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Sagen des Preußischen Samlandes

Rudolf Friedrich Reusch: Sagen des Preußischen Samlandes - Kapitel 5
Quellenangabe
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typelegend
authorRudolf F. Reusch
titleSagen des Preußischen Samlandes
publisherVerlag der Hartung'schen Buchdruckerei
series
volume
printrun
editor
year1863
firstpub1863
correctorreuters@abc.de
sendergebler.dresden@yahoo.de
created20100809
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III. Seelen, Tod und Gespenster.

38. Geister streiten sich.

Zu dem Wirt M. aus Woiditten kam ein Bettler, um eine Gabe zu erflehen, konnte aber nicht an das Haus, weil sich auf dem da vorliegenden Steinpflaster gerade zwei Geister, ein schwarzer und ein weißer (dieser soll der gute jener der böse gewesen sein), prügelten und stießen. Der Kampf währte lange, aber endlich besiegte der schwarze Geist den weißen und ging triumphierend über das Steinpflaster. Der Bettler erzählte sein Gesicht den Hausbewohnern und warnte sie, sich wohl in Acht zu nehmen, da ihnen ein großes Unglück bevorstehe. Sie lachten aber den alten Mann mit seinem gutgemeinten Rate aus. Am dritten Tage darnach ging M. mit einem Bekannten auf die Lerchenjagd. Sie schossen lange und viel, bis der Gewehrlauf des M., welchen er überladen hatte, platzte und ihn tötete.

39. Ein Geist macht schiefe Mäuler.

Der Wirth Sch. hatte einst mit andern Leuten Holz geschlagen und ging in ihrer Gesellschaft nach Hause. Während die andern ruhig auf dem Wege fortmarschierten, machte er auf einmal einen großen Bogen, und kam erst spät in den Weg zurück. Hier erzählte er, dass auf der und der Treppe ein Geist gesessen habe, dieser habe die übrigen ruhig ziehen lassen, ihm aber schiefe Mäuler geschnitten, und das habe einen nahen Tod zu bedeuten. Alle lachten über ihn, aber am andern Tage ist wirklich ein naher Bekannter gestorben.

40. Ein Geist kneipt.

Die längst verstorbene Frau W., deren Nachkommen noch in der Umgegend von Rauschen leben, lag mit einem kranken Kinde im Bette, den Kopf nach der Türe gerichtet. Nachts kam ein Gespenst und schnitt, wie sie über Kopf sah, schiefe Gesichter. Sie blieb aber ganz still. Die folgende Nacht kam es wieder und tat dasselbe. Die dritte Nacht aber fasste es sie beim Kopfe und schnürte ihr die Gurgel zu, indem es ihre schwarze Mütze, die unter dem Kinne zugebunden war, so lange anzog, bis das Band riss. Nun ging es an das Fußende und kneipte sie entsetzlich in die großen Zehen. Die Frau betete, was sie nur wusste und konnte, als aber der Geist nicht davon nachließ und ihr die Zehen fast ausdrehte, sprang sie auf und rief: »Gott schlag', hilft denn kein Beten mehr? – Wo ist die krumme Krücke!« Der Geist wandte sich, ging hinaus und kam nicht mehr wieder.

41. Der Tod ist vor der Tür.

Die Frau M. aus Rauschen, welche alte Leute noch gekannt haben, hat oft von Geistern erzählt. Sie hat ihren Tod so gut vorher gewusst, dass sie in jenem Jahre nicht mehr Kartoffeln pflanzte, sondern den Nachbarn sagte, dass sie die Reife der Kartoffeln nicht mehr erleben werde, sich aber auf ein Gericht Kohl zu ihnen zu Gaste bat. Zwischen der Kohl- und Kartoffelernte desselben Jahres ist sie auch wirklich gestorben.

Diese Frau ging einmal durch das Dorf und erzählte, dass der Tod schon lange unter einem Holzhaufen vor der Tür des Wirths B. säße, und nur warte, dass jemand die Tür öffne, um hineinzukommen. Die Leute wussten nicht einmal, dass dort ein Kind krank war, des andern Morgens aber, als die Tür geöffnet wurde, starb es.

42. Die wilde Jagd.

Durch den Hohlweg von Butzkeberg (Nr. 8.) und ebenfalls um die Nachtzeit ging einst der Vater und der Großvater des noch lebenden Einwohners B. in Pobethen. Kaum trauten sie ihren Blicken, eine solche Menge Jäger hielt auf dem Butzkeberg, mit gespannten Hähnen, mit gekoppelten Hunden, mit allem Heile. Damals war noch eine Königl. Försterei in jener Gegend, und, obwohl den Bauern die Sache schon unheimlich vorkam, dachten sie doch, dass etwa ein Treibjagen im Werke sei, und blieben neugierig stehen. Nach einer Weile sprengten sie Jäger los, hinunter den Butzkeberg, Karriere nach dem Hohlwege. Hui! setzten Mann und Ross und Hund mit einem Sprunge nach einander über den Hohlweg, als wär's ein Graben zum Spaß. Der Bauer nahm seinen Sohn, ließ erst ruhig die Hetze über sich setzen und setzte dann selbst aus, so lang seine Beine waren.

Auch von Tenkitten, einem Stranddorfe unweit Fischhausen, bei welchem das St. Adalberts-Kreuz errichtet ist, und von Kragau soll der wilde Jäger ausziehen.

43. Oeck schmiet!

Leute aus dem Städtchen Fisch hausen fuhren einmal von Königsberg über Haff nach Hause. Als sie um den Peiser Haken (Vorsprung des Ufers) segelten, schrie eine drohende Stimme von oben her, ohne dass sie den Schreier sehen konnten: »Oeck schmiet!« (ich schmeiße, werfe), und zum andern Mal: »Oeck schmiet!« und zum dritten Mal: »Oeck schmiet!« – Ei so schmeiß einmal in Teufels Namen! antwortete ein Bootsmann. Pratz! fiel ein altes totes Pferd aufs Verdeck. Die Schiffsleute machten sich sogleich alle darüber her, zerrten, treckten und rollten es über Bord. Als sie nach Hause kamen, fanden sie überall, wo sich Haar oder Haut von dem Balge abgestreift hatten, Goldstücke. Sie hatten sich die Stelle, wo sie ihn ins Haff geworfen, wohl gemerkt, fuhren zurück und fischten, wo sie konnten und wussten, fanden aber nichts mehr.

44. Die Geister vom Schanzenberge.

Nachts reitet der Böse wie auf dem Pilberge, so auch auf dem Schanzenberge auf einem Pferde ohne Kopf immer rund herum und erschreckt die armen Hirtenjungen. Noch etwa vor zehn Jahren hat er sogar Bauerschlitten, welche an dem Berge vorbeifuhren, mitten auf der ebenen Landstraße ohne weiteres umgekehrt.

In dem Pokirber Walde, der sich an den Schanzenberg anschließt, arbeiten nachts viele Holzschläger und Brettschneider. Sie hauen und sägen ohne Unterlass, doch niemand weiß, woher sie kommen oder wohin sie gehen, oder für wen sie werkstellen.

Am Pokirber Walde liegen große griese (schmutzig gelbgraue) Hunde. Der Einwohner R. aus St. Lorenz, der noch leben mag, ging einmal nach Kraam und kam schon im Zwielicht dem Pokirber Felde vorbei. Da lag quer über den Weg hin ein großer grieser Hund, der den Kopf aufhob und ihn anglotzte. Seine Augen sollen dabei wie ein Paar Laternen gefunkelt haben, der R. ist jedoch mit einem Umwege glücklich vorbeigekommen.

So sehr auf diese oder ähnliche Art vorübergehende Leute geneckt wurden, hatte es doch niemand schlimmer als der frühere Besitzer von Pokirben selbst. Dieser pflegte nämlich, wenn er sonntags in Lorenz zur Kirche gewesen war, noch eine Weile im dortigen Kruge zu trinken und zu kosen, bis er um Schimmerlicht nach Hause wankte. Da sprang einmal, wo das Pokirber Feld anhebt, ein zottiger Ziegenbock auf und verfolgte ihn bis nach dem Hofe von Pokirben. Er zeterte und meckerte dabei ganz erbärmlich und ununterbrochen.

Am Hofe kehrte er um und flog im Saus zurück, als wenn der Sturm die dicken Wolken vor sich herbraust.

Ein ander Mal kamen von den Hunden, die am Pokirber Wege liegen, zwei auf ihn los, ein schwarzer und ein weißer, und begleiteten ihn, der eine zur Rechten, der andere zur Linken wieder nach Hause. Er setzte sich ins Zeug und lief was er konnte, aber seine Gefährten ließen ihn nicht, und während der schwarze grimmig auf ihn eindrang und ihn überall zu beißen suchte, machte der weiße so, als wenn er es abwehren wollte. Der arme Gutsbesitzer kam durch und durch nass von Angstschweiß in Pokirben an und ging seitdem nie mehr in den Lorenzer Krug – ohne sich einen Knecht mitzunehmen.

45. Der griese Hund.

Eine Frau aus dem Stranddorfe Lapehnen ging von Kobjeiten abends nach Hause. Wo sich der Weg nach Sassau und Lapehnen trennt, sah sie querüber einen großen griesen Hund liegen. Sie wollte ihm rechts vorbei, aber der Hund reichte noch ein großes Stück in das anliegende Kornfeld hinein, sie wollte links, da lag aber der Hund noch viel tiefer im Getreide. Voller Angst lief sie querfeldein und kam unversehrt nach Hause.

46. Der Bernsteinvogt.

In der frühesten Zeit war es jedem frei gewesen, den von der See auf den Strand geworfenen Bernstein aufzusammeln; als aber die Brüder des Ordens das Land in Besitz nahmen, erkannten sie, wie großen Nutzen sie daraus ziehen möchten, wenn sie sich solchen vorbehielten, und Br. Anselmus von Losenberg, der Vogt auf Samland, ließ ein Gebot ergehen, dass jeder, welcher unbefugt Bernstein sammle, mit der Strafe des Stranges belegt werden solle. Die Preußen aber, von denen viele ihren Unterhalt hieraus gezogen, insonderheit die Fischer, denen der Bernstein oft beim Fischen zu Hand kam, kehrten sich nicht daran. Da ließ der Vogt jeden, der beim Sammeln ergriffen ward, ohne weiteres Urteil und Recht an dem nächsten Baume aufknüpfen, so dass viele jämmerlich ums Leben kamen. Für diese Tat hat aber Anselmus keine Ruhe im Grabe gehabt. Noch mehrere Jahrhunderte hernach hat man zu Zeiten seinen Geist am Strande umherwandeln gesehen, ausrufend: O um Gott, Bernstein frei! Bernstein frei!

Jm Jahre 1523 ereignete es sich, dass einige Strandbauern, denen der Hochmeister Albrecht das Salz, was sie sonst bekommen, vorenthielt, aus Roth etliche Stücke Bernstein aufsammelten und an Bürger in Fischhausen verkauften; die Sache wurde aber ruchbar und die Täter wurden hart bestraft. Seit der Zeit nahm die Menge des Bernsteins so ab, dass man kaum den tausendsten Teil so viel erhielt wie früher. Wohl sah man ihn noch in großer Menge am Ufer schwimmen, wenn man aber mit den Gezeugen hinankam, so war er entschwunden. Da meinten die Brüder: Gott habe ihnen die köstliche Gabe nicht ferner gegönnt.

47. Der Wagnicker Grund.

Der Bauer Baus Wag nicken war schon lange gestorben, als einst Holzschläger im nahe belegenden Grunde arbeiteten und sahen, wie er mit einem vierspännigen Mistwagen durch die unwegsamsten Stellen in sausender Karriere kutschierte. Sie erschraken heftig und liefen nach Hause, da ist er ihnen aber schon wieder von der entgegengesetzten Seite mit seinem Mistwagen in den Weg gekommen.

48. Die verstorbene Mutter.

Der vor etwa 40 Jahren verstorbene Wirt Sch. aus Heiligen Kreuz hatte das Unglück seine Frau früh zu verlieren. Die Kinder, die sie unendlich geliebt hatten, weinten und klagten über den Tod ihrer Mutter und waren nicht zu beruhigen. Auch der Mann war untröstlich und noch trüber stimmte es ihn, dass seine geliebte Frau gar keine Ruhe im Grabe fand. Sie erschien ihm sogar des Tages und sah ihn stets flehend an. »Was willst du?« fragte er sie einst mit beklommener Brust. »Was kann ich tun für deine Ruhe?« – »Strafe die Kinder!« entgegnete sie; »Ihr Weinen und Klagen lässt mir keine Rast in der stillen Erde!« Der Mann strafte die Kinder, dass sie ihren Gram unterdrückten, und die Tote erschien nicht wieder. Dass die Thronen der Zurückgebliebenen das Totenhemde der Verschiedenen befeuchten und ihnen daher keine Ruhe im Grabe lassen, ist ein höchst allgemeiner Glaube.

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