Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Rudolf Friedrich Reusch >

Sagen des Preußischen Samlandes

Rudolf Friedrich Reusch: Sagen des Preußischen Samlandes - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/reusch/sagsamla/sagsamla.xml
typelegend
authorRudolf F. Reusch
titleSagen des Preußischen Samlandes
publisherVerlag der Hartung'schen Buchdruckerei
series
volume
printrun
editor
year1863
firstpub1863
correctorreuters@abc.de
sendergebler.dresden@yahoo.de
created20100809
Schließen

Navigation:

I. Wichte und Elbe

1. Der Alf.

Der Vogel Alf bringt Reichtum, doch muss man ihn anzunehmen verstehen. Gewöhnlich trifft er den Dummen und zieht wieder ab. Er sieht wie ein grauer Habicht aus. Wenn er zieht, so gleicht er einem Sterne, der einen langen feurigen Besen hinter sich schleppt. In dieser Gestalt haben ihn einst Hirten gesehen. Er ist immer mannhoch über der Erde fortgeflogen und endlich auf einer entfernten Wiese niedergefallen; aus verkehrter Angst haben sie ihm aber nicht weiter nachgespürt.

Besonders günstig ist er einer längst verstorbenen Frau S. aus Po kalkst ein gewesen und hat sie steinreich gemacht; andere sagen, die Unterirdschen hätten ihr Geld zugetragen.

2. Der Alp.

Ein ganz anderes Wesen ist der Alp oder Mahr. Er hat nicht Vogelnatur, sondern ist gewöhnlich ein altes Weib, eine Hexe. Findet man die Kammhaare der Pferde morgens zerzaust und verknotet, so hat sie nachts der Mahr geritten. Bei den Menschen verursacht er das Magendrücken, indem er sich in Gestalt einer bleiernen Nähnadel auf das Zudeck legt.

1) Es wurde einst jemanden, den der Alp alle Nacht drückte, geraten sich eine Hechel auf den Magen zu legen, der Alp kehrte die Hechel aber um und drückte sie ihm mit den Spitzen in den Leib. Besser ist's, man greift die bleierne Nähnadel, biegt sie zusammen und steckt die Spitze durch das Öhr. Morgens wird man dann die alte Hexe vor dem Bette liegen finden, ebenso in einen Ring zusammengebogen. Ihr kann nicht mehr geholfen werden.

2) Die Weiber, welche einmal Alpe sind, haben eine wahre Wut auf das Geschäft. Ein Hausherr hatte z. B. bemerkt, dass sein Dienstmädchen alle Abende zum Fenster hinausstieg und die Nacht über fortblieb. Einst, als sie wieder entschlüpfen wollte, erwischte er sie. »Ach, hat sie da geseufzt »wie wird das nun werden? Ich bin ein Alp und muss alle Nacht drücken gehn!« Der Hausherr hat sie durch Schläge zu kurieren gesucht, es wird aber wohl nichts geholfen haben.

3) Ein Schlossergeselle aus Königsberg schlief einmal nachts in der Werkstube und wurde von dem Mahr entsetzlich gedrückt. Er behielt aber so viel Besinnung, dass er noch schnell um sich griff und etwas fest packte; dies ist ein gewöhnliches Mittel gegen Alpdrücken. Er hatte in der Angst einen Strohhalm erfasst, der sich in seinem Bette fand, und ihn hielt er nun mit aller Kraft, bis der Mahr nachgelassen hatte. Darauf stand er auf und, um den Strohhalm nicht los zu lassen, zwängte er denselben in seinen Schraubstock fest. Andern Tags stand ein nacktes Frauenzimmer statt des Strohhalms da und zwar war ihr kleiner Finger in den Schraubstock geklemmt.

4) Ein anderer Handwerksgeselle wurde jede Nacht von dem Mahr gedrückt. Als er jedoch zu einem andern Meister zog, blieb er eine Zeit lang verschont. Da hörte er in einer Nacht seinen Namen »Karl!« laut rufen. Er antwortete »Ja!« und gleich darauf begann ihn der Mahr aufs Neue zu drücken. – Wäre er still gewesen, so hätte ihn der Mahr nicht gefunden. Überhaupt muss man in der Nacht erst auf den dritten Ruf antworten.

3. Der Schusterplatz.

Wo sich der Fahrweg von Rauschen nach Schönwalde mit dem Kirchenwege von Warnicken nach St. Lorenz schneidet, ist eine freie Palwe, welche der Schusterplatz genannt wird. Auf ihm ist der Spuk nichts Seltenes. In früheren Zeiten saß dort stets ein Geist und schusterte. Auch neuerlich hat eine Frau gesehen, dass er in der Mittagshitze ganz nackt auf dem Rasen lag, mit den Füßen aber auf einen Strauchzaun umzech hinausschlug. Die Frau ist vor Angst davon gelaufen, hat aber wohl gemerkt, dass es nicht recht richtig damit sei.

Eine Klasse der irischen Elfen, Klaurikans, beschäftigen sich ausschließlich mit Schustern.

4. Der Ueberall.

1) Der Wirt R. hat nach Wispen. am s. g. Alten Teiche, welcher in der Warnicker Forst liegt, gegraben, auch einst eine weiße Schlange gefunden. Durch beides wurde er so reich, dass er sich das Gut Schönwalde kaufen konnte. Er war überall und wenn er in Rauschen einen Schnaps zuviel getrunken hatte, so durfte er nur bis auf den Schusterplatz getragen werden, dann war er in dem Seinen, dann war er los.

Derselbe Wirth R. verkleidete sich auch einst als der liebe Gott und lehnte sich steif an einen Baum, als die Bauerfrau Sch. gerade aus dem Forst Rinde zum Färben holen wollte. Sie erschrak natürlich heftig und blieb erstarrt stehen. R. befahl ihr ein bestimmtes geistliches Lied immerfort zu singen. Sie tat dieses noch ein oder zwei Jahre und starb dann.

Dem R. war aber der Tod auch nicht weit, denn sein wütendes Pferd, welches er zu reiten pflegte, warf ihn rücklings in den Mühlteich von Rauschen hinab, wo er ertrank.

2) Auch ein früherer Besitzer des Guts Georgswalde war überall und nirgends. Denn ein Rauschner Wirth hatte sich wohl gemerkt, dass derselbe in seinem Garten stand, und lief daher schnell in den Georgswalder Forst, um eine Birke zu stehlen. Kaum aber hatte er sie gefällt, als der alte Gutsherr in seinem roten Pelze, den er gewöhnlich zu tragen Pflegte, ihm stumm vorüberging und ihn scharf ansah. Der Wirth stand erst ganz versteinert, ließ dann Birke und alles im Stich und lief waldeinwärts.

5. Die Unterirdschchen.

Die Unterirdschchen wohnen in den Bergen, unter allen Steinen und Stubben, und unter dem Herde. Jm ganzen Samlande waren sie höchst verbreitet und haben in Rauschen, Pokalkstein, Alexwangen, Finken, Lapöhnen und besonders in den Georgswalder Uferbergen ihr Wesen noch zu Großvaters Zeiten getrieben. Jetzt sind sie aber schon längst teils von selbst fortgezogen, teils vertrieben.

Sie waren den Menschen hold und segneten sie auf jede Art und Weise. Wo sie waren, gedieh alles Prachtvoll, vorzüglich die Milchwirtschaft und Pferdezucht. Waren die Pferde recht rund und stark (wie z. B. in dem früheren Hause des verstorbenen Wirts G. aus Rauschen), so hatten sicher die Unterirdschen ihre Hand im Spiele, denn sie holten das schönste Futter auf weiten Wegen her, welche die Menschen nimmer ergründen konnten.

Sie verlangten aber auch wieder Gefälligkeit und Pflege von den Menschen, und waren sehr ergrimmt, wenn ihren kleinen Bitten nicht mit der gehörigen Sorgfalt nachgekommen ward. Sie zogen dann gleich fort und die unbesonnenen Wirte kamen in ihrem Hausstande zurück oder wurden gar noch von den Unterirdschen geneckt, die sich mit übermenschlicher Stärke zu rächen verstanden.

Nichts nahmen sie unbezahlt, sondern für jeden geleisteten Schutz, für jede Freundlichkeit ward eine Gabe gereicht. Unscheinbar waren ihre Geschenke und unbedeutend, ja abschreckend; wer sie aber mit Dank annahm und aufhob, der ward reichlich belohnt, denn nach einigen Tagen war alles zu Geld und Gold geworden.

Mit den Fischern standen sie im traulichsten Verkehr und kamen oft von ihnen Fische kaufen, und ebenso stiegen auch die Fischer ohne Furcht in die unterirdischen Paläste hinab, um ihren Fang zu verkaufen. Die Pracht und den Reichtum, den Umfang und die Geräumigkeit, die Ordnung und Lieblichkeit ihrer Wohnungen mögen fromme Dienstmädchen am besten zu sehen bekommen haben. Die Unterirdschen suchten sich mit ihnen besonders gut zu stellen, weil boshaftes Gesinde sie gar leicht in ihrem Besitztum unter dem Herde beunruhigen und unreinliche Sachen in ihre Gemächer und Töpfchen werfen konnte. Welches Mädchen sie liebevoll behandelte, das ward sogar zu ihren Hochzeiten oder Kindelbier gebeten, und bekam tüchtig zu tanzen; denn was war froher als ein Fest der Unterirdschchen! Mit reichen Geschenken und guten Lehren wurden die Gäste alsdann entlassen.

So segensvoll und tugendhaft die Unterirdschen aber auch immer waren, so hatten sie doch eine Neigung, welche in Untugend ausartete und die Strandbewohner oft mit ihnen entzweite. Sie waren nämlich höchst bemüht, ihre Art (ihr Geschlecht) größer zu ziehen, und taten daher nichts lieber als Menschenkinder stehlen oder mit den ihrigen vertauschen. Glücklicher Weise gelang ihnen solcher Streich fast nie, es kam immer heraus. Ihre Kinder waren daran nämlich sehr leicht zu erkennen, dass sie alle dicke Köpfe und, obwohl noch ganz jung, das Aussehn von Greisen hatten, den Menschen jedes Wort nachspotteten und doch sehr einfältig waren. Wenn nun die Bälge gemisshandelt wurden, so kamen die Unterirdschen und tauschten sie wieder zurück.

So viel von dem Wesen, Leben und Treiben der Unterirdschen Samlands im Allgemeinen!

6. Der Unterirdschchen Tanzplatz.

In dem früheren Rossgarten von Georgswalde, der aber schon längst aufgerissen und beackert ist, standen einst herrliche Eichen. An einer derselben wuchs nie Gras, es war vielmehr ein Kreis um sie, als hätte Jemand den Rasen rund herum recht absichtlich fortgestochen. Die Großväter haben erzählt, dass dort der Unterirdschchen Tanzplatz gewesen sei.

Auch um die große Eiche, welche früher auf den Rauschen gegenüberliegenden Bergen stand, jetzt aber niedergehauen ist, hat man die kleinen Leute oft herum tanzen gesehen.

Selbst bei Königsberg galt die große Eiche, welche auf der rechten Seite des Wegs nach dem Gute Maraunen vereinzelt stand, für einen derartigen Tanzplatz. Sie hieß deshalb die Geistereiche.

7. Das Schloss aus dem Haufen.

Ein Einwohner des Dorfes Gr. oder Kl. Kuren fuhr – es war gerade in der Neujahrsnacht – nach Germau. Als er sich dem kahlen Hausenberge näherte, sah er zu seinem nicht geringen Erstaunen ein prächtiges Schloss auf demselben stehen, das er doch noch nie bemerk hatte, so oft er jenes Wegs gereist war. Er stieg daher von seinem Wagen und den Berg hinauf. Die Pforten des Schlosses standen offen, er ging hinein und fand dort die Unterirdschen zu einem fröhlichen und schmucken Feste versammelt. Man lud ihn zum Essen, zum Trinken ein, man forderte ihn zum Tanzen auf; erschlug's nicht aus, sondern tat sich gütlich nach Behagen. Endlich aber dachte er doch wieder an sein Fuhrwerk und wollte sich empfehlen. »Ei, unbeschenkt sollst du doch nicht fortgehen!« riefen die freundlichen Wirte, »hier hast du einen ganzen Sack voll.« – Der Bauer dankte für die Güte und lud den Sack auf den Buckel und ging beglückt feiner Wege.

Als er indes den Sack auf den Wagen warf, fiel's ihm doch ein, nach dem Inhalte des Geschenks zu sehen, und ach, wie schnöde fühlte er sich verhöhnt, wie wütend fluchte er! In dem ganzen Sacke war nichts, gar nichts als ein Pferdeapfel neben dem andern. Der Sack selbst, der wohl brauchbar schien, war also das große Geschenk, und der Bauer nahm ihn mit, nachdem er die unreinliche Füllung ausgeschüttet hatte. Zu Hause angekommen fand er aber in den Ecken des Sackes, in denen noch einige Überreste des Dungs zurückgeblieben waren, blanke Goldstücke liegen, und da erkannte er die Wahrheit des alten Worts: Wer das Kleine nicht ehrt, ist des Großen nicht Werth!

Dass übrigens jedes Mal in der Neujahrsnacht aus dem Hausen sich ein stattliches Schloss erhebt, wissen viele Leute. Eine Frau aus German will indes behaupten, dass die Bewohner dieses Schlosses nicht Unterirdschen, sondern Leute sind, die halb schwarz, halb weiß aussehen.

8. Der Butzkeberg.

Zwei Hügel führen den Namen Butzkeberg und beide liegen bei Pobethen; der eine am Hohlwege, durch welchen die Straße nach Königsberg führt, ist aber besonders unheimlich und spukhaft.

Zu Großvaters Zeiten ging einst ein Bauer, der schon sein Glas im Kopf hatte, jenen Weg, als er lustige Musik hörte und sah, dass eine Menge Volks auf dem Butzkeberge tanzte und jubelte. Die fröhlichen Leute riefen ihm hinaufzukommen; auch er war fröhlich, er sah, wie so herrlich es oben zuging, und ließ sich nicht nötigen. Kaum war er oben, so übersiel ihn die ganze Gesellschaft und stopfte ihm alle Taschen voll Lindenblätter. Er, ärgerlich, riss sie heraus, jene stopften ihm neue ein, er riss sie wieder heraus, und so ging es lange Zeit, bis ihn die Unbekannten endlich in Ruhe ließen. Nun fing er an zu essen und zu trinken, zu tanzen und zu jubeln, dass er nichts besseres wünschen mochte, aber die Stunden waren bald vorbei, alles verschwand. Er sah sich nach diesem, er sah sich nach jenem um, alles fort. Der verblüffte Bauer stand ganz allein auf dem Grünen, ohne Musik, ohne Glas, ohne Tänzerin. Er ging nach Hause und schlief seinen Rausch aus.

Andern Tags besann er sich, dass ihm das Volk doch Lindenblätter eingestopft hatte, und wie er seiner Mutter die ganze Fröhlichkeit erzählte, suchte er in den Taschen herum. Ei, was klingerte und klapperte es drinnen; alles Gold, helle Dukaten! Da ärgerte er sich natürlich, dass er nicht alle Lindenblätter, die nur auf dem Butzkeberg waren, eingesteckt hätte, auch ging ihm ein lieblicher Nachschmack durch den Mund, wenn er an die herrlichen Speisen und Getränke dachte, die ihm geboten waren, und er sagte zu seiner Mutter: »So will ich doch heute einmal zum Frühstück hingehn.« Er fand aber nichts als den Butzkeberg, und so oft er auch später versuchte, immer nur den Butzkeberg und wieder den leeren Butzkeberg.

9. Die Unterirdschchen kaufen Fische.

Der Großvater des bejahrten Schiffer L. aus Rauschen ging einst mit andern Fischern auf Zehrtenfang zur See. Ihre Mühe war aber diesmal vergebens, sie fingen nur etwa zwei oder drei. Betrübt und hungrig machten sie sich bei (Klein oder Groß) Kuren am Strande ein Feuer, um die geringe Ausbeute zugleich zu braten und zu verzehren. Da traten zwei Unterirdschen zu ihnen und wollten Fische kaufen, denn sie hatten Kindelbier und brauchten solche höchst notwendig. Als sie erfuhren, dass heute der Fang nicht glücke, baten sie, doch nur noch einmal die Netze auszuwerfen, sicher werde ^es ein reicher Zug sein, und baten so lange und dringend, bis die mutlosen Fischer sich noch einmal an die Arbeit machten. Siehe, da zogen sie die Netze ganz mit Fischen angefüllt heraus.

Höchlich erfreut boten sie den Unterirdschen den ganzen Fang zum Aussuchen an. Diese packten sich etwa ein halb Scheffel auf und hießen die Fischer folgen und ihre Säcke mitnehmen. Sie gingen unter einen Stein und unter einen Stubben und sackten ihnen tüchtig ein, aber lauter Pferdemist. Die Fischer, welche nichts davon ahnten, bedankten sich gar sehr, aber gerieten in Wut, als sie wieder bei ihrem Feuer angelangt, die Bescherung fanden. Sie fluchten den schlechten Zahlern und leerten die Säcke am Strande aus. Andern Tags stand die Sache aber ganz anders, denn aller Mist, der noch in den Säcken sitzen geblieben, war pures Gold geworden.

Hui, wie rannten die Fischer, dass ihnen der Kopf brannte, an die Feuerstätte, um den übrigen Mist zu holen, die Unterirdschen hatten aber schon alles wieder bei Seite gebracht.

10. Der Unterirdschchen Schmengelöffel.

Den einstigen Müller H. in Finken machten die Unterirdschen wohlhabend. Seine Frau hatte immer den schönsten Schmand (Sahne), die beste Milch in Menge. Sobald gemelkt war, schmengten die Unterirdschen mit ihren silbernen Löffelchen die Morgenmilch ab, aber nie war's zu merken, dass sie etwas genommen hatten, sondern immer noch mehr geworden.

Einmal bekamen sie – doch wohl von ihrer Familie – Order zum Abzug und mussten so schnell fort, dass sie einen selten schönen und sehr großen silbernen Schmengelöffel in der Milch vergaßen.

11. Henderjettke is all doot!

Die Frau eines Gutsbesitzers bemerkte, dass ihre Vorräte an eingemachten Sachen von Tage zu Tage kleiner wurden, obwohl sie selbst dieselben gar nicht benutzte und Niemand außer ihr in den wohlverschlossenen Keller gelangen konnte. Trotz aller Wachsamkeit kam sie dem Entwender nicht auf die Spur, bis sie eines Tages, als sie in den Keller trat, ein kleines Männchen fand, welches eben im Begriffe war, von ihrem Eingemachten zu nehmen. Der Kleine ging sogleich auf sie zu und bat sie um Verzeihung, dass er sie beraube. »Ein Mitglied unserer Familie,« sagte er, »ist gefährlich krank und bedarf zu seiner Erfrischung hin und wieder der eingemachten Früchte. Deshalb habe ich sie genommen und wir werden nicht unterlassen, den Verlust auf das Reichlichste zu ersetzen.« Er lud sie ein, ihn zu der Kranken zu begleiten. Das lehnte sie aber ab, erlaubte ihm indessen, Eingemachtes zu nehmen. Während sie noch sprachen, erscholl plötzlich aus einer Ecke eine feine Stimme: Lat man stahne, lat man stahne, Henderjettke is all doot! Der Kleine war sogleich verschwunden; die Hausfrau aber hatte Gedeihen bei allem, was sie unternahm.

12. Die Unterirdschchen und Küchenmägde.

Jm Kirchspiel H. Kreuz diente einst ein frommes Mädchen als Köchin. Diese ward von den Unterirdschen demütig gebeten, doch ja nicht Wasser auf dem Herde umzugießen oder gar Spülig und kochend Wasser unter den Herd. Wenn sie folge – setzten die Kleinen hinzu – könne sie zur Belohnung das behalten, was sie jeden Morgen in ihrer Lade finden werde. Die Magd versprach's und hielt Wort. Gleich, des andern Morgens, als sie die Lade öffnete, fand sie obenauf eine kleine Kohle liegen. Sie lachte zwar über das närrische Geschenk, weil die Kohle aber gerade sehr schön und blank war, behielt sie sie im Kasten. Am folgenden Tage war die alte Kohle zu hartem Gelde geworden, und es lag wieder eine neue dabei. Das kluge Mädchen sprach nichts darüber, tat den Unterirdschen alles Gute und sammelte sich auf diese Art viel Geld, bis sie fortzog.

Die Unterirdschchen baten und boten der neuen Magd dasselbe. Das störrische Ding antwortete ihnen aber: »Ich werde euch allen die Köpfe umdrehen!« und goss recht absichtlich Spülwasser unter den Herd, um sie zu ärgern. Sie bekam aber auch keine Geschenke, vielmehr müssen die Unterirdschen bald abgezogen sein.

13. Ein Haar drin finden.

Bei dem frühern Krüger H. in Alerwan'gen, der schon sehr lange tot ist, hatten sich die Unterirdschen angewöhnt, ihre Töpfchen auf den Herd zu stellen und an seinem Feuer zu kochen. Die Knechte und Mägde machten sich aber den Spaß, ausgekämmte Haare ins Feuer zu werfen, und da der alte H. sehr viel Gesinde hielt, so konnten die Unterirdschen keinen Bissen hinunterschlucken, ohne ein Haar drin zu finden. Sie beschwerten sich bei ihm oft ob dieser Ungezogenheit und baten sie abzustellen, jedoch vergeblich. Endlich zogen sie ab, banden aber noch vorher die beiden besten Pferde des Krügers mit den Schweifen zusammen und hängten sie über einen Balken im Stalle so auf, dass von jeder Seite eines baumelte. Der Krüger mag ein gutes Erwachen gehabt haben!

14. Am seidenen Faden hängen.

Der Wirt K. aus Pobethen hat oft erzählt, dass eine Magd (vermutlich aus Eulenkrug, denn dort wohnte er früher) zu Unfälle gekommen und an der Zeit war. Da ward sie noch mit einer andern Magd auf das Feld graben geschickt. Als sie ihre Spaten anschien, sprang vor ihnen eine abscheuliche Kröte auf. Die andere Magd wollte die Kröte gleich mit dem Spaten entzweischlagen, das gute Mädchen aber hielt sie zurück und sagte: »Du hast ihr das Leben nicht gegeben, du sollst es ihr auch nicht nehmen!« Unterdes; war die Kröte verschwunden.

Als die gute Magd nun niederkommen sollte, erschienen drei Unterirdschen, brachten große und reiche Geschenke und trösteten sie, dass der liebe Gott alles zum guten Ende führen werde. Auch kamen sie zum zweiten Male dem jung gewordenen Kinde zu gratulieren, verhießen der Magd großen Verdienst, verlangten aber auch, dass sie alle Tage einen Pfennig zurücklegen sollen denn nicht lange so werde sie zu ihnen zu Paten gebeten werden und müsse denn doch ein Paten gescheut haben. Darauf empfahlen sie sich wieder und obwohl es der Magd wundersam vorkam, dass die überreichen Unterirdschen von ihr ein Patengeschenk verlangen sollten, so tat sie doch nach ihrem Befehle. Als sie auf diese Art einen Taler gesammelt hatte und gerade mit ihrem Liebsten darüber scherzte, zeigten sich die Unterirdschen zum dritten Male und luden nicht allein das Liebespaar, sondern auch die böse Magd zu sich ein. Die Dienstleute trauten sich zuerst nicht, die Ladung anzunehmen, dann aber folgten sie den Festbittern an einen großen Berg. In den Berg stiegen sie hinein. Da war natürlich alles voller Silber und Gold, in einem prächtigen Saale lag die Kindbetterin, die sie wohl empfing und' an eine herrlich besetzte Tafel nötigte. Als nun die böse Magd mitten in dem Reichtum saß und alle die Herrlichkeiten mit ihren Blicken überflog, sah sie von ungefähr in die Höhe und sah nichts mehr und nichts weniger – als einen schweren Mühlstein, der an einem einfachen seidenen Faden über ihrem Kopfe baumelte und in jedem Augenblicke sie zu erschlagen drohte. Das versteht sich, dass sie ganz blass ward, Gabel und Messer fortlegte und keinen Bissen mehr über die Lippen bringen konnte, aber sie erzählte es auch ihrer Mitmagd, und das Vergnügen hörte unter ihnen auf. Die Kindbetterin, welche wohl merkte, was die Menschen verstimme, hub zu ihnen an: »Seht, so hing mein Leben damals am seidenen Faden, als ich in Gestalt einer Kröte unter euern Spaten war; so wie ich aber damals durch Menschengutthat gerettet ward, so seid auch ihr jetzt gerettet, denn jener Faden wird nie reißen!« Auf diese Rede ward alles wieder froh und erst spät schieden die Dienstleute. An das verlangte Patengeschenk ward nicht weiter gedacht, vielmehr die gute Magd noch mit reichen Gaben überhäuft.

15. Uutgelohnt!

Die alte Frau S. aus Po kalk st ein hatte die Unterirdschen, denn sie war ungeheuer reich. Die noch lebende Wirtsfrau K. ans Rauschen, welche bei ihr früher gedient, hat auch einst durch das Schlüsselloch gesehen, wie sie die kleinen Leute fütterte. Essen nehmen sie gerne an, aber ihrer Kleidung muss niemand zu nahe treten.

Dem Wirth Z. aus Lapehnen tat es einst sehr leid, dass die armen Unterirdschen so schlechte Kleider hatten. Da sie ihm nun so viel Gutes erwiesen, hat er seine Frau, ihnen neue Röckchen hinzulegen. Die Unterirdschen nahmen zwar die neuen Anzüge, riefen aber dabei: »Uutgelohnt, uutgelohnt!« und zogen alle ab.

16. Die Unterirdschchen als Schmiede.

Ein Schmied war ganz verarmt. Er wusste selbst nicht, woran es lag, dass ihm alles misslang, die Arbeit nicht fortging und die Abnehmer schwanden. Aber er hörte täglich das Schreien seiner Kinder nach Brot, er sah täglich den Gram auf dem Gesichte seiner guten Frau und das ging ihm zu Herzen. Daher nahm er seine letzten Pfennige zusammen und lief noch abends spät nach einem Stückchen Eisen, um anderen Tags eine kleine Arbeit zu beginnen. Nachts ward es in seiner Werkstatt rege; das Feuer sprühte, die Bälge zischten, die Hämmer tönten. Schnell sprang er auf, und wie groß war sein Erstaunen er sah durch eine Spalte, wie eine Menge von Unterirdschen beschäftigt waren, sein Eisen zu verarbeiten. Er ließ sie ruhig walten und legte sich wieder zu Bett. Als der Tag graute, ging er leise in die Werkstatt und fand die niedlichsten Töpfchen, Pfännchen, Tellerchen, Dreifüßchen, Kesselchen fertig aufgestellt, – alles klein; denn es war wenig Eisen dagewesen, aber blank wie Sonnenschein. Nun machte er froh seinen Laden auf und stellte das Spielzeug aus. Da konnte niemand so schnell vorübereilen, dass er nicht etwas hätte mitnehmen sollen. Der Vorrat war nur allzuschnell vergriffen und mit vielen neuen Bestellungen schloss der Schmied seinen Laden, um dem Andrange zu entgehen. Das war ein Freudentag! Warmes Essen und sogar eine Kanne Bier! Der Schmied kaufte nun von dem Erlös zwei Stangen Eisen ein und legte sie schweigend in die Werkstatt. Die Frau Meisterin aber stellte auch eine große Schale Milchsuppe für die kleinen Wohltäter dabei; denn sie hatte gesehen, wie die vergossene Milch vom Tage vorher aufgetunkt und aufgeleckt war. Nachts horchte das Ehepaar an der Wand neugierig, was geschehen werde. Da kamen die Kleinen wieder an, rüstig zur Arbeit mit ihren Hämmerchen und legten los. Plötzlich bemerkte einer von ihnen das Essen; er sah den andern, dieser den dritten freundlich an; sie sielen über die Schale her und löffelten sie bis zur Nagelprobe aus. Dann reinigten sie sorgsam das Geschirr und machten sich von Neuem an die Arbeit. Des Morgens waren beide Eisenstangen zu den köstlichsten Sachen verschmiedet und alles war schon etwas größer. Holla! tönte es an den Laden. Aufgemacht, Herr Schmied! Kaum hatte er Zeit sich anzukleiden, als die Käufer schon eindrangen, die heutige Arbeit noch viel schöner als die gestrige fanden und ihm gegen teuren Preis alles unter den Händen fortrissen. So ging es Nacht für Nacht, Tag für Tag, und der Schmied wurde immer wohlhabender, kaufte immer mehr Eisen und tischte seinen Gehilfen immer besseres Essen auf. Eines Tages sagte er zu seiner Frau: »Wir sind jetzt reich geworden, Und das durch unsere kleinen Freunde. Sie selbst haben aber Röckchen an und Kappchen auf, dass sich Gott erbarmen möchte. Wir wollen ihnen neue schaffen.« Die Frau nähte flugs jedem ein schönes rotes Röckchen und feuerfarbiges Kappchen und legte es ihnen abends unter die Serviette. »Gut,« sprach der Hausherr, »sie sollen sich freuen.« Die Unterirdschen kamen zur gewohnten Stunde, setzten sich gleich zu Tische und steckten die Servietten vor. Aber wie verlegen wurden sie, als sie darunter die Bescherung entdeckten. »Uutgelohnt, uutgedeent !« riefen alle, schlüpften schnell in den neuen Staat und zogen ab, ohne selbst das bereitliegende Eisen noch zu verarbeiten. Der Schmied hatte zwar keinen kleinen Schreck darüber; er war aber in guten Ruf gekommen und arbeitete selbst da weiter, wo die Unterirdschen aufgehört hatten.

17. Der Wechselbalg.

In einer Mühle der Umgegend Rauschens wurde der Müllerfrau ein Kind jung. Des Nachts kamen die Unterirdschen mit einem ihrer Kinder angetrippelt, legten es in das Bette der Frau und gingen mit deren Kinde davon. Die Müllerfrau war fest eingeschlafen gewesen, in derselben Kammer lag aber auch ihr Bruder, der Müllergesell, und der schlief nicht, sondern sah das Treiben der Unterirdschen wohl mit an. Als des Morgens daher seine Schwester das Kind an die Brust legen wollte, wehrte er's ab und sprach: »Gib mir den Balg, ich will ihm den Kopf abschlagen!« Die Frau erschrak über die wundersame Rede heftig und entgegnete: »Was ficht dich an, ich werde doch nicht mein Kind umbringen lassen!« Der Bruder aber, welcher besser wusste, was zu tun sei, riss ihr das Kind fort und wollte es töten. Da die Unterirdschen sahen, dass es ihm Ernst um die Sache sei, brachten sie schnell das rechte Kind der Müllerin zurück und baten kläglich, das Ihrige zu verschonen. Sie erhielten es zurück.

18. Die Pobether Glocke.

Eine Kindbetterin in Pobethen lag sehr schlecht krank. Die Muhmen und Basen, welche sie Nacht für Nacht bewacht hatten, waren in Reih und Glied um ihr Bette herum eingeschlafen, nur sie allem wachte. Da schlichen sich die Unterirdschen ein und wollten ihr das Kind fortnehmen. Die schwache Frau rang mit ihnen .und schrie kläglich, bis endlich die Verwandten erwachten. Die Unterirdschen schlugen ein höhnisches Gelächter auf und zogen ab; verwünschten das Kind aber so, dass es bald, nachdem es in der heiligen Taufe die Namen Anna Susanne empfangen hatte, starb. Zufälliger Weise war die damalige Glocke auf dem Pobether Kirchturme auch Anna Susann« getauft worden. Als nun um den Tod des Kindes geläutet und die Glocke angezogen werden sollte, ging sie das erste Mal gar nicht, das zweite Mal noch weniger, und beim dritten Male hob sie sich aus dem Stuhle, fuhr durch das Schallloch, nahm noch ein tüchtig Stück Mauer mit und versank im nahen Mühlenteiche, indem sie klang:

»Anna Susanna kommt nimmer zu Land!« Sie wollte ohne ihre Namensschwester nicht mehr leben und lässt sich daher auch nicht auffischen, obwohl die Bauern die Stelle des Mühlenteichs, wo sie versunken ist, genau kennen.

Die verletzte Turmmauer ist zwar oft repariert, fällt aber immer wieder aus und noch ist die Stelle zu erkennen, an welcher die Glocke durchgefahren ist.

19. Ein Kind wehrt sich die Unterirdschchen ab.

Der längst verstorbene Wirt N. besaß das Gütchen des jetzigen Wirts W. in Rauschen. Als er noch ein kleiner, aber doch schon wehrhafter Junge war, ging einst alles Volk an die See Fische ziehen und ließ ihn mutterwind allein. Unterdes kamen eine Menge Unterirdschen und wollten ihn durchaus mit sich nehmen. Der Junge sträubte sich, schlug, biss und schrie, was er konnte; die Unterirdschen zupften ihn aber von allen Seiten, und hätten ihn gewiss mitbekommen, wenn nicht die Eltern noch früh genug zurückgekehrt wären. Sobald diese kamen, waren die Unterirdschchen fort.

20. Der Wolf verfolgt die Unterirdschchen.

Von Wölfen müssen die Unterirdschen wohl hart zu leiden gehabt haben. Denn als ein Mann aus Woiditten einigen Pferden nachritt, die sich verlaufen hatten, keuchte ihm ein Unterirdschen nach und bat flehentlich, es auf's Pferd zu nehmen, weil ihm ein Wolf nachsetze, und es nicht mehr zu laufen vermöge. Der Mann tat's gerne, ritt mit ihm eine Strecke und setzte es dann auf sein Bitten wieder ab. Nach herzlichem Dank sprach das Unterirdschen zu ihm: »Was du zunächst auf dem Wege finden wirst, das nimm ans und bewahr's, es soll dir gehören!« Der Bauer ritt fürder und fand bald einen Pferdefuß. Ihm schien solch Ding zwar wertlos, aber er nahm's sich mit für seinen Hund und schlengte es in die Peitsche. Als er jedoch nach Hause kam und bemerkte, dass der Pferdefuß ein großer Sack Geld geworden war, da behielt er ihn für sich selbst.

21. Die Seejungfer.

Der Einwohner L. aus Rauschen sah als Knabe von neun Jahren, wie sich eine schöne Dame bei Georgswalde badete. Sie hatte sich gleichsam mit einem Beine auf einen Stein, der in der See lag, nachlässig gesetzt, wipperte immer, und ließ sich von den Wellen beschlagen. Sie hatte krauses, zottiges Haar, gerade so wie ein schwarzer Pudel, und striegelte es unaufhörlich. L. rief einen Knecht, der unfern auf den Seebergen pflügte, hinzu. Auch dieser entsetzte sich über die Schönheit der Dame, besonders über ihre starken weißen Brüste, und rief ihr zu: »Willst uns was tun?« Da schrie das Weib laut auf, etwa: »Ui!« und stürzte sich kopfüber in die See, so dass ihr Fischschwanz hoch aufschlug.

Auch an dem Seegestade bei Warnicken hat man Seejungfern auf den großen Steinen, welche dort das Ufer in großen Massen bedecken und noch fern aus der See hervorragen, sitzen und sich die Haare striegeln gesehen. Ihre Erscheinung hat aber nichts Gutes zu bedeuten, denn das Fischerboot, von welchem sie gesehen werden, verunglückt in den nächsten drei Malen, dass es zur See geht.

22. Der Gausup.

Von der Brücke, welche unweit des Waldhäuschens auf dem Wege von Rauschen nach Georgswalde geschlagen ist, führt eine herrliche Schlucht bis an die See. Diese Schlucht wird der Gausup genannt und bietet unbedenklich größere Mannigfaltigkeit und Schönheit als die Warnicker dar, aber es hausen Poltergeister in ihr.

Der verstorbene Einwohner M. aus Rauschen ging mit seiner Frau in den Gausup, um seine Pferde dort zu hüten. Bald nahm er ein entferntes Geklatsche wahr, als wenn Jemand mit Waschschilden zusammenschlüge. Dieses Geräusch mochte zuerst an dem Anfange der Schlucht (dem Wege von Rauschen nach Georgswalde) begonnen haben, zog sich aber immer mehr nach der See zu. Man konnte durchaus nichts sehen, nur die Pferde müssen etwas gespürt haben, denn sie hoben die Köpfe, rissen die Nüstern gewaltig auf und schnarchten. Als das Geklatsche immer näher kam, duckte das Ehepaar in Todesangst unter das Gebüsch, und hörte, wie es in die See ging und dort plätscherte, als ob Enten mit den Flügeln im Wasser schlagen.

Dieses Wunder wiederholt sich oft und ist von vielen, besonders aber auch von dem Vater der verwitweten Schulz L. aus Rauschen wahrgenommen worden. Er ist dabei von zwei Pferden, einem großen und einem kleinen, verfolgt, die ihm immer auf den Hacken gewesen. Die beiden Tiere schrien dabei ganz absonderlich, zumal quickerte das kleine erbärmlich, bis sie endlich verschwanden. Da sie ihm bis auf den Sandweg nachgelaufen waren, ging er am andern Tage hin, um sich ihre Spuren zu besehen, fand aber nichts.

23. Das Wunschpferd.

1) Zur französischen Zeit, es mag 1807 gewesen sein, ging die noch lebende Witwe M. aus Rauschen mit dem jetzigen Wirte M. von ebenda, welcher damals schon ein hübscher Junge war, in den Gausup, weil ein starker Sturm wütete, und sie sehen wollte, ob etwa ein Schiff stranden werde. Von dem ewigen Hin- und Herlaufen ward der arme Junge herzlich müde und hatte keinen sehnlichern Wunsch, als irgendwo ein Pferd zu finden. Da sah er gerade vor sich eines weiden, und wollte, während die Frau vorauseilte, sich hinaufschwingen, kam aber bald im Karriere auf eigenen Füßen nachgerannt, denn das Pferd hatte keinen Kopf gehabt.

2) Der vor 6 Jahren verstorbene Wirth G. aus Lapehnen hatte eine kranke Frau daheim und wollte den andern Tag nach Königsberg zum Doktor, vorher aber noch bei seinem Schwiegervater in Waldhausen ansprechen. Als er sich zu Bette gelegt hatte, wurmte es ihn immer. Er hatte gar keine Ruh und Frieden, stand wieder auf und machte sich auf den Weg.« In Pobethen fand er schon ein Ächtchen brennen und meinte, dass es stark zum Tage gehen müsse. Sein Weg war aber noch sehr weit, und als er auf Goithenen zuging, wünschte er in seinem Sinn: »wenn du doch ein Pferd hättest, du wolltest ja nur bis Waldhausen reiten und es morgen wieder auf dieselbe Stelle zurückbringen.« Wie er das so dachte, stand ein Pferd vor ihm auf der Weide, durch welche der Fußsteig führte. Er setzte sich gleich einen Zaun zusammen und stieg auf. Das Pferd ging auch ganz gut und er bog dem Teiche vorbei, indem er einen Richtweg durch den Forst einschlagen wollte. Als er aber in den Wald Km, sing das Pferd sichtbar unter ihm zu wachsen an. Er kam immer weiter von der Erde ab und die Zweige der höchsten Bäume, welche früher weit über ihm gestanden hatten, streiften ihm am Kopfe vorbei. In Todesangst griff er nach den Ästen, um sich herabzuziehn, aber das Pferd jagte so gewaltig, dass sie ihm schon längst vorbei waren, wenn er sie erfassen wollte. Zu halten war das Pferd auch nicht, und so fasste er sich kurz und warf sich herab. Da war's, als wenn der Wald voller Vögel wäre, so sang es, so klang es, klingerte und klapperte, sprang und tat sich's. Das Pferd aber jagte in das Dickicht und es sauste, brauste und schnaufte, als es dahin fuhr. Ermattet schlich der Bauer nach Waldhausen und fand dort alles noch in tiefem Schlafe.

Diese Geschichte hat der G. oft erzählt und dabei bedauert, dass er nicht Bast zum Zaume gehabt oder nicht wenigstens Kreuzknoten hineingeknüpft habe, denn beides lässt die Pferde nicht entlaufen.

3) Ein anderer Bauer hatte auch wirklich einmal ein solches Pferd mit Bast aufgezäumt und es viele Jahre behalten, als er aber einst feine Pferde in der Jürge (Warnickensche Forst) hütete, musste er einem entsprungenen Füllen nacheilen und unter dieser Zeit hatten die Hirtenjungen dem Pferde den Bastzaum gelöst, worauf es fortgelaufen war.

4) Ganz etwas Ähnliches als dem G. ist einem gewissen K. aus Dirschkeim begegnet. Auch er wünschte sich ein Pferd, fand es, schwang sich hinauf, das Pferd vergrößerte sich aber im Walde bei Katzkeim dermaßen, dass er sich an den vorbeistreifenden Baumästen herabhob.

5) Ein Bauer aus Hubnicken wünschte sich ebenfalls ein Pferd, fand es auch sogleich, musste es aber laufen lassen, weil es sich unter ihm vergrößerte. Er dachte indes bei sich: »Wenn ich es doch nur ein Mal noch finden möchte!« und ging mit dem Gedanken des anderen Tages auf dieselbe Stelle. Das Pferd stand wieder da; schnell legte er ihm einen Bastzaum um und es musste mit ihm mit. Er spannte es ganz allein vor die größten Wagen, es zog sie im Sausen fort. Er gab ihm Heu: es fraß nichts, auch nicht einmal Brod. So diente es ihm acht Tage, dann aber war es verschwunden und hat sich auch, so sehr er es sich wieder wünschte, nicht ferner von ihm betreffen lassen.

6) Ein Bauer aus Gr. Kuhren hatte in Königsberg exerziert und kam zur Heimat zurück. Bei Ladtkeim wünschte er sich ein Pferd zum Reiten. Bald fand er eines, sah ihm zwar gleich an, dass es mit ihm nicht richtig sei, griff ihm aber doch mit beiden Händen um den Hals und wollte sich hinausschwingen. Er war ein ungeheuer großer und starker Mann, der auch unter dem alten Fritz tüchtig mitgewurzelt hatte, und konnte sich auf seinen Arm verlassen, das Pferd warf ihn aber so weit und hart ab, dass er ganz betäubt auf die Erde fiel und sich lange nicht erholen konnte.

24. Piekerts Bruch.

Der Erlenbruch, welcher unmittelbar bei Sassau anhebt und durch welchen der Weg von dort nach Rauschen führt, heißt nach dem Besitzer Piekertsbruch. Nachts ist dort oft ein schwarzer, großer Bull (Stier) von den Hirten gesehen worden, der schnaufend hin und her setzte, hohl brüllte, grimmig stampfte, scharrte und mit den Hörnern wühlte, überhaupt gewaltig arbeitete, aber sonst nichts Übles tat.

25. Der Scheffelkops.

Et gaff var Tieden önn Kengsbarg eenem Gaist Scheepelkopp. De hadd Ooge wie Senfschöttle onn Tähne wie Ledderspraate, onn satt ömmer önn oole Hüser oppe Lucht under de Ookle. Käm nu eener rop, onn de Kobold fach opp Cent mütt sienem groote Kopp under't Schurmur veer, denn war goot to gruuse. Averscht hei deed nuscht, man de kleene Kinder lewd he to buschre, vatt se önnt Bedd' ginge.

Daher sagt man noch jetzt zu einem Kinde, das nicht ruhig schlafen will: Wacht, de Scheepelkopp kömmt!

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.