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Sagen des Preußischen Samlandes

Rudolf Friedrich Reusch: Sagen des Preußischen Samlandes - Kapitel 7
Quellenangabe
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typelegend
authorRudolf F. Reusch
titleSagen des Preußischen Samlandes
publisherVerlag der Hartung'schen Buchdruckerei
series
volume
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year1863
firstpub1863
correctorreuters@abc.de
sendergebler.dresden@yahoo.de
created20100809
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Vl. Verschiedenes.

90. St. Adalbert.

In der eintönigen Dünengegend, die sich wüstenähnlich zwischen Fischhausen und Pillau erstreckt, erhebt sich bei dem Dörfchen Tenkitten das in kolossaler Majestät emporragende schwarze Kreuz, welches hier zum Andenken des heiligen Adalbert errichtet ist. Am 23ten April 997 soll dieser Apostel der Preußen am nahen Meeresufer ermordet sein; das 26 Fuß hohe, gusseiserne Kreuz stiftete ihm 1831 die polnische Gräfin Wielopolska auf den Fundamenten einer alten Kapelle, die schon seit dem 17ten Jahrhundert der Gewalt der Stürme erlegen ist. Die Sage berichtet, dass diese Adalbertskapelle zur Zeit ihrer Gründung eine Meile vom Seeufer entfernt lag, jetzt beträgt die Entfernung kaum ein Paar hundert Schritte. So bedeutend soll in der Zwischenzeit das Ufer abgespült sein.

Die Trümmer der ehemaligen Kapelle sind jetzt ganz vom angespülten Seesande bedeckt. Was aus der Ruine noch brauchbar war, wurde schon früher nach der Kirche des benachbarten Schlosses Lochstädt übergeführt. Insbesondere befindet sich noch dort der ehemalige Altar der Adalbertskapelle, dessen Türen mit vier Gemälden aus dem Leben des Heiligen geschmückt sind. Die Begegnisse, auf welche sie sich beziehen, sind folgende:

Nur von seinen vertrauten Gefährten Gaudentius und Benedict begleitet war Adalbert in der Nähe der Pregelmündung gelandet und hatte an verschiedenen Orten versucht, das Christentum zu predigen. Doch tätliche Misshandlungen und Todesdrohungen waren sein Lohn gewesen, und nur durch schleunige Flucht hatte er sein Leben retten können. Er war nun an der südwestlichen Küste Samlands gelandet, hatte in einem Dorfe fünf Tage verweilt, und überlegte mit seinen Gefährten, ob es nicht besser sei, dies hartnäckige Volk wieder zu verlassen. Mittlerweile offenbarte sich Adalberts nahes Schicksal seinem treuen Gaudentius durch einen Traum. Dieser sah nämlich einen goldenen Kelch halb voll Wein auf einem Altare. Da er aber den Wein kosten wollte, trat ihm ein Altardiener entgegen, und verwehrte ihm mit Ernst, den Kelch zu berühren; denn der Kelch, sei am nächsten Tage für Adalbert gefüllt. Bei diesen Worten erwachte Gaudentius aus dem Schlafe, und zitternd erzählte er Adalberten das Traumgesicht, da rief dieser ihm zu: »Füge es Gott, mein Sohn, dass deine Ahnung in Erfüllung gehe! doch soll man dem trügerischen Traume nicht trauen.« Am nächsten Tage wanderten sie unter Gesang und Gebet weiter und gelangten durch eine wilde Waldgegend auf ein angebautes Feld, wo sie sich zur Ruhe hinlegten. Doch ihre Ruhestätte war heiliges Land, dessen Betreten für jeden Ungeweihten bei Todesstrafe verboten war. Mit wildem Geschrei stürmte bald ein Haufe Heiden herbei und fesselte sie. Da gedachte Adalbert jenes Traumes, und während er noch seine Gefährten mit' den Worten tröstete: Was ist erhabener als für Christus das Leben hinzugeben!« stürzte plötzlich aus dem ergrimmten Haufen ein Siggo, ein Priester, hervor und stieß ihm mit aller Kraft einen starken Wurfspieß durch die Brust. Nun stürzten auch die Übrigen herbei und kühlten ihren Zorn in Adalberts Blut. Bon sieben Lanzen wird er durchbohrt, und die Arme ausbreitend und für seine Mörder bei Gott um Gnade

flehend, stürzt er in Form eines Kreuzes zu Boden und gibt den frommen Geist auf. Selbst über den entseelten Körper fielen die Wütenden her, trennten die Glieder und das Haupt vom Körper, steckten das letztere auf einen Pfahl und ließen den Leichnam auf der Erde liegen. Als Herzog Boleslaw von Polen das unglückliche Schicksal des Märtyrers erfahren, beschloss er, die vergängliche Hülle des entseelten Freundes um jeden Preis von den Preußen zu erkaufen. Da verlangten sie soviel an Silber, als der Körper schwer sei. Auf diese Bedingung ging der Herzog ein.

Die Sage erzählt nun, dass der Körper des Märtyrers, als man ihn wog, überaus leicht gefunden wurde, nicht einmal ein Pfund schwer.

Eine andere Sage berichtet, dem Heiligen sei nur das Haupt abgeschlagen, der andere Körper nicht verstümmelt worden. Da sei denn der Leichnam aufgestanden, habe sein abgeschlagenes Haupt in beide Hände genommen und es so vor sich her getragen bis zu der Kapelle wo er gewöhnlich das Hochamt zu verrichten pflegte. (Er war Erzbischof von Prag, die Legende macht ihn zum Erzbischof von Gnesen.) Als er dort vor dem Altare niedergesunken sei, habe sich ein Altarstein losgelöst und zur Erweisung der letzten Ehre als Grabesdeckel über ihn gelegt.

91. Der Kösnicker Trompeter.

Ein Mann, in Kösnicken bei Pobethen geboren, diente zur Zeit der Schwedenkriege im Preußischen Heere und ward von den Schweden gefangen über Meer geführt. Jm Feindeslande erwarb er sich bald Vertrauen, man gestattete ihm viele Freiheiten und erlaubte ihm sogar auszureiten. Die Sehnsucht nach seinem Vaterlande war bei ihm übergroß. Deshalb setzte er sich einst auf sein treues Ross, nahm seinen Säbel und seine Trompete zur Hand und ritt in die Ostsee auf eine Eisscholle, die sich mit ihm lostrennte und ihn wohlbehalten bei Rantau (eine starke Meile von Pobethen) an den Strand brachte, während er das erbauliche Lied: Herr Jesu Christ mein Lebenslicht blies.

Er lebte in seiner Heimat noch vier ganzer Wochen und starb dann, aber noch wird seine Trompete und sein Säbel in der Kirche von Pobethen aufbewahrt. In der Kirchenregistratur soll sich nur eine neuere Verfügung vorfinden, in welcher die sorgsame Aufhebung des Säbels und der Trompete anbefohlen wird.

92. Die Pest in Stigehnen.

Als im Jahre 1709 die unser Vaterland verwüstende Pest fast keinen Ort dieser Gegend verschonte, war das Dorf Stigehnen im Samlande eines von denen, welches mit am schwersten heimgesucht wurde. Es waren in demselben alle Bewohner mit Ausnahme eines einzigen Knaben von 12 Jahren erkrankt. Die umherliegenden Ortschaften mieden aus Furcht vor der Ansteckung jede Gemeinschaft mit diesem Dorfe, konnten sich aber aus Mitgefühl doch auch so von leidenden Mitbrüdern nicht zurückziehen, dass sie dieselben sich selbst und ihrem harten Schicksale überließen. Sie riefen daher dem gesunden Knaben zu, er möge an der Grenze des Dorfes so viele Steine alle Tage niederlegen, als Lebende sich noch im Dorfe befänden, sie würden dann für sie Nahrungsmittel an denselben Ort bringen, die er dann abholen könnte, wenn sie sich entfernt hätten. Das geschah. Die Umwohner jenes unglücklichen Dorfes fanden 9 Steine liegen und brachten für die 9 Leidenden hinlängliche Nahrungsmittel. Am folgenden Tage fanden sich nur 7 Steine an dem bezeichneten Orte, und nach wenigen Tagen war nur noch ein Stein da, welchen der unglückliche Knabe für sich hinlegte. Er überlebte, von der Seuche verschont, sämtliche Bewohner des Dorfes Stigehnen allein.

93. Der Schlittschuhläufer.

Vor alten Jahren lief ein junger Mann aus Königsberg auf dem Pregel nach der Kosse Schlittschuh. Die Fischer pflegen nun Winters längs dem Damme, welcher von Königsberg nach Holstein den Pregel rechts einfasst, Löcher in das Eis zu schlagen, damit die Fische Luft haben. In eine solche Wuhne siel der Schlittschuhläufer. Er hatte einen so starken Ansatz genommen, dass das Eis ihm nicht allein den Hals abschnitt, sondern der Kopf über, der Rumpf unter dem Eise fortliefen, bis sie in einer anderen Wuhne wieder auf einander trafen und zusammenfroren. Der Schlittschuhläufer stieg nun aus dem Wasser, und da er die Kosse vor sich sah, ging er in das dortige Gasthaus. Er setzte sich an den Ofen, trank eine Portion Tee und sprach mit den übrigen Gästen. Indes wollte es der Zufall, dass ihm eine Prise Tabak angeboten wurde, und beim Niesen fiel ihm der schon wieder abgetrennte Kopf vom Rumpfe.

94. Lokalspötterei.

1) Die Königsberger heißen bald Glomsnickels, bald Sperlingsschlucker. Der erstere Beiname wird von ihrer Liebhaberei für Schwand und Glumse (Sahne und geronnene Milch), der letztere von einem Missgeschick des s. g. Altstädtischen Jappers hergeleitet. Dieser am Altstädtischen Rathhause (jetzigen Stadtgerichte) angebrachte, früher mit einer Krone gezierte Kopf bezeichnete jeden Stundenschlag durch Auf- und. Zuklappen des weiten Rachens, bis ihm einmal ein Sperling hinein flog und den Mechanismus verdarb.

2) Die Einwohner Fischhausens heißen Gildekniper als Zunftfischer, vielleicht weil man den Namen des Städtchens statt von Bischof unrichtig von Fisch herleitete. Außerdem nennt man sie auch Barensteeker (Bärenstecher) und Möckeprötscher (Mückenspritzer). Einmal nämlich, so erzählt man, wurde plötzlich Feuerlärm geschlagen, weil der Kirchturm brenne und in der Tat wirbelten um ihn dicke Rauchwolken genug. Die Bürger zogen also rüstig mit den Waschgeräten an, spritzten was Zeug hielt, und der Rauch verzog sich auch; er bestand aber aus nichts als Schwärmen der s. g. Haffmücken. Ein anderes Mal verbreitete sich das Gerücht, dass vor der Stadt ein grimmiger Bär laure. Die Bürger zogen sogleich heldenmütig zur Jagd aus, fanden aber unter dem bezeichneten Buschwerk nur einen, wohl der Tiergestalt ähnlichen – Baumstumpf.

3) In dem Kruge des Kirchdorfs Kumehnen darf man, wenn man mit einem Freunde gezecht und lange genug gezecht hat, doch nie sagen: Nanu drink onn nömm de Hanschkes! Denn solche aufregenden Redensarten werden von den dortigen Kruggästen übel vermerkt uns vergolten.

4) In dem Dorfe Lawsken wurden die Fische früher immer nur auf einer Seite gebraten – d. h. auf einer Seite der Dorfstraße, denn auf der andern standen keine Häuser.

95. Müller Pelz.

Ass öck noch bie'm Meller Pölz deend' – det wär ee Keerlke, hadd ook a deege Büdel mött Göld! – warrt hei eemal nah Kengsbarg reise, seine goode Fründ beseeke. Onn wie hei kömmt nah Kengsbarg, hebbe se ee Tuun vaargetage onn maake dett Steenplaster torecht. Da schriee se emm tau: hei sull da nich riede! Awerscht bei göfft seinem Bruune ee Schmeet mött de Hacke, sett öwer dem Tuun onn galloppeert önn de Löwenichsche Langgass. Da bingt se sein Peerd an de grote Druckerdeer onn geit seine goode Fründ beseeke. Die warre emm nu, wat Schönet se weete onn kunne, varwiese onn gahne mött emm toletzt ook önn't Komediespeel. Ass se rönn kame, da sötte schon alle Bänk onn Stöhl vull Manns- und Fruuenslüd. He also titt sein Mötz aff onn secht: Na good Nawend allersiets! Da lacht de ganze Ruum luut opp, onn he argerd söck. Awersch damött wär noch nich genog. Denn ass nu dett Komedjespeel losgeiht, da käme Kerdels geloope onn wulle ennem Mann möt Gewalt terspöcke. Da wurd mien Meller Pölz uuter söck. »Wat si juh hier – schreeg he – Lüd' awer Mördersch? Alle Manns staat bi, helpt, rett! Laat dem arme Düwel nich terspöcke! packt – –« da packte se dem Meller Pölz sölwst onn schmeete emm ruut.

Die damalige Hartungsche Hofbuchdruckerei hatte eine mächtige Freitreppe mit eisernem Geländer, an welches Pelz seinen Kunter wohl anbinden konnte.

96. Der Bauer und der Pfarrer.

1. Ein Bauer besucht seinen Pfarrherrn, der ihm als Leckerbissen ein Stückchen delikaten Käses vorsetzt. Der Bauer lässt es sich schmecken, als ob's grob Brod wäre, und der Pfarrer sieht mit Angst, wie sein Schatz verschwindet.

Pfarrer: Mein Freund, das ist Schweizerkäse!

Bauer: Davor eet öck emm ook.

Pfarrer: Mein Freund, der Käse kostet zwei Gulden das Pfund!

Bauer: Datt öss he ook Werth.

Pfarrer: Und dies Stückchen ist mein letzter Rest!

Bauer: Oeck kam ook just uut.

2. Bauer: Herr Pfarr, mien Sähn waard steedere lehre

Pfarrer: Nun hat er auch Kopfs genug zu begreifen, was er soll?

Bauer: Datt ward gemeent sin, Herr Pfarr. He begröppt sehr goot, on wat he höllt, datt höllt hei. On nee Kopp hefft he, de öss so groot, ass min'm gröötste Ploogosse siner. Onn watt he sull dat dheit he ook.

97. Vom Hans.

1. »Hans, stah opp, de Hömmelke gruut!«

Laat emm man gruue, hei öss ool genog.

»Hans, stah opp, de Vagelkes singe!«

Latt se man singe, se hebbe kleene Keppkes onn bool uutgeschlape.

»Hans, stah opp, de Moos öss gar!«

Wo öss mien Leepel vom halwe Scheepel!

2. »Hans, spann an, haal dem Dokter, de Motter hefft de Koolke!«

Na, last se man hebbe.

»Hans, spann an, de Motter wöll starwe!«

Na, se wart doch nich.

»Hans, spann geschwing an, de Motter öss all dood!«

Schlach, denn mott öck doch man anspanne.

3. »Hans, wo hest dett Fölle?«

Vader, de Wulf hefft emm gebeete.

»Na, hefft he emm denn sehr gebeete?«

I nei, sehr nich; Kopp onn Tagel sönn noch da.

»Na, deedst du emm denn nuscht?«

Na ja, öck schreech watt ök kunn: Föllefreeter, Grootmuul, Halsschlunk! Da schämd' se söck wie ee Hund onn leep nah'm Wool, watt hei kunn.

4. »Öff hier goot Schaap heede?«

Na meen ju denn schlecht?

»Na, kömmt ook de Wulf?«

Na meen juh, he wart gahne?

»Na nömmt he ook ee Schaap?«

Na meen juh, he wart eent bringe?

»Na loop juh emm ook nah?«

Na, meen juh veran?

5. »Ah Vader, Gansbrade schmeckt eemal schön!«

Ne mien Hans, wa hast emm gegeete?

»I, öck nich, man Schulte Hans, de hefft tosehne eete!«

98. Sorgen ohne Roth.

Ein Holzhauer hatte eine Tochter, die eines Tages gar freundlich in die Stube trat und sagte: Vader, Schulte Hans friet na mi! – »Na, Merjell, seed hei denn watt?« I nei, hei ging mi man verbi onn hadd mi bool gegröst. Abends zapfte sie Tafelbier und brach plötzlich in bittere Tränen aus:

»Watt schaat di Merjell?« –
Oeck tapp so onn schenk,
Oeck sött so onn denk:
Wenn de im so kam
Onn mi nahm,
Onn öck ee Kind kreeg',
Onn dett Kind önn de Weeg lüg',
Onn de Vader na Huus kam',
Onn de Ax nahm',
Onn de Ax an de Balke hing,
Onn de Nagel entwei ging
Onn de Ax runner full
On nopp dett Kind full
On nett doot schlög' –
Watt wär datt för ee schrecklichet Onnglöck!

99. Genaue Beschreibung.

1. I, kennst du dem nich eemal? – Sien Bader war je ee langet dröget Wies, onn siene Motter heet Matthes!

2. Na weetzt nich, wa dei wahnt? – Verre Dör steit je ee iserner Beerboom, dicht am ledderne Ecksteen; de Dör off möttem Dittkebrod togestöckselt, hängt ook ee Sackke mött Schemper (Tafelbier) vran; derbie huckt ee ool Wies onn haspelt Not – da kannst du garnich örre!

100. Tiersprache.

1. Der Hahn ruft: Soldaate kame, Soldaate kame! Wenn er die Henne eben getreten hat, schreit er:

Hatt er nuscht geschaat!

2. Sieht der Hahn von der Höhe des Zaunes auf einen Enterich herab, der eben mit der Henne liebelt, so ruft er ihm spöttisch zu:

Watt warrt vatt warre, warrt voch keen Kikelke nich?

Der Erpel antwortet kalt:

Warrt watt warrt!

3. Ein Platzregen überschwemmt den Hof. Der Hahn flüchtet sich auf den Zaun und schreit: O groote Roth! Die Enten aber paddeln lustig im Wasser herum und entgegnen: Datt is goot, vatt is goot!

4. Ein Bock, ein Hahn und eine Ente fuhren einmal über Wasser; der Kahn schaukelte stark. Gott erbarm söck! meckerte der Bock.

Ett sitt trurig uut! seufzte der Hahn, die wasserkundige Ente aber belehrte sie: Laat gähne, geit goot! Laat gahne, zeit goot!

5. Wenn die Gänse auf die erwünschte Stoppelweide kommen, rufen die einen, indem sie wählerisch mit den Schnäbeln herumfahren: Nimm du dies, nimm du das! und die andern:

Ah, das schmeckt schön!

6. Wenn eine Krähe Fleisch findet, krächzt sie: Kwi datt, Kwi datt!

Die andere fragt:

Wo va? Wo da?

Jene antwortet:

Underm Barg, underm Barg!
Weeß en Aas!
Wu laets? Wu laets?
Hingern Bark.
Wacker fett? Wacker fett?

7. Der Schwalbenspruch lautet:

Ass öck wegtoch, ass öck wegtoch,
Leet öck Schien onn Schopps voll;
Ass öck wedderkäm, ass öck wedderkäm,
Uutgefrete, freet, datt du di wargst.

8. Die Wachtel, welche vor Johanni ihre Nahrung im Getreide sucht, erklärt dies offen:

Flick ferr fick!

9. Der Spruch des Grafsers (auch Scharpvogel oder Wachtelkönig genannt) mahnt an das Getreidehauen:

Scharp, scharp!
Hau sacht!
Lange Daag, korte Nacht,
Datt du nich warscht vermöde.

10. Der Lerchenspruch ist:

Driew, Jungke, driew!
Hast ee goode Weerth, denn bliew.
Hä'st ee schlömme Weerth, häng Sadel, Toom
Am Boom,
Teh weck, weck, weck!

oder nach anderer Auslegung:

Driew, Peterke, driew, driew, driew! Häst ee goode Weerth, so bliew, bliew, bliew!
Höst ee schlechte Weerth, so driew wiet weg, wiet weg, weg, weg, weg!

11. Der Goldammer ruft:

Edel, evl, edl bin ick!

12. Der Kiebitz schreit:

Kiwitt! Wo bliew öck?

13. Der Fink bittet:

Madchen, gieb mir Wein her!

14. Dagegen schreit der Pirol oder Bülow: Bier hol! Bier hol! oder auch: Herr vonBülow!

wovon er auch den Namen haben soll. Andere meinen, er rufe:

Hast gekauft, bezahl's auch!

15. Die Rohrdo mmel ruft:

Oeck versuup, öck versuup!

16. Der zärtliche Täuber girrt:

Trutste Fru! trutste Fru!

17. Das Perlhuhn spottet: Pie, pie, pie, tak, tak, tak,

Zehn Schneider machen ein Jack, Jack, Jack.

18. Der Zeisig macht sich über die Bauern in höchst unflätiger Weise lustig, und die Anführung des Rates, den die Nachtigall in ihrem zärtlichen Gesange gibt, würde sämtlichen Leserinnen die ästhetische Freude an demselben für alle Zeit verderben.

19. Die Frösche unterhalten sich gern über wirtschaftliche Angelegenheiten. Bedächtig fragt der eine: G'vad'rsch, G'vad'rsch, wann warr juh back? wann warr juh back? Die Gevattern antworten: Moj'n, moj'n, moj'n! (morgen), und er entschließt sich, dasselbe zu thun: Denn back öck ook! oder: Back ook öck e Kuuk! (backe ich auch einen Kuchen.)

20. Wenn die Schafe bei Winters Abgang auf das Feld getrieben werden, sieht sich wohl eins bedenklich um und fragt:

Warri ook Gras wasse? Warrt ook Gras wasse?
Muthig antwortet ein Lämmchön:
Warrt schon wasse! Warrt schon wasse!
Aber ein altes Schaf meint zweifelnd:
Werr'n wer's ook erleewe?

21. Die Kuh tritt zum Bullen heran und fragt: Wie geit's, wie geit's? Er antwortet: Nich öwel, nich öwel!

22. Dennoch scheint der Bull nicht ganz mit seiner Stellung zufrieden zu sein; denn dem Ziegenbocke macht er den Vorschlag: Wöll wi duusche, wöll wi duufche? (Wollen wir tauschen?) Der Ziegenbock aber meckert dagegen: Nömmermehr, nömmermehr!

23. Ein Schuster ging über Feld und begegnete einer Viehheerde, welcher der Bulle verdrießlich voranzog, indem er unter den Bart brummte: Lömmel, Lömmel, Lömmel! Der Schuster nahm das übel und schrie endlich: »Wer ist hier sein Lümmel?« Der Bulle antwortete: Dei Schuuster! dei Schuuster!

101. Königsberger Glockensprache.

Die Glocke der Schloßkirche tönt hochdeutsch und vornehm:

Samt und Seide, Samt und Seide!
Ebenso die des kneiphöfischen Doms:
Gold und Silber, Gold und Silber!
Die Hospitalsglocke spricht zwar noch hochdeutsch, aber sehr demütig:
Koddern und Plundern!
Die Haberberger Kirchenglocke endlich versteht sich nur auf platt:
Geelmöhre onn Peterzöllge!

Die Anspielung der Glockenstimmen auf den Glanz des in der Altstadt gelegenen königlichen Schlosses, auf den Reichtum der Kaufmannschaft, deren Hauptsitz der Kneiphof ist, auf die Armut der Hospitaliten und den Gemüsebau des zum Haberberge gehörigen s. g. nassen Gartens leuchtet ein.

Ähnliche Anspielungen enthält der bekannte Stadtreim:

Altstadt die Macht,
Kneiphof die Pracht,
Im Löbenicht der Acker,
Auf dem Sackheim der Racker.
Hier ist nämlich die Abdeckerei ausgebaut.

102. Klang der Werkzeuge u. s. w.

1. Schuster: Käs' un Brot das mag ich, Motter göff mi Worscht!

Schneider: Wenn ich's hätt! Wenn ich's hätt!

Tischler: Nimm's hin, nimm's hin! over:voar hast, voar höst!

Weber: Schmiet mi to, schmiet mi to!

Schmied: Freet den Doot, den Düwel dran!

2. War ver Müller ein Betrüger und ließ die Mühle an, so fragte sie erst langsam:

Wer ist da, wer ist da? Dann antwortete sie schnell:

Der Müller! der Müller! und bemerkte endlich ganz geschwind: Stiehlt tapfer, stiehlt tapfer, vom Achtel drei Sechstel.

3. Oder die Mühle sprach anfangs, wenn das Rad noch ganz langsam ging:

Es ist – ein Dieb – in der Mühl! und fragte dann in schnellerer Bewegung:

Wer ist er? – wer ist er? – wer ist er? und antwortete zuletzt ganz schnell und ohne Aufhören: de Meller, de Meiler, de Meller! Ganz ebenso bei Meier D. Kinderr. Nr. 142.

4. Oder die Mühle wiederholt, so lange sie geht folgende Verse:

De Meller, de Meller, de Deef, de Deef (de Korendeef),
De grote Säck, de hefft he leef,
De Nene lett he lope,
He darf sin Brot nich kope.

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