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Sagen des Preußischen Samlandes

Rudolf Friedrich Reusch: Sagen des Preußischen Samlandes - Kapitel 6
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typelegend
authorRudolf F. Reusch
titleSagen des Preußischen Samlandes
publisherVerlag der Hartung'schen Buchdruckerei
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year1863
firstpub1863
correctorreuters@abc.de
sendergebler.dresden@yahoo.de
created20100809
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IV. Entrückungen.

49. Der Galtgarb.

Der Galtgarb, auf welchem jetzt der wunderbaren Errettung unseres Vaterlandes aus französischer Gewalt ein Denkmal gesetzt ist, erhebt sich etwa 383 Fuß über die Meeresfläche, ist die höchste Spitze Samlands und im Kirchspiele Kumehnen belegen. Seine noch völlig erkennbaren, wallartigen Umzingelungen weisen darauf hin, dass er früher eine Beste getragen habe, der Sage nach die Burg des heidnischen Preußenkönigs Samo. Die Landleute nennen ihn Galtgarbs-Berg und erzählen:

Dort war ein jetzt verwünschtes Schloss, denn in längst vergangenen Zeiten haben sich zwei schöne Frauen auf seinem Gipfel zum Öfteren sehen lassen, welche jetzt durch menschliche Einfalt verscheucht und auf ewig unglücklich geworden sind. Ein Bauer, dem die Frauen zu Herzen gingen, fragte sie nämlich einmal, was er wohl für sie tun könne, wenn er's wolle. Sie waren sehr erfreut über seine Frage und sagten, dass sie wohl noch zu erlösen seien, wenn sich jemand mit verkehrtem Wagen und Pferden auf den Berg zu fahren getraue. »Doch«, klagten sie »wenn's jemand wagt und setzt es nicht durch, so sind wir auf ewig verloren.«

Dem Bauer schien das eine Kleinigkeit. Er trollte nach Hause, stellte seinen Wagen an, drehte auch – wie ihm die Frauen geboten, – jedes Stück behutsam um, legte die Pferde verkehrt vor und schleppte das Fuhrwerk so rückwärts den Berg hinan. Obwohl der Galtgarb damals noch ganz mit Gestrippe verwachsen und ohne Weg und Steg gewesen sein muss, hatte sich der Bauer doch schon fast auf die Höhe gearbeitet, als ihm ein jammervoll Geschrei entgegentönte, worin die Stimme der Frauen: »Auf ewig verloren! Auf ewig verloren!« ganz deutlich, zu unterscheiden war. Lange konnte er sich das Unheil, welches er angerichtet hatte, nicht erklären, bis er sein Gespann näher besah und fand, dass er die Deichsel umzukehren vergessen habe.

Seitdem haben sich die Frauen nicht ferner bewiesen.

50. Der Hausen.

1) So wie der Galtgarb die kriegerischen Großtaten des Königs Friedrich Wilhelm III. verewigt, ist der Hausen Zeuge des festlichen Danks geworden, welchen ihm die Strandbewohner für die segensreiche Überlassung der Bernsteinpacht zollen. Seiner absoluten Höhe nach (250 Fuß) folgt der Hausen unter Samlands Bergen auf den Galtgarb. Er liegt im Kirchspiele German. Auch ihn umschließen Wälle und Gräben, auch auf ihm soll ein verwünschtes Schloss gestanden und wenigstens eine Jungfrau sich gezeigt haben.

Die Bedingung ihrer Erlösung hat sie den dortigen Hirten wohl verständlich zu machen gewusst und angegeben, dass jemand mit verkehrtem Wagen auf den Hausen fahren müsse. Hiernach stellte auch einer seinen Wagen an und begann die Fahrt, hatte aber den Spannagel umzudrehen vergessen. Die Jungfrau, welche auf dem Berggipfel seiner harrte, entdeckte den Fehler sogleich und rief dem Bauersmann ein Mal über das andere hinunter:

»Spannagel kehr um! Spannagel kehr um!« Unglücklicher Weise hieß der Bauer aber gerade auch »Spannagel«, und da die Jungfrau mit ihrem »Span na gel kehr um!« gar nicht zu Ende kommen konnte, verstand er das Ding unrecht und kehrte wirklich mit seinem Wagen um. Die arme Frau konnte dieses Spiel des Zufalls natürlich nicht voraus wissen, war aber auf ewig verloren und versank vor des Landmanns Augen in die Erde.

2) Die Hügelkette, deren größtes Glied der Hausen ist, zieht sich ziemlich weit hin und umfasst eine Menge kleinerer und größerer Höhen, welche teils noch mit Strauch bewachsen, teils schon mit Kornfeldern bedeckt sind. Unter einem der bestrauchten Hügel soll ein alter Heidenfürst begraben liegen, mit ihm sein goldener Zepter und seine goldene Krone; man weiß aber nicht unter welchem. Alle die alten Heiden waren jedoch mächtige Riesen, und wenn sie für geringe Männer schon die bekannten und gewaltigen »Kapurnen« (Heidnische Grabhügel) anschütteten, so ist es unzweifelhaft, dass für den Fürsten der Hausen selbst aufgetürmt ist.

Andere sagen, dass der Fürst nicht in dem Hausen selbst, sondern in einem der umliegenden Hügel begraben, und nicht ein Heidenfürst, sondern der Fürst Albertus gewesen sei. Unsere Herzöge Albert und Albert Friedrich sind jedoch beide im Dome zu Königsberg beigesetzt.

3) In der Ebene, welche den Hausen umschließt, liegt an einem Sumpfe der sogenannte Opferstein. Er ist nach einer Seite hin ausgehöhlt und soll der Altar gewesen sein, auf welchem die alten Preußen ihren blutdürstigen Göttern Menschenopfer darbrachten. Das Gütchen Romehnen, wohin Romove verlegt wird, ist eine kleine Viertelmeile davon entfernt.

51. Der Schatz auf dem Hausen.

Wenn der Hausen ein verwünschtes Schloss ist, so liegt auch ein Schatz in ihm und zwar ein großer. Das ist kein leeres Gerede, sondern hat sich schon oftmals bewiesen. Denn die Großmutter der noch lebenden verwitweten Schulz L. aus Rauschen diente als Mädchen in German und ward von ihrem Herrn mit einem Knechte auf den Hausen Pilzen suchen geschickt. In dem dicken Gestrippe verloren sich beide gar bald von einander. Auf einmal gewahrte der Knecht einen großen Haufen Gold, der im klaren Sonnenscheine herrlich wiederglänzte, ganz offenbar vor sich liegen. Im Ringe herum streckte sich ein schwarzer dicker Wurm, doch reichte er nicht völlig aus, sondern ließ zwischen Kopf und Schwanz noch etwa eine Spanne frei. Der Wurm sah den Knecht immer so an, als wollte er sagen:

»Nömm doch det Gölt! Nömm doch det Gölt!« (Nimm doch das Geld) bis dieser endlich der Lust nicht mehr widerstehen konnte, sein Pilzenkörbchen an die Stelle des Schatzes, welche der Wurm nicht umschlang, ansetzte und es ganz voll scharrte. Für den Knecht war's schon sehr viel, für den Schatz sehr wenig, denn ihm war gar nicht anzusehen, dass was genommen sei, und der Wurm sah noch eben so luchtern aus. Da besann sich der Knecht nicht lange, zog schnell sein Oberhemde aus und sackte es auch noch voll. Nun konnte er aber nicht mehr fortschleppen und dachte: das arme Mädchen hat noch nichts bekommen, du sollst sie rufen, damit sie sich den Rest aufladet. Kaum aber fing er an, seine Begleiterin zu erschreien, so erhob sich ei» Sausen und Brausen auf dem Berge, dass seine Stimme kraftlos verhallte, und aus den dicken Wolken kreischte es immer zu ihm herab:

»Schöd uth det Gölt! Schöd uth det Gölt!« (Schütt' aus das Geld). Darüber erschrak der Knecht heftig, und nachdem er eine Weile bald sein Geld, bald die Wolken angeglotzt hatte, ließ er alles den Henker holen und spickte das Geld aus dem Körbchen und dann aus dem Oberhemde auf den Haufen zurück.

Augenblicks war der Sturm vorüber, der Wurm senkte sich mit seinem Schatze in den Berg und über ihm schloss sich die Erde wieder zu; die Sonne sing lieblich an zu scheinen und auch das Mädchen konnte das Angstgeschrei des Knechts vernehmen. Freilich half es jetzt nichts mehr, dass sie hinzulief, denn der Schatz war fort und nur wenige Geldstücke, die außerhalb des Schlangenringes niedergefallen waren, lagen noch da. Hätte der Knecht das Geld weit ausgestreut, so würde er mehr behalten haben.

Später ist viel nach dem Schatz gegraben, aber man hat nichts gefunden. Nur ein Knecht hat noch einst ein golden Geräte dort entdeckte. Er siel nämlich, als er den Hausen bestieg, wie über einen Wachholderast, aber genau besehen war es ein köstlich Jägerhorn, wie es die alten Heiden wohl besessen haben mögen, mit zierlichem Bande. Er nahm es auf und lieferte es dem Amte ab, von wo es nach Berlin gesandt sein soll.

52. Der kleine Hausen.

Der kleine Hausen liegt im Königl. Forste Warnicken und zwar gerade in dem Gestelle, welches auf das Försteretablissement Wilhelmshorst von Georgswalde her führt. Er ist noch völlig verstraucht und unwegsam, so dass ihn selbst der Fußgänger nur mühsam an einer Stelle erklettert.

Der Vater des Bauerwirts W. aus Klein Dirschkeim ging einst mit mehreren Knechten auf den nicht fernen Berg nach Kienholz. Dort kamen ihnen zwei schwarz gekleidete Frauen vorbei und fragten: »Wer da?« – »Gutfreund!« antwortete der alte W. »Was für Gutfreund?« – »Brandenburger!« Auf dieses Wort kreischten die Frauen auf und verschwanden. Darauf kamen zwei schwarze Herren. Da sie schweigend vorüberzogen, fragte der alte W., ob er den Damen nicht gut geantwortet habe. »O ja!« sagten die Herren und verschwanden ebenfalls, ohne sich ferner noch zu zeigen.

53. Der Ziegenberg.

Neben dem Dörfchen Ziegenberg liegt ein gleichnamiger Hügel, der zuerst langsam, dann auf Ein Mal schnell und steil aussteigt, und sich endlich oben abplattet. Auf dieser Platte liegt ein gewaltiger Stein, groß und glatt wie ein Tisch, rings aber so gebildet, als ob Männer um den Tisch säßen und Tabak rauchten. Was es mit diesem Steine für eine Bewandtnis habe, weiß man nicht, dagegen wohl, dass auf dem Ziegenberge einst eine herrliche Burg stand, und jede Ostern am ersten heiligen Tage eine schone Jungfrau aus ihr herniederstieg, um sich im Mühlteiche zu waschen.

Einst ging eine Bauerfrau gerade nach Fischhausen zum Jahrmarkt und grüßte das Burgfräulein, als sie durch Ziegenberg eilte, mit schweigender Ehrfurcht. Das Fräulein aber ließ sie nicht kalt vorüber, sondern trat freundlich auf sie zu, und da sie erfuhr, dass in Fischhausen Markt wäre, bat sie, die Bauerfrau möge ihr auch ein Stück Leinwand mitbringen, doch um Alles in der Welt nicht um den Preis dingen. Die Bäuerin versprach's, und ging fürder bis sie mitten auf dem Markte stand. Da fiel ihr die Kommission ein. Ei! dachte sie, das ist wohl nur ein solch adliger Dünkel, geradezu das Geld fortzuwerfen, oder sie dachte es auch nicht und wollte vielleicht einen kleinen Vorteil für ihre Mühe haben – kurz sie fing um die Leinwand zu dingen an, und zog der Händlerin einige Groschen ab. Als sie nun wieder durch Ziegenberg kam, schwebte das Burgfräulein in engelholder Freundlichkeit herab, aber als sie den Kauf sah, rief sie bestürzt: Auf ewig, auf ewig verdammt!« und entschwand.

54. Der Schatz auf dem Kleinen Gebirge.

Das sogenannte Kleine Gebirge, an dessen Fuß. Wange und unweit davon Wartnicken liegt, bietet dem Wanderer eine herrliche Aussicht, hat aber einen noch köstlichem Inhalt.

Vor alten Jahren sahen dort Bauern einen großen Braukessel voll Geld stehen. Sie legten Stangen ein und hoben ihn. Als er schon beinahe ganz oben war, sprach aber einer von ihnen, und in demselben Augenblicke war's, als wenn jemand, der aber nicht zu sehen war, mit einem großen Possekel (Hammer) hineinschlug. Die Stangen entsielen ihren Händen und der Schatz versank. Hätten sie nur ein Stück Stahl oder wenigstens ein Messer, an welchem Stahl ist, hineingeworfen, so hätte der Kessel oben bleiben müssen.

Jedoch hat das Versehen nichts zu sagen, denn das Gold muss sich reinigen und der Schatz wird wieder brennen, hat auch schon wieder einmal gebrannt. Zwei Bauern ritten gerade vorüber und sahen die Lohe, lenkten auch gleich nach der Stelle ein, sprachen aber wieder unterwegs und die Flamme erlosch.

55. Der Pilberg bei Kraam.

Die reizende Schlucht zwischen Kraam und Plinken wird die Hölle genannt. Aus ihr erheben sich der große und der kleine Pilberg. Da die Schlucht zum Teil mit hohen Bäumen und dichtem Gestrüppe besetzt ist, so dürfte man die unbedeutenden Hügel ohne Führer schwerlich auffinden, und aus demselben Grunde lassen sich die Wälle, von denen der große Pilberg umgeben sein soll, nicht wohl übersehen. Die einzelnen Erhöhungen scheinen jedoch eher der willkürlich schaffenden Natur, als Menschenhänden ihr Dasein zu verdanken. Jedenfalls kann auf dem Pilberge keine Beste gestanden haben, indem seine obere Fläche nur sechs Schritte im Durchmesser haben mag. Doch über alle Schwierigkeiten setzt sich die Sage hinweg.

Der Pilberg ist ein verwünschtes Schloss gewesen. In den schlechten Stunden von elf bis zwölf Mittags hat sich auf ihm früher eine Frau gezeigt und ihr Haar im Sonnenscheine geschlichtet. Sie hat die Hirten oft gebeten, sie anzufassen, und versichert, dass ihnen kein Leid geschehen solle. Doch wer sie anfasse, möge sie auch ja fest halten und kein Wort sprechen.

Ein dreißigjähriger Junge, welcher noch zum Hüten des Viehs gebraucht wurde, nahm einmal alle seine Courage zusammen und erfasste die Hand der Burgfrau. Da kam ihm allerlei Blendwerk vor. Bald war's, als wenn ihn Hunde beißen, bald als wenn ihn Pferde überlaufen wollten. Dennoch hielt er die Frau fest, aber in großer Angst drängte sich der Seufzer »Herr Gott, Herr Jesus!« aus seiner Brust. Gleich war sie von seiner Hand los, weinte und klagte sehr, dass sie nun auf ewig verloren sei, und verschwand.

Seitdem ist sie nicht mehr erschienen, aber der Böse treibt nun dort sein Wesen.

56. Der Schatz auf dem Pilberge.

Gewiss ist da ein Schatz verborgen, wo ein Haselbusch Wispen trägt. Bei Birken, Kirschen und Linden sind sie häufig, dagegen höchst selten und wunderbar bei Haseln. Sie wachsen nämlich schnurstracks aus dem Stamme, haben Weidenblätter und tragen dazwischen herrliche Beeren.

Es mögen zehn oder zwölf Jahre her sein, als in der Hölle ein Haselstrauch stand, welcher eine Wispe trug. Diese Wispe hatte Beeren so groß wie eine kleine Nuss und klar und glänzend wie Silber. Zwei Instleute aus Kraam G. und E. gingen eines Sonntags zwischen elf und zwölf, so recht während der Kirchzeit, den Schatz graben. Sie hoben den Haselbusch aus und durchwühlten die Erde. Da kam ihnen zuerst ein Hase, der lahm war oder gar nur drei Füße hatte, in die Quere gelaufen; sie waren ganz still und gruben weiter. Dann aber kam ein schwarzer Hund – das soll der Wächter des Schatzes gewesen sein – mit nachschleppender Kette auf sie zu. »Ui!« schrie einer der erschrockenen Instleute, und sogleich waren Hund und Schatz fort; denn sie hatten diesen schon gefühlt und mit dem Spaten bestoßen können.

Für dies Mal war's also vorbei, aber die Dorfjungen warfen den Haselstrauch wieder ins Loch und das andere Jahr war er wieder ausgegrünt und trug wieder die silbernen Beeren. Dieselben Instleute gingen nun nochmals hin und haben den Schatz wirklich gehoben, mussten aber noch gewiss eine Manneslänge tiefer graben, als früher.

Wie viel Gold sie gefunden, haben sie sich wohl zu sagen gehütet. Auch weiß man nicht, wohin sie es getan, denn sie waren arm und blieben arm. Im folgenden Jahre starben sie beide um dieselbe Zeit, da sie den Schatz gehoben.

Seitdem hat sich nichts mehr gefunden, obwohl der jetzt noch lebende Sch. aus Plinken gewaltig gegraben und die herrlichen Eichen grausam unterminiert hat. Doch ist ihm jetzt ein alter Mann erschienen, der ihm gesagt, dass er über drei Jahre den Schatz heben und dann für sein ganzes Leben überreich werden solle.

57. Der Geist vom Pilberge.

Der Geist vom Pilberge ist noch jetzt sehr gefürchtet; denn wenn er sich zeigt, so hat's nichts Gutes zu bedeuten und mag sich jeder in Acht nehmen. Ein Junge, welcher von Kraam aus nach dem Pilberge Vieh zu hüten geschickt wurde, hat ihn in der Gestalt eines Pferdes ohne Kopf immer rund herum reiten und dann in der Mitte des Berges versinken gesehen.

Auch bleibt sein unsichtbares Wirken nicht ohne Zeichen. Denn eines Tages hat man die Baumstämme auf dem Pilberge in der Höhe von zwei Fuß geknickt und über Kreuz gebogen gefunden, ohne dass eine Menschenhand dabei tätig gewesen, oder jemand wüsste, wie der Verhau entstanden sei.

58. Der Pilberg bei Lapsau.

Auf dem Pilberge bei Lapsau, einem Gute nicht weit von Königsberg, hat in früherer Zeit ein Schloss gestanden, und neben dem Schlosse eine kleine Kapelle. Aber da sind die Leute immer gar gottlos gewesen und haben beim Gottesdienste gelacht. Das konnte so nicht lange gehen und in der Nacht um zwölf Uhr entstand ein Erdbeben und das Schloss versank. Am nächsten Morgen war der Berg leer und nichts mehr von dem Schlosse zu sehen. Nur die Orgel hört man noch jetzt spiele^, wenn man sonntags um 12 Uhr den Berg besteigt. Wie es aber sonst dort aussehen mag, das hat man lange nicht gewusst, bis endlich ein Hirtenknabe seine Schweine über jenen Ort forttrieb, und eins in eine tiefe Grube fiel. Er ging ihm nach und brachte es glücklich heraus. Er hatte bei dieser Gelegenheit den Eingang in den Berg gefunden und konnte nun den Leuten erzählen, dass die Pferde in dem versunkenen Schlosse wie Fleisch fressende Hunde ausgesehen hätten und hätten an einem großen Klotze gestanden, auf welchem das Fleisch lag. Die Menschen aber sind ganz schwarz gewesen.

59. Der Schlossberg.

Der Schlossberg liegt bei Kleinteich, einem Teile des Dorfes Raufchen. Er ist eigentlich nur ein Vorsprung der Höhen, welche Rauschen von der Seeseite umschließen, halbrund, fast ohne Gesträuch, mit glattem Heidekraut bewachsen.

Auf ihm soll früher ein großes Schloss gestanden haben, aber schon lange versunken sein. Nur haben die Vorfahren noch mit eigenen Augen gesehen, wie eine Prinzessin alle Tage Mittags zwischen elf und zwölf Uhr herausgetreten ist und sich die goldgelben Haare in einem goldenen (messingnen) Troge gekämmt hat.

60. Der Hünenberg.

Der Hünenberg bei Eckritten soll früher zu den heiligen Bergen gehört haben, auf welchen die heidnischen Preußen ihren Göttern opferten. Jetzt ist dort viel Spuk und Gespensterwerk, auch zeigt sich eine Frau.

Ein Bauer hatte viel von dieser gehört und ritt auf den Berg, um sie zu sehen. Er sah sie auch wirklich, wie sie sich gerade die Haare kämmte, machte aber sogleich Kehrt, und ließ sich nur durch ihre Bitten bewegen noch einmal umzuwenden. Sie redete ihn gar freundlich an und gab ihm etwas, was sie sich aus den Haaren ausgekämmt hatte. Ängstlich dankte der Bauer, steckte das Geschenk in die Tasche und ritt ab; aber als er kaum aus ihren Augen war, warf er es fort. Er hätte es lieber behalten sollen, denn zu Hause fand er noch einige Goldkörner, welche in den Ecken der Tasche zurückgeblieben waren.

61. Der Schatz auf dem Hünenberge.

Ein anderer Bauer sah auf dem Hünenberge einen großen Braukessel mit Gold gefüllt. Als er den Schatz zu heben versuchte, kamen von fern her zwei schwarze Hunde angelaufen. Anfangs ganz klein, wurden sie, je näher sie kamen, immer größer und größer, bis der Bauer vor Angst fortlief.

62. Der Goldberg.

Der sogenannte Goldberg liegt bei Klein Hubnicken. An ihm hütete der Wirth W. aus Rauschen einst seine Pferde. Als es dunkel geworden, sah er eine hohe Glut und Lohe von dem Berge aufschlagen. Er erkannte sogleich, dass dort ein Schatz brennen müsse, denn er war wohl erfahren im Heben und in den Anzeichen des Schatzes, und ging spornstreichs drauf los. Als er aber an den Berg kam, konnte er durchaus nicht vorwärts gehen, sondern musste immer rückwärts treten. Alle seine Anstrengung half nichts, er kam und kam und kam nicht weiter. Da fing er an zu fluchen und das Feuer erlosch natürlich im Nu.

Der Schatz muss doch wohl für ihn nicht bestimmt gewesen sein.

63. Der Messingstrog.

Bei Klein Dirschkeim ist ein Graben, welcher der Messingstrog heißt, weil in ihm wirklich ein messingner Trog liegt. Die Bauern hatten denselben einmal schon weit herausgezogen. Da kamen Chaisen sausend vorbeigeflogen, da liefen Pferde und Menschen, zuletzt alles ohne Kopf umher, aber die Bauern muckten nicht. Endlich rief es von allen Seiten: »Packt den Kahlkopf, packt den Kahlkopf!« Da erschraken die Bauern gar heftig, denn einer von ihnen hatte wirklich einen kahlen Kopf, und sie liefen von dannen.

64. Das Braukesselloch.

Bei Kl. Hubnicken war ein großes Braukesselloch, drin stand ein geraumer Braukessel voll Geld. Als die sechs dortigen Wirte solches Glück merkten, besprachen sie sich, dass sie nicht erschrecken, auch nicht reden, sondern den Schatz heben wollten. Sie legten ihre zwölf besten Pferde vor und zogen den Kessel aus dem Loche. War's früher ruhig gewesen, so ging es jetzt desto bunter zu. Da erschienen vornehme Damen und galante Herren und gingen auf und ab spazieren, da kamen eine Menge von Ziegenböcken, die Herren schien sich hinauf, ritten in Sprüngen einher und nahmen die Schwänze in den Mund, damit die Bauern nur lachen sollten. Aber nichts davon. Die Wirte ließen sich gar nicht stören und hatten den Kessel schon ein ganzes Ende über Feld geschleppt. Da trat ein Herr auf einen bei den Pferden beschäftigten Jungen zu und sagte ganz ruhig: »Nun dann wollen wir doch nur diesen schorfigen Jungen nehmen!« – »Mich nicht!« schrie der Junge, und damit fuhr der Braukessel in solcher Hast in sein Loch zurück und versank, dass die Bauern kaum noch Zeit behielten, das Sielenzeug, womit sie die Pferde angelegt hatten, zu durchschneiden.

65. Das Schlangenloch.

Ein Knecht aus einem zu Palmnicken gehörigen Vorwerke ging mit Sense und Harke auf das Feld, um Heu zu ernten. Da gewahrte er in einem Loche einen ganzen Haufen großer schwarzer Schlangen zusammenliegen. Die Schlangen rieseten die Köpfe immer hoch in die Höhe und beugten sich. Eine Weile sah er das Ding an, dann aber fiel's ihm ein: »du sollst doch einmal drunter hauen, Gott geb', du schlägst einen Molch entzwei!« Gedacht, getan. Er schlug mit der Harke tüchtig hinein und zog das Kreuz aus (den Knäuel, in den sich die Schlangen verwickelt hatten, von einander). Da war's gerade so, als wenn alle über ihn zusammenstürzten, und er trollte eilig, wie er konnte, davon. Auf einmal blieb er stehen, ärgerte sich über seine Feigheit und marschierte zurück. Alles war schon verschwunden, jedoch fand er noch an der Stelle, wo er das Kreuz ausgezogen hatte, einige Geldstücke, neu und blank, als wenn sie eben aus der Münze gekommen wären.

66. Schätze in Rauschen.

Rauschen liegt an einem ausgedehnten Mühlenteich und ist mit ihm auf beiden Seiten von Hügeln eingeschlossen. Auf den Hügeln, gerade über dem Dorfchen, stand früher da, wo der Teich eine Bucht, den sogenannten Kunz-Winkel bildet, eine Eiche, von der aus die meisten Ansichten dieses Strandortes aufgenommen sind. Um jene Eiche hat vor etwa zwanzig Jahren ein Schatz gebrannt. Das Feuer loderte erst spät des Abends auf. Seine Flamme war so blau, als wenn man Branntwein anzündet, und leckte weiter an dem glatten Hewekraute des Bodens umher. Die Altsitzerwitwe G. aus Rauschen hat es mit eigenen Augen eine lange Weile gesehen, dann hat sie ein Grauen überfallen und sie ist zu ihren Hausgenossen ans Kamin geeilt. Ängstlich saß sie dort und verstummt, bis sie die Erscheinung endlich verriet, aber es war vom Feuer nichts mehr zu sehen.

In dem Garten des Schneiders L. in Rauschen hat nur noch vor sieben Jahren ein Schatz gebrannt. Die Frau aber, welche allein zu Hause war, hat ihn nicht zu heben versucht.

67. Der Rauschner Kirchsteig.

In Rauschen wohnte früher ein Teufelskerl. Der soff sich einst tüchtig im Kruge voll und ging dann auf den Kirchsteig nach St. Lorenz, welcher sich die gegenüberliegenden Berge hinaufschlängelt. Oben lag ein großer schwarzer Bull vor einem gewaltigen Kessel. Der Kessel stand auf einem Dreifuße, unter dem Dreifuße lagen viele Kohlen und der Bull rührte immer drin. »Gilt meiner mit?« fragte der Teufelskerl. »Ja«, sagte der Bull. Als der Bauer das hörte, beugte er sich, zog sein Hemde hervor und scharrte einmal von den Kohlen hinein; dann kniete er sich nieder und scharrte abermals. »Nimm den dritten mit, nimm den dritten mit!« brüllte der Bull. »Nein, den will ich nicht!« antwortete der Bauer und ging seiner Wege.

Hätte er den dritten genommen, so hätte ihm der Böse den Kopf umgedreht, jetzt aber wurde er sehr reich, denn die Kohlen waren des andern Tages alle zu Geld geworden.

Der Kirchsteig ist auch sonst nicht geheuer und die Bauern sind öfter einem Manne ohne Kopf dort begegnet.

Die Frage soll bedeuten: ob er auch Kohlen nehmen könne? Nähere Aufklärung konnte der Erzähler dieser Sage nicht geben.

68. Der Rosenbusch bei Romehnen.

Ein Bauer aus Pr. (Groß) Battau fuhr nach Hause. Seine Pfeife hatte er ausgeraucht und kein Feuerzeug, um sich eine neue anzuzünden. Als er nach Romehnen kam, sah er an dem s. g. Rosenbusche ein großes Feuer angeschürt. Hirtenfeuer konnte es nicht sein, denn es war schon spät im Herbste und konnte nicht mehr draußen gehütet werden. Ihn überlief ein Schauer, denn er gewahrte, dass ein ganz schwarzer Mann bei der Glut lag. Indes trat er doch endlich hinzu und erbat sich die Erlaubnis, seine Pfeife anzünden zu dürfen. »Es sei dir vergönnt!« ließ sich der grausige Mann vernehmen. Der Bauer kehrte also seine Pfeife um, klopfte die Asche aus und mit ihr fiel auch ein alter Kreuzgroschen ins Feuer, den er als Boden in den schlechten hölzernen Pfeifenkopf gelegt hatte. Ohne davon etwas zu merken, stopfte er sich wieder die Pfeife, zündete sie an, und sprang auf den Wagen.

»Wohin willst du?« grunzte der Schwarze.

»Nach Hause!«

»Nun dann nimm nur erst das wieder mit, was du ins Feuer geworfen hast!«

Der Bauer erschrak heftig, er dachte nur an die Asche, welche er aus der Pfeife geschüttet hatte, und da es doch unmöglich war, diese aus der Glut wieder herauszusuchen, so bat er den Herrn kläglich, ihn ruhig ziehen zu lassen. Der Herr bestand aber hartnäckig auf seinem Begehren. »Nun so muss ich alles mitnehmen!« entgegnete der Bauer, »denn aussuchen kann ich Asche aus Asche nicht.« – »Mach' es wie du willst!« endete der Herr. Das Feuer war unterdes ausgegangen, die Kohlen erloschen, von seinem Wagen holte der Bauer große Säcke, füllte sie alle mit den Kohlen an und fuhr dann ungehindert fort. Die Kohlen, welche besonders schön und glatt waren, wollte er anfangs an den Schmidt seines Dorfes verkaufen, auf dem Wege fiel ihm aber wieder ein, dass die Nachbarn ihn ausgecken würden, wenn er mit einer Fuhre Kohlen ankäme, und er schüttete daher in einen Busch bei Klicken alle Säcke aus. Doch wie sehr gereute ihn dieser Übermut, als er nach Hause kam und sah, dass die in den Säcken noch zurückgebliebenen Kohlen Stückchen Geld geworden waren. Er zog sein schnellstes Pferd aus dem Stalle, jagte nach dem wohlbekannten Strauche, wo er die Kohlen abgeworfen hatte, aber da war nichts mehr zu finden. Er musste sich also mit dem begnügen, was in den Säcken war, und da fand er noch 30 bis 40 harte Talerstücke und mitten drunter seinen Kreuzgroschen.

69. Die Goldkohlen.

Eine Magd aus Kl. Hubnicken sollte Nachts Herdfeuer machen, sie hatte aber keinen Zunder vorrätig und weinte sehr«, wie sie's anstellen sollte. Da sie sich so betrübte, sah sie zufällig zum Fenster hinaus auf dem Felde eine starke Glut. Schnell war sie entschlossen, sich von dort einige Kohlen zu holen, und eilte mit einem Küchentopfe dahin. Bei dem Feuer lag ein schwarzer Herr und nachdem sie ihn höflich um Erlaub gebeten und solche erhalten hatte, scharrte sie ihr Töpfchen voll, und lief froh nach Hause. Die Kohlen waren aber, als sie mit ihnen Feuer machen wollte, alle tot. Ängstlich ging sie zum zweiten Male an die schaurige Glut und nahm sich Kohlen. »Nun komm nicht mehr wieder!« rief der Herr mit drohender Stimme. Da rannte sie schnell nach Hause und da, wie das erste Mal, auch jetzt an den Kohlen kein rotes Fünkchen geblieben war, obwohl sie sich die glühendsten ausgesucht hatte, weckte sie den Hausherrn und dieser fand, dass die Kohlen lauter Gold waren.

Der Ungerechte nahm alles und gab der armen Magd, die ihm den Reichtum verschafft hatte, nichts.

70. Das Kalb.

In dem Garten, welcher jetzt dem Rauschner Wirth H. gehört, stand früher auf dem höchsten Berge das Haus des längst verstorbenen Wirths K. In diesem Hause ward es nachts oft so helle, als wenn Stellen des Fußbodens in Feuer ständen. Besonders glühte die Küche und der ganze Schornstein bis oben hin. Dabei lag dann immer ein Kalb.

Die K.'schen Eheleute und ihre Einwohnerin haben diese Erscheinung zwar bemerkt und oft erzählt, aber nie getrauten sie sich aus dem Bette aufzustehen und die Sache näher zu untersuchen.

71. Der schwarze Hund.

Bei Gr. Dirschkeim arbeitete sich einst nachts ein großer und schwerer Kasten, dass es prasselte, über die Erde. Ein schwarzer Hund legte sich dabei. Da der Hund schlief, so sprang ein Knecht, der den ganzen Spektakel mit angesehen hatte, flugs zu, öffnete sein Taschenmesser und steckte die Spitze desselben zwischen Kasten und Deckel. »Du sollst doch einmal sehen, was daraus werden wird!« dachte er bei sich und kroch auf einen nahestehenden Kruschkenbaum. Der Hund schlief noch immer ganz fest, aber als der erste Hahn krähte, stand er auf, rüttelte sich und lief unruhig und verwundert um den Kasten. Endlich ward er wild und flog auf, gerade über den Baum hin, wo der Knecht drauf saß, bewarf ihn ganz mit Läusen und rief: »Mn hast du Geld genug, nun hast du aber auch Läuse genug!« Der zwiefach gesegnete Knecht lief nach dem Amte, welches damals noch in Gr. Dirschkeim war, und zeigte den Vorfall dort an.

Hoch erfreut legten die Wirte ihre Pferde vor den Kasten. Indessen handelte der Knecht mit ihnen, welchen Anteil er an dem Schatze haben sollte. Er wollte die Hälfte haben, die Wirte wollten ihm aber gar nichts zukommen lassen. Lange stritten sie hin und her, bis der Knecht in Wut geriet, das Messer aus dem Kasten zog, und dieser so schnell versank, dass die Wirte Gott dankten, als sie wenigstens ihre Pferde gerettet sahen.

72. Die beiden Brüder.

Von zwei Brüdern war der eine reich, der andere arm. Der Arme träumte drei Nächte hintereinander: er solle unter einen bestimmten Busch gehen, und werde dort einen großen Schatz finden. Seine Frau redete ihm oft zu, dem guten Geiste zu folgen, er aber meinte immer:

»Was Gott mir einmal zugedacht,
Das wird mir auch ins Haus gebracht.«

Sein Bruder dagegen, welchem er die Träume mitgeteilt hatte, ward von Tage zu Tage aufmerksamer, und als sich der Traum zum dritten Male wiederholte, ging er an den bezeichneten Busch und fand – einen toten Hund. »Warte, » dachte er, »dir werde ich doch wieder einen Possen spielen!« denn anders konnte er's sich nicht erklären, als dass sein Bruder ihn zum Narren gehabt hätte. Er packte sich also den Balg auf und warf ihn durch das Fenster in seines Bruders Stube, dass die Rauten zersprangen. Dieser fuhr aus dem Bette auf und stehe da, es lag ein großer Sack Geld vor seinem Bette. Früh morgens trat der kleine Junge des Armen in die Wohnung des Reichen und bat um eine Metze, weil sein Vater etwas messen wolle. Der Reiche gab zwar das Maß, wunderte sich aber schon höchlich, dass sein Bruder etwas zu messen habe, und noch höher stieg sein Erstaunen und sein Ärger, als er in den Ecken der zurückerhaltenen Metze noch Geld entdeckte und hören musste, dass er selbst seinem Bruder den Geldsack durch das Fenster geworfen hatte. Er hängte sich auf und das schöne Gut, welches er hinterließ, siel ebenfalls an den schon überglücklichen, früher so armen Bruder.

73. Der Pflug.

Der Wirth P. aus Kl. Kuren hatte ein Stückchen Kartoffelacker auf einem zu Gr. Kuren gehörigen Felde gemietet. Seine beiden Jungen spielten dort. Sie nahmen einen Spaten, banden einen Strick an dessen Stiel, und während der eine sich vorspannte, führte der andere den Spaten, als ob er einen Pflug vor sich hielte. Kaum hatten sie einmal gezogen, als ein Topf mit Kohlen zum Vorschein kam, nur tote Kohlen, aber sie glänzten wie die schönsten Steinkohlen. Die Knaben ergötzte der Schimmer und Flimmer, und der ältere steckte ein paar davon in die Tasche, um sie seinem Vater zu zeigen. Als er sie aber später herausziehen wollte, fand er nicht mehr die Kohlen, sondern lauter Achtzehner-Stücke. Der Vater forschte sogleich nach dem Orte, wo die Knaben gespielt hatten, und grub nach, konnte aber nichts mehr entdecken.

74. Der Fluch.

Ein armer Handwerksgesell übernachtete in dem Stalle eines reichen Bauers. Des Nachts kam dieser mit einem großen Sacke Geld, verscharrte ihn nur ganz leicht in dem Erdboden, sprach aber den Fluch dabei aus: »Nur der soll's finden, der's mit zwei schwarzen Hähnen auspflügt.« Der Bauer starb bald, der Gesell warb um seine Tochter und da er ein schmucker Bursch war, bekam er sie zur Ehe. Gleich sing er an, sich einen kleinen Pflug zu schnitzen, und wenn ihn die Frau lachend fragte: was er damit wolle? so entgegnete er, dass er der Ackerwirtschaft noch unerfahren sei, und sich zuerst im Kleinen üben wolle. Als er aber den Pflug fertig hatte, schaffte er sich ein paar kohlschwarze Hähne an und pflügte das verwünschte Geld sehr leicht aus, obwohl er früher unendlich tief darnach gegraben und nichts gefunden hatte.

75. Die Rudauer Glocke.

1. In der Kirche zu Rudau ward eine neue Glocke aufgebracht und Anna Susanna getauft. Als sie aber eingeläutet werden sollte, sang sie:

Eher ich Anna Susanna soll heißen,
Lieber will ich mich im Mühlteich ersäufen!

und fuhr aus dem Turme in den nahen Teich. Obwohl Leute nach ihr fischten und sie schon ziemlich über Wasser hatten, entfiel sie ihnen wieder und versank noch tiefer als früher.

2. Als die Glocke in Neuendorf Anna Susanne getauft werden sollte, ertönte sie denselben Vers, indem sie nur statt des Mühlteichs den ihr näheren Pregel wählte.

76. Die Kirche in Heiligen Kreuz.

1. Die Kirche in Heiligen Kreuz liegt so hoch, dass man von dem Kirchhofe aus einen freien Blick über die ebene, freilich höchst wilde Umgegend hat. Der Blitz ersah sie schon oft zu seinem Ziele und verletzte sie noch vor Kurzem höchst bedeutend. Einmal aber hatte er sie in Grund und Boden geschlagen. Die Gemeinde hatte wenig Lust, die Kirche auf dem Unglücksplatze nochmals zu errichten, sondern wählte einen Hügel, welcher unweit H. Kreuz, auf dem Wege nach Katzkeim liegt und der Haberberg genannt wird. Wenn die Leute indessen Bauholz an einem Tage dorthin gefahren hatten, so fanden sie's am folgenden Morgen schon wieder in Kreuz.

Dies nahmen sie für einen göttlichen Wink, erbauten die Kirche wieder an der alten Stelle und hießen den Ort deshalb Heiligen Kreuz.

2. In einem chronikartigen Berichte, der unter den Akten der Kirche in Heiligen Kreuz aufbewahrt wird, und der aus dem Jahre 1734 stammt, kommt folgende Stelle über den Ursprung derselben vor:

»An vielfältigen Traditionen zwar fehlt es nicht, indem alte Leute erzählen, von ihren Voreltern gehört zu haben, dass die Kirche zuerst hätte sollen auf dem Barbadischen Felde (?) nicht weit von der See, andre sagen auf dem Berge gegen Biskubnicken erbauet werden, dahin denn auch schon das Holz wäre beigeführt worden. Allein sie hat nicht allda stehen wollen, sondern was die Zimmerleute des Tages aufgeführt und gebauet hätten, das wäre in der folgenden Nacht hieher gekommen, wo sie jetzo stehet. Und was einige von diesem Bauholz sagen, das sagen andere hinwiderum von einem kleinen lichten Kreuz, welches des Nachts hier an der rechten Stätte soll geleuchtet haben. Einige wollen auch etwas von einem Sigeierglöckchen auf gleiche Weise sagen.«

Von dem Sigeierglöckchen scheint dem Volke nichts mehr bekannt zu sein. Dagegen erfährt man die Sage, wie der Teufel das Bauholz von dem sogenannten Haferberge nach der jetzigen Stelle der Kirche getragen habe, leicht von Jedermann. Von dem Kreuze wurde in Palmnicken erzählt, es sei von dem Meere an das Land gespült und bis zu der Stelle, wo die nach demselben benannte Kirche steht, also einen Weg von beinahe einer Meile, gewandert.

77. Die Kirche von St. Lorenz.

Etwa 80 Schritte von dem Wege, welcher von St. Lorenz nach Kraam an Pokirben vorbeiführt, liegt der f. g. Schanzenberg. Er besteht aus einer Umwallung von 160 Schritten im Umkreise, welche einen kleinen tiefer liegenden Platz einschließt, ist jetzt mit kräftigen Eichen bestanden, soll aber früher eine Schwedenschanze gewesen sein.

Hier hat die Kirche von St. Lorenz erbaut werden sollen, aber der Teufel hat die Bausteine nachts ausgehoben und stets nach dem eine Viertelmeile abliegenden Lorenz geworfen. Da der Böse auf diese Weise den Fortgang des Baues durchaus hinderte, so hat man ihm nicht allein sein Recht gelassen, sondern auch seiner Weisung gemäß die Kirche in St. Lorenz errichtet.

Andere erzählen diese Sage ganz so, wie die vorstehende von der Kreuzer Kirche, ohne des Bösen zu gedenken; so viel aber ist gewiss, dass er den Schanzenberg besitzt und vie ganze Pokirber Gegend durch Spuk belästigt.

78. Der Gardwinger Grund.

1. Zur Zeit als der Teufel noch auf Erden wandelte, lebte eine eitle Dirne in Gardwingen bei Pobethen. Nur denjenigen wollte sie heiraten, der ihr ein rotes Mieder zum Brautgeschenke verehren würde. Bald erschien auch ein stolzer Freier, übergab ihr das verlangte Geschenk und empfing ihr Ja. Der Herr Bräutigam gab schon vor der Hochzeit die tollsten Streiche an, aber erst, als er den Reigen am Festtage anführte, sahen die Musikanten, dass er einen Ochsenfuß (oder Pferdefuß) hatte, und fielen schnell mit dem schönen Liede ein: Gott Vater sende deinen Geist u. s. w. Dem Teufel behagte das Lied nicht, er verließ die Braut, kroch in die Ofenröhre, warf Kluten über Kluten hinaus und blies so gewaltig, dass die ganze Hochzeitsgesellschaft abzog. Das frohe Haus ward bald leer, nur die Familie blieb zurück und das neue Familienglied – der Teufel, in der Röhre. Von dort her belästigte er die armen Leute entsetzlich. Sie konnten keinen Bissen genießen, den er nicht vorher beworfen hatte. Da half kein Beten, kein Bannen, denn alle Pfarrer der Umgegend konnten ihm nichts anhaben, weil sie selbst Schurkenstreiche begangen hatten. Nun war damals ein sehr frommer und ehrwürdiger Greis Pfarrer in Pobethen oder Cumehnen, Bettsademit Namen, und nach ihm wurde endlich auch geschickt. Als der Böse den Wagen desselben auf den Hof rollen hörte, frohlockte er in seiner Röhre und rief: »Hoho da kommt der alte Bettfade, den werde ich auch noch kriegen!« Kaum dass der Pfarrer die Stube betrat, schrie er ihm auch schon entgegen: »Was willst Du? Du hast ja schon als Kind gestohlen! Nahmst Du nicht die Semmel aus der Brodbude?« Der alte Pfarrer aber machte ein gar ernstes Gesicht und entgegnete: »Als ich ein Kind war, tat ich wie ein Kind, als ich aber ein Mann ward, legte ich die Kindheit ab, und der liebe Gott hat mir die Jugendsünden längst vergeben.« Da hub er an sich mit dem Teufel zu streiten. Zwar warf ihm dieser noch vor, dass er einst eine Garbe von fremdem Felde im Vorübergehen abgestreift habe, der Pfarrer ließ aber nicht ab. Da der Teufel sich in der Röhre nicht länger halten konnte, bat er den Pfarrherrn gar demütig, dass er ihm erlauben möge, in eine tote Sau zu fahren, welche an dem und dem Erlenbusch läge. Der Pfarrer wollte sich aber erst überzeugen, ob er dem Satan diesen Wunsch erfüllen könnte, und nötigte ihn mitzukommen. Unter dem bestimmten Erlenbusch fand er statt der toten Sau einen für tot angetrunkenen Mann liegen. Der Pfarrer erschrak ob der Arglist des Bösen, hieß ihn auf feinen Wagen steigen und fuhr mit ihm ab. Er fuhr in den Gardwinger Grund und bannte den Bösen hinein.

Dort spukt es auch noch, denn obwohl der Bruch sprindig, verwachsen und überhaupt ganz unwegsam ist, fahren dort oft stattliche Chaisen in gestreckter Karriere, in Saus und Braus hin und her.

2. Der Knecht G. aus Pobethen erklärte diese Sage, als sie ihm mitgeteilt wurde, zwar an sich für völlig wahr, erschrak aber vor ihrer Entstellung, indem sich die Sache also verhielte:

Der Wirt K. übernahm nach dem Tone seiner Eltern ihr Bauergut in Gardwingen, und wollte, wie das zur vollständigen Einrichtung der Wirtschaft gehört, natürlich nun auch heiraten. Bei seiner Hochzeit sollte seine Schwester Brautjungfer sein, diese wollte sich aber nicht anders dazu verstehen, als wenn sie in einem roten Kleide auftreten könnte. Ihr Bruder bat sie vor und nach Gott davon abzustehen, weil er kein Geld habe, ja weil er gar nicht die Kosten der Hochzeit überleben könne, wenn er ihr ein solches Kleid schaffen sollte. Doch half kein Bitten, kein Flehen, sie tribulierte ihn jämmerlich. Da, nachts als sie in den Federn lag, klopfte Jemand an ihr Kammerfenster; sie öffnete, ihr Liebster stand davor. Die Züge ihres Bräutigams hatte aber der Teufel angenommen, überreichte ihr in hocheigner Person ein rotes herrliches Kleid und sprach: »Da hast du, schmücke dich!« Die Brautjungfer war höchst erfreut, und trat stolz im herrlichen Ornate nach beendeter Trauung die Polonaise an, welche auf jeder Landhochzeit unter Jauchzen und Klatschen begangen wird. Niemand merkte etwas unrechtes, bis die Musikanten entdeckten, dass der Teufel einen Zipfel des roten Kleides erfasst hatte, immer hinter der Brautjungfer einhersprang, und sich lustig machte. Allen anderen war er unsichtbar, aber die Spielleute erkannten ihn ganz sicher daran, dass er einen Ochsen- und einen Pferdefuß hatte. Sie begangen daher das herrliche Lied: »Gott und Vater wohn' uns bei!« Der Teufel wich nicht und wenn er auch sonst nichts hatte, woran er sich halten konnte, so klammerte er sich desto fester an das rote Kleid. Die armen Hausbewohner konnten sich vor ihm gar nicht retten. Sollte angespannt werden, so fehlte der Wagen und stand auf dem Schoppen; sollte das Vieh ausgetrieben werden, so fand es sich endlich im Mittelfach der Scheune und alles Essen lag voll Schweinekot. Kein Pfarrer konnte ihn bannen, bis endlich einer über ihn Macht bekam und ihm so zusetzte dass er sich zu weichen erbot, wenn man ihn mit vier Pferden ohne Köpfe in den Gardwinger Grund fahren wollte. Da Menschenmacht ihm solch ein Fuhrwerk nicht gestellten konnte, so besorgte er es sich endlich selbst und fuhr von hinnen. In dem Grunde stieg er auf einen Stein ab, der die Spur des Ochsenfußes und der Hahnenkralle, wie der Teufel auftrat, deutlich in sich aufnahm.

79. Der Teufel im Gausup.

Der frühere Pfarrer aus St. Lorenz fuhr nach Warnicken. Als er dem Gausup vorbei kam, hörte er ein eigentümliches Sausen und dabei ein Geschrei, als ob jemand in Kindesnöten liege. Der Pfarrer war ein unerschrockener Mann, er ließ den Kutscher halten, stieg ab und ging in den Grund. Da sah er den Bösen wie rasend immer um einen Erlenbusch laufen und jämmerlich zetern. Er fragte ihn sogleich, was ihm fehle, und weil der Böse antworten musste, sagte er: die Schänkerin aus Alexwangen (Alexwangen war damals noch ein Krug) werde heute ihr neugebornes Kind in den Ofen schieben und für das müsse er so schreien. Der Pfarrer hatte daran schon genug, warf sich, ohne ihm zu antworten, in den Wagen und jagte nach Alexwangen zurück, dass die Pferde dampften. Als er in die Krugstube trat, tanzte die Schänkerin noch tüchtig mit, und er dachte schon, dass ihm der Böse dummes Zeug vorgekoset habe, Zur Sicherheit ließ er sich aber noch den Krüger kommen, sprach mit ihm ganz ernstlich über die Sache und hieß ihn, auf die Schänkerin ein wachsames Auge zu haben. Dieser rief ein paar handfeste Kerle und kaum hatte er sie angestellt, als die Schänkerin in die Küche trat, gebar, das Kind auf eine Kohlenschaufel legte und es guter Dinge in den Ofen schieben wollte, der schon in voller Glut stand. Die Wächter aber hielten sie davon ab.

Wäre das Kind von seiner schändlichen Mutter wirklich verbrannt worden, so hätte es der Böse gehabt.

80. Der Teufel lässt sich tragen.

Leute aus dem Gute Trutenau gingen nach Königsberg durch den Wald und bemerkten unter einem Busche ein Schwein liegen, dessen Beine zusammengebunden waren. Sie steckten ihm eine Stange durch die Beine und trugen es der Stadt zu. Aber während des Gehens ward das Schwein immer schwerer und schwerer. Plötzlich lösten sich die Bande, das Schwein fiel zur – – Erde und statt seiner stand der Teufel vor ihnen und warnte sie, künftig etwas anzufassen, was ihnen nicht gehöre.

So ließ sich der Teufel auch einmal als Katze finden und nach der Stadt tragen. Als die Katze immer größer und größer wurde, endlich wie ein großes Kalb, überfiel die Träger gewaltige Angst. Zuletzt wurde gar der Teufel selbst daraus. Er ließ sie aber ungeschoren und verschwand.

81. Teufelssteine.

Dass der Teufel am ganzen Körper glüht und seine Glieder den härtesten Stein erweichen und sich darin abprägen, ist bekannt. Auch im Samlande gibt es viele solcher Steine, welche ihn empfunden haben.

1. An der Abschrägung des Pilberges bei Kraam lag früher ein merkwürdiger Stein, der aber jetzt in die Hölle gefallen und dort im Moraste versunken ist. Er stellte einen Tisch dar. An jeder Seite saß gleichsam ein Kind mit Karten in der Hand, und besonders waren die am Tische anliegenden Arme noch wohl zu erkennen, obgleich der Stein oben schon glatt geworden war. Auf ihm lag ein unberührtes Kartenspiel und waren auch Löcher auf beiden Seiten, in welchen das Geld gelegen haben mag. Es geht das Gerede, dass der Teufel hier mit Kindern dortiger Gegend während der Predigt Karten gespielt hat. Die Kirchgänger haben die Kinder verwünscht, doch der Teufel ist gut davon gekommen.

2. Wenn man von Lapehnen nach Wangkrug kommend vor dem ersten Häuschen rechts in die Trift biegt, so soll an dem Graben links ein Stein liegen, auf welchem der Teufel einmal gestanden und seine Zehen abgedrückt hat, dass die Höhlungen noch erkennbar sind.

3. Bei der Weide, welche die Dorfschaft Kirtigehnen im Warnicker Forst hat, findet man hart am Wege einen Stein, der an einer Seite ausgehöhlt ist, und auf dem der Teufel einmal gesessen haben soll.

4. Viele dergleichen Steine sollen sich auch auf der Palwe von Schlakalken finden, auf denen der Teufel bald gesessen, bald gestanden hat.

5. Jenseits Tenkieten hatte der Vater der verwitweten Schulz L. aus Rauschen eine Wiese. Auf ihr lag ein Stein, an dem der Teufel Karten gespielt hat. Eine Stiefelspur und eine Spur vom Ochsenfuße sind noch ganz deutlich darauf zu erkennen gewesen. Während der Teufel aber stand und spielte, zog ein kleines Gewitter auf. »Hoho«, rief er, »nun ist's Zeit, dass ich mich fortpacke, denn da kommt der mit der blauen Peitsche!« Der Stein war sehr hoch, und der Teufel ließ sich rückwärts zu sitzen herunter, wobei sich sein Sitzstück unterschiedlich in den Stein abdrückte. Da fuhr ein furchtbarer Gewitterschlag auf den Stein zu, und die Hirtenjungen haben erzählt, es sei gewesen, als wenn etwas zerschlagen worden, auch hätten sie noch andern Tags schwarze Flecken an der bezeichneten Stelle gefunden, wie wenn ein Fass Teer umgegossen worden.

Jetzt sollen die Zeichen auf dem Steine bis auf die Stiefel- und Ochsenfußspur schon verwachsen sein.

82. Der heilige Sonntag.

Ebenso finden sich viele Steine, in welche Menschen verwandelt sind, die den heiligen Sonntag mit Werktagsarbeit zu beflecken wagten.

1. Auf einem zu Woidieten gehörigen Felde lag ein Stein in der Gestalt einer gebückten Frau, die an der Seite ein Bund Schlüssel und um den Leib Flachs gewickelt hatte. Man erzählt: Als alle übrigen Hausgenossen zur Kirche eilten, blieb sie allein zurück, hängte sich das Schlüsselbund an und wickelte Flachs um den Leib, ihn auszuspreiten. Als sie sich aber zur Arbeit bückte, verwünschten sie die Kirchengänger, indem sie sprachen: »So gekrümmt magst du zum Steine werden!« Der Fluch ward erfüllt.

Jetzt ist der Stein zersprengt worden.

2. Bei Kobjeiten nach Polennen zu lag ein zweiter Stein derselben Art. Dort ging nämlich eine Schänkerin Sonntags Flachs ziehen. Auf dem Wege begegnete ihr eine alte Kirchengängerin und fragte sie, ob sie nicht auch zur Kirche kommen werde. Die Schänkerin antwortete, dass nachmittags Kruggäste kämen und sie also den Flachs notwendig am Vormittage ziehen müsse. »Ei dass du zum Steine würdest!« fluchte die alte Frau, ging zur Kirche, und als sie nach geschlossener Andacht zurückkehrte, stand die Schänkerin schon versteinert.

Diesen Stein haben noch lebende Leute oft gesehen, er ist zwar schon sehr glatt geworden, aber die gebückte Menschengestalt und an ihr der Flachs ist doch noch wohl zu erkennen gewesen.

83. Die Bierhexen.

1. In einer Brauerei in Königsberg schlug jedes Gebräude um. Der Mälzenbräuer ärgerlich, dachte, es läge am Brauknecht und jagte ihn fort. Es lag aber an einer Katze, die sich, wenn das Gebräude fast vollendet war, auf den Rand des Braukübels setzte und, indem sie tat, als ob sie hineinfallen wollte, rief: »Holle, bolle, bool gefalle!« Diese Worte pflegte sie einige Male zu wiederholen und verschwand dann, ohne dass Jemand enträtseln konnte, woher sie gekommen oder wo sie geblieben; das Bier aber war dann regelmäßig umgeschlagen.

Bald meldete sich ein kluger Brauknecht, der wohl merkte, wie es um die Sache stand, zu dem vakanten Dienste, und versicherte den Brauherrn, dass er ein Sonntagskind sei und den Spuk wohl austreiben wolle. Er sing also mutig sein Werk an, und als die Katze wieder auf den Kübel sprang, und ihren Spruch »Holle, bolle« anfing, ließ er sie gar nicht ausreden, sondern goss ihr gleich einen Schoppen kochendes Bier über den Hals, dass sie verbrüht und jammernd davonschlich.

Das Gebräude war herrlich geraten, aber andern Tags lief das Gerücht durch das ganze Haus, dass die Frau sehr krank sei. Was ihr fehlte, wusste man nicht, denn sie wollte es Niemandem sagen; aber der kluge Brauknecht riet dem Herrn, doch nachzusehen, ob sie nicht verbrüht sei, und entdeckte ihm, als sich dies bestätigte, den schändlichen Unfug. Der Herr zeigte die Sache dem Gerichte an, die Frau ward der Hexerei überführt und verbrannt.

2. In Königsberg führt von der Tuchmacherstraße nach der löbenichtschen Bergstraße hinauf ein schmaler steiler Gang, der den Namen Katzensteig trägt, und man möchte den Grund dieses Namens leicht darin finden, dass wirklich – besonders im Winter–die Turnkunst einer Katze dazu gehört, um ihn zu Yassiren. Der Grund liegt aber tiefer.

In der Oberbergstraße wohnte nämlich eine Frau, welche die Brauerei betrieb und nebenbei – die Hexerei. Sie und ein anderes Weib verwandelten sich alle Nacht in Katzen, gingen mit einem Braukessel den Katzensteig hinunter nach dem Pregel, und gondelten dann in dem Kessel auf dem Wasser herum. Die Wache, welche früher an der Holzbrücke stand, sah dieses sonderbare Schauspiel oft an, und von ihr erfuhr es der Brauknecht der Hexe. Dieser versteckte sich in der Brauerei und sah wirklich, wie die beiden Katzen mit seinem Braukessel abgingen und nach dem Pregel wanderten. Nun erzählte er's diesem und jenem, und das Gerede kam endlich auch zu Ohren der Frau, die darüber sehr böse auf den Brauknecht ward und sich an ihm zu rächen beschloss. Eines Tags nun, als der Knecht gerade am Braukessel steht, kommt eine große Katze, umwindet ihn schmeichelnd, versucht ihn aber dabei in den Kessel zu werfen. Ihm wird ganz bange zu Muth, indes hat er doch noch so viel Fassung, dass er das heilige Kreuz schlägt, die Katze sodann mit beiden Händen ergreift und sie in das siedende Gebräude stürzt. Andern Tags fand man die Brauerin im Kessel liegen, schon ganz verkocht.

84. Müllerinnen als Hexen.

Wie die Brauerinnen, so gaben sich auch die Müllerinnen viel mit dem Hexen ab. Auf einer Mühle bei Königsberg trieben mehrere Hexen in der Gestalt von Katzen ihr Wesen und tobten und lärmten derart, dass die Mühlenknechte in der Nacht nicht zu arbeiten wagten. Endlich beschloss ein beherzter Gesell, diesem Treiben ein Ende zu machen. Als nachts die Katzen wieder erschienen und ihr höllisches Gepolter begannen, ergriff er eine Art und schleuderte sie nach ihnen hin. Er traf so gut, dass einer Katze ein Teil des Vorderfußes abgeschnitten wurde, worauf alle klagend davon liefen. Am andern Morgen fand man statt der Katzenpfote eine Frauenhand mit einem Trauringe und bemerkte, dass die Müllerin das Bett hütete. Diese war nämlich die Katze gewesen und hatte durch den Wurf des Knechts ihre Hand verloren.

Auch unter den Hexen, die den Blomberg besuchten, waren viele Müllerinnen. Eine von ihnen, Namens Romahn, kam fast bei jeder Versammlung zu spät, alsdann die andern zu sagen pflegten: »Nanu sönn wie alle tohoop, man de Meller'-Romahnsche fehlt noch.«

85. Der Werwolf.

1. Gewisse Leute können sich zu bestimmten Zeiten in Wölfe verwandeln und heißen deshalb Werwölfe. Auch in menschlicher Gestalt sind sie daran sehr leicht kenntlich, dass sie gerade zwischen den Schulterblättern ein Wolfszagelchen haben. Verwandeln sie sich, so muss es ihnen doch wohl den Rückgrat hinabgleiten, denn sie sehen alsdann leibhaftig wie Wölfe aus. Ein solcher Werwolf war der W., welcher früher in Rauschen wohnte, dann aber nach Norkitten zog. Die Bauern aus Gr. Kuren sahen mit eigenen Augen, wie er aus dem Gebüsch auf ihre Herde stürzte, einem Schafe nach dem andern in die Kehle biss, alle tötete und zuletzt noch fünf Stück auf dem Buckel fortschleppte.

2. Der Jäger D. aus Warnicken traf im dortigen Forste auf einer Kreuzstätte einst Tag für Tag einen Wolf sitzen, der stets nach ihm die Zähne fletschte. Er legte oft auf ihn an, aber stets versagte das Gewehr. »Bleibe nur ruhig sitzen«, dachte er, »ich will mir eine Kreuzkugel gießen!« Eine solche Kreuzkugel goss er sich auch wirklich, denn er verstand sein Handwerk gut, und ging auf die Stellstätte; der zähnefletschende Wolf saß schon wieder da. Nun rief er den Hirten K. hinzu, legte an, drückte los, paffs, da lag er mausetot, d. h. nicht der Wolf, sondern der alte Schulz H. aus Woidieten. Der Jäger ward arretiert, aber er und der Hirte K. beschworen, dass auf einen Wolf gefeuert sei. Da es nun bekannt war, dass der alte Schulz wirklich ein Werwolf war, und man auch bei Besichtigung seiner Leiche das Zagelchen zwischen den Schultern fand, kam der Jäger wieder los.

3. Ein Bauer ging einst seinen Nachbar besuchen und bemerkte einen äußerst schönen Leibriemen an der Wand hängen. Er nahm ihn herab und passte ihn um. »Ei Gevatter«, sagte der Nachbar, »nehmt euch in Acht, dass ihr nicht in das neunte Loch schnallt, sonst werdet ihr zum Werwolf.« »Ei Gevatter, » entgegnete der Gast, »das muss ich doch probieren, » und somit hatte er auch schon das neunte Loch getroffen und fuhr als Werwolf zum Fenster hinaus. Erst spät kehrte er zurück, da es ihm denn doch gelungen sein muss, den Gurt zu öffnen.

4. Ein Bauer kam mit seiner Frau von der Feldarbeit zu Mittag nach Hause, und nach dem Mittagessen machte sie sich zuerst wieder auf den Weg zur Arbeit. Der Mann war aber ein Werwolf. Kaum hatte seine Frau das Zimmer verlassen, so nahm er seine Wolfsgestalt an, lief ihr nach und zerriss sie unterwegs. Dann ging er, nachdem er wieder die Menschengestalt angenommen hatte, zur Arbeit, als ob nichts vorgefallen wäre. Bald kamen andere Leute aus dem Dorfe auf das Feld, welche unterwegs den zerrissenen Leichnam der Frau gefunden hatten, und teilten ihm das traurige Ereignis mit. Diese erkannten jedoch sogleich, dass er selbst der Mörder seiner Frau war. Seine Frau hatte nämlich einen roten wollenen Rock angehabt. Als er sie zerriss, waren ihm zwischen den Zähnen Fetzen des Zeuges stecken geblieben, welche jetzt von den Leuten bemerkt wurden. Da er auf diese Weise als Werwolf überführt war, so fackelte man nicht lange mit ihm, sondern schlug ihn ohne Umstände tot, zumal er schon lange Zeit hindurch als Werwolf großen Schaden angerichtet hatte, ohne dass man ihm hatte auf die Spur kommen können.

5. Eine Bauersfrau, die mit ihrem Manne in kinderloser Ehe lebte, kam eines Tages aus der Stadt nach Hause zurück und fand unterwegs ein ganz junges Knäbchen auf der Straße liegen. Sie nahm es mit sich und mit Bewilligung ihres Mannes zog sie es auf. Als der Knabe größer geworden war, ließ sich oft ein Wolf sehen, der um das Haus herumlief, an den verschlossenen Fenstern schnüffelte und durch die Fenster in das Haus zu dringen versuchte. Die Bauersfrau schloss natürlich vor einem solchen ungebetenen Gaste sorgfältig alle Toren und »Fenstern des Hauses zu. Merkwürdig war es, dass ihr Pflegesohn immer nicht zu Hause war, wenn der Wolf erschien, und sie hatte sich schon oft darüber geängstigt; doch hegte sie keinen Argwohn. Eines Mittags jedoch, als man gerade bei Tische saß, verwandelte sich ihr Pflegesohn plötzlich in einen Wolf und zerriss sie. Den Andern, welche jetzt erkannten, dass er ein Werwolf war, gelang es, ihn zu töten.

86. Das Wolfbannen.

In früheren Zeiten verstand man, den Wolf einem aufzubanuen, so dass sich der Unglückliche mit seinen Schafen gar nicht retten und wehren konnte. Geschickte Hirten verstanden aber auch, den Wolf zu zwingen, dass er seine Beute selbst wieder abtragen musste. So sah Jemand, wie der Wolf in eine Herde aus Warnicken stürzte und ein Schaaf fortschleppte. »Seht seht, da läuft der Wolf mit eurem Schaf!« rief der Schauer dem Hirten zu; der aber entgegnete ganz ruhig: »Er wird es schon wiederbringen«, und richtig, des anderen Tages kam der Wolf mit dem Schaf im Maule ganz beschämt angestiegen und gab es unbeschädigt zur Herde ab.

87. Der stille See.

Hart an dem Wege, der von Medenau nach Kragau führt, liegt ein mooriges Gewässer, der stille See genannt. Dunkle Tannen umschatten den einsamen Ort, Vögel und Heeren fliehen ihn und wer in der Geisterstunde vorüber muss, fördert seine Schritte, denn es ist hier nicht geheuer.

Vormals war's anders, als noch die Herberge dort stand; mancher Reisende verweilte in behaglicher Ruhe. Aber es waltete dort eine Krügerin, die mit doppelter Kreide zu schreiben pflegte und dadurch manchen bösen Fluch auf sich zog. So forderte sie auch von einem Schlächter, welcher bei ihr eingekehrt war, eine hohe Zeche. Kein Weigern half ihm; er musste zahlen und ging unter schweren Verwünschungen davon. Erst in Kragau merkte er, dass er seine Handschuhe vergessen habe. Er kehrte sogleich um, aber das ganze Haus war spurlos verschwunden, und dunkles Gewässer flutete an seiner Statt.

Seitdem haust dort die wilde Jagd. Die Schulmeistern in Kragau hat ihr schauriges Getöse oft vernommen, ja sogar die schwarzen Hunde gesehen, welche den flüchtigen Hirschen an ihrem Fenster vorüber nachstürmten.

88. Die Heringe.

In früheren Zeiten kamen die Heringe durch das frische Haff bis in den Pregel nach Königsberg, und gewährten den armen Leuten eine wohlfeile Kost. Einst gab es hier aber auf dem f. g. Lizent einen Soldaten, dem nichts unangenehmer war, als dass er alle Tage Heringe essen sollte. In seiner Wut nahm er einen derselben, hängte ihn auf und schlug auf ihn zu, indem er fluchte: »Ihr infamen Racker, so muss ich euch denn immer fressen!« Seitdem kommen die Heringe nicht mehr her, sondern lassen sich mit Kosten verschreiben.

89. Der Borstenstein bei Neukuren.

Vor grauen Jahren trat ein Bauersohn aus Neukuren bei dem dortigen Schneidermeister in die Lehre und gewann nicht allem dessen Handwerk, sondern auch dessen Tochter lieb. Als er nun auf die Wanderschaft ziehen musste, begleitete ihn das Mädchen noch durch das anmutige Tal, welches von Neukuren nach Tikrehnen führt, bis zu einem ungeheuren Granitblocke. Hier nahmen sie Abschied und schwuren einander Treue, so wahr der Stein nie spalten werde. Nach vollendeten Wanderjahren kam der junge Schneider wieder heim und sein Liebchen, dem er seine Rückkehr gemeldet hatte, empfing ihn an demselben Steine. Er hob die Hand gen Himmel und beschwor seine ungebrochene Treue; als sie aber die Hand zum Schwure erhob, fuhr ein furchtbarer Blitz herab und zerspaltete den festen Granitblock von oben bis unten. Denn sie hatte die gelobte Treue, wie der Schneider auch später erfuhr, nicht gehalten und er nahm daher ein anderes Mädchen zur Frau.

Der geborstene Stein ist noch jetzt zu sehen, und ein beliebter Wallfahrtspunkt der Badegäste.

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