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Sagen des klassischen Altertums

Gustav Schwab: Sagen des klassischen Altertums - Kapitel 98
Quellenangabe
typelegend
booktitleSagen des klassischen Altertums
authorGustav Schwab
year1982
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31827-5
titleSagen des klassischen Altertums
pages3-972
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1838
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Der Raub der Helena

Wir wissen, daß, als König Priamos noch ein zarter Knabe war, seine Schwester Hesione von Herakles, der den Laomedon getötet und Troja erobert hatte, als Siegesbeute fortgeschleppt und seinem Freunde Telamon geschenkt worden war. Obgleich dieser Held sie zu seiner Gemahlin erhoben und zur Fürstin von Salamis gemacht, so hatte doch Priamos und sein Haus diesen Raub nicht verschmerzt. Als nun an dem Königshofe einmal wieder die Rede von dieser Entführung war und Priamos seine große Sehnsucht nach der fernen Schwester zu erkennen gab, da stand in dem Rate seiner Söhne Alexander oder Paris auf und erklärte, wenn man ihn mit einer Flotte nach Griechenland schicken wollte, so gedenke er mit der Götter Hilfe des Vaters Schwester den Feinden mit Gewalt zu entreißen und mit Sieg und Ruhm gekrönt nach Hause zurückzukehren. Seine Hoffnung stützte sich auf die Gunst der Göttin Aphrodite, und er erzählte deswegen dem Vater und den Brüdern, was ihm bei seinen Herden begegnet war. Priamos selbst zweifelte jetzt nicht länger, daß sein Sohn Alexander den besondern Schutz der Himmlischen erhalten werde, und auch Deïphobos sprach die gute Zuversicht aus, daß, wenn sein Bruder mit einer stattlichen Kriegsrüstung erschiene, die Griechen Genugtuung geben und Hesione ihm ausliefern würden. Nun aber war unter den vielen Söhnen des Priamos auch ein Seher, namens Helenos. Dieser brach plötzlich in weissagende Worte aus und versicherte, wenn sein Bruder Paris ein Weib aus Griechenland mitbringe, so würden die Griechen nach Troja kommen, die Stadt schleifen, den Priamos und alle seine Söhne niedermachen. Diese Wahrsagung brachte Zwiespalt in den Rat. Troilos, der jüngste Sohn des Priamos, ein tatenlustiger Jüngling, wollte von den Prophezeiungen seines Bruders nichts hören, schalt seine Furchtsamkeit und riet, sich durch seine Drohungen nicht vom Kriege abschrecken zu lassen. Andere zeigten sich bedenklicher. Priamos aber trat auf die Seite seines Sohnes Paris, denn ihn verlangte sehnlich nach der Schwester.

Nun wurde von dem König eine Volksversammlung berufen, in welcher Priamos den Trojanern vortrug, wie er schon früher unter Antenors Anführung eine Gesandtschaft nach Griechenland geschickt, Genugtuung für den Raub der Schwester und diese selbst zurückverlangt hätte. Damals sei Antenor mit Schmach abgewiesen worden, jetzt aber gedenke er, wenn es dem versammelten Volke so gefalle, seinen eigenen Sohn Paris mit einer ansehnlichen Kriegsmacht auszusenden und das mit Gewalt zu erzwingen, was Güte nicht zuwege gebracht. Zur Unterstützung dieses Vorschlags erhub sich Antenor, schilderte mit Unwillen, was er selbst als friedlicher Gesandter Schmähliches in Griechenland geduldet hatte, und beschrieb das Volk der Griechen als trotzig im Frieden und verzagt im Kriege. Seine Worte feuerten das Volk an, daß es sich mit lautem Zurufe für den Krieg erklärte. Aber der weise König Priamos wollte die Sache nicht leichtsinnig beschlossen wissen und forderte jeden auf zu sprechen, der ein Bedenken in dieser Angelegenheit auf dem Herzen hätte. Da stand Panthoos, einer der Ältesten Trojas, in der Versammlung auf und erzählte, was sein Vater Othrys, von der Götter Orakel belehrt, ihm selbst in jungen Jahren anvertraut hatte. Wenn je einmal ein Königssohn aus Laomedons Geschlechte eine Gemahlin aus Griechenland ins Haus führen würde, so stehe den Trojanern das äußerste Verderben bevor. »Darum«, schloß er seine Rede, »lasset uns von dem trügerischen Kriegsruhm nicht verführt werden, Freunde; lasset uns das Leben lieber in Frieden und Ruhe dahinbringen als auf das Spiel der Schlachten setzen und zuletzt mitsamt der Freiheit verlieren.« Aber das Volk murrte über diesen Vorschlag und rief seinem Könige Priamos zu, den furchtsamen Worten eines alten Mannes kein Gehör zu schenken und zu tun, was er im Herzen doch schon beschlossen hätte.

Da ließ Priamos Schiffe rüsten, die auf dem Berge Ida gezimmert worden, und sandte seinen Sohn Hektor ins Phrygerland, Paris und Deïphobos aber ins benachbarte Päonien, um verbündete Völker zu sammeln; auch Trojas waffenfähige Männer schickten sich zum Kriege an, und so kam bald ein gewaltiges Heer zusammen. Der König stellte dasselbe unter den Befehl seines Sohnes Paris und gab ihm den Bruder Deïphobos, den Sohn des Panthoos, Polydamas, und den Fürsten Äneas an die Seite; die mächtige Ausrüstung ging in die See und steuerte der griechischen Insel Kythere zu, wo sie zuerst zu landen gedachten. Unterwegs begegnete die Flotte dem Schiffe des griechischen Völkerfürsten und spartanischen Königes Menelaos, der auf einer Fahrt nach Pylos zu dem weisen Fürsten Nestor begriffen war. Dieser staunte, als er den prächtigen Schiffszug erblickte, und auch die Trojaner betrachteten neugierig das schöne griechische Fahrzeug, das festlich ausgeschmückt einen der ersten Fürsten Griechenlands zu tragen schien. Aber beide Teile kannten einander nicht; jeder besann sich, wohin wohl der andere fahren möge, und so flogen sie auf den Wellen aneinander vorüber. Die trojanische Flotte kam glücklich auf der Insel Kythere an. Von dort wollte sich Paris nach Sparta begeben und mit den Zeussöhnen Kastor und Pollux in Unterhandlung treten, um seine Vatersschwester Hesione in Empfang zu nehmen. Würden die griechischen Helden sie ihm verweigern, so hatte er von seinem Vater den Befehl, mit der Kriegsflotte nach Salamis zu segeln und die Fürstin mit Gewalt zu entführen.

Ehe jedoch Paris diese Gesandtschaftsreise nach Sparta antrat, wollte er in einem der Aphrodite und Artemis gemeinschaftlich geweihten Tempel zuvor ein Opfer darbringen. Inzwischen hatten die Bewohner der Insel die Erscheinung der prächtigen Flotte nach Sparta gemeldet, wo in der Abwesenheit ihres Gemahls Menelaos die Fürstin Helena allein hofhielt. Diese, eine Tochter des Zeus und der Leda und die Schwester des Kastor und Pollux, war die schönste Frau ihrer ganzen Zeit und als zartes Mädchen schon von Theseus entführt, aber von ihren Brüdern ihm wieder entrissen worden. Als sie, zur Jungfrau aufgeblüht, bei ihrem Stiefvater Tyndareos, König zu Sparta, heranwuchs, zog ihre Schönheit ein ganzes Heer Freier herbei, und der König fürchtete, wenn er einen von ihnen zum Eidam wählte, sich alle anderen zu Feinden zu machen. Da gab ihm Odysseus von Ithaka, der kluge griechische Held, den Rat, alle Freier durch einen Eid zu verpflichten, daß sie dem erkorenen Bräutigam gegen jeden andern, der den König um dieser Heirat seiner Tochter willen anfeinden würde, mit den Waffen in der Hand beistehen wollten. Als Tyndareos dies vernommen, ließ er die Freier den Eid schwören, und nun wählte er selbst Menelaos, den Argiverfürsten, den Sohn des Atreus, Bruder Agamemnons, gab ihm die Tochter zur Gemahlin und überließ ihm sein Königreich Sparta. Helena gebar ihrem Gemahl eine Tochter, Hermione, die noch in der Wiege lag, als Paris nach Griechenland kam.

Als nun die schöne Fürstin Helena, die in ihrem Palaste während des Gemahls Abwesenheit freudlose Tage ohne Abwechslung verlebte, von der Ankunft der herrlichen Ausrüstung eines fremden Königssohnes auf der Insel Kythere Kunde erhielt, wandelte sie eine weibliche Neugierde an, den Fremdling und sein kriegerisches Gefolge zu schauen, und um dies Verlangen befriedigen zu können, veranstaltete auch sie ein feierliches Opfer im Artemistempel auf Kythere. Sie betrat das Heiligtum in dem Augenblicke, als Paris sein Opfer vollbracht hatte. Wie dieser die eintretende Fürstin gewahr ward, sanken ihm die zum Gebet erhobenen Hände, und er verlor sich in Staunen, denn er meinte, die Göttin Aphrodite selbst wieder zu erblicken, wie sie ihm in seinem Hirtengehöfte erschienen war. Der Ruf ihrer Schönheit hatte sich zwar längst Bahn zu ihm gemacht, und Paris war begierig gewesen, ihrer Reize in Sparta ansichtig zu werden. Doch hatte er gemeint, das Weib, das ihm die Göttin der Liebe verheißen hatte, müsse viel schöner sein, als die Beschreibung von Helena lautete. Auch dachte er bei der Schönen, die ihm versprochen war, an eine Jungfrau und nicht an die Gattin eines anderen. Jetzt aber, wo er die Fürstin von Sparta vor Augen sah und ihre Schönheit mit der Schönheit der Liebesgöttin selbst wetteiferte, ward ihm plötzlich klar, daß nur dieses Weib es sein könne, das ihm Aphrodite zum Lohne für sein Urteil zugesagt hatte. Der Auftrag seines Vaters, der ganze Zweck der Ausrüstung und Reise schwand in diesem Augenblick aus seinem Geiste; er schien sich mit seinen Tausenden Bewaffneter nur dazu ausgesendet, Helena zu erobern. Während er so in ihre Schönheit versunken stand, betrachtete auch die Fürstin Helena den schönen asiatischen Königssohn mit dem langen Haarwuchs, in Gold und Purpur mit orientalischer Pracht gekleidet, mit nicht unterdrücktem Wohlgefallen; das Bild ihres Gemahls erbleichte in ihrem Geiste, und an seine Stelle trat die reizende Gestalt des jugendlichen Fremdlings.

Indessen kehrte Helena nach Sparta in ihren Königspalast zurück, suchte das Bild des schönen Jünglings aus ihrem Herzen zu verdrängen und wünschte ihren noch immer auf Pylos verweilenden Gatten Menelaos zurück. Statt seiner erschien Paris selbst mit seinem erlesenen Volk in Sparta und bahnte sich mit seiner Botschaft den Weg in des Königes Halle, obgleich dieser abwesend war. Die Gemahlin des Fürsten Menelaos empfing ihn mit der Gastfreundschaft, welche sie dem Fremden, und mit der Auszeichnung, welche sie dem Königssohne schuldig war. Da betörte seine Saitenkunst, sein einschmeichelndes Gespräch und die heftige Glut seiner Liebe das unbewachte Herz der Königin. Als Paris ihre Treue wanken sah, vergaß er den Auftrag seines Vaters und Volkes, und nur das trügerische Versprechen der Liebesgöttin stand vor seiner Seele. Er versammelte seine Getreuen, die bewaffnet mit ihm nach Sparta gekommen waren, und verführte sie durch Aussicht auf reiche Beute, in den Frevel zu willigen, welchen er mit ihrer Hilfe auszuführen gedachte. Dann stürmte er den Palast, bemächtigte sich der Schätze des griechischen Fürsten und entführte die schöne Helena, die widerstrebend und doch nicht ganz wider Willen nach der Insel und seiner Flotte folgte.

Als er mit seiner reizenden Beute auf der See durch das Ägäische Meer schwamm, überfiel die eilenden Fahrzeuge eine plötzliche Windstille: vor dem Königsschiffe, das den Räuber mit der Fürstin trug, teilte sich die Woge und der uralte Meeresgott Nereus hub sein schilfbekränztes Haupt mit den triefenden Haar- und Bartlocken aus der Flut empor und rief dem Schiffe, welches wie mit Nägeln in das Wasser geheftet schien, das wiederum selber einem ehernen Walle glich, der sich um die Rippen des Fahrzeugs aufgeworfen hatte, seine fluchende Wahrsagung zu: »Unglücksvögel flattern deiner Fahrt voran, verwünschter Räuber! Die Griechen werden kommen mit Heeresmacht, verschworen, deinen Frevelbund und das alte Reich des Priamos zu zerreißen! Wehe mir, wieviel Rosse, wieviel Männer erblicke ich! Wie viele Leichen verursachst du dem dardanischen Volke! Schon rüstet Pallas ihren Helm, ihren Schild und ihre Wut! Jahrelang dauert der blutige Kampf, und den Untergang deiner Stadt hält nur der Zorn eines Helden auf. Aber wenn die Zahl der Jahre voll ist, wird griechischer Feuerbrand die Häuser Trojas fressen!«

So prophezeite der Greis und tauchte wieder in die Flut. Mit Entsetzen hatte Paris zugehört; als aber der Fahrwind wieder lustig blies, vergaß er bald im Arm der geraubten Fürstin der Weissagung und legte mit seiner ganzen Flotte vor der Insel Kranaë vor Anker, wo die treulose und leichtsinnige Gattin des Menelaos ihm jetzt freiwillig ihre Hand reichte und das feierliche Beilager gehalten wurde. Da vergaßen beide Heimat und Vaterland und zehrten von den mitgebrachten Schätzen lange Zeit in Herrlichkeit und Freuden. Jahre vergingen, bis sie nach Troja aufbrachen.

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