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Sagen des Preußischen Samlandes

Rudolf Friedrich Reusch: Sagen des Preußischen Samlandes - Kapitel 4
Quellenangabe
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typelegend
authorRudolf F. Reusch
titleSagen des Preußischen Samlandes
publisherVerlag der Hartung'schen Buchdruckerei
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volume
printrun
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year1863
firstpub1863
correctorreuters@abc.de
sendergebler.dresden@yahoo.de
created20100809
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II. Elemente, Bäume und Tiere.

26. Das Weihnachtswasser.

In der Weihnachtsnacht zwischen elf und zwölf Uhr ist alles Wasser Wem, aber wehe dem, der dieses Geheimnis entdeckt und ein Wort dabei spricht. Denn bei den Eltern der verstorbenen Frau V. hier in Königsberg diente ein sehr ordentliches Mädchen, welches am Weihnachtsabend die Stuben auswaschen sollte und mit der Arbeit noch bis gegen zwölf Uhr beschäftigt war. Um diese Zeit holt sie aus dem Brunnen frisches Wasser, trinkt zufällig einen Schluck davon, und trink t – Wein. »Miene! – ruft sie erstaunt zu dem neben ihr beschäftigten Dienstmädchen – Miene, dett Waater öss Wien!« In demselben Augenblicke aber erdröhnt eine Stimme: »Diene Ooge sönd mien!« und sie wurde von Stunde an blind.

27. Die Ebresche in Lochstädt.

Auf einer Mauer des früheren Ordenshauses Lochst ä d t steht ein dicker Ebreschenbaum, der früher silberne Beeren getragen hat, jetzt aber schon zu alt ist und keine Früchte mehr ansetzt.

28. Das Graspferdchcn.

In der Weihnacht können alle Tiere reden und das Pferd ist satt, das einzige Mal im Jahr. Das letztere hat, seinen begreiflichen Grund.

Als nämlich Gott der Herr noch auf Erden wandelte, kam er einst an einen breiten Fluss, durch den er nicht wohl waten konnte. Er sah sich um und erkannte, dass auf einem nahen Grasplatze ein Pferd und ein Rind weideten. Zuerst bat er das Pferd, ihn hinüber zu tragen, das aber antwortete, ohne nur aufzublicken: »Ich hab' nicht Zeit, ich muss fressen!« Nun wandte er sich an das Rind mit derselben Bitte und das hatte zwar auch zu fressen, war aber dennoch bereitwillig. Da befahl Gott: »Du Pferd hast keine Zeit, mir einen kleinen Dienst zu erweisen, weil du fressen musst; gut, du sollst ewig fressen und, soviel du auch frisst, nimmer satt werden!«

So blieb es, so ist es noch jetzt. Graspferdchen wird nimmer satt, sagt das Sprichwort. Nur am heiligen Abende, wo Gott die ganze Welt ihrer Bürde erledigte, wird auch das Pferd satt.

29. Der Gietvogel.

Dieser kleine Vogel, welcher immer längst der Erde hüpft und »giet, giet« schreit, hat sehr schöne gelbe Füßchen. Als vor grauen Jahren die Teiche gegraben wurden, sollte auch er den Morast ausräumen helfen, er hatte aber zu große Furcht, sich dabei die schönen gelben Füßchen zu besudeln und legte daher nicht mit Hand an. Da bestimmte Gott der Herr: er solle bis in alle Ewigkeiten aus keinem Teiche saufen.

Deshalb sieht man ihn immer nur aus hohlen Steinen oder Wagenspuren, wo sich Regenwasser angesammelt hat, kärglich nippen. Wenn nun aber lange kein Regen gefallen und trockene Zeit ist, dann leidet er natürlich Durst und man hört ununterbrochen sein ängstliches »giet, giet!« d. h. gieße, regne. Das ruft er zum lieben Gott und dem bleibt am Ende auch nichts weiter übrig, als den armen Schlucker wieder zu tränken.

30. Die Krähe.

Die Krähe dürstet und kann nicht trinken, denn sie ist verwünscht. Als nämlich die Vögel sich die Brunnen gruben, aus welchen sie trinken wollten, da hatte die Krähe keinen Gefallen an dem Werke, sondern wenn ein Wall rings um den Brunnen von den andern Vögeln aufgeworfen war, scharrte sie ihn mit ihren Füßen wieder zurück und hinderte so die Arbeit. Daher darf die Krähe kein Wasser trinken. Oft sieht man sie zwar über dem Wasser flattern, als ob sie trinken wollte, doch alsbald weicht sie wieder scheu zurück. Und so kommt es auch, dass die Krähe selbst in der nächsten Nachbarschaft eines Wassers verdurstet.

31. Wachtel und Schwalbe.

In den ersten Zeiten waren die Tiere anders verteilt, als jetzt; die Wachtel z. B. lebte in den Häusern der Menschen und die Schwalbe in den Feldern. Da sich jene aber das ewige Geschrei: töh toröck und mött Bedacht angewöhnte, und vie Menschen dadurch kopfscheu und lässig wurden, so versetzte sie der liebe Gott in die Felder und dagegen die Schwalbe in die Häuser. Diese rief den Bauern immer: Fitschel, Fitschel! zu, als ob die Peitsche hinterdrein wäre, und da ging Alles forsch weiter.

32. Gras- und Weizenwachtel.

Die Graswachtel war anfangs Weizenwachtel und die Weizenwachtel Graswachtel. Sie kamen überein zu tauschen, wofür die Graswachtel, welche sich bei dem Tausche verbesserte, eine Marke zuzugeben versprach. Nach dem Tausche aber verweigerte die jetzige Weizenwachtel die Marke und rief höhnend: »Stück vor Stück.« Die betrogene Graswachtel aber verlangte, was ihr zukam, und rief mahnend: »Mark! Mark!«

33. Der Kreuzschnabel.

Als unser Herr Christus gekreuzigt wurde, da hätten es die Vorfahren der Kreuzschnäbel gern gehindert. Sie flogen daher nach der Kreuzigung hinzu und suchten mit ihren Schnäbeln die Nägel aus den Wunden und aus dem Kreuze auszuziehen. Es gelang zwar nicht; aber sie hatten doch ihren guten Willen bewiesen und der liebe Gott belohnte sie dafür, indem er ihnen zur Erinnerung die sich kreuzenden Schnäbel samt dem Namen Kreuzschnabel gab.

34. Der Zaunkönig.

Die Tiere kamen überein, sich einen König zu wählen, und da ihre Auszeichnung, welche sie von allen Tieren unterscheidet, in den Flügeln besteht, so beschlossen sie, dass der König sein sollte, wer am schnellsten fliegen könne. Zum Ziele nahmen sie einen Zaun und flogen alle zu gleicher Zeit von weit her nach ihm aus. Der Adler dehnte seine weiten Schwingen und flog allen majestätisch voran, Niemand konnte ihn überfliegen und er hätte auch gewiss das Ziel zuerst erreicht, wenn sich nicht der Zaunkönig ihm ins Ohr gesetzt gehabt, und als der Adler fast am Ziele, aber von dem weitem Fluge schon ermüdet war, mit frischen Kräften hervorgeflogen wäre und sich zuerst auf den Zaun gesetzt hätte. Die Tiere waren ergrimmt, dass sie einen so kleinen König haben sollten, schalten ihn einen Betrüger und beschlossen einen zweiten Wettflug anzustellen; vorher aber suchten sie den nächsten hohlen Baum aus, sperrten den Zaunkönig dort hinein und setzten die Eule zum Wächter vor, weil sie zwei große Augen hat. Die Eule setzte sich bedachtsam vor den Baum und machte die Augen immer auf und zu, weil sie das Tageslicht nicht ertragen mag. Als nun die Vögel wieder wettflogen und der Adler dem Ziele wieder nahe war, passte der Zaunkönig den Augenblick ab, in welchem die Eule ihre Augen geschlossen hatte, flog aus dem hohlen Baume und war wieder der Erste auf dem Zaune. »Nun gut,« sagten die Tiere, »weil du zweimal der erste auf dem Zaune gewesen bist, so sollst du Zaunkönig, der Adler aber unser König sein!« Davon hat er seinen Namen.

35. Die Fledermaus.

Die Vögel führten einst mit den vierfüßigen Tieren Krieg. Die Fledermaus, welche jedenfalls der siegenden Partei angehören wollte, hielt sich immer zu derjenigen, welche sie im Vorteile sah. Unter den Vögeln gab sie sich für einen Vogel aus, unter den vierfüßigen Tieren für eine Maus. Nachdem aber der Friede geschlossen war, wurde man des Betrugs inne. Von beiden Parteien verurteilt, scheute sie es seitdem, sich bei Tage sehen zu lassen, und das ist der Grund, weshalb sie erst in der Dunkelheit ausfliegt.

86. Die Ameisen.

In früheren Zeiten mussten die Bauern auf ferne Güter scharwerken gehen. Sie pflegten dann Essen mitzunehmen und es, wenn die ersehnte Ruhestunde kam, auf dem grünen Rasen auszupacken, ohne erst ein Tischtuch unterzubreiten. Viele Brocken blieben natürlich zwischen den Gräsern liegen, und die Bauern hatten auch nicht Zeit, sie aufzulesen, weil ihre Arbeit sogleich wieder begann. Nun sind aber die Hämskers äußerst haushälterisch; kein Körnchen lassen sie liegen, sondern schleppen mit unermüdlicher Emsigkeit in ihren Bau. Das fahrlässige Thun der Bauern war ihnen daher längst ein Ärger gewesen und endlich beschlossen sie, allesamt in den Himmel zu kriechen, um die Unzucht dem lieben Gott zu klagen. Dieser aber entschied, dass die Bauern schon durch das Scharwerk genug gequält wären und sich nicht mit dem kleinlichen Brockensammeln noch mehr quälen dürften die Anklage der Hämskers also grundlos sei. Zugleich nahm er die unnützen Querulanten beim Wickel und warf sie aus dem Himmel. Sie fielen so hart auf die Erde, dass sie alle das Kreuz brachen und dies zerbrochene Kreuz ist auf ihre Kinder und Kindeskinder nachgeartet.

37. Der Schlangenkönig.

Der König der Schlangen ist äußerst groß und furchtbar, kein Mensch wagt sich ihm zu nahen, eine güldene Krone trägt er auf seinem Haupte. Bei Diwens (unweit Pobethen) sah ein Bauer seine Majestät ganz allein in einem ausgedörrten Fischhälter auf dem Grase ruhen. In der Gausupschlucht bei Georgswalde entdeckten ihn andere (z. B. der Vater des noch lebenden Einwohners L. aus Rauschen), als sich gerade eine Menge Schlangen um ihn versammelt hatten und ihre Ehrfurcht durch Reverenzen bezeugten. Er hatte damals zwölf Köpfe und auf jedem eine Krone.

Schon die gemeine Schlange bringt Glück; wer aber eine Schlangenkrone erlangen kann, von dem kann der Sieg nicht weichen. Das wusste schon der alte Fritz. Er bot seine Dragoner auf, wer ihm die Krone eines Schlangenkönigs besorgen wolle. Da meldeten sich viele Freiwillige und zogen mutig zum schweren Unternehmen aus. In der Haide trafen sie den Schlangenkönig, umringt von allen Schlangen besonders aber von den Schiefzschlangen, die sich aus den Schwanz stellen und dann plötzlich weit losfahren; das sind seine Leibwächter. Einer der Dragoner sprengte, ohne sich zu bedenken, mitten in die Untertanen und in die Leibwache, hieb ihrem König den Kopf ab, spicke ihn mit samt der Krone auf die Degenspitze und jagte mit seinen Kameraden wohlbehalten von dannen. Er brachte dem alten Fritz die erbeutete Krone, der alte Fritz trug sie immer bei sich und siegte; der arme Dragoner aber musste seinen Heldenmut mit dem Leben bezahlen. Denn als er sein Pferd abzäumte, schnellte eine Schießschlange, die sich unter den Schwanzriemen gesetzt hatte, hervor und biss ihm so ins Gesicht, dass er in drei Tagen den Tod überwand.

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