de Markgraaf seggen, dat de Musik doch kostbarer weer, as sine.

Nach Herrn cand. phil. Arndts Mitteilung.

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10. Die Stellerborg.

Grundtvig, Danske Folkeminder 3 (1861), S. 202 aus Angeln.

(1164.)

Auch auf der Stellerborg saß ein Graf und regierte über die Dithmarschen. Sie dachten aber auch darauf sich von seiner Herrschaft zu befreien.

Um Pfingsten werden ja heute noch allerlei Spiele, als Ringreiten, Katzenschlagen etc. aufgeführt. An einem solchen Tage gingen einmal die Leute vom Schlosse, um sich mit im Dorfe zu erlustigen; die Dithmarschen hatten den Pförtner bestochen, sagt man. Sie besteckten sich nun alle mit grünen Maien und nahmen Zweige in die Hände und zogen so dem Schlosse zu; da hat der Pförtner gerufen: De Woold de kummt! de Woold de kummt! Darum achtete niemand darauf. Die Dithmarschen gewannen mit leichter Mühe das Tor, fielen über die her, die noch auf dem Schlosse waren, und töteten sie. Etliche verteidigten aber unter der Zeit den Eingang und wehrten den Leuten, daß sie nicht wieder hinauf kommen konnten. So gewannen sie mit leichter Mühe das Schloß und zerstörten es, und erhielten damit ihre alte Freiheit wieder.

Die Leute in Stelle erzählen, daß man den Grafen in einem Keller gefunden habe, nachdem ihn sein Heister verraten hatte, und die Gräfin, die Dortchen geheißen, habe man in dem Brunnen ertränkt, der noch heute darum Doortjensood oder Kuhle genannt werde.

Seit der Zeit aber, behaupten die Dithmarschen, dürfe bis auf diesen Tag kein Adliger im Lande wohnen, und das Recht sei ihnen vom König bestätigt.

Neocorus I 323 und Hans Detlefs ebendas. 581. – Mündlich.

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11. Wie Graf Geert die Dithmarschen überfiel.

(1317.)

Die Dithmarschen, nachdem sie raubend und plündernd durch Holstein gezogen waren, kamen nach Kiel. Aber bald wurden den Bürgern die Gäste lästig und sie bedachten daher einen behenden Anschlag, stellten mit Pfeifen, Trommeln und Gesang einen Tanz an, und brachten sie so hinaus nach dem Kuhberge, schlossen aber das Tor der Stadt hinter ihnen zu. Die Dithmarschen wollten nun nach Hause ziehn, trieben unterwegs aber ihren alten Mutwillen. Als sie nach Bornhövede kamen, badeten sie sich in den vollen Kufen frisches Biers, die sie im Dorfe fanden, vor lauter Übermut, und hielten dann Nachtlager auf der Heide. Des Morgens früh kam aber Graf Geert mit seinem Volke und jeder trug einen grünen Zweig mit Blättern, so daß das Heer aussah wie ein Wald, und die Dithmarschen meinten nicht anders, als daß der Wald käme. So wurden sie unvermutet überfallen und ein Teil erschlagen; andere ertranken in der Bünzener Aue. Im ganzen blieben ihrer fünfhundert.

Presbyter Bremens. bei Westphalen III, 55. Quelle für Albert Kranz, Reimer Kock. Joh. Petersen, Neocorus. Detmar I, S. 208 weiß nichts davon. – Der wandelnde Wald kommt in einer altfränkischen Sage des 6. Jahrhunderts bei Aimoin III, 82, in einer hessischen bei Grimm, D. S. Nr. 91, zwei dänischen bei Saxo S. 133 und Thiele I, 172, in Shakespeares Macbeth usw. vor. Ähnlich nahmen auch die Schweizer des Landsbergers Burg, wie hier und in Nr. 3 die Dithmarschen die ihrer Zwingherrn.

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12. De Holsten vorbidden (verteidigen) ehr Recht mit dem Schwerde.

(1225.)

De swarte Margrete settede up der Borg to Segebarg einen Vaget und Hovedmann des Landes tho Holsten, dat se sick hadde underdanich gemacket, wente tho der Borg (außer bis an den festen Ort) Itzehoe und fletende Water der Stör und Marsch. In der Marsch entholden sick veele Edellüde uth dem Lande tho Holsten, umme Seckerheit willen der Stede, de sick den Denen nicht geven wolden. Wente (denn) de Denen wolden dat gantze Landt tho Holsten sick und eren Rechte underdanich macken, dat dat Holsten Recht gantz und all scholde vordelget (vertilgt) werden und dat Lovboke richten scholde. Des sick den de Holsten hoch beklageden, dat man se erer gewondtlicken und older gebrukeden Rechte beroven wolde, und dat se scholden eines nien unbekanden Rechtes gebruken, also, dat se dem Hovedmanne, de up Segeberge gesettet was, begunden under Ogen to knurren, und seden, se wolden eres egen Holsten Rechtes gebruken. Do antworde de Hovedmann: »Gy wiset my juw Recht uth juwen egen Koppe, averst unse, dat denische Recht, is beschreven; na der Schrift kann ick juw und my regeren. Juw Recht weet ick nicht, und beschreven is it ock nicht und entraden (erraten) kann ick it ock nicht: ick mot einen Hund herbringen, de Juw Juwe Recht bellen kann. Darum beradet Juw wat gy vor ein Recht hebben willen und benomet my up einem endenden (einzelnen bestimmten) Dage Juw Recht.«

In den Tieden was neen (kein) Herr im Lande tho Holsten. Sunder man secht, dat dar ein edel Fruw in der Kremper Marsch by Itzehoe gewest sy von der Borg Kellinkdorp, mit Namen For (Frau) Deest van Kellingdorpe. Desülve toch tho den Graven van Schouwenborch und bat enn, dat he ehr und dem Lande tho Holsten wolde geven einen van synen Sons tho einem Herren und Regenten. De Grave gaff ehr einen mit Namen Aleff. Den sulvigen nam de genömede Fruwe do mit sick in ehr Vaderlandt, und förde ehn henin alse einen Herrn mit groter Freude. Uth desselven Thokumpst (Ankunft) entstundt den Holsten, de in der Marsch Itzehoe weren, und de ock under der Gewalt der Denen weren, grote Vortrostinge und Frolicheit.

De Holsten versammelden sick tho den Hovedmann und Vagede by Segeberge und begerden wedder, dat man ene muchte Holsten Recht werden laten. De Hovedmann antworde und sede: »Wat erwelen gy vor ein Recht in Juwen Vaderlande?« Do togen de besten und oldesten Eddellüde des Landes tho Holsten ere Schwerde uth, schuddeden de und repen mit unvorschrockener Stemme: » Unse gewonlicke Recht willen wy beholden und mit dem Schwerde vorbidden (verteidigen).« Van der Dadt ward ein gemene Spröcke im Lande tho Holsten und man segt noch hüden: » Unse Recht vorbidden wy mit dem Schwerde.« Da de Hovedmann der Holsten ere averdadige Könheidt sach und wüste dat se einen andern nyen Hovedtmann und Herren erwelet hadden, fruchtede he sick und gaff sick in de Flucht. Unde de Holsten vorfolgeden en und slogen en dodt.

Darna vorhoven de Holsten wedder ehr Hoved und fören den eren Graven Aleff van Schouwenborch hervor, de noch ein junk Herre was, und vorhaleden sick, dat se tho eren vorigen Kreften wedder quemen, und mit godtlicker Hülpe beschermeden se srimodigen sick und ehr Vaderland und jageden de Denen mit der Tyd uth eren Grensen. Wente de allmechtige und barmhertige Godt lett einen Bemoieden (Bekümmerten, Gebeugten) nicht stedes bemoien, sunder lett ene biwilen thom Athem wedder kamen. Also schach ock in den Tyden den Holsten; den gaff Godt wedder eine Vortrostunge, do se dorch de Denen beangstet weren und erweckede einen Vorbidder, genomeden Greven Aleff, alse einen rechten Judam Machabeum.

Presbyter Bremens. bei Westphalen III, 43. Quelle der spätern Chronisten, die nur aus besserer historischer und chronologischer Kenntnis einzelnes ändern, und an die Stelle der swarten Greet den König Waldemar den Sieger setzen. Heinr. Ranzau fügt hinzu, daß seit der Zeit die Holsten bewaffnet im Gerichte und auf Landtagen erschienen seien.

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13. Die Schlacht bei Bornhövede.

Zum Gelübde des Klosterbaus vgl. Nr. 144. 169. Zur Heiligenerscheinung: Nr. 17, 1. 152. – Christiani, Gesch. d. Herz. Schlesw. u. Holst. 2, 102. Frahm 3 ff. Joh. Meyer Ges. W. 4, 56. Detlef v. Liliencron Ges. W. 2, 26 ff.

(1227.)

Als Graf Alf mit seinen Holsten dem König Waldemar auf dem Felde bei Bornhövede gegenüberstand und schon lange gekämpft war, begannen seine Scharen zu weichen. Denn die Sonne schien ihnen ins Gesicht und die Dänen wehrten sich tapfer. Da flehte der edle Herr mit inbrünstigem Gebete zu der heiligen Maria Magdalena, deren Tag gerade war, und verhieß ihr ein Kloster zu bauen, wenn sie ihm hülfe. Da erschien die Heilige in den Wolken, segnete das Heer und bedeckte mit ihrem Gewande die Sonne. Als die Holsten dieses Wunder sahen und Graf Alf sie zugleich mit Worten ermunterte, faßten sie neuen Mut und nachdem die Dithmarschen ihre Schilde umgekehrt hatten und den Dänen in den Rücken gefallen waren, ward der vollständigste Sieg erfochten.

In dieser Schlacht hatte der König Waldemar seinen Stand auf dem Hügel, der nach ihm der Köhnsberg heißt. Es ward ihm sein Pferd unter dem Leibe erschossen. Als seine Leute geflohen waren und es schon dunkel werden wollte, irrte er noch hilflos auf dem Schlachtfelde umher. Da traf er einen schwarzen Ritter, der seinen Helm geschlossen hatte; den bat er für eine gute Belohnung ihn nach Kiel in Sicherheit zu bringen. Der Ritter nahm ihn zu sich aufs Pferd und brachte ihn ohne ein Wort zu sagen zur Stelle. Als sie in den Schloßhof einritten und die Diener mit Fackeln erschienen, forderte ihn der König auf, seinen Helm zu öffnen und seinen Namen zu nennen, damit er seinen Lohn empfange. Da schlug der Ritter das Visier zurück und alle erkannten erstaunt den Grafen Alf selbst. Er wandte darauf sein Roß und ritt eilend zu seinen Leuten ins Lager zurück.

Christiani, Geschichte der Herzogt. Schleswig u. Holstein, Bd. II, 102. Mündlich. – Bei Gönnebek, in der Nähe von Bornhöved, im Fiendsmoor sollen die Dänen begraben sein.

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14. Graf Alf als grauer Mönch.

Als Graf Alfs beide Söhne erwachsen waren, erfüllte er sein Gelöbnis, das er in der Schlacht bei Bornhövede getan hatte, und trat in den Orden der grauen Mönche (Franziskaner). Nun erzählt man, daß er bettelnd wie ein andrer Bruder umherging und Almosen sammelte. Da begab es sich, daß er einmal in Kiel, wo er auch ein Kloster gestiftet hatte, auf der Straße ging und gerade eine Kanne voll Milch trug, als seine Söhne die Grafen mit vielem Gesinde daher geritten kamen. Da schämte er sich und wollte die Kanne verbergen; doch besann er sich, daß die Demut über die Eitelkeit siegte und er, um sich zu strafen, die ganze Kanne voll über den Kopf goß.

Presbyter Bremens. bei Westphalen III, 49. – Adolf war Klosterbruder in Hamburg, und nicht in Kiel.

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15. Erichs Leiche.

Jb. f. Ldk. 3, 445. Kohl, Reisen in Dänemark (1846) 1, 108 ff. Mügge, Streifzüge in Schl.-Holst. (1846) 1, 348 f. (Herzog Abel zieht als schwarzer Jäger nächtlich durch die Lüfte; vgl. Nr. 563.) Frahm 5 ff. Detl. v. Liliencron Ges. W. 2, 13. 3, 196. Von der Kapelle, die einst zwischen der Schlei und dem Dorfe Bohnert der wundertätigen Madonna zum »finstern Stern« geweiht war, erzählt Dr. H..., Sommer in Schleswig (1855) S. 81 f. eine »Hero und Leander«-Sage. – Lichter im Wasser: Nr. 392. Zum sich wendenden Stein vgl. Philippsen, Sagen und Sagenhaftes der Insel Föhr (1911) S. 53 f.; vgl. auch Nr. 399. – Ermordeter hebt den rechten Arm: Nr. 273. – Von selbst läutende Glocken: Nr. 149.

(1250.)

Nachdem Herzog Abel seinen unschuldigen Bruder den König Erich hatte ermorden lassen, und die Leiche mit Steinen und Ketten beschwert bei Missunde in die Schlei gesenkt war, so stieg sie doch bald empor und trieb ans Ufer. Als man sie in feierlichem Zuge in die Stadt führte, fingen alle Glocken von selbst an zu läuten. Man begrub sie in der Kirche St. Peter, und zeigt heute noch, nachdem sie längst anderswo hingeführt ist, dort des Königs Mütze, Rippe und die Ketten.

An dem Orte, wo die Leiche antrieb, errichtete man ein hölzernes Kreuz und nannte ihn zum finstern Stern. Oft haben später Fischer blaue Lichter da gesehen, wobei sie immer ein Grausen angekommen ist.

Der König soll jetzt unter einem Steine zwischen Loitmark und Arnis an der Schlei begraben sein. Jede Nacht, wenigstens in der Nacht, in der er ermordet ward, kehrt der Stein sich um, wenn die Uhr zwölf schlägt.

Cypraei Ann. episc. Slesv. S. 258 – Mündlich. – Die Leiche Erichs soll die rechte Hand über dem Wasser gehalten haben, gleich als riefe sie den Himmel um Rache an. – Über den sich wendenden Stein Kuhn, Märk. Sagen Nr. 13, 24.

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16. König Abel und Wessel Hummer.

Johansen, d. nordfries. Sprache (1862) S. 234 f. Eiderst. Jahrb. 2, 69: Gust. Falke, Wessel Hummer (plattd.). Frahm 8.

(1252.)

König Abel zog hinunter nach Eiderstede mit großem Heere und wollte die Friesen bezwingen. Die aber wehrten sich tapfer und schlugen ihn auf dem Königskamp. Als er nun fliehend den Milderdamm erreichte, war ein Rademacher von Nordstrand, Wessel Hummer, ihm voraus geeilt und hielt sich in einem Siel, das unter dem Damme weg ging, verborgen bis der König kam; da sprang er hervor, fiel ihn von hinten an und spaltete ihm den Kopf mit seiner Axt, so daß er sogleich tot niederstürzte.

Mehrere Jahre nach dieser Tat befand sich Wessel Hummer einmal zur See. Da erhub sich ein gewaltiger Sturm, daß das Schiff dem Untergange nahe kam. Da gestand er, daß er ein Königsmörder und wohl der Jonas auf dem Schiffe sei, um dessentwillen See und Sturm tobten. Als nun weiter keine Rettung war, entschlossen sich die Schiffer und warfen ihn über Bord; sogleich legte sich das Unwetter.

Provinzialberichte 1794, 2, 72. – Mündlich durch Herrn Schullehrer Hansen auf Sylt. – Bei Mildstede, in der Gegend des Milderdamms, heißen noch jetzt einige Fennen Starflük.

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17. Swarte Margret.

(† 1283.)

1.

Nr. 24. 173. 246. 423, 1. 429. 433. 528. 589. Frahm 44 ff. 101. Kristensen 4, 154 f. Rasmussen, Sønderjydske Sagn (1899) 110 f. Philippsen u. Sünksen, Das Dannewerk (1907) S. 68 ff. Voß u. Jessel, Fehmarn (1898) S. 64 f. Hein, Aus Segebergs Vorzeit (1904) S. 67. In der Schlei sollen drei von Margarethe versenkte Kanonenböte liegen (Zs. f. s.-h. Gesch. 3, 409). Zur Heiligenerscheinung: Nr. 13. – Verkehrte Hufeisen: zu Nr. 7, 2. – Was hier von den Oldenburger Schustern erzählt wird, weiß die Angler Volkssage von dem König in Schweden zu berichten, zu dem der Sohn geschickt wurde, um das Regieren zu lernen: Grundtvig, Danske Folkem. 3, 202. – Fußspuren im Stein: Nr. 6. 212 ff.; vgl. 188. Groth Ges. W. 1, 119.

Es herrschte einmal eine Königin, die swarte Margrete, über Dänemark, die ließ die Elbe mit langen Pfählen und einer großen Kette sperren, so daß niemand heraus noch hinein konnte. So hat sie auch den Kieler und Flensburger Hafen versperrt und die Schlei ruiniert. Sie belagerte einmal Itzehoe und am Tage Mariä Geburt (8. Sept.) hat sie einen großen Wall und eine Brücke quer durch die Stör legen wollen, um das Wasser in die Stadt und in die Marsch zu treiben. Da ist aber an demselben Tage zweimal ganz wider die Ordnung die Flut gestiegen, und zwar so hoch, daß Wall und Brücke zerbrachen. Über der Stadt aber sah man die Mutter Gottes erscheinen, und die Bürger haben allezeit den Tag hoch gefeiert und ihn Borgerdag genannt Heute der große Itzehoer Herbstmarkt..

Die swarte Margret hat auch das Dannewerk bauen lassen, um damit Dänemark vor den Deutschen zu verschließen. Als sie noch nicht damit fertig war, ward sie vom Feind angegriffen. Da stellte sie eine Reihe Kühe an dem äußern Graben auf, der davon der Kohgraben heißt, und die Feinde verschossen alle ihre Munition, weil sie die Kühe für behelmte Soldaten hielten. Unterdeß ward sie fertig.

Sie war überaus listig und ritt immer auf Pferden durchs Land, deren Hufeisen verkehrt standen, so daß niemand wußte, wo sie geblieben sei. So entkam sie auch einmal den Oldenburgern.

Sie hatte nämlich ihren Sohn nach Oldenburg geschickt, um da Schatzgeld einzukassieren. Aber die Oldenburger Schuster griffen ihn, hackten ihn in Stücke und schickten ihn eingesalzen wieder der Mutter zu. Darüber ergrimmt, belagerte sie die Stadt und warf Schanzen auf, die noch bei Weißenhaus an der Ostsee zu sehen. Aber die Russen kamen den Bürgern zu Hilfe und Margrete entkam nur mit genauer Not durch jene List. Seit der Zeit dürfen die Oldenburger Schuster aber nicht aus der Stadt und bis auf diesen Tag keinen Jahrmarkt besuchen.

Bei Bornhövede lieferte sie einmal eine große Schlacht, und als sie ihr Pferd bestieg, hat sie ihren Fuß einem Steine eingedrückt, der da lange zu sehen gewesen ist. Andere sagen, es sei der Huf ihres Pferdes, und ein eben solcher Stein lag am hohlen Bache an der Grenze der Güter Depenau und Bockhorn.

Diese Königin ist recht eine alte Hexe gewesen. Sie geht noch heute spuken, und vieles ist noch von ihr zu erzählen.

Presbyter Bremens. bei Westphalen III, 41. – Mündlich nach verschiedenen Mitteilungen. – Die Unionskönigin Margaretha soll sonst die Schlei gesperrt haben. Offenbar meint die spätere Sage auch gerade diese mit der schwarzen Magaret. Ihr wird in dänischen Sagen dieselbe Kriegslist beigelegt. Thiele I, 51. Vgl. unten Nr. 41.

2.

Die Erde zu dem Wall der Borgsumer Burg soll von den Föhrer Weibern in Schürzen herbeigetragen sein; vgl. Philippsen, Sag. v. Föhr 66 und Nr. 429. – Toter vor silberner Tafel: Nr. 268; vgl. 542. Zs, f. s.-h. Gesch. 11, 235.

Am Deckerkruge bei Schuby, in der Nähe der Lohheide bei Schleswig, ist ein kleiner Hügel, den man Dronningshoi nennt. Er ist von Soldaten aufgeworfen, indem sie die Erde in ihren Helmen zusammen trugen. Hier hat die swarte Margret einmal einen anderen Fürsten erschlagen.

Sie hatte nämlich Krieg mit ihm. Wer da sie sah, daß es ihr nicht gut gehn werde, schickte die alte listige Frau zu ihm und ließ ihm sagen, daß es doch unrecht wäre, daß so viele tapfere Leute um ihretwillen sterben sollten; besser wäre es, daß sie und er allein den Streit ausmachten. Der Fürst dachte mit der Frau wohl auszukommen und nahm das Anerbieten an. Als sie nun miteinander suchten, sagte die Königin zu ihm, er möchte ihr doch einen Augenblick Zeit geben, sie wolle nur ihre Sturmhaube, wie man sie damals trug, ein wenig fester binden. Der Fürst erlaubte ihr das; sie aber sagte, daß sie ihm doch nicht trauen dürfe, wenn er nicht sein Schwert bis an die Parierstange in den Grund stecke. Auch das tat der Prinz. Aber da ging sie auf ihn los und schlug ihm den Kopf ab.

Er ist in Dronningshoi begraben, und die Leute, die dabei wohnen, haben ihn da noch oft sitzen sehen vor einer silbernen Tasel, mit einem silbernen Teetopf, einer silbernen Milchkanne und einer silbernen Tasse.

Cypraei Annal. episc. Slesv. S. 276.) Provinzialberichte 1830 S. 348. Mitgeteilt von cand. phil. Arndt.

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18. Der Hasenkrieg.

Kl. Groth Ges. W. 2, 179. Zur Anmerkung vgl. Nr. 363-368.

(1289.)

Die Grafen Hinrich und Johann wollten die Dithmarschen bezwingen und rückten mit großem Heere ins Land. Da geschah es, daß den Vordern im Zuge ein Hase über den Weg lief und sie das gewöhnliche Jägergeschrei darüber erhuben: Löp! Löp! Löp! Nun meinten die hinten im Zuge nicht anders, als daß sie laufen sollten und taten flugs also. Darüber wurden die Vordern von den Dithmarschen leicht besiegt. Etliche vom Adel sollen den Grafen dies angerichtet haben. Aber die Dithmarschen sagten nachher immer, daß ein Hase die Holsten aus ihrem Lande gejagt habe.

Neocorus I, 353. Albert Kranz, Saxon. VIII, 33. Johann Petersen S. 58 (1557). – Detmar, S. 164, kennt auch schon das Geschichtchen, setzt aber ein andres den Hexen ebenfalls verwandtes Tier, eine Katze, an die Stelle des Hasen.

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19. Split.

(Anfang des 14. Jahrh.)

Im Wagerlande waren so viele Grafen und Herren, daß sie sich ihrer Menge wegen nicht nähren konnten, sondern ihre Untergebenen beschweren mußten. Eines Tages schickte Graf Alf (VI.) sein Gesinde auf den Hof eines Edelmanns, Namens Split, um da den Hafer und andres Korn auszudreschen und es dann auf seine Burg zu bringen. Der Edelmann verstand das aber unrecht: er ergriff die Drescher, hieb ihnen die Füße ab, packte sie auf einen Karren und schickte sie so dem Grafen nach Segeberg zurück. Ahnlich ließen es auch die beiden anderen Grafen mit ihren Untersassen machen.

Presbyter Bremens. bei Westphalen III, 58. Quelle für Heinrich Ranzau, Johann Petersen etc.

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20. Hartwig Reventlow

Wir teilen hier alle vorhandenen Versionen der Sage mit, weil kein andres Beispiel so lehrreich und bestätigend für das Dasein eines lebendigen Volksgesanges ist.

(1315.)

1.

Graf Alf auf Segeberg hatte dem Edelmann Hartwig Reventlow Gewalt antun lassen. Da machte dieser sich bei Nacht mit wenigen Leuten auf, wählte einen heimlichen Weg, den er sich gemerkt hatte, nach dem Schlosse zu, stieg über die Mauer und kam unbemerkt in des Grafen Schlafkammer, den er schlafend fand und so gefangen wegführen wollte. Darüber erwachte dieser, griff zu seinem Schwerte und verteidigte sich männlich, ward aber im Kampfe, wiewohl unwillens, von Hartwig erschlagen. Als dieser darauf seinen eignen jungen Sohn, der als Knappe beim Grafen in der Kammer war, erblickte, erstach er auch ihn, damit er nicht später der Verräter seines eignen Herrn gescholten werde, und legte seine Leiche neben die andre. Diese Geschichte ist abgemalet und heutiges Tages noch zu sehen in der Kirche zu Neumünster.

Albert Kranz, Saxon. VIII, 39. Vgl. Johann Petersen (1557) S. 80 und den Presbyter Bremens. S. 53. Dahlmann folgt Albert Kranz, obwohl Detmar S. 203 weiß, daß Adolf im Bette neben seiner Frau ermordet ward; so auch die Nordelvische Sassenchronik im Staatsbürgerl. Magazin 9, 359.

2.

Hartwig Reventlow war ein Hauptmann des Grafen Alf auf Segeberg, und wohnte mit seinem ganzen Hausgesinde bei ihm auf dem Schlosse. Da hat der übermütige Herr sich an seiner Hausfrau, oder wie andre sagen, sich an seiner Tochter vergriffen und sie geschändet. Hartwig, zwar ergrimmt darüber und auf Rache denkend, ließ sich jedoch nichts merken. Eines Morgens, da er wußte, daß der Graf ein großer Liebhaber der Jagd war, klopfte er früh vor Tage an seine Schlafkammer, weckte ihn und sprach, es habe sich ein großer Haufe Wilds blicken lassen, er solle ausstehn, es ließe sich leicht ein guter Fang tun. Als der Graf darauf eilends die Tür auftat, rannte er auf ihn ein und erstach ihn so nackend, wie er war, und dazu seinen eignen Sohn, der bei dem Grafen in der Kammer war.

Albert Kranz, Saxon. VIII, 40. Johann Petersen S. 81.

3.

Vgl. Detlef v. Liliencron Ges. W. 2, 111. Klosterbau als Sühne: Nr. 40, 1 (u. meine Anm.). 160.

Graf Alf auf Segeberg hatte Hartwig Reventlows Tochter geschändet. Als der Vater die Schmach ihres Geschlechtes seinem Bruder erzählte, stieß dieser ohne Scheu starke Drohworte gegen den Grafen aus. Es ward gleich von einem der Leute vom Schlosse hinterbracht, und der Graf entbot den Verwegenen zu sich, und als dieser nichts Böses ahnend kam, ließ er ihn ergreifen und enthaupten. Den Kopf schickte er darauf auf einer Schüssel dem Hartwig durch einen Diener. Da setzte sich dieser auf sein Pferd, nahm den Kopf in seine Hand, und einige Tropfen Bluts trinkend sprach er voll Grimm: »Saget dem Grafen, so gewiß ich hier meines Bruders Blut trank, so gewiß werde ich seinen Tod und den Schimpf des Geschlechtes zu rächen wissen.« Daraus ritt er spornstreichs davon.

Weil er wußte, daß der Graf die Jagd liebte, fällt ihm dieser Fund ein, ihm beizukommen. In einer Sommernacht, als schon das Korn beinahe reif auf dem Felde stand, des Morgens um drei Uhr, lauerte er einem seiner Jäger auf, der früh ausgegangen war, das Wild zu erspüren, und zwang ihn sich auszuziehen. Darauf band er ihn an einen Baum, zog die Kleider selber an und mit des Jägers Pferde und Hunden ritt er Segeberg zu. Der Torwärter meinte, es sei der Jäger und ließ ihn ein. Im Hofe stieg er ab und ging gerades Wegs zu des Grafen Schlafkammer, wie der Jäger gewohnt war, klopfte an die Tür, ein Knabe macht ihm auf; aber kaum trat er ein, redete er den Grafen zornig an: »Du siehst wohl wer ich bin; befiehl Dich Gott; denn Du mußt sterben«, und durchstach ihn nach diesen Worten, während er noch im Bette lag, und zugleich seinen Sohn, den jungen Grafen, der neben seinem Vater schlief. Unerkannt entkam er wieder im Jägerkleid. Zur Buße des Mordes wanderte er bald darauf nach Rom und stiftete das Kloster in Itzehoe. Solange aber das Schloß Segeberg gestanden hat, sind die Blutspuren an der Wand sichtbar geblieben.

Heinrich Ranzau bei Westphalen I, 98, 146 und bei Dankwerth S. 236. Eine abgeschmackte Bearbeitung in Provinzialberichten 1814 S. 211 ff. und von Amalie Schoppe in der Flora von Lotz 1813, Nov.

4.

Vgl. Detlef v. Liliencron Ges. W. 2, 111. Klosterbau als Sühne: Nr. 40, 1 (u. meine Anm.). 160.

Bertha Reventlow gebar dem Grafen Alf einen Sohn, aber obwohl ihm ihre Brüder ernstliche Vorstellungen machten, ließ er das Mädchen in Schande und heiratete sie nicht. Dieser Schimpf ihres Geschlechtes trieb die Brüder zu Drohungen; aber der Graf ward nur dadurch erbittert. Unter dem Scheine der Freundschaft und Versöhnlichkeit lud er sie zu einem Gastmahl ein, ließ vorher das Kind töten und es dann den Oheimen vorsetzen, darauf aber unter einer verdeckten Schüssel den blutigen Kopf auftragen.

Hartwig Reventlow war einer der Brüder Berthas und Oheim des gemordeten Kindes; er beschloß Rache zu nehmen. Nachdem er einem Jäger des Grafen im Walde seine Kleider genommen und sich angetan hatte, ließ er ihn an einen Baum gebunden zurück und kam so, da es noch frühe vor Tage war, unerkannt auf die Burg bis an des Grafen Schlafkammer. Der Knabe öffnete ihm die Tür; – es soll sein eigner Sohn gewesen sein, andre sagen aber des Grafen; – er stach ihn nieder, damit kein Lärm entstünde, und durchbohrte darauf den Grafen, der noch schlafend im Bette lag, mit seinem Hirschfänger. Zur Sühne des Mordes haben Hartwig Reventlow und seine Brüder eine Kapelle bei Segeberg errichtet, wo lange am stillen Freitage den Armen Speise und Trank gereicht ward; sie soll die Berthakapelle geheißen haben.

Mündlich aus Segeberg durch Mommsen, und nach zerstreuten Notizen.

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21. Die Dithmarschen in der Kirche zu Oldenwörden.

Zs. f. s.-h. Gesch. 32, 232 f. Kl. Groth Ges. W. 1, 128. Joh. Meyer Ges. W. 4, 60. –

(1319.)

Graf Geert zog mit großen Haufen und vielen adligen Herren aus, die Dithmarschen zu zwingen; und zweimal schlug er sie. Die da entrannen, flüchteten in die Kirche zu Oldenwörden und befestigten sie, wie sie eben konnten. Als die Holsten sich davor legten und Feuer heran brachten, baten die Dithmarschen um Gnade und wollten des Grafen getreue Untertanen sein. Der aber wollte ihnen kein Gehör geben und befahl, das Feuer näher hinanzurücken. Da fing bald das Blei, damit die Kirche gedeckt war, an zu schmelzen, und als es herunter tröpfelte und die Dithmarschen keine Rettung sahen, faßten sie Mut und wollten die letzte Schanze wagen. Da brachen sie hervor und stürzten sich aus die sorglosen, zerstreuten Feinde; andre kamen herzu, die sich bisher hinter Hecken und in Graben verborgen gehalten hatten, und man umringte jene auf einem Felde zu Norden Oldenwörden und erschlug ihrer so viele, daß man im Blute watete.

Presbyter Bremens. bei Westphalen III, 57; Neocorus 1, 368; beide mit Abweichungen im einzelnen. Jener ist historischer, diesem folgt Dahlmann. Detmar, S. 210, weiß nichts davon, gibt vielmehr einen Bericht, der zeigt, daß dieser Einfall dem späteren von 1404 ähnlich war, – Dieselbe Sage erzählt Heimreich I, 168 von den Friesen und Dänen bei der Kirche zu Brekling 1399.

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22. Schlacht am Hesterberge.

Vgl. Nr. 18. Voigt, Aus Flensburgs Sage u. Gesch. (1912) S. 3.

(1325.)

König Christoffer wollte Graf Geerts Schwestersohn, den Herzog Waldemar zu Schleswig, unter seine Gewalt bringen; er legte sich darum mit großem Heere auf den Hesterberg, um das feste Schloß Gottorp zu nehmen. Da der Graf dieses erfuhr, versammelte er sein Volk und zog dem jungen Fürsten zu Hilfe. Die Holsten aber hatten alle weiße Kleider übergezogen und da die Dänen sie nun heran ziehen sahen, spotteten sie und riefen, es käme eine Herde Schafe, oder ein Haufe Weiber wider sie. Wie aber ein Holste dies hörte, der bei den Dänen diente, sprach er: »Ihr werdet noch heute sehen, daß es keine Weiber sind, sondern Männer.« Und als es nun an ein Treffen ging, rief einer der Holsten mit lauter Stimme: »De Dänen lopen, de Dänen lopen«; da entsetzten sie sich und liefen davon, so schnell sie konnten.

Presbyter Bremens. bei Westphalen III, 61; vgl. Neocorus I, 334.

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23. Graf Geert.

1.

Als Graf Geert noch jung war, ging er in die Schule, um Bischof zu werden; dachte aber nicht an ritterliche Werke. Er war so arm, daß er keine Burg im ganzen Lande hatte und unter den Bürgern in Rendsburg wohnte auf dem Hakenspieker über dem Wasser, und hatte nichts eigenes, als ein paar graue Wildhunde, die man zu der Zeit für ganz edel zur Jagd hielt, wie die Jäger sagen. Da kam aber Hartwig Reventlow zu ihm und gab ihm Pferde und Harnisch. Und alsobald wuchs ihm der Mut und der junge Fürst ward ein solcher Held, daß man ihn mit Recht den Großen genannt hat.

Presbyter Bremens. bei Westphalen III, 67.

2.

Graf Geert der Große war überaus prachtliebend und freigebig. Einmal, da er mit einem großen Heere aus Flandern heimkehrte und in die Stadt Nimwegen kam, so feierte gerade der Herzog Reinald von Geldern da mit einer Tochter des Königs von England Hochzeit in großer Herrlichkeit. Obwohl nun Graf Geert nicht früher davon gewußt, so beschloß er dennoch zu bleiben, um den Herzog zu ehren, und stellte auch einen Hof und ein Fest an mit großem Gepränge. Da es an Holz für die Küche gebrach, befahl er die Tischgeräte, als Schüsseln und Gefäße und anderes, soviel zur Hand war, unter die Kessel zu legen und zu verbrennen. Denn er wollte nicht, daß man Kohlen oder Torf an seinem Fest brennte. Also übertraf der Gast und Fremde das Fest des Herzogs vom Lande in allem, was sowohl Speise und Trank anging, als auch Musik und andere Zurüstungen. Endlich nahm er vom Herzog Abschied, nachdem er noch seine junge Gemahlin mit kostbaren Kleinoden reich beschenkt, und kehrte darauf unter ehrenvollem Geleit in sein Land zurück.

Hermann von Lerbeke, Chron. Schowenburg. bei Meibom Script. rer. German. I, 516 – Reinald von Geldern vermählte sich 1331 mit Eleonore von England. Wahrscheinlich meint unsere Sage Heinrich den Eisernen.

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24. Schlacht auf der Lohheide.

(1331.)

Diese Schlacht war ein überaus großes Werk, aber Gott gab dem Grafen Geert doch den Sieg, obwohl die Holsten gegen die Dänen weit in der Minderzahl waren.

In dem Gedränge geschah es, daß der Graf vom Pferde stürzte. Aber ein Bauer aus der Wilstermarsch, aus Büttel bei Brokdorf, half ihm wieder auf und sprach: »Nun gebrauche deiner vorigen Kräfte wieder.« Für diese Treue des Mannes befreite der Graf das ganze Dorf von der gemeinen Schatzung des Landes.

Es fielen der Dänen so viel, daß die ganze Feldmark voll Leichname lag. Im ganzen sollen einige tausend Menschen gefallen sein. (Man sagt auch noch, daß die schwarze Greet dabei gewesen sei und vor der Schlacht ihre Sünden in der Kirche zu Haddebye gebeichtet habe.) Graf Geert verlor einen Edelmann, Wedeke vom Osten, den hatte er so lieb, daß er um seinetwillen weinete.

Er hatte aber in Rendsburg eine Schar Landsknechte zurückgelassen, weil die Bürger, obgleich er für sie gut sagte, sie nicht fortlassen wollten, bevor sie ihre Zehrung bezahlt hätten. Als diese nun den Lärm der Schlacht hörten, aber nicht wußten wie es abgelaufen sei, machte der edle Ritter Borchard von Itzehude sich doch auf mit den Leuten. Und da nun schon die Nacht da war, und sie gegen Sehestedt oder nach Königsförde kamen, hörten sie den Hufschlag von Pferden, und weil sie bald merkten, daß es Dänen waren, rüsteten sie sich und griffen das Häuflein an. Einige erschlugen sie und fingen die übrigen: das war der König Christoffer von Dänemark selbst mit seinem Gesinde. Borchard ritt mit ihnen nach Gottorp zu, pochte mit großem Schalle an die Pforte, rief den Wächter und verlangte den Grafen zu sprechen. Als dieser den Lärm hörte, stand er sogleich vom Bette auf, und obwohl er schwer verwundet war, ging er hinunter und fragte was da wäre. Da antwortete ihm Borchard, der des Grafen Marschalk war: »Herr, da ich Euch zuziehen wollt, bin ich verwundet und dazu gefangen; wes soll ich mich trösten? Wollet Ihr mich lösen?« Da der Graf des Edelmannes Stimme erkannte, antwortete er sogleich: »Hab ein wenig Geduld, ich hab der Dänen so viel gefangen, Du sollt bald los werden.« »Getreuer Herr, getreuer Knecht«, sprach nun der Edelmann zu sich selber, und sprach weiter mit freudiger Stimme: »Herr, ich bringe bessere und fröhlichere Botschaft; ich bringe gefangen den König von Dänemark. Stehet auf und tuet das Tor auf, daß wir ihn in Verwahrung bringen.« Also ward es hier zu Lande ein gemeines Sprichwort: » Treuer Herr, treuer Knecht.« Der König Christoffer aber mußte sich mit großem Gelde lösen.

Presbyter Bremens. bei Westphalen III, 70, 71. ( Cypraei Ann. episc. Slesv. S. 275. Mündlich.) Albert Kranz, Saxon. IX, 11 etc. Heinrich Ranzau bei Westphalen I. 98, 148. Dankwerth, Chronik der Herzogtümer, Mskr. – Es ist wahrscheinlich, daß die Sage sich früher an die erste Schlacht auf der Lohheide knüpfte, wo Erich Glipping und die schwarze Margrete gefangen wurden. Dahlmann I, 416.

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25. Isern Hinrik.

Frahm 31 ff. Nieders. 20, 228. Detl. v. Liliencron Ges. W. 3, 349.

(1346, † 1381.)

1.

Graf Geerts Sohn Hinrik begab sich in den Dienst des Königs von Engelland und verrichtete große Taten. In einer Schlacht (bei Cressy) nahm er den König von Frankreich, oder wie andre sagen, den König von Böhmen gefangen mit zween seiner Ritter, indem er ihn bei den beiden güldenen Ketten ergriff, die er am Halse trug, und aus dem Haufen an sich zog. Die Engelländer aber töteten aus Abgunst den König, damit Hinrik nicht den Ruhm behielte. Doch ist er wegen dieser herrlichen Tat der Isern Hinrik genannt worden, und der König von Engelland hielt ihn hoch, und machte ihn zu einem Hauptmann in seinem Heere.

Darüber wurden die Englischen noch neidischer. Als Isern Hinrik darum einmal auf Fütterung mit seinen Leuten ausgegangen, fielen sie ihn feindlich an; aber die Schützen der Holsten zogen voran, trafen viele und manche der Englischen mußten tot auf dem Platze bleiben. Der König selber kannte der Seinen Hinterlist wohl und hörte auf ihre Klagen nicht, sondern hatte den Grafen nur desto lieber.

Es war auf eine Zeit aber der König in fremden Landen; Graf Hinrik aber blieb auf dem Schlosse samt der Königin, der die Verleumder immer in den Ohren lagen und sprachen: »Es hat der König diesen deutschen Sachsen vielen in Engelland von hohem Adel fürgezogen; wer weiß aber oder will glauben, ob er auch einer vom Adel ist und sich nicht bloß um sein Glück zu machen dafür ausgegeben hat? Es ist die Natur des Löwen, daß er einem gebornen Herrn kein Leid tut: lasset uns versuchen, ob der Graf Hinrik einer sei.« Also gewannen sie die Königin, die dem Grafen auch nicht die Ehre in ihrem Lands gönnte, und da sie wußten, daß er sich des Morgens vor Tage in die frische Lust zu begeben pflegte, und im Schloß herumspazierte und dann nachsah, ob alles recht verwahret sei, so ließen sie eines Abends den Löwen los, den der König sich hinter einem Gitter eingesperrt hielt, und dachten er solle den Grafen als einen unedlen zerreißen.

Graf Hinrik stund des Morgens, wie er pflegte, in der Dämmerung auf, und schlug einen langen Mantel nackend um, hängte ein Messer an einem Riemen um den Hals und ging also in den Hof hinunter. Wie er herab kam und sich nichts besorgte, sprang der Löwe ihn grimmig an und brüllte. Der Graf aber unverschrocken griff an sein Messer und sprach mit ernstlicher Stimme: »Bis stille, bis stille, du frevellicher Hund!« Und alsobald legte sich der Löwe stumm zu des Grafen Füßen. Darüber verwunderten sich alle die andern, die heimlich zugesehen hatten; der Graf aber nahm ihn und führte ihn wieder in seinen Stall.

Presbyter Bremens. bei Westphalen III, 86 ff.; Albert Kranz, Saxon. IX, 24. Johann Petersen S. VI. – Die Sage vom Löwen ward später auf den Herzog Adolf übertragen; s. unten Nr. 27. Albert Kranz erzählt dieselbe auch als eine ungarische, und Bechstein, Thüring. Sagen I, 73 vom Landgrafen Ludwig, Thiele, Danm. Folkes. I, 67 von Christian IV.

2.

Andere erzählen noch:

Der Graf sei einmal mit mehreren Engelländern von hohem Adel während eines Festes vor des Löwen Gegitter gestanden. Da er nun wußte was die bösen Zungen über ihn redeten, und er die Natur des Löwen kannte, öffnete er es und sprach: »Ist jemand unter Euch vom rechten Adel, der tue mir nach, was ich jetzt tu«; und ist alsobald zum Löwen unerschrocken hineingegangen und hat ihm den Kranz aufgesetzt, den er des Festes wegen auf dem Haupte trug. Darauf ging er wieder heraus ohne sich umzusehen, der Löwe aber stand stille, gleich als wäre er darob entsetzet. »Ist nun jemand unter Euch«, sprach der Graf zu den Edelleuten, »der seinem edlen Geschlechte getrauen darf, der hole mir mein Kränzlein wieder, das ich drinnen gelassen habe.« Da sind alle schamrot geworden und davon gegangen, ohne ein Wort zu sagen.

Albert Kranz und Johann Petersen a. a. O.

3.

Graf Hinrik aber war der Nachstellungen der Engelländer müde und bat den König um Urlaub. Darüber ward dieser nicht wenig betrübt und bot ihm Land und Schlösser zu Eigen, wenn er bleiben wollte; aber da der Graf auf seinem Willen bestand, hat er ihm und seinen Erben ein Jahrgeld ausgesetzt von vierhundert, oder wie andre sagen, von hundert Nobeln.

Darauf ist der Graf in die Dienste des Papstes Urbanus gegangen, und hatte auch hier viel von der Hinterlist seiner Feinde zu leiden, entging aber glücklich aller Fahr durch seine sonderliche Behendigkeit und Stärke.

Weil der Papst viel von seinen Kriegstaten gehört hatte, machte er ihn zum Hauptmann über sein Heer. Der Graf aber wohnte in Rom in einer öffentlichen Herberge; die zum Schwerte genannt war. Als er nun zum Heere abreisen wollte; warnte ihn der Wirt; der ein Deutscher war, und die Art der Welschen wohl kannte, vor ihrer Hinterlist und Tücke. Der Graf aber meinte, er wäre niemands Feind, auch keinem vor der Zeit aus dem Felde gewichen, er wolle in Gottes Namen reiten. Da sprach der Wirt: »So nehmet Eures Dieners Kleider und Rüstung und tut ihm Eure wieder«; das tat der Graf und ritt also fort. Wie sie darauf in einen engen Weg kamen, wurden sie von einer großen Zahl feindlich angerannt, und obwohl sie riefen, sie seien Freunde und nicht Feinde, kehreten die Welschen sich nicht daran, bis sie den erschlagen hatten, der mit des Grafen Rüstung geziert war. Da fragten sie erst, wer sie wären und von wannen sie kämen. Als sie nun hörten, wen sie erschlagen hätten, stellten sie sich sehr betrübt und sagten, sie seien von ihrem Hauptmanne abgefertigt, alle gefangen zu ihm zu bringen, die ihnen begegneten; sie sollten nun auch mit ihnen reiten.

Wie sie nun zu dem Hauptmanne ins Lager kamen, stellte auch der sich sehr betrübt, merkte aber bald, daß der Graf noch am Leben sei, und schwur einen Eid ihm kein Leid zu tun, wenn er sich ihm anzeigen wollte. Da nun der Graf und die Seinen alle gefangen waren, hielten sie nichts für besser als die Wahrheit zu sagen. Da empfing ihn der Hauptmann mit großer Herrlichkeit, wie man Fürsten zu empfahen pflegt, sagte ihm aber wie unrecht der Papst an ihm gehandelt habe, daß er einen fremden Hauptmann, ehe seine bedungene Zeit um wäre, an seine Stelle setzen wolle; wollte er so lange verziehen, werde er ihm gerne weichen. Das wollte aber der Graf nicht, sondern begehrte lieber sogleich wieder zurück zu reiten. Solches ward ihm gewährt und er entkam auch diesmal der Gefahr. Daraus ist er eine Zeitlang zu Bologna gewesen, wo der Papst wohnte; hat aber vergeblich gewartet, daß ihm seine Zehrung und erlittener Schade erstattet werde. Als es ihm endlich zu gebrechen anfing, zog er zum Herzog von Mailand, der ihn herrlich empfing und ihn weiter bis Köln geleiten ließ. Da nahm er auf Glauben so viel Gelds von den Kaufleuten, daß er wieder in sein Land zehrte. Solches hat er ihnen in Lübeck nachher freundlich bezahlet.

Früher war Graf Hinrik auch im Dienste eines Königs von Schweden gewesen. Da er nun einmal wider die aufrührerischen Finnländer geschickt ward, kam er mit seinem Kriegsvolk durch Wadsteen, wo eine heilige Frau wohnte, mit Namen Brigitte St. Brigitta starb 1383 in Rom., die zukünftige Dinge weissagen konnte. Das bewegte ihn, daß er zu ihr ging und von ihr forschte, wie der Krieg ein Ende gewinnen würde. Da antwortete ihm die Frau, wenn er das Land unter sich bringen wolle, so müsse er sonder Waffen und Kriegsrüstung dahinziehen. Alsobald kehrte Graf Hinrik sich zu den Seinen, die umher standen, und sprach: »Dieses Weib ist landbürtig, und ich bin hier fremde; was läge ihr daran, wenn wir alle um unser Leben kämen? Ich will mich in Harnisch rüsten in Gottes Namen.« Darum verachtete er ihren Rat, zog mit Gewalt in Finnland, bezwang das Volk und kam also in Frieden wiederum nach Hause.

Man erzählt noch heute, daß den Isern Hinrik einmal seine Feinde haben fangen wollen, da er sich gerade in einem Saale oben in einem Hause befand. Da sie sich nun um ihn drängten und kein Ausweg weiter war, ist er in voller Rüstung durchs Fenster in den Hof gesprungen und also ihnen glücklich entkommen.

Darum sagt man auch immer noch von einem, der alles durchmachen kann, und den nichts so leicht anficht: » Dat is recht en isern Hinnerk

Presbyter Bremens. bei Westphalen III, 91 f., 75 f. Die Nordelvische Sassenchronik Staatsbürgerl. Magazin 3, 360 weiß von Heinrichs Zuge zum Papste Historischeres zu erzählen, was ganz abweicht von der mitgeteilten Relation. – Mündlich.

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26. Graf Klaas.

(† 1400.)

1.

Nordalb. Stud. 3, 102.

Graf Klaas, Isern Hinriks Bruder, war gütig und freundlich gegen seine Untertanen. Wenn den Bauern von den Vögten Leid widerfahren war, so pflegten sie ihn in eigner Person zu besuchen und ihm die Sache vorzutragen; dann hörte er sie gerne. Wenn er sah, daß die Bauern nicht zu ihm gelangen konnten, ging er zu ihnen hinunter, fragte sie was ihnen fehlte und entschied ihre Sache.

Als einmal die Dithmarschen ins Land fielen und plünderten, brachte er in Eile nur dreißig Reiter aus seinem Hofgesinde auf und ließ die Bauern in der Nähe aus der Wilstermarsch und Hademarschen aufbieten, die willig folgten, und zog dem Feinde nach. Zuvor aber schickte er einen Kundschafter aus. Als dieser wieder zurückkam, sagte er, der Feinde seien so viele, daß es unmöglich sei, sie zu schlagen. »Barmherziger Gott«, rief da der Graf nach seiner Gewohnheit aus, »wie erschreckst du uns doch so! folget mir nach, wir müssen doch sehn, wer die sind, die uns unser Gut stehlen.« Als sie nun den Dithmarschen nahe kamen, standen diese und hatten ihre Spieße in die Erde gesteckt und ließen die Spitzen sehen. Da hub Graf Klaas an: »Da sind die Metzen, die tanzen alle! lasset uns fröhlich alle den Reigen treten. Wird aber jemand ausdrehen und nicht mit in der Reihe bleiben, der soll nicht wert sein, daß wir ihn ferner unter uns leiden.« Und also ging es an den Tanz. Der Graf setzet seinen Spieß an und rennt auf die Dithmarschen zu; desgleichen taten seine Diener und die Bauern. Da war ein starker Dithmarsche in einer gestickten bunten Jacke. Den ersah sich der Graf und kämpfte eine Weile mit ihm. Endlich schlug er mit dem Schwerte ihn mitten voneinander, in einem Hiebe vom Kopfe bis zum Sattel. So wurden die Dithmarschen überwunden und flohen, obwohl sie die Übermacht waren. Die Schlacht geschah bei Tipperslo.

Lotterbuben und Schmeichler konnte Graf Klaas nicht leiden. Einmal kam ein solcher aus Dänemark zu ihm nach Itzehoe, und hatte kostbare Kleider und Ketten an, verziert mit den Wappen der dänischen Edelleute. Der Graf ließ ihn unten an der Tafel bei den Spielleuten sitzen und da die Mahlzeit geschehen war, schickte er ihm vier Schilling zum Trinkgeld. Da sprach einer von seinen Räten, daß es doch nicht schicklich wäre, einen solchen Mann mit so kleinem Biergelde gehn zu lassen; »wenn er zu andern Herren kommt, wird er von Eurer Kargheit sagen, und Euch in übles Gerücht bringen.« »Barmherziger Gott«, hat da der Graf geantwortet, »was sucht der Bube bei mir, dieweil er kostbarere Kleider trägt als ich? Wie kann er mir ein bös Gerüchte machen? Von mir kriegt er nicht mehr.«

Presbyter Bremens. bei Westphalen III, 107 ff. Albert Kranz, Saxon. X, 10.

2.

Graf Klaas hatte zu einer Zeit viele Schlösser auf Fünen inne, die ihm der König Waldemar in Pfand gegeben. Dieser aber versuchte mit einem großen Heer sie ihm wieder abzunehmen. Denn er belagerte die Burg Hakenschow, die Herr Benedict von Alevelde inne hatte, und war mit davor in eigener Person. Er versuchte es auf einen Tag, sie mit Sturm zu gewinnen, erst mit den Schildknechten, die ihrer Junker Panzer anhatten, und als die totgeschlagen waren, noch einmal mit den Bauern. Da sagten seine Edelleute und Hofgesinden zu ihm, warum er doch wollte sein Volk vergebens in die Wagschale hängen? ob er nicht sähe, daß man denen auf der Burg mit Bauern nicht möchte widerstehn oder sie erstürmen. Der König antwortete und sagte: »Ich sehe, daß ihr nicht daran wollet; so muß ich die dazu ansetzen, die ich dazu vermag. Der Schildknechte und Bauern Mutter ist nicht tot, deren sind noch mehr da.« Doch mußte der König von der Burg wieder abziehn, als viele Leute davor gefallen waren und er seinen Willen nicht schaffen mochte.

Weiter hatte Graf Klaas auf demselben Eiland Fünen eine Burg auf dem Manberge erbaut. Da erwartete er den König mit den Seinen jeden Tag. Eines Tages aber, da die Frau des genannten Herrn Benedict von Alevelde verstorben war und sollte begraben werden, hasteten die Holsten zu dem Begräbnis. Das ward der König gewahr und kommt mit seinem Heer zu dem Grafen Klaas und lieferte ihm eine Schlacht auf dem Manberge, und behielt das Feld und schlug zu Tode und griff viele Holsten. Graf Klaas verlor ein Auge im Kampfe und ward von einem dänischen Reiter gefangen. Der zog ihm den Panzer aus und ließ ihn geloben, daß er wieder käme, darauf er ihm erlaubte, zu gehen wohin er wollte. Der Graf kam zu einem Bekannten und entwich also wund vom Felde und kam wieder in sein eigen Land. Abends aber oder des andern Tages nach dem Siege wollte der König wissen, wie es in der Schlacht ergangen wäre und was er für Gefangene hätte. Da kam einer mit den Waffen, Schild und Panzer des Grafen Klaas. Der König, da er dieses sah, fragte, wo der geblieben, dem der Panzer gehört und wie er sich genannt hätte. Da antwortete der Mann und sagte, er hätte sich Klaas Holste von Rendsburg genannt. Der König antwortete: »Er hat sich den rechten Namen gegeben, aber hättest du ihn behalten, so wärest du seiner am sichersten gewesen.«

Presbyter Bremens. bei Westphalen III, 93 f. Huitfeld I, 513, dem Dahlmann folgt, gibt die Erzählung von Klaas Gefangennahme weniger sagenhaft, doch sehr übereinstimmend. Von dem vorausgehenden Ereignis weiß er nicht. Die ältere lateinische Chronik im Archiv I, 214 erwähnt die Gefangennahme kurz als ein Gerücht.

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27. Herzog Adolf in England.

»Zu der Zeit des Sohns Herzog Adolfs, Johann Adolf, sagte man in Eiderstedt, hätte es im Lande mehr Silber und Gold gegeben als Eisen und Messing, und man hätte des Reichtums kein Ende gewußt. (Volkmar), Beschreibung von Eiderstedt. Vorr. VII. Daher bezieht man wohl das Sprichwort in Nr. 34 richtiger auf diesen oder den Vater.« (Mhff.)

(† 1586.)

Herzog Adolf, König Friederich des Ersten Sohn, der Besieger der Dithmarschen, war von Jugend auf ein beherzter und streitbarer Held. Als das Gerücht von seinen Heldentugenden nach England erschollen, hat ihm die Königin Elisabeth geschrieben, daß er in ihre Dienste kommen möchte. Man meint, daß sie ihn hat heiraten wollen und dadurch König Erichs von Schweden Bewerbung wäre verhindert worden. Herzog Adolf hat zu großer Verwunderung vieler an der Königin Hofe einem ihm entgegenkommenden Löwen die Hand unbeschädigt auf den Kopf gelegt und zu den Zuschauern gesagt, man sollte es ihm nachtun.

Adam Olearii Chronic. (1674, 4) S. 35.

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28. Klaas Lembeke.

Zs. f. s.-h. Gesch. S, 188. Johansen, nordfries. Sprache S. 258. Lied zur Warnung gesungen: Solinus, Chronologia (Hamborch 1615) S. 117 de Bade hedde en gern gewarnet, dörffte, ydt averst van wegen synes Eedes nicht dohn, sunder hoeff an en Leedt tho singen, darin gelyke Vorrederie gemeldet wert. Vgl. Detl. v. Liliencr. Ges. W. 2, 24. – Philippsen, Sag. v. Föhr 66 f. – Zum Herumführen der Kuh vgl. was Nr. 89 vom Schwein erzählt wird.

(Um 1350.)

In Jütland war eine edle Witwe, die das Schloß Dorning und viele Güter inne hatte! die nahm einen Holsten zur Ehe, den Ritter Klaas Lembeke, damit er sie verteidige. Als derselbe einmal auf den Höfen umherzog, die er mit der Wittfrauen bekommen hatte, fand er die Dänen, dieweil er ein deutscher Mann war, aufsätzig. Da er solches seiner Frau sagte, antwortete sie: »Ich bin ein Weib, und kann den Tisch decken und Essen und Trinken bestellen. Sieh du zu, daß du alles herbeischaffst. Es ist ein Sprichwort, daß die dänischen Bauern nicht gerne wenige beherbergen, sonder viele, wenn sie mit Gewalt kommen.« Das verstand der Edelmann, und nahm mit sich viele bewaffnete holsteinische Knechte und war den Bauern darnach willkommen.

Der König Woldemar warf bald einen Argwohn auf ihn und stellte ihm nach. Auf eine Zeit wollte er ihn mit einem Eide verpflichten, weil er in Jütland wohnte. Er aber sagte, er wäre seinen Herrn den Grafen von Holstein verpflichtet. Als ihm aber der König zusetzte, sah Klaas Lembeke sich um, und als er merkte, daß er mit guten Freunden wohl verwahret wäre, sprach er: »Dieweil der König einen Eid haben will, so schwöre ich ihm, daß ich ihm nimmer will getreu sein.« Darauf antwortete der König: »Du hast recht geschworen, und wir haben keinen Zweifel daran.« Es nahm der König seine Worte aber gar tief zu Herzen, obwohl er ein Lachen daran gab und sich's nicht merken ließ.

Eines Tages ließ er ihn zu sich rufen nach Wordenburg, unter sicherem Geleite. Klaas Lembeke kam zu Schiffe; als er nun zur Burg hinaufging, sang ein Knabe aus der königlichen Dienerschaft, dem er oft freigebig wie er war, ein gutes Trinkgeld gegeben hatte, ihm zur Warnung diese Worte:

»Das Wasser steht beim Feuer und siedet schon:
Die Eber mögen nur kommen.«

Als Klaas Lembeke das hörte, verstand er ihn wohl, begab sich eilend wieder auf sein Schiff und entkam.

Später hat er dem Könige wieder einen Schreck gemacht. Einem Bischofe, von dem er wußte, daß er nicht schweigen konnte und der dem Könige betraut war, beichtete er als ein groß Geheimnis, das er ja nicht vermelden solle, daß ihrer viele wären, die den König vergiften wollten. Der Bischof entsetzte sich und schwieg so lange, bis er zum König kam. Der geriet darüber so in Furcht, daß er aus seinem Reiche nach Böhmen zog und lange draußen blieb.

Endlich hat der König Klaas Lembeke mit einem großen Heere in der Borgsumborg auf Westerlandföhr belagert. Nachdem er sich lange männlich gewehret, gebrach es zuletzt doch an Lebensmitteln. Nur eine Kuh hatten sie noch auf der Burg. Um den König glauben zu machen, daß sie noch gut versorgt seien, wurde diese jeden Tag, immer mit einer andern Haut bekleidet auf dem Burgwall herumgeführt. Aber der König ließ darum nicht ab und Klaas Lembeke mußte endlich in einer Nacht auf einem kleinen Boote durch den großen Strom, der noch heute vom Burgwall in die See hinausgeht, entweichen. Man weiß nicht, was aus ihm geworden ist. Alle seine Schätze hat er aber vorher da in die Tiefe versenkt und Leute, die nachher sie haben heben wollen, sind durch furchtbare Erscheinungen daran gehindert. Klaas Lembeke soll auch in Schwansen und in der Probstei ein Schloß gehabt haben, und man kennt ihn heutzutage noch recht gut. Den König aber hat es noch auf seinem Todbette gequält, daß er ihn damals nicht gebrüht hätte, als das Wasser schon heiß war.

Presbyter Bremens. bei Westphalen III, 73 f. Albert Kranz, Saxon. IX, 25. Huitfeld I, 485. Alardus bei Westphalen I, 1816. – Mündlich und durch Mitteilung des Herrn Schullehrer Hansen auf Sylt. Vgl. Nr. 322 Anm. – Die Geschichte von der Kuh wird auch noch heute in Törning selbst erzählt.

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29. Van dem edlen Helden Rolef Bojeken Sone.

Liliencron, Hist. Volksl. 1, 215.

(1404.)

1.

Dar is ein nie Raed geraden
To Gottorp up dem Schlate:
Dat hest Herr Klaes van Alefelde gedaen
Sinem edelen Herren to bate.

2.

He leet wol buwen ein gud Schlott
Unsem eerlichen Lande to gramme.
Do sprak sik Ralves Bojeken Sone
De beste in unsem Lande:

3.

»Tredet herto, gy stolten Ditmerschen,
Unsen Kummer wille wi wreken:
Wat Hendeken gebuwet han,
Dat können wol Hendken tobreken.«

4.

De Ditmerschen repen averlut:
»Dat lide wi nummer mere;
Wi willen drumme wagen Hals und Gut
Und willn dat gar ummekeren.

5.

Wi willen drumme wagen beide Got und Blot
Und willen dar alle umme sterven,
Eer dat de Holsten er Avermot
So scholde unse Land verderven.«

Neocorus I, 385. Hans Detlefs Mskr. Fol. 83. – to bate: zum Nutzen; wreken: rächen. Das Schloß war das feste Haus Delbrücks. Wir haben uns kleine Besserungen in Rücksicht auf Orthographie und Vers erlaubt; so auch später in den Liedern.

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30. Die adligen Frauen holen die Leichen ihrer Verwandten aus Dithmarschen.

Kl. Groth Ges. W. 1, 129.

(1404.)

Dreihundert holsteinische Edelleute, Bürger und Bauern ohne Zahl waren in der Schlacht in der Hamme von den Dithmarschen erschlagen. Die Leichname wurden nicht begraben, sondern blieben den Hunden, Wölfen und Raben zum Fraße liegen.

Die Dithmarschen gestatteten nicht einmal, daß ihre Freunde sie begruben; es sind die unbarmherzigsten Feinde. Sie verspotten die Toten und entkleiden sie; die Weiber recht wie wilde Tiere und Wölfinnen stecken die Magen auf hohe Stangen und führen sie umher. Man darf keinem Dithmarschen trauen; es gibt ein Sprichwort: »Weise mir deine Hand her; wachsen Haare drin, so will ich dir glauben.« Daher hieß es in einem Liede:

»Dem Dithmarschen kannst du Glauben geben,
Wenn du Haare in seiner Hand findest.«

Als die Frauen und Töchter der Erschlagenen deren elendes Los vernahmen und sie mit Bitten nichts bei den Dithmarschen ausrichteten, kleideten sie sich in lange weiße Gewänder wie Nonnen, gingen so ins Land und führten die Toten hinaus Zu einem ehrlichen Begräbnis. Die Dithmarschen aber ließen solches geschehen aus sonderlicher Andacht gegen die Jungfrau Maria.

( Presbyter Bremens. bei Westphalen III, 117.) Heinrich Ranzau bei Westphalen I, 99, 151. Neocorus I, 386, 333.

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31. Frau von Poggwisch.

Detl. v. Liliencron Ges. W. 2, 51. Joh. Meyer Ges. W. 4, 64.

(1404.)

Unter denen, die in der Hamme erschlagen wurden, waren auch die acht Söhne der Frau von Poggwisch. Ein Knabe ritt zu ihr und brachte ihr die Nachricht, wie es ergangen wäre; ihr Mann aber lebe. Voll Zorn und Schmerz richtete sie sich da auf und sprach: »Nun der Herzog tot ist, und dazu alle unsre Verwandte und alle seine Söhne, und er noch alleine lebt, so war er kein Mann und soll nicht länger mein Gemahl heißen und nimmer an meiner Seite schlafen.« Darauf verwünschte sie ihn und beklagte ihr Geschick. Da antwortete der Knappe: »Edle Frau, wohl lebt Euer Herr; aber zürnet nicht; denn er liegt schwer verwundet.« Als sie das hörte, da erhub sie ihre Hände und dankete Gott, daß er ihr solche Söhne und einen solchen Gemahl gegeben hätte, die nicht gezögert hätten Blut und Leben für ihren Herrn und ihr Land hinzugeben; und ging alsobald hinaus, wo der Kranke lag, verband ihm die Wunden und pflegte sein, wie eine getreue Hausfrau.

Heinrich Ranzau bei Westphalen I, 99, 152 etc.

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32. Margarethas Tod.

(1412.)

Margarethen, der Königin dreier Reiche, sollte es, nachdem sie durch ihre List allerlei Böses und große Zwietracht in unserm Lande angestiftet hatte, durch Gottes Willen am Ende ihres Lebens geschehn, daß sie nicht einen Fuß breit Landes hätte, darauf sie sterben konnte. Sie befand sich auf einem Schiffe im Flensburger Hafen; alsobald erhub sich ein greuliches Unwetter mit Blitzen und Donnern und in dem verschied ihre Seele.

Auch erzählt man, sie habe einen Ratmann zu Flensburg ungerechter Weise radebrechen lassen. In seinem letzten Augenblicke forderte er die Königin auf, nach dreien Tagen sich mit ihm vor dem höchsten Richter zu verantworten. So geschah auch. Am dritten Tage ward sie tot gefunden, da sie allein auf einem Schiffe war.

Presbyter Bremens. bei Westphalen III, 145. Nordelvische Sassenchronik im Staatsbürgerl. Magazin IX, 366. – In Flensburg wird noch das Haus gezeigt, wo Margaretha gewohnt, in der Angelbostraße an der Nordseite. Es sind zwei ganz alte Gebäude.

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33. Erich verwüstet Femern.

Schwitzendes Heiligenbild: Nr. 178. Pferdekopf als Brücke: Nr. 193. 226 Anm. Vgl. 378, 2 (Garstelbrett). Jb. f. Ldk. 5, 95 f. Sach, Geographie von Schl.-H. S. 21. Voß u. Jessel, Fehmarn S. 65. Johansen, d. nordfries. Sprache S. 222. Philippsen, Sag. v. Föhr S. 77. Carstens, Wanderungen durch Dithmarschen (1902) S. 15. – Zur Erklärung der Pferdeköpfe vgl. Sach, Herzogtum Schleswig 3, 36 u. Germ. Rom. Monatschr. 9, 28 f.

(1419.)

Zweimal hatten die Femerschen schon das große Heer des Königs zurückgeschlagen, und er vermochte nicht mit seinen Schiffen das Land zu gewinnen. Da übten die Einwohner und die Holsten, die ihnen beistanden, allerlei Mutwillen und Hohn, als er abzog: sie wiesen ihnen den Hintern und sangen:

Wenn de Koh kann Side spinnen,
Sall König Erich unse Land gewinnen.

Darüber aber ergrimmte er und seine Leute so, daß sie die Insel zum dritten Male angriffen und bei ihnen beschlossen sie zu gewinnen, oder lieber alle zu sterben. Die Einwohner wehrten sich männlich, erschlugen 1500 Dänen, des Königs Vetter und viele Edelleute und Ritter; aber endlich drangen die Dänen doch auf den Sand und wüteten nun wie tolle Hunde. Es galt ihnen alles gleich, geistlich und weltlich, jung und alt, Mann und Weib; Frauen und Jungfrauen wurden geschändet und dann greulich getötet, und viele Kinder ertränkt. Andere ließ der König aussetzen auf eine öde Insel, daß sie da verschmachteten. Es taten sich eine Anzahl Jungfrauen zusammen, machten einen Reihen und gingen tanzend vor ihn hin und sangen dazu, weil sie dachten, ihn so zur Barmherzigkeit zu lenken. So wie aber jede vor ihn kam, ließ er sie nacheinander erstechen. Zweihundert und mehr Leute hatten sich in eine Kirche geflüchtet; er aber ließ sie ohne Barmherzigkeit nackt und bloß hervorziehn, niederwerfen wie Schweine und wie Frösche spießen, daß das Blut in Bächen in den Straßen floß. Darnach beraubte er die Kirchen, und schonte nicht die heiligen Sakramente und Kleinode. Kirchen, Häuser und Dörfer wurden zerstört und bis auf den Grund niedergebrannt und alles Lebende getötet, daß nicht ein Hund im Lande blieb.

Als der König die Verödung sah, da graute es ihm doch; und als endlich ein heiliges Bild (man hat es lange nachher noch gezeigt) Blut schwitzte, ließ er ausrufen, daß wer noch am Leben wäre, sollte getrost hervorkommen und keines Übels zu befahren haben. Da waren von allen noch drei am Leben; der eine hatte sich in der Landkirchener Kirche verborgen, der andere in einer Schlucht bei Burg, und der dritte in der Vitzdorfer Steinkiste. Man zeigt diese Orte noch heute, und hat den König Erich auch bis auf diesen Tag noch nicht vergessen und lange noch ein Lied gekannt von dem greulichen Blutbade, das er anrichtete. Er aber hat für seines Lebens Zeit darnach nicht wieder froh werden können, und so oft er an den Tag, da er Femern eroberte, nur dachte, hat er immer bitterlich geweint.

(Bis zu diesen Zeiten ging auch ein großer Strom bei Oldenburg vorbei; den hatte König Erich verschüttet. Weil die Ostsee nun hier verlor, erweiterte sie ihre Bahn zwischen Femern und Holstein, und verschlang die Kolberger Heide. Im Weißenhauser Archive liegen noch Papiere, sagen die Leute, die beweisen, daß der Sund so schmal gewesen ist, daß die Leute von Flügge auf Femern grades Weges und trocknes Fußes auf einem hingelegten Pferdekopf nach Weißenhaus herüber kamen, um Hofdienste zu tun.)

Presbyter Bremens. bei Westphalen III, 161. Nordelvische Sassenchronik a. a. O. S. 368. Johann Petersen S. 122. Christian Kortholt, Femaria desolata. Hamburg 1695. S. 12. Hanssen, Femarn S. 284. etc. – Pastor Kählers Bericht, Mskr., an die Gesellschaft für vaterl. Altertümer. – Es sollen auf Femern noch Sagen existieren von den nächtlichen Spuken in den Ruinen des Schlosses Glambek, am Eingange des verstopften Hafens. Hanssen, Femern S. 314.

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34. Herzog Alf der Achte.

Zu Nr. 27.

Die Königin Margaretha von Dänemark ließ einmal die Kinder des Herzogs Geert vor sich kommen und gab dem ältesten Hinrik und dem jüngsten Alf ein Kleinod zum Zierat am Hut. Aber dieser junge Herr wollte es nicht auf seinem Kopfe haben. Da ließ sie es ihm auf den Ärmel binden; aber auch da riß er es wieder mit seinen Händen ab. Zuletzt ward es ihm auf den Rücken genäht. Da saß das Kind nieder, setzte den Rücken gegen die Bank, und rieb es herunter. Da prophezeite die Königin: »Du wirst ein großer Feind meines Reiches werden.«

Solches ist auch eingetroffen. Zu keiner Zeit war unser Land glücklicher, und es hat lange das Sprichwort gegolten: » Es ist nicht mehr wie zu Herzog Alfs Zeiten

Presbyter Bremens. bei Westphalen III, 160 u. 167. Das Sprichwort bei Laß, Husumsche Nachrichten; Krafft, Jubelgedächtnis etc.

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35. Ralves Karsten.

Liliencron, hist. Volksl. 1, 580.

(1434.)

Die Dithmarschen wurden in dem Jahre unter sich uneins und teilten sich in zwei Parteien. Von dem Hauptmann der einen, der Ralves Karsten hieß, sang man nachher diesen Vers:

Ralves Karsten kleiner Been,
Wo heftu dat also verseen
In disser sulven Saken:
Kummestu to Meldorp in.
Dien Hövet geit up den Staken.

Neocorus I, 404.

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36. Die Wogenmänner.

Heim. 4, 88 f. Eiderst. Beitr. z. Heimatk. 89 ff. Eiderst. Jahrb. 3, 69.

(1370.)

Die Wogenmänner hatten sich an der Westerhever eine große Burg gebaut, die hieß die Wogenmannsburg. Sie hatten kleine und große Schiffe und raubten damit binnen und außer Landes, und hatten die ganze Westerhever wüste gemacht. Das Gut führten sie alles auf die Burg und nahmen die schönsten Mädchen mit Gewalt mit hinauf und behielten sie da und gaben sie ihren Knechten. So hatten sie schon vierzehn ehrliche Bauerntöchter genommen und das ganze Land betrübte sich sehr darüber. Da versammelte der Staller Owe Hering aus den Landen Ewerschop und Utholm das Volk am Margarethen-Tage und zogen zu Schiffe und zu Fuß vor die Burg. Eine Jungfrau, die sie zuletzt hinaufgeholt hatten, hatte sich mit so schlauen Worten verteidigt, daß sie noch Jungfrau geblieben war; denn sie hielt sich so tapfer, als ob sie im Harnisch von der Burg stürmen wollte. Als nun die Lande mächtig und kühn davor zogen und stürmten, und die auf der Burg in großer Wehre stunden, schlich sie zu der Brücke, und ehe sie davon wußten, ließ sie die Brücke fallen und sprang damit hinunter und hielt sie also lange mit wehrender Hand, daß die Lande hinaufdrängeten und die Burg gewannen, was sonst ihnen nimmer gelungen wäre. Da hielt der Staller Owe Hering ein Ding vor der Brücke mit den zween Landen und der zween Lande Ratleuten über alles Volk, das man in der Burg gefangen hatte. Und es geschah ihnen, wie nach dem Rechte Räubern und Jungfrauenschändern geschieht. Alle Frauen und alles Gut, das auf der Burg war, nahmen sie und zerstörten dieselbige. Etliche Frauen versenkten sie ins Wasser; allem Mannsvolk aber schlug man die Köpfe ab und warf die Leichen in die See; es waren ihrer sechzig, ohne ihre Frauen. Die Frauen aber, die sie geraubt hatten, standen dabei, und sahen wie ihr Leid gerochen ward.

Aus den Baumaterialien der Burg erbaute man die Kirche und das Pastorat zu Westerhever, die jetzt auf dem Burgplatze stehen.

Nach Chronicon Eidorastad. im Staatsbürgerl. Magazin 9, 701. Heimreich ed. Falck I, 177. Peter Saxe bei Westphalen I, 1367.

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37. Klaas Störtebeker und Göde Micheel.

Im Hohlbeck zwischen Hude und Schwabstedt hat Störtebeker bei seiner Gefangennahme eine goldene Ankerkette in den Morast versenkt, die dreimal um Schwabstedt herumreicht (mündlich; vgl. Nr. 168 Kette um Krempe). Jb. f. Ldk. 10, 358. Heim. 9, 66. Urdsbr. 3, 116 ff. 126 ff. 6, 109. Voß u. Jessel, Fehmarn S. 65. Hansische Geschichtsbl. 1877, S. 53 ff. Frahm 55 ff. 178. Zs. f. schl.-holst. Gesch. 4, 21. 11, 245. 32, 232. – Zur Klage an den Stein vgl. Wisser S. 109. Bei Lorenzen S. 34 klagt das Mädchen dem Ofen (aus Broaker). Bolte 1, 19 Anm. – Zu 37, 2 vgl. die Geschichte vom Wassermann und seiner Liebsten Kl. Grvth Ges. W. 2, 48 f. Grundtvig, Danm. Folkeviser 2, 53 (Hadersleben). – Anm. Zum Streuen der Erbsen vgl. Kristensen 4, 1575. Fischer, Slesvigske Folkesagn3 (1890) S. 112 ff. Lorenzen S. 34.

(1400.)

1.

Störtebeker und Göde Micheel waren Seeräuber und trieben lange Zeit vor der Elbe ihr Wesen, so daß kein Schiff heraus oder herein konnte, sie hätten es denn erst vorgenommen. Unser König und die Hamburger konnten ihnen nichts anhaben. Endlich aber hat ein Blankeneser Fischer sie gefangen, als sie einmal in der Elbe lagen. Er war ihr alter Bekannter und Kamerad gewesen, ward freundlich von ihnen aufgenommen und bat sein Boot an ihr Schiff zu legen, weil das Wasser unruhig sei; er wolle sich Essen kochen. Da es nun Nacht ward und sie meinten, er sei mit dem Essen beschäftigt, schmelzte er Blei und lötete damit ihnen das Steuerruder fest. Unbemerkt entfernte er sich nun und machte den Hamburgern davon Anzeige, die ihn bis an seinen Tod dafür gut verpflegen ließen.

Drei Jachten machten sich sogleich auf, wie man versichert, eine aus Hamburg, eine aus Altona und die dritte eine preußische. Am Morgen fielen sie über die Seeräuber her, und da diese sich nicht rühren konnten, wurden sie nach tapferer Gegenwehr endlich alle gefangen. So brachte man sie, siebenzig an der Zahl, nach Hamburg und alle wurden auf dem Grasbrook geköpft, wobei so viel Blut floß, daß es dem Scharfrichter bis an die Knöchel ging. Nach der Hinrichtung fragte ihn der Senat, wie ihm dabei zu Mute gewesen sei. »O, gestrenge Herren«, antwortete er, »mir war so wohl dabei, daß ich auch noch den ganzen hochweisen Senat hätte abtun mögen.« Diese kecke Antwort aber mußte er mit seinem Leben büßen.

Vergebens hatten die Hamburger in dem Schiffe nach großen Schätzen gesucht; da man nichts fand, verkaufte man es endlich an einen Zimmermann, es zu zerschlagen. Als der aber die Säge ansetzte, traf er gleich auf etwas Hartes und bald schimmerte ihm das helle Metall entgegen. Er machte dem Magistrat Anzeige davon, und als man nun die Masten untersuchte, war der eine mit purem Golde, der andere mit Silber und der dritte mit Kupfer angefüllt. So waren auch die übrigen Balken ausgehöhlt. Man belohnte den Zimmermann reichlich und ließ aus dem Golde eine Krone verfertigen, die um den St. Katharinenturm reichte. Daraus haben die Franzosen später Dukaten geschlagen.

Mündlich von Herrn cand. theol. Rejahl aus der Elbmarsch und durch Herrn Hansen in Keitum auf Sylt und aus Tondern.

2.

Man weiß noch vieles von Störtebeker und Göde Micheel zu erzählen, und lange ist hier im Lande ein Lied von ihnen gesungen worden. Sie haben in Bombüll in der Wiedingharde, in der Uhlenflucht im Amt Steinburg, an der Stör nicht weit von Hohenaspe und Mehlbek, und anderswo, auch in Dänisch Wohld und Angeln, ihre festen Burgen und Schlupfwinkel gehabt. In den Schwabsteder Mühlenberg haben Störtebeker und Göde Micheel eine große silberne Tafel vergraben, und so arg mit Seelen verbannt, daß es niemand noch gelungen ist, sie zu heben. Bei Puttlos, an der Ostsee in der Nähe von Oldenburg, wo sie auch einen Sitz hatten, haben sie viele unterirdische Gänge angelegt, und da ihre Schätze verborgen; sie konnten dadurch vom Schlosse bis an das wilde Wasser kommen, und hatten ihren Ausgang beim Weinberg, einem Holz auf einem Berge. Daher hat man noch heute in Oldenburg das Sprichwort: » Du kümms tau laat in'n Wienbarg.« Da bei Oldenburg leben auch noch Nachkommen von Störtebeker.

Folgende Geschichte, sagen einige Leute, sei dem Görtmicheel passiert:

In Wandelwitz (oder in Kröß, wie andre sagen,) war einmal eine große hübsche Dirne. Aber auf einmal verschwand sie, und man wußte nicht, wo sie geblieben war. Die beiden Eltern grämten sich Tag und Nacht um das einzige Kind; aber alles Suchen war vergebens. Es vergingen sieben Jahre und fast hatte man sie schon vergessen; da war sie mit einem Male wieder da, und niemand wußte wieder, wo sie hergekommen sei. Die Freude der Eltern war groß; aber keiner konnte von ihr es herausbringen, wo sie so lange gewesen; sie sagte, daß sie es nicht verraten dürfe. »So klag es dem großen Stein, der neben der Seitentür liegt«, sagte die Mutter. Da ging die Tochter hin, kniete nieder und sprach:

Stein, ich klag Dir meine Not,
Der Räuber hat mich nach dem Weinberg weggeholt.

Und sie erzählte weiter, daß sie die sieben Jahre bei ihm gewesen sei und ihm sieben Kinder geboren hätte; sie hätte immer gerne einmal wieder nach Hause gewollt, aber der Räuber hätte es nicht haben wollen; sonst hätte sie es gut bei ihm gehabt und könnte über nichts klagen. Endlich habe sie Erlaubnis erhalten, aber ihm vorher versprechen müssen, keinem zu sagen, wo sie so lange gewesen sei, und er hätte geschworen, wenn sie nicht wieder käme, würde er ihren Kindern die Köpfe abhauen und diese auf einen Weidenzweig ziehen; käme sie aber wieder und hätte sie ihn verraten, so würde er sie dazu umbringen.

Während der Zeit, daß sie dem Stein das klagte, stand die Mutter hinter der Tür und hatte alles gehört, und weil sie ihre Tochter gerne retten wollte, ersann sie eine List.

Als diese zur bestimmten Zeit nach der Höhle zurückkehren wollte, sagte die Mutter: »Hier ist ein Beutel mit Erbsen; den nimm und wie du gehst, laß eine Erbse nach der andern fallen bis dahin, wo der Räuber wohnt.« Die Tochter merkte wohl, was die Mutter im Sinne hatte. Sie hatte den Räuber lieb gehabt; aber da sie nun wieder zu ihm sollte, graute ihr doch vor ihm. Sie nahm daher den Beutel und tat wie ihr gesagt war. Der Räuber war hocherfreut, als sie wieder kam, und nahm sie aufs beste auf. Aber bald kam sie ihm doch wunderlich vor, und er wußte nicht was er denken sollte. »Komm«, sagte er, »kämme mir das Haar und lause mich ein wenig!« Und damit legte er ihr seinen Kopf in den Schoß. Wie sie nun saß, und tat wie er gesagt hatte und sie daran dachte, daß sie ihn verraten habe und er sie doch immer so lieb gehabt hätte, und nun wohl bald die Leute aus dem Dorfe kämen und ihn totschlügen, da ward ihr weich und die Tränen fielen ihr aus den Augen nieder in den Schoß. Als der Räuber nun die warmen Tropfen im Gesicht fühlte, da sprang er auf, ergriff ihre Kinder und tötete eins nach dem andern, zog die Köpfe auf einen Weidenzweig und hängte sie in der Höhle auf. Das mußte sie erst all mit ansehn, und darauf wollte er sich auch über sie her machen. Aber da kamen die Wandelwitzer eben zur rechten Zeit (die Mutter hatte ihnen den Weg gezeigt) und überfielen den Räuber und töteten ihn. Also ward die Tochter gerettet; sie ward in ihrem Leben aber nicht wieder froh und glücklich.

Mündlich und nach Mitteilung des Herrn Schullehrers Knees in Neumünster. – Ähnlich erzählt man eine Räubergeschichte an einer Stelle an der Landstraße zwischen Flensburg und Husum. Die Räuber hatten einen Zwirnsfaden über den Weg gespannt, der eine Glocke in der Höhle anzog; s. Nr. 324. Thiele, Danm. Folkes, I, 361 f. Ein kleines Bettelmädchen, das sie bei sich hatten und das alles für sie einkaufen mußte, verriet endlich alles einem Stein, was Feldarbeiter hörten. Am Sonnabend streut sie Grütze etc. Vgl. Thiele, Danm. Folkes. I, 235, 373, 376. – Vom Papendöneke, einem Räuber, von dem man in Mecklenburg (Firmenich S. 71; Hilscher, Dresdener Totentanz), Lübeck und Hamburg viel zu erzählen weiß, erzählt man in Lauenburg: Papendöneke hatte seine Höhle dicht am Ratzeburger See und beraubte die Lübecker Kaufleute. Jedes Weib, das er raubte, beschlief er, und sobald sie ein Kind geboren, tötete er dasselbe und dann die Frau. Seine siebente Frau hatte er aber zu lieb, er tötete nur ihr Kind, und zog die Köpfe seiner sieben Kinder auf eine Schnur und tanzte herum:

So danzet he,
So danzet he,
So danzt de Papendöneke
Mit sine sœwen Söneke.

Er beschenkte die Frau mit Gold, Edelsteinen und kostbaren Kleidern, und sie erhielt endlich die Erlaubnis, zu Markt zu gehen, nachdem sie mit einem Eide geschworen, keinem Menschen etwas zu verraten. Auf dem Markt in Ratzeburg begegnet ihr aber ihr Bruder, er erkennt sie und fragt, verwundert über ihren Reichtum. Sie kann ihm nicht viel sagen, sondern kauft sich einen Scheffel Erbsen, stellt sich an den großen Stein in der Langebrüggerstraße und klagt dem ihre Not. Darauf nach Hause gehend streut sie Erbsen etc. Papendöneke wird in Lübeck gerichtet. – Vgl. Kuhn, Märk. Sagen Nr. 211, und Harrys Sagen Niedersachsens I, 53.

3.

Caspar Dankwerth in seiner ungedruckten Chronik zum Jahre 1404 (?), wie auch Happelius, der lange Zeit in Hamburg gewohnt, bezeugen, daß man zu ihrer Zeit noch ein altes Lied von Klaas Störtebeker und Göde Micheel gesungen habe. Davon kennt man jetzt nur noch den Anfang, der so lautet:

Störtebek un Gœtmicheel
Roften beid to glike Deel
To Water un to Landen.
Se roften so lang dat't Gott verdroot,
Do worden se to Schanden.

Und eine andre Stelle lautet also:

De bunte Koh ut Flandern kam
Mit êhr stahlifern Hörn.

So hieß nämlich das Schiff, das die Räuber einholte, als der schlaue Fischer ihr Steuerruder angelötet hatte.

Man zeigt in unserin Lande auch noch auf Schmoel, an der Ostsee, hinter dem Schloßgarten auf der Wiese einen Erdhügel, der mit einem breiten Graben umgeben war und von wo aus ein Kanal in die See führte. Da hat Störtebeker einen Wartturm gehabt. Er hatte auch das Gut Bülk im Dänisch-Wohld in Besitz und hatte daselbst ein großes Schloß, wovon man noch viele Überreste findet. Da in der Nähe liegt ein hoher, mit Bäumen bewachsener und von Graben umgebener Berg, der die Störtebekerinsel heißt. Hier hatte Störtebeker seinen versteckten Wartturm, von wo aus er das Meer beobachtete und den vorübersegelnden Schiffen auflauerte.

Dankwerths Chronik in Abschrift auf der Kieler Universitätsbibliothek. Happel, Relat. curios. III, 589. – Die Bruchstücke erhielt ich durch Dr. Klander aus Plön. Das ins Hochdeutsche umgesetzte Lied findet sich vollständig im Wunderhorn II, 167. Fernere Nachweisungen in Dr. Laurents Abhandlung in der Zeitschrift des Vereins für hamburgische Geschichte Bd. II, Heft 1, S. 59 f., S. 99.

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38. Die Räuber in der Engelsborg.

Ungeheure Wälder: Nr. 114 ff. 151 ff. Heering, Bäume u. Wälder Schlesw.-Holsteins (1906) S. 11.

Zwischen Nindorf, Bargenstede und Varenwinkel bei Meldorf liegt die Engelsborg. Die ist so hoch, daß man von da ins Land Wursten jenseits der Elbe sehen kann. Früher haben da einmal Mörder gewohnt in der Kuhle, aus der man meint der Berg herausgetragen sei. Viele Jahre haben sie da ihr Gewerbe getrieben und viel Schaden ringsumher angerichtet. Ein Mädchen hatten sie geraubt und lange bei sich gehabt; die aber hat endlich mit Wolle Zeichen gegeben, wo sie sich aufhielten. Und da man ihnen nun nicht anders beizukommen wußte, hat man sie mit siedend heißem Wasser aus der Höhle heraus geschmort. Zwei wurden gefangen und bei Meldorf hingerichtet. – Es ist aber das Land hier vor Alters voller Holzungen und Wald gewesen, also daß ein Eichhörnchen von der Singel in Meldorf an bis zu Osten an des Landes Grenze auf eitel Bäumen springen konnte, ohne den Boden zu berühren. Daher überall viele Spelunken und Mörderkuhlen im Lande gewesen sind, sonderlich zu der Zeit ehe Karolus Magnus den christlichen Glauben einführte.

Neocorus I, 255. Hans Detlefs, Mskr., Fol. 32b. Vgl. zu Nr. 114.

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39. Der lange Peter.

Jb. f. Ldk. 1, 132. Zs. f. schl.-h. Gesch. 16, 385. 19, 115.

Der lange Peter war von der Insel Sylt gebürtig und ward ein Seeräuber. Seine Matrosen und Schiffsleute hatten zum Zeichen ihres Ordens aus ihren Kleidern an der einen Seite den Galgen und an der andern ein Rad. Er pflegte sich zu nennen:

Der Dänen Verhêrer,
Der Bremer Vertêrer,
Der Holländer Krüz und Beleger,
Der Hamborger Bedreger etc.

Von ihm ist noch eine Schanze in den Dünen auf Sylt zu sehen.

Sie plünderten einmal da zu einer Zeit als die Männer von der Insel fast alle auf der See waren. Da vereinigten sich alle noch übrigen Einwohner, jung und alt, Weiber und Männer, besonders aus den Dörfern Westerland und Tinnum, und zogen ihnen entgegen, indem sie das Lied dazu sangen:

»Dat geit dar na to mit alle Mann
Mit Bössen, Stahl en Forken:
De hier nicht fechten will en kann,
Dat sind woll rechte Schorken.«

Man schlug die Räuber und nahm ihrer acht in dem Hause des Strandvogts Erk Mannis gefangen. Sieben wurden nachher auf dem Galgenhügel zu Norden Keitum gehenkt; den achten ließ man laufen, weil er noch ein Knabe war. Er rächte aber nach einigen Jahren den Tod seiner Genossen, indem er in einer Nacht das Haus jenes Strandvogts anzündete und abbrennen ließ.

Grauer, Erklärung des Götzendienstes Horn S. 64. Tondern 1737. Bei Rhode, Antiquitäten Remarques und nach einer Mitteilung des Herrn Schullehrers Hansen auf Sylt.

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40. Andere Seeräuber.

1.

Aus der Koppel »Munkesmark« im Gute Gammelgaard auf Alsen sind Mauerreste gefunden, die zu einer von Kai zerstörten Burg gehört haben sollen; vgl. Provinzialber. 1831, S. 308. Die Kirche auf Kekenis ist zur Sühne gebaut, weil der Herzog Johann der Jüngere 3 Bauern aus Klintig wegen Diebstahls hatte hängen lassen, deren Unschuld sich später herausstellte (Schriftl. Mitt.).

An der südöstlichen Ecke der Insel Alsen liegt eine Halbinsel Kajnäs, die durch einen schmalen Landstrich mit Alsen zusammenhängt. Dort stand früher eine Burg, in der der Nässekonge Kaj hauste und Seeräuberei trieb. Man wußte viel von ihm zu erzählen, und ein Prediger in Lysabbel hat das einmal alles aufgezeichnet.

Hansen im Archiv für vaterl. Geschichte IV, 292, und Zollassistent Paschke im Bericht der Gesellschaft für vaterl. Altertümer 1836, S. 6. Vgl. Dansk Atl. VII, 435. – Auf der Halbinsel Kekenis von Alsen, vormals ganz bewaldet, erbaute Andreas Kai eine Burg, Kaiborg, wovon noch Spuren. Er hatte den Junker, der auf Munkgaardsmark sein Wesen trieb, im Zweikampf getötet, ging nach Rom und erhielt vom Papst Ablaß unter der Bedingung, eine Kapelle am Orte des Zweikampfes zu erbauen. Daher die heilige Blutskapelle. Vgl. Thiele, Danm. Folkes. I, 220. – In Schelde auf Sundewitt wird viel von einem Seeräuber Ons erzählt; auch auf Gammelgab war einer. Schröder, Topographie von Schleswig.

2.

Bei dem Dorfe Wisch in der Probstei lag ein Schloß Bramhorst, wo lange Zeit Seeräuber wohnten, bis die Kaiserlichen die Burg zerstörten; sie hatten auf dem Kaisersberg ihr Lager.

Schmidt in Provinzialberichten 1812, 270. Vgl. 1815, 594.

3.

Jb. f. Ldk. 10, 30. Kristensen 4, 1272 f. – Über den Seeräuber Alf, nach dem das Alfsnoer am Sundewitt benannt sein soll: Nr. 324; Niemann, Handb. der schl.-h. Vaterlandskunde (1799) 1, 63; Heim. 2, 84 ff.; Lorenzen S. 35 ff. über den Seeräuber Cord Wittrich auf Pellworm: Jb. f. Ldk. 3, 445. 4, 143 f. Eine Seeräuberburg soll bei Offenbüttel gestanden haben; nach der Tochter des Burgherrn Gisela, die sich ins Wasser stürzte, soll die Gieselau benannt sein; vgl. Schacht, Geschichte d. Kchsp. Albersdorf (1908) S. 17. Über einen Seeräuber, der auf Schmoel hauste, f. zu Nr. 543. Ein Seeräubernest war auch in Blansmark bei Ulderup: Kristensen 4, 1285. Vgl. auch Schütze, Schlesw. Folkesagn S. 177 ff.

Auf der kleinen Insel, die Barsö heißt, bei Apenrade wohnte einst ein König Bars, der sehr unruhiger Natur war. Vor Jahren hat man noch ein Lied von ihm gesungen, das so anfing:

Hvad om den gamle Bars
Endnu engang saae op etc.

Dutzen, Altertümer Schleswigs S. 56.

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41. Peter Muggel.

Bock mit Leuchte vgl. Nr. 539. Verkehrte Hufeisen zu Nr. 7, 2. – Zur Vermengung mit dem wilden Jäger vgl. Nr. 567. 575. 577, wo überall der dreibeinige Schimmel erscheint (über diesen s. auch Nr. 134. 322, 1 A. 375, 1. 390. 527. Auch der »Kuhtod« hat nur 3 Beine: Nr. 383). – Über andere berühmte Räuber: Urdsbr. 1, 1, 17. Heim. 6, XIV. Jb. f. Ldk. 4, 144. Eine Bauernstelle in Sieversdorf (Fürstent. Lübeck) soll früher im Besitz des Räuberhauptmanns Ott Ohrt gewesen sein; nach seinem Tode hat es dort heftig gespukt; ein Schimmel hat durch die Bodenluke gesehen u. a. (Schriftl. Mitt.).

In den Zeiten, als Hamburg und Lübeck noch mächtig waren, hatte der kühne Räuber Peter Muggel das Dorf und Schloß Schwienkuhlen bei Ahrensbök in Besitz. Von hieraus plünderte er die ganze Umgegend und besonders paßte er den Kaufleuten und den mit Waren bepackten Wagen auf, die zwischen jenen beiden Städten hin- und herzogen. Bald ward es diesen jedoch zu viel und sie schickten ihre Soldaten, die das Dorf und das Schloß in einen Trümmerhaufen verwandelten. Der Hügel, wo das Schloß stand, heißt heute noch der Muggelberg. Aber Peter war längst auf einen solchen Überfall gefaßt gewesen und hatte seine besten Schätze und sein bares Geld, das er sich zusammengeraubt hatte, schon in eine Höhle bringen lassen, die er in der Klenzauer Weide, einem Holz bei dem Dorfe Klenzau, eigens dazu eingerichtet hatte. Als nun die Soldaten sein Nest zerstörten, floh er auf seinem Schimmel dahin und setzte bald sein früheres Geschäft eifriger fort, als vorher. Alle Bemühungen der Städte, seinen Schlupfwinkel zu entdecken, blieben lange fruchtlos. Endlich fand man ihn, aber er wußte mit seinen tapferen Gefährten die gegen ihn ausgeschickten Leute zu schlagen. Die Bürger schickten aber immer neue Mannschaft, und so hatte Peter Muggel bald alle seine Genossen verloren und mußte fürchten, selbst in die Hände seiner Feinde zu geraten. Aber er wollte doch nicht seine Schätze an sie kommen lassen und selber das Äußerste versuchen.

In einer dunkeln, stürmischen Nacht berief er darum den Teufel. Bald erschien dieser in der Gestalt eines schwarzen Bocks und befahl ihm, eine Grube zu graben, um die Schätze da hineinzulegen. Als Peter die erste Erde aufwarf, ward es um ihn hell wie am Tage; denn vor ihm stand der schwarze Bock mit einem brennenden Licht unter dem Schwanze. Als die Grube fertig war, ward der Schatz gezählt hineingelegt und der Teufel setzte sein Siegel darauf, das noch als ein platter Stein zu sehen ist. »So«, sagte der Teufel, »nun ist dein Schatz verwahrt; willst du oder ein anderer ihn einmal wieder haben, so müßt ihr in einer eben solchen Nacht wie diese, mit einem eben solchen Bock wie ich bin, und der euch auf dieselbe Art leuchtet, kommen; aber wenn der Bock auch nur ein weißes Härchen hat, oder ihr anderes Licht gebraucht, wird eure Arbeit umsonst sein.«

Da nun bis auf den heutigen Tag des Teufels Siegel unberührt an demselben Orte liegt, so wird der Schatz auch nicht gehoben sein. Dem Peter Muggel aber waren seine Tage gezählt.

Bald machten die Lübecker wieder Jagd auf ihn. Weil er sich unsicher hielt, ritt er in der Dämmerung zu einem Schmiede, ließ seinem Schimmel die Hufeisen verkehrt aufsetzen und ritt so wieder in seine Höhle. So, meinte er, würden die Feinde glauben, er sei ausgeritten. Sie fanden auch bald die Spur und dachten auch wirklich so; aber in der Hoffnung, Schätze zu finden, gingen sie in die Höhle und fanden da den Räuber schlafend. Einer machte sich über ihn her und erstach ihn. Sie hätten ihn wachend auch gewiß nicht besiegt.

Seit der Zeit jagt Peter Muggel noch oft auf seinem dreibeinigen Schimmel in der Nacht durch das Dorf Gieselrade mit furchtbarem Gerassel und Getöse. Er reitet dann zu einem großen Teiche in der Nähe des Dorfes und schwemmt da sein Pferd und kehrt ebenso wieder nach seinem Schlupfwinkel Zurück. Jedermann muß sich hüten, ihm zu begegnen.

Mitgeteilt durch Herrn Schullehrer Kirchmann in Eutin und mündlich. Vgl. Grimm, Deutsche Sagen 128. – In einem Gehölze westlich von Gothendorf, Kirchsp. Eutin, ist ein kleiner runder Platz die Grabstätte von Peter Muggel, und östlich von Klenzau zeigt man eine runde Erhöhung mit einem großen Stein, wo er auch begraben sein soll. – 1469 verkaufte Frau Abel, Eggerd Muggels Witwe, das Dorf und den Hof Schwienkuhlen an das Kloster Ahrensbök. Schröder, Topographie von Holstein, unter Klenzau und Schwienkuhlen.

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42. Wesebye.

Frahm 115.

In Wesebye an der Schlei stand vor vielen Iahren eine große feste Burg, wo ein Fürst mit Namen Weser seinen Sitz hatte. Er trieb von da aus nach allen Seiten hin zu Wasser und zu Lande Räuberei und plagte die Umgegend aufs unbarmherzigste. Seine sanfte Schwester machte ihm oft darüber Vorstellungen und warnte ihn. Es kam denn auch bald so weit, daß die Ritter aus der Nähe und ihre Leute sich vereinigten und seine Burg überfallen wollten, als Weser gerade auf einem Raubzuge auf der Schlei abwesend war. Doch bekam er Nachricht; als er aber zurückeilen wollte, ward er, da er eben ans Land stieg, überfallen und gefangengenommen. Man stellte ihm die Bedingung, daß er am Leben bleiben sollte, wenn er seine Burg übergäbe. Da es keinen andern Ausweg für ihn gab, mußte er sich schon dazu verstehen. Allein seine treuen Leute auf der Burg hatten sich unterdes gerüstet und wollten nichts von einer Übergabe wissen, sondern beschlossen, das Äußerste zu wagen, brachen in Haufen heraus und fielen über die Feinde her, bis es ihnen gelang, ihren Herrn zu befreien. Die Burg war stark befestigt und mit allem wohl versehen: darum hätte sich die Belagerung nun sehr in die Länge gezogen, wenn es nicht den Feinden gelungen wäre, bei einem starken Winde sie in Brand zu stecken. An ein Löschen war bald nicht mehr zu denken; da beschloß Weser, lieber einen ruhmvollen Untergang als eine schmachvolle Gefangenschaft zu wählen. Mit seiner Schwester trat er aus einen Turm des Schlosses und stürzte vor den Augen der Feinde sich mit ihr in die Flammen. Das Schloß brannte bis auf den Grund nieder. Aus den Trümmern wurden später einige Hütten da gebaut und so entstand das Fischerdorf Wesebye.

Durch Herrn Schullehrer Nissen in Böklund.

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43. Adelbrand und Antolille.

Kristensen 4, 715 ff. in verschiedenen Fassungen.

Unfern der jütischen Grenze liegen zwei Güter Fobeslet und Drenderup, wo einst ein paar feste Burgen waren. Auf Drenderup hauste ein wilder, roher Ritter, Herr Adelbrand, der in heftiger Liebe für Fräulein Antolille auf Fobeslet entbrannte. Aber auf seine demütige Bewerbung gab das Fräulein ihm zur Antwort er gleiche dem Hunde ihres Vaters, und als er darauf zärtlicher und dringender seine Bitte wiederholte, meinte sie, er sei nicht besser als ein alter Pantoffel. Da war des Ritters Geduld bald zu Ende, seine Liebe verwandelt sich in grimmigen Haß, und er schwor der Stolzen die blutigste Rache. Seit der Zeit wagte sich das Fräulein nicht von ihres Vaters Burg.

Es vergingen sieben Jahre. Da verbreitete sich das Gerücht, Ritter Adelbrand sei auf einer Reise gestorben. Da atmete Fräulein Antolille auf und befahl, sogleich die Pferde vorzuspannen; sie wolle zur Kirche fahren, die sie so lange nicht besucht hatte. Aber kaum war sie auf dem Wege, als Adelbrand mit seinen Leuten hervorbrach, den Wagen anhielt, die Diener entwaffnete und das Fräulein ergriff. Dann band er die Unglückliche an den Schweif seines Pferdes und jagte so in wildem Galopp seiner Burg zu. Die Mutter sah von den Fenstern ihres Schlosses das Schicksal ihrer Tochter und starb vor Schreck und Schmerz mit ihr in demselben Augenblick. Kaum aber hatte Adelbrand die Tat vollbracht und seine Rache gekühlt, so fiel er in Verzweiflung und ermordete sich selbst. Am folgenden Morgen begrub man drei Leichen in Drenderup.

Obgleich aber Adelbrand feierlich bestattet ward, kehrte sein Schädel, in dem die böse List ersonnen war, doch stets zurück nach Drenderup und konnte keine Ruhe in der Erde finden. Selbst der jetzige Besitzer hat den Totenkopf noch fortbringen und begraben lassen, aber dennoch kam er wieder auf seinen vorigen Platz auf dem Boden des Herrenhauses zurück und hat da schon manchen, namentlich Diebe, erschreckt.

Schriftliche Mitteilung. – Auflösung eines Liedes. Danske Viser III, 386.

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44. Prinzessin Thyra.

Zs. f. s.-h. Gesch. 10, 12.

Up de Thürenburg bi lütten Dennewerk hett vœr lange Tiden ene Künnigsdochter seten, de würr Thüra nennt. Na êhr heet ok noch de Borg so. Nu keem da maal en frömde Prinß, de wull na êhr frien. He weer awer so häßlich, dat em keen Minsch liden kunn; de Prinßeß wull êm ok ungeern nêmen, se kunn em et awer nich afslaan. Toletzt füll êhr en Raad bi. As bald de Hochtied sien sull, nemen se en Spatzeerritt vœr, den ollen Wall entlank na Hollingstêd, da güng datomaal noch en Inbucht van de Westersee herin. Dahen reed se mit êhren Brüdegam. As se nu werrer torüch riden wullen, leet se mit eenmaal êhr Schörteldook fallen, as wenn de Wind dat weg weit harr. Da sê de Prinß: »Prinßeß, se hett êhr Schörteldook fallen laten; will se dat nicht mitnêmen?« Da sê se em to Antwoort darup: »Wenn he en rechtschapen Kavaleer is, sull he sülwen afstigen, junge Herr, un mi dat Dook upnêmen.« Da steeg he af un buck sik daal; sien Swêrt weer awer an den Sadel fast. Da reed de Prinßeßin hento, tröck dat Swêrt ut un slög em den Kopp af. As se nu to Huus keem, sull se seggen, wo êhr Brüdegam weer. »Ah!« seggt se, »wi reden den ollen Wall entlank, da kemen de Unholden achter uns un hebbt em faten krêgen un em den Kopp afslaan; ik awer reed weg.« Da würr de Dode upsöcht un in en Rifenbarg leggt up dat Esperstorfer Feld. Dat plegt man nu to nennen in de Dreebargen.

Nach mündlicher Relation im Dorfe Kurborg bei Schleswig wörtlich niedergeschrieben von Herrn cand. phil. Arndt.

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45. Herr Hinrich.

Zur Anm. »grone« ist nicht verdorben; es bedeutet »Begier«, »Verlangen«. Mnd. Wd. 2, 152. Doornkaat, Wörterb. d. ostfries. Spr. 1, 694.

1.

Herr Hinrich und sine Bröder alle dree
vull grone,
Se buweden ein Schepken, ein Schepken tor See
umb de adeligen Rosenblomen.

2.

Do dat Schepken dat Schepken rede wor
vull grone,
Se setteden sik darin, se forden all darhen
umb de adelige Rosenblome.

3.

Do se westwärts awerquemen
vull grone,
Do stunt dar ein Goldschmedes Son vor der Dör
mit der adeligen Rosenblomen.

4.

»Weset nu willkamen, gi Herren alle dree
gar hübsch und gar schone:
Wille gi nu Mede este wille gi nu Wien?«
sprak de adelige Rosenblome.

5.

»Wi willen nenen Mede, wi willen nenen Wien,
vull grone:
Wi willen eines Goldschmedes Dochterlin han,
de van adeligen Rosenblomen.«

6.

»Des Goldschmedes Dochter krige gi nicht,
gar hübsch und gar schone:
Se is Lütke Loiken alt togesecht,
de adelige Rosenblome.«

7.

»Lütke Loike, Lütke Loike de krigt se nicht,
vull grone:
Da wille wi dree unse Helfe umme wagen,
umme de adeligen Rosenblome.«

8.

Lütte Loike tog ut sin blankes Schwert,
vull grone;
He houw Her Hinrik sinen lütken Finger af
umb de adeligen Rosenblome.

9.

Her Hinrik tog ut sin blankes Schwert,
gar hübsch und gar schone;
He houwd Lütte Loiken sin Höved wedder af
umb de adeligen Rosenblomen.

10.

»Ligge du aldar, ein Krusekrol,
vull grone;
Min Herte dat is hundert dusend Freuden vull
umb de adeligen Rosenblome.

11.

Lütke Loike sine Kinder de weenden at so sehr,
vull grone:
»Morgen scholn wi unsen Vader begraven
umb de adeligen Rosenblomen.«

Mit kleinen Berichtigungen aus Hans Detleff, Fol. 26b, 27a. (Neocorus II, 569), vgl. Neocorus 1, 177. Das Lied ward in Dithmarschen beim Trümmekendanze gesungen. Vul grone ist vielleicht korrumpiert aus vul grome, voll Grimm; rede bereit; Krusekrol Krauskopf? – Uhland, Volkslieder I, 309.

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46. Klaas Steen.

Zs. f. schl.-h. Gesch. 11, 231. Urdsbr. 2, 93. Groth Ges. W. 1, 234.

Wer von Schalkholz nach Tellingstede geht, findet auf halbem Wege einen Stein aufgerichtet, mit alten verwitterten Buchstaben, den die Leute in der Umgegend Klaas Steen nennen und bei dem sie folgende traurige Geschichte erzählen.

Zwei Brüder, Klaas und Karsten Groth in Schalkholz, waren beide in ein hübsches Mädchen in Tellingstede verliebt. Sie war beiden gleich gut, aber keiner der Brüder wollte freiwillig vor dem andern zurücktreten. Endlich zog sie den jüngern Karsten vor, und als Klaas es merkte, erwachte in ihm die furchtbarste Eifersucht. Sein glücklicherer Bruder kam einmal an einem Abend von Tellingstede zurück, da lauerte er ihm auf halbem Wege auf und erschlug ihn. Zur Erinnerung an diese Tat ward der Stein gesetzt, und man will darauf die Worte lesen:

Klaas Groth
sloog hier sinen Broder dood.

Durch Herrn Schullehrer Gudenrath.

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47. Die beiden Brüder in Sundewitt.

Lorenzen S. 45 f. Von zwei Schwestern, die in Streit lebten, bis die eine im Zorn der anderen in die Kehle schnitt, erzählt man in Nordfriesland (Urqu. 4, 167); die Sterbende malte fortwährend ein M. in den Sand, um ihre Schwester Margarete als die Täterin zu bezeichnen.

Auf der Philippsburg in Sundewitt wohnte einst ein Herzog, der das Gut besaß; er hatte zwei Söhne. Als er auf dem Sterbebette lag, ließ er sich von ihnen die Versicherung geben, daß sie das Gut nicht teilen, sondern miteinander besitzen und verwalten wollten. Der Jüngere zog später nach Kopenhagen, um zu studieren, während der Ältere auf dem Hofe blieb. Dort verliebte sich jener in ein Mädchen und verlobte sich mit ihr. Als sein Bruder die Nachricht erhielt, lud er ihn ein, mit seiner Braut auf den väterlichen Stammsitz zu ihm zu kommen. Gerne folgte der Jüngere diesem Wunsche; beide Brüder hatten sich immer lieb gehabt, und darum verlebten sie auch die Zeit auf dem alten Schlosse ganz glücklich. Ja, das Vertrauen des jüngeren Bruders war so groß, daß als er beschloß, vor seiner Vermählung noch eine Reise zu tun, er seine Braut auf dem Schlosse zurückließ. Während seiner Abwesenheit heiratete der Zurückgebliebene die Braut des Bruders, und als dieser heimkehrte, wurde sie verborgen gehalten und dem früheren Bräutigam für tot ausgegeben. Vor lauter Betrübnis mochte er nun nicht länger an dem Trauerorte weilen und begab sich wieder nach Kopenhagen. Kaum aber war er da, so erfuhr er den Trug seines Bruders. Aber nur mit List konnte er sich rächen. Er kehrte nach einiger Zeit auf das Schloß zurück und stellte sich ganz freundlich; aber insgeheim verbündete er sich mit den Bauern umher und überfiel endlich mit ihnen das Schloß, nahm den Bruder gefangen und ließ die treulose Geliebte in den Schloßturm einsperren. Bald gelang es aber dem Gefangenen, sich loszumachen, und er sammelte einen Anhang, um seine Gattin zu befreien. Aber als sie die Burg stürmten, traf ihn ein Schuß aus der Hand des eigenen Bruders. So blieb der Jüngere zwar Sieger, er konnte nun aber nie mehr an dem Ort des Greuels glücklich werden. Darum ließ er seine ehemalige Braut ermorden und das Schloß bis auf den Grund zerstören; er verteilte darauf unter seine fünf Knappen sein angeerbtes Land (daraus sind die umliegenden fünf Höfe entstanden) und begab sich hinweg und ist niemals wieder gesehen worden.

Fünfter Bericht der Gesellschaft für vaterländ. Altertümer. 1840, 11.

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48. Die beiden Brüder auf Pellworm.

H. Börensen, Pellworm (1908) S. 46 »Der Blutfleck auf Seegarden.«

Die adligen Güter Seegaard und Gurde auf Pellworm waren vor Zeiten im Besitze zweier Brüder, von denen der älteste als erstgeborner jenes bekommen hatte. Sie lebten friedlich und glücklich miteinander, wie es Brüdern geziemt, und so wäre es auch wohl geblieben, wenn sie nicht beide auf ein Mädchen ihr Auge geworfen hätten. Man überließ ihr endlich die Wahl, und da sie sich für den älteren, den Erbherrn auf Seegaard, entschied, so erbitterte das den jüngeren Bruder so, daß er sich auf seine Burg zurückzog und sie so befestigte, daß er eine lange Belagerung aushalten konnte. Als nun die Hochzeit auf Seegaard gefeiert ward, erschien er plötzlich, wie alle bei Tisch saßen. Sein Bruder, meinend, er wolle ihn begrüßen, eilte ihm erfreut entgegen; er aber stieß ihn vor aller Augen nieder. Nach der Tat eilte er auf seine Burg. Aber die Freunde und Diener des Ermordeten belagerten ihn bald und erstürmten das Schloß. Er erlitt seine Strafe; die Burg ward geschleift und verlor ihre adligen Rechte. Aber noch heute sieht man ihre Spuren.

Husumer Wochenblatt. 1837, 47.

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49. Die beiden Brüder in Borsfleth.

Untilgbare Blutflecken: Nr. 53. 59, 2. 61. 229, 1. 234, 3. 258. 281 u. ö. Vgl. Danm. Folkem. 21, 18.

Bei Borsfleth (in der Nähe von Glückstadt) lebten einmal zwei Brüder in beständiger bitterer Feindschaft miteinander. Endlich brachten die Verwandten und Freunde durch langes Zureden es dahin, daß sie versprachen, in Zukunft Eintracht und Frieden zu halten; zur Bestätigung sollten beide das heilige Abendmahl nehmen. Als sie das Sakrament empfangen hatten und nebeneinander um den Altar herumgingen, um an der andern Seite den Wein zu empfangen, entbrannte plötzlich wieder die alte Flamme des Hasses in ihnen, und da sie sich beide so nahe sahen, zogen sie zugleich ihre langen Messer, wie man sie damals in den Schlippen (den langen Hosentaschen) trug, heraus und durchbohrten einander gegenseitig.

Den großen Fleck des vergossenen Blutes hat man lange nicht von der Stelle wegwaschen können. Die Schädel der beiden Brüder wurden oben an der Ostseite der Kirche in die Mauer gesetzt, und viele Leute haben es beobachtet, wie das eine Jahr der nördliche, das andere Jahr aber der südliche eine dunklere Farbe hat.

Andere sagen, der eine Bruder habe dem andern seine Braut für die Zeit seiner Abwesenheit anvertraut. Als der Verlobte zurückkommt, findet er den Bruder mit ihr vor dem Altare, wie sie eben kopuliert werden. Da stürzt er mit dem Messer auf ihn ein, der andere zieht ebenfalls das seinige und beide fallen durch Doppelmord.

Durch Herrn Dr. H. Schröder aus Krempdorf, jetzt in Altona. – Vgl. das Lied von der Greuelhochzeit bei Erlach II, 342; Wunderhorn I, 117; Thiele I, 320.

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50. Bockwold und Walstorp.

Ein Herr von Bockwold war ein reicher übermütiger Ritter und ein gewaltiger Liebhaber der Jagd. Einmal, da auf seinem Revier es nichts mehr zu jagen gab, fiel es ihm ein, ein großes Treiben auf den Feldern seines ärmeren Nachbarn, eines Herrn von Walstorp, anzustellen. Als nun diesem das Gebell der Hunde und der Schall der Hörner zu Ohren drang, warf er sich schnell auf sein Pferd und ritt dahin; er war ein mutiger und entschlossener Mann. Da er seines Nachbarn ansichtig ward, forderte er ihn auf, sich ihm sogleich zu ergeben; der aber wandte den Rücken und floh, und er hätte wohl zufrieden sein können, so davon gekommen zu sein, zumal das erste Unrecht doch auf seiner Seite war. Allein es war keinem holsteinischen Ritter erlaubt, einen andern zur Übergabe aufzufordern. Herr von Bockwold, zugleich auf sein Ansehen und seine Macht vertrauend, ging darum vor den Grafen und brachte eine Klage an gegen den von Walstorp. Doch der verteidigte sich; er führte den erlittenen Frevel und Schaden an seinem Eigentum an, und sagte, wie es in dem alten Liede hieß:

Ik hebbe nicht gesegt: giff dy,
sunder uth minen Korn hef dy!

Er sei im Eifer gewesen, genau erinnere er sich nicht, was er gesprochen habe; aber jeder sei ja seines eigenen Wortes Ausleger. Der Gras sah wohl, wie die Sache stand, wußte sie aber nicht zu entscheiden; denn beide hatten das Gesetz wider sich, hatte der eine auch nur sich übereilt, der andere aber vor Übermut gefrevelt. Er ließ der Sache also ihren Lauf und zwischen den beiden adligen Herren brach Fehde los. Da mußte der von Walstorp bald als der schwächere das Feld räumen und sein väterliches Erbe seinem mächtigen Feinde überlassen. Ehe er aber floh, schwur er, sein Haupt nicht eher zu bedecken, als bis er sich gerochen hätte. In der Entfernung wuchs noch seine Erbitterung. Heimlich kehrte er zurück und hielt sich verborgen, auf eine günstige Gelegenheit wartend. An einem Tage ging Bockwold in die Kirche, um das Abendmahl zu nehmen. Als Walstorp es erfuhr, machte er sich bereit, und als jener nun vor dem Altar stand und den heiligen Leib empfangen hatte, trat er hervor und stieß ihm sein Schwert in die Seite, indem er die Worte sprach: »Nun geh und jage im Himmelreich: du kommst eher dahin als ich, aber Gott wird auch mir barmherzig sein.«

Heinrich Ranzau bei Westphalen I, 99, 150. – Die prosaische kurze Erzählung S. 99 setzt vielleicht eine andere Version voraus, als die in manchem Betracht unklare und schwierige poetische Behandlung S. 150.

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51. Svend Graa und Tule Vogensen.

Sonderj. Aarb. (1906) 16, 104 f. Kristensen 3, 1380.

In Tiislund im Törninglehn waren in alten Zeiten vier Edelhöfe. Aus dem einen wohnte ein Herr Vogns, der ward von Svend Graa erschlagen. Den Mord mußte dieser der Frau Metta Vogns mit dreitausend Mark in Gold und Silber büßen. Für diese Summe ließ sie sich einen goldenen Stuhl in der Kirche zu Tiislund machen. Als nun Svend Graa an einem Festtage in die Kirche kam, ward er darüber so böse, daß, als sie zum Altar ging, um zu opfern, er sich in den Stuhl setzte und sich weigerte, ihr, da sie wieder zurückkam, Platz zu machen; weil aber die Frau auf ihrem Recht bestand, schlug er sie und schleppte sie bei den Haaren fort. Weinend über die Mißhandlung kam sie aus der Kirche und klagte ihren sieben Söhnen, was ihr widerfahren sei. Der älteste Tule Vogensen, nahm darauf sein Schwert, ging zur Kirche und erschlug den Svend Graa vor dem Altar, wo nun beide begraben liegen. Bon dieser traurigen Geschichte gibt es ein altes dänisches Lied.

Danske Viser af Middelald. II, 208. Dansk. Atl. VII, 181. Thiele, Danm. Folkes. II, 248. – Tulles Mose bei Tiislund hat seinen Namen von Tulle Vogensen. – Die St. Stephanskirche daselbst war in katholischen Zeiten zwei Jahr im Bann wegen eines in der Kirche begangenen Mordes. Ein Bruder hatte seine Schwester mit solchem Nachdruck verteidigt, daß er eine vornehme Person erschlug, die jene aus ihrem goldenen Stuhl gestoßen. Rhode, Haderslev-Amt S. 476. – Auch Nr. 83 ist wohl Auflösung eines Liedes. Danske Viser III, 3 und Anmerk. Andre dänische Lieder, deren Lokal in Schleswig, in Danske Viser I, 201, 281 etc. Auf Nolde bei Tondern hat Tyge Nolde gewohnt, der in dänischen Heldenliedern vorkommt. Schröder, Topographie.

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52. Bockwold und Bülow.

Zu Christian des Ersten Zeiten wohnte ein Herr von Bockwold auf dem Gute Borstel. Ihm kündigte einer aus dem adligen Geschlechte Bülow, das damals in Mecklenburg wohnte, Fehde an, und da er einmal unbewaffnet auf dem Felde umherging, fiel der Herr von Bülow über ihn her und beraubte ihn seiner goldenen Kette, die er am Halse trug, und anderer Kleider und machte sich dann davon. Schnell schickte Bockwold nun sich an und folgte dem Räuber bis nach Mecklenburg hinein, und da er ihn traf, forderte er ihn auf, seine Kette ihm wieder zu geben. »Ach«, sagte der Herr von Bülow, »Deine Kette wird wohl die sein, die ich sogleich unter dem Bettgestell versteckte.« »Nun«, antwortete Bockwold, »nicht wer eine Sache behält, die er nahm, sondern wer sie wieder herausgibt und dazu gesteht den kann man Dieb schelten. Drum mußt Du nun mein Gefangener fem und kannst mir wie mein Pudel folgen.«

Heinrich Ranzau bei Westphalen I, 98, 149.

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53. Die Prinzessin auf Sonderburg.

Nr. 51 Anm. Lorenzen S. 23 f. Fischer, Slesv. Folkes. S. 229. Zur Verwechslung der Tücher vgl. die Erzählung aus Mönch-Neverstorf b. Frahm S. 178 f.

Eine Prinzessin auf dem Schlosse Sonderburg auf Alfen hatte sich in einen Knappen, oder wie andere sagen, in einen Soldaten verliebt, der bei ihrem Vater diente. Beide pflogen lange ein heimliches Einverständnis miteinander: aber ihre Sache ward entdeckt, als die Prinzessin von ihm schwanger war (andere sagen, der Herzog habe sie einmal in einem zärtlichen Augenblick ertappt). Darüber ergrimmte der Herzog, und der Knappe ward ergriffen und sollte hingerichtet werden. Die Liebenden hatten sich ewige Treue geschworen und verabredet, wenn ihm noch im letzten Augenblick Begnadigung käme, so wollte er ein rotes Tuch in die Höhe werfen; wenn nicht, aber ein weißes, und dann wollte die Prinzessin ihm in den Tod folgen. – Vor dem Schlosse am jenseitigen Ufer des kleinen Sundes, der die Insel vom festen Lande scheidet, errichtete man einen Hügel, wo die Hinrichtung geschehen sollte. Als der Knappe nun hinübergeführt war, schaute die Prinzessin aus ihrem Fenster und achtete auf das Zeichen, hatte aber einen blanken Dolch neben sich liegen. Schon stand er zum Tode bereit da, als die Begnadigung eintraf. Aber in der Hast der Freude über die unverhoffte Rettung warf er statt des roten das weiße Tuch in die Höhe. Als die Prinzessin es erblickte, ergriff sie den Dolch und erstach sich, daß der Blutstrom über die Mauer rann, wo bis auf den heutigen Tag ein brauner Fleck sichtbar ist, der immer, so oft er auch abgewaschen und übertüncht worden ist, wieder zum Vorschein kommt. Als nun der treue Knappe ihren Tod erfuhr, war das Leben ihm auch länger kein Gewinn und auch er erstach sich. Seit der Zeit hört man in den Gemächern, die einst die Prinzessin bewohnte, nachts oft ein Seufzen und Ächzen. Man hat sie oft da umhergehen sehen und wie sie am Kamine sitzt und schluchzend ihr langes Haar kämmt; aber als wenn sie sich schämte, niemand hat sie noch von vorne gesehen, sondern jedem wendet sie den Rücken zu.

Mündlich. Vgl. Nr. 51 Anm. Hansen im Arch. f. vaterl. Gesch. IV, 277. Pontoppidan, Theatr. Dan. 243. Die Berührung der Sage mit der von Hagbart und Signe bei Saxo S. 129 brachte Albert Kranz, Chronic. Suec. I, 46, und Heinrich Ranzau bei Westphalen I, 98, 143 dazu, letztere in Sonderburg zu lokalisieren. Aus ihnen sind die letzten Züge entlehnt. Sie erzählen auch noch die Sage von Alf und Alvilda aus Saxo als eine schleswigsche, wie es scheint. Vgl. Nr. 324. Eine jüngere Relation ist uns nicht bekannt geworden; doch wird eine solche im 16. Jahrhundert dagewesen sein.

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54. Der Graf und die Müllerin.

Des Grafen Schack auf Gramm ältester Sohn liebte die schöne Tochter des Müllers im Dorfe und wollte sie heiraten; aber so lange der Vater lebte, wußte er, daß an die Ehe nicht zu denken war, und der Vater wollte nicht sterben. Da ward ihm erzählt, wenn er die Neujahrsnacht in dem Stammbegräbnis unter Gebet hinbrächte, werde er den in die Gruft versinken sehen, der übers Jahr von der Familie stürbe. Und so beschloß er zu tun. In der nächsten Neujahrsnacht ging er in die Kirche und stieg in das Grabgewölbe, wo er eifrig betete, in der Hoffnung, wenn Mitternacht da wäre, seinen Vater einsinken zu sehen. Aber als es zwölf geschlagen, hörte er draußen auf dem Kirchhofe Geräusch, und wie er hinausgeht, sieht er seine Braut, die Müllerstochter, wie sie im Sterbekleide sich ins Grab legt. Darüber ward er tiefsinnig; die Braut aber starb wirklich in dem neuen Jahre.

Volksbuch 1844, S. 89, Durch Herrn Storm.

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55. Nehmten.

Zur volktstüml. Namendeutung s. zu Nr. 109.

Als in grauen Zeiten das Christentum sich hier im Lande verbreitete, hausten am Plöner See zwei Rittersleute, von denen der eine schon Christ, der andere noch Heide war. Sie lebten bald in Unfrieden, bald so miteinander, als wenn sie zwölf Meilen auseinander wohnten und sich gar nicht kannten. Als einmal der christliche Ritter von einer langen Reise zurückkam, war unterdes des heidnischen Ritters Töchterlein zur blühenden Jungfrau geworden; beide führte erst der Zufall zusammen, bald aber öfter die Liebe und sie gelobten einander Treue. Lange verweigerte der heidnische Ritter ihrem Bunde seine Einwilligung. Endlich ließ er sich bewegen und nun ein großes Stück von seinem Lande abnehmen, seiner Tochter zur Mitgift, und sprach dabei: »Nehmt hen!« – Der glückliche Christenritter setzte zu der Krone seines Wappens den Stern seines Schwiegervaters und das Geschlecht der Kronstern besitzt bis auf den heutigen Tag das Gut Nehmten.

Durch Herrn Dr. Klander in Plön. – 1768 kam das Gut erst in die Hände der Familie, die überdies wohl zu den jüngsten des Landes gehört.

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56. Der Kuchen im Wappen.

Einmal ward ein Kind eines Herrn von Plessen von vorüberziehenden Handelsleuten geraubt, indem es sorglos auf dem Anger vor dem Schlosse spielte. Sie verkauften es später und es kam endlich bei einem Kuchenbäcker in Braunschweig oder am Harz in die Lehre. Als der Knabe herangewachsen war, mußte er für seinen Herrn hausieren gehen und weite Reisen mit den Kuchen machen. So kam er auch wieder nach Holstein und bot auf dem Schlosse seines Vaters seine Ware zum Verkauf aus. Da hat ihn die Mutter, der gleich die Fmnilienähnlichkeit auffiel, wieder erkannt, und zum Andenken an seine glückliche Errettung nahm die Familie einen Kuchen als Zeichen in ihr Wappen auf.

Mündlich. – Gehört nach Westphalen III, 1923 nach Mecklenburg.

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57. Röwerlöwe.

In Windbergen wohnte zu Zeiten Karls des Großen ein starker und tapferer Held Namens Röwerlöwe. Als der Kaiser hier ins Land kam, trat er in seine Dienste und wurde von ihm über seine Landsleute, die Dithmarschen, gesetzt, um sie zum Gehorsam und Christentum zu bringen. Davon aber wollten diese nichts wissen: Röwerlöwe ward ergriffen und von ihnen gerädert. Er ist aber der Ahnherr des adligen Geschlechts der Reventlowen gewesen. Sein Geschlecht hat noch lange in Dithmarschen gewohnt; zog aber endlich weg, um vielfacher Feindschaft zu entgehen.

Solches hat ein Graf Reventlow nach einer alten Familiennachricht bei Tafel einmal dem ehemaligen Landvogt Konferenzrat von Eggers in Meldorf in Gegenwart vieler anderer Herren erzählt.

Mündlich.

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58. Die Edelfrau auf Tollgaard.

Nr. 68. 102. Danm. Folkem. 21, 73.

Auf Tollgaard nahe bei Östergaard in Angeln hat eine Edelfrau in ganz alten Zeiten ihren Sitz gehabt und sich nach Struxdorf zur Kirche gehalten. An hohen Festtagen gingen der Prediger und der Küster dann auf dem Kirchhofe umher und durften den Gottesdienst nicht eher anfangen, weil die Frau von Tollgaard noch nicht gekommen war. Endlich gab der Prediger dem Küster Auftrag zu läuten:

»Nu ka' do gaa' op aa ring'!
Nu kömmer ä Frau fra Tollgaard.« Nun kannst du hinausgehn zu läuten. Nun kommt die Frau von T.

und der Küster antwortete:

»Nu kömmer hun,
Nu kömmer Ann Post
fra Tollgaard över Tingvaj,
med fiir hviid' Ög,
med Knopper Hör
o Stükker Smör
o stur Rau-Lief.« Nun kommt sie, nun kommt Anna Post von Tollgaard über Tingvej, mit ihren vier weißen Schimmeln, mit einigen Rüsten Flachs und Stücken Butter und einem großen Roggenbrot.

Das also schenkte sie den Kirchendienern, weil die auf sie hatten warten müssen.

Jensen, Angeln S. 125. Vgl. Nr. 63, 102. – Ein paar andre kleine Sagen, die auf die alten kirchlichen Verhältnisse Bezug haben, bei Jensen, Angeln S. 125, 450 und Schröder, Topographie von Schleswig unter Ulsbye, wozu man vgl. Thiele, Danm. Folkes. I, 190, 209.

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59. Die Gräfin Schack.

1.

Kopflose Wiedergänger f. zu Nr. 298.

Die Gräfin Anna Sophia Schack, Besitzerin der Güter Schackenburg und Gramm, war eine sehr hoffärtige, alte Dame. Sie war kurze Zeit mit einem Grafen Ranzau verheiratet und lebte auf ihrem Gute Gramm. Ihren einzigen Sohn, Graf Otto Ranzau, ließ sie heimlich enthaupten, als sie einmal mit ihm in Streit geriet. Da erschien ihr die Ahnfrau des Hauses und verkündigte ihr, daß sie keine Ruhe im Grabe finden, sondern unsichtbar neben ihrem kopflosen Sohn umgehen solle. Von Stunde an ward die Gräfin fromm und wollte mit Beten und Fasten ihre Sünden abbüßen. Aber bis auf den heutigen Tag erfüllt sich die Verkündigung. Der junge Graf soll wirklich kopflos in seinem Sarge liegen.

2.

Kristensen 4, 797.

Dieselbe Gräfin Schack ließ sich einmal, als sie einen Jagdzug zurückerwartete, von ihrer Kammerjungfer zum Empfang der Gäste putzen. Da dies nicht recht vorwärts gehen wollte, ward sie ungeduldig und schleuderte das Mädchen gegen das Kamingesimse, daß sie für tot da lag. Gleich nach der Tat hörte sie den Zug unten im Hofe ankommen, und um das Geschehene zu verbergen, schiebt sie die Ohnmächtige in den Kamin, legt ein großes Feuer an, setzt die Tür vor und verbrennt sie. Die Bluttropfen am Gesimse blieben, bis man es in neuester Zeit ganz umgelegt hat.

Durch Herrn Advokat Storm.

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60. Böse Herrinnen.

Rahlf u. Ziese, Geschichte Ahrensburgs (1882) S. 152. Frahm, Stormarn (1907) S. 220. Nordd. Sag. 129 f. Kock, Schwansen2 S. 158 f. Ausführliche plattd. Erzählung von der Frau Sager auf Satrupholm mit einzelnen neuen Zügen in Biernatzkis Volksb. 1849, S. 121 f. Vgl. Nr. 305, 1. 279.

So erzählt man auch von Frau Id Rumohr auf Röest in Angeln, daß, wenn die Mägde das Garn nicht gut gesponnen hatten, sie es ihnen um die Finger wickeln ließ und dann abbrannte. Eine Kammermagd ließ sie an den Ofen binden und stark einheizen, während sie im Schlitten zur Kirche fuhr. Als sie zurückkehrte, war das arme Mädchen verbrannt und die Lippen waren verdorrt, daß die Zähne fletschend hervorragten. »Weisest du mir noch die Zähne?« rief hereintretend die Herrin und gab der Leiche einen Schlag, daß sie in Staub zusammenfiel. Dies soll auf Öhe, nach andern in Ohrfeld geschehn sein.

Dasselbe erzählt man in Angeln auch von der Frau von Zago, die einst auf Satrupholm wohnte. Auch die böse Margret Ranzau auf Ahrensburg machte es ebenso; ihr Sarg ist mit sieben Schlössern verwahrt, damit sie nicht heraus kann. Auch aus dem Gute Pronstorf hat einmal eine Gräfin eine Magd zu Tode geheizt, weil sie klagte, sie hätte vor Kälte nicht abspinnen können. Dafür hat auch sie keine Ruhe im Grabe.

Die Frau Metta, die vor Zeiten ein Edelgut bei Bordelum besaß, hatte ihre Magd auch so umgebracht. In der Nacht darauf erschien aber die Tote, wimmerte und ächzte und rief die Frau bei ihrem Namen und verfolgte sie überall hin. Das wiederholte sich lange Zeit, so daß die Edelfrau nirgend mehr Ruhe fand und zuletzt in Verzweiflung vom Schlosse rannte und sich in die See stürzte. Da haben in der Nacht Vorübergehende noch oft bald eine klägliche Stimme gehört, bald ein Fluchen und Schwören. Das Gespenst der Magd aber hat sich darauf nicht wieder blicken lassen. Das Schloß ward abgebrochen und daraus die Kirche zu Ockholm gebaut.

Jensen, Angeln S. 106, und nach mündlichen und schriftlichen Mitteilungen. – Frau von Zago oder Sager fand ihren Tod im Oxbek, als sie ihren Kutscher zwang, hindurch zu fahren, da die Eisschollen die Loiter Brücke weggerissen hatten. Nach andern soll dies ihre Tochter sein, und sie hätte der Teufel geholt. Sie war mit ihrem Manne so verfeindet, daß sie aus den Fenstern des Schlosses aufeinander schossen. Vgl. Nr. 305, 1. – Über Frau Metta (Margaretha von Ahlefeld auf Uphusum um 1584) unten Nr. 73. Jensen, Kirchliche Statistik S. 504, 709, 1119, und Schröder, Topographie. – Von einer Wiebke Kruse in Bramstede werden wohl ähnliche Sagen erzäht. Schröder, Topographie von Holstein.

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61. Der verlorne Ring.

Auf Borgaard bei Flensburg wohnte ein Edelmann, der besaß einen sehr kostbaren Goldring. Als dieser einmal vermißt ward, fiel der Verdacht auf zwei Diener, die sogleich gefangen gesetzt wurden und durch Anwendung der Tortur zum Geständnis gebracht werden sollten. Sie leugneten aber beide standhaft, daß sie schuldig seien, und starben infolge der Mißhandlung. Kurze Zeit darauf fand der Edelmann seinen Ring wieder und nahm sich nun den Tod der unschuldigen Diener sehr zu Herzen. Ein nagender Gram zehrte Tag für Tag an seinem Leben, und sein trauriger Zustand konnte dem übrigen Gesinde nicht lange verborgen bleiben. Darunter befand sich ein Diener, der sich erbot, seines Herrn ganze Schuld tragen zu wollen, wenn er ihm zum Lohn einige gute Kleider gäbe. Man kann sich wohl denken, daß er diese bald bekam. Aber am nächsten Morgen lag er tot in seinem Bette, und man fand, daß ihm das Genick gegen die Wand zerbrochen war, wo man mehrere Blutflecken bemerkte, die auch mit der stärksten Lauge nicht konnten abgewaschen werden. Ja, obgleich die Mauer heruntergenommen und neu wieder aufgeführt ward, sind sie doch an derselben Stelle wieder zum Vorschein gekommen.

Thiele, Dansk. Folkes. I, 324. Borgaard soll wohl Norgaard im Kirchspiel Steinberg sein. – Zu diesem und dem folgenden Stück vgl. Kuhn, Märk. Sagen Nr. 61, 201, und Mitteilungen des thüringisch-sächsischen Vereins IV, 2, 118.

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62. Der Burenklaas.

Jb. f. Ldk. 10, 366.

In alten Zeiten hat das Dorf Westerau einem reichen Grafen gehört. Da hatte einmal eine Gräfin eine Magd, die sich vor allen andern durch Treue auszeichnete und viele Jahre bei ihr diente. Die Gräfin hatte ein solches Zutrauen zu ihr, daß sie nichts vor ihr verschloß. Einmal, als die Herrschaften nach Lübeck fuhren, blieb eine schöne goldne Kette auf dem Tische liegen. Bei ihrer Zurückkunft war sie verschwunden, und das arme Mädchen sollte sagen, wo sie geblieben sei. Vergeblich beteuerte sie ihre Unschuld; aber weil niemand sonst in die Zimmer der Gräfin kam, ward sie für schuldig gehalten, ihr der Prozeß gemacht und sie hingerichtet. – Viele Jahre waren seitdem verflossen, als einmal der Graf das Holzwerk in der Stube wegbrechen ließ und dahinter die lange vermißte Kette fand. Nun klärte sich leicht alles auf; denn Klaas, die zahme Elster, hatte sie gewiß gestohlen und in eine Ritze versteckt. Da gereuete den Grafen sein rasches Verfahren, und zur Erinnerung an den Tod der treuen Magd stiftete er eine Summe Geld, von deren Zinsen jährlich achtzig Mark der Dorfschaft Westerau sollten ausgezahlt werden, damit die Eingesessenen davon am zweiten Donnerstage vor Weihnachten eine Festmahlzeit halten könnten. Diese Zusammenkunft wird noch heute alljährlich gefeiert und heißt der Burenklaas.

Mitgeteilt von Herrn Schullehrer Grotkopp in Harkhorst.

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63. Die Pfenningwiese.

Einst war ein Graf Ranzau von Breitenberg eine starke Meile östlich vom Schlosse auf der Jagd. Überall war damals noch tiefes Moor oder öde Heide, wo jetzt Weiden und Äcker sich ausbreiten. Der edle Graf, allein wie er war und zu hitzig in der Verfolgung eines Wildes, nahm sich nicht in acht und geriet in ein bodenloses Moorloch und versank immer tiefer, je mehr er sich abmühte, herauszukommen. Glücklicherweise hörte ein in der Nähe arbeitender Bauer seinen Hilferuf; vorsichtig näherte er sich ihm, der dem Untergange nahe war, reichte ihm seine sichere Hand und brachte ihn auf festen Boden. »Habe Dank, guter Freund«, rief der Graf, als er sich gerettet sah, »womit kann ich dir lohnen?« Aber der Bauer meinte, er habe nur seine Pflicht getan und seinem edlen Herrn geholfen; des Lohns bedürfe er nicht. Doch der Graf bestand auf seinem Willen, der Bauer solle nur bitten. »Nun, gnädiger Herr, so gebt mir das Land, wo Euch das Unglück getroffen«, sagte der Bauer, »und etwa noch so und so viel von dem umherliegenden dazu; und laßt es mich abgabenfrei besitzen.« Der Graf gab gerne das Geschenk, nur bestimmte er, daß der Bauer und seine Nachkommen von dem Lande jährlich einen Pfenning Steuer erlegen sollten.

Seit der Zeit sind Jahrhunderte verflossen. Aber am Tage Martin Bischof (11. November) mittags 12 Uhr kommt noch alljährlich der Besitzer der Pfenningwiese auf das Schloß und bringt die Steuer. Die Nachkommen des geretteten Grafen halten treu das Gelöbnis ihres Ahnen: der Bauer wird jedesmal festlich von den gräflichen Dienern empfangen, erhält einen Platz an der gräflichen Tafel, unter deren Gerichten niemals dann die Martinsgans fehlt, und wird nach der Tafel vom Grafen freundlich entlassen.

Itzehoer Wochenblatt 1844, Nr. 39.

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64. Wie die Lübschen Herren in Stakendorf den Zehnten holten.

Bart eingekeilt: Nr. 66, 93. 609 (Abs. 6). Danm. Folkem 21, 79. Kristensen 4, 442.

Alle Jahr gegen Fastnacht schickte der Lübsche Senat einige Herren, die in der Propstei alles nachsehen mußten und die Zehnten und Abgaben holten. Als sie einmal nach Stakendorf kamen, waren die Leute gerade dabei und feierten Fastnacht. Die alten Herren gingen mit ins Gildehaus und die Bauern räumten ihnen den Ehrenplatz unter dem Schwibbogen am großen Feuer ein, und da es noch kalt in der Jahreszeit das Propsteier Getränk aber nicht schlecht war, so geschah, daß von dem vielen Herumgehen des Krugs mit dem heißen starken Bier und Met – Branntwein trank man damals noch nicht – die alten Herren schläfrig wurden und endlich einschliefen. Daß sie betrunken gewesen seien, will ich nicht behaupten. Die jungen Leute aber dachten nun sich einen Spaß zu machen; und sie bohrten in die beiden Pfosten, die neben der Feuerstelle standen und den Schwibbogen trugen, so viel Löcher, als Herren da waren, stopften dann ihre langen Bärte in jedes und schlugen einen Pflock dazu hinein. Die alten Bauern mögen wohl geschlafen haben oder hatten auch ihren Spaß mit daran. Als sie nun meinten, die Herren hätten ausgeschlafen, machten sie plötzlich einen erschrecklichen Lärm, bliesen in die Waldhörner und schrien, das Haus brenne. Da fuhren die Herren aus dem Schlaf und keiner hat seinen Bart wieder mit nach Lübeck gebracht, noch ist einer wieder gekommen, um von den Stakendorfern Geld zu holen.

Andre sagen, es sei auf dem Gute Schmoel passiert und der Lübecker Senat über die Bosheit der Bauern so erzürnt worden, daß er das Gut verkauft und die Bauern dadurch alle Leibeigene geworden seien.

Provinzialberichte 1812, 414. Mündlich durch Herrn Jürgensen. Vgl. Nr. 93.

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65. Der alte Jakob.

In alten Zeiten war die ganze Strecke zwischen Schrevendorf und Röpstorf in der Propstei bebaut und ein Dorf. Damals wohnte in Schrevendorf in dem alten Bauernhause nahe am Bornbrook, der früher ein See war, ein Bauer, der hieß der alte Jakob. Als nun einmal um Fastnacht zwei Lübecker Herren kamen, um die Abgaben zu holen, da waren sie im Dorfe gerade im besten Zuge bei der Fastnachtsgilde und dachten nicht ans Bezahlen, sondern trieben mit den Abgesandten ihren Spott. Diese aber wurden endlich ungeduldig. Da sagte der alte Jakob, daß er sie bald bezahlt machen wollte. Er schnitt dem einen seinen langen Bart weg und stopfte den in den Sack des andern, und dessen Bart selbst keilte er im Pfosten fest; da hatten sie gute Bezahlung. Die Lübecker aber schwuren dafür Rache. Bald kamen ihre Soldaten und brachen das ganze Dorf Haus bei Haus nieder; als sie sich aber auch an des alten Jakobs Haus machen wollten, da trat er in die Tür und hieb seine Axt tief in den Pfosten, der Hieb ist da noch zu sehen, und sprach: »Das Haus ist mein, ihr Lübecker Herren, und wem das Leben lieb ist, der komme mir nicht herein. So gewiß keiner von euch die Axt da wieder herauszieht, so sicher wird sie jeden treffen, der noch einen Schritt tut.« Da hat niemand Hand an das Haus zu legen gewagt, die Lübecker sind wieder davongezogen und Jakob sein Haus steht noch bis auf diesen Tag. Wo aber die andern Häuser standen, da nennt man die lange schmale Koppel die Höfe.

Später kamen Röpstorf und Schrevendorf an einen Herrn von Poggwisch. Der war nicht damit zufrieden, daß die Bauern ihm nur die Hoftage taten, sondern er verlangte alle ihre Ländereien noch dazu. Der alte Jakob aber sagte, er hätte seine Pflicht geleistet und mehr könnte die Herrschaft nicht verlangen, sein Land gebe er nicht herab. Der Edelmann drohte, aber Jakob gab sich nicht. Da ließ jener den Fischteich öffnen und Jakobs Haus ward von einem See umgeben. Er aber angelte nun zum Fenster hinaus, und so oft der Edelmann auch nach Schrevendorf kam und dann von dem Hügel aus, den man noch zeigt, mit Jakob verhandelte, so blieb der doch immer beim alten und gab sich nicht. Da mußte endlich der Edelmann nachgeben und dem Bauern seine Ländereien lassen.

Durch Herrn Rethwisch auf Övelgönne.

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66. Die treuen Bauern.

Auf Rundtost war einmal bei einem Herrn Rumohr ein fremder Edelmann zum Besuch. Da trat einer der Bauervögte herein: verwundert und mißfällig bemerkte der Fremde die silbernen Knöpfe an seiner Kleidung. »Was meine Bauern haben«, antwortete Rumohr, »das werden sie gerne bereit sein mir zu geben, wenn es darauf ankömmt.« Als der Fremde daran zweifelte, gingen sie eine Wette ein. Im nächsten Umschlag ließ darum der Gutsherr aus Kiel die Nachricht nach Rundtost kommen, er sei im Einlager und bäte, man möge ihm helfen mit Geld oder Silber. Da brachten die Bauern alles zusammen, was sie hatten, und der Herr hatte seine Wette gewonnen.

Jensen, Angeln S. 106.

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67. Die Leibeigenen.

Gegen Hexen hilft es, wenn man den linken Strumpf verkehrt anzieht (Heim. 30, 140). Vom »Vorhersehen« wird einer befreit, der ein ganzes Jahr hindurch sein Hemd verkehrt getragen hat (Nr. 402). Vgl. zu Nr. 317.

Zwei Depenauer wollten einst der Leibeigenschaft entfliehen. Sie machten sich deshalb an einem dunkeln Abend auf und schritten rüstig vorwärts. Wie erstaunten sie aber, als der Tag aufging und sie noch nicht die Grenze des Gutes überschritten hatten, sondern sich erst beim hohlen Bache befanden, der die Landstraße nach Bornhövede durchschneidet. Betrübt nahmen sie ihren Weg zurück und wußten sich die Sache gar nicht zu erklären, bis eine alte kluge Frau sie belehrte. Sie hätten nämlich die Grenze nicht überschreiten können, weil sie ihre Westen nicht verkehrt angezogen hätten; würden sie dies getan haben, so wären sie ungehindert fortgekommen. Sie befolgten später diesen Rat, wanderten zum zweiten Male aus, und niemals hat man wieder etwas von den beiden gesehen noch gehört.

Mitgeteilt durch Herrn Schullehrer Pasche in Wankendorf.

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68. Die Isemanschlacht.

Vgl. zu Nr. 58.

In Büsum war die Isemanschlacht unter den Bauern vor Zeiten die größeste und gewaltigste, also daß der Priester in der Kirche seine Ceremonien nicht eher beginnen durfte, als bis sie gekommen. Einen, der durch ihre mutwillige Verzögerung sich nicht länger aufhalten wollte und gleichwohl anfing, haben sie vor dem Altare getötet.

Neocorus I, 225. Vgl. Nr. 58.

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69. Henning Wulf.

Jb. f. Ldk. 3, 444 (Tellsage aus Kchsp. Hohenwestedt).

(1472.)

In der Kirche zu Wewelsfleth in der Wilstermarsch befindet sich ein altes Gemälde auf einer langen Tafel, das schon im Kirchenbuche der 1593 neuerbauten Kirche erwähnt wird, 1741 aber renoviert ward. Dies Gemälde zeigt auf einem großen grünen Platze einen Schützen mit abgespanntem Bogen; in ewiger Entfernung vor ihm steht ein Knabe mit einem von einem Pfeil durchbohrten Apfel auf dem Kopfe. Einen andern Pfeil hat der Schütze noch quer im Munde. Ein Wolf oder Hund steht zwischen dem Knaben und dem Schützen und richtet auf diesen seinen Blick. Dies ist eine Erinnerung an folgende Begebenheit.

In den Zeiten König Christierns des Ersten wohnte ein reicher Mann Henning Wulf im Kirchspiel Wewelsfleth und hatte seinen Hof mit vielen Ländereien in der Dammbucht. Als die Leute in der Marsch sich gegen den König empörten und ihn nicht anerkennen wollten, ward er ihr Hauptmann und Anführer. Weil der König aber mit großer Macht heranzog und die Hamburger ihm halfen, wurden die Marschleute geschlagen und Henning Wulf mußte fliehen. Da verbarg er sich in einem Rethschallen, und niemand wußte ihn zu finden. Aber sein treuer Hund, der auf dem Gemälde mit abgebildet ist, war ihm nachgelaufen, und da er ihm nicht in den Sumpf folgen konnte, ward er sein Verräter. Man holte den Henning Wulf heraus und brachte ihn zum König, und da dieser wußte, daß er von allen der vortrefflichste Schütze sei, befahl er ihm höhnisch, seinem einzigen jungen Sohne einen Apfel vom Kopfe zu schießen; gelänge es ihm, solle er frei sein. Henning Wulf mußte gehorchen, holte seinen Bogen und seinen Knaben und tat glücklich den Schuß; hatte aber vorher einen zweiten Pfeil in den Mund genommen. Da fragte ihn der König, für wen denn dieser bestimmt sei, und Henning antwortete, wenn er seinen Sohn getroffen hätte, sei der Pfeil für den König selber gewesen. Da erklärte ihn dieser in die Acht, und Henning mußte fliehen; sein Land aber ward eingezogen und muß bis auf diesen Tag noch schwere Abgaben tragen und heißt das Königsland. Man zeigt auch noch das Haus, wo Henning Wulf gewohnt hat.

Provinzialberichte 1798 II, 39. Kirchen- und Schulblatt für Schleswig-Holstein und Lauenburg 1844 Nr. 11. Vgl. Falks Abhandlungen aus den Schlesw.-Holst. Anzeigen I, 410 vom Jahre 1753. – Wahrscheinlich ist das Gemälde alt und beruht auf der Sage, die schon im 13. Jahrh. in Norddeutschland vom alten mythischen Helden Eigil erzählt ward, dann am Rhein von einem andern Meisterschützen im 15. Jahrh., dann vom Tell in der Schweiz, von William of Cloudesle in England; im Norden auch im 12. Jahrh. schon von Palnatoke, dann vom Eindrivi und heiligen Olaf und endlich vom König Harald Sigurdarson und dem Schützen Hemming. Die Sage ward später an den historisch bedeutenden Henning Wulf geknüpft und das alte Bild auf ihn gedeutet. An eine Entlehnung aus dem Norden zu denken, ist albern. Unsre Sage hat Züge, die den andern Relationen fehlen. Grimm, Mythologie I, 353 ff.; II, 1214. Molbech, Histor. Tidskrift I, 45.

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70. Was König Johann von den Dithmarschen wollte.

Liliencron, histor. Volksl. 2, 434.

(1490.)

1.

Wille gi hören einen nien Sang
Van Koning Hans dem averdadigen Mann?
He wolde Ditmerschen dwingen.
He sende Bref unde Baden int Lant:
Se scholden Volmacht bringen.

2.

Do se to Hamborg binnen kemen,
Do heten se en vor Here:
»Here, leve Here,
Wat is vam Lande juw Begere?«

3.

He sette wol vöstein dusend Mark an
To einem kleinen Schatte;
Darto wold he buwen dree Schlöte int Land:
Dat scholde men wesen mit der Korte.

4.

Dat eine scholde to Brunsbüttel staen,
Dat ander an der Eider Fähre,
Dat dorde scholde do Meldorp staen,
Dar wolde he wesen ein Here.

5.

Do repen de Ditmerschen averlut:
»Dat schüt nu und nummermere:
Darumme wiln wi wagen Hals unde Gut
Unde willen dar alle umme sterven,
Ehr dat de Koning van Dennemark
So scholde unse schone Lant verderven.«

Neocorus I, 423. – Auch wohl ein Tanzlied. Vgl. Nr. 29.

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71. Lieder von der Schlacht bei Hemmingstede.

(1500.)

1.

Liliencron, hist. Volksl. 2, 455. Jb. f. Ldk. 9, 107 ff. Zf. f. s.-h. Gesch. 5, 363 f. Groth Ges. W. 1, 130 ff. Detl. v. Liliencron Ges. W. 2, 58. Joh. Meyer Ges. W. 4, 67. Str. 13 ist wohl statt ik kans zu lesen: it kann. »Saden un Braden« ist als ein Begriff zu fassen: »Gesottenes und Gebratenes« – eine vollkommene Mahlzeit (vgl. Schütze, Idiot. 1, 144. Schumann, Wortsch. v. Lübeck S. 14).

Wille gi hören enen nien Sang,
Wat uns heft Koning Johan gedan?

Se hebben also tosamende gespraken,
Se wolden to Brüssel ein Samlent maken.

Se konden sick dar nicht alle beseen,
Do woldens up eine grone Heide teen.

De togen up eine grote Heide,
De heten se vor eine Jittenweide.

Sille Johans Jacob de was darmede,
Dat was jo ehr Bungenschleger.

De Bungenschleger de schlog an:
Darmit so togen se vordan.

Se kemen to Wintbergen in dat Blick:
Dar jageden se ut beide Arm unt Riek.

Se togen to Meldorp in de Stadt
Dar weken ut beide Borger unde Rath.

»De olde Rath is utgewaken,
Koning Johan is ingebraken.«

Carsten Holm de quam darto:
»Min lever Her Hans, wo haget juw to?«

»Min lever Carsten, ik löve juwe Wort:
Ik mene, it schal hier werden goet.

Min lever Carsten, schnacket eine Wile:
Ik will juw geven dat Schlot tom Tile.« Die Tielenburg an der Eider.

»Min lever Herr Hans, ik kans nicht wesen:
Ik mot all mang de Buren wesen.

Denn worden se hier miner enwar,
Wo drade dat ik min Levent verlor.

All up der Heide dar is ein Blick;
Dar wahnet Peters Hans und ik.

Morgen fro kamet to uns to Gaste:
Wi willen juw doen dat allerbeste.

Ik will juw schenken Mede und Win,
Damit schole gi na Lunden teen.

Und steket an de groten Dorp,
Dar liggen de Buren also stark.

Unde steket an dat halve Lant
Dat ander geit juw wol tor Hant.« –

Isbrant dat is ein framer Mann,
De will wol bi Loven stahn:

He gaff dem Lande eine wise Ler
To Hemmingstede Zwischen Meldorf und Heide oder Lunden, wohin Carsten Holm den König einlud. Seine Worte werden mit dem neunzehnten Reimpaar zu Ende sein. all vor de Dör:

»Legget juw ein lüttik hier under den Wall,
Dat juw nemant hier scheten schal.

Und legget de Spere wat bi juw neder
Und latet se teen bewesten vör.«

Dat hörten woll dordehalf hundert Mann:
De gingen de groten Garden an.

De Buren repen averlut:
»Schlaet de bugden Garden dot!«

Se schlogen de bugden Garden dot:
De Rüter quam in groter Not.

De Rüter greep einen schnellen Rat,
He wolde up riden na der Stat.

It wart en averst belegt dat Paß:
De Buren schlagen wat dar was.

Se gingen ein weinich wat mank de Wagen,
Dar funden se Saden unde Braden.

»Segget dem Konige gude Nacht,
He heft uns braden Höner bracht.

Tastet to, gi leven Gesten;
Dit gift uns Koning Hans tom besten.

Gistern weren se alle rike:
Nu steken se hier in dem Schlicke;

Gistern vörden se einen hogen Mot:
Nu hacken en de Raven de Ogen ut.«

Neocorus I, 518; Hans Detleff, Mskr. Fol. 141. – Das Lied ward zum Tanze gesungen. Hans Detleff teilt es in 15 vierzeilige Gesetze und ein (das letzte) sechszeiliges; doch trifft die Abteilung dann nicht überall mit dem Sinne zusammen. Die Melodie umfaßte wohl zwei Reimpaare und wiederholte jedesmal das letzte, so daß auch sechszeilige Gesetze ihr gerecht waren. – Jitte Ziege, auch eine alberne Frauensperson. Bunge Pauke. Blick Flecken. Hagen vgl. behagen. Drade schnell. Love Glaube, Treue. Bugden bauchig, dick, stolz? Saden gesottnes Weißbrot, noch um Fastnacht gebacken. – Nach einer Nachricht bei Neocorus I, 511 waren die Hühner gepflückt und mit Rosinen und Kraut gefüllt, und die Dithmarschen entschlossen sich, weil sie keine Zeit zum Braten hätten, sie zu kochen und die Brühe zu trinken.

2.

Liliencron 2, 453.

De wolgebarne Koning ut Dennemarken reet.
Wo wol dat em geluste!
He wolde teen in dat ditmersche Beet,
Dar sin vader nuwerle in dorste.

He leet wol schriven einen Breef,
He sende en in Freßlande,
Dat dar scholde kamen de junge Mann Greve
Mit vostein dusent Mannen.

De junge Mann Greve dat nicht en late:
He quam all mit den ersten.
Se togen aldar to Meldorp drade,
To Meldorp in dat Kloster.

Dar eten se dat Krut, dar drunken se de Meden,
Dar eten se schonen wilden Braden.
Und do se wol geteret hedden,
Do scholden se dar van Staden.

Se togen aldar vor Hemmingstede:
En ankede ok also harde.
Do sprak Junker Slens aldar,
De Averste all mang der Garde:

»Dat is mi in den Sinn gekamen,
Wi wille uns ummewenden.«
»Neen«, sprak Koning Hans mit Namen, Hans Detleff liest gefallen: vor allen, statt gekamen: mit Namen.
»Juw Solt schöle gi vordenen.

Wi willen den Ditmerschen jegen staen,
Wi willen uns dar wol weren:
Se schalen uns gar nicht entgaen,
Wi willen se wol vorweren.«

Do se den Ditmerschen entjegen kemen.
De schlogen also sere:
Se schlogen de Garde wol vostein dusent Mann,
Dar was ok jo neen mere.

Do se de Garde all dot geschlagen hadden,
Do scholden se den Havemann beginnen.
Se schlagen den Havemann schnelle to Dot
Up einem kleinen Plane.

Des wart de Koninginne enwaer,
Se wende ok also sere.
»Sin gi Knechte nu to Hus gekamen,
Wo lat gi juwen eddelen Heren?«

»De Ditmerschen hebben en aldot geschlaen:
Des konne wi nicht enkeren.
Se dragen sinen Helm, se vören sinen Schilt,
Dar to sine stolte Banneren.

De sick jegen Ditmerschen setten will
De stelle sik wol tor Were:
Ditmerschen dat schölen Buren sin,
It mögen wol wesen Heren.«

Neocorus I, 521; Hans Detlefs, Mskr. Fol. 142. – Auch offenbar Tanzlied. Beet Feld? nuwerle niemals. anken Angst haben, bedrängt sein; unpers. es ward ihnen bange. Havemann Hofmann soll offenbar der König Johann selber sein. Statt beginnen ist ein wahrscheinlich obsoletes Wort zu vermuten, das zum Reime paßt. Bei Hans Detleff folgt noch der Schluß:

Leven de Ditmerschen noch söven Jahr,
Se werden der Holsten Heren.

3.

Liliencron 2, 451. Groth Ges. W. 1, 130 ff.

De König wol to dem Hertogen sprak:
»Ach Broder, harteleve Broder,
Ach Broder, hartleveste Broder min,
Wo wille wi dat nu beginnen,
Dat wi dat frie, rike Ditmarschen Lant
Ane unsen Schaden mögen gwinnen?

Sobalt dat Reinholt van Meilant vornam
Mit sinem langen gelen Barde,
De sprak: »Willn maken einen Baden bereit
Und schicken na der groten Garde.
Will uns de grote Garde Bistant doen,
Ditmarschen schal unse wol werden.«

Sobalt de Garde dise Märe vornam,
Se rüstede sik so mechtig sere;
Se rüste sik wol vöstein dusent Mann
Aver de grone Heide to trecken:
»Köne wi men des Königs Besoldung erwarven,
Unse Fröukens de schölen wol mede.«

De Trummenschleger de schlog wol an,
Se togen aver de grone Heide.
Und do de Garde tom Könige wol quam;
»Ach König, min lever Here,
Wor ligt doch nu dat Ditmarschen Lant,
Im Heven odr up schlichter Erden?«

Dem Könige befil de Rede nicht wol,
He dede balt wedderspreken:
»It is nicht mit Keden an den Heven gebunden,
It ligt wol an der fiden Erden.«

Der Garde Herr sprak do mit Mot:
»Ach König, min lever Here,
Is it nicht gebunden an den Heven hoch,
Ditmarschen schal unse balt werden.«

He leet de Trummelen umme schlaen.
De Fenlin de leet he flegen.
Darmit togen se einen langen breden Weg
Bet se't Lant int Gesichte kregen:
»Ach Lendeken deep, nu bin ick di nicht wyt,
Du schalt min nu balde werden.«

Darmit togen se to hoger Wintbergen in,
Se legen dar men ene kleine Wile;
Se togen do vordan na Meldorp to,
Eren Avermot deden se driven.

Se steken des Königs Banner tom hogen Torne ut,
Den Ditmarschen dar to gramme.
Se hengeden er Schilt wol aver de Mur:
Daraver ist en nicht wol ergangen.

Se togen noch ein weinich wieder vort
Wol na der Hemmingsteder Velde:
Dar bleef ok de grote Garde geschlagen
Mit eren dapperen Helden.

Dat Wedder was nicht klar, de Weg was ok schmal
De Graven weren vull Water:
Nochten tog de Garde wieder fort
Mit einem trotzigem Mode.

He hadde einen Harnisch aver sinen Lief getagen.
De schinede van Golde so rode;
Daraver was ein Panzer geschlagen,
Darup dede he sik vorlaten.

Mit dem do sprank dar ein Landsmann herto
Mit einem langen Spere:
He stak so stark, dat drut ein Krumhake wart
Und hangede in dem Panzer so schwere.

Dem Landesmann ein ander to Hülpe quam.
Dat Sper wolden se wedder halen.
De Garde was stark, dre hadden vull Wark,
Eer se eu konden aver:
Se togen en mit Sadel und Roß herdal
Wol in den depen Graven.

Dar wart ok der Holsten König geschlagen
Mit alle sinem groten Here:
Dar lag do sin Perd, dar lag sin Schwert,
Darto de königlike Krone.
De Krone de schal uns Maria dragen
To Aken wol in dem Dome.

Hans Detleff, Mskr. Fol, 143a. Uhland I, 444. Dahlmann Neocorus II, 565 teilt aus Peter Saxe noch ein Tanzlied mit, das vom vorhergehenden nicht verschieden ist. Es ist ganz dieses, nur zersungen und verstümmelt! statt Achen steht Schleswig und ein Schluß ist hinzugekommen mit einer gewiß unwahren Behauptung:

De uns de grote Guardie dot schlag,
Dat wil ik ju wol sagen:
Dat heft de grote Reimer van Wimerstede gedaen,
De Heft de grote Guardie geschlagen.
De uns dat nie Liedlein sung,
Van nie Heft he it gesungen,
Dat heft de grote Reimer van Wimerstede gedaen
Mit sinen langen gelen krusen Haaren.

Der im Liede kurz erwähnte Aufenthalt in Windbergen wird in einem Bruchstück Neocorus I, 522 ausführlicher beschrieben:

Dre Dage vor Sünte Valentin (14. Februar)
Tog Konink Hans to Wintbergen in
Mit dortich dusent Mannen.
He schlog de kleinen Kinder dot:
De Schilt vlot in dem Blode rot:
Dat mochte wol Gott erbarmen.

He tog to Meldorp in dat Blick,
He vörede dar vele Gudes mit sik,
Bi einem Aventsterne.

Die Handschrift läßt Raum für 5 oder 6 Strophen. – In Wintbergen soll am Tage vorher noch eine große Hochzeit gefeiert sein, nach der spätern Überlieferung Neocorus I, 460.

*

 

72. Peter Swyn.

1.

»Webbeshosen« = Hosen aus selbstgemachtem Wollenzeug von geringer Güte, vgl. Neocorus 1, 152.

In dem Kriege des Jahres 1500 machten die Dithmarschen große Beute. Zu keiner Zeit waren die Holsten mit so viel Kleinoden und Edelsteinen geschmückt und in so prächtigen Kleidern und kostbaren Rüstungen in den Krieg gezogen. So kriegten die Dithmarschen so viel Geld und Gut, als sie nie zuvor begehrt noch gewünscht hatten, also daß sie nicht groß darauf achteten, noch es ordentlich probieren ließen. Güldene Ketten, dieweil sie schwarz geworden waren, hielt man für Eisen und legte die Hunde daran, bis man sie erst beim Abschleißen erkannte.

Aus der Beute hatte Peter Swyn in Lunden, einer der achtundvierzig Regenten des Landes, ein kostbares sammetnes Wams gewonnen. Damit erschien er auf einem Fürstentage in Itzehoe und trug dabei ein paar weiße Webbeshosen. Ihn begleitete Junge Johanns Detlef; beide waren ein paar beredte scharfsinnige Männer von geschwindem Wort. Als die holsteinischen Herren den wunderlichen Anzug sahen, lachten sie darüber; aber Junge Johanns Detlef sprach alsobald zu ihnen: »Lachet doch nicht; denn wo der Wams geholt ward, hätte man auch wohl die Hosen Kriegen können, hätte Ehre und Zucht das nicht gehindert.« Auch erzählt man, man habe Peter Swyn selbst um seine Kleidung gefragt, woraus er geantwortet: »Das sammetne Wams trage ich, dieweil ich ein Landesherr bin; die Webbeshosen aber, weil ich ein Hausmann.«

Neocorus (und Hans Detleff) I, 229, 230.

2.

Peter Swyn, der vornehmste Achtundvierziger zu seiner Zeit, ein Mann sein im Rat und stech in der Tat, brachte es dahin, daß auf den Morgen Land ein Sechsling Schatzung mehr gelegt ward, die vorhin nur ein Schilling gewesen. Deswegen wurden alle Leute auf ihn erbittert und ein ganzes Jahr lang hat er sich in seinem Hause zu Großlehe verborgen gehalten. Eines Tages aber wagte er sich zu seinen Kleiern aufs Feld, setzte sich aber aus Vorsicht zu Pferde. Doch kaum kam er auf den Acker, so sprangen die Kerle aus dem Graben und ermordeten ihn. Der Acker ist der, der zwei Wreden Mich von Lehe an dem Quer- und Gooswege rechter Hand liegt, und wo noch bis auf diesen Tag der große Stein steht, da ist die Stätte.

Harms, Gnomon S. 176. 2. Aufl., aus mündlicher Quelle.

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73. Mettenwarf.

Zur Zeit des dithmarschen Krieges befand der König Johann sich in einem Hause, wo er von allen Seiten umringt war. Eine kluge Magd, Metta, diente da und rettete den König dadurch, daß sie einen ihrer Röcke zerschnitt und seinem Pferde um die Hufen band. In der Nacht führte sie es am Zügel auf einen sichern Weg und der König entkam. Andre sagen, sie habe ihn mit einem Knappen über die Eider gesetzt; und noch andre, daß sie ihn aus dem Wasser rettete, als er mit seinem Schiffe in einer Sturmflut in der Wiedingharde strandete. Aus Dankbarkeit ließ der König sie erst an seinen Hof kommen und gab ihr dann viel Land im Bordelumer Koge, wo er ihr ein großes Haus bauen ließ, dessen Stelle noch Mettemvarf heißt. Darauf bat Metta auch um etwas Geestland, und der König erlaubte ihr, sich so viel zuzueignen, als sie an einem Tage umpflügen könne. Die kluge Frau nahm den König beim Worte und zog in weitem Kreise bis ganz nach Lütjenholm eine Furche und bekam so an einem Tage ein gutes Stück, das bis auf diesen Tag Fru Metten Land heißt.

Mündlich nach mehreren Mitteilungen; vgl. Nr. 60. – Auch bei Flensburg soll ein Bauer seinen Hof abgabenfrei besitzen, well sein Vorfahr den König Johann gerettet habe. Doch sieh Dahlmann zu Neocorus II, 570. – Das adlige Gut Großtondern soll entstanden sein, weil der Herzog oder der König einem treuen Diener erlaubte, so viel Land zu nehmen, als er umpflügen könne. – Heimreich ed. Falck I, 163 erzählt, ein Mann, namens Hatte, habe auf dieselbe Weise so viel Land in Besitz genommen, als noch die Feldmark des Dorfes Hattstede ausmacht. – Danske Atlas VII, 148 wird erzählt, daß ein Besitzer vom Gute Röy bei Frörup, Amts Hadersleben, seiner Tochter so viel Land gegeben habe, als sie an einem Tage umgehen könnte.

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74. Friplov.

Vgl. Nr. 7, 2.

In Bollersleben bei Apenrade war ein Hof, der Friplov genannt ward, und war frei von allen Schatzungen und Abgaben. Einmal war der König nämlich da mit einem kleinen Gefolge und ward von unserm Herzoge umzingelt, der sich mit ihm in Streit befand. Zu entkommen war unmöglich. Aber der Besitzer des Hofes, der ein starker und großer Mann war, sagte zum Könige, daß er ihn wohl retten könnte, wenn er sich ihm anvertrauen wollte. Der König, keinen andern Rat sehend, entschloß sich dazu leicht und der Mann steckte ihn, der klein und schwach war, in einen Sack, stopfte rund umher Heu und trug ihn so durch das feindliche Lager. Dafür befreite der König nachher seinen Hof.

Rasks Moerskabsl. 1839, 505.

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75. Der Mantel in der Bülderuper Kirche.

Zs. f. s.-h. Gesch. 11, 232. Danm. Folkem. 21, 64. Detlef v. Liliencron Ges. W. 2, 41. – Pferd mit Milch u. Semmeln gefüttert, vgl. Nr. 380.

(1524.)

Westlich von Apenrade zwischen Tolstede und Bollersleben, auf dem Wege von Hadersleben nach Flensburg, erstreckt sich ein Landrücken, der von altersher Wornhöi oder Urnehöved heißt. Hier wurden einst die alten schleswigschen Landtage unter freiem Himmel gehalten, wie die holsteinischen zu Bornhövede, und die Herzöge wurden hier von Adel und Bauern gewählt. Man zeigt noch eine Anhöhe Lögpold, die frühere Dingstätte; ein Weg heißt Aielveien, der Adelsweg; ein andrer Platz heißt Staatsryggen. Hier ward ein König erschlagen Erich Eimund? und einem anderen gehuldigt. In Bollersleben ist eine Freihufe, weil der Besitzer vormals verpflichtet war, den hohen fürstlichen Personen Stallraum und Unterkommen zu geben. Darum heißt das Haus auch noch das Königshaus.

Einmal war hier nun im Lande ein alter König, der zwei Söhne hatte. Der älteste zog außer Landes und kam erst zurück, als der Vater gestorben war, um diesem als König zu folgen. Aber der jüngere Bruder, der zu Hause geblieben war, machte ihm das Recht streitig. Endlich aber vereinigten sich beide dem ältesten Hardesvogt im Lande die Sache zur Entscheidung zu übertragen. Der Hardesvogt der Sluxharde, Nis Hansen auf Heistruphof, war der älteste und er erhielt den Auftrag, zu einer gewissen Zeit das Urteil zu sprechen. Der kluge Mann sah wohl ein, daß wie er auch entschiede, er eine Partei sich immer zu Feinden machen würde; er dachte daher darauf mit einer bchenden List sich vor Gefahr zu sichern.

Der Hardesvogt hatte ein schönes milchweißes, oder wie andere sagen, gelbes Pferd; das futterte er alle Tage ein Jahr lang mit Semmeln und Milch und führte es oft heraus und übte es so im Rennen und Springen, daß keines ihm an Kraft und Schnelle gleich kam. Er selber aber kaufte sich einen großen dicken rotwollenen Mantel; und als nun der Tag des Things kam, hüllte er sich darein, setzte sich auf sein Pferd und ritt hinauf an den bestimmten Ort, der eigens dazu mit Steinen gebrückt worden war, wie man noch heute sieht. Die beiden Prinzen, begleitet von ihren Parteien, die alle bewaffnet waren, hielten schon da; nun kam der Hardesvogt auf sie zu und rief mit lauter Stimme: » Des Landes Leute haltens mit dem Landeskinde.« Und warf rasch sein Pferd herum und eilte auf Bollersleben zu. Die Reiter des altern Prinzen aber stürzten ihm nach und überschütteten ihn mit Pfeilen; doch sein roter Mantel blähte sich auf und schützte ihn. So kam er dem Dorfe nahe, wo mehrere Wagen im Wege standen und die Straße sperrten. Als die Bauern den lieben Mann an seinem Pferde und seinem Mantel erkannten, wollten sie ihm Platz machen. Er aber rief ihnen zu, sie sollten alles stehen lassen und setzte mit seinem Pferde im Fluge darüber hin. So kam er seinen Verfolgern weit voraus, und nahm seine Richtung nach dem großen, dichten Walde zu, der damals auf dem Gröngaarder Felde stand. Ein altes Weib eilte herbei und wollte ihm ein Heck öffnen, das den Weg verschloß; aber auch ihr rief er zu, es zuzulassen und setzte auch darüber weg. So erreichte er den Wald und hielt sich da so lange verborgen, bis er sich hervor wagen und nach Hause zurückkehren durfte. Aus Dankbarkeit schenkte der junge König ihm für seinen Hof die Freiheiten, die Heistruphof bis auf diesen Tag genießt. Sein großer Mantel war ganz schwer von Pfeilen und wie gespickt damit. Zum Andenken an die glückliche Rettung hängte er ihn in der Bülderuper Kirche auf, wo er eingepfarrt war. Noch im Jahr 1786 hing der Mantel da, fiel aber endlich ganz vermodert herunter und ward mit dem Schutte hinaus gefegt. Man sieht aber in der Kirche noch ein Gemälde, welches des Hardesvogts Familie gestiftet hat.

Pastor Beter in Karlum im Staatsbürgerl. Magazin 4, 243. Rasks Moerskabsl. 1839, 507-8. Schriftliche Mitteilung von Herrn Fries in Apenrade und Herrn caud.theol. Meßtorf in Rapstede. Letzterer erzählt, der Hardesvogt habe eine Menge Schachteln, eine über der andern übergeben, mit dem Bedeuten, darin befinde sich sein Urteil. Über dem Öffnen gewann er Zeit, schon weit voraus zu kommen. – Historischer Grund der Sage sind die Streitigkeiten über die Absetzung Christierns II. und die Wahl Friedrichs I. Vgl. Christiani, Neue Geschichte der Herzogtümer I, 368. – Ein andres Lied von Sorte Plog, dem Mörder Erich Eimunds, als in Danske Viser I, 25 scheint in Nordschleswig bekannt gewesen zu sein. Schröder, Topographie von Schleswig II, 399 führt eine Stelle an. – Den Hardesvogt nennt die mündliche Überlieferung Nis Hansen, Jonas Hoyer Bericht vom Herzogtum Schleswig S. 25 aber Nis Hinrichsen.

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76. Als König Christian bei Brunsbüttel einen Einfall in Dithmarschen machen wollte.

Liliencron, hist. Volksl. 4, 43. König Christian saß 17 Jahre im alten Schloß zu Sonderburg gefangen (1532-49). Während dieser Zeit umkreiste er ruhelos einen steinernen Tisch; seinen Daumennagel ließ er dabei auf dem Rand des Steines nachschleifen, so daß sich dadurch eine Rille bildete. Mügge, Streifzüge durch Schl.-H. 2, 191. Kohl, Reisen in Dänemark 1, 157; vgl. Sonderj. Aarb. 4, 241 ff. Dasselbe wird von einem Verbrecher im Landesgefängnis zu Weddingstedt erzählt. Carstens, Wanderungen durch Dithm. S. 100.

(1531.)

1.

Dar is ein nie Raet geraden
To Rostorp Heute Rüsdorf bei Heide in Dithmarschen Kirchspiel Weddingstede. up der Heide.
Dat Hebben de Achtundveertig gedaen,
De besten in unsern Lande,
Dat dar scholden vierhundert Man
To Brunsbuttel up der Wachte.

Klaes Marcus Hergen stund im Dore,
He sprak: »Gott sy gelavet!
Ik seh so mannigen sinen Man
Van Norden her gedravet.«

Se togen ein lüttik bi Dike lang
Wol na der Dikes Horne Diekshörn zwischen Marne und Brunsbüttel.:
Dar schlagen se de Speisen schwank
Wol na der Landsknecht Wise.

Wiben Peter und Klaes Marx Hergen
De schoten de groten Buffen aff
Darto de witten Schlangen.
Se stelden de Buffen up dat Sant,
Se schoten aver int Kedinger Lant:
Den Kedingern den wart bange.

»Dat hebben de dithmarschen Burengedaen,
Se mögen wol Heren wesen:
Leveden se noch söven Jaer,
Dithmarschen worden Landesheren.«

2.

Will gi hören einen uien Gesang?
Konde ik en juw man ramen.
Ik sach so Mennigen sinen Mann
Van Norden her kamen.

Se togen to hogen Meldorp in,
Se wolden eine kleine Wile teren:
Se eten Krut, se drunken Win,
De Braden deden se keren.

Do se wol geteret haddn,
Se mosten wedder to Wege;
De Trummenschleger de schloeg an,
Er Fenlin leten se flegen.

Se togen den Süderstrant enlank
Wol na der Dikes Horne.
Se stelden er Buffen an ein Sant,
Se schoten wol an dat Kedinger Lant:
All na dem nyen Huse Neuhaus im Hannöverschen..

Dat vorhorde de Koning ut Engelant
Und em wart also bange.
Do sprak dar ein gut Landesmann:
»Dat sin de dithmerschen Buren all,
De driven de klare Schande.

Dithmerschen, dat schölen Buren sin,
It mögen wol wesen Heren:
Leveden de Dithmerschen noch söven Jaer,
It worden der Holsten Heren.«

Neocorus II, 73 ff. Hans Detlefs, Mskr. Fol. 169 b. – Das zweite Lied ist augenscheinlich eine jüngere Version des ersten. – ramen treffen.

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77. Wiben Peter.

Liliencron, hist. Volksl. 4, 259. Detl. v. Liliencron Ges. W. 3, 368.

(1545.)

1.

Wille gi hören ein ny Gedicht?
Wat kortlich is utgericht,
Darvan wil ick juw singen.
Ein Man is Wiben Peter genant,
De Dithmerschen wolde he dwingen.

He toeg ut sines Vaders Lant;
Darup heft he gerovet und gebrant,
Mit Gewalt vel Gudes genamen,
Etliche gefangen unde weggeföert:
Is nu to Utdracht kamen.

He Heft sik Hans Pomerening genant,
Heft Schaepstede sulvest utgebrant
Mit sinem Broder und Knechten.
Dat worden de Achtundveertig enwaer,
De Sake moste he vorvechten.

Darna wart he gefangen chon,
Dat man em scholde geven sin Lon
Na sinen Vordeenst und Rechte.
To Rensborg wart he gefunden los
Vam adelichen Geschlechte.

It warede nicht gar lange Tyt
Toeg he in düdeschem Lande wyt
Na Karol dem römischen Keiser,
Umme sin Mandat to halen dar;
Unglücklich wart sin Reise.

Den Achtundveertig is Badeschop kamen:
Wiben Peter hedde Knechte angenamen
To Jevern in Freuken Lande.
Damit wolde he up de Dithmerschen nemen
Und don en weh und bange.

Up einen Sonnavent, dat dit geschach,
De was na Hemmelfartes Dag,
Einen Hövedmann hebben se karen:
Boldes Johan, ein framen Mann;
De Schanz de scholde he waren.

Rode Reimer, Klas Fake sin ok erwelt,
Reinholt Grote ein framer Held;
Dat beste deden se raden.
Se segelden ut, all gegen de Flot:
To Hilge Lant kemen se drade.

Se hadden ein Schipken rüstet ut
Mit Victualien und Büssenkrut,
Mit Speisen und guden Schütten.
Ein Jachtken dat was ok darmit;
Dat wart en ok wol nütte.

Se segelden to Hillig Lant langst dat Kliff,
Dar Wiben Peter up bestande blef:
Dat dede em doch nen Baten.
Johan sin Broder de was darbi,
De moste fin Levent laten.

Se lepen dar frischlik an dat Lant.
Wiben Peter twe Baden utgesant
De Hovetlüde to stüren:
De eine was Vaget, de ander Pastor,
Des Name heete Herr Lüder.

He wolde sik gerne fangen geven,
Woldens en fristen sin junge Leven,
Und nemen en gefangen
Wol na des loflichen Koninges Recht:
Darna stunt sin Vorlangen.

Boldes Johan sprak altohant:
»De Dithmerschen hebben mi utgesant,
He schal sik fangen geven.
Heft he dem Koepmann kein Leid gedaen,
Fristen schal he sin Leven.«

Hansken wol to Peter sprak:
»Ik fruchte alhier grot Ungemak;
Och Peter, gif di gevangen.«
Peter hof up sine witte Hant,
Schlog Hansken an de Wangen.

He settede de Kanne vor sinen Munt;
He drank se ut bet up de Grunt.
Ein Fenlin he so drade,
Darto ein Schwert ummet Hövet schwang,
Hadde men de Spiße to bade.

De Dithmerschen lepen an dat Kliff:
Wiben Peter mit Hanse bestande blef,
Dat dede en beid kein Baten:
Twe andere Gesellen weren ok darbi:
Er Levent mosten se laten.

Do heft he men veer Schöte gedaen,
Darmit is he na der Kerken gegaen:
Den Böne heft he gekaren.
Mit finem Broder und Knechten dar
Sin Levent heft he vorlaren.

Dat Schetent warede ein ganze Stunt
Wol in der Kerken to Hillige Lant;
Einer wart gefangen namen.
Vort ganze Lant wart he gefört,
Is em to Unfall kamen.

De Achtundveertig schloten einen Raet
Wegen der drier Doden draet,
Wo ment darmit scholde maken:
Wiben Peter scholde up ein Rat,
Sin Hövet up ein Staken. –

De uns dat nie Leedlin sang,
Reinholt Junge is he genant,
He heft it gar schone gesungen.
He was van twintig Jaren olt,
Den Rei heft he gesprungen.

Jerren Reimer de was darbi:
Reinholt Jung de schreef it fri,
Se hebben it gar wol gesungen.
Se drunken vel lever gut Beer edder Wyn,
Den it Water ut dem Brunnen.

Neocorus II 93 ff. Hans Detleff, Mskr. Fol. 180b ff. – Utdracht Austrag, Entscheidung. Freuken Lant hieß die Herrschaft Jever, weil sie 1515 dreien Fräulein erblich zufiel. Dahlmann zum Neocorus I, 213. karen erkoren, erwählt. Speisen wie früher, Spieße; Spiße Spitze, bate siehe oben S. 31.

2.

Will gi hören einen nyen Sang,
Wat de stolten Dithmerschen gedaen?

Se syn mit Schepen ut getagen,
Büssen und Krut vor vol hadden se geladen.

Runge Michel was Trummenschleger:
Boldes Johan Neocorus auch Wollers Johann. Hans Detlefs Rolves Johann. was Fenikendreger.

De Trummenschleger de schloeg an,
De Fenikendreger de toeg an.

Darmit velln se int Hillge Lant:
Dar wolden se Wiben Peter af han,

De Kerkherr kam entjegen gaen:
»Wo sy gi Hillge Lant so gram?«

»Wi sind dem Hillge Lant nicht gram,
Wi willen men Wiben Peter daraf han.«

De Kerkherr als he dat vornam,
He gieng vor Wiben Peter staen.

»Wiben Peter, du most di vangen geven,
It wil di kosten din junge Leven.«

»Ik wil mi noch nicht vangen geven,
Scholde ik ok nicht ein Stunde mehr leven.

Ik wolde mi noch wol vangen geven,
Hadde ik den mitten Hanenfeder Neocorus und Hans Detlefs auf dem Rande: Reimer Grote..« –

Reimer Grote sprak men ein Wort;
To allen Schöten gingen se vort.

Do se hadden vief Schote gedaen,
Do kam dat Bloet vam Böne afgaen.

Se boden dem Buren einen Daler,
He scholde men Wiben Peter afhalen.

De Buer de dacht in sinem Mot:
»De Daler de were mi wol got.«

He nam Wiben Peter wol bi den Haren,
Und dede en van dem Böne afbören.

He nam Wiben Peter wol bi den Bart
Und warp en dar an Schepesbort.

Dat geschach up einen Pingstedag,
Dat se Wiben Peter up de Heide bracht.

Dar wart he vam dithmerschen Lant,
Mit sinem Broder tom Schwert erkant.

Neocorus II, 96. Hans Detlefs a. a. O. – Auch von diesem Liede gilt das oben S. 68 bemerkte. Das erste Reimpaar ist, wie dort, gleichsam ein Präludium; dann umfaßte die Melodie wohl immer ihrer zwei.

3.

Vor zweihundert Jahren lebte in Heinkenborstel, Kirchspiel Hohenwestede, ein kühner Mann, mit Namen Wiben Peter. Als nun die Kaiserlichen unter Wallenstein hier ins Land kamen, verband er sich mit einer großen Anzahl Bauern, und alle schwuren zu einander zu halten und ihr Leid an den Feinden zu rächen. Es war ein strenger Winter, und die Kaiserlichen lagen in den Dörfern Puls, Ohrsee, Thaden und andern bei großen Haufen einquartiert. Da machte sich Wiben Peter mit seinen Genossen bei Nacht auf, als alles in festem Schlafe lag, umzingelten das erste Dorf und zündeten es auf allen vier Enden an, ließen aber niemand heraus von denen, die fliehen wollten, also daß die Feinde in den brennenden Häusern auf den Kaphölzern der Sparren sitzend, zu Tode gebraten wurden. So haben sie es der Reihe nach bei den übrigen Dörfern auch getan und auf diese Weise die Gegend vom Feinde befreit. Wiben Peter aber kam durch diese seine Heldentaten in solchen Beruf, daß der König ihn nachher in seine Dienste nahm und zu hohen Ehren erhub.

Durch Herrn Schullehrer Rohweder in Thienbüttel. – So hat sich Wiben Peter, der Mordbrenner, freilich in ganz anderen Verhältnissen, selbst im Gedächtnis des eigentlich holsteinischen Bauern erhalten.

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78. Wie der Grütztopf in das friesische Wappen kam.

Nach Hansen, Beitr. z. b. Sagen Nordfrieslands (1890) S. 43 f. geschah dies in einem Kampf zwischen den Sylter Riesen und den Unterirdischen. Mit heißem Brei standen auch die Nordhastedter Frauen ihren Männern im Kampf mit einer Räuberbande bei, woher das »Frauenbier« in Nordhastedt; s. Heim. 2, 88.

Die Friesen waren einst im Kriege mit den Dänen. In einer Schlacht gerieten sie in Unordnung und flohen. Die friesischen Weiber, welche im Lager eben Brei kochten, ergriffen die Grütztöpfe, als sie ihre Männer so feige sahen, und gingen damit dem Feinde entgegen. Rechts und links flog nun der heiße Brei den Dänen um die Ohren. Sie verwunderten sich anfangs und lachten; aber als die Friesen die Kühnheit ihrer Frauen sahen, kehrten sie von Scham erfüllt um und begannen die Schlacht von neuem. Da kam die Reihe des Fliehens an die Dänen, und es hieß später, die friesischen Weiber hätten die Dänen mit dem Breitopf in die Flucht geschlagen, die Männer aber ihn aus Dankbarkeit in das friesische Wappen aufgenommen.

Herr Hansen auf Sylt im Volksbuch 1845. – Auf dieselbe Weise verteidigten die Frauen der Dithmarschen in der letzten Fehde Meldorf, als die Feinde stürmend auf die Singel drangen.

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79. Wallenstein vor Breitenburg.

(1626.)

Vierzehn Tage lang hatte Wallenstein mit seinem ganzen Heere vor dem festen Schlosse Breitenburg gelegen, das hauptsächlich von Bauern aus der Umgegend verteidigt ward. Endlich ward es im Sturm genommen. Der tapfere Oberst in der Burg stellte die Kanonen gegen den Eingang und streckte die über die Brücke eindringenden Feinde haufenweise nieder. Als dennoch die Übermacht siegte, ließ er eine volle Pulvertonne in das Tor stellen, setzte sich mit einer brennden Lunte in der Hand darauf, und sobald die Feinde wieder anzudringen wagten, sprengte er sich und alle, die ihm genaht waren, in die Lust. Darüber erbittert überließ Wallenstein die ganze Besatzung der Rache seiner Soldaten. Er selber saß im Vorhofe und schlug ein lautes Gelächter auf, als die Bauern alle in einem Saal zusammengetrieben und niedergemacht wurden. Darauf ward den Frauen der Getöteten befohlen, das Haus vom Blute zu reinigen und die Leichen zu entfernen. Allein sie waren bereit, lieber den Tod zu leiden, als solch widernatürliche Arbeit zu tun.

Andere sagen jedoch, daß sie wirklich dazu gezwungen seien. Bis vor wenigen Iahren aber zeigte man in einer Tannenkoppel beim Schlosse noch ein schmales Stück Land, das den Namen Aasstück hatte, weil die Schweden da begraben waren, die bei der Belagerung umgekommen. Jetzt ist das Land ausgestochen, weil man einen Kanal dahindurch gezogen hat.

Alardus bei Westphalen I, 1975. Provinzialberichte 1822 IV, 85 ff. Der gleichzeitige Alardus berichtet dies nur als ein Gerücht. Es wird noch heute erzählt.

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80. Christian der Vierte.

Frahm 24 ff. Vgl. Kristensen 4, 167 ff.

(1644).

1.

In der Schlacht auf der Kolberger Heide bei Femern neigte sich erst der Vorteil auf die Seite der Schweden; die Dreifaltigkeit, das königliche Admiralschiff, ward sehr zerschossen und der König selber schwer verwundet. Als er niedersank, ward ein Matrose hinauf kommandiert, die Flagge zu streichen, damit die Schweden aufhörten, auf das Schiff zu schießen. Aber der brave Kerl konnte das nicht übers Herz bringen, sondern verwickelte die Flagge so im Tauwerk, daß sie nicht fallen konnte. Als der König das später erfuhr, ward er so erfreut darüber, daß er dem Matrosen einen Hof Landes bei Hadersleben schenkte.

Dannevirke 1839, Januar.

2.

Zu gleicher Zeit, als den Dänen der Mut entfiel, trat ein anderer tapferer Matrose hervor, der ein Friese war aus Ballum, und rief: »Der König ist ja nur Ein Mann, und unser ist noch genug, den Feind zu schlagen.« Da schämten die Dänen sich, griffen von neuem zu den Waffen und ein rümlicher Sieg ward erfochten. Nach der Schlacht ließ der König den Ballumer vor sich kommen und er erschien unverzagt, obgleich man versucht hatte, ihm wegen seiner respektwidrigen Worte Furcht einzuflößen. Der König empfing ihn freundlich und erlaubte ihm, eine Gnade sich zu erbitten. Der Matrose besann sich nicht lange und bat für sich und seine Nachkommen um ein Privilegium zur Führung einer Gastwirtschaft in Ballum. Das erteilte ihm der König und gab ihm obendrein noch eine Summe zur Einrichtung. Seine Nachkommen haben lange Zeit da die Krugwirtschaft geführt.

Mitgeteilt durch Herrn Schullehrer Hansen auf Sylt.

3.

Als der König seine Flotte bemannte, kam auch ein landflüchtiger Mann aus Villeböl an der Königsau, der Paul Bartscherer genannt ward, heimlich zurück und ließ sich als Matrose annehmen. Er kam auf die Dreifaltigkeit, und da nun der König verwundet ward, war da kein Chirurgus auf der ganzen Flotte. Paul bot darum seine Hilfe an und machte seine Sache zu des Königs Zufriedenheit. Nachdem dieser geheilt war, erlaubte er ihm, sich eine Gunst auszubitten. Da erzählte Paul, wer er sei und bat den König um Gnade. Diese ward ihm nicht allein gewährt, sondern auch ein Hof in Villeböl dazu geschenkt, den er frei von Abgaben so lange besaß als er lebte. Er kam aber um in der Königsau. Man warnte ihn, sich in acht zu nehmen, wenn er oft sich äußerst verwegen hinein wagte; aber Paul antwortete: »Ach, hab ich doch so manche gefährliche Fahrt zur See gemacht; es müßte eine Schande sein, wenn ich in dieser Rinne ertrinken sollte!« Doch ertrank er gleich nach diesen Worten. Er ward in der Kirche zu Karlslund begraben und eine ausgehauene Tafel meldet, daß er da ruht.

Danske Atlas VII, 166.

4.

Danm. Folkem. 21, 68.

Als Christian der Vierte einmal in Odensee war und ihm erzählt ward, wie eifrig die Alsinger bei der Lysabbeler Kirche Wache hielten, daß die Schweden nicht landeten, war da ein Junker Tapp, der sich erdreistete, mit dem König die Wette einzugehen, daß er binnen vierundzwanzig Stunden doch mit seinen Dienern ans Land kommen wollte, ohne daß sie es merkten. Aber da er am nächsten Morgen kam und von Mummark sich hinauf nach der Kirche schleichen wollte, ward er von den Alsingern mit seinen Dienern totgeschlagen; und der König verzieh es ihnen, da dies noch ein größerer Beweis ihrer Achtsamkeit war.

Danske Atlas VII, 443. Vgl. Hans Detleff in Dahlmanns Neocorus II, 474.

5.

Als König Christian der Vierte zum ersten Male aus einem holsteinischen Landtage erschien, soll er voll Verwunderung über die außerordentliche Pracht des Adels gestutzet sein. Ein andermal begegnete ihm ein holsteinischer Adliger in einem mit acht kostbar geputzten Pferden bespannten Wagen, während er selber vor dem seinigen nur sechse mit ordinärem Seil und Sattelzeuge hatte; da rief er seinem Kutscher und dem ganzen übrigen Gefolge zu, er solle aus dem Wege fahren und stille halten; es würde jener gewiß mehr sein als er, und müßte man ihm also billig weichen.

Amthor, Historischer Bericht S. 95.

6.

Als man um das Jahr 1619 in der Gegend von Bredstede bei den Deichen beschäftigt war, kam der König Christian der Vierte in eigner Person dahin und hielt sich besonders viel in dem südersten Hause von Ellerbüll auf, um den Arbeiten, die von da beginnen sollten, immer nahe zu sein. In müßigen Stunden aber drechselte und schnitzelte hier der König selber mit eignen Händen ein sehr gutes Spinnrad zurecht und schenkte es bei seiner Abreise der Frau im Hause. Da hat man es noch bei Menschengedenken als ein Kleinod sorgsam aufbewahrt.

Mitteilungen zur Vaterlandskunde I, 94.

*

 

81. Düerhuus.

Schütze, Schlesw. Folkesagn 1, 3 ff. Frahm 98. Über den Namen Dürhuus Jb. f. Ldk. 9, 136.

In Tondern hatte zur Zeit des dreißigjährigen Krieges das schönste und reichste Mädchen der Stadt sich mit einem braven jungen Manne verlobt, und ihn, obwohl er arm war und aus niedrigem Stande, vielen reichen Freiern vorgezogen. Als nun die Schweden ins Land kamen, mußte er die Braut verlassen und mit in den Krieg gegen sie ziehn. Doch mit rühmlichen Auszeichnungen kehrte er nach einiger Zeit zurück und die Liebenden hofften bald ein glückliches Paar zu werden. Es sollte aber doch traurig enden.

Ein paar Kriegskameraden und Freunde waren mit dem Bräutigam gekommen und einer von ihnen verliebte sich in seine Braut. Als sie nun einmal in einem Wirtshause beisammen saßen und lustig zechten, fing der neidische Nebenbuhler Streit mit seinem andern Kameraden an, und da ein Wort das andere gab und der Beleidigte endlich heftige Worte ausstieß, riß jener dem Bräutigam den Degen aus der Scheide, stach damit seinen Gegner nieder und floh. Der unschuldige Freund ward nun bei dem Sterbenden gefunden und da seine blutige Waffe gegen ihn zeugte, vom Gericht verurteilt; er mußte unter der Hand des Henkers sterben. Die unglückliche Braut folgte ihm bald in den Tod, von Gram verzehrt.

Sieben Jahre waren seit der Zeit verflossen, als der Mörder, der unterdes in der ganzen Welt unstät umher geirrt war, nach Tondern zurückkehrte, und um seiner Seele Ruhe zu verschaffen, den Richtern seine Schuld bekannte und die arme Mutter des Hingerichteten bat, sein ansehnliches Vermögen als Erbin anzunehmen. Bevor er aber die gewünschte Strafe litt, ließ er des ehemaligen Freundes Leiche ausgraben und mit Gepränge in ein ehrliches Begräbnis bringen. Und ließ dann auf das Grab einen blauen Stein legen, worauf ein Herz mit einem Kreuz oder Dolch ausgehauen war. Weil aber ein unschuldig Hingerichteter darunter lag, so tröpfelte alljährlich in der Nacht des Mordes Blut aus dem Herzen. Der Stein ist jetzt fortgenommen. Die Mutter kaufte von dem Gelde, das sie empfangen hatte, eine kleine Viertelmeile von Tondern einen Hof und nannte das Haus darauf Düerhuus, weil sie es nur um den Tod ihres Sohnes erhalten hatte. Dieses Haus zeigt man bis auf diesen Tag.

Nach den einstimmenden Mitteilungen des Herrn Pastor Carstens in Tondern und Herrn Schumann in Flensburg. – Fräulein D. Tamsen in Tondern erzählt: Zwei Kriegsleute zur Zeit des dreißigjährigen Krieges bekommen Streit in einem Wirtshause in Tondern. Einer ersticht den andern. Als der Mörder flieht, findet er auf der Bank vor dem Hause einen jungen Mann schlafend, dem er seinen blutigen Degen in die Hand gibt. Der Jüngling wird hingerichtet und hinterläßt eine trauernde Braut und Mutter usw. Im folgenden herrscht Übereinstimmung. – Herr Hansen auf Sylt erzählt so, daß die Tochter und ihre Mutter schon das reiche Haus besessen hätten. Den begünstigten Freier sucht ein eifersüchtiger Nebenbuhler im Michaelismarkte in Tondern auf und ersticht ihn im Gedränge in einem Wirtshause. Das blutige Messer gibt er einem schlafenden Menschen, der nach der Tortur sich schuldig bekennt, hingerichtet und auf dem Schindanger begraben wird. Darauf hat der Mörder keine Ruhe, geht in den Krieg, kommt dann nach Tondern zurück und verrät im Traume einem Bürger die Tat. Der macht Anzeige und die Strafe trifft ihn.

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82. Die halbgefüllte Flasche.

Voigt, Aus Flensburgs Sage u. Gesch. S. 16 f.

Als die Schweden einmal hier im Lande waren und die unsrigen gerade eine Schlacht gewonnen hatten, bekam ein gemeiner Soldat einen Wachtposten auf dem Schlachtfelde. Mit Mühe hatte er für seinen brennenden Durst nur eine Flasche Bier erhalten. Eben als er sie an seinen Mund setzt, hörte er neben sich die Stimme eines Schweden, dem beide Beine abgeschossen waren, und der ihn flehentlich um einen Labetrunk bat. Mitleidig ging der Soldat zu ihm und beugte sich über den Verwundeten, um ihm die Flasche zu reichen. Aber der tückische Schwede ergriff sein Pistol und feuerte es auf seinen Wohltäter ab, in der Hoffnung, sich noch zu rächen und zugleich in den Besitz der ganzen Flasche zu kommen; doch glücklicher Weise ging der Schuß fehl. Ruhig griff der Soldat nach seiner Flasche, trank sie halb aus und reichte sie dann dem Sterbenden: »Da, du Schlingel! nun kriegst Du sie nur halb!«

Als der König dies erfuhr, ließ er den Soldaten kommen und gab ihm ein Wappen, darin eine halbgefüllte Flasche stand. Des Soldaten Urenkel wohnen noch in Flensburg und führen denn noch heute dieses Zeichen.

Mitgeteilt aus Flensburg; vgl. Thiele I, 114.

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83. Die Riesburg.

Vor alters lag bei Ries eine Burg, von der die Graben noch deutlich sind. Ein dort wohnender Ritter war einmal abwesend im Kriege, als seine Frau starb. Als er nun gleich darauf nach Hause kam, und sie nicht mehr am Leben fand, brach er in solchen Jammer und solche Klagen aus, daß die Leiche auf einige Augenblicke wieder erwachte. Bis vor wenigen Jahren ist von dieser traurigen Geschichte noch ein Lied bekannt gewesen.

Im dreißigjährigen Kriege ist die Burg erstürmt, die Besatzung und die Burgfrau, die Ingeborg geheißen, erschlagen und alles dann verbrannt worden.

Durch Herrn H. Petersen in Soes bei Apenrade.

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84. Die keusche Sylterin.

Kohl, Reisen in Dänem. 1, 234. Jb. f. Ldk. 10, 34. Frahm S. 86. Danm. Folkem. 21, 76.

Auf der südlichen Halbinsel Sylts, die Hörnum heißt, erhebt sich eine gewaltige Dune, von mehr als 100 Fuß Höhe und einer halben Stunde im Umfang. Sie heißt der Buder, weil ehemals da in einer Meeresbucht Fischerbuden standen, die die Fischer von Sylt im Frühjahr und Herbst benutzten, welche aber auch wohl Seeräubern zum Schlupfwinkel dienten.

Hier in dem versteckten Ankerplatz landeten einst schwedische Seeräuber. Zwei Jungfrauen waren eben in jenen Hütten mit dem Reinigen und Einsalzen gefangener Fische beschäftigt; die Männer waren alle draußen auf der See und fischten. Sobald sie darum die Ankunft der Schweden bemerkten, flohen sie, nichts Gutes ahnend, nordwärts längs dem Ufer dem nächsten Dorfe zu. Glücklich erreichte die eine das Dorf Nieblum, das weiland südwestlich von dem jetzigen Rantum lag; die andre aber, nicht so schnellfüßig, ermüdete bald auf dem anderthalb Meilen langen Wege und sah die lüsternen Räuber ihr immer näher kommen. Am Ende mußte sie erkennen, daß ihr nichts mehr übrig blieb als entweder sich ins Meer zu stürzen oder ihre jungfräuliche Ehre hinzugeben. Eben glaubten die Räuber ihre Beute sicher in den Händen zu haben, als das Mädchen der See zueilte und vor ihren Augen in der Tiefe verschwand.

Hansen auf Sylt im Volksbuch 1844.

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85. Topphalten.

König Friedrich der Dritte hielt sich einmal ewige Zeit in Rendsburg auf und machte von dort aus kleine Reisen nach den Städten und Rittergütern in Holstein. Einmal war er nun auf einer dieser Reisen nur von einem alten Offizier und einem Bedienten begleitet, er hatte aus dem Dorfe Westerrönfeld Vorspannpferde genommen und ein großer Junge von dort war dabei als Kutscher. Als sie nun auf den alten Hansberg, der auch die Twieberge genannt wird, zwischen Rendsburg und Jevenstede kamen, gab der Bediente dem Jungen Prügel, weil er zu langsam fuhr. Und gleich darauf gab er ihm abermals eine Tracht. Da sprang der Junge vom Pferde und lief über den Wall in die Koppel. Der König kam dadurch in große Verlegenheit, denn der Bediente konnte nicht fahren und er selber auch nicht und der alte General auch nicht; also mußten sie da auf dem Wege halten. Da gaben sie dem Jungen gute Worte und versprachen ihm, daß ihm ferner kein Leid geschehen sollte. Aber der lachte und sagte: »Fört ji man sölben, ek well mi ni schlagen laten.« Da stieg der König selber aus dem Wagen, ging ihm entgegen und wiederholte seine Bitte. Da antwortete er: »Wenn du mi versprêken wullt, dat de Keerl, den du bi hest, mi ni wedder schlaan schal, so well ek wedder kamen; um dat ek sêker bön, so schast du mi awer Topp holen.« Nun mußte der König da auf dem alten Hansberge den Daumen in die Höhe halten, denn das heißt Topphalten und ist soviel als ein Eidschwur. Und darauf ging der Junge erst wieder zu den Pferden und sie fuhren weiter.

Aus Rendsburg. Vgl. unten Nr. 150. Es heißt wohl eigentlich Doppholen, Dopphalten; denn Dopp ist die Fingerspitze, namentlich des Daumen. Bremisches Wörterbuch unter dem Worte. Hochdeutsch ist Doppe gleich Pfote.

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86. Herzog Hans Adolf.

Über Hans Adolf vgl. noch Nr. 421. Zs. f. s.-h. Gesch. 37, 265 f. – Lesen u. Rückwärtslesen im Zauberbuch: Nr. 301. 302. 311. Urdsbr. 2, 33 (aus Stapelholm). Heim. 8, 219 f. Biernatzki, Volksbuch 1849 S. 122 aus Angeln (»Jakob in de Niebye«). Von einem Acker bei Stenderup wird ein Gespenst dadurch vertrieben, daß Man das Land »tilbage« pflügt: Kristensen 6, 984. – Niedergekrempte Stiefel: Nr. 302 Anm. Ähnliches erzählt man sich vom Amtmann Fuchs (Anfang des 17ten Jhdts.) in Rendsburg: Heim. 16, 185. – Flug an den Kirchturm: Zu Nr. 350.

(Um 1660.)

1.

Der Herzog Hans Adel von Plön ist seiner Zeit ein großer Zauberer gewesen. Er hat viele Kriege mitgemacht, aber weil er kugelfest war, ist er immer unverwundet zurück gekommen, und wenn er dennoch in große Gefahr kam, machte er sich unsichtbar. Den Feinden, wenn sie die überlegenen waren, hat er oft die Augen so verblendet, daß sie ihn und seine Leute nicht erkannten. Ja einmal, als er sich mit den Türken schlug und in Gefahr war zu unterliegen, wußte er sich und seine Leute so täuschend in Bäume zu verwandeln, daß die Feinde sich daran stellten und ihnen die Stiefel voll pißten.

Er hielt sich gerne und oft in Stocksee auf. Wenn er dahin wollte, so fuhr er im Winter und im Sommer mit Pferden und Wagen immer gerades Weges über den Plöner See. Ein Bauer aus Stocksee fuhr einmal hinter ihm her. Als beide hinüber waren, fragte der Herzog, in wessen Namen er es getan habe. »In Euer Gnaden Namen«, antwortete der Bauer. »Das ist gut«, sagte der Herzog, »daß du es in meinem Namen getan hast; versuche es nur nicht wieder, es möchte dir sonst schlecht gehen.«

Als er einmal eine von seinen großen Reisen antrat, befahl er, daß bis zu seiner Rückkehr Stocksee vergrößert und zu einer Stadt gemacht sein solle. Seine Gemahlin verwandte das ausgesetzte Geld aber zur Erbauung der Neustadt Plön. Als der Herzog zurückkam, fuhr er gleich nach Stocksee, und da er nun alles unverändert fand, schwur er seiner Frau den Tod. Das erfuhr sie sogleich, und als sie ihn nun aus einem Fenster des Schlosses am Kuppelsberge herankommen sah, stürzte sie sich hinunter.

Aber am Ende hat der Teufel ihn auf Ruhleben aus dem Fenster geholt. Die Sache sollte freilich vertuscht werden, sie ist aber doch heraus gekommen. Sein einziger Vertrauter war ein Kammerdiener, der jedoch nicht ganz eingeweiht gewesen ist und der sich auch zuletzt mit Hilfe von Geistlichen den Teufel vom Leibe hielt. Des Herzogs Kutscher sollte diesem einmal sein Zauberbuch holen, das er vergessen hatte. Neugierig fing er an, darin zu lesen; aber bald kamen eine solche Menge von Geistern und greulichen Erscheinungen, die er nicht wieder zu entfernen wußte, daß er froh sein konnte, als der Herzog selber kam und ihn befreite.

Durch Herrn Dr. Klander in Plön und Herrn Schullehrer Pasche in Wankendorf. – Wie besonders wohltätige und gütige adlige Frauen durch die Sage in ihr Gegenteil verwandelt wurden (Nr. 60), so hier auch Herzog Adolf. Hansen, Kurzgefaßte Nachricht von den Plön. Landen, S. 284. Er diente dem Kaiser Leopold in den Niederlanden, in Ungarn gegen die Türken, gegen die Polen. Siehe ebendas. S. 258.

2.

In den Kriegen, die Herzog Hans Adolf in kaiserlichen Diensten führte, war Luxemburg einer seiner Hauptgegner. Der verstand auch was von Zauberei und hatte in seinem Übermut dem König von Frankreich versprochen, ihm die kaiserliche Krone auf die Tafel zu setzen. Doch konnte er gegen Hans Adel nichts ausrichten; der war ihm in Zauberkünsten weit voraus. Einmal stellte Luxemburg in einem Augenblick ein ganzes Kornfeld her, Hans Adel aber ließ gleich ganz viel Gevögel kommen, so daß eben so schnell alles Korn verzehrt war. Ein ander Mal sagte man Hans Wolf: »Luxemburg macht Mäuse.« »Gut«, war seine Antwort, »so wollen wir Katzen machen.« Da waren die Katzen da, und husch! hatten sie alle Mäuse weggefangen. Als es endlich zur Schlacht kam, ließ Luxemburg einen so starken Rauch und Dampf aufsteigen, daß Hans Adolf und seine Leute ihren Feind nicht erkennen konnten. Aber da drehte Hans Adolf den Wind und aller Rauch wehte den Feinden ins Gesicht; so gewann er einen großen Sieg. Eins seiner Hauptkunststücke im Kriege war immer blinde Völker herzustellen, die vor den eigentlichen Truppen hergingen, bisweilen wohl niedergeschossen wurden, aber immer wieder aufstanden. Hatte der Feind so Pulver und Blei verschossen, so kam Hans Adolf mit seinen Leuten hervor und der Sieg war ihm gewiß.

Als er einmal in der Gegend von Segeberg sich aufhielt, schickte er seinen Bedienten nach Plön, um eins seiner Zauberbücher zu holen, verbot ihm aber ausdrücklich darin zu lesen. Der Bediente konnte aber der Neugier nicht widerstehen und fing bei der hintersten Wache unweit Plön (oder wie andre sagen, beim Broksberge in Dersau oder der Hamdorfer Brücke bei Segeberg), an aus dem Buche zu lesen. Gleich erschienen eine große Menge Männer, die nach seinem Begehr fragten. Um ihrer loszuwerden, wies er ihnen ein naheliegendes Gehölz zum Ausreißen an. In einem Nu hatten sie es heraus und verlangten neue Arbeit. Da las der Bediente in seiner Angst glücklicher Weise den Satz, den er vorher gelesen, wieder rückwärts, und so verschwanden die Männer. Als er aber dem Herzog das Buch brachte, merkte dieser bald, daß er doch darin gelesen hätte, denn die Männer, die er herbei zauberte, waren ganz schmutzig und abgemattet. Da verbot ers dem Bedienten ernstlich, sich so etwas nicht wieder einfallen zu lassen.

Als der Herzog einmal nach Plön zurückkehrte, blieb dem Kutscher seine Peitsche an einem Strauche hangen, wie er in der Dunkelheit meinte. Am andern Morgen aber zeigte ihm der Herzog zu seiner größten Verwunderung die Peitsche oben am Kirchturm; so waren sie also durch die Luft geflogen. Auf einer solchen Fahrt schlug sich auch einmal ein Pferd am Kirchturm ein Hufeisen ab, das lange am Hahn hangen blieb.

Als der Teufel endlich den Herzog holen wollte, bat er sich noch so viel Zeit aus, bis er seine eben niedergekrempten Stiefel aufgezogen. Der Teufel willigte ein; der Herzog zog aber nun gar nicht die Krempe auf und ließ sich auch, wenn er neue Stiefel kriegte, immer einen niedergekrempt bringen. Eine Zeitlang schützte ihn die List, endlich holte ihn der Teufel doch auf Ruhleben. Seine Zauberbücher sind an einer Stelle des Plöner Schlosses vermauert. Man hat sie mehrmals herausbringen wollen, aber immer ist man, sobald man in die Nähe kam, durch den scheußlichsten Gestank davon vertrieben worden.

Ein alter Mann in Dersau erzählte, daß sein Großvater den Hans Adolf noch persönlich gekannt habe. Dieser habe als Knabe mit mehreren Genossen aus Hamdorf bei Segeberg (zur Zeit eines Krieges?) fliehen wollen; da sei ihnen Hans Adolf begegnet und habe gefragt, wo sie hin wollten. Als sie ihm den Grund ihrer Flucht gesagt, habe er erwidert, sie sollten nur wieder umkehren, er wolle seinen alten grauen Kopf noch einmal wieder daran wagen.

Aus Dersau bei Plön durch Dr. Klander. Vgl. unten Nr. 301, 302. – Die Sage vom Marschall Luxemburg ist auch in Lauenburg bekannt, wie Arndt mich benachrichtigt. Man erzählt von ihm, daß er den König von Frankreich mit Hilfe des Teufels festgemacht habe. In Kuhns Märk. Sagen S. 280 wird von ihm Ähnliches wie von unsers Hans Adolfs Luftfahrt erzählt. Man vgl. noch Börners Sagen des Orlagau S. 99. Thiele, Danm. Folkes. I, 190.

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87. Steenbock.

Bund mit dem Teufel: Nr. 308 (vgl. Heim. 9, 65). 319. 320. 333. 372. 432 f. 478 f. 483. 486 u. ö. Daum. Folkem. 17, 199 ff. – über Steenbock vgl. Nr. 274. Jb. f. Ldk. 1, 133.

1.
Merken van Hüt un Giestern.

Et was ensmal en Bar. (Graf Steenbock)
De was all in de Klopp gewest
Un was verdrengt ut sinen Nest.
Et was ensmal en Bar.

De Bar kam in en Holt. (Holstein)
He keem in en recht lustig Holt,
Dat was van hogen Bömen stolt.
De Bar kam in en Holt.

Im Holte was en Leu. (König von Dänemark)
De was de rechte Herr vant Holt,
Em ehrden dar de Jung und Olt.
Im Holte was en Leu.

De Leu de was blesseert. (bei Gadebusch)
De Bar de sprak ganz sorgenfry:
»Wat schall de Leu doch schrecken my?«
De Leu de was blesseert.

De Bar de spökt int Holt. (Mona verbrannt)
Mit Brand und Schreck, mit Roof und Mord
He tog herum von Ort to Ort.
De Bar de spökt int Holt.

De Leu reep sine Fründe, (Moskau, Sachsen)
Den Veelsrat und dat Tigerdeert;
Et blees keen Rum im Holde meer.
De Leu reep sine Fründe.

Da keem de Bar in Not.
He krop in ene klene Eck, (Eiderstede)
Et ward en Spott ut sinen Schreck.
Da keem de Bar in Not.

Im Holt was ock en Foß. (Der Administrator)
Dat was en Wendheuk Ein unbeständiger, wetterwendischer Mensch, einer, der den Mantel nach dem Winde hängt. Hoiken (Holl, huyke) ist eine Art kleiner Frauenmäntel, die zugleich den Kopf bedecken; jetzt nur noch in einigen Gegenden und bei besonderer Gelegenheit (Beerdigung etc.) getragen. Sprichwörter sind noch: den Hoiken op beiden Oren drägen, es mit beiden Parteien halten; den Hoiken na den Wind keren. Man vgl. Neocorus I, 160. Bremisches Wörterbuch unter dem Worte. in de Hut,
De Leu hatt em to veel totrut.
Im Holt was ock en Foß.

Reink sprunk den Baren by.
Vorerst holp he em ut de Not
Und stack den Dorn in sinen Pot. (Pfote)
Reink sprunk den Baren by.

He nahnr em in de Kuhl, (Tönningen)
Und seed: »Dat het de Wolf gedaen«, (der Kommandant Wolf)
Doch kann man genog de Ränk verstaen.
He nahm em in de Kuhl.

Da gingt op beide los.
Den Foß ward sin Fell brav gekloppt,
De Kuhl an alle End verstoppt.
Da gingt op beide los.

De Bar brukt Reinkens Streek. (Steenbocksche Konferenzen)
He schmeerde jedermann dat Mul,
Sik to erholden und de Kuhl.
De Bar bruk Reinkens Streek.

Wat ward toletzt darut?
De Bar ward fast, de Leu getröst,
De Kuhl verstört, dat Holt ganz wöst.
Min Merken dat is ut.

Durch Dr. Klander in Plön nach einer handschriftlichen Aufzeichnung mitgeteilt, die sich bei einer aus Norderdithmarschen stammenden Sammlung historischer und polemischer Broschüren über die Belagerung Tönnings fand. Klander bemerkte, daß zwar das Lied kein Volkslied (seine Melodie sei offenbar nach: »Es war einmal ein Mann«), aber doch wohl der Bekanntmachung wert sei. – Es gab noch andere Lieder auf Steenbock. Aus Dithmarschen ist mir diese Strophe bekannt:

Steenbock, bist du noch verwegen,
Wie du pflegest sonst zu sein?
Oder wolltest du den Degen
Freudig mit mir stecken ein?

In Lauenburg (und Mecklenburg) singt man noch den Reim:

Piep, Dänen, piep,
Schonen bist du quiet.
Vör Stralsund (oder Wismar) hestu lange lêgen,
Bi Gadebusch hestu Schläge krêgen.
Piep, Dänen, piep etc.

2.

Steenbock hatte nur wenig Mannschaft bei sich, als er sich in Tönningen festsetzte. Unsers Königs Armee aber war sehr zahlreich. Als daher diese heranzog, sah er ein, daß er sich nicht halten könne, sondern ergeben müßte. Aber Steenbock hatte einen Bund mit dem Teufel, und mit dessen Hilfe dachte er sich zu retten. Unsere Armee kam den einen Abend vor Tönningen an und am andern Morgen wollte sie den Angriff machen. Diese Zeit benutzte Steenbock und befahl einem seiner Leute, hinaus auf die Straße zu gehen, und wer ihm zuerst begegnete, dessen Herz sollte er ihm bringen. Der Soldat ging hinaus, aber der, der ihm zuerst begegnete, das war sein eigner Bruder. Da konnte er es nicht über sich gewinnen, den zu töten, aber um doch dem Befehl des Generals zu gehorchen, ergriff er den Pudel, den sein Bruder bei sich hatte, schlachtete ihn und brachte das Herz zu seinem Herrn. Da schloß sich dieser in sein Zimmer ein, tat seine Zaubereien, zerlegte das Herz in vier Teile und aß diese noch warm eins nach dem andern auf. Am andern Morgen stand der ganze Wall der Festung voll schwarzer Pudel, alle auf zwei Beinen mit Gewehren in den Vorderfüßen. Hätte der Soldat ein Menschenherz gebracht so wäre der Wall durch bewaffnete Manner besetzt gewesen und die unsrigen hätten die Stadt nicht so leicht erobert. Nun aber mußte Steenbock sich ergeben.

Schriftlich aus Altona. – Über das Herzessen s. Grimms Mythol. 1034.

3.

Als Steenbock sich vor Tönningen gefangen geben mußte, machte er aber zur Bedingung, daß man ihn, sobald er tot wäre, hinüber in sein Land brächte; denn da wünschte er begraben zu werden. Unser König sagte ihm das auch zu. Sie brachten Steenbock nun auf eine Festung, aber da nahm er nach ewiger Zeit einen Schlaftrunk, daß man glaubte er sei tot. Da ward er zu Schiffe gebracht und sollte in sein Land hinübergeführt werden. Als das Schiff aber eben in den Hafen einlaufen wollte lebte Steenbock wieder auf; er hatte sich etwas verrechnet mit dem Schlaftrunk. Die Schiffer kehrten schnell wieder mit ihm um und er ward wieder gefangen gesetzt. Als er aber endlich starb, da holte man einen Arzt und fragte ihn um Rat. Da sagte der, daß es das beste und sicherste sei, wenn man ihn einbalsamiere und so hinüberschicke. Das hat man getan und Steenbock ist nicht wieder aufgelebt.

Mündlich aus Marne.

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88. Das Kegelspiel im Ratzeburger Dom.

An der Ratzeburger Domkirche sind zahlreiche Kanonenkugeln eingemauert, die bei der Belagerung von 1693 durch die Dänen hineingeschossen sein sollen.

Die Hannöverschen hatten damals den Vertrag mit den Dänen gemacht: Wenn ein berühmter Schütze, der sich bei den Dänen vor der Stadt befand, ein Kegelspiel in die Mauer der Domkirche hineinschießen könnte, so sollte die Stadt kapitulieren; könnte er es nicht, sollte das Heer abziehn. Der Kanonier stand auf der Schanze bei der Vogelstange und schoß wirklich ein ganzes Kegelspiel hinein. Als er aber zuletzt den Kegelkönig hineinschießen wollte und alle in der größten Besorgnis waren, lud ein hannöverscher Kanonier seine Kanone und schoß dem Dänen den Kopf vom Rumpfe. Darum sieht man noch heute das Kegelspiel an der Domkirche eingemauert, aber der König fehlt.

Durch Herrn Kandidaten Arndt aus Ratzeburg.

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89. Thiesburg bei Schleswig verteidigt.

In früherer Zeit konnte man noch Rudera von dem alten Schlosse und der Schanze sehen, die zwischen Wohld und Bünge lagen. Man hat da auch Kugeln, Bomben und Dachpfannen ausgegraben. Der Herzog hatte hier einen tapfern Obersten zum Verteidiger eingesetzt und das erste Mal ist der König von Dänemark von der Norderseite gekommen, hat die Schanze lange beschossen, aber hat doch zuletzt abziehen müssen. Darauf ist er den weiten Süderweg herum von dem Wohld gekommen; da hat er besser schießen können, so daß die in der Schanze sich nicht bergen konnten. Viele wurden getötet und die Lebensmittel wurden knapp. Sie hatten nur noch ein Schwein übrig; dem haben sie alle Tage die Ohren gekniffen und es schreien lassen, daß der König von Dänemark meinte, sie hätten noch so viel, daß sie alle Tage eins schlachten könnten. Des Herzogs Leute wollten sich nicht geben und hatten ihren Spott mit den Feinden. Sie setzten ihren Tisch mit Gläsern und Flaschen vor die Tür und tranken lustig. Das ärgerte den König und er ließ herein sagen, ob er ihr »klakels Mahl« vom Tische herunter schießen solle. Er möchte es gerne tun, wenn er könnte, gaben sie zur Antwort, und bald flog eine Kugel herein und fegte alles von Tische. In der Schanze wußten sie, daß der König seine Pferde bei dem Wirt in Thiesburg stehen hatte; da schössen sie in den Stall hinein und ein Pferd nach dem andern tot. Man sieht noch die Kugeln in der Wand. Zuletzt, als all ihr Proviant gerade auf war, schickte der König, um nicht länger davor liegen zu dürfen, herein, daß sie frei abziehen könnten mit voller Musik und fliegenden Fahnen. Das nahmen sie an. Als sie nun heraus kamen, waren da nicht mehr als dreizehn Mann.

Durch Herrn Kandidaten Arndt. Vgl. Nr. 28. Thiele I, 310, 315.

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90. Die Burg zu Rathjensdorf.

Zur Namendeutung s. zu Nr. 109. Vgl. Frahm 99.

Bei Rathjensdorf liegen zwei große Hügel; der eine heißt Barg op de Borg, der andere Barg op de Schün. Auf dem größten stand vor Zeiten nämlich eine Burg, darin drei Jungfern wohnten. Die haben die Kirchen zu Neuenkirchen, Grube und Altenkrempe gebaut. Als sie mit der ersten fertig waren, wurden sie schon sehr besorgt, sie möchten nicht mit allen dreien fertig werden. Als sie nun bei der Kirche zu Grube waren, ward ihnen wirklich grauen; davon bekam sie den Namen, und als sie die dritte fertig hatten, war ihr Geld zu Krempe, d. h. auf; davon erhielt die dritte ihren Namen. Die drei Jungfern haben auch den Fußsteig von Rathjensdorf nach Heiligenhafen gemacht; der ist so breit, daß alle drei in weiten Reifröcken darauf nebeneinander gehen konnten.

Später ist der Feind gekommen und schoß lange mit Flinten ins Schloß hinein. Der Graf aber machte sich nichts daraus und fegte die Kugeln immer nur so mit einem Besen auf die Seite. Da hat der Feind aber mit Kanonen angefangen und der Graf mußte das Schloß übergeben, das bis auf den Grund niedergeschossen ward.

Sie haben einmal später auf dem Berge, wo die Burg stand, eine Vogelstange aufgestellt und ein Schießen gehalten; da kam aber eine Stimme aus dem Grunde, daß man sich das Piffpaffen wollte verbeten haben.

Mündlich.

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91. Franz Böckmann.

Abweichende Fassung s. »Aus Flensburgs Vorzeit« Heft 1 (1837) S. 104 f. Voigt, Aus Flensburgs Sage u. Gesch. S. 20 ff.

Als die Schweden unter Steenbock ins Land gekommen waren und unsers Königs Truppen sich schon ganz zurückgezogen hatten, war in Flensburg ein wackerer Bürger, Namens Franz Böckmann, der brachte es bei dem Könige dahin, daß seine Stadt noch einige Zeit länger besetzt gehalten würde. Als endlich aber doch die Schweden einrückten, ruhte er nicht eher, als bis er die Stadt wieder befreit und von der auferlegten Brandschatzung gerettet hatte. Er schlich sich nach Rendsburg durch, das unsere Truppen noch besetzt hielten, und nahm von da einige Trommelschläger und Pfeifer mit. Mit ihnen verbarg er sich in der Marienhölzung, sammelte da auch noch einige andere Leute, denen er das Aussehen dänischer Soldaten gab, und nun ließ er in der Nacht die Leute immer hin und her marschieren, und die Trommler und Pfeifer die ganze Nacht aus Leibeskräften trommeln und pfeifen. Das ward von den schwedischen Posten gleich nach der Stadt gemeldet, und in dem Glauben, die ganze dänische Armee wäre wieder da, hatten die Schweden also am Morgen nichts Eiligeres zu tun, als die Stadt zu verlassen. Und es hat sonderbar ausgesehen, wie sie aus dem roten Tor herauszogen und den steilen roten Berg hinaus wollten, der von Glatteis ganz spiegelblank war; da sind sie alle ausgeglitten und haben sich Köpfe und Glieder zerschlagen. Die Vorfahren dessen, der dies erzählte, haben damals auf der Papiermühle vor dem Tore gewohnt und den ganzen kläglichen und lächerlichen Rückzug der Schweden mit angesehen. Böckmann, der so die Stadt befreite, steht noch bis heute in gutem Andenken, und es gibt in Flensburg noch von seinen Nachkommen.

Schriftliche Mitteilung.

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92. Der tapfere Bauer.

Zu der Zeit, als bald die Schweden, dann die Polacken und Tatern im Lande waren, lebte in Aarsleben bei Apenrade ein Bauer Behrendsen, der das Herz auf dem rechten Fleck hatte.

Einmal kommen eine Menge Tatern in sein Haus und drohen es nieder zu brennen und rein auszuplündern, wenn er ihnen nicht Essen und Geld brächte. Behrendsen bat sie, sich einstweilen ein wenig niederzusetzen, ging hinaus und legte eine große Stange von der Dicke einer Deichsel ins Feuer und, nachdem das dicke Ende gehörig angebrannt war, erschien er wieder in der Stube und teilte damit rechts und links solche Schläge aus, daß die Plünderer diesmal das Haus verlaufen mußten. Er dachte aber gleich, daß sie wohl wieder kommen würden, um sich zu rächen, und er sann daher auf eine Verteidigung. Darum schichtete er eine Menge schwerer Baumstämme, die er auf dem Hofe liegen hatte, so übereinander, daß in der Mitte ein Raum zu einem sichern Versteck blieb. Am andern Tage kamen auch richtig zwölf Mann und als Behrendsen ihre Absicht merkte, war er gleich auf seinem Posten, bewaffnet mit seinem mit mehreren Kugeln geladenen Muskedonner. Die Kerle wagten nicht ins Haus zu gehn, wollten es daher in Brand stecken und traten auf einen Haufen, um sich über die Art und Weise zu besprechen. Diesen Augenblick nahm der Bauer wahr und streckte mit einem Schuß elfe nieder; der zwölfte entfloh.

Behrendsen setzte noch lange den kleinen Krieg sort. Auf Feinde lauernd, lag er eines Morgens im Walde an der Landstraße, als ein junger schwedischer Offizier, andächtig seinen Morgengesang singend, daher geritten kam. Behrendsen legte an und schoß ihn nieder; aber noch auf dem Todbette gereute ihn diese Tat, daß er einen Menschen getötet habe, der ihm nichts zu Leide getan. – Seine Nachkommen wohnen noch auf seiner Hufe.

Durch H. Petersen in Soes.

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93. Die Polacken in Toftlund.

G. Pasche, Chron. d. Kchsps. Bornhövede (1839) S. 30, Danm. Folkem. 21, 79 f. Kristensen 4, 442-444. 446 ff. Fischer, Slesv. Folkes. 313 ff. – Bart eingekeilt: s. zu Nr. 64. – In einer Schlacht zwischen Wenden und Dänen in der Gegend von Osterlygum brachten die Dänen die Feinde dadurch in Unordnung, daß sie eine Menge Bienenkörbe zwischen sie warfen; sie selbst trugen Bienenkappen (Jb. f. Ldk. 10, 30).

Es war eine unglückliche Zeit, als die Polacken hier im Lande waren. Viele Dörfer wurden verbrannt und ausgeplündert und die Einwohner mußten sich in die Waldungen flüchten, um nur ihr Leben und die beste Habe zu retten.

Damals war in Toftlund oder Herrested ein frommer Prediger, der keine Lust hatte, sein Haus für nichts und wider nichts ausplündern zu lassen. Ein Hause Polacken kam ins Dorf geritten: da ersann er eine List, um sich vor diesen Gästen zu bewahren. Er hatte in seinem Garten eine große Anzahl Bienenstöcke. Die kehrte er um, so daß das Unterste zu oberst stand, und nun schwärmte eine unsägliche Menge Bienen ums ganze Haus, daß kein Mensch an dem Tage hineinkommen konnte. Aber am folgenden Tage kamen die Polacken wieder und besuchten nun den Prediger. Einer war so gottlos, daß er hinging und ein Loch in den Türpfosten bohrte, den Prediger bei seinem langen Barte ergriff, diesen hineinstopfte und einen Pflock darauf schlug. So mußte der arme Mann stehn, bis die Gäste fort waren und andere Leute hinzukamen und ihm halfen. Der Übeltäter sollte aber nicht so davon kommen, sondern konnte seit der Zeit nicht wieder froh werden. Er schwand so hin und fühlte doch, daß er nicht sterben könne, bevor er des Predigers Verzeihung erhalten hätte. Deswegen reiste er zurück und der Prediger vergab ihm seine Sünde. Darauf starb er eines ruhigen Todes und ward auf dem Kirchhof in Herrested begraben, wo man noch seinen Grabhügel sehen kann.

Dannevirke 1843, Dez. n. 45. – Der Grabhügel soll aber ein Hünengrab sein. Vgl. oben Nr. 64. – Eine andre Sage bei Thiele I, 89. Vgl. 95 f. Über die Polacken Rhode, Haderslev-Amt S. 82 f. Jensen, Angeln S. 109, 110: Steinberg war ganz ausgeplündert. Nur eine Kuh hatte man dort lange Zeit verborgen, bis sie, als man kein Futter mehr für sie hatte, sich durch ihr Gebrüll verriet. Es waren nur zwei Pferde mehr da. Mit diesen mußte ein Bauer in Fuhre nach Missund, da nahmen die Polacken ihm auch diese ab und er mußte nach Hause gehn. Ermattet und hungrig kam er nach Steinberg, es war am Weihnachtsabend, aber die Frau hatte nichts als einige Kohlstengel für ihn, die sie im Garten sammelte und in Wasser kochte. Das soll auf der jetzt Magnussenschen Hufe geschehen sein. – Die List mit den Bienen ist alt. Widukind II, 23. Bechstein, Fränk. Sagen S. 152.

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94. Die Moskowiter in Bordesholm.

(1700.)

Die Kirche in Bordesholm hieß vor Zeiten nur die reiche. Sie bewahrte an einem geheimen Orte so viele Reichtümer, daß man noch eine solche Kirche dafür hätte bauen können. Als nun die Moskowiter ins Land kamen, hörten sie von den Schätzen und durchstöberten alle Ecken, Winkel und Kammern, aber ihr Bemühen, den Schatz zu finden, war vergeblich. Unmutig und verdrossen zogen sie endlich ab, doch ihre Gedanken blieben noch bei der Kirche. Als sie nach dem Dorf Eiderstede kamen, sahen sie noch einmal nach Bordesholm zurück, und einer der Räuber entdeckte jetzt durch ein Fernrohr das kleine Fenster, das noch an der östlichen Seite der Kirche zu sehen ist. Das hatten sie früher nicht bemerkt und das Verlangen nach dem Schatze brachte sie auf den Gedanken, noch einmal nachzusuchen. Zum Schrecken der Bordesholmer, die sich schon sicher geglaubt hatten, kehrten sie also zurück und fanden diesmal, was sie suchten. Seit der Zeit heißt die Kirche nicht mehr die reiche.

Durch Herrn Schullehrer Rathjen in Fiesharrie. – Man erinnert sich der Moskowiter oder Polacken noch überall, und unterscheidet sie durch diese Namen von den Russen von 1813.

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95. Der Tempel zu Nordoe.

Zum Schluß vgl. Nr. 268.

An der Landstraße von Itzehoe nach Hamburg findet man links am Wege einen Hügel mit einem steinernen Obelisk, den man den Tempel zu Nordoe nennt. Auf diesem Hügel sollen früher Nymphen ihren Sitz gehabt haben, wie der Herr Statthalter Heinrich Ranzau in seinem Buche versichert.

Bei ihm war einmal der König Friedrich II. auf Breitenburg zum Besuch, und bei einem Ausflug in die Umgegend fiel diesem besonders der schöne stattliche Turm der Kremper Kirche in die Augen. Da rühmte sich der Statthalter, in einer Nacht eine eben so hohe Spitze errichten zu können. Der König ging eine Wette mit ihm ein, und am nächsten Morgen führte ihn Ranzau nach dem Hügel von Nordoe, wo in der Nacht der Obelisk errichtet war. Nachdem die Messung angestellt war, fand man wirklich, daß seine Spitze sich noch über den Turm erhebe, und der König mußte seine Wette mit einer Mühlengerechtigkeit bezahlen, die die Mühle in der Nähe bis auf diesen Tag genießt.

Wem der Tempel zum erstenmal gezeigt wird, der muß dies Rätsel raten:

»De Tempel to Nordoe
Is Kremp neger, as Itzehoe.«

Wer nun weiß, daß Krempe anderthalb Stunden entfernt ist, Itzehoe aber nur eine halbe, sagt, der Spruch sei nicht richtig. Allein er denke nur ein wenig nach und er wird schon sehen, daß nichts Verkehrtes drin ist.

Vom Schloß Breitenburg nach dem Hügel soll ein unterirdischer Gang gehen. Bei einer Belagerung retirierte sich der Kommandant des Schlosses dahin und ward in der Verwirrung nachher darin vergessen. Nach vielen, vielen Jahren entdeckte man den Gang wieder und fand den Mann in einer nachdenklichen Stellung mit der Feder in der Hand an einem Tische sitzen, ganz als wenn er noch lebte. Kaum aber berührte man ihn, fiel er in Staub zusammen.

Durch Dr. H. Schröder aus Krempdorf.

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96. Der Brunnen am Segeberger Kalkberg.

An der einen Seite des Segeberger Kalkbergs ist ein tiefer, tiefer Brunnen, aus dem die Bewohner und die Besatzung der ehemaligen Burg ihr Wasser schöpften. Der Brunnen steht mit dem nahe gelegenen See in Verbindung. Einmal hat man eine Ente hinabgelassen und die ist im See wieder zum Vorschein gekommen. Zwei gefangene Grafen, oder wie andre sagen, zwei Sklaven, oder noch andre, elftausend Sklaven haben den Brunnen um den Preis der Freilassung ausgehauen und sieben Jahr lang Tag und Nacht abwechselnd dran gearbeitet.

Mündlich durch Mommsen.

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97. Steinkreuz.

Nicht weit von dem Teil des Kirchspiels Gnissau, der Steinkreuz heißt, stand einst ein Schloß, wo ein reicher Graf wohnte, der eine wunderschöne Tochter hatte. Sie hatte ein heimliches Einverständnis mit einem jungen Mann; der Vater aber war hart und stolz und sie wagten nicht ihm ihre Liebe zu gestehen. Schon oft hatten sie in der Nacht an dem Orte sich zusammen gefunden, wo jetzt das Dorf steht. Einmal war auch das Fräulein vom Schloß gegangen und erwartete den Geliebten wieder an der Stelle. Als dieser aber kam, fand er seine Braut von wilden Tieren zerrissen; vor Schmerz und Trauer ermordete er sogleich sich selbst.

Zur Erinnerung an dies traurige Ereignis ward ein steinernes Kreuz errichtet, das dem Dorfe nachher den Namen gab und dessen Trümmer noch heute da zu sehen sind.

Mündlich.

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98. Hartsprung.

Auf Alsen heißt ein Hof Hartsprung. Hier stand einst eine Ritterburg, deren Besitzer von seinem Nachbarn befehdet ward, weil er ihm seine Tochter zur Ehe verweigert hatte. Die Burg war mit tiefen, breiten Graben umgeben und obgleich nicht reichlich bemannet, wähnte der Herr sich doch hinter der aufgezogenen Brücke sicher. Da langte sein Gegner mit zwanzig Reitern an; sie halten vor dem Burggraben, ein Zeichen ihres Führers und alle setzen auf die andere Seite mit ihren Pferden hinüber. »Das war ein harter Sprung!« rief der Ritter aus und nannte nachher die Burg so, als er sie so leicht eroberte und die schöne Tochter dazu gewann.

Schriftliche Mitteilung. Vgl. eine andre Sage bei Thiele I, 323.

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99. Die nächtliche Trauung.

Detlef v. Liliencron 3, 288 ff.

In einem Dorf in der Gegend von Apenrade, das in der Nähe der Ostsee liegt, ward der Prediger in einer Nacht von zwei fremden Matrosen geweckt, die zu ihm in die Stube gedrungen waren. Der eine hatte einen großen Beutel mit Gold in der Hand, der andre einen Säbel, und sie sagten zu ihm, entweder solle er ihnen folgen und in der Kirche sogleich eine Traurede und eine Leichenpredigt halten und dann den Beutel erhalten, oder er müsse sterben. Der Prediger stand auf und folgte. Als er zu der Kirche kam, die ein wenig vom Dorfe ablag, war sie erleuchtet und voll von fremden bewaffneten Seeleuten. Er ward zu einem Herrn in einer prächtigen Uniform geführt, an dessen Seite bleich und zitternd eine junge Dame stand. Wie ihm befohlen ward, verrichtete er nun die Trauung und wie diese geschehen, hielt er auch die Leichenrede. Darauf eilte er, so schnell er konnte, davon. Aber kaum war er eine kleine Strecke von der Kirche entfernt, als er einen Pistolenschuß hörte und gleich darauf einen kurzen Schrei. Dem Prediger war es verboten das Geschehene zu erzählen. Aber am folgenden Morgen ging er mit zween guten Freunden zur Kirche und sie fanden da in einem offnen Grabe die Leiche der jungen Dame, die er in der Nacht getraut hatte. Draußen auf der See segelte ein großer Dreimaster.

Danevirke 1844, Jan. n. 57. – Derselbe Vorfall soll auch in Lunden in Norderdithmarschen sich ereignet haben. Nur bleibt der Prediger in der Kirche und der Pistolenschuß fehlt. Ein großer glänzender Zug von prachtvollen Kutschen hält in den Straßen des Ortes und geht nachher der Eider zu, wo ein Schiff die unbekannten Fremden aufnimmt. – Bekannt ist Henrik Steffens meisterhafte Novelle, die eine Bearbeitung der seeländischen Version dieser Sage ist, die auch auf Anholt zu Hause ist. Thiele, Daum. Folkes. I, 194.

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100. Der vierundzwanzigste Februar.

Zs. f. Vk. 15, 332. 470 (aus Ostholstein).

In Dithmarschen kannte man vor wenigen Iahren noch ein Lied dieses Inhalts:

Ein junger Mann war lange in der Fremde gewesen. Eines Abends kam er, heimkehrend, wieder vor das Haus seiner Eltern und bat um Herberge für die Nacht, ohne sich ihnen zu entdecken. Nur seine Schwester erfuhr, wer er sei. Es waren arme Leute; aber der Sohn hatte sich viel Geld erspart. Da gingen die Alten in der Nacht hin und erschlugen ihn, ohne daß sie ihn erkannten. Durch das Geräusch aber erwachte die Schwester und (dies Gesetz allein kennt man noch):

Se neem êhr Licht wol in de Hand,
Se leep wol êhr Slaapkamer enlank:
»Ach Gott, mien eenzigste Broder mien,
Mien hartallerlevste Broder mien!«

Das hörten die Eltern, und wie die Tochter kam und sie den Toten sahen, erkannten sie ihn und stürzten tot vor Schrecken nieder.

Aus Marne. – Das Lied wich also bedeutend ab von den bei Erlach IV, S. 117, 119 mitgeteilten. Es wußte jedenfalls einen poetischer Schluß zu treffen, als Zacharias Werner in seiner Tragödie, deren Titel wir voranstellten.

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101. Das Osetal auf Sylt.

Eine »Sagendichtung« von Ose, die zu Nr. 255 stimmt, erzählt C. P. Hansen, Beitr. zu d. Sagen der Nordfriesen S. 159.

Ein Bauer, der in dem nordwestlichsten Hause des Dorfes Wenningstede wohnte, hatte in einem Jahre sein Heu glücklich geerntet und gab nun der Gewohnheit gemäß denen, die ihm dabei geholfen hatten, einen Ernteschmaus. Während der Mahlzeit entstand ein heftiger Streit unter den Gästen. Der Wirt mischte sich hinein und im Zorn erschlug er einen der Streitenden. Kaum war das Unglück geschehen, da erschrak er über seine Tat, floh aus seinem Hause und man suchte ihn in den folgenden. Tagen überall vergebens; es hieß, er wäre von der Insel und damit den Händen der Justiz entkommen. Seine Gattin mußte nun die gewöhnliche Mannbuße statt seiner bezahlen und darum einen Teil des zum Hause gehörenden Landes verkaufen; sie ernährte sich und ihre Kleinen in Zukunft durch ihrer Hände Arbeit.

Jahre vergingen indes, ohne daß man von dem unglücklichen Totschläger etwas hörte. Fast schien sein Name und seine Tat vergessen zu sein, als das Gerücht entstand, die fromme unbescholtene Ose, des entwichenen Mörders Frau, sei schwanger. Das mußte nicht nur in dem einsamen Dorfe, sondern auf der ganzen Insel Aufsehn erregen und die Leute zerbrachen sich die Köpfe darüber, wer wohl der Freier der unglücklichen Frau sei. Die Neugierigsten gönnten sich eher keine Ruhe, als bis sie die Sache entdeckt hatten.

Da fand es sich denn, daß der Mörder gar nicht von der Insel gekommen sei, sondern seit jenem unglücklichen Tage sich in einer Höhle in den Wenningsteder Dünen verborgen gehalten hatte, und da von seiner Gattin so lange war ernährt worden. Seine langjährige Büßung und die Art und Weise seiner Erhaltung beschwichtigten jede bittere Erinnerung an das einst Geschehene und freudig ward der Wiedergefundene von allen aufgenommen. Zum Andenken aber an die Treue der Gattin und ihre aufopfernde Liebe, mit der sie alles Unglück ertragen und überwunden und Mann und Kinder ernährt hatte, heißt das Dünental bis auf diesen Tag das Osetal.

Mitgeteilt durch Herrn Schullehrer Hansen auf Sylt.

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102. Henscherade.

Vgl. Nr. 58. Zur Auswanderung nach Fehmarn vgl. Carstens, Wanderungen S. 33 f.

Das Dorf Henschrade bei Bergenhusen in Süderdithmarschen ist schon vor langer Zeit ausgestorben; war ehemals aber so mächtig, daß der Priester nicht eher auf den Stuhl treten durfte, die Henschrader wären denn gekommen. Von allen Einwohnern war nur noch ein Mann mit seinen Söhnen übrig. Der hatte eine große Sache, die ihm aber von einem Achtundvierziger, der zu Windbergen wohnhaft, verdreht wurde; er verlor sie darum. Da sagten die Söhne zum Vater, er solle nur ruhig sein; »wir wollen Euch das Blatt holen, das Euch Eure Sache verraten«; machten sich bei Nachtzeit auf, brachen ins Haus des Achtundvierzigers und schnitten ihm die Zunge aus, die sie ihrem Vater brachten. Darauf packten sie Hab und Gut zusammen und begaben sich nach Femern.

Neocorus I, 55. Vgl. Nr. 58. 68.

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103. Der Scharfrichter in Sonderburg.

In Sonderburg gab's einmal einen sehr geschickten Scharfrichter, der immer die armen Sünder nur so vor sich hinstellte und dann ihre Köpfe herunter hatte, ehe sie's merkten; »denn«, sagte er, »ich bin kein Barbier nicht: darum braucht ihr nicht zu sitzen.« Einmal bei einem scharfen Frostwetter schwang er auch sein Schwert so geschickt, daß der Kopf auf dem Rumpfe stehen blieb und sogleich wieder festfror. Der arme Sünder freute sich nicht wenig, so davon gekommen zu sein und ging mit seinen Freunden gleich ins nächste Wirtshaus. Aber in der warmen Stube fühlte er bald, wie es ihm am Halse und in der Nase wunderlich ward, als wenn er niesen sollte. Und als er nun zugriff, behielt er den Kopf in der Hand und stürzte tot nieder.

Durch Herrn Hansen auf Sylt.

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104. Alle neun.

Ein Missetäter war zum Schwert verurteilt. Je näher der Tag der Hinrichtung kam, je mehr verging dem Scharfrichter der Mut sein Geschäft zu vollführen, und endlich am Tage vor demselben war er ihm ganz geschwunden. Er klagte das seinen Freunden. Da bereitete einer ihm einen Trank, nach dem er schon in wenigen Stunden Kräftigung fühlte und am andern Tage eine solche Wut ihn befiel, daß er den Augenblick kaum mehr erwarten konnte. Der arme Sünder war ein leidenschaftlicher Kegelspieler gewesen und da nun seine Stunde schlug, bat er sich als letzte Gnade aus noch einmal ein Spiel zu machen. Der Scharfrichter sollte sein Mitspieler sein; aber als der Verurteilte nun die Hand ausstreckte um die Kugel aufzunehmen, konnte der sich nicht länger halten, sondern er schlug zu, so daß der Kopf dem armen Sünder in die Hand fiel. Der tat dann noch den Wurf, alle Kugel fielen und der Kopf schrie: »Alle Neune!«

Aus den Fideikommißgütern durch Herrn Bruhns in Eutin. – »Charakteristisch für die Roheit, die sich so häufig bei Hinrichtungen ausspricht.«

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105. Hans mit Gott.

Vgl. Nr. 106.

Vor mehreren Jahren wanderte in Hamburg und Altona ein alter Mann umher, der war blödsinnig und hieß allgemein Hans mit Gott. Er war in seinen jungen Jahren ein Bleidecker gewesen. Da ward ihm einst aufgetragen, an dem Turm der Petrikirche in Hamburg etwas zu reparieren. Aber er ward bei der Arbeit schwindelig und stürzte hinunter. Gerade in dem Augenblick ging unten ein Jude vorüber, Hans fiel ihm auf den Kopf und der Jude war auf der Stelle tot. Er selber kam zwar mit dem Leben davon, war aber seit der Zeit von der furchtbaren Erschütterung von Sinnen. Doch des Juden Anverwandten wollten den Tod ihres Vetters nicht so hingehen lassen und klagten Hans auf den Tod an. Da wußte der Rat die Sache gar nicht zu entscheiden, gab aber endlich dieses Urteil: Es sollte ein anderer Jude an derselben Stelle, wo Hans gearbeitet, vom Turm hinuntergeworfen werden und Hans sollte unten vorübergehn, und der Jude sollte ihm auf den Kopf fallen. Käme der Jude mit dem Leben davon und würde Hans totgeschlagen, so hätten sie ja ihr Recht; bliebe aber dieser am Leben und jener käme um, so könnten sie von neuem klagen. Da gerieten die Juden in Angst und legten die Sache still bei. Der blödsinnige Hans aber nannte sich nur der arme Hans mit Gott, ging von Haus zu Haus und fand überall Mitleid.

Schriftlich aus Altona.

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106. Knaben entscheiden einen Rechtsfall.

Vgl. Nr. 105. Heim. 6, 39.

Ein Arm der Widau bei Tondern führt den Namen Renzau von dem kleinen Dorfe Renz, Kirchspiels Burkall. Wo die Ufer ziemlich hoch und steil sind, fiel einmal ein Mann hinein, und er wäre ertrunken, wenn nicht einer, der in der Nähe arbeitete, sein Geschrei gehört und herbeigeeilt wäre: der hielt ihm eine Stange entgegen, und der Mann half sich daran heraus, stieß sich jedoch ein Auge dabei aus. Darum erschien er auf dem nächsten Thing, verklagte seinen Retter und verlangte von ihm Buße für das verlorne Auge. Die Richter wußten nicht, was sie aus der Sache machen sollten, und sie verschoben sie aufs nächste Thing, um sich inzwischen darauf zu besinnen. Aber das dritte Thing war schon da und der Hardesvogt war noch nicht mit sich einig. Mißmütig setzte er sich auf sein Pferd und ritt langsam und nachdenklich auf Tondern zu, wo das Thing damals gehalten ward. So kam er nach Rohrkarrberg und dem Hause, das da noch steht, gerade gegenüber lag ein Steinhaufe, darauf drei Hirtenknaben saßen und was Wichtiges vorzuhaben schienen. »Was macht ihr da, Kinder?« fragte der Hardesvogt. »Wir spielen Thing«, war die Antwort. »Was habt ihr denn für eine Sache vor?« fragte er weiter. »Wir halten Gericht über den Mann, der in die Renzau fiel«, antworteten sie. Da hielt der Hardesvogt sein Pferd an, um auf das Urteil zu warten. Die Jungen kannten ihn aber nicht, weil er ganz in seinen Mantel gehüllt war, und ließen sich nicht stören. So ward es also für Recht erkannt, daß der gerettete Mann an derselben Stelle wieder in die Au geworfen werden solle: könne er sich dann selbst retten, so solle er Ersatz für das Auge haben; könne er es aber nicht, so hätte der andre gewonnen. Ehe der Hardesvogt weiter ritt, langte er in die Tasche und gab den Jungen ein gutes Trinkgeld und ritt dann fröhlich nach Tondern und entschied, wie die Hirtenknaben getan hatten. Der Schurke konnte sich wirklich nicht allein retten und mußte darum ertrinken; und so gewann der andre seine Sache.

Auch bei Rapstede haben einmal Knaben eine schwierige Sache geschlichtet. Ein Schneider und ein Bauer, die beide nichts anders hatten als eine elende Kate, schlossen einmal einen großen Handel von so und so viel Tonnen Korn und zu dem und dem Preise ab, obgleich der Schneider wußte, daß der Bauer kein Geld, und der Bauer wußte, daß der Schneider wohl eine Nadel hätte, aber kein Korn. Das Korn stieg bald im Preise und der Bauer bestand nun vor Gericht darauf, daß der Schneider es ihm liefern solle. Die Richter wußten nicht, ob sie einen solchen Handel gelten lassen sollten. Da haben Knaben wieder das Urteil gefunden, daß alles ungültig sei, weil beide gegenseitig als Nachbarn ihre Umstände gekannt hätten, und daß beide noch dazu strafbar seien, weil sie einen solchen bezüglichen Handel geschlossen hätten.

Durch Herrn Fries in Apenrade und Herrn cand. theol. Meßdorf in Rapstede.

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107. Die Doppelhufner im Amt Schwarzenbek.

Die Dörfer Talkan, Fuhlenhagen, Mühlenrade und Kötel im Amte Schwarzenbek haben Bauernvögte, die jährlich 28 Taler vom Amte bekommen. Sie sind Doppelhufner und haben nur 15 Taler jährlicher Abgaben. In frühern Zeiten mußten sie alle Montage nach Schwarzenbek zum Gericht um Beisitzer zu sein und das Urteil zu finden. Seit aber die Dänen ins Land gekommen sind, hat das aufgehört. Sie ritten dann auf weißen Pferden dahin, und die 28 Taler bekamen sie, um einen Knecht zu halten, der den Tag für sie arbeitete. Weiße Pferde waren damals auch auf ihre Haustüren gemalt.

Durch Herrn cand. phil. Arndt aus Ratzeburg. – Seit Menschengedenken soll nach andern kein Dinggericht in Schwarzenbek gewesen sein. Die Dörfer gehörten eine Zeitlang unter Steinbek; vielleicht ist dieses statt Schwarzenbek gemeint.

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108. Wie die Wensiner Gericht halten.

Daß jemand sich selbst das Urteil spricht, ist häufig im Märchenschluß; vgl. Wisser S. 176. 186. Nr. 596. 598.

Im Wensiner Herrenhause ward ein Diebstahl begangen und gleich darauf durch einen Erbschlüssel es ausfindig gemacht, daß der Dieb nach der Hamburger Seite hin mit dem Raube entwichen sei. Sogleich spürten die Wensiner nach und fanden ihn richtig in einem Gehölze. Da fing einer von ihnen an herum zu fragen, erst bei seinem Nachbar: »Wat fœrn Straaf hett en Deef to liden?« »De Deef wart hungen«, antwortete natürlich dieser, wie ja bekannt ist; darauf fragte er den zweiten, dann den dritten und so die Reihe herum, und alle antworteten dasselbe, bis er zum Dieb selbst kam und fragte auch diesen: »Wat fœrn Straaf hett'n Deef to liden?« Und der Dieb antwortete dasselbe, was bekannt ist: »De Deef wart hungen.« Da hatte er selbst sein Urteil gesprochen, und weil es da im Holze häufige und gute Gelegenheit zum Hängen gab, knüpften die Wensiner ihn auch sogleich auf.

Mündlich.

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109. Altona.

Volksetymologische Deutungen von Ortsnamen sind sehr häufig; vgl. z. B. Nr. 55 (Nehmten), 90 (Grube, Krempe), 110 (Wyk), 145 (Bossee), 169 (Mödebrook), 193 (Bosau), 476 (Hönkys), 501 (Holniß), 159 (Hörup). Jb. f. Ldk. 4, 145 (Dücksgrund); 7, 392 (Broacker und Jerpstedt); 9, 135 (Saxborg); 10, 30 (Wakendorf, Weinberg); 10, 41 (Herrested); 10, 360 (Kapitänsknob). Urqu. 4, 167 (Soholm). Heim. 3, 121 (Karklohe); 3, 26 (Stapel, Drage, Seht, Scheppern). Schacht, Chron. d. Kchsp. Albersdorf S. 18 (Tensbüttel). Momsen, Bilder aus Eidelstedt (1890) S. 35 (Tönning). Hansen, Beitr. zu den Sagen d. Nordfr. S. 47 (Braderup, Kampen, Wenningstedt). Philippsen, Sag. v. Föhr S. 77 (Amrum). Danm. Folkem. 21, 62 (Lysabild). Kristensen 3, 769 (Burkal), 962 (Hönkys), 2142 (Hörup), 2143 (Gjenner, Hoptrup), 2147 (Jerpstedt), 2152 (Medolden) u. ö. Agethorst im Kchsp. Wacken soll seinen Namen von dem Schreckensruf der von den Heiden Überfallenen durchziehenden Christen haben: »Ach dat Horst!« (d. i. wären wir nur erst dort vorbei!); mündl. aus Wacken. Der Name des Hofes Petluis im Kreise Segeberg soll auf die Aufforderung eines armen hungernden Siebmachers an seine Tochter zurückzuführen sein: »Bet' Luis'« (Schrifl. Mitt. aus Plön).

Auf dem Hügel, wo jetzt Altona steht, standen vor einigen hundert Jahren nur wenige elende Fischerhütten. Da wetteten zu einer Zeit die reichen Hamburger miteinander, sie könnten, wenn sie nur wollten, mit ihrem Gelde noch eine solche Stadt erbauen wie Hamburg. Gesagt, getan. Um nun zu erfahren, wo das erste Haus gebaut werden sollte, band man einem Waisenknaben die Augen zu, damit er nicht sehen könnte, und ließ ihn gehen, wo er aber zuerst niederfiele, sollte die Stadt stehen. Der Knabe ging fort, kam bald von dem Hamburger Gebiet auf holsteinischen Grund und Boden, und wie er nun an jenen Hügel kam, stieß er an und fiel nieder. Da riefen die Hamburger: »Dat ist ja all to na!« Aber sie hielten doch Wort, die Stadt ward dahin gebaut und bekam den Namen Altona.

Schriftlich aus Altona. – Bekanntlich ist die Etymologie falsch und die Stadt bekam ihren Namen von der »alten Au.« Ebenso aber etymologisiert die Sage vom westfälischen Altena. Wolf, Deutsche Sagen Nr. 283.

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110. Wyk auf Föhr.

Als die Leute den Flecken Wyk auf Föhr erbauten, konnten sie sich gar nicht darüber einig werden, welchen Namen der Ort bekommen sollte. Indem sie sich noch darüber stritten, kommt ein Ferkel, das fünf Meilen weit von Tondern mit der Flut weggetrieben war, ans Land geschwommen, läuft mitten unter die Streitenden und schreit mit lauter Stimme: »Wyk, wyk, wyk!« Da stimmten alle vergnügt mit ein und riefen: »Wyk, Wyk, Wyk soll der Ort heißen«, und nannten ihn fortan also.

(v. Essen) Fragmente aus dem Tagebuche eines Reisenden S. 68 und Herr Hansen auf Sylt.

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111. Da danzt Bornholm hen.

Jb. f. Ldk. 1, 136. Joh. Meyer Ges. W. 4, 30.

Dies Sprichwort, das in vielen Gegenden Holsteins gilt, ist auf diese Weise entstanden: Die Insel Bornholm war einmal vom König von Dänemark den Lübeckern in Pfand gegeben. Da nun der König zu einer Zeit die Stadt besuchte und man ihm zu Ehren ein Fest anstellte, hat er während der Zeit der Frau des Bürgermeisters gewaltig die Cour gemacht und endlich sogar mit ihr getanzt. Da sagten die Leute: »Da danzt Bornholm hen!« Denn sie wußten, daß der Bürgermeister durch die Ehre seiner Frau sich überaus geschmeichelt fühlte. Ihre Prophezeiung ist auch bald darauf eingetroffen und Bornholm fiel an den König zurück, ohne daß er bezahlt hatte.

Andere erzählen auch so, daß der Lübecker Bürgermeister habe die Ehre haben wollen mit der Frau Königin zu tanzen, welches ihm auch gewährt worden, unter der Bedingung, daß Bornholm wieder an den König käme.

Mündlich und Schütze, Idiotikon I, 136. – Auf einem Silbergeschirr im Lübecker Rathause steht die Inschrift:

Dat Bornholm sin Herren versaket,
Hefft wi to fulkem Krose gemaket.

Schütze, Idiotikon IV, 306. – Ähnlich erzählt man: Ein Herzog von Schleswig wollte gerne von dem Kloster den Selker-See gegen den Tolker eintauschen. Aber vergebens. Da lud er die damalige Priorin zu einem Tanzfeste im Haddebyer Holze ein, gab ihr die Ehre des ersten Tanzes und brachte sie so zur Einwilligung in den Tausch. Die späteren Priorinnen haben vergeblich versucht, den Selker-See wieder an sich zu bringen; als sie dennoch eigenmächtig mit der großen Wade darin fischen ließen, ward ihnen diese genommen und der Klostervogt in den Turm gesetzt. Schröders Beschreibung der Stadt Schleswig, S. 181.

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112. Die Zigeuner.

Jb. f. Ldk. 3, 445. 4, 63. Groth Ges. Werke 1, 136. – Grimm, Rechtsaltert. S. 486 f. über die Sitte, die Alten und Schwachen zu töten; vgl. Heimreich ed. Falck 2, 86.

Bei Hollmoorskamp, einer Erbpachtstelle in Ascheberg, ist eine Wassergrube, die man die Taterkuhle nennt. Da haben vor Zeiten die Tater ihre altersschwachen Leute, die sie nicht mehr mit fortschleppen konnten, lebendig hineingetaucht und ertränkt, wobei sie riefen:

Duuk ünner, duuk ünner,
De Well is di gram,
Du kanns nich länger lêwen.
Du muß der jo van.

Es gab auch weiße Tater, vor denen sich die braunen fürchteten. Sie fragten daher auf ihren Zügen oft, ob man auch weiße Tater gesehen habe. Ihre Kinder beschmierten sie gleich nach ihrer Geburt mit Schmutz, denn, sagten sie, »sönst früsker dat.« Katzen nannten sie Balkenhasen, und sahen sie eine laufen, so hatten sie sie gleich unterm Mantel. Katzenfleisch war ihre liebste Speise. Von ihren Diebereien erzählt man noch viel. Während einmal ein Taterweib ein krankes Kind räucherte, stahl ein anderes eine große Summe Geldes. In Homfeld, im Amte Rendsburg, traf einmal eine Taterbande eine Hausfrau allem zu Hause. Ein altes Weib gab vor, sie könne alles Unheil, Viehsterben, Krankheiten usw. abwenden. Der Hausfrau wollte oft die Aufzucht ihrer Kälber nicht glücken. Da ließ sie sich von der Alten bereden, in den Backofen zu kriechen und darin dreimal Umzug zu halten. Während nun die Frau das tat, plünderte die Bande fast das ganze Haus leer und zog davon, indem das alte Taterweib immer vor dem Backofen saß und der Frau zurief: »Kriech fein langsam, liebe Mutter!«

Sie sprachen ein ganz wunderliches Deutsch; z. B.

Goden Dag, Fru Badvötgat! d. h. Nachbarin.
Leen se mi êhr Iederwat, d. h. Harke.
»Gah se dörch mien Reet, d. h. Tür,
Waar sik vör mien Spleet, d. h. Hund,
Da steit mien Jederwat.«

Durch Dr. Klander aus Plön, ferner aus Rendsburg, und durch Arndt aus Schleswig. Schütze, Idiotikon I, 257 führt den ersten Reim nebst der Sage aus der Gegend von Kolmar an. Vgl. Grimms Deutsche Sagen II, S. 389 Nr. 448b, – Auf dieselbe Sage deutet auch Taterborm, der Name einer Hufe des Dorfes Garbeke im Gute Wensin, Kirchspiel Warder, vgl. noch Taterpoel, Taterpahl, Taterkrug, Taterberg, Taterbusch. – Über das Ertränken der alten Zigeuner Wolfs deutsche Sagen Nr. 345. Grimm, Rechtsaltertümer S. 486 f. hat die Zeugnisse gesammelt über die Sitte, die Alten und Schwachen zu töten, bei Deutschen, bei den wagrischen Wenden etc.; vgl. Heimreich 2, 86.

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113. Die streitige Eiche.

Zwischen den Dörfern Fjersted und Höm liegt die Heidefläche Sönderskau, die vor Zeiten mit Wald bewachsen war. Eine große Eiche stand mitten drin, gerade auf der Feldscheide der beiden Dörfer, so daß ein Streit entstand, welchem von beiden sie gehörte. Man vereinigte sich endlich, daß jedes Dorf seine vier stärksten Männer stellen sollte, um die Eiche zu fällen. Die vier aus Fjersted standen auf der östlichen Seite, die aus Höm auf der westlichen, und man fing zu gleicher Zeit auf beiden Seiten mit dem Fällen an; als endlich die Eiche nach Osten hin fiel, war der Streit, wie vorher bestimmt war, für Fjersted entschieden. Zur Erinnerung ward aus dem Holze ein Tisch verfertigt, den die Eltern gerne noch ihren Kindern zeigen und dabei erzählen, wie starke Männer ihre Vorfahren gewesen seien und welche Ehre sie ihrem Dorfe gebracht hätten.

Dr. Reimers auf Gramm.

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114. Die Afflinger Heide.

Vgl. zu Nr. 38. Frahm S. 114.

Von dem Kirchdorfe Bau in der Wiesharde, Amts Flensburg, zieht sich nach Schafflund hinüber eine Heidestrecke, die Afflinger Heide. Früher war hier lauter Wald und mitten drin lag ein Raubschloß, das einem gräflichen Geschlechte gehörte. Der letzte dieses Geschlechts sengte und brannte in der Umgegend und war eine rechte Plage und ein Schrecken für sie. Einmal war er mit seiner Bande von einem Raubzuge beutebeladen zurückgekehrt und sie saßen nun im Schlosse bei einem wilden Saufgelage, als plötzlich ein roter Feuerschein den Saal erhellte. Sie rannten an die Fenster und Türen: da stand der ganze Wald ringsumher in hellen Flammen und nirgend war ein Ausweg mehr. Als das Feuer niedergebrannt war, fand man vom Schlosse keine Spur und der Wald ist auch seitdem verschwunden. Niemand in der ganzen Umgegend wußte, woher der Brand entstanden sei, und man hielt ihn für ein Strafgericht Gottes.

Durch Herrn Fries in Apenrade. – Auch in Angeln war vorzeiten viel Waldung, so daß ein Eichhörnchen von Böel bis Mohrkirchen von Baum zu Baum springen konnte, ohne den Boden zu berühren. Jensen, Angeln S. 411. Vgl. Nr. 38. 116.

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115. Höxholt.

Vor alten Zeiten stand, wo jetzt Höxholt oder Högstholt im Kirchspiel Rapstede liegt, ein Schloß, das lag so tief damals im Walde, daß die Bewohner meinten, als einmal der Feind kam, sie würden ganz sicher sein und er könne sie nicht entdecken. Wer gegen Morgen krähte der Hahn; das hörten die Feinde, fanden das Schloß und zerstörten es. Seit der Zeit ist auch aller Wald verschwunden.

Durch Herrn cand. theol. Metztorff in Rapstede.

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116. Der große Wald in Nordschleswig.

Jb. f. Ldk. 10, 41 vom Grenzwald Farris in Nordschleswig: wenn eine Braut von Gabel nach dem Kirchdorf Nustrup geführt wurde, so konnte die Sonne sie nicht bescheinen vom Dorf bis zur Kirche; vgl. Kristensen 3, 2029 ff. 4, 1307. Fischer, Slesv. Folkes. 97.

In alten Zeiten waren zwischen Apenrade und Ripen keine Dörfer, noch bebaute Felder, sondern lauter Wald, der so dicht gewachsen war, daß ein Eichhörnchen den ganzen Weg machen konnte, ohne den Boden zu berühren, und daß man zwei Stunden zwischen den beiden Städten fahren konnte, ohne daß ein Sonnenstrahl durch den dichten Wald den Reisenden traf. Aber während eines Krieges mit Schweden ward der Wald in Brand gesteckt und ganz zerstört. Bei Göttrup war in alten Zeiten vor dem Walde eine kupferne Pforte, die mit einem schweren goldenen Schlüssel geschlossen ward. Dieser ward auf einem Hofe jenes Dorfes aufbewahrt und niedergelegt; aber er ward verloren und ist noch nicht wieder gefunden.

Herr Schullehrer M. Langvad in Tieslund. – Über die Wälder jener Gegend Jensen, Kirchl. Statistik S. 893. Aagaard, Törninglehn. Rhode, Haderslev-Amt S. 330, 383. – Andre Formeln von der Dichtigkeit der Wälder sind: Bei Lund, Amt Tondern, war ein Wald, darin konnte man nicht die Sonne zu sehen bekommen. Bei Osterlügum, bei Apenrade, war einst so viel Wald, daß, wenn eine Braut von Gjenner nach Lügum geführt ward, man die niederhängenden Zweige abhauen mußte, um ihre Brautkrone zu schützen. Die Balken der Kirche sind an Ort und Stelle gewachsen. Schröder, Topographie. – Wie in dem mitgeteilten Stück märchenartig eine kupferne Pforte mit goldenem Schlüssel vorkommt, so soll vor dem ehemaligen Schloß bei Bosbüll, Amt Tondern, eine kupferne Brücke gewesen sein. Vor einem Bauerhause, eine Meile vor Lunden in Dithmarschen, waren ein paar eherne Türen, deren Schall, wenn sie abends zugeschlagen wurden, im Orte gehört ward.

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117. Springhirsch.

Bei Brinjah im Amt Rendsburg war früher alles dichter Wald. Als nun einmal Zimmerleute kamen und mit andern Hand anlegten und den Wald eines Morgens frühe nieder zu hauen anfingen, ward ein Hirsch aufgescheucht und sprang in wilder Flucht über das schon gefällte Holz und den Platz, den man für den Bau eines Hauses ausersehen hatte. Man nannte das Haus darum Springhirsch und es ist jetzt ein gutes Wirtshaus.

Durch Herrn J. Vollert.

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118. Der Klawenbusch bei Kampen.

Daß einst Gehölz auf Sylt gewesen ist, erzählt man sich nicht nur, sondern der Hagedorn, der im Südosten vom Dorfe Kampen steht, gibt auch davon Zeugnis.

In alten Zeiten war die ganze Talschlucht bis nach der Wuldemarsch hinunter mit solchem Gebüsch bedeckt. Das Gehölz hieß das Wolderholz oder noch häufiger der Klawenbusch, weil die Bauern aus den krummen Zweigen die Klawen ihres Pferdegeschirrs zu schneiden pflegten. Aber die Einwohner des Dorfes, auf deren Feldmark das Gehölz lag, waren besorgt, daß Leute aus andern Dörfern in der Benutzung des Holzes ihnen zuvorkommen möchten, und gönnten ihnen keine Klawen aus ihrem Busch; ja, unter sich selbst sahen sie neidisch einer auf den andern und meinten, der eine hätte unnötigerweise seinen Pferden neue Klawen gegeben oder sich zu reichlich überhaupt mit Holz und Busch versehen. So kam es, daß, weil jeder dem andern zuvorkommen wollte und jeder sich so reichlich versah, als er nur konnte, durch den Wetteifer der Kampener selbst das ganze Wolderholz bis auf den Hagedorn ausgerottet ward. Da kamen sie endlich zur Besinnung, und wohl zur Warnung der Nachkommen vor Eigennutz und Neid ist der Strauch bis auf den heutigen Tag stehen geblieben.

Mitgeteilt von Herrn Schullehrer Hansen auf Sylt.

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119. Die Füllenbeißer.

Zur Literatur der Schildbürgerstreiche s. Urqu. 3, 125. Fast alle werden noch heute erzählt; aber sie sind durch mannigfache Kombinationen stark durcheinander geraten; die Lokalisierung der einzelnen Geschichten ist sehr schwankend.
Die Söruper finden auf dem Wege in die Stadt in einem hohlen Birnbaum einen Bienenschwarm; bei der Rückkehr wollen sie Honig lecken; ein Husbyer hat inzwischen »Schêt« hineingetan; ein Söruper steckt den Peitschenstiel hinein und kostet; da er nichts verrät, machen sie es alle nach der Reihe so. Darum spricht man von »Söruper Honniglickers.« Mündl. aus Angeln.

Daß die Zeiten immer besser und die Menschen Tag für Tag vernünftiger werden, will mancher nicht glauben; es ist aber doch so. Nirgend im Lande passieren noch solche Geschichten, wie man sie von den ehemaligen Böelern und Struxdorfern, von den Jaglern oder den Gablern, den Kisdorfern, Bishorstern, Büsumern oder noch andern erzählt. Die Leute sind jetzt alle vernünftig geworden, und man tut unrecht, wollte man selbst noch die Böeler und die Struxdorfer, die Jagler und die Gabler, die Kisdorfer, die Bishorster und die Büsumer für dumm und unvernünftig halten.

Es ist schon lange her, daß einmal auf der Grenze der Kirchspiele Böel und Struxdorf in Angeln ein Füllen gefunden ward, dem ein großer Streifen Haut vom Rücken geschunden war. Wer war der Schinder? Die Böeler sagten, die Struxdorfer hättens getan; die Struxdorfer aber gaben den Böelern die Schuld, aber keiner glaubte es dem andern. Es entstand großer Streit und jede Nacht wurden Leute ausgestellt, Böeler, um das Füllen auf das Struxdorfer Feld, Struxdorfer, um es auf das Böeler Gebiet zu treiben. Dieser Zustand dauerte eine Weile, bis man doch besser fand, Schiedsmänner zu wählen, um die Sache zu schlichten. Es war ein schwieriger Punkt und das Gericht traf endlich diese Entscheidung. Auf der Grenze, wo das Füllen gefunden war, stand eine junge Eiche; den Streitenden ward nun auferlegt, diese wie eine Weide zu drehen und in einen Knoten zu schlagen, ohne sie zu zerbrechen; die Struxdorfer sollten nämlich drehen und die Böeler den Knoten machen. Eines Abends machten sich die Struxdorfer an die Arbeit, schlugen die Eiche nieder, brachten sie über ein Glutfeuer und drehten sie nun, da sie schmeidig geworden war, ohne Mühe mit Radwinden. Die Böeler waren unterdes völlig überzeugt, daß die Struxdorfer mit ihrer Arbeit nicht zustande kommen wurden, und hatten sich um nichts bekümmert. Da hörten sie, das Werk sei getan, und machten sich also auf. Doch über Nacht war die Eiche kalt und steif geworden und zerbrach ihnen unter den Händen. Also hießen die Böeler von nun an de Falenbiters und man sang ein Spottlied in Angeln von ihnen, das man jetzt aber bis auf diesen Vers vergessen hat:

Nu daagt et achter Düttebüll,
Nu belln de Kappler Hünn':
Staat op, Strustrupper Herreslüd,
Un wehrt ju, wenn ji könnt.
Böeler Faalbiders kamet mi her,
Mit Faalfleesch in ju Mund.

Wie die Böeler Falenbiter heißen, so heißen die Söruper die Honiglickers wegen einer Geschichte, die sich aber nicht erzählen läßt.

Durch Herrn Marquardsen in Schleswig. – Et daagt achter Düttebüll ist eine Angler Aedensart, auch auf Alfen gebränchlich, von einem, dem ein Licht aufgeht. Das Gut Düttebüll, Düppel, bildete früher fast den ganzen Distrikt zwischen Schleimünde und dem Geltinger Noor, lag also ganz im Osten von Angeln.

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120. Die Jagler.

Urqu. 3, 231. 297. Mündl. aus Heide.

Die Leute im guten Dorfe Jagel bei Schleswig heißen zwar immer nur die tollen Jagler, aber sie sind darum nicht aus der Anstalt bei St. Jürgen entlaufen. Sie nehmen noch Vernunft an. Denn einmal sollte in Jagel in einem Hause ein Balke gebraucht werden, und da merkten die Leute, die Tür sei zu schmal, der Balke aber zu breit (weil sie ihn nämlich verquer nahmen). Während sie noch beratschlagen, was zu machen sei, um ihn hineinzubringen, sahen sie, wie ein Sperling einen Halm in sein Nest über der Tür brachte, und ließen sogleich das Beraten sein und machtens, wie ers gemacht und trugen den Balken der Länge nach hinein. So tut man noch in Jagel bis auf diesen Tag.

Durch Herrn Marquardsen in Schleswig.

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121. Die Hostruper.

Urqu. 2, 192. Dörr, Plattd. Volkskal. 1858 S. 108. Mündl. aus Viöl, Hademarschen, Ostholstein. Vgl. Damn. Folkem. 21, 31 f., wo die Gabler vor einem brennenden Rad ausreißen, das den Berg herabrollt.

»Gah hen na Hostrup un laat di de Dœs utschniden,« sagt man in Angeln, weil man glaubt, die Hostruper hätten einen eigenen Speicher, um alle Dummheiten darin aufzubewahren.

An einem schönen Sommertage befand sich einmal das ganze Dorf auf dem Felde beim Grasmähen; da kam einer zu ihnen und erzählte vom Kriege, über den er eben in der Stadt hatte reden hören. »Krieg, wat is denn Krieg?« fragte ein Hostruper. »Wenn de Trummel geit,« antwortete der andere. »Wo geit de Trummel denn?« fragten wieder die Hostruper. »Bum, bum, bum!« antwortete der Fremde.

Nun arbeiteten sie ruhig eine Weile weiter, aber die Trommel steckte allen in den Köpfen. Sie hatten eine Tonne Bier mit auf dem Felde gehabt und bei der großen Hitze schon ausgetrunken; eine Hummel traf das Spuntloch des leeren Fasses, konnte aber den Ausgang nicht wieder finden, und fing an darin zu summen, und bum! bum! stieß sie immer mit ihrem dicken Kopfe an das Holz: »da is de Krieg all!« rief nun der Klügste unter den Hostrupern aus, und alles stürzte augenblicklich in wilder Flucht davon. Ein beherzter Mann wollte aber doch wenigstens etwas retten, nahm das Bierfaß mit dem Riemen auf den Rücken, und lief den andern nach. Da hörten sie nun den Feind mit dem schrecklichen Bum! bum! dicht hinter ihnen, und jeder Hostruper hätte gern mehr als zwei Beine gehabt. Einer sprang schnell auf ein Pferd, das am Wege graste; der Pflock aber, an dem es angebunden stand, flog heraus und schnellte dem Reiter an den Kopf, und der Verwundete schrie den andern nach: »de Fiend hett mi drapen!« Da kannte die Angst der Hostruper keine Grenzen mehr und wer nur konnte, sprang über Hecken und Zäune.

Durch Herrn Marquardsen in Schleswig.

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122. Die erste Katze in Gabel.

Plattd. Volkskal. 1858 S. 108. Heim. 3, 121 (der neuerbaute Dorfteil heißt »in de Sengel«). Bolte 2, 73. 123. Urqu. 3, 231 f. Danm. Folkem. 21, 35. Mündl. aus Dithm. und Ostholst.

Vor vielen, vielen Jahren kam einmal ein Handelsmann nach Gabel mit einer Katze im Sack. Von einem solchen Tier hatten die Gabler noch nie gehört; fragten darum, was es für eins sei. »Das ist ein Tier zum Mäuseausrotten«, antwortete der Handelsmann. »So 'n Tier steht uns an«, sprachen die Gabler; »was soll's kosten?« Man ward um 300 Taler, versteht sich, Kurant, einig; das ganze Dorf brachte die Summe zusammen, und man hielt es für das beste, mit der Ausrottung bei dem einen Ende des Dorfes anzufangen; die Katze könnte dann von einem Nachbar zum andern gehen, bis sie das ganze Dorf durchgemacht. Der Handelsmann war schon fort, als es den Gablern erst einfiel, daß sie nicht wüßten, was das Tier fräße. Schnell mußte einer sich zu Pferde setzen und dem Manne nachreiten, und als er ihn nur in der Ferne erblickte, rief er ihm schon zu, und der Mann antwortete: »Milch und Mäuse«. Das klang dem auf dem Pferde wegen der Entfernung so wie Milch und Menschen. »Menschen?« riefen die Gabler voller Schrecken und liefen aus dem Hause, wo sie bis dahin die Katze betrachtet hatten. Um des wilden Tieres nun loszuwerden, beschlossen sie, auf gemeinschaftliche Kosten das Haus niederzubrennen; aber die Katze lief, als die Hitze empfindlich ward, ins nächste Haus; auch das steckten die Gabler an; die Katze lief ins dritte; auch das steckten die Gabler an, und so ging's fort, bis das ganze Dorf in Asche lag.

Dr. Reimers auf Gramm. – Auch sonst von den Büsumern etc. und von den Schildbürgern.

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123. Die Romöer.

Die Romöer sind just nicht die Klügsten und man weiß allerlei von ihnen zu erzählen.

Einmal war's auf Röm Mode geworden, rote Jacken zu tragen. Nur ein Mann, ein armer Robbenschläger und Transchlucker, Paul Moders, hatte keine rote Jacke; er war aber ein Philosophus, und wenn einer ihn wegen seiner grauen Jacke fragte, so sagte er, daß er keine andre haben wolle. Aber die Nachbarn neckten ihn dann und meinten, er könne nur keine rote bekommen.

Nun kam in der Zeit den Romöern der Gedanke, ihre Kirche um zwei Ellen wenigstens zu versetzen. Das ganze Land nahm natürlich die Angelegenheit in Erwägung, weil sie da nur eine Kirche haben, und man stritt lange und heftig auf dem Thing. Da trat Paul Moders vor und sagte, die Kirche sei ja nur von wenigen Leuten gebaut; viele müßten sie also leicht von der Stelle bringen können. Alle Mann sollten sich also gegen die Nordseite stemmen, auf die Südseite aber zwei Ellen von der Mauer eine rote Jacke hinlegen, damit man nachher wüßte, ob die Kirche auch so weit geschoben sei. Allgemein billigte man den Vorschlag des Robbenklopfers, und alle Leute auf der Insel eilten an die Nordseite und schoben. Nicht lange, so kam Paul Moders um die Ecke und meldete, daß die Kirche stünde, wo sie stehen sollte und daß von der Jacke nichts mehr zu sehen wäre. Damit waren die Romöer wohl zufrieden und freuten sich, mit der schweren Arbeit so bald zu Ende zu sein; konnten es aber doch am nächsten Sonntage gar nicht recht begreifen, wie Paul Moders zu einer roten Jacke gekommen sei.

Durch Herrn Hansen auf Sylt.

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124. Der Föhringer Kirchenbau.

Wesentlich derber Urqu. 2, 154 und mündl. aus Bramstedt. Zur Anm. vgl. Philippsen, Sag. v. Föhr S. 80.

Die Amringer erzählen allerlei närrisches Zeug von den Föhringern und meinen, sie seien viel klüger als diese. Die älteste Kirche, erzählen sie, war anfangs ohne Tür und die Föhringer selbst wußten nicht, wie sie hineinkommen sollten. Da reiste einer hinüber zu den klügern Amringern und fragte, was in dieser Not zu tun sei. Die Amringer sprachen: »Jam mut en Döör mage.« (Ihr müßt eine Tür machen.) Der Föhringer reiste froh wieder ab, aber unterwegs vergaß er, was man ihm geraten hatte. Darüber ward er sehr betrübt, nahm seinen Spaten und ging zu seinem Nachbarn, dem er sein Unglück klagte und den er bat, ihm den verlorenen Rat suchen zu helfen. Beide gingen mit ihren Spaten hinaus auf die Watten zwischen Amrum und Föhr und gruben mit großem Eifer nach dem Rat. Endlich hatte der Nachbar eine Sandbank bis ans Wasser durchgegraben, da rief er: »Ik san döör.« (Ich bin durch.) »Richtig«, sagte der andere, »en Döör wast.« (Eine Tür war's.) Da gingen sie vergnügt heim und die Kirche erhielt eine Tür.

Durch Herrn Hansen auf Sylt. Ähnlich wird ja auch von den Büsumern, Kisdorfern, Schildbürgern etc. ein Tor wiedergefunden. Man erzählt unter den Friesen von den Föhringern auch eine Schiffahrt nach dem Monde, man sah ihn in der See schwimmen, fand aber endlich da nur einen Käse etc. etc.

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125. Die Büsumer.

Urqu. 2, 192; statt des Sandes ein Kuhfladen: mündl. aus Dithm. und Osth. Heim. 11, 136. – Mond aus Brunnen schneiden: Urqu. 2, 192 u. mündl. aus Dän.-Wohld. – Krebs für Schneider gehalten: Urqu. 3, 296, mündl. aus Dän-Wohld und Osth. – Senf entdeckt: Urqu. 3, 297. – Feld mit Kuhsamen bestellt: Urqu. 3, 296 (Salz gesät bei Salzteurung: mündl. aus Osth ). – Mühlstein gesucht: Plattd. Volkskal. 1858 S. 109. Urqu. 2, 192. – Über die Büsumer vgl. auch Nr. 557.

Weil die Büsumer an der See wohnen, kann man sich denken, daß sie gute Schwimmer sind.

Eines Sonntags schwammen ihrer neun hinaus, und als sie eine Strecke geschwommen waren, wandte der Vordermann sich um und sagte: »Jungens, ik mutt doch w'rastig mal tellen, of da ok wull versapen is un wi noch all tohopen sünt.« Er fing also an: »Een, twee, dree, veer, fief, süß, sœben, ach! ik bün ik«, sagte er zuletzt, »so mutt dar wull versapen sien.« »Laat mi man ins (einmal) tellen«, sagte ein anderer und fing an: »Een, twee, dree, veer, fief, süß, sœben, ach; ik bin ik; dar is waraftig een versapen.« Traurig schwammen sie nach dem Ufer zurück und suchten den Neunten. Einer fing wieder an zu zählen. Da kam ein Fremder des Weges, und wie er die nackten Büsumer da stehen sah, fragte er, was sie da machten. Sie erzählten ihm nun, wie sie ihrer neun hinausgeschwommen wären, aber nun nur acht herauszählen könnten; einen müßten sie also verloren haben. Da gab ihnen der Fremde den Rat, daß jeder seine Nase einmal in den Sand stecke und dann sollten sie die Löcher zählen. Da waren die Büsumer so glücklich, die richtige Zahl zu finden, denn es waren wirklich neun Löcher. Vergnügt kleideten sie sich nun wieder an und gingen ins Dorf zurück.

Es wäre noch viel von ihnen zu erzählen, z. B. wie sie den Mond aus dem Brunnen schneiden wollten, wie sie einen Hummer für einen Schneider hielten, wie sie ein Tor in Heide kauften, und ein Feld mit Kuhsamen bestellten, in der Hoffnung, es sollten da Kühe wachsen, und besonders von den Abenteuern derer, die auf die Reise geschickt wurden, um den Mann wieder zu suchen, der ihnen den Mühlstein gestohlen hatte; wie sie nun nach Friedrichstadt kamen und den Senf entdeckten, und der eine seine Nase da im Stiche ließ; wie dann, um nicht so nahe am Feuer zu sitzen und zu viel Hitze auszustehen, sie einem Wirt ein gut Stück Geld gaben, um die Wand weiter zurücksetzen zu lassen, er aber, während sie hinausgingen, nur ihre Stühle ein wenig rückte; wie sie dann nach Hamburg kamen, und wie sie da gegessen und getrunken und endlich in dem Pastoren in der Michaeliskirche den Mann mit dem Mühlstein erkannten und ihn beim Senat verklagten: von allem wäre noch viel zu erzählen, aber man möchte die Büsumer leicht damit böse machen.

Mündlich.

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126. Die Bishorster.

Bishorst war ein Dorf, das zu der Haseldorfer Marsch gehörte, und soll seinen Namen davon erhalten haben, weil es dem Bischof Vicelin, wenn er verfolgt ward, zur Zuflucht diente. Jetzt ist Bishorst von der Elbe so weit weggerissen, daß nur noch eine Baumgruppe im Außendeich davon übrig ist, und eine Stelle im tiefen Wasser wird von den Schiffern der Bishorster Kirchhof genannt. Von den Bishorstern erzählen die Haseldorfer nun folgende Geschichte.

In alten Zeiten war es gebräuchlich, am Morgen des heiligen Christtages vor Tages Anbruch zur Kirche zu gehen, um, wie man sagte, den frommen Hirten im Evangelio nichts nachzugeben. Um nun in der Dunkelheit den Weg zur Kirche zu finden, hatten die Bishorster ein Seil ausgespannt, das sie des rechten Weges führte. Ein Schalk aber wußte darum, und da er den Leuten einen Streich spielen wollle, leitete er das Seil statt nach der Kirchentür einmal zu einem tiefen Brunnen. Die Bishorster dachten an nichts Arges und gingen an ihrem Seil einer hinter dem andern her. Als nun der erste an den Brunnen kam, fiel er hinein und das Wasser schlug ihm überm Kopf zusammen. Der Nächste meinte, es ist die Kirchentür und rief: »Plump in helgen Karken; laat apen! ik will ok h'rin!« und damit fiel auch dieser hinein. Und der Nächste dachte ebenso und sagte dasselbe, und er und die andern alle fielen bis auf den letzten in den Soot. Also kamen die Bishorster um.

Erzählt von Dr. Baumgarten aus Haseldorf.

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127. Die Kisdorfer.

Urqu. 2, 170. – Tag in Säcken getragen: Urqu. 3, 231, mündl. aus Dän.-Wohld, schriftl. aus Ostholst, (in die Kirche, Kombination mit Nr. 124).

Von den Kisdorfern bei Bramstede gibt es viele Dönchen. In der Krempermarsch heißen die Neuenkirchener an der Stör aber auch Kisdorfer.

Einmal fuhr ein Geestbauer mit Torf nach Kisdorf und hatte eine Sense mit auf dem Wagen, um damit am Wege das nötige Gras für seine Pferde zu mähen. Nahe beim Dorfe bemerkte er schönes Gras; er stieg ab und schnitt seinen Pferden eine gute Mahlzeit; ließ aber die Sense liegen, um am Abend noch eine gute Portion mit nach Hause zu nehmen. Als nun die Kisdorfer merkten, daß auf ihrer Meente Gras fehle und sie die Sense fanden, hielten sie diese für ein grimmiges, Gras fressendes Tier, und beschlossen, um ihrer fernern Verwüstung Einhalt zu tun, den Platz zu umzäunen. Abends fand der Geestbauer die wunderliche Einrichtung und lachte sich herzlich satt darüber; er hat nachher diese Geschichte unter die Leute gebracht.

Ein andermal hatten die Kisdorfer ein wildes, störrisches Pferd, das in keinem Stalle bleiben wollte. Sie beschlossen, ein eigenes Haus um dasselbe herum zu bauen. Als sie damit fertig waren, hatten sie die Fenster vergessen und mußten nun ein Loch ins Dach machen und den Tag mit Säcken hineintragen.

Durch Herrn Dr. H. Schröder.

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128. Die Thadener.

Urqu. 2, 192 (wo »Hirsch« statt »Frosch« zu lesen ist!); mündl. aus Hademarschen.

Von den Thadenern, im Gute Hanerau, erzählt man viele seltsame Geschichten, die sonst auch in Büsum und anderswo passiert sind. Die Thadener waren einmal beim Grasmähen, da fanden sie ein Tier, das hatten sie in ihrem Leben nicht gesehen, es war aber ein Frosch. Den Thadenern fiel vor Schrecken die Mütze vom Kopf, als das Tier nun anfing umherzuspringen und dann sich wieder hinsetzte und aufblähte. In ihrer Angst schickten sie zum Bauervogt, er sollte gleich kommen und ihnen sagen, was das für ein Tier sei. Der Bauervogt kam und ging mit der größten Behutsamkeit näher, wo der Frosch saß. Da betrachtete er ihn lange, dann aber sprach er zu den Leuten: »Lüd, hier bön ek wörklich in Twifel; wenn dat keen Hartbock (Hirsch) est, so mott dat en Töttelduuf (Turteltaube) wêsen.«

Mündlich. – Im östlichen Holstein sollen auch die Kussauer bei Plön für Schildbürger gelten.

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129. Die Fockbeker.

Urqu. 2, 169 und oft mündl. Ähnlich aus Sipphorst b. Oldenburg: Frahm 139. Der Ruf »Fockbeker Aalversupers!« gab noch in den 60er Jahren häufig Veranlassung zu Schlägereien. – Kuh auf First grasen: Heim. 5, 122.
Außerdem sind noch bekannt: a) Versenken der Kirchenglocken oder einer alten Wanduhr, Kerbe im Boot: Urqu. 2, 170. Nieders. 1, 46. Heim. 11, 136. Mündl. aus Dän.-Wohld u. Ostholstein, b) Ausbrüten eines Kürbis (Perei): Heim. 5, 123, oder eines großen Käses: Urqu. 2, 170. c) Verjagen eines Storches aus dem Korn; zur Schonung wird »geschwommen« (Heim. 5, 123) oder Bahre benutzt (mündl. aus Osth. u. Bramstedt); Storch verbreitet Schrecken (Heim. 5, 120); ebenso verschimmelter Apfel oder Kloß; der für ein Untier oder Basiliskenei gehalten wird: Urqu. 2, 170 u. mdl.; vgl. auch Wisser S. 69 u. Heim. 11; 135 f. d) Brunnen mit »Kerlslängen« gemessen: Heim, 5; 122; 11, 136; über den Sood wird »Widdelboom« gelegt: mdl. aus Bramstedt, Bünsdorf, Ostholstein, e) Bulle aufs Dach gezogen: Heim. 5, 122; überall bekannt. Vgl. auch Danm. Folkem. 21, 32. f) Mühlstein mit großer Mühe vom Deich aufs Schiff gebracht und bei der Erkenntnis, daß man ihn herabrollen lassen kann, wieder hinaufgetragen: Urqu. 2, 191; dasselbe vom Baum, der den Berg wieder hinaufgetragen wird: mdl. aus Bramstedt. g) Unwetter gekauft: Wisser S. 70. h) Büsumer von einem aus St. Peter mit dem Ruf »Schipp an Strand!« aus dem Himmel gelockt: Meyns Kal. 39 (1907) Einl, i) Warum die Dörpumer Wölfe genannt werden: Urqu. 4, 259.

Ein Fockbeker hatte einmal in Rendsburg sich für ein paar Schillinge gesalzene Heringe gekauft und seine Nachbarn darauf zu Gast geladen. Sie fanden das Essen vortrefflich und wünschten viele solcher Fische zu haben. Der Klügste unter ihnen gab endlich den Rat, einen ganzen Korb voll aus der Stadt zu holen und sie in den Teich des Dorfes zu setzen; da würden sie sich vermehren und sie alle dann davon reichlich haben. Gesagt, getan. Ging nun während des Jahres ein Fockbeker am Teiche vorbei und es regte sich etwas im Wasser, lief er zu den andern und erzählte es ihnen, und alle waren des künftigen Gewinnes froh. Im nächsten Herbst ward ein großes Netz angeschafft. Aber der Klügste fand es am geratensten, den ganzen Teich ablaufen zu lassen. Alle standen herum und guckten nach den Heringen; aber nicht ein einziger war zu sehen, als alles Wasser schon fort war. Nur ein ziemlicher Aal wälzte sich im Schlamm. Er ward erhascht und alle waren darüber einig, daß er nur ihnen die Heringe könne aufgefressen haben; dafür müsse er nun gehörig bestraft werden. »Laat uns em flachten un upêten«, sagte einer. »Dat weer em jüs (gerade) recht«, meinte ein anderer, und weil er sich einmal gebrannt hatte, schlug er vor, ihn ins Feuer zu werfen. »Brennen is slimm«, sagte ein Dritter, der einmal ins Wasser gefallen war und bald ertrunken wäre; »laat uns em in de Au smiten un em versupen; dat is mien Menung.« Alle stimmten ihm bei, daß Ertrinken der schrecklichste Tod sein müsse, und man ward einig, den Aal in die Aue zu werfen. Der Bauervogt nahm ihn in einen Korb und alle folgten ihm; und wie er ihn ins Wasser warf und der Aal sich krümmte und fröhlich rechts und links machte, rief jener aus, der den Rat gegeben hatte: »seet!« »wat he sik quält'« und alle Fockbeker gingen ganz glücklich über die ausgeführte Rache nach Hause.

Sie haben auch einmal eine Kuh auf der Firste grasen lassen und außerdem noch viele andre Heldentaten ausgeführt.

Durch Herrn Schullehrer Bahr in Wrohe, Kirchspiel Westensee; wird auch von den Grammern erzählt. Einer aus Gramm aber lehnte das ab und sagte, die Geschichte sei in Morsöe in Jütland zu Hause, wo die Leute so »tumbig« wären.

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130. Der Gänsehirte.

Eine andere Geschichte von König und Gänsejunge, die im Anfang mit unserer stimmt, wird in Barmstedt erzählt, anknüpfend an einen Leuchter in der Barmstedter Kirche, auf dem eine Gans mit einem »verstriet« reitenden Jungen dargestellt ist. Heim. 25, 63. (»De kloke Jung.«)

Einmal passierte der König Friedrich der Vierte durch Dithmarschen. Ein kleiner Gänsejunge wollte auch gerne den Zug sehen; weil er aber fürchtete, daß während der Zeit seine Gänse sich verlaufen möchten, band er je zwei mit den Köpfen zusammen, und hängte sich selbst die beiden schlimmsten über die Schultern. Damit stellte er sich an den Weg und als nun der Zug vorbeikam und die hohen Herren den wunderlichen Jungen mit seinen Gänsen sahen, fingen sie an zu lachen und einer fragte, was er wolle. Er möchte gerne den König sehen, antwortete der Knabe, und sagte, warum er die Gänse zusammengebunden hätte. Er gefiel den Herren und sie rieten ihm, am andern Tage nach Meldorf zu kommen und da den König aufzusuchen. Er ging richtig hin; als die Lakaien ihn nicht einlassen wollten, drängte er sich durch, man hätte ihn eingeladen und er müsse den König sehen. So kam er in den Saal, wo alle die Herren waren, und fragte gleich, wer von ihnen der König sei. »Das bin ich«, antwortete freundlich der König. »So ist er ja ein Mensch, wie andre Menschen«, sagte der Junge und wollte wieder zur Tür hinaus. Aber auch dem König gefiel er und die andern Herren hatten schon von ihm erzählt; darum mußte er da bleiben und der König hat ihn nachher mit nach Kopenhagen genommen und zu seinem Hofnarren gemacht. Er hat ihm mit seinen Einfällen manche trübe Stunde erheitert. Einmal hatten die Holländer dem König ein Stück Land abgenommen. Als der Narr ihn darüber betrübt sah und fragte, was ihm fehlte, klagte der König sein Unglück. »Haben's die Holländer denn mitgenommen?« fragte der Narr. Der König verneinte es. »Nun, wenn sie es liegen lassen, so behalten wir es ja« meinte jener und der König lächelte.

Mündlich aus Marne.

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131. Die drei Alten.

In Angeln leben noch Leute, die sich erinnern, nachstehende Erzählung aus dem Munde des verstorbenen Pastor Oest gehört zu haben. Nur weiß man nicht, ob die Sache ihm selbst oder einem benachbarten Prediger begegnet ist.

Mitten im vorigen Jahrhundert geschah es, daß der neue Prediger die Markung seines Kirchensprengels umritt, um sich mit seinen Verhältnissen genau bekannt zu machen. In einer entlegenen Gegend steht ein einsamer Bauerhof, der Weg führt hart am Vorhof der Wohnung vorbei. Auf der Bank saß ein Greis und weinte bitterlich. Der Pfarrer wünschte ihm guten Abend und fragte, was ihm fehle. »Ach«, gab der Alte zur Antwort, »mein Vater hat mich geschlagen.« Befremdet band der Pfarrer sein Pferd an und trat ins Haus; da begegnete ihm auf dem Flur ein Alter, noch viel greiser als der erste, mit erzürnter Gebärde und in heftiger Bewegung. Der Prediger sprach ihn freundlich an und fragte nach der Ursache seines Zürnens. Da sprach der Greis: »Ei, der Junge hat meinen Vater fallen lassen.« Damit öffnete er die Stubentür, und der Prediger verstummte vor Erstaunen, als er einen vor Alter ganz zusammen gedrückten, aber noch rührigen Greis im Lehnstuhl hinterm Ofen sitzen sah.

Schmidt von Lübeck im Freimütigen, 1809 Nr. 1. Grimm, Deutsche Sagen I, 464. Pastor Östs Kirchspiel bestand nur aus dem einzigen Dorf Nybye. Er mag die Geschichte oft erzählt haben, wie man sie auch noch heute kennt; aber daß er sie sich selbst beigelegt hätte, wäre widersinnig. Vgl. die Familie Rüstig. – Dieselbe Sache soll auch ein Reisender einmal in Norwegen erlebt haben; und sonst.

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132. Martje Floris.

Augustiny, Volksbok (1857) S. 115, Heim. 4, 216. Momsen, Bilder aus Eiderst. S. 59. Groth Ges. W. 2, 190 ff. Detl. v. Liliencron Ges. W. 3, 232. 315.

In Eiderstede hat man die Sitte, bei jedem frohen Mahle »Martje Floris Gesundheit« auszubringen und darauf anzustoßen und zu trinken; das ist wahrlich eine gute Sitte, die sich auch schon über die Grenzen der Landschaft verbreitete und nimmer sollte vergessen werden.

Als nämlich Tönningen im Jahre 1700 belagert ward, hatte eine Gesellschaft von feindlichen Offizieren auf einem Hofe in Cathrinenheerd (er ist erst vor einigen Jahren eingegangen) Quartier genommen und wirtschafteten nun da arg. Sie ließen Wein auftragen, setzten sich an den Tisch und zechten und lärmten, ohne auf die Hausleute viel zu achten, als wären sie selber die Herren. Martje Floris, die kleine zehnjährige Tochter vom Hause, stand dabei und sah mit Unwillen und Bedauern dem Treiben zu, weil sie der Trübsal ihrer Eltern gedachte, die ein solches Leben in ihrem Hause dulden mußten. Da forderte endlich einer der übermütigen Gäste das Mädchen auf, heranzukommen und auch einmal eine Gesundheit auszubringen. Was tat nun Martje Floris? Sie nahm das Glas und sprach: It gah uns wol up unse ole Dage. Und von der Zeit an trennt sich in Eiderstedt selten Gast und Wirt, ohne des Mädchens und ihres Trinkspruchs zu gedenken, und jeder versteht's, wenn es heißt: »Martje Floris Gesundheit.«

Mündlich. Cornils, Kommunalverfassung von Eiderstedt. Vorrede XI.

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